Clari

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    Cover des Buches Just Like You (ISBN: 9783462000399)

    Bewertung zu "Just Like You" von Nick Hornby

    Just Like You
    Clarivor 4 Tagen
    Liebe, Verstehen und Überwindung gesellschaftlicher Ungleichheit.

    Nick Hornby schreibt über eine Liebesbeziehung, die sicher nicht alltäglich ist.

    Wir schreiben das Jahr 2016 in London. In England findet die Abstimmung für oder gegen den Brexit statt, was zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt hat. Freunde und Familien gerieten in Streit über diese Frage. In den Gesprächen im Roman wird der Brexit zum Synonym für eine offene, liberale Gesinnung pro Europa gegen eine, die engherzig und rückwärts gewandt daherkommt. 

     

    Die Erzählung befasst sich mit der Beziehung einer 42 jährigen weißen Lehrerin mit zwei halbwüchsigen Söhnen, die von ihrem Mann getrennt lebt. Sie verliebt ich in einen 22 jährigen Mann schwarzer Hautfarbe, der sie seinerseits wunderbar findet. Sie beschäftigt ihn gelegentlich als Babysitter.

    Doch dabei soll es nicht bleiben.

     

    Nick Hornby lässt die Geschichte langsam angehen. Er umkreist förmlich sanft die gegenseitige Zuneigung. In langen Dialogen, das Umfeld der beiden mit ausleuchtend, nähert er sich dem Plot, der die Erzählung beherrschen wird. Durch zaghafte Annäherungen gewinnt die Geschichte eine fast erotische Spannung, die den LeserIn ganz in seinen/ ihren Bann zieht.

    In der Erzählung geht es um einen Doppelkonflikt: schwarz gegen weiß und Alter gegen Jugend.

     

    Lucy wird als eine gescheite Person beschrieben, die zwar zunächst Skrupel beschleichen, als sie sich mit Joseph einlässt. Doch ihre Söhne mögen diesen jungen Mann, der so schöne Spiele mit ihnen spielt. Was als Job mit gelegentlichem Babysitten beginnt, endet in einer langen Liaison.  Für die Söhne ist er Joseph und sonst nichts. Dass sich seine Mutter mit ihm einlässt, bereitet ihnen eher Freude als Anstoß.

     

    Dialoge beherrschen die Szenen und hinter den Dialogen die Gedanken. 

    Es handelt sich bei Lucys Freunden um einfache Mittelschichtfamilien. In London ist zwar die Diskriminierung von Paaren mit unterschiedlicher Hautfarbe nicht mit der in den USA zu vergleichen. Dennoch wundert sich jeder, was es mit dieser besonderen Verbindung auf sich haben könnte. Beide Partner fürchten die Konfrontation mit ihren jeweiligen Lebenskreisen.

     

    Nick Hornby bietet das Bild einer engen Verbindung, die sich langsam ergeben hat. Alle Schritte werden analysiert: kleine Reisen, Feste und Feiern. Der LeserIn fragt sich, wie es wohl weitergehen wird mit diesem so ungleichen Paar. 

     

    Während Lucy als souveräne und besonnene Person beschrieben wird, entwickelt sich Joseph zu einem nachdenklichen, treuen Mann, der fest zu seiner Freundin steht. Dass eine einmalige Untreue von Joseph zur Zerreißprobe werden könnte, wird von Nick Hornby genial aufgelöst. Er erweist sich mit dieser Geschichte als hervorragender Kenner menschlicher Zweifel und Möglichkeiten.

     

    Es handelt sich hier nicht um einen gelungenen Lebensentwurf, sondern die Geschehnisse zeigen eine von zahlreichen Zumutungen geprägte Einmaligkeit.

     

    Wie mit dem Thema um Moral, gesellschaftliche Zwänge und Zweifel umgegangen wird, zeugt von tiefer Menschenkenntnis. Es bleibt der Eindruck einer warmherzigen und starken Liebesgeschichte.

     

    Mich hat das Buch sehr beeindruckt.

     

    Nick Hornby ist ein gefeierter Autor, der in London lebt.

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    Cover des Buches Hamster im hinteren Stromgebiet: Roman (Alle Toten fliegen hoch 5) (ISBN: B0887RRYB7)

    Bewertung zu "Hamster im hinteren Stromgebiet: Roman (Alle Toten fliegen hoch 5)" von Joachim Meyerhoff

    Hamster im hinteren Stromgebiet: Roman (Alle Toten fliegen hoch 5)
    Clarivor einem Monat
    Kurzmeinung: Witzig skurril und alles in einem. Joachim Meyerhoff, der Sprachartist und das Multitalent amüsiert uns trotz des Ernstes seiner Lage
    Lebenseinblicke

    Joachim Meyerhoff ist uns wohl bekannt durch seine urkomischen, höchst amüsanten und skurrilen Erinnerungsbücher früherer Jahre, in denen schon die Titel auf die zu erwartende Komik hindeuten.

     

    Nun aber hat es ihn schwer erwischt: ein Schlagfall ereilt ihn mit nur 51 Jahren. Er merkt schnell, dass etwas nicht stimmt und nimmt die Symptome ernst. 

    Es gilt, schnellstens in ein Klinikum zu kommen, wobei sich seine inzwischen 18 jährige Tochter als resolut und hilfreich erweist. Selbst in dieser angespannten Lage sieht Meyerhoff mit scharfem Blick, wie sich Verantwortung verkehrt: nicht mehr der Vater führt Regie, sondern die Tochter übernimmt das notwendige Handeln. 

     

    In der Klinik angekommen wird er auf die Intensivstation gebracht und seine Eigendiagnose ist richtig: er hat einen Schlaganfall erlitten!

    Sein Kopf aber arbeitet unentwegt weiter. Selbstbeobachtung und Fremdbeobachtung nehmen ihren Lauf. 

    Wenn ihm auch zuerst mehr nach Weinen als Lachen zumute ist, so entdeckt sein wacher Geist sehr bald die skurrilen Seiten der Intensivstation. Ob Schwestern, Ärzte, sonstiges Fachpersonal oder Mitpatienten: in ihm formen sich Bilder, die in ihrer Komik unübertroffen sind. Der LeserIn muss laut lachen, wie diese wortreichen Assoziationen in seinem Kopf beim Beobachten Gestalt annehmen. Die Sätze sprudeln nur so aus ihm heraus.

    Zu seiner Beruhigung kommen Erinnerungen hoch, die ihn rühren, ihn an gute und schlechte Zeiten erinnern und seinen Zustand erträglicher machen.  

    Er ist von entwaffnender Offenheit, kennt kein Tabu und LEBT, selbst im Zustand der Schwäche. Mag sein, dass manche Episode im Nachhinein beim Schreiben eingefügt wurde. Mag auch sein, dass er zuweilen fast ein wenig über die Grenzen des Anstands hinausgeht, wenn er die Kranken bei ihren Gehversuchen und Essübungen karikiert: er bezieht sich immer selber mit ein, und der trockene Humor und die Komik gehören fast zum Charakterbild dieses Schauspielers und Autors witziger Lebensbetrachtungen. Passagen wie die über die mögliche Senkung der Todeszahlen älterer Leute im Straßenverkehr „lieber an der Ampel flitzen als wochenlang im Rollstuhl sitzen“ ( S. 199 ) bieten einen Eindruck vom lakonischen Witz des Erzählers Meyerhoff.

    Es ist sein Weg, sich mit Distanz aus der Hilflosigkeit, die diese Krankheit mit sich bringt, zu befreien. 

    Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass ein ernster Unterton hinter den Worten des Autors zu spüren ist: die Erkenntnis, dass unser Leben endlich ist, und von einem Tag auf den anderen alle bisherigen Sicherheiten dahin sein können.

    Der Ernst hinter der Komik ist das Geheimnis des Erfolges von Joachim Meyerhoff.

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    Cover des Buches Was Nina wusste (ISBN: 9783446267527)

    Bewertung zu "Was Nina wusste" von David Grossman

    Was Nina wusste
    Clarivor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Spurensuche auf unwegsamen Gelände
    Spurensuche

    Geheimnisvoll, widersprüchlich und zugleich realistisch erzählt uns David Grossmann eine Geschichte. Eine Geschichte von drei Frauen und ihrem jeweiligen Schicksal, das sie einerseits zusammenschweißen sollte, das aber alle drei Frauen voneinander getrennt hat.

     

     

    In seiner unvergleichlich assoziativen und in Andeutungen sich ergehenden Diktion schält sich erst allmählich die ganze Wahrheit über das Leben der drei Frauen heraus.

     

    Wir befinden uns in Israel. Vera feiert ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen ihre Tochter Nina, ihr Stiefsohn Rafael und deren gemeinsame Tochter Gili, ihre Enkelin. Letztere dreht einen Film über ihre Großmutter. Dazu führt sie Gespräche und schreibt alles auf. Sie ist zugleich eine der Protagonistinnen.

     

    Wie soll man über etwas schreiben, das Gefühle ausdrücken und zugleich verbergen soll?

     

    Vera und auch Nina schweigen beharrlich über ihre Vergangenheit. Nur in kurzen Ansätzen kann man Hinweise auf außergewöhnlich harte Jahre bekommen. Vera und Nina  sind aus Jugoslawien nach Israel eingewandert. Milos, Ninas Vater und Veras Mann, ist tot. In Israel treffen sie auf Tuvia, der seine Frau nach langem Leiden verloren hat. Er hat drei Kinder u.a. den Sohn Rafael. Vera und Tuvia verbinden sich aus Liebe und Einsamkeit.

    In sporadischen Episoden berichtet Vera, wie es zu dieser Ehe kam. 

     

    Gili sucht in den Gesprächen mit der Großmutter und ihrem Vater hinter Ninas geheimnisvolles Leben zu kommen. Es ist bemerkbar ist, dass da vieles nicht stimmt.

    Ihre Nachforschungen haben ergeben, dass sich Nina und Rafael begegneten, als sie siebzehn und er fünfzehn Jahre alt waren.

    Er ist hingerissen von ihr und wird es ein Leben lang bleiben. Nina aber findet nie zur Ruhe.

     

    Die Spuren der Vergangenheit verdichten sich, als alle genannten Personen beschließen, in die ehemalige Heimat von Vera und Nina nach Jugoslawien, jetzt Kroatien, zu reisen. Was hat sich damals vor so vielen Jahren zugetragen? 

     

    Das ist eine lange Geschichte! Sie hat mit dem Jugoslawienkrieg unter Tito zu tun, mit Verrat, Folter, Shoah, Tod und grausamen Verlusten. 

     

    Menschen verlieren sich, bleiben sich treu oder geraten durch schwere Schicksalsschläge ganz aus den Fugen. Vera ist zutiefst durchdrungen von ihrer Liebe zu Milos. Aus Liebe zu ihm durchstand sie grausamste Folter, nur um ihn nicht zu verraten. Nina, ihre gemeinsame Tochter, ist das Opfer.

     

    Wie David Grossmann diese Geschichte erzählt, das erinnert sehr an seinen großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.

    Auch hier wird geschwiegen, erduldet und mit unbekannten Mächten gerungen um der Wahrheit willen, oder um ihr zu entgehen. 

    Gebannt folgt man den Lebenswegen der drei Frauen. Die starke Vera bestimmt das Geschehen.

     

    Die Erzählung hat einen wahren Hintergrund: das Schicksal der Jüdischen Kommunistin Eva Panic-Nahir.

     

    Grossmann macht daraus eine Geschichte von gewaltiger Tragweite.

    Wieder gelingt es ihm, die Geschehnisse um Verfolgung, Krieg und Shoah ins Bewusstsein der Gegenwart zu holen.

     

    Spannend, beklemmend und eindrucksvoll bleibt der Eindruck eines herausragenden Werkes in der Übersetzung von Anne Birkenhauer.

     

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    Cover des Buches Die Scham (ISBN: 9783518225172)

    Bewertung zu "Die Scham" von Annie Ernaux

    Die Scham
    Clarivor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Erinnerungen mit sezierendem Blick
    Lebensrückblicke

    Wie in ihren zahlreichen vorangegangenen Büchern, in denen sie sich mit Stationen ihres Lebens und besonders der Kindheit und Jugend befasst, behandelt Annie Ernaux auch in ihrem neuesten Werk einen Abschnitt aus ihrem Leben.

     

    Hier geht es um „Die Scham“, ein besonderes Kapitel ihrer Erinnerungen.

     

    Sie macht ihre Erkenntnisse in diesem Buch daran fest, dass ihr Vater die Mutter eines Sonntags „habe umbringen“ wollen. Wirklichkeit oder fantasierte Schrecken der Kindheit? Jedenfalls gehörte Brutalität nicht zum Alltag ihres Kinderlebens.

     

    Zurück im Jahr 1952 beschreibt sie, was sie sah, und wie sie sich und andere erlebt hat.

     

    Wunderbar präzise fängt Annie Ernaux Stimmungen ein, die genau in diese Zeit um 1950 gehören.  

     

    Wir wissen, dass ihre Eltern einfache Leute sind, und dass ihr der Absprung aus der Kleinbürgerlichkeit in die höheren Sphären des Bildungsbürgertums gelungen ist.

    Mit dem Studium gelang es ihr, sezierend den Blick auf die Besonderheiten des kleinbürgerlichen Alltags zu richten.

     

    Als sie zwölf Jahre alt ist, entwächst sie der Kindheit und wird zur Tochter, die weibliche Formen annimmt, Nylonstrümpfe tragen darf und noch vieles mehr. Es hindert die Eltern nicht, sie gelegentlich zu schlagen. Fast karikierend beschreibt sie die Tages- und Wochenverläufe: was „man“ wann isst, anzieht, welchen Tätigkeiten „man“ an welchem Tag nachgeht und wie „man“ sich zu benehmen hat. Es ist ein fest gefügtes Programm, aus dem es kein Entkommen gibt

     

    Vorurteile über das, was gut und böse ist, und wie „man“ sich zu benehmen hat, gehören zur Summe der bitteren Bilanz, die Annie Ernaux auch in diesem Rückblick aufzeigt. 

     

    Sie ist gleichzeitig distanziert in ihren Betrachtungen und gefangen in ihrer Erinnerung. Ohne Umschweife und Einschränkungen oder Beschönigungen schreibt sie darüber. Wie es im Umschlagtext treffend beschrieben ist “ Scham ist das beharrliche Gefühl der eigenen Unwürdigkeit“.

     

    Dieses Gefühl der Scham beherrscht die Erzählung.

    Wie ausgeschlossen sie sich fühlte beim Besuch einer vornehmen Schule mit Menschen höherer Bildung und kultureller Lebensart, das ist fast beklemmend. Gegenüber ihren Mitschülerinnen sieht sie sich in ihrer Gefühlslage und der Lebensformen weit unterlegen. 

     

    Ihr Bekenntnis, dass sie sich entgegen ihrer eigenen Aufgeklärtheit nicht aus den Fängen dieser einschränkenden Vergangenheit ganz befreien kann, ist absolut echt. Schreiben mag ihr helfen, alle Erfahrungen prüfend zu hinterfragen; los wird sie die Erinnerungen nicht.

     

    Annie Ernaux ist eine mutige Frau, die mit ihrer Selbsterforschung zur Aufklärung psychischer Befindlichkeiten und deren gesellschaftlicher Zusammenhänge beiträgt. Es steht mir nicht zu, darüber zu räsonieren, warum sie sich selbst in ihren Schriften immer wieder zum Objekt der Forschung macht. Selbsterkenntnis und gesellschaftliche Zustandsbeschreibung stehen beide im Zentrum ihres Interesses.

     

    Im Klappenztext heißt es, sie bezeichne sich als „Ethnologin ihrer selbst“. So kann man die Geschichte sehen.

     

    Hoch gelobt von der Kritik und mit zahlreichen Preisen bedacht lebt sie in Frankreich.

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    Cover des Buches Was uns verbindet (ISBN: 9783462054330)

    Bewertung zu "Was uns verbindet" von Shilpi Somaya Gowda

    Was uns verbindet
    Clarivor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Familiendrama in Kanada
    Familiendrama

    Dieser Roman, der sich leicht, spannend und unterhaltsam liest, behandelt das Schicksal einer vierköpfigen Familie: Vater, Mutter, Tochter und Sohn.

    Die Eltern sind ein glückliches Paar. Sie lieben sich sehr. Der Vater stammt aus einfachen Verhältnissen in Amerika; er hat es zum erfolgreichen Banker gebracht. Seine Frau wuchs als Diplomatentochter einer indischen Familie auf und arbeitet ebenfalls.

    Beide Eltern sind in anspruchsvollen Berufen tätig. Die zwei Kinder von 10 und 6 Jahren bleiben immer ein paar Stunden alleine, ehe die Mutter nach Hause kommt.

     

    Dann passiert das Unglück, das dieses großartige Glück in seinen tiefsten Tiefen erschüttert: Prem, der kleine Sohn, steigt unbeobachtet in den häuslichen Pool und ertrinkt. Karina, die 10jährige Tochter, merkt plötzlich, dass er nicht da ist, sieht ihn im Pool und versucht ihn zu retten: aber es ist zu spät.

     

    Nichts ist mehr, wie es war. Die Wege aller drei übrig gebliebenen Familienmitglieder driften fortan weit auseinander.

     

    Gowda zeigt Gespür für ihre Protagonisten, die verzweifelt versuchen, einen Ausweg aus der seelischen Sackgasse zu finden. Dass da jeder seine eigenen Strategien entwickelt, ist unübersehbar.

     

    Jaya widmet sich spirituellen Meditationen, und Keith geht traurig und alleine seinen Bankgeschäften nach.

     

    Keith wird von der verzweifelten Mutter Jaya verlassen, und Karina verlässt nach dem Ende der Schulzeit das Haus, um zu studieren. In ihrem Fall spielen ethnische Verschiedenheit eine nicht unbedeutende Rolle, da Jaya Inderin ist und ihre Tochter Kira mit ihrem hübschen Aussehen Aufmerksamkeit erregt. Sie ist aber am schlimmsten getroffen, da sie sich am Tod des Bruders schuldig fühlt. Auf ihrer Suche nach Erlösung aus dieser Schuld gleitet sie in einem Schlingerkurs hin zu einem infamen Guru, der mit allen Wassern gewaschen ist, um sich seine Schäfchen hörig zu machen.

     

    Das Geschehen ist psychologisch großartig aufgebaut.

    Man hält den Atem an, denn man erkennt eher als Karina, dass in ihrer Kommune etwas nicht stimmt. 

     

    Es ist ein Schmöker im besten Sinne: spannend, kurzweilig und von zahlreichen Irrwegen und Erfahrungen geprägt. 

     

    Am Leben und Schicksal anderer teilzunehmen, ohne selbst betroffen zu sein, löst Schauer und Erleichterung aus. Man darf sich aber durchaus vorstellen, wie es einem selbst ergangen wäre in dieser Situation.

     

    Shilpi Somaya Gowda hat sich intensiv mit ihrem Romaninhalt beschäftigt und Fachbücher zu den jeweiligen Themen studiert. Ihre Beschreibungen östlicher Religionen und Meditationen, Erfahrungen aus dem Bankwesen und aus dem Studienfach Biologie, in das sich Karina stürzt, zeigen sehr unterschiedliche Bewältigungsversuche der handelnden Personen.  

     

     

    Mit diesem Roman lockt eine lesenswerte und interessante Lektüre für lange, faule Ferientage.  

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    Cover des Buches Palmen in Dublin (ISBN: 9783630873015)

    Bewertung zu "Palmen in Dublin" von Hugo Hamilton

    Palmen in Dublin
    Clarivor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Einsame Suche nach der Heimat
    Ein Leben auf der Suche....

    In einem langen Monolog lässt uns der Icherzähler in diesem Roman an seinen Gedanken, Reflexionen und Erinnerungen teilnehmen.

     

    Es gibt keinen nachvollziehbaren Handlungsstrang.

     

    Er mag Anfang dreißig sein, als er mit seiner Frau Helene und zwei kleinen Töchtern nach einem langen Berlinaufenthalt nach Irland zurückkehrt. Wo ist er zu Hause? In Deutschland oder in Irland?

     

    Man hört davon, dass sein Vater Ire und die Mutter Deutsche waren. Zu Hause wurde Deutsch oder Englisch gesprochen. Der Vater mochte Englisch nicht. Er zog die gälische Sprache vor.

     

    Erklären sich daraus die zahlreichen schwierigen Gefühle, die diesen Mann in seinem Leben umtreiben?

     

    Nun, man muss sich auf Gedankenfetzen, wechselnde Orte und Begebenheiten einstellen, wenn man sich diesem sehr anerkannten Autor in seinem Roman nähern will.

     

    Der Held der Geschichte bleibt den ganzen Roman hindurch auf der Suche nach einem Zuhause. Krampfhaft sucht er in Dublin Fuß zu fassen. Er ist arm und hat Schulden. Mühsam quälen seine Frau Helene und er sich durchs Leben. Ihre Existenz steht auf tönernen Füssen. Zahlreiche Verwandte tauchen auf und verschwinden wieder. Es gibt Bindungen von Helene zu ihrer Mutter und zu ihren Geschwistern. Dann taucht die Mutter auf. Sie lebt in Kanada; doch viel mehr wissen wir nicht von ihr. Der Icherzähler verliert in einer anrührenden Szene seine Mutter.

     

    Kleine Reisen mit den Kindern, Abende mit Freunden, eigene Erlebnisreisen und gesellschaftliche Alltagsgeschichten öffnen uns den Blick in eine Welt, in der es so recht keine Gewissheiten gibt.

    Wo ist Heimat, wo komme ich her, und wo gehe ich hin sind die altbekannten Fragen, mit denen sich Menschen auf der Suche nach Klarheiten befinden. Unser Held bleibt ein Suchender, fast überall eher fremd als sich zugehörig fühlend.

     

    Es ist eine Geschichte vom Abschiednehmen, vom Ankommen und wieder sich trennen, von der Schönheit der Natur und von der Fremdheit in großen Städten; nicht zuletzt handelt sie vom Aufbruch zu neuen Ufern, und dieser bietet Anlass zu Hoffnung.

     

    Es ist eine nachdenkliche und besinnliche Geschichte.

     

    Hugo Hamilton entstammt selber eine Mischehe: die Mutter war Deutsche, der Vater stammte aus Irland. Aufgewachsen ist Hamilton in Dublin, der Heimat seines Vaters, wo er heute lebt.

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    Cover des Buches Der letzte Satz (ISBN: 9783446267886)

    Bewertung zu "Der letzte Satz" von Robert Seethaler

    Der letzte Satz
    Clarivor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Musik Melancholie, Abschied
    Melancholie, Genie, Abschied

    Robert Seethaler zeichnet in diesem schmalen Band das erschütternde Porträt eines Mannes, der als Komponist, Musiker und Dirigent ein erfolgreiches Leben hinter sich hat.

     

    Er ist noch nicht so alt, aber als müder und kranker Mann befindet er sich auf der letzten Reise von New York nach Europa. Er sitzt an Deck und denkt über sein Leben nach. Fürsorglich wird er von einem Schiffsjungen umsorgt. Mahler leidet unter Schmerzen und Migräne und fühlt sich krank.

    Unter Deck sitzen seine Tochter Anna und deren Mutter Alma Mahler beim Frühstück.

     

    Es handelt sich um einen hoch erfolgreichen und berühmten Mann, der als Dirigent, Musiker und Komponist viel umschwärmt war und hohe Anerkennung genoss. Neben seiner Arbeitswut, die ihn Kräfte und Gesundheit kostete, ist er besessen von der Liebe zu der berühmten und von Männern umschwärmten Frau Alma. Sie ist die Femme fatal, die zahlreiche ebenso berühmte Männer aus Kunst und Kultur um den Verstand brachte. Noch aber leben sie zusammen, wenn er auch weiß, dass er sie verloren hat an den Architekten Walter Gropius, der nach seinem Tod ihr zweiter Mann werden soll.

     

    Die Wende zum 20. Jahrhundert mit ihren großartigen Künstlern ersteht vor unseren Augen, wie Seethaler sie in seiner sensiblen und bilderreichen Sprache erkundet hat. Freud wird von Mahler in seiner Not um seine Ehe zu Rate gezogen. In einem einmaligen langen Gespräch werden seine psychischen Nöte erörtert und analysiert.

     

    Seethaler beschreibt den Musiker mit anteilnehmenden und einfühlsamen Worten. Er wird dem Genie gerecht mit seiner Schilderung des Charakters. Es entsteht eine leicht melancholische Stimmung, wenn der Autor über das Meer, die Luft und den Wind schreibt und sich in Mahlers Erinnerungen vertieft. Sie sind erfüllt von Sehnsucht mach den Bergen, nach Sommer und Sonne und nach seiner verlorenen Tochter Maria, die als kleines Mädchen an Diphterie starb.  

     

    Das Büchlein liest sich schnell und unkompliziert. Es eröffnet uns aber noch einmal die Szenen jener

    fernen Zeitenwende, als Musik und Kunst die Welt mit der Ahnung von ganz neuen Aufbrüchen beseelte, die dann allerdings in den dreißiger Jahren schrecklicher als je vorstellbar wurde.

     

    Ich habe das Büchlein gerne gelesen und kann es dem Musik- und Kunstliebhaber gerne empfehlen!

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    Cover des Buches Seitenwechsel. Ein Arzt als Patient (ISBN: 9783749610327)

    Bewertung zu "Seitenwechsel. Ein Arzt als Patient" von Dr. Klaus Scheidtmann

    Seitenwechsel. Ein Arzt als Patient
    Clarivor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Arzt -Patient: neue Perspektive
    Arzt-Patient: eine Gleichstellung

    Klaus Scheidtmann ist Arzt und Neurologe und hat in diesem Krankheitsbericht seine schwere Erkrankung an einem Hirntumor beschrieben.


     


    Die Erfahrungen sind deshalb so bemerkenswert, weil sich hier ein Arzt plötzlich in der Rolle als Patient wiederfindet.


     


    Die lange Vorgeschichte bis zur Diagnose zeigt, wie auch der Fachmann langsam in einen Zustand gerät, vor dem seine Familie zunächst irritiert und ratlos vor krankheitsbedingten Veränderungen seiner Persönlichkeit steht. Niemand, am allerwenigsten er selbst, ahnt, dass sich hinter seinem veränderten Verhalten, seines Wesens und im Umgang mit seiner Frau eine schwere Hirnerkrankung entwickelt. Psyche, Geist und Körper bilden eine Einheit. Ereignet sich beim einen oder anderen eine Störung, wirkt das auf die anderen ein.


    Scheidtmann lässt nicht unerwähnt, wie großartig die Geduld und Ausdauer seiner Frau ihn am Ende auf den Weg zur Diagnose führt.


    Die Erkenntnis, dass auch die so genannten Götter in weiß nur Menschen mit einem ganz normalen Lebenshintergrund sind, ist sicher nicht ganz unbekannt. Dennoch bietet der Bericht aus Sicht eines selber Betroffenen nochmal eine ganz neue Perspektive zum Arzt-Patientenverhältnis.


     


    Mutig und aufrichtig kann K. Scheidtmann seine Schwierigkeiten beschreiben, über seine Ängste und seine Ohnmacht berichten und öffnet uns damit Einblick in sein Inneres. Der Verlust der Autonomie, wenn man sich Ärzten anvertrauen muss, wiegt schwer.


     


    Dass K. Scheidtmann nach mehrjährigen Behandlungen und immer neuen Rückfällen den Mut nicht verlor, verdankt er seiner Familie, seinen Freunden, Kollegen und nicht zuletzt wohl seinem Glauben und seinem Wunsch, die Krankheit zu besiegen.


    Eine Lehre gibt es wohl besonders in diesem Fall: dem Arzt Dr. Klaus Scheidtmann wurde sehr klar, wie wichtig die menschliche Zuwendung, das Verständnis und die Offenheit des Arztes für den Patienten sind. Die meisten Patienten suchen besonders in schwerer Krankheit nicht nur den renommiertesten Arzt sondern auch gerade von diesem menschliche Zuwendung.


     


    Das Buch liest sich mit Spannung, weil das Leben nun einmal die spannendsten Romane schreibt.


    Krankheit spielt fast in jedem Leben irgendwann einmal eine Rolle. Schwere Krankheiten rühren an die Seele der Mitleidenden. Das Buch bietet Anlass, sich der eigenen Zerbrechlichkeit bewußt zu werden. Möge es viele Leser finden, die je nach eigener Lebenslage Hilfe brauchen und sich vergewissern möchten, wie man den richtigen Arzt zur rechten Zeit findet.


     

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    Cover des Buches Das wirkliche Leben (ISBN: 9783423282130)

    Bewertung zu "Das wirkliche Leben" von Adeline Dieudonné

    Das wirkliche Leben
    Clarivor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Düsteres Familienleben, Augenblicke des Schreckens
    Die dunklen Seiten des Familienlebens

    Adeline Dieudonné hat eine düstere Familiengeschichte ersonnen.

    Oder ist sie nicht erfunden und enthält gar ein Stückchen Wahrheit?

    Auf jeden Fall geht es darum, wie man in der Umgebung äußerst grausamer Umgangsformen ein Eigenleben behält und überlebt.

     

    An einer Stadtrandsiedlung nahe an einem Wald wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit Bruder, Mutter und Vater. Es ist das beste Haus einer ansonsten unscheinbaren Reihenhaussiedlung, doch innen wohnt das Grauen.

     

    Aus den Augen des Mädchens als Icherzählerin schält sich das Bild einer vollkommen desolaten Eltern- und Ehebeziehung heraus. Der Vater, ein passionierter Jäger und Alkoholiker, führt ein eisernes und herrisches Regime über seine Frau und die beiden Kinder. 

    Das 10 jährige Mädchen tröstet sich mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder über die schlimmsten Stunden hinweg. Noch! Denn die Jahre vergehen und Gilles, der kleine Bruder, eifert nach einem schrecklichen Erlebnis dem Vater nach und wird ein böser Tierquäler. Die Mutter ist ein desolates, gequältes Etwas. Sie wird von der Tochter als „Amöbe“ bezeichnet.

     

    So beginnt eine Geschichte, die in ihren Einzelheiten Grausamkeiten birgt, von denen man sich als normaler Sterblicher keine Vorstellung machen kann. Bei jeder Abweichung von den Vorgaben des Vaters oder einfach aus schlechter Laune heraus wird geprügelt und gebrüllt. Da kann als Grund schon ein nicht genehmes Essen herhalten. Von körperlicher bis zu seelischer Gewalt scheint nichts unmöglich.

    Der Vater ist körperlich stark und steckt voller Wut, die regelmäßig ihre Abfuhr sucht. Das Opfer ist zumeist die Mutter. Sie ist klein, unscheinbar und wirkt hilflos den Brutalitäten des Vaters ausgeliefert. Das Abendbrot, zu dem alle am Tisch sitzen, weil es sich so „gehört“, wird schweigend und in Angst eingenommen. Man ahnt den kommenden Wutausbruch des Vaters, vor dem sich die Kinder schnell in ihre Zimmer flüchten.

    Man erfährt nichts über die Ursachen zum Verhalten dieser unglücklichen Menschen.

     

    Die Icherzählerin schafft es erstaunlicherweise, ein inneres und äußeres Eigenleben tief verborgen hinter einem dichten Schleier versteckt zu führen. Bis auch sie vom Vater zum Freiwild und Opfer gemacht wird.

     

    Diese Geschichte reißt mit und nimmt mit!

    Wie man dem Ende aller Ereignisse entgegenfiebert, das wird gekonnt und hoch kompetent von der Autorin angepeilt. Zuvor sieht man sich einer Vielzahl von grausamen Ereignissen konfrontiert.

    Das reicht von Verfolgung über Schläge bis zu Psychoterror, und das Blut fließt in Strömen.

    Natürlich gibt es auch einige gute Menschen z.B. einen Physikprofessor, der sich des hoch begabten Mädchens annimmt und sie in seine Wissenschaft einführt. Auch er und seine Frau aber haben ein schreckliches Schicksal hinter sich.

    Sind es vielleicht zu viele der grausamen Ereignisse?

    Ich denke, die Autorin überzieht absichtlich, um auf Misstände in Familie und Gesellschaft aufmerksam zu machen.

     

    Adeline Dieudonné schreibt einen brillianten Stil und zeigt empörende Ereignisse, die an Hitchcock, Astrid Lindgen und Stephen King denken lassen.

    Sie steigert mit ihren scharf beschriebenen Beobachtungen die Spannung bis zur Unerträglichkeit. Es stockt einem zuweilen fast der Atem. 

    Der Debütroman wird schließlich zum Fanal des Aufstands gegen Unterdrückung und Gewalt. Es bleibt kein Auge trocken, während die Macht und körperliche Überlegenheit des Mannes der Schwäche der Frauen gegenübergestellt wird. Der Freiheitsgedanke zur Überwindung der Unterdrückung nimmt Gestalt an, als die Tochter sich in adäquater Weise zu wehren beginnt.   

    Am Ende bleibt: Stille. 

     

    Der Roman ist etwas für starke Nerven und überaus spannend. 

    In Frankreich ist er begeistert aufgenommen worden. 

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    Cover des Buches Fragen zu „Corpus Delicti“ (ISBN: 9783442719846)

    Bewertung zu "Fragen zu „Corpus Delicti“" von Juli Zeh

    Fragen zu „Corpus Delicti“
    Clarivor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Entstehungsgeschichte eines Theaterstücks und des dazu gehörenden Buches
    Entstehungsgeschichte eines Theaterstücks und des dazu gehörenden Buches

    Von Juli Zeh ein Buch zu lesen bedeutet stets Denkakrobatik, um in unsere gesellschaftsgeschichtliche Gegenwart zu gelangen.

     

    Was jedoch an diesem Werk „Fragen zu Corpus Delicti“ besonders nett ist, das ist die Art der Erklärungen, wie sie an ihr Scheiben herangeht. In Form eines fiktiven Interviews schreibt sie so, als

    sei man ihr Gesprächspartner, dem sie ein wenig vermitteln will, wie sie an ihre Texte kommt, und wie sie einen Roman oder, in diesem Fall ein Theaterstück, entstehen lässt.

     

    Man lernt sie kennen als einen Menschen, der sich permanent mit Gesellschaft, Politik und allgemeinen philosophischen Fragen unseres Daseins auseinandersetzt. Aus diesem Denken heraus entwickelt sie ihre Figuren, die denn auch in unserer Zeit leben. Sie müssen sich den Fragen und Lebensfragen der Gegenwart stellen. Als Beispiel sei ihr Roman „Unterleuten“ genannt, der ein Stück gegenwärtiger Gesellschaftsgeschichte spiegelt.

     

    „Fragen zu Corpus Delicti“ aber ist anders als ihre Romane. Das Buch war ursprünglich als Theaterstück konzipiert. Die Anfrage, diesen Stoff zu bearbeiten, hat sie zunächst irritiert. Das Stichwort dazu war „Mittelalter“. Selbstverständlich muss das Stück in der Gegenwart bleiben; so fällt ihr das Wort „Hexenjagd“ dazu ein, und das ist synonym für „Hexenjagden“ aller Art und zu jeder Zeit.

     

    Auf diese Weise ist das Thema zu dieser Schrift entstanden.

     

    Hauptprotagonistin ist Mia. Sie ist zuerst angepasst an ein System, die so genannte Methode, in dem es nur noch Gesundheit gibt. Mit einem unter die Haut gepflanzten Chip wird der Mensch in seinem Zustand ständig kontrolliert. Wer sich dieser Kontrolle entzieht, wird zum Angeklagten. Mia wandelt sich zum Individuum mit eigenen Ansichten, was in diesem System nicht erlaubt ist.

     

    Sie wird zum Tod (durch Einfrieren) verurteilt. Der Tod aber hätte sie zur Märtyrerin gemacht. Also wird sie begnadigt, was angesichts der Lage in diesem Staat einer wirklichen Qual gleichkommt, denn sie wird in ein Sanatorium verbannt. Dazu lässt sich Juli Zeh vom Text des Zauberbergs von Thomas Mann inspirieren.

     

    Die Autorin zeigt in Teilen ihre eigene Gegenwartsgeschichte ( Haus, Mann, Kinder, Arbeit), was zu dem Eindruck führt, dass man sich im Gespräch mit ihr zu befinden glaubt.  

     

    Der Text ist zutiefst durchdrungen von den Einsichten der Aufklärung. Er zeigt Denkmuster des dialektischen Denkens. Um das zu verdeutlichen, führt sie die Erfahrung verschiedener Gefühlslagen auf: Trauer gegen Freude, Schmerz gegen Glück, Gesundheit gegen Krankheit und hell gegen dunkel etc. Erst die Polarität des Einen wie des Anderen lässt uns erfahren, dass es diese Empfindungen gibt. 

     

    Aus dem Text kann man u.a. herauslesen, was es mit der Freiheit des Geistes auf sich hat. Erst die Möglichkeit, eigene Entscheidungen treffen zu können und eigene Meinungen zu entwickeln, befähigen uns zur Demokratie.  Bezugnahmen gibt es neben vielen anderen zu Adornos und Horkheimers philosophischen Thesen zur „Dialektik der Aufklärung“ (S. 175) und zu Kant.  

     

    Dieses Buch ist in der Vielfalt der Thesen zu unserem Tun und Sein und den Grundgedanken dazu beeindruckend.

    Man liest konzentriert und gebannt, wie sich Juli Zeh ihrem Sujet aus unterschiedlichen Sichtweisen nähert.  

     

    Dass sie hier viel über ihr eigenes Denken spricht, macht sie nahbar. Und bei so vielen ihrer Einsichten dachte ich: genau das habe ich auch schon gedacht, ohne es so formulieren zu können.

    Beispiel S. 153: wie wir Menschen wirklich sind!

     

    Um ihre Bücher mit den gesellschaftspolitischen Themen zu verstehen, ist dies Buch eine wirkliche Hilfe.

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