Buecherschmaus

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    Cover des Buches Die Marschallin (ISBN: 9783406754821)

    Bewertung zu "Die Marschallin" von Zora del Buono

    Die Marschallin
    Buecherschmausvor 11 Tagen
    Ein europäisches Leben

    Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

    Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) - je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig.

    Die Familie von Zora Ostan kommt vergleichsweise gut durch diesen Krieg. Vater Cesaro, der in Bovec eine Herberge und ein Fuhrunternehmen betreibt, besitzt auch noch ein Haus in Ljubiljana, wo die Familie weit ab von der Front bequem unterkommen kann. Auch alle vier Brüder von Zora überleben den Krieg unverletzt. Viel dramatischer für die Familie war damals die Zeit, als die Mutter Marija auf und davon lief und erst nach Monaten mit dem Kind eines anderen im Bauch nach Hause zurückkehrte. Der Vorfall wurde aber verdrängt, dem „Kuckuckskind“ Boris folge noch der kleine Nino.

    Gegen Ende des Krieges lernt Zora den italienischen Sanitätsoffizier Pietro del Buono kennen und geht mit ihm nach Bari. Dort wird Pietro zu einem der führenden Radiologen Italiens, gründet eine renommierte Klinik. Zora lässt sich ein herrschaftliches Haus bauen (man merkt an der Detailfülle bei dessen Beschreibung, dass die Autorin Architektin ist), bekommt drei Söhne und wird mit ihrem Mann zum Mittelpunkt eines kommunistischen Kreises. Antonio Gramsci und Josip Broz Tito gehören zum Bekanntenkreis.

    Dieses in der Familie praktizierte selbstverständliche Nebeneinander von großbürgerlicher Lebensart, wo man rauschende Feste gibt und die Dienstmädchen herumscheucht und gleichzeitig leidenschaftlich kommunistischen Idealen anhängt, ist einigermaßen erstaunlich.

    Der erste Teil des Romans wird fast dokumentarisch und chronologisch aus unterschiedlichen personalen Perspektiven erzählt. Er enthält eine Fülle an Personen, die zu Beginn in einem Personenverzeichnis vorgestellt werden. Da ist der liebenswürdige Patriarch Giuseppe, ehemaliger Bürgermeister auf der Verbannungsinsel Ustica; der homosexuelle Bruder Ljubko; die nach Israel emigrierte Ärztin Emmi Bloch, eine Bekannte aus Pietros Berliner Studienjahren und viele mehr. Ein klein wenig schwierig ist es schon, all ihren Lebenswegen zu folgen. Dazu kommen noch die drei Söhne Zoras, der zurückhaltende Davide, der pfiffige Greco und der fröhliche Manfredi, der schließlich der Vater der Autorin werden sollte.

    Die klare Sprache und Struktur dieses ersten, auch an Themen, Schauplätzen und Begebenheiten reichen Romans machen es aber nicht allzu schwer, sich zu orientieren. Die Erzählung der Familiengeschichte reicht bis ins Jahr 1948. Hier erfolgt ein Bruch und ein Sprung ins Jahr 1980.

    Es ist nun die greise Zora Del Buono, die Marschallin, die zu Wort kommt. Und mit ihr ändert sich auch der Ton des Erzählten. Der Rückblick der alten Dame ist bitter und desillusioniert, manchmal auch wütend. Sie lebt schwer zuckerkrank in einem Seniorenheim in Nova Gorica. Sie ist zurückgekehrt nach Slowenien, an den Isonzo. Ihr Mann Pietro lebt in einer ähnlichen Einrichtung noch in Bari und ist hochgradig dement. Viele der Figuren sind bereits nicht mehr am Leben, es gab eine traurige Häufung von Unglücksfällen. Ihre Geschichten sind zum Teil in kurzen Meldungen, verbunden mit dem Ausgangspunkt, was sie jeweils am 24. Juli 1948 taten, in den Erinnerungs- und Erzählfluss der Marschallin eingebettet. Der 24. Juli, den Zora als Ursprung all der schrecklichen Dinge, die ihrer Familie nachfolgend widerfuhren, ansah. Der Tag, an dem eine eigentlich politisch motivierte Tat, für die sie sich mitverantwortlich fühlt, schrecklich aus dem Ruder lief und zu einem Mord führte. Eine Schuld, für die sie den Rest ihres Lebens glaubt, büßen zu müssen.

    Dieser letzte Teil wirft noch einmal ein etwas anderes Licht auf die faszinierende Familiengeschichte. 

     

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    Cover des Buches Im Herzen des Goldenen Dreiecks (ISBN: 9783716040225)

    Bewertung zu "Im Herzen des Goldenen Dreiecks" von Petina Gappah

    Im Herzen des Goldenen Dreiecks
    Buecherschmausvor 17 Tagen
    Erzählungen aus Simbawe

    Im vergangenen Jahr gehörte der neue Roman von Petina Gappah, Aus der Dunkelheit strahlendes Licht, der von Tod und Überführung des Afrikaforsches David Livingston erzählte, zu meinen Lese-Highlights, jetzt veröffentlicht der Arche Verlag den Erstling der Autorin von 2009, den Erzählungsband Im Herzen des Goldenen Dreiecks.

    In dreizehn Geschichten erzählt Petina Gappah von ihrem Heimatland Simbawe, von den enormen Gegensätzen die dort herrschen, der Korruption, der Bereicherung durch die Eliten, der diktatorischen Herrschaft Robert Mugabes, der das Land bis zu seiner Absetzung 2017 mehr als dreißig Jahre beherrschte. Nach der Unabhängigkeit des ehemaligen Rhodesien als Musterstaat für die postkoloniale Entwicklung geltend, führten Regierung und Eliten es zunehmend in den Ruin. 2009, als die Geschichten entstanden, betrug die Arbeitslosenquote unvorstellbare 95%, es herrschte Hyperflation mit einer Geldentwertung von ebenfalls unfassbaren 3.000.000%.

    Petina Gappah erzählt in ihren Geschichten aus ganz unterschiedlichen Schichten, von der Frau eines Elitebeamten bis zu den Bewohnern der ärmsten Townships kommen die unterschiedlichsten Menschen zu Wort. Die Stories erzählen von Armut und unfassbarem Reichtum, vom Wüten von AIDS und dem offiziellen Totschweigen, von einer weitverbreiteten Misogynie, von Machotum und Gewalt, die sich wie immer gegen die Schwächsten der Gesellschaft richtet, die Kinder, die Frauen, die Behinderten.

    Petina Gappah schaut mit Wut auf diese Dinge, aber auch mit Witz und Sarkasmus, außerdem mit großer Zuneigung gegenüber den Menschen, die unter diesen Bedingungen leben müssen. Und so stellt sie ein Zitat der amerikanischen Dichterin Jane Hirshfield voran, in dem es heißt:

    „Widerstandskraft weckt in mir immer 

                mehr Bewunderung.

    Nicht die schlichte Widerständigkeit eines 

                Kissens, dessen Füllung

    stets zur ursprünglichen Form zurückfindet, 

    sondern die geschmeidige

    Zähigkeit eines Baums: Wird ihm plötzlich

                das Licht verstellt, auf einer Seite,

                wendet er sich einer anderen zu. Eine

    blinde Einsicht, gewiss.“

     

    Es sind vor allem die Frauen, die diese Widerstandsfähigkeit an den Tag legen, die Familien und letztlich die Gesellschaft zusammenhalten, während die Männer ihre Geliebten in „kleinen Häusern“ aushalten und um ihre Männlichkeit besorgt sind. So ist auch der hochdekorierte Militär, dem in der Eröffnungsgeschichte ein Staatsbegräbnis zuteilwird, in keiner Weise für das Vaterland gestorben, wie seine Witwe sarkastisch erzählt, sondern an der „Seuche“, die im Land grassiert, auch weil die Männer ihre Triebe nicht im Griff haben.

    Die eine geistig beeinträchtigte junge Frau schwängern und nach der Geburt verrecken lassen, die unbequeme Frauen in die Psychiatrie abschieben, ein Hausmädchen mit falschen Eheversprechen verführen und sie dadurch in den Selbstmord treiben oder ihre Braut wissentlich mit AIDS infizieren. Nur sehr wenige Männerfiguren kommen in den Geschichten besser weg. Aber auch von den im Luxus lebenden, ihre ärmeren Geschlechtsgenossinnen missachtenden Frauen, erzählen die Geschichten. Es ist erstaunlich, dass die Stories bei all den geschilderten Missständen und der Wut der Autorin darüber dennoch eine gewisse Leichtigkeit und Heiterkeit besitzen. Die oben zitierte „Widerständigkeit“ der Menschen Simbawes, der Petina Gappahs Sympathie gilt.

    Ein lesenswertes Buch, auch wenn es einige Jahre auf dem Buckel hat. Die Zustände haben sich leider nicht sehr verbessert. Einzig der sehr häufige Gebrauch von Shona- oder Ndebele-Begriffen, ja ganzen Sätzen in diesen afrikanischen Sprachen, stören den Erzählfluss in meinen Augen. Der Arche Verlag verzichtet dabei zudem auf ein Glossar, so dass man gezwungen ist, diese doch sehr zahlreichen Passagen zu überlesen. Das gelingt aufgrund der Güte der Erzählungen. Ich kann dieses von vielen englischschreibenden Autoren aus Afrika und Asien verwendete Stilmittel nicht wirklich verstehen, da es die Leser*innen, an die die Bücher adressiert sind, doch ein Stück weit ausschließt. Ein vollständiges, erklärendes Glossar sollte es den veröffentlichenden Verlagen aber zumindest wert sein.

     

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    Cover des Buches Ein Wochenende (ISBN: 9783036958255)

    Bewertung zu "Ein Wochenende" von Charlotte Wood

    Ein Wochenende
    Buecherschmausvor 17 Tagen
    Alte Freundschaft rostet nicht?

    Jude, Wendy und Adele – drei Frauen weit in den Siebzigern, Freundinnen seit gefühlt ewig – treffen sich, um wie seit Jahrzehnten ein sonnendurchflutetes, heißes australisches Weihnachten am Meer zu verbringen. Doch Charlotte Wood lässt die alten Damen kein gemütliches Fest feiern, sie treffen sich in Ein Wochenende, um das Strandhaus ihrer kürzlich verstorbenen Freundin Sylvie, Vierte im Bunde, auszuräumen, damit es von deren Tochter verkauft werden kann. Erinnerungen werden wach und die Beziehungen untereinander neu ausgelotet.

    Sylvie war der heimliche Mittelpunkt der Freundesgruppe, diejenige, die die so unterschiedlichen Frauen immer wieder zusammenbrachte. Ihr Ferienhaus an der Central Coast zwischen Sidney und Newcastle war der Ort, an dem sich die Freundinnen meistens trafen. Nun wird sie schmerzlich vermisst.

    Zum einen von Jude. Die erfolgreiche, kühle und zupackende Restaurantchefin kristallisiert sich bald als Führungspersönlichkeit heraus. Mit einem strategischen Plan geht sie an die Entrümpelung des Hauses und schaut teils liebevoll-nachsichtig, meistens aber entnervt auf ihre viel weniger gut organisierten Freundinnen. Adele zum Beispiel, die ehemalige Schauspielerin, deren Stern schon lange gesunken ist, die aber immer noch von einem Comeback träumt, ihren Körper und ihr Aussehen sehr in Schuss hält und extrem auf ihre Außenwirkung bedacht ist. Ihre Probleme, wie die ständigen Geldsorgen und neuerdings die faktische Obdachlosigkeit nachdem ihre langjährige Lebenspartnerin sie gerade vor die Tür gesetzt hat, verschweigt sie. Und verdrängt das Ganze auch vor sich selbst.

    Und dann ist da noch Wendy, die Feministin, die Wissenschaftlerin, Verfasserin recht erfolgreicher Bücher zur Gendertheorie, zwar finanziell abgesichert, nicht zuletzt durch das Erbe ihres vor einiger Zeit verstorbenen Mannes, bdie aber ihr Leben irgendwie nicht so ganz auf die Reihe bekommt. Dass ihr geliebter Hund Finn mittlerweile dement und inkontinent ist, macht die Sache nicht einfacher. Finn ist sozusagen die vierte Hauptfigur, die Charlotte Wood in Ein Wochenende auftreten lässt. Zu Judes großem Missvergnügen hat Wendy ihren Hund mir dabei.

    Wie die drei Frauen nun das Ausräumen des Hauses in Angriff nehmen, entspricht ihren so ganz unterschiedlichen Charakteren: Jude macht das organisiert, gründlich und effektiv, Wendy wurstelt sich so durch einen völlig verlotterten Waschkeller und Adele, die wie immer als Letzte kam und der doch wie jedes Jahr das schöne Balkonzimmer zugesprochen wurde, trödelt vor Sylvies Kleiderschrank herum. Das ist sehr amüsant und unterhaltsam zu lesen. Auch wenn die drei Frauen bewusst unterschiedliche Typen verkörpern, wirkt das Ganze nicht allzu konstruiert.

    Wer nun aber, wie auch das sommerlich-leichte Cover vermuten lässt, einen heiteren, seichten, vielleicht sogar trivialen Roman erwartet, wird glücklicherweise eines Besseren belehrt. Auch wenn es stets witzig, nicht zuletzt durch Finns Auftreten sogar manchmal gar slapstickartig bleibt, entwickelt das Buch eine wunderbare Tiefe.

    Es geht um Freundschaft, die Menschen, die uns der Zufall begegnen lässt. Was bewirkt, dass wir uns zu manchen hingezogen fühlen? Und warum zerbrechen manche Freundschaften schnell und andere halten ein ganzes Leben? So wie die Freundschaft von Jude, Wendy, Adele und Sylvie. Charlotte Wood romantisiert die Freundschaft aber nicht. Es kommt zu jeder Menge Reibereien. Die Beziehung der Freundinnen ist von Konkurrenzdenken, Geheimnissen, Neid und Ressentiments geprägt. Aber dennoch ist da immer auch Akzeptanz und Liebe. Das Wesen der Freundschaft als Rätsel.

    Gnadenlos ehrlich geht Charlotte Wood auch mit dem zweiten Leitthema von Ein Wochenende um, dem Altwerden. Finn hat es da am heftigsten getroffen, aber auch bei den Damen melden sich die einen oder anderen Zipperlein. Adele betrauert ihre schwindende Attraktivität, Wendy macht der Tod ihres Mannes und die angespannte Beziehung zu ihren Kindern zu schaffen und Judes selbstbewusste, resolute Art kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie unter der schon jahrzehntelang andauernden, aber ungeklärten Affäre mit dem verheirateten Daniel leidet. Und die alternden Körper wollen auch nicht mehr so wie früher. Von Ferne winkt der Tod.

    Auf das Strandhaus und die unmittelbare Umgebung beschränkt gleicht das Buch mit seinem wenigen Personal einem Kammerspiel. Es ist niemals sentimental, aber sehr warmherzig, so melancholisch wie amüsant, witzig und tiefsinnig. Eine gelungene Überraschung, die weder Cover noch Klappentext erwarten ließen.

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    Cover des Buches Der Garten meiner Mutter (ISBN: 9783630876320)

    Bewertung zu "Der Garten meiner Mutter" von Anuradha Roy

    Der Garten meiner Mutter
    Buecherschmausvor 17 Tagen
    Im Garten der Mutter

    „All the lieves we never lived“ – der Originaltitel des neuen Romans der Autorin Anuradha Roy Der Garten meiner Mutter – trifft es mal wieder viel genauer. Es geht in dem poetischen, bildstarken Text um die vielen ungelebten Leben, die Möglichkeiten und Abzweigungen, die zu Beginn offenstehen, das Gelingen und das Scheitern, um Einsamkeit und Sehnsucht.

    1992, im fiktiven Städtchen Muntazir in Nordindien. Zu Beginn erhält der Erzähler, der 64 jährige Myshkin Chand Rozario, einen dicken Luftpostumschlag aus Kanada. Er stammt aus dem Nachlass einer alten Freundin seiner Mutter. Da Myshkin ahnt, dass darin Erinnerungsstücke an sie enthalten sind, zögert er lange mit dem Öffnen. Denn die Erinnerung an seine Mutter ist schmerzvoll, da sie die Familie verließ, als ihr Sohn gerade einmal neun Jahre alt war. Dennoch kehren die Erinnerungen machtvoll zurück.

    „In meiner Kindheit war ich als er Junge bekannt, dessen Mutter mit einem Engländer durchgebrannt war. Der Mann war eigentlich Deutscher, aber in einer indischen Kleinstadt galten in jenen Tagen alle weißen Ausländer im Allgemeinen als Briten.“

    Und auch mit dem „Durchbrennen“ seiner Mutter hat es sich anders verhalten, wie der Erzähler, als er sich endlich entschließt, den Umschlag, der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter enthält, zu öffnen, erfährt.

    Aber zunächst gehen seine Erinnerungen zurück in seine Kindheit und in die Geschichte seiner Familie. Deren „Stammvater“ Chai Rand kam über den Holzhandel zu viel Geld. Zusammen mit Frederick Wilson, der wie andere im Roman eine reale Person war, verkaufte er mächtige Himmalayazedern gerade in dem Moment, als die Briten zum Ausbau der Eisenbahn in ihrer Kolonie Holz ohne Ende benötigten. 1857 zog sich der Urgroßvater aus diesem Geschäft zurück und gründete eine lukrative Möbelschreinerei. Deren Stammhaus, das er nach seiner anglo-indischen Frau Lucille „Rozario & Sons nannte, wurde später zur Praxis seines Sohnes, der die Medizin zum Leidwesen des Vaters dem Holzhandel vorzog.

    Myshkin wurde von diesem Großvater, seinem Dada, nach dem gleichnamigen Fürsten aus Dostojewskis „Idiot“ benannt, weil er als Kind häufig an Fieberkrämpfen litt. Nach dem Weggang der Mutter wurde Bhavani Chand, genannt Batty, zur wichtigsten Bezugsperson für den kleinen verlassenen Jungen. Der Vater, ein Collegeprofessor, war eher unnachgiebig, politisch stark in der indischen Unabhängigkeitsbewegung engagiert und verschlossen in seinem Kummer, von seiner Frau verlassen worden zu sein.

    Die Mutter Gayatri ist natürlich der eigentliche Mittelpunkt des Romans. Liebling des Vaters, von diesem in jeder Hinsicht gefördert und schon als junges Mädchen auf ausgedehnte Reisen mitgenommen, lernt sie auf einer davon 1927 auf Bali den Maler und Musiker Walter Spies aus Deutschland kennen, der sie mit seinem kreativ-freiheitlichen Lebensstil fasziniert und sie dazu inspiriert, selbst Malerin zu werden. Berühmte Künstler, wie Charlie Chaplin, gingen bei ihm ein und aus. Auch er ist eine historische Person. Seit 1923 lebte Spies in Indonesien, zunächst auf Java, dann auf Bali, wo er während des Zweiten Weltkriegs als feindlicher Ausländer in Niederländisch-Indien interniert war. Seine Reise nach Indien mit der englischen Tänzerin und Orientalistin Beryl de Zoete, bei der er Gayatri wiedertraf, ist fiktiv.

    So ist Der Garten der Mutter von Anuradha Roy neben dem Erinnerungsbuch Myshkins auch eine Historical fiction, die das Leben von Walter Spies, den Unabhängigkeitskampf der Inder gegen die britische Kolonialmacht und die Vorgänge während des Zweiten Weltkriegs in Südasien thematisiert. Wir lesen viel über Leben und Kultur, über Musik und Kunst und über die Landschaften Indiens und Indonesiens. Das Buch ist auch reich an literarischen Anspielungen. So wird in Auszügen die Liebesgeschichte von Maitreyi Devi mit dem rumänischen Philosophen Mircea Eliade zitiert, von der auf Deutsch nur dessen Fassung „Das Mädchen Maitreyi“ vorliegt, auf die diese antwortete. Maitreyi Devi wurde wiederum vom bengalischen Dichter Rabindranath Tagore gefördert, der im Buch auch eine Rolle spielt.

    Über die hinterlassenen Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Gayatri erfahren wir aber vor allem auch vom Kampf einer jungen, lebenshungrigen und begabten jungen Frau um Freiheit, Selbstbestimmung und künstlerische Selbstfindung, den sie nach der erzwungenen Heirat mit dem eigentlich liberalen Nek Chand doch immer wieder führen musste.

    Das Buch bleibt aber hier nicht stehen, sondern beleuchtet sensibel und empathisch die Folgen, die der Ausbruch Gayatris für die Zurückgebliebenen bedeutete. Für ihren kleinen Sohn Myshkin, für den Ehemann, den Schwiegervater, die Freundin. Aber natürlich auch für sie selbst. Dabei macht der Erzähler Myshkin kein Geheimnis daraus, dass seine Erinnerungen durchaus auch trügerisch sein können, zudem Briefe als Quelle auch nicht wirklich zuverlässig sind.

    „Erzählen wir die Geschichte eines Lebens und ganz besonders die des eigenen, können wir nicht so tun, als hätte sich alles tatsächlich so zugetragen. Unsere Erinnerungen sind Bilder, Gefühle und flüchtige Blicke, manchmal nur in umrissen. Zeit verfestigt sich und löst sich auf. Wir haben keine genauen Erinnerungen daran, wie lange etwas dauert: ein paar Tage, Wochen, einen Monat? Ganze Zeitspannen sind ohne jeden Inhalt, während andere im Nachhinein bedeutsam werden.“

    Der Garten der Mutter von Anuradha Roy ist ein melancholisches, elegisches Buch geworden, was natürlich auch mit dem Erzähler, dem alleinstehenden, älter gewordenen Eigenbrötler Myshkin zu tun hat. Es scheint, dass er nach dem frühen Verlassenwerden niemals wieder Vertrauen in echte Bindungen setzen konnte, als staatlicher Gartenbauingenieur schaut er auf etliche gelungene Projekte zurück, letztendlich ist aber nur die Beziehung zur Halbschwester Ila von Dauer.

    Das Ende ist hoffnungsvoll. Myshkin, der wieder in seinem Elternhaus lebt, zusammen mit Ila, malt den Garten seiner Mutter und bricht auf, auf ihren Spuren, Richtung Bali.

    „Hatte sie bemerkt, dass das Schiff, während es sich seinen Pfad durch Schaum und Wellen schnitt, ständig seufzte?, hatte der große dichter meine Mutter auf ihrer ersten großen Reise nach Bali gefragt. Klang dieses nie endende Seufzen nicht so, als umspülten die Wasser des Ozeans die Erde mit Tränen der Trauer?

    Ich hörte das ungläubige, unhöfliche Jungmädchenlachen meiner mutter in meinen Ohren. Trauer was das Letzte, woran ein Mädchen dachte, das eine neue Welt bejubelte, eine Welt, die es malen wollte, jeden Teil von ihr. Ich wünschte mir, dass das Seufzen des Ozeans für sie auf all ihren Passagen seine Bedeutung nicht geändert hatte.“

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    Cover des Buches Was wir voneinander wissen (ISBN: 9783462051728)

    Bewertung zu "Was wir voneinander wissen" von Jessie Greengrass

    Was wir voneinander wissen
    Buecherschmausvor einem Monat
    Einblicke

    Eine junge Frau ist zum zweiten Mal schwanger. Und während sie die zunehmende Entfernung von ihrer kleinen Erstgeborenen durch deren Größerwerden zugleich bestaunt und betrauert, erinnert sie sich an Zeiten der Erschütterung. Damals, als sie sich die Frage stellen musste: Will ich überhaupt ein Kind? Kann ich die Verantwortung für es übernehmen, kann ich es so lieben, wie eine Mutter ihr Kind lieben muss? Oder damals, als ihre Mutter starb, sie gerade mal Anfang Zwanzig war. Zeiten, in denen die Ich-Erzählerin in Was wir voneinander wissen von Jessie Greengrass nach Antworten suchte, nach Erkenntnis, nach Zusammenhängen.

    Vor ihrer ersten Schwangerschaft: Die Ich-Erzählerin ringt mit sich, aber nicht, weil sie denkt, dass ein Kind ihr Leben umkrempeln, ihre Freiheit beschneiden würde. Diese Fragen stellt sie sich nicht. Sie zaudert, weil sie sich nicht vorstellen kann, eine ausreichend gute Mutter zu sein.

    Diese Gedanken kommen sicher auch von den problematischen Beziehungen, die einerseits sie zu ihrer Mutter und andererseits diese zur Großmutter hatten. Beide zogen ihrer Töchter, Einzelkinder, ohne Vater groß. Die leicht exzentrische, kühle Großmutter führte eine Psychoanalysepraxis in London-Hampstead. Schon als kleines Kind analysierte sie ihre Tochter und deren Träume, bis diese sich nicht mehr zu träumen getraute. Kritisch-distanziert blieb das Verhältnis der Beiden zeitlebens. 

    Auch der Mutter der Erzählerin gelang es nicht, eine warme, herzliche Verbindung zu ihrer Tochter aufzubauen. Erst als sie an Krebs erkrankte und bis zu ihrem Tod von der damals 21jährigen gepflegt wurde, entstand so etwas wie Wärme zwischen ihnen. Die Ich-Erzählerin erinnert sich an diese Zeit und auch an eigene Versäumnisse, wie froh sie war, der Kranken und dem Londoner Vorort, in dem diese wohnte, immer wieder zu entkommen. Die Abschnitte, die vom Sterben der Mutter handeln, sind äußerst intensiv, ehrlich und ganz ohne Pathos geschrieben.

    Nach dem Tod der Mutter verkroch sich die Ich-Erzählerin immer wieder in der Bibliothek der Wellcome Collection in London, las sich durch wissenschaftliche Werke, besuchte die medizinischen Sammlungen. Sie war auf der Suche nach Erkenntnis, nach einem Muster, etwas, das ihrem Leben wieder Struktur und Zusammenhang geben konnte. Dabei stieß sie auf Menschen, die in der Vergangenheit auf die eine oder andere Art und Weise Einblick in das Leben suchten und fanden. Sight ist auch der Originaltitel des Buchs.

    Das konnten die Brüder Lumière sein, die 1895 den Cinématographe einführten und damit Augenblicke festhielten, oder Wilhelm Conrad Röntgen, der zur gleichen Zeit die Röntgenstrahlen entdeckte und damit Körper durchleuchten konnte. Oder der schottische Anatom und Mediziner John Hunter, der im 18. Jahrhundert eine Sammlung menschlicher Präparate anlegte und so einen Blick in den Körper ermöglichte. Oder der Maler und Kupferstecher Jan van Rymsdyk, der diese Präparate abbildete und verewigte.

    Der Verknüpfung der Gedanken und des Ringens der Ich-Erzählerin mit diesen historischen Personen und ihren Leistungen ist nicht immer zwingend. Für mich bestand eher wenig nachvollziehbare Verbindung. In seiner abschweifenden, mäandernden Erzählweise ist das Buch stark essayistisch und erinnert mich sehr an die Bücher von Rachel Cusk oder auch an das noch stärker fragmentarische Unrast von Olga Tokarczuk. 

    Am dichtesten und überzeugendsten gelingt die Gegenüberstellung mit dem Verhältnis von Sigmund Freud zu seiner Tochter Anna. Vielleicht, weil die Großmutter, Dr.K., auch Psychoanalytikerin war. 

    Ich bin den nachdenklichen, sprachlich sehr feinen Ausführungen der 1982 geborenen studierten Philosophin Jessie Grenngrass in Was wir voneinander wissen sehr gern gefolgt. Sie sind klug, bereichernd und brillant formuliert. Sie enden mit der Geburt des zweiten Kindes. Einen Roman würde ich das Buch allerdings nicht nennen. 

     

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    Cover des Buches Geheime Quellen (ISBN: 9783257070996)

    Bewertung zu "Geheime Quellen" von Donna Leon

    Geheime Quellen
    Buecherschmausvor einem Monat
    Heißer Sommer in Venedig

    Seit 1992 liefert Donna Leon pünktlich jedes Jahr einen neuen Roman mit ihrem charismatischen venezianischen Commissario Guido Brunetti. Und auch wenn die Autorin der Lagunenstadt seit Jahren schon der Rücken gekehrt hat und in der Schweiz lebt, weiß sie doch immer noch deren ganz besondere Atmosphäre einzufangen. In seinem 29. Fall schickt Donna Leon Brunetti durch ein von Touristen überfülltes, brütend heißes, sommerliches Venedig auf der Suche nach „Geheime Quellen“.

    Wie oft bei Donna Leon ist am Anfang gar nicht klar, ob es überhaupt  ein Verbrechen gibt. Während Vize-Questore Patta wieder einmal nur um den Ruf der venezianischen Polizei, genauer gesagt um seinen eigenen Ruf bemüht ist, der durch das überaus effiziente Handeln zweier jugendlicher Taschendiebinnen gefährdet ist – sogar die Frau des Bürgermeisters wurde zu ihrem Opfer -, erreicht Brunetti ein Anruf aus dem Hospiz des Ospedale Fatebenefratelli.

    Die nicht einmal vierzig Jahre alte Benedetta Toso, Mutter von zwei Töchtern, liegt dort im Sterben und hat den Wunsch geäußert, dringend mit der Polizei sprechen zu wollen. Brunetti fährt mit seiner Kollegin Claudia Griffoni zu ihr und erfährt, dass ihr Mann vor zwei Wochen tödlich mit dem Motorrad verunglückt ist. Die völlig entkräftete Frau spricht von „schlechtem Geld“ und von „Ergebnissen“, die er genommen habe, dass „sie“ ihn getötet haben.

    Auch wenn nichts für ein Fremdverschulden spricht, sogar Hinweise auf einen möglichen Selbstmord auftauchen, erkundigen sich Brunetti, Griffoni und Ispettore Vianello im Umfeld des Mannes. Vittorio Fadalto war im Labor einer Trinkwasserfirma beschäftigt und dort für die Kontrolle und Wartung von Sensoren für die Wasserqualität zuständig. „Trace elements“, Spurenelemente, so der Originaltitel.

    Wie immer geht es bei Donna Leon in ihrem routiniert gebauten Krimi weniger um den Kriminalfall selbst, als um die Gesellschaft, in der er stattfindet. Der Fall wird gelöst, aber die wahren Verbrechen liegen anderswo. Es sind die unsauberen Geschäfte, die Geltungs- und Geldgier der Menschen, ihr rücksichtsloser Umgang mit der Umwelt, die Korruption, die die Gesellschaft aushöhlen.

    Wie immer ist es auch die Stadt Venedig, die im Mittelpunkt des Romans steht. Ihre morbide Schönheit, ihre alte, zerbröckelnde Würde, die tagtäglich Horden von Touristen überrollen. Das liest sich im Coronajahr tatsächlich ein wenig anders als zuvor. Und ich habe gelesen, dass Donna Leon den Nachfolger von Geheime Quellen tatsächlich daraufhin umgeschrieben hat, quasi auf „den neuesten Stand gebracht“.

    Im aktuellen Fall quält sich Commissario Brunetti über den glühenden Riva degli Schiavoni und die von Menschen verstopften Brücken und leidet in den entweder un- oder aber überklimatisierten Büros der Questura. Die Leserin freut sich mit ihm über die kalte Dusche, das leckere Essen mit Paola auf der idyllischen Dachterrasse und seine Lektüre in den Werken der alten Griechen. Auch wenn die Kinder Chiara und Raffi diesmal ausgeflogen scheinen – alles wie immer. Und das ist das Schöne an den Brunetti-Büchern. Über all die Jahre und die sich rasend beschleunigende Welt bieten sie eine Konstante, ohne dabei trivial oder geistlos zu sein. Donna Leon bezieht in ihnen stets Stellung – für die Umwelt, für die Menschen in Venedig, gegen Korruption, Gier und rücksichtslosen Tourismus.

    Ich freue mich schon heute darauf, im nächsten Mai pünktlich wieder mit Donna Leon nach Venedig reisen zu können. Und hoffentlich bald darauf auch wieder "in echt".

     

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    Cover des Buches Wo ich mich finde (ISBN: 9783498001100)

    Bewertung zu "Wo ich mich finde" von Jhumpa Lahiri

    Wo ich mich finde
    Buecherschmausvor einem Monat
    Selbstfindung

    „Dove mi trovo“, Wo ich mich finde, betitelt die 1967 geborene Jhumpa Lahiri, Tochter bengalischer Eltern, in London und Rhode Island aufgewachsen, ihren ersten auf Italienisch geschriebenen Roman. Bereits 2015 erzählte sie in ihrem Essay „In altre parole“, wie sie sich in die italienische Sprache verliebte und wie diese ihr Schreiben beeinflusst. Seit 2011 lebt die Autorin mit Mann und zwei Kindern in Rom.

    Nun wählt Jhumpa Lahiri für Wo ich mich finde eine Italienerin Mitte 40 als Erzählerin. Die bis zum Ende Namenlose hat die Großstadt, die nicht näher charakterisiert oder benannt wird, aber durchaus Rom sein könnte, nach eigenem Bekunden noch nie für längere Zeit verlassen. Fest verwurzelt scheint sie zu sein, im Gegensatz zu den Protagonisten in Lahiris früheren Erzählungen und Romanen, denen immer eine gewisse Heimatlosigkeit, der Verlust der Wurzeln eigen war. So wie Lahiris eigener Familie.

    Die Verwurzelung der Protagonistin täuscht allerdings. Auch sie ist vom Fremdsein geplagt. Wenn nicht in ihrem Land, in ihrer Stadt, so doch in ihrem eigenen Ich.

    „„Richtungslos, verloren, konfus, durcheinander, orientierungslos, verwirrt, verstört, entwurzelt, nutzlos, verschreckt. In diesen verwandten Begriffen finde ich mich wieder, das ist mein Wohnsitz, er besteht aus den Wörtern, die für mich die Welt bedeuten.“

    Die Einzelgängerin lebt allein, unterrichtet an der Universität, hat immer wieder den einen oder anderen Liebhaber, fühlt sich sehr zum Mann ihrer Freundin hingezogen. Sie ist attraktiv, anziehend, hat eine alte Mutter im Seniorenheim und zahlreiche Freunde. Dennoch bleibt sie auch in der Begegnung mit diesen seltsam distanziert, passiv, still und genau beobachtend. Vielleicht liegt es daran, wie sie einmal bemerkt:

    „Ich mochte mich selbst nicht.“

    Woran dies liegen mag, kann die Leserin höchstens erahnen. Es ist von dem früh abwesenden Vater die Rede, von einer „störrischen Mutter“ mit häufigen Wutausbrüchen, vom Doppelleben eines Geliebten. Die Erzählerin richtet sich in ihrem Leben wie in ihrem Fremdsein ein, aber nicht nur ihr Büro erscheint wie eine „Transitzone“. Zum Halt umgibt sie sich mit zahlreichen Routinen, der regelmäßigen Maniküre, dem Schwimmbadbesuch, dem Glas Wasser in der Bar um die Ecke, dem jährlichen Kauf eines Notizbuchs.

    Jumpha Lahiri begleitet sie dabei in kleinen Alltagsszenen, in Splittern ihrer Existenz, in 46 kurzen Kapiteln. „Auf der Straße“, „in der Buchhandlung“, „im Schatten“ und immer wieder „im Stillen“ – Wo ich mich finde. Fraglich bleibt dabei, ob sich die Erzählerin überhaupt irgendwo selbst findet, sich selbst nahe kommt.

    „Ich stehe nicht still, sondern bin in ständiger Bewegung, in ständiger Erwartung, anzukommen oder zurückzukehren oder wegzugehen. (…) Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

    Eine Handlung oder auch nur einen deutlichen Diskurs sollte man von diesem feingliedrigen, schwebenden Buch nicht erwarten. In ihrer kurzen und klaren Prosa, in ihrem gleichsam kühlen wie intensiven (Selbst)Beobachten erinnerte mich Jhumpa Lahiri mit Wo ich mich finde sehr an Texte von Rachel Cusk. Ihr Erzählen ist so melancholisch wie klaglos. Es unterscheidet sich sehr vom Ton ihres mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Erzählbands Melancholie der Ankunft und ihren bisherigen Romanen wie Tiefland. Mag sein, dass das vom Wechsel der Erzählsprache herrührt. Mich hat es sehr fasziniert.

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    Cover des Buches Federico Temperini. Novelle (ISBN: 9783749610266)

    Bewertung zu "Federico Temperini. Novelle" von Theres Essmann

    Federico Temperini. Novelle
    Buecherschmausvor einem Monat
    Im Taxi mit Jürgen Krause

    „Federico Temperini“ ist das Erzähldebüt der 1967 geborenen Theres Essmann. Und, um es vorweg zu nehmen, es ist ganz wunderbar gelungen.

    Erzählt wird von Jürgen Krause. Das Studium an der Hochschule für Verwaltung abgebrochen, die Ehe mit Irene gescheitert, der Kontakt zum halbwüchsigen Sohn Leo eher so naja, fährt Jürgen seit mehr als 15 Jahren Taxi. In seiner Freizeit hängt er mit seinen Kumpels Klaus und Wolfgang in der griechischen Taverne von Maria ab. Auch wenn Maria waschechte Kölnerin ist, macht sie das beste Gyros weit und breit.

    Aus diesem phlegmatischen, wenig beglückenden Dasein reißt Jürgen zu Beginn der Novelle ein Anruf. Ein Herr Federico Temperini wünscht einen Chauffeur, für gelegentliche Fahrten in die Philharmonie, auf den Friedhof Melaten oder auch mal an einen See. Hauptsächlich geht es aber zu Konzertbesuchen. Federico Temperini ist ein Liebhaber klassischer Musik, pflegt eine nahezu obsessive Liebe zum „Teufelsgeiger“ Niccolò Paganini, war wohl früher selbst einmal Geiger.

    Und während sich Jürgen Krause und der elegante, alte Herr Temperini von Fahrt zu Fahrt näher kommen, der Fahrgast von der Rückbank auf den Beifahrersitz wechselt, erfahren wir so einiges aus dem Leben von Krause, kaum etwas von Temperini, aber sehr viel über klassische Musik und Niccolò Paganini. Und das völlig unangestrengt, fast schwebend. Das Vermittelte geht in der Musikalität der Novelle auf.

    Behutsam, schnörkellos und tatsächlich in „feinster Erzählkunst“ erzählt Theres Essmann in „Federico Temperini“ von Vergänglichkeit, Genie und Einsamkeit, von Vater-Sohn-Beziehungen, gescheiterten Lebensentwürfen und dem Mut weiterzumachen. Sie lässt ihre Geschichte bittersüß enden. Ein schönes, ein erstaunlich gelungenes Debüt!

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    Cover des Buches ewig her und gar nicht wahr (ISBN: 9783803133199)

    Bewertung zu "ewig her und gar nicht wahr" von Marina Frenk

    ewig her und gar nicht wahr
    Buecherschmausvor einem Monat
    Ewig her

    Die 1986 geborene Marina Frenk hat mit „ewig her und gar nicht wahr“ einen bemerkenswerten Debütroman über Entwurzelung, Suche und Selbstvergewisserung geschrieben.

    Basis ist die bildende Künstlerin Kira Libermann, Altersgenossin und sicher in einigen Bereichen Alter Ego der Autorin. Beide sind in der damaligen Sowjetrepublik Moldawien geboren und als Kind 1993 mit den Eltern nach Deutschland emigriert.

    Kira lebt mit ihrem vierjährigen Sohn Karl und dessen Vater, dem Journalisten Marc, in Berlin. Die Beziehung der beiden steckt schon länger in der Krise, sie leben nur noch nebeneinander her, Karl zuliebe. Kira gibt Malkurse für Kinder. Ihre eigene Kunstproduktion liegt nach anfänglichem Erfolg schon seit geraumer Zeit auf Eis. Sie steckt in einer persönlichen Krise, fühlt sich isoliert, allein gelassen. Die Depression hängt über ihr, der Gedanke an Selbstmord - aber Karl braucht sie doch. Um zu spüren, „wo ich aufhöre“, verletzt sich Kira immer wieder selbst, fügt sich Brandwunden mit Zigaretten zu.

    Die Gedanken von Kira springen immer wieder in ihre Vergangenheit zurück. In die Kindheit, als sie 1993 mit den Eltern im mit ihren Habseligkeiten vollgestopften Lada Richtung Westen aufbrachen. Ins Jahr 2005, als sie in Köln ihre Freundin Nele kennenlernte. 2007, als sie eine Fehlgeburt erlitt, von der der Vater, ihr damaliger Freund Theodor gar nichts wusste. Sie erinnert sich an Reisen zur Tante nach New York, zur Großmutter nach Haifa - ihre in alle Teile der Welt versprengte russisch-jüdische Familie. Und sie denkt an die innige Zeit mit Marc, als sie schwanger war, einen gemeinsamen Urlaub auf Hiddensee.

    Marina Frenk kontrastiert in „ewig her und gar nicht wahr“ diese persönlichen Erinnerungen der Ich-Erzählerin mit weit zurückliegenden Episoden aus ihrer Familiengeschichte. 1941 wird der kleine Aaron, der einmal ihr Großvater werden sollte, mit seiner Familie von den Russen vor den heranrückenden Rumänen evakuiert. Seine alte Großmutter Bina bleibt genauso zurück wie das Hündchen Schmulik, er wird beide nicht wiedersehen. 1948 trifft er in Chisinau auf die damals 17jährige Sarah, beider Sohn Wenja ist Kiras Vater. Aaron und Sarah werden ihr Alter in Haifa verleben.

    Kiras Mutter Lena ist die Tochter von Jurij und Nastja. Durch den Soldatenberuf des Vaters ist ihr Leben geprägt von Ortswechseln. Tadschikistan, das weit im Osten, an der Grenze zu China liegende Chabarowsk und eben Chisinau in Moldawien sind Stationen.

    Das Leben der Familie ist geprägt von Entwurzelung. Kriege, Verfolgung, Suche nach besseren Chancen haben die Vorfahren über die halbe Welt verstreut. Und auch Kira ist das Gefühl nicht unbekannt. Auch sie spürt eine Unbehaustheit, eine tiefe Einsamkeit in sich selbst. Selbstzweifel plagen sie, stets ist sie auf der Suche nach Selbstvergewisserung. Was ihr nicht immer gelingt, dann greift sie zu einer glühenden Zigarette. Symptomatisch ist die Eingangsszene des Buchs. Kira erinnert sich an einen Sommer am Schwarzen Meer, an eine Strandszene, in der sie als Fünfjährige ihre Eltern verloren hat. Das Gefühl des Verlorengehens hat sie offensichtlich nie ganz verloren.

    Zu solchen Erinnerungen und Rückblenden in der Familiengeschichten gesellen sich zahlreiche Träume und Halluzinationen Kiras. Solche Traumsequenzen gelingen selten, vor allem, wenn dieses Stilmittel zu häufig verwendet wird. Und auch hier sind das die Abschnitte des Romans, die ich am schwächsten finde.

    Generell sind diejenigen der insgesamt 36 meist kürzeren Kapitel am gelungensten, die in die nähere oder fernere Vergangenheit führen. Da gelingen Marina Frenk poetische, eindringliche Passagen. In der Gegenwart ist die zerquälte Selbstbespiegelung der Ich-Erzählerin Kira sicher ihrer Depression geschuldet, macht es der Leser*in aber nicht allzu einfach.

    Insgesamt gesehen ist „ewig her und gar nicht wahr“ von Marina Frank ein sehr gelungenes, überzeugendes Debüt, das eindringlich die Folgen der Entwurzelung auch auf nachfolgende Generationen spürbar macht. Und damit eine deutliche Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Jenseits der Erwartungen (ISBN: 9783832181154)

    Bewertung zu "Jenseits der Erwartungen" von Richard Russo

    Jenseits der Erwartungen
    Buecherschmausvor 2 Monaten
    Chances are...

    Die Drei Musketiere – gleich im ersten Satz seines Romans Jenseits der Erwartungen stellt sie uns Richard Russo vor:

    „Die drei alten Freunde kamen in umgekehrter Reihenfolge auf der Insel an – der, der am weitesten weg wohnte, zuerst, der am nächsten Wohnende zuletzt: Lincoln ein Immobilienmakler, aus Las Vegas, war also praktisch einmal quer durchs ganze Land gereist; Teddy, ein Kleinverleger aus Syracuse; Mickey, ein Musiker und Toningenieur , aus dem nahe gelegenen Cape Cod.“

    Damit ist das Personal schon grob umrissen, das sich für ein Wochenende im September auf Martha´s Vineyard trifft. Die Insel vor der Küste Massachusetts gilt mit seinen Ferienvillen als Urlaubsort der Betuchten. Lincoln besitzt hier ein Haus aus dem Erbe seiner Mutter. Nun denkt er über den Verkauf nach, denn die Finanz- und Immobilienkrise von 2008 ist an ihm zwar recht glimpflich, aber doch nicht spurlos vorbeigegangen.

    Mit seinen alten Studienkollegen Teddy und Mickey hat er vor mehr als 40 Jahren hier so manchen Sommer verbracht, den letzten 1971. So eine Rückkehr bringt natürlich die Erinnerungen in Gang. An ihre Zeit am College in Connecticut und vor allem an die große Leerstelle ihrer Vergangenheit, an Jacy.

    Jacy, die junge Theta-Studentin aus begütertem Haus, die die Vierte im Bunde war und in die alle Drei mehr oder weniger heimlich verliebt waren. Die so ganz anders als die aus Mittelklassefamilien stammenden Jungen war, so strahlend und unbekümmert. Auch wenn Jacy bereits verlobt und auch Lincoln bereits mit seiner jetzigen Frau Anita liiert war, schwang zwischen den Vieren immer etwas Erwartungsvolles mit. Bis dann im letzten Sommer 1971 Jacy ohne Abschied von der Insel verschwand und auch nicht mehr auftauchte. Die Collegejahre waren für sie alle vorbei, Jacy sollte heiraten, Lincoln zurück in den Westen gehen und Mickey drohte die Einberufung in den Vietnamkrieg. Mit einem Abend im Jahr 1969, vor einem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher, in dem die Einberufungslotterie lief, beginnen die Rückblenden in den Erinnerungen der nun 66 Jahre alten Männer. Mickeys Geburtstag wurde damals als neunter gezogen, ein sicheres Ticket Richtung Südostasien. Lincoln war mit Nummer 189 noch nicht ganz in Sicherheit, aber Teddys „Startnummer“ 322 verhieß, dass er vom Kriegseinsatz verschont werden würde. Aller Voraussicht nach.

    Mickey ging nach dem Sommer wie viele Amerikaner nach Kanada, um dem Kriegseinsatz und dem Gefängnis zu entgehen. Erst nach der Amnestie 1977 kam er in die USA zurück. Die Freunde verloren sich nie ganz aus den Augen, aber jeder lebte sein Leben. Und fragte sich, was wohl aus Jacy geworden ist. Ist ihr etwas zugestoßen? Wurde sie gar Opfer eines Verbrechens?

    Um diese Fragen kreisen die Gedanken der Freunde und natürlich auch die der Leser*in. Dadurch verleiht Richard Russo Jenseits der Erwartungen einen Krimiplot und eine stete Spannung. Besonders nachdem Lincoln durch den Kontakt zum Ex-Polizist Coffin erneut Verdacht schöpft. Hat der unsympathische Nachbar etwas mit dem Verschwinden Jacys zu tun? Oder vielleicht sogar Teddy oder Mickey?

    Viel wichtiger als dieser Handlungsstrang sind aber die Fragen, die Richard Russo über das Leben im Allgemeinen stellt. „Chances are…“ heißt das Buch im Original nach einem etwas rührseligen Song von Johnny Mathis aus dem Jahr 1957. Welche Chancen bietet uns das Leben? Wieviel Zufall steckt zum Beispiel darin, dass sich die drei jungen Männer aus ganz unterschiedlichen Ecken des Landes im College getroffen und angefreundet haben? Was bestimmt, welche Chancen wir ergreifen? Und rückblickend, was haben wir aus unserem Leben gemacht?

    Zufall, soziale Herkunft, eigene Entscheidungen. Richard Russo entfaltet daraus in Jenseits der Erwartungen ein melancholisches, aber auch heiteres Tableau von ergriffenen und vertanen Chancen, voller Empathie und Menschenfreundlichkeit, souverän geschrieben und perfekt gebaut. In stets wechselnden Perspektiven und geschickten Zeit- und Szenewechseln entwickelt er tiefgehende, glaubwürdige Charaktere, denen man gern über mehr als 400 Seiten folgt. Ihm gelingt nebenbei, die Darstellung der USA als ein Land, das schon 1969 tief zerrissen war. Und das es heute immer noch/wieder/ umso mehr ist.

    Die Gegenwartsebene spielt im Vorwahlkampf 2016. Donald Trump erscheint noch als nahezu unmögliche Option. Lincoln, erklärter Republikaner, kann zwar Hillary Clinton auf keinen Fall wählen, verachtet aber auch Trump zutiefst. Der unsympathische Nachbar hat einen Trump-Aufkleber an seinem Wagen.

    „Lincoln deutete auf das Schild mit Trumps Konterfei. „Aber den würden Sie trotzdem nicht wählen, oder?“ Troyer schnaubte abfällig. „Ne, das ist nur dazu da, um die Leute aus Chilmark zu ärgern.“ Doch dann hob er die Schultern. „Andererseits, wenn er nominiert wird, warum nicht?“ Lincoln spürte einen Schauder, aber er riss sich zusammen. „Der Preis für ihr Durchfahrtsrecht hat sich gerade verdoppelt.“

    Ein wiederum sehr gelungener Roman aus der Feder von Richard Russo.

     

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