Christian1977

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Rezensionen und Bewertungen

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    Cover des Buches Hingabe (ISBN: 9783103900040)

    Bewertung zu "Hingabe" von Bénédicte Belpois

    Hingabe
    Christian1977vor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Radikal, konsequent, aber mit gewissen Längen und zu viel Sex
    Die Grenze zwischen Liebe und Gewalt

    Der galicische Großbauer Tomás erhält eine fürchterliche Diagnose: Lungenkrebs. Zwischen Selbstmitleid und Überlebenswillen versucht er, seinen Alltag so gut wie möglich zu bewältigen. Bis ihm die junge Frau auffällt, die seit Kurzem in Álvaros Lokal arbeitet. Sie versteht und spricht kein Spanisch und geht Tomás fortan nicht mehr aus dem Kopf. Es entwickelt sich eine gefährliche Besessenheit...

    "Hingabe" heißt der Debütroman der französischen Autorin Bénédicte Belpois. Es ist ein aufsehenerregendes Debüt, das mit großer Wahrscheinlichkeit zu Kontroversen in der Literaturszene führen wird. Das liegt einerseits an den expliziten Sexszenen, die eigentlich kaum einmal sinnlich oder liebevoll wirken, sondern auf Gewalt basieren - und auf dem Bild des vermeintlich überlegenen Mannes zu "seiner" Frau. Tomás jedenfalls nimmt Suiza - so der Rufname der jungen Frau - kurzerhand aus der Bar einfach mal mit, um sie im nächsten Feld zu vergewaltigen. Andererseits regen die zum Teil klischeehaften Figuren zum Streiten oder Nachdenken an: Sind sie realistisch dargestellt in diesem galicischen Dorf, das ein wenig rückständig wirkt? Sind die Männer dort alle - bis auf die Ausnahme eines Homosexuellen (schon klar) - wirklich solche Machos?

    Ich konnte der Autorin die Figurenzeichnung größtenteils abnehmen. Sicherlich sind solche gesellschaftlichen Strukturen gerade auf Dörfern etabliert. Hoch anzurechnen ist ihr, dass sie es glaubhaft schafft, sich in den Erzähler Tomás und dessen vermeintlich strotzende Männlichkeit hineinzuversetzen. Gerade für eine Frau, noch dazu in einem Debüt, mag das die schwierigste Aufgabe gewesen sein. Ebenso gelingt es ihr, die Entwicklung der Figuren darzustellen - manchmal an Kleinigkeiten, seltener in Dialogen.

    Ich-Erzähler Tomás ist zu Beginn ein wirkliches Ekel. Und auch wenn er sich nicht vom Saulus zum Paulus wandelt, bemerkte ich nach und nach Veränderungen in ihm. Veränderungen, die mit seiner Krankheit, aber selbstverständlich auch mit Suiza zu tun haben. Die angebliche Schweizerin, die anfangs vor allem von den Männern als Idiotin betrachtet wird, entfaltet sich zu einer kulturell interessierten, aufmerksamen Beobachterin, die zwar in ihrer Entwicklung zurück sein mag, aber keinesfalls dumm ist. 

    Neben dem verräterischen Klappentext fand ich es schade, dass kleinere Details außen vorbleiben. So halte ich es für relativ unrealistisch, dass gerade in diesem galicischen Dorf Suiza ausgerechnet Spanisch und nicht Galicisch lernen muss, um sich verständigen zu können. Außerdem gab es mir zu viele Sexszenen. Jedes anfangs sinnliche Beisammensein endet dann doch irgendwie in Sex - das war mir zu viel. Bei einigen Nebenfiguren wie beispielsweise Tomás' Cousine Mercedes und dessen Mann José hatte ich das Gefühl, im Theaterstadl zu sitzen.

    Dennoch schafft Belpois es überwiegend gut, mit ihren kurzen, prägnanten Sätzen zu berühren. Insbesondere wenn Tomás mit seinen Zieheltern über seine Krankheit spricht und ihnen seine Liebe gesteht. Oder wenn man die Entwicklung Suizas zu einer nach und nach glücklichen Frau miterlebt. Ein Glück, das immer auf der Kippe steht, immer zu zerbrechen droht. So waren es vor allem die sensiblen Töne und Momente, die für mich die Qualität des Romans ausmachen. Auf Sex und Gewalt hätte ich verzichten können.

    "Hingabe" ist ein radikaler und konsequenter Roman, der die Entwicklung von sexueller Begierde zu Liebe und - eben - Hingabe stark aufzeigt, dabei einige Klischeeklippen streift, im letzten Drittel die ein oder andere Länge aufweist und auf ein recht vorhersehbares Ende zusteuert. Für mich 3,5 Sterne, die ich hier gern auf vier aufrunde.

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    Cover des Buches Das perfekte Grau (ISBN: 9783991200017)

    Bewertung zu "Das perfekte Grau" von Salih Jamal

    Das perfekte Grau
    Christian1977vor 6 Tagen
    Kurzmeinung: Ein bewegender Roman über vier Außenseiter und deren Freundschaft. Melancholisch, witzig, aufregend anders.
    Vier Außenseiter auf der Suche nach sich selbst

    Ein Seebad, das schon bessere Zeiten erlebt hat. Ein Hotel, das seine Verwitterungen hinter Farbschichten versteckt. Und vier Mitarbeiter, die trotz aller Unterschiede zueinanderfinden. Salih Jamal hat mit "Das perfekte Grau" einen sprachgewaltigen, melancholischen Roman über die Freundschaft geschrieben.


    Dante, Novelle, Mimi und Rofu - so heißen die vier (Anti-)Helden, die eines gemeinsam haben: Sie alle sind oder waren auf der Flucht und sind seitdem auf der Suche - nach sich selbst, nach Vergebung, Vergessen oder einfach einem besseren Ort. Als Mimi glaubt, dass im Hotel zwei Polizisten abgestiegen sind, die sie wegen einer Tat in der Vergangenheit suchen, machen sich alle Vier spontan gemeinsam auf die Reise - vornehmlich, um Mimi nicht im Stich zu lassen. Doch auf der Fahrt kommen sie sich immer näher, und es entwickelt sich eine zarte Freundschaft, die nach und nach bedingungsloser wird...


    Salih Jamal kreiert in diesem außergewöhnlichen Buch eine von Anfang bis Ende melancholische Stimmung, die trotz aller Probleme immer wieder hoffnungsvolle Momente aufweist und durch den feinen Humor des Autoren wirklich witzige Szenen bereithält. Erzähler ist Ante, der aber von allen nur Dante genannt wird - "wie der mit dem Inferno" (S. 11). Poetisch, aber dennoch zugänglich, sinniert Dante über sein Leben und die Mitreisenden. Führte man ein Heft mit Lieblingssätzen, so könnte man dieses durch "Das perfekte Grau" ganz schnell füllen. "Man kann seine Heimat verlassen, aber es gibt keine Gegenwart ohne Herkunft", heißt es schon auf Seite 7. Viel später geht es darum, dass Heimat "wie eine Haut" ist, die man nicht abstreifen könne. Insbesondere Dante und Mimi präsentieren so viele Weisheiten, über die es sich lohnt, zwei- oder gar dreimal nachzudenken.


    Doch trotzdem dreht sich das eigentliche Geschehen um Novelle, die nicht von ungefähr auch das Cover ziert. Sie ist die Unberechenbare, die Verletzliche. Sie ist diejenige, die das größte Potenzial hat, die Gruppe zu spalten - und deren bloße Existenz die Gruppe letztlich stärker macht, als sie es in einzelnen Teilen sein könnte.


    "Das perfekte Grau" lädt zum Lachen ein, zum Weinen, zum Nachdenken. Die Figuren haben alle ihre Ecken und Kanten, stromlinienförmig ist bei ihnen nichts. So ecken sie nicht nur untereinander immer mal wieder an, sondern stellten auch mich mit ihren grenzwertigen bis -überschreitenden Handlungen immer wieder auf die Probe. Und dennoch fieberte ich mit ihnen, fühlte ich mich ihnen in der Regel sehr nah.


    Salih Jamal hat einen sprachlich wie thematisch aufregenden Roman erschaffen, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Genau wie Dante, Novelle, Mimi und Rofu.

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    Cover des Buches Landreisen (ISBN: 9783949160004)

    Bewertung zu "Landreisen" von Richard Kaufmann

    Landreisen
    Christian1977vor 9 Tagen
    Kurzmeinung: Ein informatives und unterhaltsames Plädoyer für bewusstes Reisen
    Ein Plädoyer für bewusstes Reisen

    Eine dreitägige Busfahrt nach Marokko oder doch lieber der viel kürzere Flug? Und lohnt es sich, für ein Wochenende mit dem Zug nach Bologna zu reisen, wenn die eigene Stadt in den verwinkelsten Ecken doch auch Erholung bietet?

    Richard Kaufmann beantwortet in seinem meinungsstarken Buch "Landreisen - Reisen ohne Ziel" diese und weitere Fragen so informativ wie unterhaltsam. 

    Zunächst einmal sticht die äußerst gelungene Aufmachung des Buchs ins Auge. Das Cover ist außergewöhnlich schön, das dunkelrote Vorsatzpapier unterstreicht die warme und inspirierende Atmosphäre, die Kaufmann in "Landreisen" gelingt. Blättert man ein wenig durch das Buch, lernt man weitere liebevolle Details kennen: humorvolle und auflockernde Illustrationen von Ed J. Brown.

    "Landreisen" ist ein gut 220 Seiten starkes Plädoyer für bewusstes Reisen, das vor allem die Reise mit dem Zug preist. Da die Bahn auch mein bevorzugtes Reisemittel ist, rennt Kaufmann damit bei mir natürlich offene Türen ein. Und auch wenn sich die ein oder andere Idee im Laufe des Buchs wiederholen mag, sind seine Gedanken so klug wie inspirierend. Nicht nur im Hinblick auf den Klimaschutz, sondern auch wenn man sich und seinen Wunsch nach Erholung betrachtet, macht dieses Buch auf positive Weise nachdenklich.

    Das Buch ist eine Mischung aus auf eigenen Erfahrungen beruhenden Erzählungen und Essays. Ich fand gerade die Reiseerfahrungen des Autoren beeindruckend und hätte mir deshalb etwas mehr davon gewünscht. Insbesondere die anfangs angesprochene Reise nach Marokko, die "Landreisen" eröffnet, ist so spannend wie informativ. Für mich das Highlight des Buches. Kaufmann erzählt aus der Perspektive des 19-Jährigen, der er damals war, und schildert Land und Leute voller Liebe und Demut - ein wahrlich gelungener Auftakt.

    Besonders schön finde ich übrigens, dass ich als Leser anhand der Reiseerzählungen nicht nur die bereisten Länder und Orte kennenlernte, sondern auch die Weiterentwicklung des Erzählers fast nebenbei begleiten durfte. Vom unsicheren aber sehr sympathischen 19-Jährigen in Marokko wird Kaufmann im Laufe des Buches zum erfahrenen Reisenden, der sogar Tipps gibt, wie man seine Mitfahrer im Nachtzug am besten auf seine Seite zieht. Dabei bewahrt er sich den sympathischen Ton und wirkt nie abgeklärt. Fast schon eine Art Reise-Coming-of-Age.

    Die gelegentlichen Tipp- und grammatikalischen Fehler, die im Buch auftauchen, mögen den Autoren am meisten ärgern, ich konnte im Großen und Ganzen darüber hinweglesen. Auf das offenbar eher augenzwinkernd gemeinte Glossar hätte ich verzichten können und dafür lieber einen weiteren Reisebericht des Autoren genossen.

    Insgesamt ist "Landreisen - Reisen ohne Ziel" aber ein überzeugendes und inspirierendes Buch, dem ich nicht nur viele LeserInnen wünsche, sondern auch hoffe, dass diese sich auch nach der derzeitigen Pandemie auf die klugen Ideen des Autoren besinnen und das Flugzeug einfach mal stehen lassen.

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    Cover des Buches Die Grauzonen, Teil I und II (ISBN: 9783750495869)

    Bewertung zu "Die Grauzonen, Teil I und II" von Olivier Mantel

    Die Grauzonen, Teil I und II
    Christian1977vor 12 Tagen
    Kurzmeinung: Überraschendes Buch, das sich nicht um Genregrenzen schert, dabei aber Potenzial verschenkt
    Der Mensch als Versuchsobjekt

    Die menschliche Psyche - ewiger Quell von Freud und Leid. Sie erkrankt, stärkt den Menschen, ist manipulierbar. Und sie ist das Thema der "Nordwestschweizer Trilogie" von Olivier Mantel, dessen ersten beiden Teile "Die Blechklinge" und "Die falsche Frequenz" nun in einem Band vorliegen.

    Beiden Teilen ist außerdem das hohe sprachliche Niveau gemein, auf das Olivier Mantel Wert legt, wie man es auch am Nachwort zum ersten Teil (oder "Zwischenwort") deutlich erkennt - wenn der Roman nicht gerade in die Niederungen der Sexualität eintaucht. So konnte ich mich beispielsweise am mehrfach eingesetzten "obschon" erfreuen, einem meiner Lieblingswörter, welches in der deutschsprachigen Literatur sonst eher vernachlässigt wird.

    Ansonsten sind die Teile unabhängig voneinander lesbar, wobei es im zweiten Teil einige Anspielungen und Anekdoten gibt, die man erst schätzen lernt, wenn man "Die Blechklinge" schon gelesen hat.

    Teil 1: Die Blechklinge

    "Die Blechklinge" ist ein historischer Roman, der die Grenzen zum Crime-Genre in Teilen deutlich streift. Schauplatz ist Rheinfelden in der Schweiz im Jahre 1817. Die 17-jährige Annette begleitet ihren Mann Emil, einen Arzt, dorthin, nachdem dieser in seiner Heimat negativ aufgefallen ist und nun einen neuen Arbeitsplatz annimmt. Gleich zu Beginn des Romans lernen die beiden Franz Brogli, einen "moralisch erschütterten" ehemaligen Kriegsgefangenen, und dessen seltsamen Begleiter Pjotr kennen. Schnell wird klar, dass Emil ein fast fanatisches Interesse an der Behandlung Broglis zeigt - und dabei vor grenzüberschreitenden Handlungen nicht zurückschreckt...

    Das große Plus des ersten Teils ist in meinen Augen die Atmosphäre und der politische und religiöse Hintergrund der Schweiz, die Olivier Mantel hier so lehrreich wie unterhaltsam präsentiert. Für mich war das Meiste Neuland und somit ein Gewinn. 

    Die eigentliche Handlung kommt hingegen ein wenig zu langsam in Fahrt - und das, obschon (!) ich ein Freund eines langsamen Erzähltempos bin. Verlangsamt wird die Handlung vor allem durch einen übermäßigen Einsatz beschreibender Adjektive - und durch die Schilderung von Gerüchen und Gestank. Ich habe wohl noch keinen Roman gelesen, in dem so häufig und explizit auf olfaktorische Wahrnehmungen hingewiesen wird. Am Ende war ich wirklich froh, dass es noch kein "Geruchs-Lesen" gibt.

    Problematisch war außerdem, dass ich keinen wirklichen Zugang zu den Figuren fand. Annette kam mir im Verlauf des Romans ein wenig näher, aber eine echte Sympathieträgerin ist auch sie nicht. Mit Franz Brogli hatte ich von Beginn an zwar Mitleid, allerdings nervte er mich auch mit seinen ständigen Reden über Kobolde und Elfen.

    Nach etwa der Hälfte der gut 250 Seiten wird "Die Blechklinge" spannender und hielt mich am Lesen bis kurz vor Schluss - wobei dieser mich dann leider enttäuscht hat. Die Auflösung ist zwar inhaltlich plausibel und zufriedenstellend, doch die Art und Weise hat mich unbefriedigt zurückgelassen. Ohne inhaltlich etwas zu verraten: Letztlich wird die komplette Auflösung von einer einzelnen Figur in einem langen Monolog mit gelegentlichen Unterbrechungen aufgezeigt. Hier hätte ich mir das Prinzip "Show, don't tell" gewünscht.

    Fazit: "Die Blechklinge" ist ein atmosphärischer Historienkrimi auf hohem sprachlichen Niveau mit gewissen Längen und einem recht enttäuschenden Finale - 3,5 von 5 Sternen.

    Teil 2: Die falsche Frequenz

    Nach dem von mir schon angesprochenen "Zwischenwort" startet der in der Gegenwart spielende zweite Teil der Trilogie. Auch hier schert sich Olivier Mantel nicht um irgendwelche Genregrenzen, was mir gut gefallen hat. Ich würde "Die falsche Frequenz" am ehesten als gesellschaftskritische Dystopie einordnen.

    Der Erzähler wechselt ins Präsens, was neue Reizpunkte setzt. Es geht um ein Schweizer Keramikunternehmen und dessen Marketingchef Riccardo Bumann. Bumann ist der Protagonist des zweiten Teils und es hätte wohl niemanden gestört, wenn in seinem Nachnamen auch noch ein "h" aufgetaucht wäre. Ein klassischer Antiheld, um den ich dann trotzdem irgendwann fürchtete. Dem Unternehmen wird von Wissenschaftlern ein "Neurosender" angeboten, der bestimmte akustische Frequenzen aussenden soll, um das (Kauf-)Verhalten möglicher Kunden zu beeinflussen und somit eine Goldgrube sein könnte...

    Klingt kompliziert, ist aber in Wirklichkeit eine geniale Grundidee des Autoren, die allerdings leider nur in Teilen ausgeschöpft wird. Zunächst einmal packte mich dieser Gedanke und auch die Umsetzung ist am Anfang wirklich gelungen. Ich steigerte mich hinein in diese Idee: Was wäre, wenn die menschliche Psyche wirklich auf eine solche hinterhältige Art manipuliert werden könnte? Das Unternehmen floriert jedenfalls bald und feiert große Erfolge, und auch unser Bu(h)mann wechselt auf die Gewinnerseite...

    Mit dieser Manipulations-Idee hätte Olivier Mantel nun wirklich viel herumspielen und ausprobieren können. Bumann hätte in Erklärungsnöte kommen können - so freute ich mich schon auf das Abendessen mit seinem verhassten Halbbruder Alessio. Doch plötzlich wird aus dem Roman eine Art Posse und zu dem Abendessen wird es nie kommen. Anders als bei der "Blechklinge" war mir das Tempo hier plötzlich zu hoch und der Roman mit gerade einmal gut 100 Seiten auch zu kurz. Schade um diesen wirklich genialen Ansatz.

    Fazit: "Die falsche Frequenz" basiert auf einer genialen Grundidee, deren großes Potenzial Olivier Mantel leider nur teilweise ausschöpft. Trotzdem eignet sich der unterhaltsame Roman als dystopische Gesellschaftskritik, auch wenn mir das Ende zu übertrieben erschien. 4 von 5 Sternen.


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    Cover des Buches Waterlily (ISBN: 9783957840325)

    Bewertung zu "Waterlily" von Ella Cara Deloria

    Waterlily
    Christian1977vor 16 Tagen
    Kurzmeinung: "Waterlily" ist ein ergreifender und berührender Roman, der authentisch und warmherzig aus dem Leben einer jungen Dakota berichtet
    Authentisch-warmherziges Porträt einer Dakota

    "Waterlily" von Ella Cara Deloria ist eine Besonderheit. Der Roman erzählt in authentischen und warmherzigen Bildern von einer jungen Dakota Mitte des 19. Jahrhunderts, von ihren Bräuchen und Riten, ihrer Familie - und der Liebe. Dass die Szenen so eindringlich und glaubwürdig auf den Leser wirken, liegt an der Autorin. "Ella Cara Deloria (1889 - 1971) war eine Dakota-Indianerin, die als Ethnologin Feldforschung in ihrem eigenen Stamm betrieb", klärt der Palisander Verlag zu Beginn des Klappentextes auf. Ein Außenstehender hätte wohl kaum so berichten können, wie es Deloria schafft: auf Augenhöhe mit den Dakota-Frauen, voller Respekt und Liebe.

    Im Zentrum des Romans, der traurigerweise erstmals 1988 und damit 17 Jahre nach dem Tod der Autorin veröffentlicht wurde, stehen Blue Bird und ihre Tochter Waterlily. Ganz konsequent bleibt die Autorin bei ihren Heldinnen, was auch in der Welt drumherum um sie geschehen mag. "Waterlily" ist eine Familiensaga, die sich auf einen Zeitraum von etwa 20 Jahren beschränkt. Sie beginnt mit der Geburt Waterlilys und endet mit der jungen Frau, die selbst erstmalig Mutter wird.

    Ich habe durch den Roman vielfältige und bunte Eindrücke aus einer leider nahezu untergegangenen Kultur erhalten. Eindrücke, die man durch typische Western-Literatur nicht bekommen könnte, denn es sind gerade die Riten und Bräuche, aber auch die Familientraditionen und die ausnehmend weibliche Perspektive, die das Besondere dieses Romans ausmachen.

    In lakonischen Sätzen macht Deloria nicht viel Aufhebens um ihre Figuren und deren Eigenheiten. Und dennoch schafft sie es, mit Charme, Respekt und Liebe, eine große Verbundenheit zu diesen aufzubauen. Immer wieder blitzt der feine Humor der Autorin - und damit der Dakota - durch. Ausschweifender wird es erst, wenn Ella Deloria die Natur und die Umgebung der Menschen beschreibt. Dadurch wird deutlich, wie wichtig diese für die Dakota und die Charaktere in dem Buch ist.

    Als historisches Dokument wird "Waterlily" besonders traurig, wenn der "Weiße Mann" erstmalig in Erscheinung tritt - ganz beiläufig und erst nach gut 150 Seiten. Aus zweiter Hand erfahren wir, dass ein ausgehungerter, weißer Mann in der Nähe eines Dakota-Winterlagers auftauchte. Wenn man sich vor Augen führt, wie die Geschichte weiterging, muss man bei den Worten des Dakota Two Packs wohl mehr als einmal schlucken. 

    "Ich will ihn als Sohn annehmen, als Kuriosität. Vielleicht wird er irgendwann unsere Sprache lernen, und dann werden wir erfahren, was er denkt." (S. 155)

    Ein Satz voller Tragik, mit dem die Autorin gerade wegen ihrer Lakonie direkt in mein Herz traf.

    Doch trotz aller Traurigkeit und der wahrlich grausamen Dinge, die "Waterlily" nicht verschweigt, ist der Roman keineswegs ein pessimistisches Zeitdokument. Es strahlt vor Hoffnung. Hoffnung auf ein Verständnis für die indigene Bevölkerung, Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Wandel und nicht zuletzt Hoffnung für die Protagonistin Waterlily.

    Der Palisander Verlag hat mit "Waterlily" ein ergreifendes und wichtiges Buch herausgebracht und präsentiert dies informativ-bewegend mit einem Foto der Autorin und einem ausführlichen Nachwort, in dem wir unter anderem erfahren, dass der Roman einmal viel viel länger sein sollte und die Geschichte Ella Cara Delorias besser verstehen lernen. Es ist ein gewaltiger, aber friedlicher Ruf nach mehr Toleranz, Demut und Verständnis.

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    Cover des Buches 19 Love Songs (ISBN: 9783957611918)

    Bewertung zu "19 Love Songs" von David Levithan

    19 Love Songs
    Christian1977vor 20 Tagen
    Kurzmeinung: Warmherziges, abwechslungsreiches Buch voller Liebe
    Der Soundtrack der Liebe

    Wie fühlt sich die Liebe zweier heranwachsender Jungs an, die sich erstmals ihre Gefühle gestehen? Welche Lieder sind es, die einen begleiten, in den warmen und gefühlvollen Stunden des Lebens? Und letztlich: Was antwortet man eigentlich auf diese verdammte Frage "Was geht?" Die Antworten darauf liefert David Levithan in seinen "19 Love Songs".

    Wenn in einem Buch so viel Liebe steckt wie in diesem, wundert man sich manchmal über die Welt, die sich draußen während des Lesens einfach weiterdreht. 19 vielfältige und abwechslungsreiche Episoden hat David Levithan hier geschrieben, zusammen bilden die 19 Tracks so etwas wie den ultimativen Soundtrack der Liebe. Das Cover erinnert schon einmal ganz warmherzig an die Zeiten, in denen man seinem/r Liebsten noch Mixtapes zusammenstellte. Die einzelnen Kapitel unterscheiden sich stärker in der Form als im Inhalt. Denn - natürlich - geht es in allen um die Liebe, aber Levithan greift nicht nur auf Kurzgeschichten zurück, sondern auch auf Gedichte und einen Comic. Sehr ansprechend und dadurch auch nie langweilig.

    Einige der Texte wurden schon einmal im Rahmen anderer Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht, doch in Deutschland dürften diese den wenigsten LeserInnen bekannt sein, denn die allermeisten von ihnen lagen bislang nicht in deutschen Übersetzungen vor. Eine der Kurzgeschichten ist eine Art Ergänzung zu Levithans Erfolgsroman "Letztendlich sind wir dem Universum egal", den ich allerdings nicht kenne und von daher nicht weiß, wie nah die Geschichte dem Inhalt des Romans kommt.

    Allen Tracks ist gemein, dass man eine große Empathie des Autoren zu seinen Figuren und in gewisser Weise auch zu seinen LeserInnen spürt. Fast immer stammen Protagonist oder Protagonistin aus der LGBTQ-Bewegung. Sehr persönlich wirken dabei die offensichtlich autobiografisch gefärbten Texte. Die Unterschiede liegen meiner Ansicht nach in der Qualität der Geschichten.

    Als meine Lieblingsgeschichte möchte ich vor allem Track 14 "Die verletzlichen Stunden" hervorheben. Hier schaffte es Levithan, mir eine nahezu durchgängige Gänsehaut zu verpassen. Die Charaktere sind - wie fast immer auch in den anderen Kapiteln - liebenswerte AußenseiterInnen, die in einer magisch wirkenden Nacht zusammentreffen, um die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Eine dieser Fragen ist das berühmt-berüchtigte "Was geht?", doch die Antworten, die Protagonist Phil darauf erhält, machen deutlich, dass man eben nicht immer nur Standardantworten geben, sondern dem Gegenüber durchaus sein Herz öffnen kann. Eine wirklich berührende und wunderbar geschriebene Geschichte. Ganz toll auch Track 16 "Der Halt", in dem der Autor ehrlich und authentisch deutlich macht, was es heißt, jüdisch und homosexuell zu sein - ein Erlebnis.

    Einige der Texte waren mir ein wenig zu zuckrig-süß, die Grenze zum Kitsch wird zumindest gestreift, wenn nicht gar ein wenig überschritten. Hier sei insbesondere Track 10 "Schneefrei" erwähnt, der Figuren aus dem mir ebenfalls nicht bekannten Roman "Two Boys Kissing" beinhaltet. Die Dialoge, aber auch die Atmosphäre gleichen eher einem Disney-Film. Ein weiterer kleiner Kritikpunkt ist, dass in meinen Augen zu oft ein US-popkultureller Bezug hergestellt wird, ohne dass ich mit den Songs oder Künstlern etwas verbinden konnte - sehr amerikanisch, wenn man so will...

    Aber insgesamt ist "19 Love Songs" eine wohltuende Leseerfahrung gewesen. Die Figuren, die aufgrund ihrer Sexualität eigentlich alle zu Minderheiten gehören, werden von Levithan warmherzig begleitet und es wird ihnen nicht allzu schwer gemacht. Insgesamt habe ich wohl selten zuvor ein so harmonisches Buch gelesen, das vollkommen ohne Zynismus oder Sarkasmus auskommt. Ein warmherziges Buch für junge und jung-gebliebene LeserInnen.


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    Cover des Buches Die Bienen und das Unsichtbare (ISBN: 9783518429655)

    Bewertung zu "Die Bienen und das Unsichtbare" von Clemens J. Setz

    Die Bienen und das Unsichtbare
    Christian1977vor 23 Tagen
    Kurzmeinung: Eine aufregende Mischung aus Sachbuch, Poesie und Tagebuch über Plansprachen und ihre Vertreter
    Der Himmel ELLENO

    Die Plansprache Esperanto mag vielen LeserInnen bekannt sein. Aber wie steht es um Volapük? Oder träumt jemand in Blissymbolics? Von all diesen bekannteren und unbekannten Sprachen berichtet Clemens J. Setz in seinem neuen Buch "Die Bienen und das Unsichtbare". 

    Es ist ein eigenartiges Buch, das Setz auf seine LeserInnen loslässt. Auf der einen Seite ein Sachbuch, das nicht nur die Entstehung der Sprachen erläutert, sondern auch Anekdoten aus dem Leben ihrer SprecherInnen zu erzählen weiß. Gleichzeitig ist es ein poetisches Buch, viel poetischer als ein gewöhnliches Sachbuch es sein kann. Und drittens, wenn auch in kürzeren Elementen, ist es ein sehr persönliches Tagebuch des Autoren über die Zeit, in der er selbst Volapük lernte - eine Zeit voller Ängste, Zweifel und Krankheiten.

    Und es ist gerade diese Mischung, die den Charme von "Die Bienen und das Unsichtbare" ausmacht. Ich persönlich hätte mir zwar etwas mehr Fakten und vielleicht ein bisschen weniger Beispiele gewünscht. Nichtsdestotrotz beweist Setz einmal mehr, dass er der derzeit wohl kreativste und aufregendste Kopf der deutschsprachigen Literatur ist. Nach "Bot" gelingt ihm erneut ein großer Wurf und ein Feuerwerk an Ideen.

    Am meisten berührt hat mich das Buch in den Tagebucheinträgen Setz' und in den Momenten, in denen er über seine Kindheit und Jugend berichtet. Hier ist man dem Autor so nah wie nie zuvor, bekommt ein Verständnis für den Menschen, der mich seit Jahren mit seinen Texten so begeistert. Doch auch die Kapitel über die Erfinder und Schreiber der Plansprachen haben ihren Charme. 

    Auf dem Gelände des Museums Gugging befand sich früher die Nervenklinik des Psychiaters Dr. Leo Navratil, in dem eine Art Künstlerkolonie der Patienten entstand. Einer der bekanntesten Poeten unter ihnen war Ernst Herbeck, dessen Gedicht "Blau." Clemens J. Setz auf S. 235 zitiert. Es beinhaltet die sehr bewegende Zeile "Der Himmel ELLENO" und zeigt sehr gut, was die LeserInnen von "Die Bienen und das Unsichtbare" erwartet: literarische Überraschungen und nie gehörte, berührende Zeilen.



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    Cover des Buches Die Schrift (ISBN: 9783990650394)

    Bewertung zu "Die Schrift" von Simon Sailer

    Die Schrift
    Christian1977vor einem Monat
    Kurzmeinung: Rätselhafte Erzählung mit tragischem Protagonisten
    Die ewige Suche eines Getriebenen

    Der Ägyptologe Leo Buri ist Experte für alte Schriften und so voller Leidenschaft für sie, dass sich seine Gesprächspartner bereitwillig davon anstecken lassen. Als er über dubiose Wege Informationen über eine alte Schrift erhält, die "ihn interessieren müsse", nimmt das Unheil seinen Lauf. Wieso wenden sich plötzlich fast alle Freunde und Bekannten von Leo ab? Warum trennt sich sogar seine Frau Stefanie von ihm? Und vor allem: Was ist das Geheimnis dieser Schrift, was macht sie so gefürchtet?

    Simon Sailer hat mit "Die Schrift" eine bemerkenswert rätselhafte Erzählung erschaffen. Hält man das 120 Seiten leichte Büchlein zum ersten Mal in der Hand, fällt zunächst einmal die liebevolle Gestaltung des Verlags "Edition Atelier" auf. Mit schwarzem Vorsatzpapier und ebenso dunklem Lesebändchen wird das Geheimnisvolle betont. Wirft man einen Blick in das Buch, strahlen einem die warmen und mit Liebe zum Detail entworfenen Illustrationen von Jorghi Poll sofort entgegen.

    Glücklicherweise ist es jedoch so, dass hier nicht nur das Äußere stimmt, denn auch inhaltlich war "Die Schrift" für mich ein Lesegenuss. Die Geschehnisse um Leo Buri werden immer seltsamer, fast scheint es, als fürchteten sich die Menschen vor ihm. Und dennoch können wir Zweifel an den Ereignissen haben, denn der Erzähler berichtet aus dritter Hand. Weder hatte er einen besonderen Draht zu Leo, noch war er selbst anwesend. Alles, was er hier präsentiert, beruht auf den Erinnerungen und dem Nachlass des ohne nähere Angaben verstorbenen gemeinsamen Freundes Peter.

    Schon das unterstreicht die Seltsamkeit der Erzählung. Können wir dem Erzähler überhaupt trauen? Sollte dem so sein, erleben wir einen tragischen Protagonisten, der im Laufe des Geschehens selbst wahnhafte Züge annimmt. Ständig dreht es sich um Schriften - nicht nur die seltsame, alte Schrift, sondern auch um eine eigene Bild-Lautschrift der Neuzeit, die Buri unbedingt erfinden möchte.

    Es gibt einige komische Momente, doch in seinem Grundton ist "Die Schrift" eher tragisch. Denn nach und nach vereinsamt Buri als Getriebener auf der ewigen Suche - und als Ausgestoßener der Gesellschaft.

    "Die Schrift" war für mich mit ihren kafkaesken Momenten nicht nur aufregend, sondern hat mich aufgrund der Persönlichkeit Buris auch berührt. Im Verbund mit den tollen Illustrationen ist das Buch für mich ein rätselhafter, kleiner Schatz gewesen.

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    Cover des Buches Falke und Adler (ISBN: 9783000667961)

    Bewertung zu "Falke und Adler" von Johanna Marie Jakob

    Falke und Adler
    Christian1977vor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein abwechslungsreicher, atmosphärischer Mittelalterroman mit starken Figuren und Liebe zum Detail
    Wenn der junge Falke flügge wird

    Palermo, 1201: Durch Siziliens Gassen wirbelt ein kleiner Junge, der sich um Regeln nicht schert und gern auch mal etwas mitgehen lässt. Gejagt von den Marktleuten landet er in den Armen des jungen Edelmannes Florent von Accera, der den Knaben vor Schlimmerem bewahrt. Der Name des Jungen: Federico, König von Sizilien und als Friedrich II. späterer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches...

    Johanna Marie Jakob hat mit "Falke & Adler" einen abwechslungsreichen und atmosphärischen Mittelalterroman von fast epischer Länge erschaffen. Das große Plus dieses Romans ist, dass die Autorin es durch ihren bildhaften, mitreißenden Schreibstil schafft, die Spannung aufrechtzuerhalten und ich das Gefühl bekam, direkt in den mittelalterlichen Straßen zu stehen und teilzuhaben an den Farben, Gerüchen und Geräuschen. Die Handlung spielt zwischen 1201 und 1227 und ließ mich miterleben, wie Federico aufwächst und wie er sich vom jungen Falken zum mächtigen Adler entwickelt.

    Jedem Kapitel ist ein Originalzitat vorangestellt, manchmal von Friedrich selbst, manchmal vom bekannten Mittelalterbarden und -lyriker Walther von der Vogelweide oder anderen Personen. Dies unterstreicht den liebevollen Charakter des Buches. Man merkt, wieviel Arbeit und Leidenschaft Johanna Marie Jakob in dieses Werk gesteckt hat. Die historischen Fakten sind wohlrecherchiert und lassen der bunten Fantasie der Autorin trotzdem noch genügend Raum.

    Auch die Figuren sind durchweg gelungen, man spürt die Liebe, mit denen sie erschaffen wurden. Friedrich selbst ist ein ambivalenter Charakter, ich pendelte zwischen Bewunderung, Liebe und Abscheu. Da ist es verständlich, dass mit dem oben erwähnten Florent, dem späteren Schwertmeister Federicos, und seiner Geliebten Luna, einer Heilerin, zwei echte Sympathieträger als Protagonisten wirken. Insbesondere Florent trägt den Roman und seine Figuren, er erzieht nicht nur Federico, sondern viele Jahre später auch dessen Sohn Heinrich. 

    Ein wenig schade fand ich, dass für Federico durchaus bedeutende Figuren wie sein Lehrer im Kindesalter und Bella, der erste Falke, zu dem der Vogelliebhaber einen engen Kontakt pflegt, irgendwann einfach aus dem Roman verschwinden, ohne dass wir erfahren, was mit ihnen passiert ist. Und im letzten Drittel weist das Buch die ein oder andere Länge auf, die man aber nach dem Auftauchen des jungen Heinrich kaum noch spürt. Der Junge ist mit seiner Mischung aus Naivität und Ernsthaftigkeit fast schon hinreißend gelungen.

    Das sind aber auch die einzigen Kritikpunkte eines ansonsten sehr überzeugenden Romans, der es für einige Lesestunden schaffte, mich aus der Gegenwart 800 Jahre zurück ins Hochmittelalter zu katapultieren.

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    Cover des Buches Saskias Gespenster (ISBN: 9783947066414)

    Bewertung zu "Saskias Gespenster" von Corinna Antelmann

    Saskias Gespenster
    Christian1977vor einem Monat
    Kurzmeinung: Jugendroman über trauernde Kinder, der im letzten Drittel einen unbequemen, aber überraschenden Weg geht
    Wenn Kinder trauern

    Die zwölfjährige Saskia hat bei einem Unfall ihre Eltern verloren und zieht nach diesen Ereignissen in ein Waisenhaus. Doch dort fühlt sie sich als Fremdkörper und findet keinen Anschluss - bis sie den gleichaltrigen Oskar kennenlernt. Mit Oskars Hilfe gewinnt Saskia Lebensmut zurück. Und dann sind da ja auch noch die Gespenster auf dem nahen Waldfriedhof, die sich aus der Welt der Lebenden noch nicht lösen können und Saskias Unterstützung benötigen...

    "Saskias Gespenster" von Corinna Antelmann ist ein überraschender Jugendroman, den man zwar kritisieren, ihm aber nicht vorwerfen kann, dass er sich auf bekannten und ausgetretenen Pfaden bewegen würde. Zunächst einmal wirkt er ein wenig wie aus der Zeit gefallen: das Erzähltempo ist gemäßigt, ohne zu langweilen, die Mädchen heißen Saskia, Petra und Natalie. Mich hat das nicht gestört, ich habe es sogar als wohltuend empfunden. Die Mischung zwischen dem Umgang Saskias mit den Lebenden und den Gespenstern ist ausgewogen und sorgt durchweg für eine tröstliche, warmherzige Atmosphäre. 

    Die Ausflüge, die Saskia mit den Gespenstern unternimmt, sind dabei von unterschiedlicher Qualität. Manchmal in einer tatsächlich aufgehenden Mischung aus nachdenklicher Philosophie und Witz, seltener in Richtung Slapstick, die mir persönlich nicht so gefallen hat. Jüngere LeserInnen werden dies aber eher zu schätzen wissen.

    Saskia ist eine glaubwürdige, hin- und hergerissene Protagonistin, die in ihren Aussagen und ihrem Denken manchmal reifer als zwölf wirkt, was mich aber ebenfalls nicht störte. In anderen Jugendbüchern finde ich es oft zu aufgesetzt, wenn die Autoren wie Zwölfjährige wirken wollen.

    Mit Oskar hat Corinna Antelmann eine der vielleicht liebenswürdigsten Figuren der neueren Jugendliteratur erschaffen. Der Junge strahlt vor Charme und Warmherzigkeit und reißt nicht nur Saskia immer wieder aufs Neue mit, sondern gab auch mir ein Gefühl der Nähe, das darin gipfelte, mir diesen Jungen als Freund zu wünschen.

    Es fällt schwer, in dieser Rezension auf den Hauptkritikpunkt einzugehen, ohne etwas über "Saskias Gespenster" zu verraten. Ich versuche es nichtsdestotrotz. 

    Im letzten Drittel des Buches kommt es zu einem so drastisch-traurigen und überraschenden Wendepunkt, dass ich mich erst einmal sammeln musste. Mehr als der Wendepunkt selbst störte mich der Umgang damit. Denn schon nach kurzer Zeit ist der Tonfall des Romans wie vorher - dabei dürfte nach diesem Ereignis eigentlich nichts mehr wie zuvor sein. Ich hätte mir insbesondere im Hinblick auf jüngere LeserInnen gewünscht, dass ihnen in der Folge Zeit und Raum gelassen wird, um dieses Ereignis zu verarbeiten. 

    "Saskias Gespenster" ist ein ungewöhnlicher Roman geworden, der sich traut, einen wahrlich unbequemen Weg zu gehen, um Figuren in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Mir war dieser Weg im Hinblick auf Kinder, die diesen Roman lesen, ein wenig zu unbequem und er wurde letztlich nicht erfüllend zu Ende geführt. Sprachlich hat mich das Buch mit seinen musikalischen Metaphern, seiner philosophischen Wärme und mit der Figur meines neuen Freundes Oskar überzeugt.

    Ich gebe dem Roman 3,5 Sterne, die ich hier gern auf vier aufrunde.



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    • 15.01.1977

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