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DerMedienblogger

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    Cover des Buches Animal (ISBN: 9783492070935)

    Bewertung zu "Animal" von Lisa Taddeo

    Animal
    DerMedienbloggervor einem Tag
    Kurzmeinung: Bitterböse feministische Kampfansage in gesichtsloser Handlung
    Bitterböse Kampfansage in gesichtsloser Handlung

    Joan will nicht mehr nur Opfer sein – Lisa Taddeos «Animals» ist eine bitterböse feministische Kampfansage



    Eine von Männern gepeinigte und sexualisierte Protagonistin auf Rachezug – das liefert Lisa Taddeo mit ihrem zweiten Roman «Animal». Mit diesem feministischen Roman möchte die US-amerikanische Schriftstellerin an den Erfolg ihres preisgekrönten Debüts «Three Woman» anknüpfen. Herausgekommen ist dabei ein durchaus unterhaltsames, aber weniger emanzipatorisches Werk, das hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. 


    «Animal» erzählt die Geschichte von Joan: sie ist eine von ihrer schwarzen Vergangenheit gebeutelte Figur, die aus der Großstadt in die Natur flieht. In Rückblenden rollt Taddeo diese Umstände nach und nach aus, die Joans entnervten Pessimismus auf nahezu alles nachvollziehbar machen. So bereits am Anfang: Der Roman beginnt mit einer schlagkräftigen und ziemlich heftigen Szene, die sofort mitreißt – und einen ersten Vorgeschmack auf das gibt, was die Leser*innen auf den nächsten 400 Seiten erwartet.


    Die Ich-Perspektive erlaubt die ungefilterte Teilhabe an Joans Gedankenstrom; teils spricht sie ihr ungeborenes Kind in zweiter Person Singular an und gibt ihm Ratschläge mit, die sie sich über Jahre hinweg selbst erst aneignen musste. »Ich wünsche mir, dass du nicht durch die Welt gehst im Glauben, du müsstest eine vermeintliche Leere in dir mit dem Fleisch eines anderen Menschen ausfüllen. Auch deshalb erzähle ich diese Geschichte», heißt es da etwa an einer Stelle. 


    Schnell entpuppt sich Joan als eine von Misstrauen und Rachsucht getriebene Figur, die sich geschworen hat, sich nie wieder von patriarchalen Strukturen unterdrücken zu lassen – und wenn doch, nur mit ihrem Willen. Diese Verbitterung verbirgt einen Abschreckungsfaktor gegen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse mit Männern, denen sie sich (verständlicherweise) nicht mehr ausliefert. Diese Wut verdient es definitiv, gehört zu werden!


    Jedoch verzettelt sich die Autorin in platten Täter-Opfer-Stigmata, ohne großen Raum für Selbstreflexion zu lassen. Die Hauptfigur entfremdet sich zunehmend von ihrer Außenwelt – und verliert fast vollkommen die Fähigkeit, Zuneigung (geschweige denn Liebe) zu ihren Mitmenschen zu empfinden und zu zeigen. Die Konversationen mit Alice – einer Frau, mit der Joans Leben ineinander verwoben zu sein scheint – wirken hier wie ein befreiender Ausgleich: eine Auszeit von dieser gedanklichen Welt voller Rachegedanken; Momente, in denen zumindest ein Anflug von moralischem Anspruch gilt. 


    Es scheint so, als wäre in «Animal» trotz ausschweifender und detailgetreuer Beschreibungen keine Figur richtig greifbar. Dadurch mutiert der Roman zu einer erschreckend gesichtslosen Handlung, die dadurch große Schlagkraft einbüßt. Der Schockfaktor über Joans schreckliche Beziehungs- und Familienverhältnisse kann nicht über die Längen hinwegtäuschen, die sich der Plot durch einige erzähltechnische Schlenker erlaubt. 


    Nein, es reicht nicht, „nur“ wütend zu sein: Die geballte Wut in «Animal» verdient eine große Bühne, ist aber zu plump formuliert.

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    Cover des Buches Off the Record - Unsere Worte sind unsere Macht (ISBN: 9783401606453)

    Bewertung zu "Off the Record - Unsere Worte sind unsere Macht" von Camryn Garrett

    Off the Record - Unsere Worte sind unsere Macht
    DerMedienbloggervor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein kraftvoller Roman über journalistische Verantwortung, gegenseitige Fürsorglichkeit und den Mut, über sich selbst hinauszuwachsen!
    Ein Plädoyer für medienethische Verantwortung

    Eine junge Nachwuchsjournalistin, die bei ihrem ersten großen Auftrag einen Missbrauchsskandal aufdeckt – mit „Off The Record“ legt Camryn Garrett ein Plädoyer für medienethische Verantwortung vor


    Totgeschwiegener sexueller Missbrauch am Filmset
    Sie kann es kaum fassen, als Josie erfährt, dass sie bei einem Wettbewerb für journalistische Nachwuchstalente gewonnen hat. Der Preis: eine mehrwöchige Pressetour zu einem Filmdrama über Konversionstherapien; über den jungen Hauptdarsteller darf sie ein Porträt für ein gefeiertes Popkultur-Magazin schreiben. 


    Bei ihrer Reise durch die Staaten erhält sie einen Blick hinter die Kulissen mehrerer US-amerikanischer Filmproduktionen. Und deckt dabei Schreckliches auf: Ein gefeierter Regisseur vergreift sich am Set an mehreren Schauspieler*innen – und niemand spricht darüber; niemand deckt diese sexuellen Missbräuche auf. In ihrem Roman „Off The Record – Unsere Worte sind unsere Macht“ betont die 21-jährige Autorin Camryn Garrett die Wichtigkeit gut recherchierter journalistischen Inhalten – gerade in Zeiten von mehr schlecht als recht recherchierten Beiträgen auf sozialen Medien und Fake News ist das eine essenzielle Botschaft.


    Buch bietet Fülle an wichtigen Thematiken
    Durch die einfache Sprache und den oft parataktischen Satzbau kann das jugendliche Lesepublikum schnell in die Handlung eintauchen. Das vorliegende Buch reißt eine Fülle wichtiger Thematiken an, ohne dabei überladen zu wirken – und ist trotz des aufwühlenden Inhalts über 400 Seiten durchweg kurzweilig. 


    Josie funktioniert als authentische Hauptfigur, die den Leser*innen ungefiltert ihre inneren Konflikte mitteilt. Sei es ihr eigenes Übergewicht, an dem sie ihren Selbstwert misst; ihr unersättlicher Ehrgeiz, der sie zwischenmenschliche Nähe kostet; ihre Angststörung, die sie in Interviewsituationen erstarren lässt; ihre Bisexualität, die sie für sich erkunden muss; ihre Hautfarbe, wegen der sie sich unter weißen Personen oft unwohl fühlt – diese Konflikte spricht sie mit ehrlicher und erfrischender Direktheit an, die vielen jungen Leser*innen große Identifikationsfläche bieten dürfte. 


    Hinterfragen der Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“
    Die politische Brisanz des Buchs wird nicht nur deutlich, wenn man sich den großen Missbrauchsskandal von Harvey Weinstein und das bestehende Machtverhältnis vor Augen führt: ein Filmschaffender, der sich an Angestellten vergreift. Vielmehr ist „Off The Record“ ein Versuch, die Übermachtstellung des „alten weißen Mannes“ – als überzeichnetes Stereotyp für Personen, die aufgrund angeborener Umstände alle gesellschaftlichen Privilegien genießen – zu hinterfragen. 


    Starke Dialoge über die Scham der Missbrauchsopfer
    Camryan Garrett beweist ihr schreibtechnisches Feingefühl vor allem in den starken Dialogen: Die verzweifelte Scham der sexuell missbrauchten und objektifizierten Personen schnürt einem den Hals zu und lässt sprachlos werden angesichts der Ungerechtigkeiten, die sich abspielen. Sich trotz möglicher Konsequenzen dagegen aufzulehnen und die Stimme zu erheben – dazu möchte die Autorin ihre Leser*innen ermutigen. 


    Plädoyer für konstruktiven Journalismus
    Das vorliegende Jugendbuch ist ein Plädoyer für den konstruktiven Journalismus und die medienethische Verantwortung. Es möchte beweisen, dass man mit dem Mut zur Wahrheit gesellschaftliche Veränderung erzielen kann.


    Belanglose Liebesgeschichte und vorschnelles Ende nehmen Schlagkraft
    Diese Schlagkraft wird teils verschleiert durch die romantischen Elemente, die die Handlung in sich birgt. Die recht vorhersehbare Liebesgeschichte wirkt bei all dem harten thematischen Tobak zwar auflockernd, gleichzeitig aber deplatziert und überflüssig. Auch wirkt das Ende etwas schnell „abgefrühstückt“: Die Auswirkungen von Josies Mut – und dem daraus entstehenden Medienecho – sind nur ansatzweise erkennbar; das Fortschreiten ihrer beruflichen Zukunft als Ausgangspunkt der Handlung bleibt offen; und auch über die rechtlichen Konsequenzen für den Regisseur erhalten die Leser*innen keine Auskunft. 


    Fazit
    Insgesamt ist „Off The Record“ aber ein kraftvoller Roman einer inspirierenden Autorin über journalistische Verantwortung, gegenseitige Fürsorglichkeit und den Mut, über sich selbst herauszuwachsen – unbedingte Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Und du fliegst durch die Nächte (ISBN: 9783453425316)

    Bewertung zu "Und du fliegst durch die Nächte" von Sophie Bichon

    Und du fliegst durch die Nächte
    DerMedienbloggervor einem Monat
    Kurzmeinung: Shakespeare in Berlin – ein Plädoyer für queeres "Lieben und Lieben-lassen"
    Ein Plädoyer für queeres "Lieben und Lieben-lassen"

    Ein weit gereister Sunnyboy verliebt sich in einen gefeierten Techno-DJ, vor der Kulisse Berlins. Eine dualistische und queere Liebesgeschichte im romantisch-pathetischen Mantel – eine Kritik zu "Und du fliegst durch die Nächte"

    Dualismus zwischen Charakteren à la „Romeo und Julia“ als Ausgangspunkt
    „Und du fliegst durch die Nächte“ ist Shakespeare in Berlin, die Verschiebung einer weltbekannten Tragödie in die Gegenwart: Sophie Bichon erzählt die Geschichte von Romeo und Julius, die sich vor einem Techno-Club treffen und deren Wege sich fortan magnetartig überschneiden. Der eine ist ein extrovertierter und stets optimistischer Weltenbummler – der andere ein in sich gekehrter DJ, der im internationalen Rampenlicht steht und den Drogen- und Alkoholprobleme quälen. 

    Durch die Namensgebung und mehrere explizite „Romeo, o Romeo“-Zitate schafft die Autorin einen überbetonten Bezug zu dem Buch, das sicherlich viele ihrer Leser*innen bereits in der Schule analysierten. In „Romeo und Julia“ ist es der soziale Dualismus beider Charaktere, der ihrer Liebe im Weg steht; genau dieser erzählerischen Struktur folgt Bichon auch im vorliegenden Werk. Während die eine Figur kometenhaft aufzusteigen und ihr Leben im Griff zu haben scheint, leidet die andere Person – trotz oder gerade wegen des Partners. Durch die beiden Playlists, die beide Liebende füreinander erstellen und die auf Spotify abrufbar sind, kann das Lesepublikum den Widerspruch zwischen beiden Protagonisten noch tiefer begreifen.

    Kluge Dialoge in der Auseinandersetzung mit sexuellen Identitäten
    Diese stur verfolgte Divergenz beider Handlungsverläufe bietet nur wenige Überraschungen; schon nach dem Klappentext sind weite Strecken des Plots vorhersehbar. Zugleich bietet sie interessante Ausgangspunkte für die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Identität: Julius hat sich über die Jahre hinweg ein stärkendes, liebendes Umfeld geschaffen und einen offenen Umgang mit seiner Homosexualität gelernt; Romeo hingegen schlug mit seinem Coming-Out als bisexueller Mann Ablehnung und physische Gewalt entgegen. Konfrontieren sich beide Figuren mit ihren Ängsten, entstehen klug formulierte Dialoge, die großes Identifikationspotenzial für queere Menschen und zugleich Handlungsvorschläge für Mitmenschen bieten. 

    Aufarbeitung von inneren Wunden gerät zu oberflächlich
    Die Aufarbeitung von Romeos Drogenabhängigkeit und dem (teils) suizidal anmutenden Wunsch, sich fallen zu lassen, gerät hingegen zu schnell und oberflächlich. Die schrittweise Analyse und Auflösung dieser ernstzunehmenden inneren Wunden werden verhältnismäßig schnell „abgefrühstückt“ und in ein emotional verklärtes letztes Kapitel gequetscht. „Und du fliegst durch die Nächte“ lässt sich viel Zeit, schöne (gefühlsduselige) Worte zu verlieren und von den Charakteren einzufordern, auch die Hässlichkeit des Lebens auszusprechen – und löst diesen Kompromiss an dieser Stelle selbst nicht ein.

    Bichons Schreibstil ist inbrünstig und gut beobachtet
    Sophie Bichon schreibt sinnlich, gut beobachtet, intim, nahbar, durch und durch romantisch – in ihren Worten emotionalisiert sie mit einer bewundernswerten Inbrunst die Stadt Berlin, den gegenwärtigen Moment, das Kleine und dennoch Bedeutsame. Das Knistern zwischen Julius und Romeo ist zu spüren, während man sich Seite für Seite tiefer in Bichons optimistische Liebeshöhle einlullt.

    Ein goldener Instagram-Filter über der Wirklichkeit
    Dabei gibt sich die Autorin so sehr einer überbetonten Überromantisierung hin, dass die Grenzen des Realistischen ausgehebelt werden: Es ist, als würde sie einen goldenen Instagram-Filter über die Welt legen, der jeden Moment im perfekten letzten Sonnenlicht des Tages erstrahlen lässt. Diesen pathetischen Schreibstil und die exorbitante Gefühlsduseligkeit muss man mögen – in dem vorliegenden Werk ist nur selten Platz für subtile Töne à la „weniger ist mehr“. 

    Wer sich aber auf diese Prämisse einlässt und dieser angenehm leichten Illusion hingibt, kann auf knapp 500 Seiten Romeo und Julius kennen und lieben lernen und möchte sofort nach Berlin ziehen. Bei der vorliegenden Lektüre handelt es sich um den zweiten Band der „Love Is Love“-Buchserie; trotzdem lässt sie sich ohne Vorwissen über den vorherigen Teil genießen. Mignon und Lilou, die Hauptfiguren von „Und ich leuchte mit den Wolken“, können hier dennoch mit einem zuckersüßen kurzen Auftritt glänzen.

    Fazit
    Letztendlich ist „Und du fliegst durch die Nächte“ ein überzeugendes, wenngleich kitschiges Plädoyer für queeres „Lieben und Lieben-lassen“. Ich freue mich auf den dritten und abschließenden Band. 

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    Cover des Buches A New Season: My London Dream (ISBN: 9783473585878)

    Bewertung zu "A New Season: My London Dream" von Marnie Schaefers

    A New Season: My London Dream
    DerMedienbloggervor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Nimmt wichtige Aufklärungsarbeit wahr, ohne belehrend zu wirken!
    Nimmt wichtige Aufklärungsarbeit wahr, ohne belehrend zu wirken!

    Die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität, der schmerzliche Verlust der besten Freundin, eine florierende Beziehung und vor allem Blumen, Blumen und Blumen – das alles gibt Marnie Schaefers neuestem Roman „A New Season: My London Dream“. 🌺


    Queere Repräsentation ist auch 2021 weiterhin wichtig 🏳️‍🌈

    Queere Geschichten sind deshalb so wichtig, weil sie vielen Menschen Identifikationsfläche bieten. Ihnen aufzeigen, dass sie mit ihren Coming-Out-Geschichten nicht alleine sind und keinesfalls abnormal. Sie können in einem Meer von Unsicherheiten und Schamgefühlen ein anonymes Gefühl des Verstandenwerdens geben, wie eine beruhigende Stimme, die dir zusichert, dass du nicht alleine bist.


    Andererseits leisten sie aber für einen Großteil der Lesenden auch Aufklärungsarbeit: Auch im Jahr 2021 ist es für viele LGBTIQ*-Personen alles andere als einfach, sich zu outen und jedwede Sexualität, die von der Hetero-Norm abweicht, einzugestehen. Die große Angst: Von außen nicht akzeptiert zu werden, Abstoßung und Diskriminierung zu erfahren. Queere Werke ermutigen Leser*innen aller Art dazu, sich in die fiktiven Personen auf ihrer Suche nach Geschlechtlichkeit und Sexualität hineinzuversetzen. Ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen nachzuempfinden.


    „A New Season“ leistet Aufklärungsarbeit, ohne belehrend zu sein 🏳️‍⚧️

    „A New Season: My London Dream“ kommt diesem Auftrag nach, ohne belehrend zu wirken: Das Buch bietet einen umfassenden Einblick in das Innenleben von Vincent. Er studiert in London, arbeitet leidenschaftlich in einem Blumenladen und ist trans*. Wir begleiten ihn auf seinem gesamten „Passing“-Prozess und werden Zeugen seiner Ängste, Zwänge und Überwindungen. Das ist sehr eindrucksvoll, denn seinen Kampf muss Vincent auf so vielen Ebenen führen: mit sich selbst, mit seiner Familie und den Freund*innen, mit seinem gesamten Umfeld.


    Da die Hälfte des Romans aus seiner Perspektive verfasst ist, konnte ich ein enges Band zu dem Protagonisten entwickeln und fieberte mit ihm mit. Seine Triumphe und persönlichen Erfolge beflügeln mich ebenso wie mich einzelne Beleidigungen und Anfeindungen erschüttern und wachrütteln. In meiner links-grün-versifften Filterblase auf Instagram vergisst man schnell: Homo- und Transphobie sind auch heute noch Teil unseres Alltags.


    Leichter Schreibstil, wenngleich etwas überraschungskarg 😉

    Marnie Schaeffers schreibt locker und leicht, man fliegt förmlich durch die Seiten. Als angenehme Lektüre für Zwischendurch besitzt „A New Season“ das genau richtige Erzähltempo. Doch lässt sich der Autor auf über 500 Seiten erstaunlich viel Zeit, seine Handlung auszuschmücken: Das Buch verlässt vorhersehbare Pfade nur selten, der gesamte Spannungsbogen fühlt sich sehr „straight forward“ an – hier ist nur selten Platz für Überraschungen.


    Neben Vincent als stark ausgearbeiteter Protagonist wirkt Tracey teils etwas glattgebügelt. Dennoch versucht sie ihm durchweg mit ihrer niedlichen Naivität und durchgehenden Freundlichkeit einen reibungslosen Einstieg in ein tolerantes Umfeld nach seinem Coming-Out zu ermöglichen. Sie setzt sich an den richtigen Stellen für ihren Partner ein, das rührt mitunter sehr. Auch einige Nebenfiguren sind teils etwas oberflächlich geraten. Die immer wiederkehrenden Blumen sind ein rührendes Detail, das die Begeisterung des Autors für die Floristik unter Beweis stellt.


    Ende lässt mich etwas zähneknirschend zurück 😬

    So ist es vor allem das Ende, das mich etwas zähneknirschend zurücklässt: Durch das abgehackte Ende werden wichtige Schlüsselpunkte in der persönlichen Entwicklung der Figuren ausgeklammert, ja, fast schon lieblos „abgefrühstückt“. Im Folgenden einige Beispiele (Vorsicht, etwaige Spoiler!).


    Wie genau geschieht die Wiederannäherung an die intoleranten Eltern, wie durchstehen die beiden Hauptfiguren ihre innere Zerrissenheit nach der Trennung, wie ergeht es Vincent mit weiterführenden geschlechtsangleichenden Operationen in seinem Körper? Hier fühlte ich mich als Lesender etwas im Stich gelassen.



    Fazit 🤌🏻

    „A New Season: My London Dream“ ist etwas zu kitschig und lang geraten – und nimmt gleichzeitig einen wichtigen Aufklärungsauftrag wahr, ohne belehrend zu wirken. Das Werk unterstreicht die Wichtigkeit queerer Repräsentation in der heutigen Literatur.


    3,5/5 Sterne ⭐️

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    Cover des Buches Daisy Jones and The Six (ISBN: 9783550200779)

    Bewertung zu "Daisy Jones and The Six" von Taylor Jenkins Reid

    Daisy Jones and The Six
    DerMedienbloggervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Innovatives und clever geschriebenes Buch, das sowohl die Sonnen- als auch Schattenseiten des Rock&Roll-Lebens darstellt. Das rockt!
    Innovatives und clever geschriebenes Buch, das rockt!

    Eine fiktive Rockband auf dem Weg nach ganz oben – und zwischendrin Konzerttourneen, Drogen und Sex. „Daisy Jones & The Six“ erzählt diese musikalische Geschichte komplett in Interviewform. Eine Rezension von Johannes Streb

    Interviewform als innovative Art, Geschichten zu erzählen
    Schon von einigen anderen Buchblogger*innen hörte ich, dass es sich bei „Daisy Jones & The Six“ um ein musikalisches Lesehighlight handele. Meine Erwartungshaltung war dementsprechend hoch – und ich möchte eins vorweg greifen: Sie sollte nicht enttäuscht werden.

    Autorin Taylor Jenkins Reid hat eine ganz außergewöhnliche und spannende Art, diese Geschichte zu erzählen. Die Leser*innen erleben den Aufstieg dieser Ausnahme-Band in Interviewform: Reid trägt die Gesprächsfetzen der einzelnen Musiker*innen und umstehenden Personen zusammen und ordnet sie chronologisch, sodass sie ein stimmiges Ganzes ergeben. Die einzelnen (anfänglich noch getrennten) Handlungsstränge von Daisy und die Band rund um Billy Dunes verbindet sie geschmeidig.

    Starke Charakterbildung durch ungefilterte innere Handlung
    Wer die berechtigen Zweifel hegt, dass so innere Handlungen zu kurz kommen könnten, kann hier erleichtert aufatmen. Die Autorin schafft es meisterhaft, ihrem Publikum einen ungefilterten Einblick in das emotionale Leben aller Protagonist*innen zu ermöglichen und zudem noch genügend Platz für subtilere Töne zu lassen. Spannend ist auch zu beobachten, wie unterschiedlich die Personen ein- und dieselbe Situation wahrnehmen und welche Elemente ihnen am wichtigsten erscheinen – dies gibt großen Aufschluss über ihre Persönlichkeit.

    Einzigartige Rock & Roll-Atmosphäre wirkt verführend
    Als Leser fand ich mich schnell in einer einzigartigen Atmosphäre wieder, die ich gar nicht mehr verlassen wollte: Das Meer begeisterter Konzertbesucher*innen, die ekstatischen Aufnahme-Sessions im Studio, die mal sanften, mal explosiven Sexszenen, die Drogenrauschs, bei denen der eine Tag in den anderen überfließt, die Faszination für die Musik–

    Diese Leidenschaft, Musik zu erschaffen und aufzuführen, liegt während jeder Zeile in der Luft. Die erregende Kreativität, die zwischenmenschlichen Regungen während dieser Prozesse, der prickelnde Enthusiasmus, als würde gerade, im Hier und Jetzt, etwas ganz Besonderes entstehen – all das lässt mich dankbar dafür sein, dass es Musik gibt und einen wie hohen Stellenwert sie in meinem Leben hat.

    Musikalische und planungstechnische Mühen dargestellt
    Die Lyrics der Songs, die in „Daisy Jones & The Six“ thematisiert werden, wurden am Ende des Buchs in Originalsprache abgedruckt. Sie klingen so vielversprechend, dass man die Songs sofort hören möchte. Die Liedtexte arbeiten hervorragend die musikalischen Eigen- und Besonderheiten der Band heraus.

    Neben dem künstlerisch-kreativem Anteil wird auch der finanzielle und planungstechnische Aufwand innerhalb der Musikgruppe thematisiert. Oftmals fördern genau diese Elemente spannende und deutliche Abgründe zwischen den Mitgliedern zutage. Diese Zweifel und Sorgen entwickeln sich im Laufe des Buchs glaubwürdig und graben tiefe Kluften in ihre Freundschaften.

    Trotz – oder gerade wegen – der Interviewform erhalten die Leser*innen einen tiefen Einblick in das Innenleben der vielschichtigen und aufrichtigen Figuren. Ich begleitete sie total gerne über die gut 350 Seiten Buchlänge. Die Autorin besitzt neben einem mitreißenden und innovativen Schreibstil ein hohes Erzähltempo: Daher fühlte ich mich bis zur letzten Seite nie gelangweilt.

    Emotionale Tiefe von „Daisy Jones & The Six“ durch schwere Thematiken
    Ebenso gewinnt die Erzählung durch seine feinfühlige Thematisierung schwerwiegender Thematiken an Tiefe: Es geht um Drogenabhängigkeit und die fehlende Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst, die eigene Schwäche anzuerkennen. Es geht um Treue, um Enttäuschung, um Selbstfindung, um Neid, Eifersucht, Wut, Trauer und Selbsthass – eine wahrhaft vielschichtige Handlung.

    Das Ende trumpft durch seine bittere, aber realistische Note. Teilweise hätte ich mir aber gewünscht, dass das Buch die doch eher vorhersehbaren Wege verlässt und Schritte abseits der bekannten Entwicklungsmöglichkeiten wagt. So gerät der Roman etwas überraschungskarg.

    Nichtsdestotrotz möchte ich für „Daisy Jones & The Six“ eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Es ist des Hypes absolut würdig und überzeugt durch seine Innovation auf vielen Ebenen.


    Fazit
    „Daisy Jones & The Six“ ist ein innovativ und clever geschriebenes Buch, das sowohl die Sonnen- als auch die Schattenseiten eines fiktiven Bandlebens darstellt.

    4,5 Sterne

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    Cover des Buches Sie hat Bock (ISBN: 9783832181178)

    Bewertung zu "Sie hat Bock" von Katja Lewina

    Sie hat Bock
    DerMedienbloggervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Es ist Zeit, aufzuwachen und etwas zu bewegen – ein inspirierendes Highlight! 5/5 Sterne
    Es ist Zeit, aufzuwachen und etwas zu bewegen!

    Auch Frauen empfinden Lust und sollen das öffentlich kundtun dürfen, findet Autorin Katja Lewina. Mit „Sie hat Bock“ legt sie ein schlagfertiges Manifest feministischen Gedankengutes vor. Eine Rezension von Johannes Streb

    „Sie hat Bock“: Legitimation der weiblichen Lust als Hauptaspekt
    Kinder lachen auf, Jugendliche werden rot, Erwachsene schrecken zurück – die Offenheit gegenüber Sex ist hierzulande erschreckend gering. Vor allem Frauen dürften erschreckend wenig ihres sexuellen Bedürfnisses zeigen, so Lewina. Viele Sexualpartner*innen seien bei Männern ein eindeutiges Anzeichen von Attraktivität und Sex-Appeal; Frauen hingegen würden hier wegen hurenartigen Verhaltens diskreditiert werden. Auch Frauen dürfen Lust empfinden und sie zeigen, das ist einer der zentralen Aspekte des vorliegenden Werks „Sie hat Bock“.

    Lewina tritt in „Sie hat Bock“ für Selbstmündigkeit und Emanzipation ein
    „Sie hat Bock“, das ist der kämpferische Titel eines mutigen Buchs, das versucht, tiefgreifende sexistische Überzeugungen aufzubrechen. Die Autorin tritt für weibliche Selbstmündigkeit ein, für Emanzipation von konservativen Konstrukten und für die Legitimation weiblicher Lust. Es ist menschlich, etwas zu wollen – und nicht nur gewollt zu werden.

    Dabei kritisiert sie offen und nimmt kein Blatt vor den Mund. Trotz vieler Anzweiflungen und Negativberichte über die aktuelle Situation klingt ihre Argumentation nie gejammert: Lewina begründet ihre Argumente schlüssig und erklärt ihre Standpunkte anhand subjektiver Erlebnisse. Sie erhebt nicht den Anspruch, dass ihre Eindrücke verallgemeinert ebenso gelten.

    Konstruktive Handlungsanweisungen statt ewiger Kritik
    Ich bewundere den Mut der Autorin, sich über jahrelang festgefahrene gesellschaftliche Konfessionen hinwegzusetzen. Sie stellt eine offene, tolerante und aufgeklärte Gesellschaft als anstrebenswerte Vision in Aussicht, in der Sex kein Tabuthema und Frauen allumfassend gleichgestellt sind – und gibt dafür zahlreiche konstruktive Handlungsvorschläge, die wir alle umsetzen könnten, um dafür einzugestehen.

    Der Aufbau des Buchs ist schlüssig; in zahlreichen kurzen Kapiteln sie beleuchtet viele verschiedene Aspekte, in denen feministische Denkweisen förderlich wirken könnten. Ihr Schreibstil reißt schnell mit. Sie schreibt sehr locker, das Lesen fühlt sich angenehm an, sie verzichtet (oftmals) auf eine unnötig derbe Ausdrucksweise. Trotz einer knappen Buchlänge von gerade einmal 220 Seiten doppelten sich einige Erkenntnisse; diese erzähltechnischen Längen hätten nicht sein müssen.

    Unzählige Denkanstöße inspirieren
    Für „Sie hat Bock“ möchte ich insgesamt eine unbedingte Leseempfehlung für jede*n aussprechen: Nicht nur für Frauen, die sich in ihrer Position bekräftigt fühlen, sondern auch für Männer und alle, die bereit sind, sich selbst zu ändern, um endlich eine Gleichberechtigung herzustellen. Katja Lewina gibt so viele Denkanstöße, dass mein gesamtes Buch voller Post-Its vollgeklebt ist. Außerdem führt sie einige Recherchequellen auf, die das weitere Einlesen in die Thematik ermöglichen.

    Fazit
    „Sie hat Bock“ ist ein überzeugendes Manifest über das weibliche Geschlecht – es ist Zeit, aufzuwachen und etwas zu bewegen. Inspirierendes Lesehighlight!

    5/5 Sterne – Lesehighlight

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    Cover des Buches Lektionen für ein richtig gutes Leben (ISBN: 9783424632194)

    Bewertung zu "Lektionen für ein richtig gutes Leben" von Nono Konopka

    Lektionen für ein richtig gutes Leben
    DerMedienbloggervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Mehr Motivationsbuch als Reisebericht... inspirierender Typ! 3,5 Sterne
    Mehr Motivationsbuch als Reisebericht

    Nono Konopka schaffte das Unmögliche: Mit seinem Kumpel Max reiste er in neun Monaten von Berlin nach Peking – mit dem Fahrrad. In dem Ratgeber „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ berichtet er über diesen Trip. Eine Rezension von Johannes Streb


    Was möchte ich in meinem Leben erreichen? Wo gehöre ich nach dem Abi hin, welchen Weg soll ich einschlagen? Diese existenziellen Fragen nach der eigenen Bestimmung und dem inneren Glück beschäftigen viele Jugendliche und junge Erwachsene. Konopka nimmt sich dieser Zweifel und Ängste an und präsentiert in „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ seine eigene Definition eines „richtig guten“ Lebens.

    Weltreise auf Drahtesel als spektakulärer Ausgangspunkt
    Die Weltreise auf dem Drahtesel ist (natürlich) ein spektakulärer Ausgangspunkt für dieses Werk. Ich hing dem Autoren an den Lippen, was die Hintergründe und exklusiven Informationen zum Roadtrip anbelangt. Der Protagonist, durch dessen Augen wir als Leser*innen sehen, präsentiert sich als sympathischer und inspirierender Zeitgenosse. Über den zweiten Reisenden namens Max erfahren wir über die gut 250 Seiten Buchlänge leider recht wenig.

    Das Buch ist gegliedert in zwölf einzelne Tipps, die Nano seinem Publikum mit auf den Weg gibt. Sie bauen größtenteils nicht aufeinander auf, können also auch in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Auf seiner Reise sei er oft in Gedankenkarussells gerutscht und habe sich Gedanken darüber gemacht, was denn für ein glückliches Leben notwendig sei. Die Herleitung dieser Lektionen und seine Argumentation, wie er zu diesen Erkenntnissen gelangte, werden schön deutlich.

    Autor erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit seiner Lektionen
    Dennoch finde ich seinen Hinweis zu Beginn lobens- und nennenswert, dass er mit diesen Hilfestellungen keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Seine Motivation wirkt ansteckend, befeuernd – schließlich konnte er mit genau dieser Selbstdisziplin zwei Grundschulen in Guatemala errichten und zahlreichen Kindern Bildung und die Chance auf ein ebenfalls „richtig gutes Leben“ ermöglichen. Die Lektionen sind aber nicht als allgemeingültig zu werten.

    Moderne und ansprechende Innengestaltung
    Gestützt werden seine Reiseeindrücke und -anekdoten von abwechslungsreichen und farbprächtigen Bildern, die einen großen Kopfkino-Effekt hervorrufen und der Leser*in einen detaillierten Einblick in die Expedition ermöglichen. Die Buchseiten sind insgesamt sehr ansprechend und modern gestaltet – sie verleiten zum gemütlichen Schmökern.

    Nonos Schreibstil mag zwar insgesamt locker und einfach zu lesen sein (ich las das Buch innerhalb von zwei Tagen aus); dennoch empfand ich den strikten Aufbau und die Gliederung in zwölf Lektionen teils als wenig überraschend und spannungsarm. Einige Erkenntnisse doppelten sich, teils wiederholten sich sogar ganze Phrasen. Das wirkt schnell ermüdend.

     

    Weniger Reisebericht, mehr Motivationsbuch

    Ich gebe zu, mit der falschen Erwartungshaltung an das Buch herangegangen zu sein: Hinter dem Cover vermutete ich weniger ein Motivations- und Coachbuch, sondern vielmehr einen tagebuchartigen Erfahrungsbericht über die Reise. Es waren weniger die Lektionen, sondern mehr die Erlebnisse während der Radtour, die mich interessierten – erstere stehen aber deutlich im Vordergrund.

    Insgesamt bereitete mir „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ nichtsdestotrotz unterhaltsame und inspirierende Lesestunden. Die Endszene rundet das Sachbuch auf rührende Art und Weise ab und weckt großes Interesse gegenüber der Netflix-Dokumentation „Biking Borders“, die sich den beiden Radlern widmet.

    Fazit
    In „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ erzählt Nono Konopka spannende Anekdoten über seine total verrückte Fahrradreise rund um den Globus – und schildert, wie sein perfektes Leben aussieht. Das ist motivierend!

    3,5 Sterne

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    Cover des Buches Zwischen uns tausend Bilder (ISBN: 9783522202725)

    Bewertung zu "Zwischen uns tausend Bilder" von Neda Alaei

    Zwischen uns tausend Bilder
    DerMedienbloggervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Buch, das mir das Herz wärmen konnte.
    Ein Buch, das mir das Herz wärmen konnte

    Der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt eine klaffende Lücke in unser aller Leben. Der Umgang mit Trauer, Depressionen und Tod ist zentraler Aspekt von „Zwischen uns tausend Bilder“ – eine Rezension von Johannes Streb.

    Die 14-jährige Sanna verlor vor einigen Jahren ihre Mutter – und seitdem ist in ihrer Familie nichts mehr so, wie es war. Ihr ging nicht nur ihre Mama als Ansprechpartnerin verloren, sondern sämtliche Stabilität im Leben: Ihr Vater hat seitdem mit Depressionen zu kämpfen, den Haushalt muss sie eigenständig schmeißen, emotionalen Zusammenhalt bekommt sie nur selten zu spüren. 

    Ich wünschte, man könnte es fotografieren, das Gefühl, der letzte Mensch auf Erden zu sein.

    Sanna trägt Handlung von „Zwischen uns tausend Bilder“ authentisch auf den Schultern

    Sie entpuppt sich über die zweihundert Seiten Buchlänge als jederzeit nachvollziehbare und sympathische Protagonistin. Ihre beherrschte, oft selbstlose Handlungsweise empfand ich oft als inspirierend und bewundernswert – ich möchte ja weiß Gott nicht in ihrer Haut stecken. 

    Denn ihre persönliche Situation spitzt sich zunehmend zu; ihr Willen, die Situation trotz all der Bausteine, die ihr in den Weg gelegt werden, eigenständig zu meistern, ist unermesslich. Das Buch lässt trotz der bedrückenden Umstände noch genügend Platz für Hoffnung und jugendliche Fantasien: Die schwedische Band „Kent“ beispielsweise ist ein berührender Auffangplatz für sie, der sie mit ihrem Vater verbindet und ihr Kraft schenkt. 

    Fotografie als authentische Leidenschaft

    Die Fotografie ist ihr persönlicher Fluchtweg aus der Alltagswelt hinein in eine analoge Welt, in der sie ihrer Fantasie freien Lauf und ihre Sorgen loslassen kann. Die Leidenschaft für das Auge hinter dem Sucher kaufe ich ihr als Leser jederzeit ab.

    Die Idee, mit einer Einwegkamera abwechselnd zu fotografieren und somit eine intime Atmosphäre zu schaffen, stellt einen spannenden Dreh- und Angelpunkt für die gesamte Handlung dar.

    Mehr Hintergrundinformationen wären wünschenswert

    Die Nebenfiguren in „Zwischen uns tausend Bilder“ sind größtenteils gut ausgearbeitet. Die Leser*innen erhalten einen glaubwürdigen Einblick in ihre innere Handlung. Jedoch fielen mir vor allem bei Sannas Schulkolleg*innen einige plumpe, fast karikative Charakterdarstellungen auf. Die Selbstreflexion ihrer Freund*innen, die sie oftmals vernachlässigten und im Stich ließen, geriet für meinen Geschmack etwas zu kurz. 

    Ebenfalls fehlten mir einige Informationen zu dem familiären Hintergrund: Ursachen und Auswirkungen des Tods der Mutter, Verlauf über das emotionale Loch, in das der Vater fällt, und Auskunft über seine Lyrik, um nur einige Beispiele zu nennen. Zudem bleibt die Frage offen, ob sich die Familie von den Vorkommnissen erholen und wie sie sich weiterhin entwickeln wird. Etwas mehr Ecken und Kanten hätte ich mir hier gewünscht. 

    „Zwischen uns tausend Bilder“ hätte sich etwas mehr Zeit lassen können

    Natürlich ist die kurze Buchlänge von gerade einmal zweihundert Seiten angenehm zum „Zwischendurch-Lesen“. Neda Alaeis Schreibstil reißt von Beginn an mit – er ist einfach zu lesen, einfühlsam und stellenweise poetisch. Das Erzähltempo reißt nie ab und weist keine spannungstechnischen Lücken auf. 

    Wenn sich die Lektüre aber etwas mehr Zeit gelassen hätte, hätte sie eine deutlich tiefer greifende Wirkung erzielen können. Dennoch bietet „Zwischen uns tausend Bilder“ durchgehend gute Unterhaltung und führt die jugendliche Zielgruppe gut an die düsteren Thematiken heran. Daher möchte ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. 

    Fazit
    „Zwischen uns tausend Bilder“ ist ein Buch, das mir das Herz wärmen konnte. Es führt jugendliche Leser*innen feinfühlig an ernste Thematiken heran.

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    Cover des Buches Seesucht (ISBN: 9783958541641)

    Bewertung zu "Seesucht" von Marlies van der Wel

    Seesucht
    DerMedienbloggervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Das Buch »Seesucht« erzählt eine bewegende und abenteuerliche Reise eines Sehnsüchtigen – erzählt in pompösen und farbenreichen Bildern.
    Das Buch ermutigt uns, das zu tun, wonach wir uns sehnen

    Die Sehnsucht ist ein schmerzhaftes Ziehen, ein Signal vom Kopf an den Körper, das etwas nicht stimmt. Etwas, jemand fehlt. Die Erinnerungen an das Vermisste gehen tief, schneiden eine klaffende Wunde in unsere Seele, was uns ausmacht. Wir möchten etwas spüren, was wir nicht spüren können; etwas sehen, was weit entfernt ist; mit jemandem lachen, der sich verabschiedet hat.
    Von diesem Gefühl kommen wir nicht los; es steckt ja schon im Wort, es ist wie eine Sucht. Keine andere Emotion ist so ehrlich wie die Sehnsucht. Sie zeigt unmissverständlich, was der Mensch in diesem Moment und für alle Zeit ist: unvollständig – ein zentraler Aspekt in »Seesucht«. 

    Sehnsucht als zentraler Aspekt
    Der niederländische Kurzfilm »Jonas und das Meer« erzählt eine solche Sehnsuchtsgeschichte. Im zarten Alter von zwei Jahren sieht er zum ersten Mal das Meer: seine friedlichen Wellen, der salzige Wind an der Nase, die freundliche Unterwasserwelt mit den Scharen von farbenfrohen Tieren. Ab diesem Moment möchte er nichts anderes als: Eins werden mit dem Wasser.
    Dieser Wunsch ist ein starker Ausgangspunkt für ein Kinderbuch. Jedes Kind hat etwas, das ihn fasziniert, magisch anzieht und individuell macht. Schon früh ist Jonas klar, welches Ziel ihn sein Leben verfolgen wird, welches Anliegen er unter keinen Umständen aufgeben wird; komme, was wolle.
    Diese »Seesucht«, wie der Titel es so treffend beschreibt, ist stellvertretend für kindliche Naivität, Neugierde und den Drang, Neues zu entdecken. Für die jungen Leser:innen kann Jonas wie eine Projektion der eigenen Leidenschaften wirken.

    "Seesucht" ermutigt uns, das zu tun, wonach wir uns sehnen
    Dieses unschuldige und aufrichtige Anliegen steht im starken Kontrast zu der restlichen Welt: Fischern, die ihn als Träumer abstempeln, auslachen und nicht an seinen Erfolg glauben; das Wasser, das von Jahr zu Jahr immer höher steigt und die Zivilisation, die dafür verantwortlich ist, unter sich begräbt.
    Das Bilderbuch »Seesucht» ermutigt sein Publikum, an das zu glauben, was dich als Menschen ausmacht – unabhängig davon, was das Umfeld davon denkt. Es ist unser gutes Recht und ein Stück weit unsere Pflicht, uns im eigenen Tun selbst zu verwirklichen.

    Bilder erzählen die Geschichte in "Seesucht"
    Das vorliegende Buch erzählt die Geschichte anhand der farbprächtigsten Bilder des zwölfminütigen Kurzfilms »Jonas und das Meer» aus dem Jahr 2015. Dieser wurde von der niederländischen Illustratorin Marlies van der Wel animiert und bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
    Aufgrund des hochwertigen Farbdrucks kann das Lesepublikum in den vollen Genuss der liebevoll gestalteten Bilder kommen – denn sie erzählen, nicht die Worte.

    Einzelne Motive tragen die Geschichte wunderbar
    Die Faszination für das Meer; der Eifer, das Ziel zu erreichen; der fehlende Glaube in seine Fähigkeiten – all das sind Motive, die durch die Geschichte wunderbar getragen werden und eine große Identifikationsfläche bieten. Man merkt förmlich, wie viel Liebe und Arbeit hinter diesem Projekt stecken. Und das macht es zu einem wirklich spannenden Abenteuer für alle Sinne.
    Allen Leser*innen empfehle ich an dieser Stelle, beide Ausgaben der Geschichte auf sich wirken zu lassen. Der vollständige Animationsfilm ist im Internet verfügbar. Die Musik unterstreicht die emotionale Ebene des Protagonisten ziemlich gut. Insgesamt bietet er eine etwas umfassendere Handlung und eine unterschiedliche Erzählstruktur, als es im Bildband der Fall ist.

    Fazit
    Das Buch »Seesucht« erzählt eine bewegende und abenteuerliche Reise eines Sehnsüchtigen – erzählt in pompösen und farbenreichen Bildern.

    4,5 Sterne

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    Cover des Buches Influence – Fehler im System (ISBN: 9783423230117)

    Bewertung zu "Influence – Fehler im System" von Christian Linker

    Influence – Fehler im System
    DerMedienbloggervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Linker bettet brisanten Diskussionsstoff in eine packende Handlung ein... extrem spannend!
    Extrem spannend!

    Wir sind digital, vernetzt, jederzeit online. Suchmaschinen und soziale Netzwerke legen sich wie eine zweite Ebene, eine Art Parallelwelt über unsere Realität. Ich bin es gewohnt, ständig erreichbar zu sein, jeder*m jederzeit zur Verfügung zu stehen. Doch was ist, wenn das gesamte Internet durch einen Hacker-Angriff zusammenbricht? Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Christian Linker wagt in seinem Thriller „Influence – Fehler im System“ das Gedankenexperiment. 




    Dass Christian Linker seine jugendlichen Leser*innen in klugen Handlungsbogen an brisante Thematiken heranführen kann, bewies er zuletzt in seinem Near-Future-Roman „Toxische Macht“. Dieses Buch konnte mich so sehr fesseln, dass ich sofort zu seinem Thriller „Influence“ griff, um mich erneut von seinem schreibtechnischen Können zu überzeugen und einige spannende Lesestunden zu verbringen. 




    Hochspannendes Szenario reißt von erster Seite an mit


    Hinter dem Zusammenbruch des Internets verbirgt sich ein extrem spannendes Szenario, das mich sofort packen konnte und zum Nachdenken und Selbstreflektieren anregt.




    Dieser gedankliche Exkurs in „Was wäre, wenn…?“-Manier fördert eine erschreckende Zukunftsvision zutage, da diese internationale Katastrophe schon bald erschreckende Ausmaße ausnimmt. Die leider, wenn man die Geschichte „sacken“ lässt, auf mich ziemlich realistisch wirken. 




    Spannende Protagonisten mit unterschiedlichem Bezug zur digitalen Welt


    „Influence“ bietet ein sympathisches und anregendes Protagonisten-Duo: Beide Figuren treffen aus völlig unterschiedlichen Motiven aufeinander und entwickeln unter dem Druck der Umstände eine spannende Dynamik. Ihr Bezug zur digitalen Realität ist mehrfach Reibepunkt für interessante Diskussionen, in die ich mich mehrfach gerne eingeklinkt hätte. 




    Fesselnde Handlung mit thematischer Tiefe


    Das technische Handwerk stimmt im vorliegenden Werk völlig – der gut zu lesende Schreibstil ermöglicht einen flüssigen Einstieg in die Handlung, die mich sofort packen und erst 300 Seiten später wieder loslassen sollte. In „Influence“ gibt es keine einzige Spannungslücke; die Geschichte entwickelt sich tempo- und wendungsreich. 




    Was für mich an diesem Exkurs am meisten fesselte, war die thematische Tiefe. Inwiefern ist das Internet ein Machtinstrument oder, mehr noch, eine eigene Realitätsebene? Würde uns ein Zusammenbruch der Server in den Ruin stürzen oder kann unsere Gesellschaft auch non-digital existieren und sich koordinieren? Gleichzeitig finden aber auch kritische Stimmen an digitalen und ausbeuterischen Strukturen Platz in diesem Buch.




    Ständige Aufmerksamkeit – ein Druckfaktor?


    Inwiefern lassen wir uns von dieser ständigen Erreichbarkeit, des ständig auf uns gerichteten Scheinwerfers aus der Bahn werfen? Unter Druck setzen? Spüren wir nicht selbst oft genug Ermüdungserscheinungen und Pausendrang aufgrund des Algorithmus auf Instagram und den ganzen WhatsApp-Nachrichten, die uns minütlich erreichen?




    Ist hier auch eine erholsame „Neue Langsamkeit“ denkbar, die uns innehalten und uns auf die verbindenden Elemente sozialer Netzwerke konzentrieren lassen – unabhängig von Konkurrenzdenken und der Suche nach Anerkennung. 




    Ende gerät etwas platt und plakativ


    Dieses alltägliche Thema bringt der Thriller genau auf den Punkt. Er ist knapp gefasst, spannend, brisant. Mein einziger wirklicher Kritikpunkt: das zu gewollte und abstruse Ende. Auch wenn wir bei Christian Linker immer mit einem offenen Ende rechnen müssen, wirkt dieser Abschluss konstruiert zugespitzt und unangenehm plakativ. Ich wünschte mir, der Autor hätte hier zu einer filigraneren und weniger rustikalen Wendung gefunden.




    Dennoch möchte ich hier eine uneingeschränkte Leseempfehlung für „Influence“ aussprechen. 




    Fazit:


    In „Influence – Fehler im System“ zeigt Christian Linker einmal mehr sein Talent, brisanten Diskussionsstoff in eine von der ersten Seite an packende Handlung einzubetten. Extrem spannendes Buch!

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