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Christine_Keller

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    Cover des Buches Gill-Lyrik / Glücklich verwurzelt (ISBN: 9783748525202)

    Bewertung zu "Gill-Lyrik / Glücklich verwurzelt" von Ekkehard Walter

    Gill-Lyrik / Glücklich verwurzelt
    Christine_Kellervor einem Monat
    Glaube und Humor - Hand in Hand

    Glaube und Humor Hand in Hand

     

    Der dichtende Zollbeamte von Jestetten  hat mich mit seiner Lyrik sofort in den Bann gezogen. Mit offenen Augen geht der Autor durch die Welt und verwandelt seine Eindrücke in Poesie. Egal ob er über einen dichtenden Berber schreibt, der das ganze Jahr durch auf der Parkbank schläft oder über Kinder, die in Pfützen spielen, immer ist Ekkehard Walters Blick liebevoll – beinahe ein wenig verträumt:

     

    Wintertraum

    Sieh nur wie die Flocken tanzen,

    wie sie wirbeln und im Ganzen

    dann das ganze Land bedecken,

    und unter die weiße Haube stecken. 

    Winterlandschaft wie im Traum,

    was Schnee verändert, glaubt man kaum. 

    (Seite 48)

     

    Gott zu begegnen hat Ekkehard Walter verändert. Im Glauben befindet sich offensichtlich die Verwurzelung seines Lebens. In einigen Gedichten wirft der Autor einen Blick in sein Herz und berichtet dem Leser. 

     

    Angenommen-Angekommen

    Ich bin angenommen,

    endlich angekommen,

    vorher gestrandet,

    nun sicher gelandet.

    Bin nun gesegnet,

    da Gott mir begegnet. 

    (Seite 7)

     

    In meiner Lesart ist es auch der Glaube,  der diesen Gedichten eine spürbare Fröhlichkeit und Leichtigkeit verleiht. Daneben versteht der Autor aber auch sein Dichterhandwerk. Die Verse sind flüssig geschrieben, elegant gereimt und haben einen Ton, der beim lauten Vorlesen dem Ohr schmeichelt.

     

    Die Begabung von Ekkehard Walter liegt auch in der Kürze und Prägnanz seiner Aussagen. Mit wenigen Worten hat er den Leser mit einem neuen Ausblick beschenkt: 

     

    Der Grübler

    Dunkle Brille, hohe Stirn,

    ich grüble, zermartre mir mein Gehirn.

    Wo stehe ich, wo will ich hin?

    Vor mir steht ein Neubeginn.

     

    Immer wieder ein Augenzwinkern, aber auch Aufrufe, die ganz unpathetisch daherkommen aber gerade deshalb beeindrucken:

     

    Kopf hoch, Du bist geliebt!

    Lass Dich nicht so einfach unterkriegen,

    da die meisten mit ihrem Urteil eh

    daneben liegen.

    Du bist nun einmal wie du bist,

    und der andere ist wie er ist.

    Hauptsache Du verstehst es zu leben,

    im gegenseitigen Respekt, Im Nehmen wie

    im Geben.

    (Seite 34)

     

    Ein wunderschönes Trostgedicht! Respekt spricht übrigens aus allen Gedichten Ekkehard Walters. Er gibt Hinweise und Anregungen, wirkt aber nicht belehrend. Es ist die Darstellung des Erlebten, die überzeugt. 

     

    Echt sein

    Wo gibt es noch echt sein,

    Wahrheit gegen den Schein?

    Ein Gegenstromschwimmen

    Oder Klippen erklimmen,

    ein kämpfender Blick,

    stets nach vorne, niemals zurück?

    (Seite 35)

     

    »Glücklich verwurzelt« ist ein Band, der Echtheit und Wohlwollen verbindet und nicht davor zurückgeschreckt,  ein Gedicht als »ernstgemeinte Bitte« an den Leser zu richten. Etwas, was sonst gar nicht mein Ding ist. Doch der Gedichtbeginn: »Sei in der Dunkelheit ein Licht, doch vergiss die Liebe nicht.« wirkt bei Ekkehard Walter authentisch und nicht aufdringlich.  

     

    Mit dem charmanten  »Regentropfenselbstgespräch« möchte ich meinen Rundgang durch die vielseitige und unterhaltende Gedichtsammlung abschließen. Man beachte, wie sich hier ein liebevoller Blick aufs Detail, Gelassenheit und fein abgestimmter Humor verbinden!

     

    Bin nur ein kleiner Regentropfen,

    doch in mir spiegelt sich die Welt.

    Heut will ich mal an dein Fenster

    Klopfen,

    ich hoffe, dass es dir gefällt.

    Will nur mal kurz durchs Fenster seh’n,

    mir von dir ein Bildnis machen,

    drauf werde ich alsbald vergehen,

    und du machst andre Sachen. 

    (Seite 25).

     

    (Ekkehard Walter: Glücklich verwurzelt, Gill Verlag 2019)

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    Cover des Buches Reise zum inneren Avatar (ISBN: 9783960501763)

    Bewertung zu "Reise zum inneren Avatar" von Mirjam Wyser

    Reise zum inneren Avatar
    Christine_Kellervor 2 Monaten
    Mystik special: ein spiritueller Entwicklungsroman

     

    Mein Lieblingssatz: »Tiefe Wunden kann nur Gott heilen« (Seite 230)

     

     

    Ein sehr persönliches Buch halte ich da in der Hand – das war mein erstes Gefühl. Denn nicht nur Menschen, auch Texte „strahlen Schwingungen aus“.

     

    „Reise zum inneren Avatar“ ist alles in einem: 

    •  Pilgerweg zwischen den Welten
    •  Entwicklungsgeschichte eines Liebespaares 
    • Rückführung in eine frühere (römische) Inkarnation
    • Traumbuch
    •  Sammelsurium spiritueller Reflexionen 
    • Einweihung in kosmische Wahrheiten

     

    Stimmungsmäßig erinnerte mich die Einweihungsgeschichte von Flora und Gabriel an Mozarts Zauberflöte. Eine Liebe auf den ersten Blick, an der nicht gezweifelt wird, die aber durch Initiationen gehen muss. Es sind zum Teil harte Prüfungen, die die beiden luziden Träumer zu bestehen haben.

    Die Herausforderungen im diesseitigen Berufsalltag von Medizin und Maschinenbau und vor allem nachts in der jenseitigen Geistwelt werden hautnah beschrieben. Und so wird das Unmögliche möglich: ein total spirituelles Buch liest sich wie ein Epos. Der Stil ist flüssig und  man legt die „»Reise zum Avatar« kaum aus der Hand. Der Spannungsbogen reißt selten ab und die zwei Hauptfiguren überzeugen mit einer großen Präsenz. Unweigerlich stellt der Leser stellt fest, dass es in der Liebesgeschichte von Flora und Gabriel um alles geht …

     

    Der erschütternde Exkurs in eine frühere Inkarnation der Römerzeit ist der Startpunkt für die Entwicklung der beiden Protagonisten. Das wäre ja schon Spannung genug. Doch die größte Stärke der Autorin liegt im Zelebrieren von Bildern, Bildern, Bildern. Mirjam Wyser entführt die Leser in eine unglaubliche Welt voll lebendiger Symbole. Diese Bilder sind stärker als alle logischen Argumente, denn sie entsprechen dem direkten Erleben im sogenannten »Jenseits«.

     

    Schrittchenweise führt Mirjam Wyser den Leser Richtung feinstoffliche Welt. Und auch wenn ich nicht in allen Punkten gleicher Meinung bin (zum Beispiel Rudolf Steiner betreffend) so ist dieses Wagnis, einen JENSEITSROMAN zu schreiben bewundernswert. 

     

    Das Element Wasser ist ein verbindendes Hauptmotiv, das immer wieder auftaucht: Floras und Gabriels erste Begegnung im Herbstregen, der Silbersee, den das Paar im Jenseits besucht, Nebelschwaden, die Bändigung eines Sturms oder der Gralsmythos, Mirjam Wyser scheint mit diesem Element besonders auf »du und du« zu stehen. Manchmal gehen Wasser und Licht ineinander über – überhaupt nehmen Verwandlungen (von Seelen und Zuständen) einen Großteil des Textes ein.

     

    Auf der alchimistischen Reise zum Avatar, zur inneren Meisterschaft, folgt eine Herausforderung der andern. Die Rückkehr ins Licht konfrontiert kompromisslos mit den eigenen Schatten, und darum ist diese Buch nichts für Feiglinge. 



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    Cover des Buches (K)ein Wort zu viel (ISBN: 9783947822188)

    Bewertung zu "(K)ein Wort zu viel" von Dana Luminita

    (K)ein Wort zu viel
    Christine_Kellervor 5 Monaten
    Schweigen, reden. leben: ein Seelenroman der besonderen Art

    Dana Luminita: (K)ein Wort zu viel

    Schweigen, reden, leben: ein Seelenroman der besonderen Art

    Klappentext: Als Ariane mit gerade acht Jahren durch einen grausamen Schicksalsschlag zur Vollwaise wird, ist sie urplötzlich nicht mehr in der Lage zu sprechen. Eine Blockade, die sich, auch bei den besten Absichten, ein normales Leben zu leben, nicht auflösen will.- Die Musik ist es, in der Ariane Trost findet und mithilfe derer sie sich ausdrückt. Auch die Liebe und eine tiefe Freundschaft sind zwei wichtige Stützpfeiler in ihrem Leben. Doch werden diese Dinge ausreichen, um eine verletzte Kinderseele zu heilen und Arianes Blockade zu lösen oder hat das kleine Mädchen von einst bereits viel zu viel gesagt?

     

    Mein Eindruck: 

    Es ist ein mutiges, kraftvolles und differenziertes Erstlingswerk, welches Dana Luminita hier vorlegt. Die  Sprache ist schnörkellos, „kein Wort zu viel“ scheint auch stilistisch ein adäquates Prinzip zu sein,  Ariane vom ersten Wort an zur Sympathieträgerin  zu machen.  Die Handbewegungen der Gebärdensprache, derer sich Ariane bedient, spiegeln sich in Dana Luminitas  klarer Schilderung von all dem  Hin und Her und Her  und Hin, bis   sich Ariane  endlich gefunden hat. Es ist mehr als nur ein Bericht, es ist eine Art Lebensmusik, in der die Motive ständig wiederholt und variiert werden.  

    „(K)ein Wort zu viel“  ist Musik, man muss ihr zuhören … bis zum Ende.  Ich habe das Buch quasi in einem Zug durchgelesen!

    Wir folgen Ariane gespannt: Erstarrung und Flucht wechseln sich ab. Aufbrüche werden gewagt, doch immer wieder unterbrochen durch das Verdrängte, welches sich mehr oder weniger bewusst wieder meldet. 

    Und dazwischen spielt Ariane immer wieder Beethovens „für Elise“ und bald auch eigene Melodien. Sie ist eine begabte Pianistin. 

    Liebe in verschiedenen Formen begleiten sie. Liebe zu den Eltern, zu einer älteren Nachbarin, zu  Freund und Freundin. Doch all diese Beziehungsgeschichten  münden  schliesslich in die grösste Liebesgeschichte des Buches: der Liebe Arianes zu sich selbst.   Die Beziehungen helfen ihr Distanz zu gewinnen, sie ist wie ein Baum, der in Sonne, Wind und Wetter wächst. Bis eines Tages das Trauma überwachsen ist, die Distanz gewonnen ist, die der    Tiefe der Verletzung entspricht. Dann endlich wagt Ariane den Blick in sich selbst. 

    Gewalt, das grösste  Gesellschaftsthema unserer Zeit. Doch was  geschieht danach in der Seele der Beteiligten, fragt man sich, wenn ein Verbrechen geschieht? Zertört ist schnell. Dann folgen Stille, ja Totenstille. Genau mit diesen Worten nehmen  Eingangsgedicht und Prolog in diesem Roman den Faden auf. Es ist ein „Seelenkrimi“, der hier erzählt wird, der an Spannung einem echten Krimi in nichts nachsteht. 

    Der Weg der Heilung zeigt ein wichtiges Grundmuster: Es ist die Intensität der Gefühle, die Ariane fürchtet und  der sie ausweicht. An einer bestimmten Stelle wird von „emotionalen Gefühlen“  gesprochen, die Ariane in einem Betreuungsgespräch überfallen. Zuerst stutzte ich bei dieser speziellen Wortkombination.  Doch dann erinnerte ich mich, dass im Französischen zwischen „emotion“ und „sentiment“ unterschieden wird. An ihren spontan auftauchenden Emotionen und ihren tieferliegenden Gefühlen, an diesen beiden Ebenen arbeitet Ariane. Passenderweise spielt im Plot dann auch der Französische Kulturraum eine Rolle: ein französischer Musiker wird ihr Retter und  in Paris ist die grösste Fluchtdistanz erreicht. Diese letzte Flucht zeigt sich als ihre Rettung, denn es ist  die Flucht aus dem Gefängnis ihrer Selbstkontrolle.  

     

    Fazit: 5 Sterne für diesen Seelenroman über Mutismus, den ich auch jedem Therapeuten ans Herz legen möchte.

     

    (K) ein Wort zu viel, Bestverlag Saarbrücken, 2019, ISBN 978-3-947822-18-8

     

     

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    Cover des Buches Gill-Lyrik / Nebellaut (ISBN: 9783745033489)

    Bewertung zu "Gill-Lyrik / Nebellaut" von Lisi Schuur

    Gill-Lyrik / Nebellaut
    Christine_Kellervor 7 Monaten
    Lyrische Perlen

    Liebe in all ihren Facetten, Sehnsucht , Erfüllung, Enttäuschung, das Befinden und Finden der eigenen Seelenlage – der Strom von   Assoziationen, Farben und Sinneseindrücken  scheint bei Lisi Schuur kaum abzureissen. 

     

    „Schreiben auf Magnolienknospen/alle Klänge früher Blüten“

    Es sind zwei Zeilen aus dem Gedicht  „Ein Ahnen“, in welchem, wie ich vermute, der   ureigene  Ton der Autorin  besonders gut zum Ausdruck kommt.  

    Hartes und Weiches, Tragendes und Schwebendes,  Wurzeln, vermooste Steine, blaue Sonnenküsse, ein sanfter Wind  und und und werden in  diesem Frühlingsgedicht zu einem harmonischen Ganzen verbunden.

     

    Hartes und Weiches bietet das Leben, Lyrik ist  Spiegel und gleichzeitig Verarbeitung dieser verschiedenen Lebenszustände. 

    „Das Weiche besiegt stets das Harte“ ….man könnte beim Lesen dieses Bandes Laotse zitieren – denn wenn ich Lisi Schuurs Gedichten ein Element zuordnen müsste, wäre es das Wasser. Im Strom ihrer Bilder kann man sich verlieren, tief in Gefühle eintauchen und dabei beobachten wie sie sich  transformieren.  

    Auch der Titel des Bandes: NEBELLAUT spielt auf das Element Wasser an. Gedichte als Laute, die den stummen Nebelschleier   durchdringen.  Ist noch die Frage, was dieser Nebel bedeutet?  Sehnsucht, Schmerz, Unwissenheit?

     

    „Es kam so“ (Seite 22ff) – hier wird  die durchdringende Wichtigkeit von Lyrik  vielleicht am besten zum Ausdruck gebracht. 

     

    Das Gedicht beginnt mit folgenden Zeilen:

     „es ist keine Schande

    den Zustand 

    nicht wissen zu können….“

     

    Dann kann aber auch Lyrik nicht trösten und wird selbst angesprochen:

    „Lyrik

    die trösten soll

    heute nicht 

     

    untröstliche

    Lyrik

    ich weine  mit dir

     

    wer bist du

    dass ich weine

    ohne Trost

    lässt du

    mich

    sein 

     

    Was ist schon Lyrik

    wenn sie nichts

    mir bietet

    nur 

    mich…“

     

    Und dann wird die Lyrik, der Spiegel, doch noch aktiv ….und zeigt ihr Wesen, welches sich der Autorin annimmt…oder umgekehrt…

     

    „Die vielgestaltig ist

    die auf sich warten lässt

    die immer untreu

    launisch und wechselhaft

    die jedem Windstoss frönt

    weil er verändern kann….“

     

    Dass Lyrik das lebendigste aller Genres ist und  eben weil sie „jedem Windstoss frönt“,  sich auch in der  Verzweiflung neu erfindet, zeigt dieses Gedicht, welches zu einem   fulminanten Abschluss kommt. Es sind Zeilen, die in ihrer Expressivität alle andern Gedichte diese Bandes hinter sich lassen. 

     

     

     

    Ich zitiere einen Ausschnitt:

    „Worte

    wie 

    blau

    sich

    versteckt

    wieder

    auszieht

    silbern

    wird 

    auf 

    dem Fluss

     der

    Kuss

    Der

    Farbe

    bekennt …..“

     

    In solchen Wortreihungen verwirklicht ein Gedicht mehr als jede andere Textart,  eilt  sogar dem SMS- Berichterstattungsboom voraus. Denn was das  Handy vergebens anstrebt,   kann  Lyrik erreichen: die Lebendigkeit der Gegenwart auszudrücken.

     

    Alle Texte von Lisi Schuur zeugen von tiefem Sprachverständnis,  Ausdruckskraft,  einem grossen Wortschatz  und vielen Gestaltungsmöglichkeiten. Dennoch haben mich nicht alle Texte in gleichem Masse bewegt, das kann kein Gedichtband leisten. Aber die vielen Perlen, die ich entdeckte, lassen mich sehr sehr gerne 5 Sterne vergeben. 

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    Cover des Buches Gill-Lyrik / Wie die Tiefen der See (ISBN: 9783748570622)

    Bewertung zu "Gill-Lyrik / Wie die Tiefen der See" von Uwe Honnef

    Gill-Lyrik / Wie die Tiefen der See
    Christine_Kellervor 7 Monaten
    Das Meer der Gefühle


    Gedichte, die  wie Schiffe auf den Wogen der Gefühle segeln.  Auf und ab, Ebbe und Flut, Angst und Lachen – Uwe Honnef fängt  Stimmungen ein, auf denen seine «Gedichtschiffe» den Weg durch die Wellen der Emotionen und der Gegensätze  bahnen. 


    Das Segelmotiv selbst ist häufig anzutreffen, zum Beispiel in  «Kurswechsel» (erste Strophe, Seite 43) )

    Leise zieht mein Schiff seine Bahn,

    die Segel gebläht vom Wind.

    Was habe ich mir nur angetan,

    dass wir nicht beisammen sind? 

    Man beachte die Raffinesse von Zeile drei, wo nicht wie erwartet «dir» sondern «mir angetan» vom liebevollen und tiefgründigen Humor des Verfassers zeugt.


    Uwe Honnefs Gedichte sind durchdacht, tiefgründig und aktuell!! 

    «Infiziert» (erste Strophe, Seite 14) )

    Schweiss auf der Stirn,

    Gedanken, die uns verwirren,

    Angst geht überall herum,

    dies ganze Welt hat Angst, ist stumm.


    Auch das Kippen von Gefühlen wird beobachtet. Beginnt «Stimmung» noch mit den Zeilen…

     «Starrende Blicke in die Tiefe des Raumes

    Knisternd, die Aura des dumpfen

    Traums.

    ….so wird der Groll in den letzten beiden Zeilen wie durch ein Naturgesetz wieder aufgelöst:

    Doch plötzlich ein Lachen, ein Reden,

    was war noch? Was soll’s? 

    (Seite 23)

     

    In meinem Lieblingsgedicht  «Segeln»  (Seite 34)   lässt Uwe Honnef das Boot Richtung aufgehende Sonne gleiten und die vielen Zeilensprünge betonen den fliessenden und ruhigen Rhythmus:

    Der Blick zum Heck zeigt dir die

    schwarze Nacht. Am Bug erhellt sich die

    Grenze, die sich Horizont nennt,

    verwischt von des Dunstes Fäden.

    Stahlgrau verteilt sich das Licht,

    verschluckt alle Farben, bis die Sonne

    mit aller Kraft den ersten Strahl uns entgegenschickt.

    Sie öffnet den Fächer mit aller Gewalt,

    die Vögel der See beginnen zu kreischen.

    Der Himmel wird blau, das Leben

    erwacht. Ein Wind weht von Land mit

    dem Geschmack der Nacht.


    Der kleine Überraschungsreim «erwacht – Nacht» ist natürlich besonders toll.

    Uwe Honnef betont selbst (Seite 7) ..." ich wollte nicht reimen, hat sich nur manchmal so ergeben!"

     

    Dem Autor gelingt es auch Gefühle glaubhaft darzustellen, die  weit in die  Kindheit zurückreichen. 

    Dazu einige Zeilen aus   «Zipfel». Wieder überspringen die Sätze auf originelle Art das Zeilenende. 

    Er schmiegt sich in den Arm, einmal

    gross, manchmal klein,

    dort hat er’s schön warm, und ist nicht

    allein. 

    (Seite 31)


    Alles in allem ein gelungener Band mit farblich stimmigem Cover, der 5 Sterne verdient. 

     

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    Cover des Buches Gill-Lyrik / Geradewegs gehen wir (ISBN: 9783750269064)

    Bewertung zu "Gill-Lyrik / Geradewegs gehen wir" von J. Heinrich Heikamp

    Gill-Lyrik / Geradewegs gehen wir
    Christine_Kellervor 8 Monaten
    Kurzmeinung: "Gedichte verdrängen "Graugedanken"
    "Gedichte durchdringen "Graugedanken"

    „Blumentöpfe, Gärten und Bäume verhüllen meine Graugedanken“ – Zeilen aus diesem Band. Doch Lyrik geht weiter, verdrängt  „Graugedanken“.  

    Mit verbaler Artistik, Gefühl und Humor lässt Heinrich Heikamp die Leser  durch seine Texte gehen, schlendern, wandern, mitunter tanzen oder stolpern. (Es sind auch einige sehr schöne Liebesgedichte darunter).

    Die Gedichtzeilen sind gemittet, wie um das „Geradewegs“, die Zielgerichtetheit des Dichters zu betonen.  

    Geradewegs gehen wir

              die Gerade

    bis wir die Kreuzung 

                 kreuzen

        um ohne Umwege

               unser Ziel

             zu umgehen

             (3.6.2018)


    Aufbruch, Weg und Ziel, diese und andere Motive  werden auf ca. 60 Seiten  immer wieder aufgenommen.  

    Das Umgehen hat seine eigene Magie. Im Umgehen des Unverstandenen werden mit bildhaften Momentaufnahmen  und Gedankenspielen  lichtvolle Ein- oder Ausblicke gewährt. Das Cover zeigt es programmatisch:  Eine Türe lässt Helligkeit in einen (kirchlichen?)   Innenraum fallen. 

    „Bist du Dichter, wenn du dichtest? Bist du dicht, wenn du dichtest?“ (19.7.2017)  Nein, der Dichter geht durch hell erleuchtete Türen, ist nicht „dicht“ sondern eher durchlässig für Einsichten, die über das Wort hinausreichen.

    Wenn man sich in Ruhe auf diese kurzen Texte einlässt, entdeckt man ihren Tiefgang. Und die scheinbare Schlichtheit offenbart ihre Genialität.   


    Vom Balkon aus schaut

       auf die andere Seite

       er wo die Fremden

        wohnen, die hierher

                  gehören

       Er weiss nicht, ob es

           Für ihn ein Hier je

                geben wird

    Alle Menschen sind doch

                  anders. 

                (April 2017)


    Heimkamps Texte sind kompakte Körper aus Sätzen, verwenden Wortspiele, die sich wie ein Tangram-Puzzle zu einer plötzlichen Einsicht zusammensetzen: 


            Neue Gedichte

    Schreibe ich neuerdings

         mit meinem ersten

             Literaturpreis

           Den ich neulich 

               wiederfand

       ein bescheidener Füller 

           nicht mehr neu.


              (April 2017) 


    Wenig ist mehr und ein freundliches Wort so viel wie eine offene Tür:


      Es reicht doch

         ein   einziges

    freundliches Wort

           Und der

        der nichts hat

           gibt mehr

         als erwartet.


          (9.2.2017)



    Für dieses mit Geschmack gestaltete Bändchen mit literarischem Tiefgang gebe ich gerne 5 Sterne. 


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    Cover des Buches Der König der Schatten (ISBN: 9783749408054)

    Bewertung zu "Der König der Schatten" von Ilona Sonja Arfaoui

    Der König der Schatten
    Christine_Kellervor 8 Monaten
    Kurzmeinung: ein Roman wie ein Zauberspruch...
    ein Roman wie ein Zauberspruch ....

    ein Roman wie ein Zauberspruch…


    „Der König der Schatten“, ein in sich abgeschlossenes Epos aus dem Irland des Mittelalters, ist gleichzeitig  Herzstück   und Hintergrund zum  Vorgängerband „Der Hexenmeister, die Macht und die Finsternis“.


    Während  mehreren Lesenächten zog mich die fünfhundertseitige Geschichte um Cahal, den Schattenkönig, in ihren Bann. Es ist eine Geschichte, die einem irischen Knotenmuster gleicht. 


    Denn vieles ist hier ineinander verwoben. Das   Personenaufgebot ist relativ gross: Adelige, Bauern, Priester, die neun   auserwählten Jungmagiern -  Cahal,  der Königssohn und Thronfolger in ihrer Mitte - und die dunklen Herrschern als Strippenzieher. Dazu kommen  die Seelentiere der Auserwählten und  Schauplätze aus Diesseits und Anderswelten, die wichtige Rollen spielen.  Es ist Ilona Arfaouis Sprachmagie zu verdanken, dass sogar Ozean, Abgrund und Wald, Wege und Türen, Himmel und Wetter ein eigenständiges Leben zu entwickeln scheinen…


    Der Autorin gelang es, einen wirklich phantastischen Roman zu schreiben. Die Szenerien wirken  real, doch man wird das Gefühl nicht los, dass  jederzeit Anderswelten durch die Zeilen brechen könnten. 

    Und durch diesen ungeheuren Suspense führen die Erzählstränge des Chronisten Finian, Cahals Cousin. Mir gefällt übrigens sehr, dass ich als Leserin  immer wieder durch Finian angesprochen werde, wodurch die schweren Themen sowohl an Leichtigkeit als auch an Tiefe gewinnen.  Finian, der feinfühlige, oft zerbrechlich wirkende, im Grunde aber starke Erzähler, weist   auf die Wendepunkte im Knotenmuster hin, Wendepunkte,  die sich aus der Verknüpfung von  Überlebensstrategien, Liebe, Angst  und Macht ergeben.


    Ilona Arfaouis  Schreibstil ist grandios. Sie  inszeniert Sprünge in Zeit und Perspektive und lässt provokative, alltägliche, witzige, erotische, ausgelassene, unheimliche und  kämpferische Szenen entstehen, die ein schlagartiges Licht auf die Psyche der Beteiligten werfen.  Mit wenigen Worten kann sie  Personen beschreiben und später im Text wie  beschwörend  auf diese Metaphern und Kennzeichen zurückgreifen. Die Autorin ist eine Meisterin der Bilder, ganz klar, das zeigen auch ihre Illustrationen,   ausdrucksstarke Portraits der Auserwählten vor jedem Kapitel.  


    „Der König der Schatten“ ist keine einfache Lektüre. Ich habe selten ein Buch gelesen, welches sich so systematisch mit   geistiger Dunkelheit  auseinandersetzt - der Dunkelheit als Anbetung der Macht. 


    Die jungen Helden kämpfen gegen das Dunkle, doch das Resultat ihrer Kämpfe ist  deprimierend. Ganz im Gegenteil zu Mephisto, der sich als  Teil jener Kraft bezeichnet, die „stets das Böse will und stets das Gute schafft“, wollen die Auserwählten als  Revolutionäre die Welt erhellen, treiben aber Seite für Seite auf ihr Verhängnis zu. Und aus Helden werden nach und nach Antihelden. 


    Fazit:  Ein mutiges  Buch für mutige Leser. Ein nachhaltiger Eindruck ist garantiert. 

    ich vergebe 5 Sterne *****


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    Cover des Buches Bionic Soul (ISBN: B07YJ6BB1Q)

    Bewertung zu "Bionic Soul" von Paola Baldin

    Bionic Soul
    Christine_Kellervor 8 Monaten
    eine mitreißende poetische Reflexion zum Thema Menschlichkeit

    Achtung: leichte Spoilergefahr! 

    Können mechanische Herzen brechen? JA lautet die Antwort auf diese Frage, die provokativ das Cover ziert. Und sicher wird auch das Herz des Lesers gebrochen, meins bereits auf den ersten Seiten....

    Diese von der Autorin liebevoll bebilderte Dystopie behandelt ein Top-Thema: den Vergleich von Mensch und Maschine. Absolut konsequent und mutig lässt Paola Baldin die Geschichte aus der Sicht Dimitri Jenkins (Dima) erzählen, eines Androiden und "Social Communication Bots". Das Wagnis der erzählenden KI-Stimme zeigt im Laufe der Story immer grössere Ähnlichkeiten zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz auf: beide sind Geschöpfe, die durch ähnliche Denkstrukturen und Erlebnisse Richtung Selbstbewusstsein wandern - Androiden als Spiegel des Menschlichen...

    Stichwort "Spiegel": Neben Dimas Gutherzigkeit (auch mechanische Herzen können gut sein!) gibt's natürlich ebenfalls Bösewichte, zum Beispiel Mirror, der sein Gesicht mit den zerstörten Augen verhüllt und von ferne an Figuren wie "Darth Vader" (Star Wars) und "Königin Levana" (Luna Chroniken) erinnert.

    Dystopie und Gewalt- eine vom Genre diktierte Allianz? Grausamkeit und Hoffnung prallen auch in "Bionic Soul" aufeinander und Zerstörung lauert rund um das Leitmotiv, die zarte Annäherung zwischen Mechanikerin Stefanie und Dima.  Kampf, Fanatismus, Tod - der Leser ahnt bereits zu Beginn, dass in dieser Story noch vieles enden wird bis das Rätsel um Dimas Mission, dem Projekt HD106906b gelöst ist. 

    Literarische Gewaltdarstellung ist immer ein zweischneidiges Schwert, denn sie ist ein dramatischer Handlungsträger und gehört gleichzeitig für viele (nicht für mich) zum Lesegenuss. Dennoch muss "Bionic Soul" dieses Schwert in die Hand nehmen und sich den destruktiven Themen stellen.

    Neben dem Schwert gibt es auch die Rose, den schöngeistigen Touch.  "Bionic Soul" ist poetisch in Anspielungen und Sprache bis hin zu Namensgebungen wie "Firefly, Dragonfly, Polar, Thunder, Storm, Nightingale" usw.

    Reminiszenzen einer untergegangenen Welt werden zelebriert: "What a wonderful world" von Louis Armstrong erklingt, Rosen werden auf Gräber gepflanzt und auf Raketen gemalt, natürliche und künstliche Meisen spielen miteinander, Mensch und Android bewundern zusammen Sternenhimmel und Sonnenaufgang.

    Dima, ist vielleicht eine neue Version des "kleinen Prinzen"....dem Buch, welches bereits sehr früh im Text in einer Bunkerszene seinen Auftritt hat. Dimitri, der Androidenprinz, auferweckt nach dem dritten Weltkrieg, begibt sich auf Vision-Quest, liebt und verliert, liest in Tagebüchern Verstorbener sowie in den eigenen Erinnerungen und zeigt sich durch und durch als Rebell, der mit andern für eine bessere Welt kämpft. 

    Die neue bessere Welt allerdings muss noch warten. Bionic Soul wirkt oft wie ein Abschiedsbrief an eine untergegangene Kultur und gibt dem Leser das Gefühl, sich nicht nur in einer Dystopie, sondern auch in einem Märchen der Romantik zu befinden. Liebe und Tod, Technik und Traum sowie die Auseinandersetzung mit früheren Epochen sind alles romantische Motive. Auf jeden Fall hat die Autorin mit ihrer hoch emotionalen Sprache, durch magische und zugleich rudimentäre Verwendung von Technikangaben und durch die vielen inneren Monologe der Hauptfigur etwas Zauberhaftes geschaffen. 

    Was wahrscheinlich schwierig zu koordinieren war und mich ein wenig verwirrte, war das Verhältnis zwischen Entwicklungsroman und Politthriller. Der Fokus der Erzählung liegt für mich  eindeutig beim Befinden von Dima und nicht auf seiner gesellschaftspolitischen Mission. Was ich damit ausdrücken will: mit einer soooo weit gefassten Rahmenhandlung hätte "Bionic Soul" das Potential für einen Mehrteiler gehabt. In diesem Format aber müssen etliche wichtige Motive skizzenhaft abgehakt werden.

    Fazit: Es gefiel mir sehr, dass "Bionic Soul" einen durchgehenden philosophischen Anspruch hat und eine absolut originelle Erzählperspektive wählt. 

    Meine kleinen Abstriche in der Bewertung runde ich auf zu 5 Sternen. 






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    Cover des Buches Barackenkinder (ISBN: 9783960501589)

    Bewertung zu "Barackenkinder" von Marion Schinhofen

    Barackenkinder
    Christine_Kellervor einem Jahr
    Aufkärung und Appell gegen Gewalt: ein Buch, das für sich selbst spricht

    Zuerst der Klappentext:

    Obwohl sie in einer Barackensiedlung aufwächst, deren Bewohner als "asoziales Pack" beschimpft und ausgegrenzt werden, ist Reginas Leben unbeschwert. Freiheit, Spiele und Spaß bestimmen ihre sorglose Kindheit - bis zu ihrem achten Geburtstag. Mit ihrer Aufnahme in ein Kinderheim beginnt ein jahrelanges Martyrium. Zehn Jahre voller Misshandlungen und Vergewaltigungen, die mit einer Zwangsheirat enden, beginnen.  Trotzdem schafft Regina es, der Gewaltspirale lebendig zu entkommen. Und sie rächt sich an ihren Peinigern, wird angesehener VIP. - Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit und beschreibt den Weg einer mutigen und gefühlsstarken Frau, die es aus den Baracken in die Welt der "besseren Gesellschaft" geschafft hat. Obwohl Regina, wie sie in diesem Roman genannt wird, etliche Jahre brauchte, um sich von ihren Traumata zu befreien, ist sie heute ein positiv eingestellter  Mensch, der mit dem Bericht, der diesem Buch zugrunde liegt, eines erreichen will: Die Wahrheit über die damaligen Zustände in Kinderheimen soll endlich ans Licht kommen. Es ist ein Roman, der es in sich hat, aber viele Wege der Gewaltbefreiung aufzeigt. - Für jedes verkaufte Exemplar dieses Titels spendet der Verlag einen Euro an den WEISSEN RING e.V.

    Lassen wir Regina zu Wort kommen:
    "Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals von meiner Mutter in den Arm genommen worden zu sein."
    "....als ich bereits blutend und schreiend auf dem Boden lag, machte sie der Quälerei ein Ende."
    "Warum redet niemand mit mir? Was hat meine Mutter euch am Telefon erzählt? Lieber Gott, ich will hier weg..."
    "Besonders brutal schlugen sie zu, wenn wir Kinder uns Schutz suchend in den Arm nahmen, um uns gegenseitig zu trösten und zu wärmen."
    "Tagsüber mussten wir in dem mit hohen Hecken eingezäunten großen Gemüsegarten arbeiten und oft mit bloßen Händen Sommer wie Winter die Erde umgraben. Am Ende des Gemüsegartens war durch eine weitere Hecke der Kinderfriedhof des Heims abgetrennt. Dort standen viele weiße Grabkreuze ohne Namen.

    Wenn mich bereits das Lesen Kraft und Überwindung kostet, wie kann man solche Erlebnisse überhaupt physisch und psychisch verarbeiten? Regina ist eine Kämpferin. Sie kämpft, zuerst ums Überleben, dann um die Verheilung der seelischen Narben, um Lebensfreude und schluss-endlich auch für andere Opfer.  Psychologen scheinen keine sehr hilfreiche Rolle dabei zu spielen. Es sind eher schicksalshafte Begeg-nungen, die sie Stück für Stück auf ihrem Lebensweg weiterbringen. So auch Marion Schinhofen, die Regina nach der Lektüre des Buches "Betty und Paul" kontaktiert. Marion Schinhofen schreibt in der Folge Reginas Geschichte auf, ein Prozess, der hilft, vieles aufzulösen und loszulassen. In der "Vorgeschichte" des Buches wird unter anderem erwähnt, wie sich Regina im Wald austobt, schreit und weint... Schreiben als Therapie, denn Schreien und Schreiben sind nur durch einen Buchstaben voneinander getrennt...Bewundernswert ist die Begleitfunktion der Autorin. Durch ihre Stärke und ihr Verständnis scheint ein weiteres Stück Befreiung von der Vergangenheit gelungen zu sein. 

    Des Grauens ist viel, dennoch gibt es immer wieder ein Aufatmen im Laufe des Buches. Zum Beispiel, als die drei jungen befreundeten Opfer Regina, Elke und Heide (nach dem Ausbruch aus ihren Zwangsehen und mitten im solidarischen Rachefeldzug gegen die ehemaligen Heimquäler) 1976 zusammen ihr erstes schönes Weihnachtsfest feiern.
    "Ich will...ich werde....ich mache..." heißt  Reginas Credo. Es folgen wunderschöne Reiseschilderungen der drei auf die Balearen, wo sowohl Elke als auch Heide ein neues Zuhause finden. 

    Regina schafft es, mit dreißig  Jahren alleine weiterzugehen, trifft andere Menschen: Beate und Adrian. Mit letzterem verbindet sie eine bis zu Tod nur teilweise ausgesprochene Liebesgeschichte.  Sie sieht ihre Schwester wieder, deren Verteidigung vor sexuellen Übergriffen sie damals ins Heim brachte. Die Schwester ist frisch verheiratet und steht kurz vor der Auswanderung nach Neuseeland.. Regina macht trotz Abschieden immer weiter.
    "Nie mehr arm", sagt sie sich wie eins Scarlett o'Hara....bevor sie Adrians Jobangebot annimmt. Schon vorher hat sie sich im Personalwesen hochgearbeitet, Geld verdient, sogar Abfindungen erstritten. Nun kommt sie an Adrians Seite in die VIP-Gesellschaft.
    Es ist die Lebensfreude, die nach und nach aufersteht, bis sie beinahe am Schluss des Buches sagen kann: "Ich lebe. Sehr intensiv. Und das ist prima." Allerdings bleibt für sie körperliche Nähe zu Männern ein Problem. Und sie schafft es erst mit 65 Jahren ihren Geburtstag zu feiern!
    Regina (lat. "die Königin") setzt sich dezidiert und manchmal mit nötiger Lautstärke für sich und andere ein, bis in oberste Firmenebenen. Sie, die Verletzte, hilft auch  einen privaten Gesprächskreis für Gewaltopfer mitzubegründen und verteilt verantwortungsbewusst nach dem schmerzlichen Tod von Adrian geerbte Spendengelder.  

    Die Frage muss nochmals gestellt werden: Kann man eine solche Vergangenheit überhaupt bewältigen? Vielleicht nie. Zwänge werden überwunden, die Angst wird wenigstens in den Griff bekommen. Regina versucht mit allen Mitteln den Schrecken aufzuarbeiten: Sie recherchiert viel über Heime in den 1950er bis 70er Jahren, spricht mit ehemaligen Heimkindern und sucht die alten Orte und die Spuren ihres Rachefeldzugs wieder auf. Es ist ihre unermüdliche Trauma-Arbeit.

    Das Buch ist stark gegliedert: Marion Schinhofen und Regina kommen zu Wort. Zwischendurch eingestreut sind Kurzberichte weiterer Gewaltopfer. Ausführliche Geschichtsteile zu Kinder- und Frauenrechten in Deutschland -  auch im Vergleich mit der gegenwärtigen Situation -, Informationen zu katholischer Kirche und Vatikan, Bemerkungen zu Vorkämpferinnen der Frauenrechte, Hinweise zu Hilfsstellen, Weblinks und eine Literaturliste am Schluss geben "Barackenkinder" einen Sachbuchcharakter. 
    Auch wenn man hier genremäßig mäkeln könnte, ich war ehrlich gesagt froh um diesen Mix. Die Sachbuchteile erlauben zum Teil schon formal eine gewisse Distanz zum Geschehen. Die ersten 60 Seiten sind manchmal kaum zu ertragen, stellenweise ein Martyrium für den Leser. Es gibt also die Möglichkeit 1. das Buch wegzulegen für eine Zeit oder 2. nach hinten zu blättern und abzulenken.
    Nicht nur die Schilderungen der körperlichen Brutalität gehen an die Grenzen des Ertragbaren, sondern auch die organisatorische Selbstverständlichkeit, die sprachlich-bigotte Grausamkeit ("das habt ihr gut erledigt, die ehrenwerten Herren waren sehr zufrieden mit euch" oder "wir werden es jedem (ergänze: Heimkind) mit der Peitsche austreiben, der sich eine Ferkelei erlaubt")  mit der hier - im Jahrhundert des Kindes! - instrumentalisiert, gequält , sexuell missbraucht und ausgebeutet wird. Und das durch kirchliches Bodenpersonal im Zusammenspiel mit Staatsstellen und gefühllos verrohten Einzelpersonen. Das Buch strömt für mich zeitenweise den nekrophilen Geruch der Nazizeit aus, zum Teil bekennen sich Personen auch noch zu solchen Ideologien.
    "Barackenkinder" lässt in einen schwindelerregenden Abgrund schauen. Es ist der allgegenwärtige Abgrund der Menschheit, die Möglichkeit, das Böse zu wählen, d.h. das Liebesgesetz zu umgehen, Schwache zu instrumentalisieren, vielleicht sogar sich von dämonischen Kräften besetzen zu lassen. Dieser dunkle Abgrund der Gewalt gehört scheinbar  zu unserer Spezies, im engeren Sinn sogar zur Kirchengeschichte... Wo sich Berge der Macht auftürmen, tun sich auch Abgründe auf...

    Was betroffen macht, sind auch Gedanken, die Regina später im Buch äußert über die zunehmende Verrohung und Abstumpfung unserer Gesellschaft durch Massenmedien, TV und Co. JA, möchte ich dazu sagen und widerspreche der Ansicht, dass geistiger Konsum von übertriebener Gewalt eine  therapeutische Ersatzhandlung ist und reale Übergriffe vermindert. Gedanken sind Vorstufen des Handelns, das haben Jesus und andere spirituelle Leitfiguren immer wieder gelehrt.  Das Bewusstsein fehlt heute, dass alles, was der Mensch aufnimmt, bzw. denkt und fühlt, eine Wirkung zeigt. Gerade deshalb ist "Barackenkinder" ein besonders mutiges Gegengewicht zu einer Unterhaltungsindustrie, die Gewalt wieder salonfähig macht.

    Gewalt und deren Auflösung gehören zu einer gelebten Kultur: Regina weist immer wieder auf die Passivität Deutscher hin, z.B: im Gegensatz zum Handlungsdrang von  Spanierinnen und Inderinnen. Und wo, fragen sich Protagonistin/Autorin zu Recht, ist die Umsetzung des Grundgesetzes der BRD seit 1949??
    Nicht länger wegschauen! Nicht länger tolerieren! titeln Regina/Marion. "Denn mit der Dauer der Gewalt verlieren Frauen an Selbstbewusstsein, werden vielfach zusätzlich von Freunden und der Familie isoliert. Oder ziehen sich selber zurück, weil sie sich schämen." 
    "Barackenkinder" ist ein wichtiges Buch, eines das nicht beim Nachdenken stehenbleibt, sondern einen vehementen Aufruf darstellt an alle Frauen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und auf Missstände hinzuweisen. 




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    Cover des Buches Gill-Lyrik / Eingefroren im Dämmerlicht (ISBN: 9783748546597)

    Bewertung zu "Gill-Lyrik / Eingefroren im Dämmerlicht" von Uschi Hammes

    Gill-Lyrik / Eingefroren im Dämmerlicht
    Christine_Kellervor einem Jahr
    Lyrikerin zu entdecken

    Ich lernte in den letzten Wochen Uschi Hammes wundervolle Gedichte auf Facebook kennen und hielt gestern erstmals ihr offizielles Lyrikdebüt in den Händen. Das schmale Bändchen hat es "in sich" und war rasch verschlungen...


    Die Morgendämmerung schenkt der Autorin Worte, die Dämmerung, der Zwischenbereich der Visionen.
    Uschi Hammes bleibt bei aller Offenheit bei sich, da ist nichts von Holprigkeit, ihre Gedichte fliessen dahin....Mit dem Metrum wird frei gespielt, die Verse sind alle feierlich, wenn nicht meditativ und Zeilenumbrüche sorgen immer wieder für Abwechslung.

    Philosophieren und Naturbetrachtungen gehen ineinander über, zwangslos, die Natur wird nicht ins Metaphernkostüm gezwängt. Die Gedankengänge folgen einem Faden, sorgen aber immer wieder für Überraschungen. Sie sind deshalb leicht zu lesen, diese Texte, wie wenn sie eben erst entstanden wären...

    Die Titelzeile "Eingefroren im Dämmerlicht" stammt aus dem melancholischen Gedicht "Januar". - Die Gedichtzeile zuvor nennt, was hier eingefroren ist: "Zeit". Und genau dies ist die Aufgabe von Gedichten. Eine Pause vom Alltagsstress wird geboten, die Zeit wird verlangsamt, bis sie still zu stehen scheint und noch nie Gedachtem und Gefühltem Platz gibt, so dass Schweres leicht wird und Leichtes  einen zusätzlichen Glanz erhält.

    Das Gedicht ist offensichtlich  ein Format, welches dieser Autorin ausgesprochen liegt, das sie mit "sanfter Macht" in ihrem sehr persönlichen Stil zu gestalten weiss.

    Zum Schluss noch eine Textprobe, eins meiner Lieblingsgedichte:

    Ich habe es gesehen

    Man sagt
    Es ist doch nicht schlimm wenn die Kinder 
    weinen

    Sie verstehen doch nichts vom Leben

    Man sagt
    Es ist doch nicht schlimm wenn die Alten
    weinen

    Ihr Leben ist doch schon vorbei

    Man sagt
    Es ist doch nicht schlimm wenn die Tiere
    weinen

    Sie haben doch keine Gefühle

    Aber was
    Wenn die Steine weinen?

    Was sagt ihr dann?

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    Über mich

    • 11.08.1959

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    Gedichte und Dramen, Biografien, Klassiker, Sachbücher, Humor, Liebesromane, Jugendbücher, Science-Fiction, Fantasy, Romane

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