Giselle74

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    Cover des Buches Am Wendepunkt (ISBN: 9783423147323)

    Bewertung zu "Am Wendepunkt" von Elizabeth Jane Howard

    Am Wendepunkt
    Giselle74vor 5 Monaten
    Cover des Buches Die wir liebten (ISBN: 9783492059947)

    Bewertung zu "Die wir liebten" von Willi Achten

    Die wir liebten
    Giselle74vor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Ein einfühlsamer Roman über eine zerbrechende Familie und ein nahezu unbekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte.
    Eine Kindheit

    Manchmal kann man Strömungen in der Literatur erkennen, Themen, die mehr oder weniger aufploppen, auf die man plötzlich immer wieder trifft.
    Derzeit scheint die Kindheit und Jugend in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts das Thema der Wahl zu sein. Gerade erst waren gleich zwei Romane auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, in denen es genau darum geht: Ulrich Woelks "Der Sommer meiner Mutter" und "Wo wir waren" von Norbert Zähringer. "Wo wir waren", "Wen wir liebten", hier ähneln sich nicht nur die Titel, es gibt weitere Überschneidungen. Die wichtigste ist die Aufarbeitung der Zustände in deutschen Nachkriegskinderheimen, in denen ehemalige Lageraufseher als Betreuer eingesetzt wurden.
    Ich bin 1974 geboren. Damals kamen Jugendamtsmitarbeiterin noch unangemeldet zu jungen Müttern nach Hause, um die dortigen Zustände zu überprüfen. Engstirnigkeit, Übergriffigkeit und der Wunsch nach Zucht und Ordnung saßen noch in vielen Köpfen fest und gegen Behördenwillkür war man nahezu machtlos. Meine Mutter berichtete mir von einem solchen Besuch samt Anweisungen, was mit einem Baby zu tun oder zu lassen sei. Dick eingepackt an die frische Luft stellen war nicht vorgesehen. Ersticken im eigenen Mief dagegen schon.
    Willi Achten erzählt davon, wie eine Familie langsam zerbricht, wie lang geschürter Rachedurst auf dem Rücken unschuldiger Kinder ausgetragen wird und wie schnell der Stab zerbrochen wird, wenn man den Konventionen nicht genügen kann..
    Edgar und Roman leben in einer normalen Mittelklassefamilie in der Provinz. Ihr Vater ist selbständiger Bäckermeister, die Mutter hat eine Lottoannahmestelle. Die Oma und eine geistig verwirrte Großtante leben auch mit in der Familie. Auch, wenn beide Elternteile arbeiten, kümmert sich die Oma, Edgars und Romans Kindheit ist eine liebevolle.
    Bis der Vater sich trennt und die Mutter nach und nach dem Alkohol verfällt. Edgar und Roman haben mehr Freiheiten als gern gesehen wird und anstatt ihnen aufgrund ihrer Situation Verständnis entgegen zu bringen, werden sie gegen den Willen der Eltern in ein Heim gebracht. Ein Heim, das sich in nur sehr wenigen Punkten von den Gefangenenlagern brauner Vorzeiten unterscheidet.
    Dieser Roman ist keine leichte Kost. Aus heutiger Sicht erscheint der Ablauf geradezu mittelalterlich. Geprügelte und gefolterte Kinder, mißbraucht für Pharmaexperimente auf den Spuren Mengeles. Das mag man sich für die vermeintlich bunten und fröhlichen Siebziger kaum vorstellen. Tatsächlich wurden bis in die Siebziger Jahre hinein ca 800 000 Kinder Opfer dieser Lagerhaltung. Prügelstrafen, Isolierzellen, Zwangsarbeit, schwarze Pädagogik nennt man diese Vorgehensweise. Und unzählige Kinderheime in Deutschland mussten sich ihrer Vergangenheit stellen. Unglaublich eigentlich, dass kaum einer davon weiß, dass es keinen bundesweiten Aufschrei gab, als diese Zahlen bekannt wurden.
    Achten hat diesen Kindern Stimmen gegeben und ein Leben. Edgar und Roman stehen exemplarisch für all jene, denen das Grauen die Stimme genommen hat, die bis heute nicht darüber sprechen können, was in ihrer Jugend geschah.

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    Cover des Buches Rote Kreuze (ISBN: 9783257071245)

    Bewertung zu "Rote Kreuze" von Sasha Filipenko

    Rote Kreuze
    Giselle74vor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Roman über den Stalinterror, der mehr durch seine geschichtlichen Daten als literarisch überzeugt.
    Ein Leben im Russland Stalins

    Dieser Roman ist ganz sicher wichtig. Es ist gut, dass er geschrieben und veröffentlicht wurde und er findet hoffentlich viele Leser. Sasha Filipenko, Jahrgang 1984, arbeitet darin die Stalin-Ära auf, vom Umgang mit den eigenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, über die Säuberungswellen danach bis zu den Nachwirkungen auf die heutige Generation. Er schreibt anhand eines Fallbeispiels über auseinander gerissene Familien, Arbeitslager, Kinderheime, über Terror, Angst und verlorene Leben.
    Tatjana Alexejewna ist eine über neunzigjährige Dame, die noch einmal ihr Leben erzählen möchte, bevor die Alzheimer-Erkrankung ihr die Erinnerungen nimmt. Und so nötigt sie ihrem jungen neuen Nachbarn die Gespräche geradezu auf. Dessen anfängliche Gereiztheit verwandelt sich zu Interesse und Zuneigung, zumal auch sein Leben alles andere als freundlich verlaufen ist. Und so finden die beiden Zuspruch und Halt im jeweils anderen.
    "Rote Kreuze" hat mich sehr zwiegespalten hinterlassen. Einerseits möchte ich unbedingt, dass dieser Roman gelesen wird, weil zu dieser Thematik noch viel zu wenig veröffentlicht wurde, und er neben aller menschlichen Grausamkeit auch über historisch interessante Aspekte berichtet, die mir so gar nicht bewusst waren, u.a. den Umgang der russischen Behörden mit den Vermisstenlisten des Roten Kreuzes.
    Andererseits stellt sich mir nun die Frage: muss ein historisch bedeutsamer Roman auch literarisch gut sein? Denn das ist "Rote Kreuze" für mich ganz sicher nicht. Filipenko versucht auf schmalem Raum, nämlich gerade mal 278 Seiten, ein weites Feld zu bearbeiten. Neunzig Jahre sind eine lange Zeit und Tatjana Alexejewna hat mehr erlebt, als ein Mensch eigentlich ertragen können müssen sollte. Dazu kommt noch der Gegenwartsstrang um den jungen Ich-Erzähler, der zusätzlichen Platz auf den wenigen Seiten beansprucht. Dadurch wirken die Dialoge oft hölzern, sind reine Stichwortgeber für den nächsten Ausschnitt aus Tatjanas Geschichte. Tatjana selbst bleibt schattenhaft hinter dem ihr zugeschriebenen Leben. Ein Leben, an dem unzweifelhaft nichts übertrieben ist, das Millionen russischer Frauen in Abwandlungen so geführt haben müssen. Die pure Unvorstellbarkeit dieses Lebens, die grausame Kälte, mit der hier Menschen gebrochen werden, treibt einem Tränen der Hilflosigkeit auf die Wangen. Die geschichtlichen Abläufe sind es, die berühren, nicht die Romanfiguren selbst. Tatjana Alexejewna ist, wie oben so hart geschrieben, ein Fallbeispiel des Autors, kein lebendiger literarischer Charakter.
    Aber trotzdem, und dabei bleibe ich, ist es gut und richtig, dass dieser Roman geschrieben wurde, dass endlich öffentlich gemacht wird, was so lange verschwiegen wurde.

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    Cover des Buches Die Frauen von Salaga (ISBN: 9783453292192)

    Bewertung zu "Die Frauen von Salaga" von Ayesha Harruna Attah

    Die Frauen von Salaga
    Giselle74vor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ghanaischer Roman über zwei Frauen in der vorkolonialen Zeit. Leider nicht wirklich überzeugend.
    Aminah und Wurche

    Gleich im Vorwege: der Roman hat mich nicht überzeugt. Er bleibt zu sehr an der Oberfläche, transportiert den eigentlich furchtbaren Inhalt zu wenig, passt zu sehr in das Genre "Schicksalsromane für Frauen". Ein Genre, das mich generell fuchsig macht, aber das führe ich heute nicht aus.
    Lesen sollte man "Die Frauen von Salaga" trotzdem und zwar aus verschiedenen Gründen. Die Autorin Ayesha Harruna Attah ist gebürtige Ghanaerin, lebt im Senegal. Schriftstellerinnen aus Afrika sollte man fördern, indem man sie liest. Nur so wird mehr Literatur übersetzt und zugänglich gemacht.
    Dann spielt der Roman in vorkolonialer Zeit. Aus weiblicher Sicht. Beides zusammen dürfte höchst selten anzutreffen sein, zumindest in deutscher Übersetzung. Ich gebe zu, ich kenne mich mit afrikanischer Literatur nicht aus, aber ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Buchhandlungen damit überschwemmt werden.
    Für mich ist die vorkoloniale Zeit deshalb so spannend, weil es da eine europäische Sicht der Dinge noch nicht gab. Und diese Zeit daher gerne unter den Tisch einer europäisch geprägten Geschichtsschreibung gekehrt wird. Man liest allenfalls von prägenden Königen oder Feldherren, von einfachen Sklavinnen ganz sicher nicht.
    Von der Geschichte ihrer Ururgroßmutter angeregt, erzählt Attah von der Herrscherstochter Wurche, die aus politischen Gründen an einen unpassenden Mann verschachert wird und von dem Dorfmädchen Aminah, das nach einem Überfall ihre Familie verliert und versklavt wird. Beide Lebenswege treffen aufeinander, Aminah wird nach Umwegen zu Wurches Bediensteter.
    Spannender als der Haupterzählstrang ist allerdings das Beiwerk, d.h. Gebräuche, Lebensart, gesellschaftliche Verpflichtungen. Welche Freiheiten hatten Frauen zu dieser Zeit, hatten sie überhaupt welche? Wie war die Gesellschaft aufgebaut? Wie funktionierten Handel, Wirtschaft, Warenproduktion?
    Nun kann man sagen, ich solle lieber ein Geschichtsbuch zu dem Thema lesen. Durchaus gerne, aber für mich ist es eine entscheidende Qualitätsfrage für Romane dieser Art, ob sie diese Themen einbauen können (und zwar nicht in Form belehrender Absätze), ob sie einen Einblick geben können in eine für mich fremde Welt, der nicht nur an der Oberfläche kratzt.
    Das Unfassbare in Worte fassen, das kann Ayesha Harruna Attah leider nicht. Vergewaltigung, Nötigung, der Verlust der eigenen Familie, ihre Frauengestalten nehmen das hin, sie leiden, aber nicht über die Buchdeckel hinaus. Als Leser kann man dazu behaglich einen Tee trinken und aus dem bequemen Sessel mitleiden. Vor Entsetzen auf die Füsse treibt einen hier nichts. Sollte es aber bei den beschriebenen Gräueln. Und damit kommen wir zurück an den Anfang. Überzeugt hat mich der Roman nicht.

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    Cover des Buches Moonglow (ISBN: 9783462053463)

    Bewertung zu "Moonglow" von Michael Chabon

    Moonglow
    Giselle74vor 6 Monaten
    Cover des Buches Die Bagage (ISBN: 9783446265622)

    Bewertung zu "Die Bagage" von Monika Helfer

    Die Bagage
    Giselle74vor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Großartiger Roman über ein Frauenleben im Ersten Weltkrieg. Sehr lesenswert!
    Die schöne Maria

    Maria Moosbrugger lebt mit ihrem Mann Josef und den Kindern auf einem Bergbauernhof außerhalb des Dorfes. Der Boden gibt nicht viel her, die Familie ist bitterarm. Josef gelingt es allerdings immer wieder auf undurchsichtigen Wegen für Geld und Nahrung zu sorgen. Bis er 1914 eingezogen wird. Er bittet den Bürgermeister, sich um seine Familie zu kümmern.
    Nun ist Maria eine sehr schöne Frau. Und unter sich kümmern verstehen die Männer im Dorfe durchaus etwas anderes als Josef. Es bedarf einer Menge Kniffe und Umwege für Maria sich der Avancen zu erwehren. Schwanger wird sie trotzdem, wohl vom eigenen Mann während eines Heimaturlaubs. Dem kommt aber Getuschel zu Ohren und so wird er dieses Kind zeitlebens ablehnen und ignorieren.
    "Dieses Kind", mit dem der Vater ein Leben lang nicht sprach, durch das er hindurch sah, ist Monika Helfers Mutter. Die Bagage, wie die Familie immer etwas abwertend genannt wurde, ist ihre Familie und Maria somit ihre Großmutter.
    Einfühlsam und nicht ohne Humor berichtet sie von Erlebnissen, wie sie wohl einige Kriegsfrauen hätten erzählen können, von Übergriffigkeiten, Einsamkeit, aber auch von aufblitzender Liebe, von Mut und der Kraft, die Familie in Notzeiten durchzubringen.
    Monika Helfer schreibt damit über das, was in der heutigen Literatur noch viel zu selten erscheint, eine weibliche Sicht der Geschichte, eine weibliche Sicht auf Krieg und Not. Wieviel Bücher gibt es über Schützengräben, über Kriegsneurosen und Männerabenteuer. Aber wer schreibt schon über die Frauen, die erst den Krieg erlitten haben und dann nach Jahren einen völlig veränderten Ehemann zurück bekommen, einen fremd gewordenen Mann, den sie aber tunlichst hegen und pflegen sollen? Wer schreibt schon darüber, dass weibliche Schönheit oft mehr Fluch als Geschenk ist, die Frauen zu Freiwild macht und ein unbeschwertes Leben verhindert?
    Trotz der knappen Form ist hier jedes Wort wohl gewählt. Es braucht keinen 800-Seiten-Wälzer, wenn man so genau weiß, was man erzählen möchte, wie Monika Helfer. Sie hat diese Geschichte wohl schon recht lang mit sich herumgetragen und nun endlich die für sie richtige Form gefunden: die Vergangenheit aus der Gegenwart zu erzählen. Sie berichtet immer wieder, was aus den erwähnten Personen geworden ist, wie Ereignisse Menschen geprägt haben, welche Steine ins Rollen gekommen sind, ohne dass das in dem Moment zu erkennen gewesen wäre.
    Ein beeindruckender Roman, ebenso klug wie warmherzig, und ein konsequenter Blick aus weiblicher Sicht. Großartig!

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    Cover des Buches Die Gesichter des Meeres (ISBN: 9783442718832)

    Bewertung zu "Die Gesichter des Meeres" von Leena Lander

    Die Gesichter des Meeres
    Giselle74vor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ruhiger Roman über einen Schiffsbruch an der irischen Küste. Kein Reisser, eher ein Buch über Moral und Anstand.
    Havarie

    Diesmal sind Roman, Rezension und Wetter aus einem Guss. Während Sturm Sabine noch tobt und für Land unter hier an der Nordseeküste sorgt, schreibe ich über ein Buch, das einen Schiffbruch vor der irischen Küste während einer Sturmflut beschreibt. Und derweil der Wind den Regen mit Wucht gegen die Fenster schleudert, denke ich an die Männer und Frauen, die damals wie heute ausziehen, um den Schiffbrüchigen zu helfen und dabei ihr eigenes Leben riskieren.
    1895. Vor Dun Laoghaire, damals Kingstown, strandet ein finnischer Frachter. In Windeseile fährt ein Rettungsboot der Freiwilligen der Königlichen Seenotretterstation aus. Und kentert bei starkem Wellengang in Sichtweite der Schiffsbesatzung. Es gibt keine Überlebenden. Erst am nächsten Tag gelingt es, die Crew des Frachters heil ans Festland zu bringen.
    Leena Landers Roman hat zwei Erzählstränge. Zum einen berichtet sie direkt aus dem Jahr 1895, zum anderen lässt sie eine Schriftstellerin in der heutigen Zeit über die Geschehnisse recherchieren. Bindeglied ist der Großvater, der als Junge auf dem Frachter mitfuhr.
    Sehr schnell stellt sich bei Untersuchungen heraus, dass das Rettungsboot wohl nicht seetauglich war. Konstruktionsfehler oder Fehlentscheidungen der Mannschaft? Die Regierung bevorzugt letzteres.
    Sehr ruhig, fast schon ein wenig betulich, erzählt Leena Lander von den Ereignissen rund um den Schiffsbruch. Es ist hochspannend zu verfolgen, wie aus den Seehelden Bauernopfer der Politik werden, wie Spendengelder für die Hinterbliebenen in andere Kanäle fließen und daraufhin Familien zerrissen werden und in Armenhäusern landen. Trotzdem hat Lander ihr Boot ein wenig überfrachtet, denn daneben kommen noch Frauenrecht und Kriegstraumata zur Sprache und bisweilen fragt man sich, was der eine Erzählstrang mit dem anderen zu tun hat. Ein paar Kürzungen hätten dem Fluss sicherlich nicht geschadet.
    Nichtsdestotrotz ist dies ein eindringlicher, intelligenter Roman, der sich mit Ehre und Mitgefühl beschäftigt, mit Verantwortung und der Frage nach dem richtigen Handeln in schwierigen Situationen.
    Wer allerdings einen Abenteuerroman in der Art der Titanic-Verfilmung erwartet, der wird sicherlich enttäuscht. Auch, wenn es durchaus eine kleine romantische Liebesgeschichte gibt.

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    Cover des Buches Die Gewitterschwimmerin (ISBN: 9783442719150)

    Bewertung zu "Die Gewitterschwimmerin" von Franziska Hauser

    Die Gewitterschwimmerin
    Giselle74vor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Sicherlich ein wichtiges Thema, aber leider nicht meine Sprache.
    Die Chronik der Familie Hirsch

    Franziska Hauser hat in diesem Buch Teile ihrer eigenen Familiengeschichte verarbeitet. Und das wohl ziemlich unverblümt. "Unverblümt" ist überhaupt das Wort, das für mich diesen Roman charakterisiert. Es hat sicherlich eine gehörige Portion Mut verlangt, dieses Buch so zu veröffentlichen, es erzählt deutsche Geschichte aus ostdeutscher Warte, es deckt familieninternen Missbrauch auf, es stand sicherlich zu Recht auf der Longlist für den deutschen Buchpreis 2018 - und doch konnte es mich nicht wirklich überzeugen. Zu direkt, fast grob stellenweise, ist die Sprache, zu fern sind mir die Menschen in ihrem Handeln und Denken. Und der Kunstgriff, die zwei Erzählstränge, die Geschichte der Familie und die Geschichte der Protagonistin, über Kreuz laufen zu lassen (ersterer führt von der Vergangenheit in die Gegenwart, letzterer von der Gegenwart in die Vergangenheit), führt bei mir eher zu zeitlicher Verwirrung denn zu Bewunderung.
    Tamara Hirsch ist alleinerziehende Mutter zweier Mädchen, Puppenspielerin und Tochter eines berühmten DDR-Schriftstellers. Sie kämpft jeden Tag darum, den Kopf über Wasser zu halten, die Kälte der Mutter, Missbrauch durch den Vater und diverse Bekannte/Verwandte und der Suizid der Schwester haben unheilbare Wunden hinterlassen. Wunden, die es ihr nicht erlauben, die Mutter zu sein, die sie gerne wäre.
    Friedrich Hirsch ist ein aus dem Badischen stammender Jude, dem es gelingt, während des Naziregimes nach England zu fliehen. Sein ältester Sohn Alfred wird Résistance-Kämpfer, glühender Kommunist und später Verfasser linientreuer DDR-Literatur.
    Dies sind die zwei gegeneinander laufenden Stränge. Natürlich gibt es noch weit mehr Personal, die treue Haushälterin etwa oder die erste Liebe Alfreds, ebenfalls eine jüdische Résistance-Kämpferin.
    Kapitel für Kapitel enthüllt sich die Familienchronik, stehen große Momente der Geschichte neben Nacktbaden am Teich der familieneigenen Datscha.
    Was sich mir allerdings nicht erschließt, ist der Grund für dieses Buch. Sollte ein familieninterner Skandal öffentlich gemacht werden? Ist es ein Beitrag zur #metoo-Debatte? Eine Familienchronik? Mir fehlt die Entwicklung der Charaktere, mir fehlen die Hintergründe für ihr Handeln. Vielleicht, nein, sehr wahrscheinlich, fehlte der Autorin der Abstand zum Thema. Vieles gerät sehr schablonenhaft, die meisten Handlungserklärungen sind eher dürftig. Warum wird aus dem eigentlich lebensfrohen Alfred ein Kinderschänder? Hat die DDR-eigene Nacktkultur das begünstigt? Was treibt die gefühlskalte Mutter wirklich an? Ist es tatsächlich möglich, dass die Haushälterin und engste Vertraute der Kinder nichts mitbekommen hat? Kann man das alles nur mit Kriegsschäden erklären? Womit erklärt man es sonst? Was macht diese Familie mit Ausnahme des Gründers Friedrich Hirsch so hoffnungslos kaputt? Und was treibt eine Autorin an, ihre Familie so kommentarlos bloßzustellen? Was will sie aufzeigen, in Gang bringen, verändern? Oder ist der Roman eher als Befreiungsschlag zu verstehen, ein Sichtbar Machen all der unterschwelligen Familienströmungen?
    Für mich bleiben zum einen zu viele Fragen offen und zum anderen hat der Roman mich nicht berührt, obwohl genug Stoff da wäre, der einen auf die Knie zwingen könnte vor mitgefühltem Schmerz.
    Dieser Roman erlaubt keinen Mittelweg, denke ich. Entweder man findet ihn rundherum großartig oder er lässt einen mehr oder minder komplett kalt.

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    Cover des Buches Friedrich der Große Detektiv (ISBN: 9783499217913)

    Bewertung zu "Friedrich der Große Detektiv" von Philip Kerr

    Friedrich der Große Detektiv
    Giselle74vor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ein wichtiges Buch, das Eltern aber gelesen haben sollten, bevor sie es an ihre Kinder weitergeben. Denke ich zumindest.
    Hommage an Erich Kästner

    Eigentlich bespreche ich hier ja keine Kinderbücher. Diesmal mache ich eine Ausnahme: erstens, weil das Thema so unglaublich wichtig ist und zweitens, weil es um Erich Kästner geht.
    Ein amüsanter Zufall: erst bei der Recherche zu dieser Rezension ist mir aufgefallen, dass gestern die Taschenbuchversion erschienen ist. Ich nehme es als Zeichen für den richtigen Zeitpunkt.
    1933. Friedrich und seine Freunde Albert und Viktoria, genannt der Doktor, spielen gerne Detektive. Friedrichs Lieblingsbuch ist "Emil und die Detektive" und zu seiner großen Freude wohnt der Autor Erich Kästner gleich in der Nähe.
    Während sein älterer Bruder Rolf begeisterter Nazianhänger wird und sogar Friedrichs signiertes Lieblingsbuch zur Bücherverbrennung einzieht, lösen Friedrich und seine Bande kleinere Fälle um verlorene Gegenstände. Als dann tatsächlich die Polizei sie um Hilfe bittet, sind sie ganz stolz, bis sie feststellen, dass sie Erich Kästner ausspionieren sollen. Sie berichten stattdessen Kästner davon und müssen bald feststellen, dass unbeschwerte Kinderspiele in ihren Zeiten nicht mehr möglich sind.
    Philip Kerr hat ein Kinderbuch geschrieben, dass eigentlich gar keines ist. Zumindest dann nicht, wenn man erwartet, dass in Kinderbüchern trotz aller Probleme, aller Schwierigkeiten und allem Ernst das Ende irgendwie gut ist. Oder hoffnungsvoll. Friedrich lebt aber nicht in hoffnungsvollen Zeiten und Kerr scheint zu meinen, dass man das Kindern auch so vermitteln kann und darf.
    Ich habe das Buch gelesen und es gleich weitergereicht an meinen Sohn. Der hatte das Cover entdeckt und kannte Kästners Kinderbücher schon. (Was übrigens ungemein hilft, denke ich. Andererseits, wenn man durch dieses Buch sich veranlasst fühlt, sie zu lesen, ist das natürlich auch gut.) Er wollte das Buch nun unbedingt lesen, während ich ehrlicherweise so meine Zweifel hatte. Ich habe es ihm überlassen mit den Worten, er könne jederzeit mit mir über den Inhalt sprechen. Zwei Tage lang habe ich nichts mehr davon gehört. Dann kam ein heulendes Häufchen Elend aus dem Kinderzimmer.
    -Mama, warum sind Menschen so? Und: warum hast Du mir das Buch gegeben, Du wusstest doch, was passiert?
    -Weil die beschriebenen Dinge eben wirklich passiert sind, weil es den verfolgten Dichter Kästner eben wirklich gab, weil die Bücherverbrennung stattgefunden hat und die Rekrutierung von Kindern für Spitzelaufgaben, weil plötzlich jüdische Nachbarn und Freunde verschwunden oder geflohen waren, weil der Graben sich durch Familien zog. Und weil man das nie vergessen darf, es immer wieder erzählen muss und in Erinnerung rufen.
    -Damit es nicht wieder passiert, oder, Mama?
    -Ja, damit so etwas nie wieder passiert.
    -Dann war es gut, dass ich es gelesen habe. Auch, wenn mir der Schluß nicht gefallen hat.

    Ich finde dieses Kinderbuch wichtig. Ich denke aber auch, Eltern sollten es gelesen haben, bevor sie es ihren Kindern geben. Nicht jedes Kind wird damit zurecht kommen. Empfohlen ist es ab 11 Jahren. Ich würde es vom Charakter des Kindes abhängig machen, denn, und das ist jetzt definitiv ein Spoiler: Friedrich wird den Krieg nicht überleben. Und das hat selbst mich als Erwachsener heftig getroffen. Weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass ein Autor soweit geht, seinen Hauptcharakter sterben zu lassen. Nicht in einem Kinderbuch. Nicht in einem Buch, das zunächst versucht, den Charme von "Emil und die Detektive" einzufangen, das als klassisches Abenteuerbuch beginnt.

    Aber nur so ist es realitätsnah. Und kommt hoffentlich in den Köpfen an: rechtes Gedankengut ist nicht tolerierbar und nicht zu entschuldigen. Es ist menschenverachtend und gefährlich und darf gesellschaftlich nie wieder akzeptiert werden.

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    Cover des Buches Der dritte Mann (ISBN: 9783864060762)

    Bewertung zu "Der dritte Mann" von Graham Greene

    Der dritte Mann
    Giselle74vor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Erzählung, die als Vorarbeit zum Drehbuch geschrieben wurde. So gelesen, eine spannende Ergänzung zum Film.
    Harry Lime

    Den Film mit Orson Welles und Joseph Cotten und seine berühmte Titelmelodie kannte einst jeder. In meiner Kindheit liefen diese Filme noch beständig im regulären Fernsehprogramm. Da waren auch Schwarzweiß-Fernseher noch normal.
    Das schreibe ich nicht, um auf mein Alter hinzuweisen, sondern weil ich damals eine Liebe für diese teilweise großartig inszenierten Filme entwickelt habe.
    Umso irritierter war ich, den "Dritten Mann" in Buchform zu entdecken. Es gibt also eine Romanvorlage und dann auch noch von Graham Greene?
    Nein, gibt es genau genommen nicht. Es gibt ein Drehbuch, einen erfolgreichen Film und eine für das Drehbuch entwickelte Erzählung, die daher nicht in allen Szenen mit dem Film übereinstimmt. Und diese Erzählung ist nun also als Buch veröffentlicht worden.
    Der amerikanische Autor Rollo Martins kommt auf Einladung seines Freundes Harry Lime nach Wien. Der Zweite Weltkrieg ist beendet, Wien in fünf Sektoren aufgeteilt, vier werden von je einer Besatzungsmacht, der fünfte wird gemeinsam monatlich wechselnd verwaltet.
    Kurz nach der Ankunft erfährt Martins von einem tödlichen Unfall seines Freundes und kommt gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung. Im Zuge seines Aufenthalts stößt er auf Ungereimtheiten den Unfall betreffend und beginnt nachzuforschen.
    Es geht um Schiebereien auf dem Schwarzmarkt, um gestrecktes Penicillin, um das Wien der direkten Nachkriegszeit. Dementsprechend düster ist die Stimmung.
    Um es gleich zu sagen, an den Film kommt die Erzählung nicht einmal andeutungsweise heran. Aber das war ja auch nie der Plan. Greene ging es um eine genauere Charakterisierung seines Personals, um eine Vorarbeit zum Drehbuch. Dementsprechend nüchtern ist der Text, der dabei aber immer noch besser ist als so mancher ambitionierte Krimi. Die Lektüre lohnt also durchaus, wenn man sich für das Thema interessiert, den Film gerade nicht zur Hand hat oder Graham Greene-Fan ist.
    Die Büchergilde Gutenberg hat übrigens eine Ausgabe herausgebracht mit Illustrationen von Annika Siems, die durch ihre schlichte Schönheit besticht und in jede vernünftige Krimisammlung gehört.

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