DerMedienbloggers avatar

DerMedienblogger

  • Mitglied seit 06.10.2016
  • 15 Freunde
  • 220 Bücher
  • 220 Rezensionen
  • 221 Bewertungen (Ø 3,64)

Rezensionen und Bewertungen

Filtern:
  • 5 Sterne47
  • 4 Sterne82
  • 3 Sterne59
  • 2 Sterne32
  • 1 Stern1
  • Sortieren:
    Cover des Buches Nightmare Alley (ISBN: 9783865527134)

    Bewertung zu "Nightmare Alley" von William Lindsay Gresham

    Nightmare Alley
    DerMedienbloggervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Düster-atmosphärische Erzählung, die sich zu stark an das Aufstieg-Fall-Kontinuum klammert!
    Düstere Erzählung ohne jede Überraschung

    Er hat sich durch seine fabelhaft-düstere Bildsprache einen Namen gemacht: Guillermo del Toro inszenierte preisgekrönte Streifen wie das verwunschene PANS LABYRINTH (2006) oder das märchenhafte SHAPE OF WATER (2017). Nun verfilmt der mexikanische Regisseur den düsteren Roman NIGHTMARE ALLEY (1946) von William Lindsay Gresham, der sich mit den Schattenseiten der Unterhaltungsbranche beschäftigt – und das Publikum auf immer düstere Pfade aus Zaubereien und Täuschungen führt…


    Starres Handlungskorsett durch das Aufstieg-Fall-Kontinuum


    Jedes der 22 Kapitel wird durch die Erläuterung einer Tarot-Karte eingeleitet, die allegorisch für den Handlungsverlauf steht. Stanton Carlisle gerät durch Umwege in das Jahrmarktgeschäft und entdeckt dort sein Talent, die Besucher*innen durch geschickt inszenierte Programme auszutricksen. Ihm bereitet die Macht des Erstaunens durch immer waghalsigere Aktionen Freude, bis er sich schließlich eigenständig macht und durch das Land tourt.


    Dass diese Gier in Selbstüberschätzung – und letztendlich bitterem Niedergang – mündet, macht bereits der Klappentext klar. Dass der Plot diesen strikten Spannungsbogen konsequent verfolgt, macht jede Hoffnung auf Überraschungen obsolet. Der Autor klebt so sehr an dem Narrativ des Aufstieg-Fall-Kontinuums, dass beinahe jede Wendung vorhersehbar wirkt und bei mir als Leser schnell Ermüdungserscheinungen auftraten.


    Jahrmarkt und magische Tricks als spannender erzählerischer Ausgangspunkt


    Dabei bietet der Jahrmarkt mit seinen unterschiedlichen Attraktionen und Darsteller*innen viele Möglichkeiten, interessante Einzelschicksale und Performances auszuleuchten und für Abwechslung zu sorgen. So fesselte der Text besonders zu Beginn, wenn Gresham sich die Zeit nimmt, das Wechselspiel und die Hierarchie im Zirkusensemble abzubilden. Welche Hintergründe führten die Charaktere zu der Entscheidung, sich auf dem erbarmungslos harten Schauplatz niederzulassen?


    Die Schilderung der magischen Tricks funktioniert besonders gut, wenn der Autor die Zusammenhänge zwischen dem Geschehen auf der Bühne und der Wirkung für das anwesende Klientel im Unklaren lässt. So sind die Leser*innen angehalten, sich mit der Funktionsweise der scheinbaren Magie auseinanderzusetzen und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination zu hinterfragen.



    Durchgehender Pessimismus sorgt für düstere Atmosphäre in NIGHTMARE ALLEY


    Der klare Handlungsverlauf erstickt die Möglichkeit eines gewissen Grusels im Keim – es ist und bleibt eindeutig, dass Stanton geradewegs in den Ruin steuert. Dennoch schafft Gresham, der Kurzkritik der Palm Beach Post auf dem Buchdeckel gerecht zu werden, indem er „kein Lichtstrahl“ in den Roman eindringen lässt. Durch seinen konsequenten Pessimismus und dem Glauben an das habsüchtige und betrügerische Sein der Menschheit schafft er eine düstere Atmosphäre, die zumindest ein kurzweiliges Leseerlebnis ermöglichen.


    Aber schon bald wirkt es so, als würde sich Gresham seiner offenkundigen Frustration gegenüber der Umwelt allzu sehr hingeben – das wirkt sich sichtlich auf die erzählerische Raffinesse seiner Erzählung aus. Die Ausarbeitung der Charaktere bleibt oft nebensächlich; es geht einzig und allein um den Großen Stanton, der sich als erfolgreicher weißer Mann selbstvergöttert und die Nebenfiguren konsequent aufgrund ihrer – angeblichen – Dummheit, ihrer Weiblichkeit, der Hautfarbe oder ihres Gewichts abwertet.



    Literaturklassiker: Marginalisierende Sprache beibehalten oder nicht?


    Diese marginalisierende Sprache störte meinen Lesefluss stark – und konfrontierte mich einmal mehr mit der Diskussionsfrage, inwiefern Neuauflagen von literarischen Klassikern den Anspruch an sich selbst haben sollten, problematische Wortlaute aus dem originalen Duktus der Autor*innen zu streichen. Ist das Ausdruck eines Zeitgeistes, der nicht angerührt werden sollte? Oder dürfen Rassismus, Misogynität und Queerfeindlichkeit aus heutiger Perspektive als das bezeichnet werden, was sie sind?


    Ich persönlich hätte mir wenigstens eine Anmerkung des Verlags gewünscht, dass sie sich von diesen Begriffen distanzieren. Etwa in Form von Fußnoten, da so die Bedeutung des Werks nicht verändert werden muss – und dennoch klare Stellung bezogen werden kann.



    Verfilmung NIGHTMARE ALLEY (2021) als audiovisuelles Erlebnis


    In der gleichnamigen Verfilmung NIGHTMARE ALLEY (Guillermo del Toro, USA 2021) schart der Regisseur eine Starbesetzung um sich. Bradley Cooper mimt den unnahbaren, aber charismatischen Stanton und trägt die Handlung des 150-minütigen Streifens auf beiden Schultern. Cate Blanchett begeistert in ihrer Rolle als eisige, unnachgiebige Therapeutin Lilith Ritter, in deren starre Mimik sich nur selten ein echtes Lächeln verirrt. Auch Toni Collette, Willem Dafoe und Richard Jenkins beweisen sich in diesem Psychothriller als gewohnt gute Charakterdarsteller*innen, die mit dem richtigen Verhältnis an Verzweiflung, Egoismus und Wahnsinn agieren.


    Es sind aber vor allem die Schauwerte, die den Film zu einem audiovisuellen Erlebnis machen: Die Jahrmärkte – die als Entstehungshintergrund für die ersten Filme gelten – machen mit ihrem liebevollen Szenenbild und Kostümdesign die Leidenschaft für die Welt der Unterhaltung deutlich. Die ruhige Kameraführung von Dan Laustsen hält in angenehm weichen Bewegungen die warmen, gemütlichen Farben des Showbusiness‘ fest – scheut sich aber auch nicht davor, auf zunehmend blutige und gewaltvolle Sequenzen draufzuhalten.



    Im abschließenden Vergleich von literarischer Grundlage und ihrer filmischen Umsetzung lässt sich meine Präferenz für die Adaption festhalten: Guillermo del Toro hat ein Gespür dafür, erzählerische Schlenker des Buches zu umgehen und sich auf die handlungsrelevanten Ereignisse zu beschränken. Trotz des allzu linearen Verlaufs zaubert er ein ästhetisches Seherlebnis, das atmosphärisch unterhält und eine Liebe für das Handwerk offenbart.



    Fazit


    NIGHTMARE ALLEY ist eine düstere Geschichte über das Unterhaltungsgeschäft, das sich zu sehr an das Narrativ des Aufstieg-Fall-Kontinuums klammert und damit jedwede Hoffnung auf Überraschung zerstört. Die filmische Umsetzung kann viele erzählerische Mängel durch ihre ansehnlichen Schauwerte wettmachen.

    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Irre schön! (ISBN: 9783947106806)

    Bewertung zu "Irre schön!" von Bonny Lycen

    Irre schön!
    DerMedienbloggervor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Irre schön ist teils wirklich irre schön!
    Irre schön ist teils wirklich irre schön!

    Mehr als ein Viertel der deutschen Gesamtbevölkerung leidet unter depressiven Symptomen (Statista berichtete). Betroffene von psychischen Störungen haben nicht nur unter erheblichem Verlust an Lebensqualität zu leiden, nein: Auch das Umfeld leidet stark darunter und ist teils in weit verbreiteten Stigmata gefangen. Empathie für die Perspektiven zu schaffen, das haben sich Stef und Bonny Lycen in ihrer Anthologie «Irre schön» zur Aufgabe gemacht.


    Konglomerat unterschiedlicher Textformen

    Das vorliegende Werk ist in acht verschiedene Themenfelder gegliedert. Unter diesen finden sich ein Konglomerat unterschiedlichster Textformen: von Poetry Slams, Prosa und Gedichten über Auszüge aus Theaterstücken und stream-of-consciousness-ähnlichen Ergüssen, für jeden Geschmack ist etwas dabei.


    Psychoedukation als Anspruch von «Irre schön»

    Durchsetzt werden diese textlichen Beiträge durch aufklärende inhaltliche Inputs, die mit fundierten Fakten mit öffentlichen Vorurteilen aufräumen und ein Bewusstsein für das Problem schaffen wollen: „Psychoedukation“, so nennt sich die erfolgreiche Aufklärung über psychische Störungen.


    Aufbrechen von Vorurteilen: Psychische Störungen sind Krankheiten

    In diesen Einschüben definieren Stef und Bonny Lycen griffig verschiedene Ausprägungen mentaler Krankheiten und gehen deren Ursachen weiter auf die Spur. Zudem geben sie sowohl den Betroffenen als auch ihrem Umfeld Perspektiven und Ansprechpartner*innen. Dass es sich etwa bei einer Depression um eine Krankheit und nicht etwa eine emotionale Laune handelt, und dass es okay (und keineswegs ein Zeichen von Schwäche ist!), sich Hilfe zu holen: mit diesen und weiteren Vorurteilen gehen sie hart ins Gericht.


    Diese Sachinformationen sind zwar interessant und einfach formuliert, haben jedoch einen stark belehrenden Charakter: Dadurch, dass sie direkt nach den Texten platziert sind, in denen eine psychische Störung porträtiert wird, sprechen sie teils mit erhobenem moralischem Zeigefinger.


    Qualitativer Unterschied der einzelnen Texte

    Qualitativ schwanken die einzelnen Texte sehr, was ich vollkommen verzeihen kann: Während ich über die gewöhnungsbedürftige Affektivität eines Beitrags wie «Wenn deine Seele schon hängt, lass sie doch einfach … baumeln» die Stirn runzelte, konnten mich andere mit ihrer Ehrlichkeit, Authentizität und poetischen Schönheit begeistern und berühren. Teils greifen die Autor*innen jedoch auf eine derart explizite Formulierung zurück, sodass ich mir eine Triggerwarnung dringend gewünscht hätte.


    Hier eine kurze Übersicht über die Texte, die mir am besten gefallen haben:

    - «Der Tag, an dem die Angst das Fürchten lernte» (Helene Seidenfeder)

    - «Dementor oder Depression» (Laander Karuso)

    - «Mein grauer Planet» (Veronika Rieger)

    - «Angst I-V» (Maria Victoria Odoevskaya)

    - «Apfel oder Schokolade» (Katharina Wenty)

    - «Du bist der Wald und ich bin das Meer» (Stef)

    - «Creep» (Florian Hacke)

    - «Philipp» (Aron Boks)

    - «Dr. Zargota: Erste Sitzung» (Jan Lindner)

    - «Das Geschenk» (Tina Nadler)

    - «Toutes directions» (Christine Teichmann)

    - «Wenn der Frühling kommt» (Felicitas Friedrich)

    - «Wut gemacht» (Annette Flemig)

    - «Schalt mal um» (Stef)

    - «Das Wohl des sicheren Genicks» (Henrik Szanto)


    Fazit

    Eine berührende Anthologie, die Stigmatisierungen aufbricht und Betroffenen psychischer Krankheiten eine helfende Hand reicht: «Irre schön» ist streckenweise wirklich irre schön.


    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Wut und Böse (ISBN: 9783446271159)

    Bewertung zu "Wut und Böse" von Ciani-Sophia Hoeder

    Wut und Böse
    DerMedienbloggervor 10 Monaten
    Wut als cis-männliche Emotion

    Ein rot angelaufenes Gesicht, Schweiß in den fest zusammengekniffenen Fäusten, gefletschte Zähne: Der Begriff der ‚Wut‘ ist im allgemeinen Sprachgebrauch negativ konnotiert. Wütende Menschen seien anstrengend, laut, heißt es oft, und sie versuchten aufdringlich, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen.


    Unsere Gesellschaft braucht Wut

    Dieses Denken möchte die deutsche Autorin und Journalistin Ciani-Sophia Hoeder in ihrem Plädoyer „Wut und Böse“ aufbrechen. Es ist ein kurzweiliges Buch, das in fünf übersichtlichen Themenschwerpunkten der Verdrängung des Zorns in der Gesellschaft auf den Grund geht und handfeste Argumente dafür liefert, wieso wir diese Emotion brauchen. Und dass sie mehr beinhaltet als die weit verbreitete Vorstellung des ‚überkochenden Topfes‘.


    Paradox: Den Unterdrückenden steht am meisten Wut zu

    Es ist ein Paradoxon, schreibt sie: Es seien vor allem privilegierte Menschen, die die Herrschaft über die Wut besitzen. Im Klartext bedeutet dies: überwiegend weiße, cis-heterosexuelle, nicht-behinderte Männer. Menschen, die marginalisiert werden, weil sie etwa eine der aufgelisteten Eigenschaften nicht erfüllen, stehe weniger Zorn zu. Weil sie etwa in der unterlegenen Position des Machtverhältnisses zu den Unterdrückenden stehen; weil schon in der Sozialisation Mädchen tendenziell Wut abgesprochen wird; und weil Wut mit Scham besetzt und von den Folgen des Patriarchats durchtränkt ist.


    Ciani-Sophia Hoeder trifft dabei den richtigen Ton: sie formuliert knapp und bündig, was ihre Forderungen sind. Dabei greift sie zur Verdeutlichung auf konkrete Beispiele aus ihrem Alltag und dem ihrer Freund*innen. Zudem liefert das Quellenverzeichnis zahlreiche Recherchemöglichkeiten. Sie schildert nüchtern, wie viel Benachteiligung ihr als Schwarze Frau entgegen geweht ist – und wieso sie es als richtig empfindet, die aufkeimende Wut zuzulassen. Und sich gegen Sexismus, Rassismus, Queer- und Trans*feindlichkeit aufzustemmen.


    Wut zeigt uns, dass wir ungerecht behandelt werden

    „Wut als Katalysator für Veränderung“, so betitelt sie treffend eines ihrer Kapitel. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Konstruktivität persönlichen und gesellschaftlichen Zornes: Sie zeigt uns, dass wir ungerecht behandelt werden. Haders ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir dieses Empfinden in konkrete Verbesserungen stecken können: 2019 gründete sie das Onlinemagazin „RosaMag“ für Schwarze Frauen in Deutschland und bietet diskriminierten Menschen eine Plattform.


    Trotz der knapp zweihundert Seiten Buchlänge fielen mir beim Lesen einige retardierende Argumente auf. Dadurch litt die Lesekonzentration zwischen den (ansonsten) klar formulierten Kritikpunkten. Die Beispiele hätten teils etwas griffiger sein können, als sich zum wiederholten Male auf anonyme Freund*innen zu beziehen.


    Selbstreflexion der eigenen Kommunikation

    Nichtsdestotrotz: Das Buch regt zur starken Selbstreflexion der eigenen Kommunikation an. Wann beharre ich auf meinem Recht, zu mir selbst zu stehen? Wann steht mir dieser Platz überhaupt zu, wann höre ich „nur“ zu? Woher kommt das Denken, Frauen stehe weniger Raum für Zorn zu?



    Ein kurzweiliges und informatives Plädoyer für weibliche Wut: Wieso Wut als weiße heterosexuelle männliche Emotion gilt, wieso es förderlich ist, die eigene Wut zu zeigen, wie wir diese Emotion nutzen können, um gegen Marginalisierungen anzukämpfen!

    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Es kann nur eine geben (ISBN: 9783462001747)

    Bewertung zu "Es kann nur eine geben" von Carolin Kebekus

    Es kann nur eine geben
    DerMedienbloggervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Das Buch betont die Gemeinsamkeit im Kampf gegen das Patriarchat. Carolin Kebekus geht leider schnell die Puste aus.
    Interessanter Blickwinkel; allerdings geht schnell die Puste aus!

    Zu viel Konkurrenzkampf, zu wenig Solidarität: Mit dieser These beschreibt Star-Comedian Carolin Kebekus den heutigen Zusammenhalt unter Frauen. In ihrem Werk «Es kann nur eine geben» versucht sie, Wogen zu glätten – und den Weg zu ebnen für eine gemeinsame Bekämpfung des Patriarchats.



    Kebekus äußert diese Kritik vor allem durch die subjektiven Erfahrungen, die ihr Leben als als aufsteigende Comedienne, aber auch als Privatperson geprägt haben: So setzt sie sich in gebündelten Themenblöcken etwa mit der frauenverachtenden Politik der katholischen Kirche auseinander, die sie letztendlich zum Austritt bewogen hat. Oder aber sie bemängelt das Defizit an weiblichen Repräsentationsmöglichkeiten in Film und Fernsehen.


    Dabei besticht «Es kann nur eine geben» durch den außergewöhnlichen Blickwinkel, den die „DCKS“-Moderatorin einnimmt: Ihre autobiografischen Berichte verleihen dem Buch hohen Authentizitätsgrad und geben einen Blick hinter die Kulissen ihrer oft sexistisch geprägten Karriere. Leider unterläuft ihr dabei teils ein naheliegender Fehler: sie bezieht ihre eigenen Eindrücke auf die Allgemeinheit und generalisiert dadurch grob. 


    Als hätte sie das selbst bemerkt, betont sie, dass sie nicht den Anspruch an sich selbst habe, für alle Frauen und weiblich gelesene Personen zu sprechen. Erfrischend sind daher die Passagen, an denen sie den Redeball abgibt und Frauen zu Wort kommen lässt, die größere Fachkompetenz zu bestimmten Thematiken besitzen. 


    Durch den angenehmen Schreibstil bietet Carolin Kebekus einen leicht verständlichen Einstieg in feministisch-theoretische Literatur, ohne sich dabei in Fachformulierungen zu verklausulieren. Einige amüsante Illustrationen verbildlichen das Gesagte auf niedliche Art und Weise; das ausführliche Glossar gibt einige interessante Recherchetipps und -möglichkeiten mit auf den Weg. 


    Sie legt einen sarkastischen, nicht ganz ernst zu nehmenden Tonfall an den Tag, der stark an ihre Bühnenauftritte erinnert. Tatsächlich werden in «Es kann nur eine geben» ganze Pointen und satirische Darstellungen ihres Programms wiederverwertet. Das Problem: In schriftlicher Form funktionieren einige Gags nicht. Für Kebekus-Fans bietet das Buch nur wenig Neues. 


    Auch sorgt ihre “stream of consciousness“-artige Formulierungsweise für einige Dopplungen innerhalb des eigenen Werks. Statt ihre (durch und durch angemessenen) Kritikpunkte mit Zahlen und Fakten zu füttern, verirrt sie sich in nur wenig Neues bietenden Passagen. Die konkreten Handlungsvorschläge, die Kebekus am Ende anführt, hätten eine prominentere Stellung im Buch verdient. Es fehlt teils der Mut, das Patriarchat und konkret verantwortliche Subjekte zur Rechenschaft zu ziehen.


    «Es kann nur eine geben» betont die Gemeinsamkeit im Kampf gegen das Patriarchat. Carolin Kebekus geht trotz ihren locker-lustigen Schreibstil teils die Puste aus.

    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Schwarzes Herz (ISBN: 9783498002541)

    Bewertung zu "Schwarzes Herz" von Jasmina Kuhnke

    Schwarzes Herz
    DerMedienbloggervor einem Jahr
    Kurzmeinung: erzählt wütend die Geschichte einer Protagonistin, die Opfer der rassistischen und patriarchalen Umstände ist, in denen wir leben.
    Wütender Befreiungsschlag!

    Wut. In Jasmina Kuhnkes Debütroman brodelt es vor überschäumender Wut: von offensivem und aggressivem Hass, sozialisierter und teils unterschwelliger Diskriminierung und verzweifeltem, schambesetztem Zorn. „Schwarzes Herz“ erzählt die Geschichte einer Ich-Protagonistin, die Opfer der rassistischen und patriarchalen Umstände ist, in denen wir leben. – Eine Rezension von Johannes Streb


    Rauer Ton wie ein Schlag ins Gesicht

    Die Autorin schreibt offen und direkt; schon die ersten Seiten, in denen Kuhnke ihren unbarmherzigen Ton klarstellt, wirken wie ein Schlag ins Gesicht. In angenehm unverschnörkeltem, parataktischem Erzählstil nimmt sie kein Blatt vor den Mund – und scheut sich nicht davor, ihre Leser*innen mit (noch immer) aktuellen sprachlichen Wirklichkeiten zu konfrontieren.


    „Schwarzes Herz“ lässt sich, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen. Die Sätze, die Kapitel, das ganze Buch ist recht kurz und lässt dem Lesepublikum bei all seiner inhaltlichen Härte nur wenig Luft zum Aufatmen. Die Triggerwarnung zu Beginn sollte daher gut studiert werden. 


    Bericht rassistischer und sexistischer Gewalterfahrungen

    Im Zentrum des Romans steht eine namenlose Schwarze Protagonistin, die ihre rassistischen und sexistischen Gewalterfahrungen aus der Ich-Perspektive teilt. Ihre ganze Lebenskraft zieht sie aus ihrer Funktion aus Mutter; verzweifelt versucht sie, ihre Kinder vor der Wut und der Gewaltbereitschaft in ihrem Umfeld zu schützen. Dieses Motiv gibt ihr, auch wenn wir ihren Namen nie kennenlernen, eine immense Kraft als zentrale Figur. 


    Gleichzeitig bekräftigt dieser Verfremdungseffekt der Namenlosigkeit die gesellschaftliche Omnipräsenz der Anfeindungen: Jede*m könnte das passieren, überall. Und es ist wichtig, dass darüber immer wieder gesprochen wird und werden kann – im politischen Sinne, aber auch im privaten Kreise. Kuhnke stellt eine verbitterte Vision der Isolation und unerwiderten Liebe dar, denn die Hauptfigur ist alleine mit ihren Problemen: keine*r hört ihren Schmerz, niemand würdigt die Kraft, die sie für ihre Kinder dennoch aufbringt, ihr fehlt es an Ansprechpartner*innen.


    Protagonistin mehr Objekt der Umstände als Subjekt

    Man wünschte sich, Kuhnke würde sich ein wenig mehr Zeit für subtile und persönliche Töne lassen: Oft wirkt das Buch mehr wie eine Bestandsaufnahme als eine szenische Erzählung. Einige ungelenke und nicht sofort ersichtliche Zeitsprünge in der Handlungschronologie sorgen für einen kurzen Verwirrungsmoment. Diese Distanz ist teils so groß, dass die Protagonistin entfremdet wirkt – andererseits zeigt sie ihre Position als von ihren Umständen gebeutelte Figur. Sie ist mehr Objekt als Subjekt, und bis auf ihre Liebe zu ihren Jüngsten wird sie in „Schwarzes Herz“ nicht zu viel mehr emotional befähigt, als die Ungerechtigkeiten zu ertragen. 


    Befreiender Trotz gegen bestehende Machtgefälle

    Der Leistungssport stellt hier eine glaubwürdige Kompensationsmöglichkeit für sie dar, in denen sie sich über gesellschaftliche Unterdrückung, über fehlende Selbstwertgefühle und das manifestierte Gefühl, nicht dazu zu gehören, hinwegsetzen kann. Hier möchte sie jemand sein, unabhängig von ihrer Geschichte, ihrer Herkunft – und doch: allein.


    „Schwarzes Herz“ ist, wie eingangs schon erwähnt, ein wütendes Buch. Auf jeder Seite spürt man das Verlangen der Autorin, Klartext zu sprechen und bestehenden Machtgefällen zu trotzen: sei es das Patriarchat, seien es Rassist*innen, seien es Nazis und Skinheads. Wenn sich diese Frustration auf die Leser*innen überträgt, dann kann daraus eigene Handlungsbereitschaft erwachsen – eine große Qualität des Buchs. Das Schlussplädoyer kann vielen Betroffenen Kraft und Identifikationsmöglichkeiten bieten.


    Fazit

    „Schwarzes Herz“ rüttelt wach und tut weh – ein kraftvolles und wütendes Plädoyer.


    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Felix Ever After (ISBN: 9783736316829)

    Bewertung zu "Felix Ever After" von Kacen Callender

    Felix Ever After
    DerMedienbloggervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Das queere Buch zur rechten Zeit!
    Das queere Buch zur rechten Zeit!

    Das Buch zur rechten Zeit – wieso ich „Felix Ever After“ für das Werk halte, das die jugendliche Generation braucht


    Schwarz, queer und transident: Große Identifikationsfläche für bunte Leser*innen

    Felix hat es sich zur Aufgabe gemacht: er möchte sich zum ersten Mal verlieben, Schmetterlinge im Bauch fühlen, endlich in dem euphorischen Glücksgefühl zu schweben, über das so viele Musiker*innen schwärmen. Doch sein Umfeld legt ihm immer wieder Steine in den Weg und möchte seine Identität nicht akzeptieren: Denn er ist Schwarz, queer und transident. 


    Das kann man dem Roman hoch anrechnen: Dass er sich auf Augenhöhe mit den Marginalisierungsformen innerhalb der queeren Community annimmt – und eben nicht „nur“ einen weißen schwulen Cis-Jungen in den Vordergrund rückt. Dies bietet vielen bunten Leser*innen Identifikations- und Reflektionsfläche für innere und äußere (gesellschaftliche) Entwicklungen. 


    Selbstfindungsprozess mit dem Coming-Out nicht abgeschlossen

    Autor*in Kacen Callender wählt hierfür einen erfrischenden Ausgangspunkt für die Handlung: Die Transidentität ist zwar ab dem ersten Kapitel gegeben; mit einem Coming-Out ist der Prozess der Identitätsfindung jedoch nicht zwangsläufig abgeschlossen – und durch dieses Narrativ ermutigt der Roman zur weiteren Auseinandersetzung mit dem eigenen geschlechtlichen und sexuellen Individuum. Zudem erweckt er Lust, sich weiter in die Materie der queeren Begriffe einzuarbeiten. 


    Ein quietschbuntes queeres Figurenensemble

    Tag für Tag für Anerkennung und Gleichberechtigung zu kämpfen: die gesellschaftliche Intoleranz und eine weit verbreitete Unwissenheit erschweren den Weg vieler queerer Jugendliche. In „Felix Ever After“ ist die Mehrzahl der auftretenden Figuren nicht-hetero oder cis-gelesen. Dies bietet viele sympathische Identifikationsfiguren und zeigt, dass da noch mehr Menschen sind, die ähnliches durchmachen – auch wenn es oft nicht so scheint. 


    Eine Ausstellung, auf der gelöschte Instagram-Bilder und sein Deadname veröffentlicht wird; transphobe Hassnachrichten; Freund*innen, die sich von ihm abwenden – Felix weht auf seinem Weg jede Menge Queerfeindlichkeit entgegen. Diese Wut lässt er in Mailentwürfen an seine Mutter heraus, die die Familie vor einigen Jahren verlassen hat. Oder aber er steckt diese Verzweiflung in dem Erschaffen von Acrylgemälden: Beides fungiert als authentischer Kompensationspunkt. Seine inneren Auseinandersetzungen sind teils jedoch nicht nachvollziehbar: Wieso blockiert er den Instagram-Account nicht, wieso tut er sich diesen Schmerz an? 


    Süße Chemie zwischen Felix und Ezra

    Glücklicherweise setzt sich sein bester Freund Ezra mit rührender Vehemenz bei rassistischen, trans- oder queerfeindlichen Redebeiträgen für Felix ein – und zeigt mit aller Deutlichkeit, wie wichtig es ist, für andere Menschen und gegen Hass einzutreten. Dem freundschaftlichen Verhältnis stehen teils die unterschiedlichen Sozialisationen der Freunde im Weg: Während Ezra in einem glanzvollen Loft in der Innenstadt lebt, lebt Felix mit seinem Vater auf wenigen Quadratmetern am Rand der Stadt. 


    Trotz des flotten Tempos bietet „Felix Ever After“ hält sich das Buch strikt an den schnell vorhersehbaren Spannungsbogen und hält nur wenige Überraschungen im Handlungsverlauf bereit. Der durchgehende rosig-kitschige Optimismus mag zwar angenehm zu lesen sein, wirkt aber alles andere als realistisch: Man wünscht sich vergeblich stärkere Tipps im Verhalten gegen Queerfeindlichkeit. Hier hätte das Werk deutlich schlagkräftiger sein können. 



    Fazit

    „Felix Ever After“ ist ein rührendes Plädoyer für gegenseitige Toleranz – und zeigt die Notwendigkeit zum Zusammenhalt innerhalb der queeren Community.

    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Animal (ISBN: 9783492070935)

    Bewertung zu "Animal" von Lisa Taddeo

    Animal
    DerMedienbloggervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Bitterböse feministische Kampfansage in gesichtsloser Handlung
    Bitterböse Kampfansage in gesichtsloser Handlung

    Joan will nicht mehr nur Opfer sein – Lisa Taddeos «Animals» ist eine bitterböse feministische Kampfansage



    Eine von Männern gepeinigte und sexualisierte Protagonistin auf Rachezug – das liefert Lisa Taddeo mit ihrem zweiten Roman «Animal». Mit diesem feministischen Roman möchte die US-amerikanische Schriftstellerin an den Erfolg ihres preisgekrönten Debüts «Three Woman» anknüpfen. Herausgekommen ist dabei ein durchaus unterhaltsames, aber weniger emanzipatorisches Werk, das hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. 


    «Animal» erzählt die Geschichte von Joan: sie ist eine von ihrer schwarzen Vergangenheit gebeutelte Figur, die aus der Großstadt in die Natur flieht. In Rückblenden rollt Taddeo diese Umstände nach und nach aus, die Joans entnervten Pessimismus auf nahezu alles nachvollziehbar machen. So bereits am Anfang: Der Roman beginnt mit einer schlagkräftigen und ziemlich heftigen Szene, die sofort mitreißt – und einen ersten Vorgeschmack auf das gibt, was die Leser*innen auf den nächsten 400 Seiten erwartet.


    Die Ich-Perspektive erlaubt die ungefilterte Teilhabe an Joans Gedankenstrom; teils spricht sie ihr ungeborenes Kind in zweiter Person Singular an und gibt ihm Ratschläge mit, die sie sich über Jahre hinweg selbst erst aneignen musste. »Ich wünsche mir, dass du nicht durch die Welt gehst im Glauben, du müsstest eine vermeintliche Leere in dir mit dem Fleisch eines anderen Menschen ausfüllen. Auch deshalb erzähle ich diese Geschichte», heißt es da etwa an einer Stelle. 


    Schnell entpuppt sich Joan als eine von Misstrauen und Rachsucht getriebene Figur, die sich geschworen hat, sich nie wieder von patriarchalen Strukturen unterdrücken zu lassen – und wenn doch, nur mit ihrem Willen. Diese Verbitterung verbirgt einen Abschreckungsfaktor gegen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse mit Männern, denen sie sich (verständlicherweise) nicht mehr ausliefert. Diese Wut verdient es definitiv, gehört zu werden!


    Jedoch verzettelt sich die Autorin in platten Täter-Opfer-Stigmata, ohne großen Raum für Selbstreflexion zu lassen. Die Hauptfigur entfremdet sich zunehmend von ihrer Außenwelt – und verliert fast vollkommen die Fähigkeit, Zuneigung (geschweige denn Liebe) zu ihren Mitmenschen zu empfinden und zu zeigen. Die Konversationen mit Alice – einer Frau, mit der Joans Leben ineinander verwoben zu sein scheint – wirken hier wie ein befreiender Ausgleich: eine Auszeit von dieser gedanklichen Welt voller Rachegedanken; Momente, in denen zumindest ein Anflug von moralischem Anspruch gilt. 


    Es scheint so, als wäre in «Animal» trotz ausschweifender und detailgetreuer Beschreibungen keine Figur richtig greifbar. Dadurch mutiert der Roman zu einer erschreckend gesichtslosen Handlung, die dadurch große Schlagkraft einbüßt. Der Schockfaktor über Joans schreckliche Beziehungs- und Familienverhältnisse kann nicht über die Längen hinwegtäuschen, die sich der Plot durch einige erzähltechnische Schlenker erlaubt. 


    Nein, es reicht nicht, „nur“ wütend zu sein: Die geballte Wut in «Animal» verdient eine große Bühne, ist aber zu plump formuliert.

    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Off the Record - Unsere Worte sind unsere Macht (ISBN: 9783401606453)

    Bewertung zu "Off the Record - Unsere Worte sind unsere Macht" von Camryn Garrett

    Off the Record - Unsere Worte sind unsere Macht
    DerMedienbloggervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein kraftvoller Roman über journalistische Verantwortung, gegenseitige Fürsorglichkeit und den Mut, über sich selbst hinauszuwachsen!
    Ein Plädoyer für medienethische Verantwortung

    Eine junge Nachwuchsjournalistin, die bei ihrem ersten großen Auftrag einen Missbrauchsskandal aufdeckt – mit „Off The Record“ legt Camryn Garrett ein Plädoyer für medienethische Verantwortung vor


    Totgeschwiegener sexueller Missbrauch am Filmset
    Sie kann es kaum fassen, als Josie erfährt, dass sie bei einem Wettbewerb für journalistische Nachwuchstalente gewonnen hat. Der Preis: eine mehrwöchige Pressetour zu einem Filmdrama über Konversionstherapien; über den jungen Hauptdarsteller darf sie ein Porträt für ein gefeiertes Popkultur-Magazin schreiben. 


    Bei ihrer Reise durch die Staaten erhält sie einen Blick hinter die Kulissen mehrerer US-amerikanischer Filmproduktionen. Und deckt dabei Schreckliches auf: Ein gefeierter Regisseur vergreift sich am Set an mehreren Schauspieler*innen – und niemand spricht darüber; niemand deckt diese sexuellen Missbräuche auf. In ihrem Roman „Off The Record – Unsere Worte sind unsere Macht“ betont die 21-jährige Autorin Camryn Garrett die Wichtigkeit gut recherchierter journalistischen Inhalten – gerade in Zeiten von mehr schlecht als recht recherchierten Beiträgen auf sozialen Medien und Fake News ist das eine essenzielle Botschaft.


    Buch bietet Fülle an wichtigen Thematiken
    Durch die einfache Sprache und den oft parataktischen Satzbau kann das jugendliche Lesepublikum schnell in die Handlung eintauchen. Das vorliegende Buch reißt eine Fülle wichtiger Thematiken an, ohne dabei überladen zu wirken – und ist trotz des aufwühlenden Inhalts über 400 Seiten durchweg kurzweilig. 


    Josie funktioniert als authentische Hauptfigur, die den Leser*innen ungefiltert ihre inneren Konflikte mitteilt. Sei es ihr eigenes Übergewicht, an dem sie ihren Selbstwert misst; ihr unersättlicher Ehrgeiz, der sie zwischenmenschliche Nähe kostet; ihre Angststörung, die sie in Interviewsituationen erstarren lässt; ihre Bisexualität, die sie für sich erkunden muss; ihre Hautfarbe, wegen der sie sich unter weißen Personen oft unwohl fühlt – diese Konflikte spricht sie mit ehrlicher und erfrischender Direktheit an, die vielen jungen Leser*innen große Identifikationsfläche bieten dürfte. 


    Hinterfragen der Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“
    Die politische Brisanz des Buchs wird nicht nur deutlich, wenn man sich den großen Missbrauchsskandal von Harvey Weinstein und das bestehende Machtverhältnis vor Augen führt: ein Filmschaffender, der sich an Angestellten vergreift. Vielmehr ist „Off The Record“ ein Versuch, die Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“ – als überzeichnetes Stereotyp für Personen, die aufgrund angeborener Umstände alle gesellschaftlichen Privilegien genießen – zu hinterfragen. 


    Starke Dialoge über die Scham der Missbrauchsopfer
    Camryan Garrett beweist ihr schreibtechnisches Feingefühl vor allem in den starken Dialogen: Die verzweifelte Scham der sexuell missbrauchten und objektifizierten Personen schnürt einem den Hals zu und lässt sprachlos werden angesichts der Ungerechtigkeiten, die sich abspielen. Sich trotz möglicher Konsequenzen dagegen aufzulehnen und die Stimme zu erheben – dazu möchte die Autorin ihre Leser*innen ermutigen. 


    Plädoyer für konstruktiven Journalismus
    Das vorliegende Jugendbuch ist ein Plädoyer für den konstruktiven Journalismus und die medienethische Verantwortung. Es möchte beweisen, dass man mit dem Mut zur Wahrheit gesellschaftliche Veränderung erzielen kann.


    Belanglose Liebesgeschichte und vorschnelles Ende nehmen Schlagkraft
    Diese Schlagkraft wird teils verschleiert durch die romantischen Elemente, die die Handlung in sich birgt. Die recht vorhersehbare Liebesgeschichte wirkt bei all dem harten thematischen Tobak zwar auflockernd, gleichzeitig aber deplatziert und überflüssig. Auch wirkt das Ende etwas schnell „abgefrühstückt“: Die Auswirkungen von Josies Mut – und dem daraus entstehenden Medienecho – sind nur ansatzweise erkennbar; das Fortschreiten ihrer beruflichen Zukunft als Ausgangspunkt der Handlung bleibt offen; und auch über die rechtlichen Konsequenzen für den Regisseur erhalten die Leser*innen keine Auskunft. 


    Fazit
    Insgesamt ist „Off The Record“ aber ein kraftvoller Roman einer inspirierenden Autorin über journalistische Verantwortung, gegenseitige Fürsorglichkeit und den Mut, über sich selbst herauszuwachsen – unbedingte Leseempfehlung!

    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches Und du fliegst durch die Nächte (ISBN: 9783453425316)

    Bewertung zu "Und du fliegst durch die Nächte" von Sophie Bichon

    Und du fliegst durch die Nächte
    DerMedienbloggervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Shakespeare in Berlin – ein Plädoyer für queeres "Lieben und Lieben-lassen"
    Ein Plädoyer für queeres "Lieben und Lieben-lassen"

    Ein weit gereister Sunnyboy verliebt sich in einen gefeierten Techno-DJ, vor der Kulisse Berlins. Eine dualistische und queere Liebesgeschichte im romantisch-pathetischen Mantel – eine Kritik zu "Und du fliegst durch die Nächte"

    Dualismus zwischen Charakteren à la „Romeo und Julia“ als Ausgangspunkt
    „Und du fliegst durch die Nächte“ ist Shakespeare in Berlin, die Verschiebung einer weltbekannten Tragödie in die Gegenwart: Sophie Bichon erzählt die Geschichte von Romeo und Julius, die sich vor einem Techno-Club treffen und deren Wege sich fortan magnetartig überschneiden. Der eine ist ein extrovertierter und stets optimistischer Weltenbummler – der andere ein in sich gekehrter DJ, der im internationalen Rampenlicht steht und den Drogen- und Alkoholprobleme quälen. 

    Durch die Namensgebung und mehrere explizite „Romeo, o Romeo“-Zitate schafft die Autorin einen überbetonten Bezug zu dem Buch, das sicherlich viele ihrer Leser*innen bereits in der Schule analysierten. In „Romeo und Julia“ ist es der soziale Dualismus beider Charaktere, der ihrer Liebe im Weg steht; genau dieser erzählerischen Struktur folgt Bichon auch im vorliegenden Werk. Während die eine Figur kometenhaft aufzusteigen und ihr Leben im Griff zu haben scheint, leidet die andere Person – trotz oder gerade wegen des Partners. Durch die beiden Playlists, die beide Liebende füreinander erstellen und die auf Spotify abrufbar sind, kann das Lesepublikum den Widerspruch zwischen beiden Protagonisten noch tiefer begreifen.

    Kluge Dialoge in der Auseinandersetzung mit sexuellen Identitäten
    Diese stur verfolgte Divergenz beider Handlungsverläufe bietet nur wenige Überraschungen; schon nach dem Klappentext sind weite Strecken des Plots vorhersehbar. Zugleich bietet sie interessante Ausgangspunkte für die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Identität: Julius hat sich über die Jahre hinweg ein stärkendes, liebendes Umfeld geschaffen und einen offenen Umgang mit seiner Homosexualität gelernt; Romeo hingegen schlug mit seinem Coming-Out als bisexueller Mann Ablehnung und physische Gewalt entgegen. Konfrontieren sich beide Figuren mit ihren Ängsten, entstehen klug formulierte Dialoge, die großes Identifikationspotenzial für queere Menschen und zugleich Handlungsvorschläge für Mitmenschen bieten. 

    Aufarbeitung von inneren Wunden gerät zu oberflächlich
    Die Aufarbeitung von Romeos Drogenabhängigkeit und dem (teils) suizidal anmutenden Wunsch, sich fallen zu lassen, gerät hingegen zu schnell und oberflächlich. Die schrittweise Analyse und Auflösung dieser ernstzunehmenden inneren Wunden werden verhältnismäßig schnell „abgefrühstückt“ und in ein emotional verklärtes letztes Kapitel gequetscht. „Und du fliegst durch die Nächte“ lässt sich viel Zeit, schöne (gefühlsduselige) Worte zu verlieren und von den Charakteren einzufordern, auch die Hässlichkeit des Lebens auszusprechen – und löst diesen Kompromiss an dieser Stelle selbst nicht ein.

    Bichons Schreibstil ist inbrünstig und gut beobachtet
    Sophie Bichon schreibt sinnlich, gut beobachtet, intim, nahbar, durch und durch romantisch – in ihren Worten emotionalisiert sie mit einer bewundernswerten Inbrunst die Stadt Berlin, den gegenwärtigen Moment, das Kleine und dennoch Bedeutsame. Das Knistern zwischen Julius und Romeo ist zu spüren, während man sich Seite für Seite tiefer in Bichons optimistische Liebeshöhle einlullt.

    Ein goldener Instagram-Filter über der Wirklichkeit
    Dabei gibt sich die Autorin so sehr einer überbetonten Überromantisierung hin, dass die Grenzen des Realistischen ausgehebelt werden: Es ist, als würde sie einen goldenen Instagram-Filter über die Welt legen, der jeden Moment im perfekten letzten Sonnenlicht des Tages erstrahlen lässt. Diesen pathetischen Schreibstil und die exorbitante Gefühlsduseligkeit muss man mögen – in dem vorliegenden Werk ist nur selten Platz für subtile Töne à la „weniger ist mehr“. 

    Wer sich aber auf diese Prämisse einlässt und dieser angenehm leichten Illusion hingibt, kann auf knapp 500 Seiten Romeo und Julius kennen und lieben lernen und möchte sofort nach Berlin ziehen. Bei der vorliegenden Lektüre handelt es sich um den zweiten Band der „Love Is Love“-Buchserie; trotzdem lässt sie sich ohne Vorwissen über den vorherigen Teil genießen. Mignon und Lilou, die Hauptfiguren von „Und ich leuchte mit den Wolken“, können hier dennoch mit einem zuckersüßen kurzen Auftritt glänzen.

    Fazit
    Letztendlich ist „Und du fliegst durch die Nächte“ ein überzeugendes, wenngleich kitschiges Plädoyer für queeres „Lieben und Lieben-lassen“. Ich freue mich auf den dritten und abschließenden Band. 

    Kommentieren
    Teilen
    Cover des Buches A New Season: My London Dream (ISBN: 9783473585878)

    Bewertung zu "A New Season: My London Dream" von Marnie Schaefers

    A New Season: My London Dream
    DerMedienbloggervor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Nimmt wichtige Aufklärungsarbeit wahr, ohne belehrend zu wirken!
    Nimmt wichtige Aufklärungsarbeit wahr, ohne belehrend zu wirken!

    Die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität, der schmerzliche Verlust der besten Freundin, eine florierende Beziehung und vor allem Blumen, Blumen und Blumen – das alles gibt Marnie Schaefers neuestem Roman „A New Season: My London Dream“. 🌺


    Queere Repräsentation ist auch 2021 weiterhin wichtig 🏳️‍🌈

    Queere Geschichten sind deshalb so wichtig, weil sie vielen Menschen Identifikationsfläche bieten. Ihnen aufzeigen, dass sie mit ihren Coming-Out-Geschichten nicht alleine sind und keinesfalls abnormal. Sie können in einem Meer von Unsicherheiten und Schamgefühlen ein anonymes Gefühl des Verstandenwerdens geben, wie eine beruhigende Stimme, die dir zusichert, dass du nicht alleine bist.


    Andererseits leisten sie aber für einen Großteil der Lesenden auch Aufklärungsarbeit: Auch im Jahr 2021 ist es für viele LGBTIQ*-Personen alles andere als einfach, sich zu outen und jedwede Sexualität, die von der Hetero-Norm abweicht, einzugestehen. Die große Angst: Von außen nicht akzeptiert zu werden, Abstoßung und Diskriminierung zu erfahren. Queere Werke ermutigen Leser*innen aller Art dazu, sich in die fiktiven Personen auf ihrer Suche nach Geschlechtlichkeit und Sexualität hineinzuversetzen. Ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen nachzuempfinden.


    „A New Season“ leistet Aufklärungsarbeit, ohne belehrend zu sein 🏳️‍⚧️

    „A New Season: My London Dream“ kommt diesem Auftrag nach, ohne belehrend zu wirken: Das Buch bietet einen umfassenden Einblick in das Innenleben von Vincent. Er studiert in London, arbeitet leidenschaftlich in einem Blumenladen und ist trans*. Wir begleiten ihn auf seinem gesamten „Passing“-Prozess und werden Zeugen seiner Ängste, Zwänge und Überwindungen. Das ist sehr eindrucksvoll, denn seinen Kampf muss Vincent auf so vielen Ebenen führen: mit sich selbst, mit seiner Familie und den Freund*innen, mit seinem gesamten Umfeld.


    Da die Hälfte des Romans aus seiner Perspektive verfasst ist, konnte ich ein enges Band zu dem Protagonisten entwickeln und fieberte mit ihm mit. Seine Triumphe und persönlichen Erfolge beflügeln mich ebenso wie mich einzelne Beleidigungen und Anfeindungen erschüttern und wachrütteln. In meiner links-grün-versifften Filterblase auf Instagram vergisst man schnell: Homo- und Transphobie sind auch heute noch Teil unseres Alltags.


    Leichter Schreibstil, wenngleich etwas überraschungskarg 😉

    Marnie Schaeffers schreibt locker und leicht, man fliegt förmlich durch die Seiten. Als angenehme Lektüre für Zwischendurch besitzt „A New Season“ das genau richtige Erzähltempo. Doch lässt sich der Autor auf über 500 Seiten erstaunlich viel Zeit, seine Handlung auszuschmücken: Das Buch verlässt vorhersehbare Pfade nur selten, der gesamte Spannungsbogen fühlt sich sehr „straight forward“ an – hier ist nur selten Platz für Überraschungen.


    Neben Vincent als stark ausgearbeiteter Protagonist wirkt Tracey teils etwas glattgebügelt. Dennoch versucht sie ihm durchweg mit ihrer niedlichen Naivität und durchgehenden Freundlichkeit einen reibungslosen Einstieg in ein tolerantes Umfeld nach seinem Coming-Out zu ermöglichen. Sie setzt sich an den richtigen Stellen für ihren Partner ein, das rührt mitunter sehr. Auch einige Nebenfiguren sind teils etwas oberflächlich geraten. Die immer wiederkehrenden Blumen sind ein rührendes Detail, das die Begeisterung des Autors für die Floristik unter Beweis stellt.


    Ende lässt mich etwas zähneknirschend zurück 😬

    So ist es vor allem das Ende, das mich etwas zähneknirschend zurücklässt: Durch das abgehackte Ende werden wichtige Schlüsselpunkte in der persönlichen Entwicklung der Figuren ausgeklammert, ja, fast schon lieblos „abgefrühstückt“. Im Folgenden einige Beispiele (Vorsicht, etwaige Spoiler!).


    Wie genau geschieht die Wiederannäherung an die intoleranten Eltern, wie durchstehen die beiden Hauptfiguren ihre innere Zerrissenheit nach der Trennung, wie ergeht es Vincent mit weiterführenden geschlechtsangleichenden Operationen in seinem Körper? Hier fühlte ich mich als Lesender etwas im Stich gelassen.



    Fazit 🤌🏻

    „A New Season: My London Dream“ ist etwas zu kitschig und lang geraten – und nimmt gleichzeitig einen wichtigen Aufklärungsauftrag wahr, ohne belehrend zu wirken. Das Werk unterstreicht die Wichtigkeit queerer Repräsentation in der heutigen Literatur.


    3,5/5 Sterne ⭐️

    Kommentieren
    Teilen

    Über mich

    Lieblingsgenres

    Krimis und Thriller, Fantasy, Jugendbücher, Science-Fiction

    Mitgliedschaft

    Freund*innen

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freund*innen und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber*innen und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Hol dir mehr von LovelyBooks