HeikeG

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    Cover des Buches Liebes Leben (ISBN: 9783596186914)

    Bewertung zu "Liebes Leben" von Alice Munro

    Liebes Leben
    HeikeGvor 5 Jahren
    Heimstatt oder: "Das Leben ist völlig unvorhersehbar."

    "Ich brauche nichts weiter zu tun als zuzuschauen und glücklich zu sein - mehr wird nicht von mir verlangt. (...) Wichtig ist nur, glücklich zu sein. (...) Alles andere ist egal. (...) Du glaubst gar nicht, wie gut das tut. Nimm alles hin, und die Tragödie verschwindet. Oder sie wird jedenfalls leichter, und du bist einfach da, gehst entspannt durch die Welt." Ist Glück wirklich so einfach zu bekommen, wie es ein Protagonist im neuen Erzählband der frisch gekürten Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro ausspricht? Oder hat dieser Satz in Wahrheit einen viel tieferen Sinn, als auf den ersten, flüchtigen Blick wahrgenommen? Vielleicht will die kanadische Autorin gar den Finger in die berühmte Wunde legen und darauf aufmerksam machen, nicht immer dem allerorts verheißenden Glück, dem "lieben Leben" in seinen mannigfaltigen Formen ständig hinterherzurennen. Sondern einfach einmal auszuharren und seine Umgebung bewusst wahrzunehmen, um die vielfältigen, zumeist im Verborgenen schlummernden Glücksmomente zu entdecken.

    Der Stil der vierzehn neuen Erzählungen fordert dazu buchstäblich auf. Munro schreibt geradlinige, ausgesprochen inhaltsverkürzte, aber trotzdem unglaublich intensive Texte. Man erfährt vielfach nur zwischen den Zeilen, dass etwas Außergewöhnliches passiert bzw. ein einschneidendes Ereignis stattgefunden hat. Und trotzdem spricht sie in zwei Zeilen mehr aus, als andere Bücher auf dreißig Seiten. "All dieses Ausweiden, das heutzutage in Familien betrieben wird..." scheint ihr ein Graus zu sein. Fast beiläufig, scheinbar unbeteiligt, lässt sie ihre Protagonisten erzählen, so als schauten sie, mit einer Tüte Chips auf der Couch sitzend, teilnahmslos und durch eine Milchglasscheibe auf das vor ihnen vorbeiplätschernde Geschehen einer Fernsehsendung. Wie fremdgesteuerte, zumeist auch völlig emotionsarme Marionetten wirken sie dadurch.

    Wirklich glücklich sind die Figuren der kanadischen Autorin allerdings nicht. Munros Geschichten handeln von Krankheit, Verlorensein und Verlust, von Betrug oder Verletzungen, vom Alter und gelebten Leben, aber auch von Liebe, Leidenschaft und Lust. Oder kurz und knapp: vom Leben. Und genau wie in jenem kann man sich auch bei Munro niemals ganz sicher sein. Die Autorin versteht es auf beeindruckende Art und Weise mit dem wirkungsvollen Stilmittel der Reduktion eine "Theorie der unguten Spannung" aufzubauen. Ihren Texten haftet eine nebelverhangene Herbstschwere an, "eine trübe Sehnsucht, eine regnerische, träumerische Traurigkeit, eine Schwere ums Herz". Zudem stattet sie sie mit einer "intellektuellen Ernsthaftigkeit und materiellen Unordnung" aus. Worte wie "vielleicht", "wer weiß", "falls möglich" oder "hätte" finden sehr oft Verwendung.

    Obwohl sie sich sehr gut und flüssig lesen, fliegen sie einem nicht leichtfüßig zu wie ein Schmetterling, sondern strahlen eher eine "kontrastreiche unfreundliche Düsternis" aus. Für den Erstleser der Autorin mag dieser schnörkellose Stil zunächst etwas gewöhnungsbedürftig wirken, beinahe so wie die kahlen Äste eines winterruhenden Baumes auf einen Tropenbewohner. Auf konkrete Erklärungen wartet man vergeblich. Die "Arbeit" des Erkennens, Verarbeitens und Wertens überlässt sie dem Leser. Doch gerade dieses Unbestimmte und Vage, das von Heidi Zerning kongenial ins Deutsche übertragen wurde, versteht die scheue Kanadierin grandios auszudrücken. Lässt man sich auf diesen Stil ein, so wird man von dieser literarischen "Nacktheit" von Seite zu Seite, von Geschichte zu Geschichte mehr gefangen genommen. Denn ist nicht auch das reale Leben nackt und nicht wie allerorts medial vorgegaukelt eine bunt-schillernde Glimmer-Glitzerwelt?

    Fazit: "Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es - wir tun es immerfort." Alice Munro stößt den Leser ohne Kompromisse in diese "Dinge" hinein. "Liebes Leben" entpuppt sich dadurch nicht als fiktive Geschichte. "Liebes Leben" ist das Leben selbst!

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    Cover des Buches Spielplatz der Helden (ISBN: 9783446245310)

    Bewertung zu "Spielplatz der Helden" von Michael Köhlmeier

    Spielplatz der Helden
    HeikeGvor 5 Jahren
    Ein zorniger "Hundertmeterlauf in fünf Sekunden" zwischen Himmel, Hölle und Geisterwelt

    Wann ist ein Held ein Held?
    Schon in den frühesten Epen der Ilias wurden Personen heroisiert. Menschen brauchen offensichtlich Helden, um sich mit ihnen identifizieren oder sich an ihnen orientieren zu können. "Die Gesellschaft selbst ist ein kodifiziertes Heldensystem, will sagen, sie ist überall in der Welt ein lebendiger und herausfordernder Mythos des Sinnes des menschlichen Daseins.", schreibt der Kulturwissenschaftler Ernest Becker in seinem Buch "Dynamik des Todes". Zudem sei "alles kreative Tun des Menschen im Grunde nichts weiter als ein künstlicher Protest gegen eine natürliche Wirklichkeit". Heldenverehrung hat allerdings gerade im deutschsprachigen Raum einen recht schalen Beigeschmack. Vielleicht ist daher über die Leistung der Südtiroler Robert Peroni, Pepi Schrott und Wolfgang Thomaseth aus dem Jahr 1983 so gut wie nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. 1400 Kilometer durchquerten die drei Alpinisten erstmalig ohne Hilfsmittel und Versorgungsdepots, einzig mit durch sie selbst gezogenen Schlitten und dem darauf verpackten Proviant, das Grönländische Inlandeis zu Fuß. Man stelle sich vor: ein Fußmarsch über eine Strecke, die der von Bozen nach Schweden oder nach Spanien entspricht, auf einer Meereshöhe von fast 3000 Metern, bei einer Kälte von tagsüber zehn und nachts 25 Minusgraden. 88 Tage abgeschnitten von jeder Verbindung mit der Außenwelt, ganz auf sich selbst gestellt, allein in einer endlos scheinenden Eiswüste.

    Macht die Leistung dieser drei Männer sie deswegen schon zu Helden? Oder glich deren Marsch eher einem Parcours auf dem Spielplatz der persönlichen Eitelkeiten? Der österreichische Autor Michael Köhlmeier (zugegeben einer meiner ganz persönlichen literarischen Helden) hat in einem seiner frühen Werke aus diesem Geschehen ein ganz persönliches "Heldenepos" gestrickt. Aus wechselnden Blickwinkeln seiner drei Eisgänger, die er Reinold Minach, Leo Degaspari, Michael (Much) Gratt nennt, würdigt er zum einen diese schier unglaubliche Leistung dieser Grenzgänger. Zum anderen dienst sie ihm auch zum Ausloten des zwischenmenschlichen Miteinander, als Gang ins Innere. "Der Körper braucht die ganze Fürsorge des Geistes. Die Seele ist alleingelassen. Sie hat keinen Korrektor mehr. Sie schweift herum. Eine kleine Missstimmung kann zu Hass werden. Eine winzige Kränkung wird zur tödlichen Beleidigung. (...) Der Körper wird vom Geist kontrolliert, und die Seele, vom Geist nicht beaufsichtigt, kann Schaden anrichten und Schaden erleiden, wenn sie Nahrung für Misstrauen bekommt."

    Der Roman, der Züge eines Melodrams aufweist, und sowohl als innerer Monolog (Ich-Erzähler) als auch als Dialog (Grönlandexpedition) verfasst ist, verwebt raffiniert das eisige Heldendrama der drei Südtiroler mit dem sie nachträglich interviewenden Autor, der wohl einige autobiografische Züge aufweist. Entstanden ist dabei eine großartige menschliche Innensicht, ein Ausloten möglicher Grenzsituationen, des Bewegen am Limits. Es geht um Liebe, Freundschaft, um Macht und um die ganz tief in jedem Menschen verborgenen dunklen Abgründe. "Solche Reste haben wir alle in uns, irgendwo in einem Panzerschrank in der Seele, auf dem steht: Vorsicht Hochspannung." Vor allem offenbart der Roman auf eindringliche Art und Weise die Problematik des menschlichen Zusammenlebens in unserer Zeit. Einer Zeit, in der ein Überangebot an zivilisatorischen Konsumgütern das Verlangen nach dem Umgang mit einer natürlich belassenen Landschaft weckt und wo die weit hinter dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt zurück hinkende Entwicklung des menschlichen Innenlebens einer längst fälligen Reform bedarf. Dieser Notstand wird in Köhlmeiers Roman noch dadurch unterstrichen, dass er die hin und wieder zum Weinen und dann wieder zum Lachen anmutende Handlung der drei Grönland-Pioniere in eine nicht weniger tragikomische Rahmenhandlung stellte, worin der Ich-Erzähler eine erotische Beziehung zu einer verheirateten Frau unterhält, die ihn ihrerseits mit einem anderen Mann betrügt.

    Helden, so das letztendliche Fazit, haben in heutiger Zeit ganz offensichtlich ihren Nimbus verloren. Oder sie werden aus anderen Beweggründen geboren, als noch zu Zeiten der Ilias. Denn auch wenn deren zentrales Thema - der Zorn - gleichfalls treibende literarische Kraft in Michael Köhlmeiers Roman ist, verleiht er seinen Handelnden hier keinen göttlichen Status. Oder wie so äußerst treffend von Michael Gratt formuliert: "Ich denke mir im Nachhinein, man müsste bei so einer Expedition extra einen vierten Mann mitnehmen, ein sorgfältig ausgewähltes A********, das man nur darum mitnimmt, um auf ihn einen Zorn haben zu können. Weil irgendwo muss der Zorn hin."

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    Cover des Buches Der Tod ist ein Philosoph (ISBN: 9783492055802)

    Bewertung zu "Der Tod ist ein Philosoph" von Tobias Hürter

    Der Tod ist ein Philosoph
    HeikeGvor 5 Jahren
    "Vom Menschen abgesehen sind alle Geschöpfe unsterblich, da sie den Tod nicht kennen" (J. L. Borges)

    "In der Londoner Nationalgalerie hängt ein eigenartiges Gemälde: 'Die Gesandten' von Hans Holbein dem Jüngeren. Auf den ersten Blick ist es ein Doppelporträt zweier Diplomaten. Auf den zweiten Blick erkennt man eine rätselhafte, lang gezogene Struktur in der unteren Bildhälfte. Sie liegt da wie selbstverständlich. Und dennoch scheint sie nicht ins Bild zu passen. Sie sprengt die Harmonie der zwei Gentlemen und ihrer Insignien. Was ist das Ding? Es offenbart sich nur, wenn man sich dem Bild von rechts außen nähert. Wenn man so nah dran ist, dass man das Gemälde aus einem spitzen Winkel von 27 Grad betrachtet, erkennt man einen Totenschädel.", berichtet Tobias Hürter. Er ist beeindruckt von diesem Bild, da es den Tod genau so zeigt wie er ist: mittendrin als Teil des Bildes, aber zugleich ein Fremdkörper. Erst beim Perspektivenwechsel aus extremem Winkel gibt er sich zu erkennen und verzerrt dabei zugleich den Rest des Lebens bis ins Unkenntliche.

    Der Mensch fürchtet den Tod, obwohl er doch das Selbstverständlichste ist, sozusagen "Routine im Lauf der Welt". Vielleicht wegen seiner schweren Greifbarkeit, diesem Nichts, was sich "hinter ihm" verbirgt. "Eine Lösung des Paradoxes der Sterblichkeit bestünde darin, beide Perspektiven zusammenzuführen.", sinniert Hürter. Diese durchaus nicht leicht zu nennende Aufgabe versucht er in seinem "Plädoyer des Todes" zu bewerkstelligen. Anlass gab ihm eine ganz persönliche Grenzerfahrung mit dem schwarzen Kapuzenmann, der seine Sense bereits ziemlich nah über dem 40-Jährigen schwang. Sein "Beinahetod" zwang ihn zur Auseinandersetzung mit den großen Grundfragen der Menschheit: "Wer bin ich? Was bleibt von mir? Was ist mir wirklich wichtig?" In dreizehn Kapiteln sinniert er über das Wesen des Todes, über die Seele, die Angst vor dem Sterben, über ausgetretene und neue Wege zur Unsterblichkeit. Entstanden ist ein klares, gut lesbaren, aber dennoch tiefsinniges Buch, "das ohne Mystizismen und ohne Jargon auskommt; in dem philosophiert, argumentiert, begründet und das heißt: langsam gedacht wird. Schritt für Schritt auf den Grund der Dinge zu."

    Viele Namen tauchen auf: sei es nun Baruch Spinoza, John Locke, Sigmund Freud, Goethe, Sokrates und Platon. Aber auch dem ersten Kaiser von China und den Ansichten der Transhumanisten wird Raum gegeben. Sie alle haben sich bereits mit dem Fundament unseres Daseins auseinandergesetzt. Jeder auf seine Weise, meist nie im Konsens. Offenbar gibt es keine einfache Wahrheit über unsere Identität. Zu schwer greifbar ist die Materie, zu differenziert in ihrer Wahrnehmung, beeinflusst zudem durch persönliche, gesellschaftliche und religiöse Einflüsse. Doch auch wenn viele Dinge nur angekratzt werden können, tut dies der Qualität des Textes, der sich eher als "lautes Denken in Schriftform" versteht, keinen Abbruch. "Der Tod ist ein Philosoph" offenbart sich als Buch, das Anstöße und Spielräume gibt und zum (Um)Denken anregt. Denn genau wie bei Hohlbein gilt: "Wer die Perspektive nicht wechselt, wer dort verharrt, wo er ist, wer nicht suchend umherwandert, der kann nicht alles erkennen. Um den Tod zu erkennen, muss man an den Rand gehen. Um das Leben zu erkennen, muss man in die Mitte." Denn der "bessere Weg ist, den Gedanken an den Tod als heilsamen Schrecken zu nehmen: als freundliche Mahnung, sich darauf zu konzentrieren, worauf es wirklich ankommt, statt sich im Unwesentlichen zu verlieren. Der Schrecken ist am wirksamsten, wenn wir uns weit weg vom Tod wähnen. Wenn wir kräftig und tatendurstig sind. Dann können wir nicht nur erkennen, worauf es wirklich ankommt, wir können es auch tun. Der Tod ist der Maßstab, ob etwas wirklich sinnvoll ist oder wir uns nur einreden, dass es sinnvoll sei. Eine Angst, die uns daran erinnert, hat Sinn."

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    Cover des Buches Wie die Franzosen die Liebe erfanden (ISBN: 9783862200382)

    Bewertung zu "Wie die Franzosen die Liebe erfanden" von Marilyn Yalom

    Wie die Franzosen die Liebe erfanden
    HeikeGvor 5 Jahren
    Madame s'amuse à Paris avec nos hommes galants? (Amüsiert sich Madame mit unseren galanten Herren)

    "Ohne Liebe bin ich nichts.
    Selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt,
    ja mit Engelszungen reden könnte,
    aber ich hätte keine Liebe,
    so wären alle meine Worte hohl und leer,
    ohne jeden Klang,
    wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag."

    Die beste "Definitionen" zum Thema Liebe findet sich tatsächlich in der Bibel im 1. Korinther 13. Ansonsten ist dieses psychische Phänomen nicht nur im eigenen Erklären, sondern auch den spezifischen und heute bekannten naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden äußerst schwer zugänglich. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht, dass über die Liebe deshalb nichts Allgemeingültiges ausgesagt werden könnte. Die Trefferquote bei einer Google-Suche liegt im Millionen-Bereich. Jeder hat offensichtlich darüber seine ganz eigene Meinung, die sich aus dem eigene Erleben speist. Erlebnisse lassen sich nun mal sehr schlecht im Labor mit Instrumenten messen. Aber man kann über sie beschreibend berichten. Und das tun wir Menschen schon seit Jahrhunderten. Vor allem in der Literatur nimmt ihre Interpretation einen großen Stellenwert ein. Es gibt kaum einen Autor, der die Liebe nicht zum Sujet seiner Beschreibung herangezogen hat. Doch wie und vor allem wo nahm alles seinen Ursprung?

    Marilyn Yalom, Professorin für Französische Literatur an der Stanford University, die bereits vielfältige Beiträge und Bücher zur Kulturgeschichte der Frau, mit besonderem Fokus auf Frauen in Frankreich und in den Vereinigten Staaten, geschrieben hat, nimmt sich in ihrem jüngsten Werk diesem großen Thema an. Dabei stellt sie eine interessante, wenn auch vielleicht nicht ganz ernst zu nehmende These auf: Die Liebe wurde in Frankreich erfunden. Ob nun Wahrheit oder Mythos, eines ist sicher: die anscheinend liebesbegeisterten Französinnen und Franzosen haben es im Laufe von Jahrhunderten geschafft, dass Frankreich als das Land der Liebe schlechthin gilt. "Die Amerikaner meiner Generation hielten die Franzosen für die Stifter der Liebe. Aus ihren Büchern, ihren Chansons, ihren Zeitschriften und Filmen fabrizierten wir uns ein Bild davon, wie aufregend Liebe sein kann - und das war weit entfernt vom aseptischen amerikanischen Modell der Fünfzigerjahre. Die Frage also lautet: Wie sind die Franzosen geworden, wie sie sind? Dieses Buch möchte eine Antwort darauf geben."

    Auch wenn man durchaus der Meinung sein könnte, "die Liebe, wie wir sie heute kennen, habe es schon immer gegeben", entstand damals in Frankreich "etwas historisch gesehen Neues, eine kulturelle Explosion, die für Liebende das Recht einforderte, ihre Leidenschaft entgegen allen gesellschaftlichen und religiösen Widerständen auszuleben.", so Yalom. Chronologisch versucht sich in ihrem Werk herauszufinden, wo sich in der französischen Geschichte die Ursprünge finden lassen und zwar am Beispiel ihres Fachgebietes - der Literatur. "Wie die Franzosen die Liebe erfanden" ist also keineswegs eine trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein höchst amüsantes und für jeden Literaturbegeisterten erhellend zu lesendes Buch über die Liebe in ihrer kulturellen Form.

    Marilyn Yalom beginnt im Frankreich des 11./12. Jahrhunderts, als der Ehebruch als literarisches Thema erstmalig in Mode kam. Franzosen erfanden damals die Ideale der Minne und sorgten für deren Verbreitung. Die Dame bekam eine Starrolle in dem Kult der 'fin'amor', die sich schließlich zu einem Modell für alle westlichen Männer und Frauen entwickeln. "Heute sagen wir romantische Liebe dazu." Die amerikanische Autorin beginnt mit dem französischen Pendant zu Romeo und Julia: Abaelard und Heloise, den Schutzheiligen der französischen Liebespaare und Märtyrern der Liebe. Ihnen folgt im 12. Jahrhundert der 'galanterie' (eine Reihe verfeinerter Sitten im Umgang mit dem anderen Geschlecht, die sich zuweilen bis in die Jetztzeit gehalten hat), als herausragendes Beispiel "Die Prinzessin von Cléves" von Madame de La Fayette, einer der ersten "psychologischen" Romane überhaupt. Weiter geht es mit der Komödie und Tragödie im 17. und dem vorrevolutionäres Frankreich des 18. Jahrhundert. Namen wie Molière ("Der Menschenfeind"), Racine ("Phädra") und Prévost mit seiner femme fatale "Manon Lescaut" tauchen genauso auf wie Rousseaus "Julie oder Die neue Héloïse", "Gefährliche Liebschaften" von de Laclos oder die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse.
    Yalom betrachtet die republikanische Liebe (Élisabeth Le Bas, Madame Roland), untersucht sozioerotische Variante selbiger bei Constant, Stendhal ("Rot und Schwarz") und Balzac, wo zumeist ein junger Mann in eine ältere Frau verliebt ist oder umgekehrt, schwenkt ein in die Bahn der französischen Romantik und der Belle Époque. "Madame Bovary" von Gustave Flaubert sowie die Heldenkomödie "Cyrano de Bergerac" von Edmond Rostand nehmen dabei einen besonderen Stellenwert ein. Aber auch der gleichgeschlechtlichen Liebe zollt sie ihre Aufmerksamkeit, deren Vertreter Verlaine, Rimbaud, Wilde und Gide sowie Colette, Gertrude Stein und Vilette Leduc ausführlich "untersucht" werden. "Auch hier setzten die Franzosen eine sexuelle Revolution in Gang, die im restlichen Jahrhundert noch mehrfach hohe Wellen schlagen sollte." Natürlich dürfen auch die neurotische Liebe bei Marcel Proust sowie die verliebten Existenzialisten Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre nicht fehlen, die sie während ihrer Studienzeit noch persönlich in Paris erlebte. Letztendlich schwenkt die Autorin auf der Zielgeraden noch bei Marguerite Duras und letztendlich der Liebe im 21. Jahrhundert ein. Auch wenn heute der französische Roman wohl nicht mehr der privilegierte Ort der Liebe ist. Am ehesten hat er sich wohl noch in den stillen, leisen französischen Filmen gehalten.

    Marilyn Yaloms sehr persönlich gehaltenes und mit vielen individuellen und eigenen Bonmots aus ihrem großen (französischen) Bekanntenkreis gewürztes Buch, hält eine Fülle an Historischem und natürlich auch literarisch Wissenschaftlichem bereit. Geschrieben in einem lockeren, sehr gut lesbaren Stil, ist ein äußerst amüsantes, aber trotzdem hochinteressantes Buch entstanden, das vor allem dem Literaturliebhaber eine Fülle an neuem Lesestoff bietet. Letztendlich sehen Franzosen, so Yalom, "die Liebe lieber als ein Spiel, bei dem man sich nicht in die Karten schauen lässt". Sie haben "mit ihrer jahrhundertelangen höfischen Kultur ihre Vorstellungen über die Liebe von oben her entwickelt. Könige und Königinnen, adlige Damen und Herren, Minnesänger und Schriftsteller haben Loblieder und Gedichte auf die Liebe ersonnen und diese Liebe in einer Welt von ihresgleichen ausgelebt." Die Tradition des galanten Liebesgeplauders ist in Frankreich jedenfalls nie ausgestorben. Auch wenn sie feststellt, "dass sich die Regeln für das Zusammenleben kontinuierlich ändern. (...) Aber die Liebe ist deshalb keineswegs verschwunden. Wie seit jeher ist sie in Frankreich auf eine geradezu obsessive Art allgegenwärtig." Auch wenn sie in ihrer bezaubernden Tour durch die Jahrhunderte sicherlich ein paar gewagte Verallgemeinerungen anbringt, über die sich trefflich streiten lässt, so stellt man nach der Lektüre eindeutig fest: Wer will schon streiten, wenn es um die Liebe geht. Denn: "Votre passion pour la littérature française nous honore. Et le plaisir?" (Ihre Leidenschaft für die französische Literatur ehrt uns. Und das Vergnügen?)

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    Cover des Buches Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (ISBN: 9783442749003)

    Bewertung zu "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" von Haruki Murakami

    Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
    HeikeGvor 5 Jahren
    Die Zukunft ist gelb

    Wer Glück malen möchte, braucht viel Blau: Für den weiten Himmel, das Meer und einen Hauch von Freiheit. Wer wütend ist, sieht rot. Wir werden gelb vor Neid oder ärgern uns schwarz. Farben sind untrennbar mit Gefühlen verbunden. Zehn Millionen Farbtöne kann der Mensch unterscheiden. Ein magischer Regenbogen, der sich seit Urzeiten in unserer Seele widerspiegelt. Farben sind aber auch Signale, werden weltweit verstanden und sind in ihrer Wirkung seit Jahrhunderten gleich. Dennoch interpretiert sie jede Kultur auf ihre ganz eigene Weise. In den traditionellen japanischen Handwerkskünsten zum Beispiel nehmen sie oft eine wichtige Rolle ein. Das glänzende Schwarz und erdige Rot der Lackwaren, das unergründlich tiefe Indigo-Blau von Noren (Vorhänge), der intensive Kontrast japanischer Schlösser mit ihren weißen Wänden und Renraku-gebrannten Kacheln in Anthrazit, die fein abgestimmten matt-erdigen Töne einer vermeintlich einfachen Teeschale und natürlich die immense Farbenvielfalt der prächtigen Kimono-Stoffe.

    Farben spielen auch im neuen Roman Huraki Murakamis eine tragende Rolle. Fünf junge Leute zwischen sechzehn und siebzehn bilden den Kern. Alle eint eine zufällige Gemeinsamkeit: Sie tragen in ihrem Nachnamen eine Farbe. Die beiden Mädchen heißen Shirane (weiße Wurzel) und Kurono (schwarzes Feld), die Jungen Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer) und rufen sich auch in ihren Farben: Aka, Ao, Shoro und Kuro. Zudem verfügen sie jeder über ganz individuelle Eigenschaften. Shiro ist eine musisch begabte Schönheit, Kuro eine anregende, unermüdliche Leserin mit einem einmaligen Sinn für Humor, Aka ein bescheidener Schüler mit einem hervorstechenden Intellekt und Ao ein physisch markanter, geradliniger Typ und zudem ein herausragender Rugby-Spieler. Stop! Das sind erst vier! Da fehlt doch noch einer. Richtig: Tsukuru Tazaki teilt als einziger die farbliche Stofflichkeit der anderen nicht. Sein Name verweist auf keinen kolorierten Bezug. Dieser Umstand, der ihm schwer zu schaffen macht, lässt ihn glauben, dass er in allem eher mittelmäßig sei (einzig eine besondere Affinität zu Bahnhöfen ist ihm eigen). Tsukuru fühlt sich farblos, fad, unauffällig und reizlos. Um Robert Musils berühmtes Werk heranzuziehen: Er hält sich für einen Mann ohne Eigenschaften.
    Ein einschneidendes Vorkommnis zerbricht die freundschaftliche, intensive Bande der fünf radikal. Ab sofort wird Tazaki von den anderen geschnitten, aus ihrem Kreis ausgestoßen. Er fällt in ein schwarzes Loch und steht kurz vor der Selbstaufgabe. Knapp zwanzig Jahre soll er seine Freunde nicht mehr sprechen und sehen. Nun, mit 36 Jahren und einer neu beginnenden, zarten Liebe zu Sara, macht er sich auf den (Pilger-)Weg in seine Vergangenheit, um die Ursache des damaligen dramatischen Zerwürfnisses herauszufinden. Vielleicht aber auch, um doch noch Farbe in sein Leben zu bringen, das die letzten Jahre nichtsagend an ihm vorbeigeglitten ist und das auch sein neuer, ebenfalls "farbiger" Freund Haida ("graues Feld") nur kurz beleben konnte. Denn dieser verschwindet ebenso mysteriös und symbolhaft wie die Vier zuvor.

    Für surreale Beschreibungen von dystopischen Welten ist Haruki Murakami schon lange bekannt. Gefühlsmäßig verarmte und vereinsamte Menschen, mitunter Gewalt, Paralleluniversen, deren Grenzen zur realen Welt fließend und daher von dieser kaum zu unterscheiden sind, durchziehen das gesamte Oeuvre des japanischen Autors. Sein neuestes Werk allerdings bildet hierbei eine Ausnahme. Das Surreale hält sich dezent zurück, auch wenn es einige schwer greifbare Situationen gibt. Der mysteriöse Herr Midorigawa ("grüner Fluss") zum Beispiel, der die ganz individuellen Farben eines jeden Menschen sehen kann, dafür aber bald sterben wird, die in Formaldehyd eingelegten, kleinen, 6.!! Finger eines Menschen oder diverse andere vage angedeutete symbolische Botschaften. Zudem durchlebt sein Protagonist zeitweise wirre (Wach-)Träume an der Grenze zum Übergang in ein anderes Bewusstsein. Aber auf mystische Wesen wie die nächtens aus dem Maul einer toten Ziege steigenden und aus imaginären Fäden eine "Puppe aus Luft" spinnenden "Little People" ("IQ84") oder sprechende Schatten und mysteriöse Einhörner ("Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt") wird der Leser vergeblich warten. Dies könnte die Murakami-Fan-Gemeinde vielleicht enttäuschen, wie die sehr gespaltenen Meinungen auf dem japanischen Buchmarkt, wo das Buch bereits im Frühjahr 2013 erschien, aufzeigen.

    Warum gefällt mir der Roman trotzdem ausgesprochen gut?
    Die Stilistik ist es jedenfalls nicht. Mit seinem lapidar-kühlen Duktus und einfachem Satzaufbau zählt Murakami nicht zu den Sprachkünstlern. Bei ihm liegt die Finesse im Detail: im formalen Handlungsaufbau, in seiner gewieften Erzählweise, in der strukturellen Melange unterschiedlicher Themen. "Vereinfacht ausgedrückt war es die Aufgabe einer Geschichte, eine bestimmte Problematik in eine andere Form umzuwandeln. Durch Merkmale und die Richtung dieser Wandlung deutete sich auf der erzählenden Ebene eine Antwort an.", ist in "IQ84" zu lesen. Darin ist Haruki Murakami zweifelsohne ein Meister. Soziologie, Literatur und Musik fließen in einem wohldurchdachten Potpourri zusammen, werden perspektivisch verwirbelt und zeitlich verschliffen, auch wenn dies im jüngsten Werk nicht direkt ins Auge sticht, sondern eher zwischen den Zeilen verborgen liegt. Neben dem zentralen Farbthema finden sich zum Beispiel immer wieder Einschübe zu Franz Liszts "Le mal du pays" (Heimweh). Entstand diese Musik doch gleichfalls als Teil eines Entwicklungsprozesses bei dem der Komponist unter dem Eindruck seiner Reisen musikalisch immer mehr zu sich selbst fand. Ein Merkmal, das auch Murakamis Protagonist auszeichnet. Der japanische Autor fungiert jedenfalls erneut als souveräner Strippenzieher, als Mittler zwischen Vergangenheit und Jetztzeit. "Bald tauchen, wie von der Melodie angelockt, gewisse Bilder hinter seinen Augenlidern auf - tauchen auf und verschwanden wieder. Es war eine Reihe von Schemen ohne Form und Inhalt. Verschwommen stiegen sie vom dunklen Rand seines Bewusstseins auf, durchquerten lautlos sein Gesichtsfeld und gelangten auf die andere Seite, wo sie verschluckt wurden und verschwanden. Wie winzige Lebewesen mit einem rätselhaften Umriss, die die Linse eines Mikroskops durchquerten."

    Murakamis jüngstes Werk entpuppt sich als Buch über die Bedeutung der Werte im Leben eines Menschen, der Entdeckung seines wahren Ichs und dessen möglichen Freiheiten. Es ist ein sensibler Text über Einsamkeit, die Wichtigkeit von Freundschaften und persönliche Wertigkeiten. Dem Japaner ist es erneut hervorragend gelungen, seine an der Wegkreuzung der Gegenwart stehenden Figuren, von dort aus die Vergangenheit genau in Augenschein nehmen zu lassen und Wege zur Zukunftsgestaltung zu entwickeln. Ein Buch, das voller Wahrheiten über das Leben steckt und den Leser in einen permanenten Sog zieht. Es liest sich flüssig, ohne flach zu sein. Einen nicht unerheblichen Anteil hat daran gleichfalls die Übersetzerin Ursula Gräfe, die dem deutschen Leser das japanische Werk ohne spürbare Qualitätsverluste zugänglich machte. Auch wenn das offene Ende den Leser grübelnd und nachdenklich zurücklässt. Aber: "Ein Schriftsteller ist kein Mensch, der Fragen löst. Es ist ein Mensch, der Fragen aufwirft." Denn auch wenn einiges im Unklaren bleibt, so hat Haruki Murakami alles gesagt. Oder vielleicht doch nicht? Für mich persönlich ist Tsukuru Tazaki keineswegs so farblos, wie er sich selbst hält. Er strahlt in einem warmen, goldenen Sonnununtergangsgelb. Ein Gelb, das neben Rot und Blau zu den Primärfarben gehört und Bestandteil der schillernden Orange- und Grüntöne des Schmetterlingsflügels auf dem außergewöhnlich schönen Buchcover ist. Und letztendlich ist Gelb in Japan eine kaiserliche Farbe. Sie steht für Mut und Stärke, Weisheit, Glück und für die Zukunft. Eine Zukunft, die Tsukura vielleicht neu gestalten wird. Auch wenn er zunächst noch ziemlich ratlos vor ihr steht: "Das Leben war wie eine schwierige Partitur (...). Sechzehntelnoten und Zweiunddreißigstelnoten, seltsame Zeichen und kryptische Anmerkungen. Alles richtig zu lesen war eine Aufgabe, die beinahe unmöglich zu bewältigen war, und selbst wenn man alles richtig lesen und sogar in die richtigen Töne umwandeln konnte, hieß das noch lange nicht, dass man den Sinn verstanden hatte und anderen verständlich machen konnte. Ganz zu schweigen davon, jemanden glücklich zu machen. Warum musste das Leben so unendlich kompliziert sein?"

    Haruki Murakami, meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum 65. Geburtstag am 12. Januar 2014!

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    Cover des Buches Mach das! (ISBN: 9783711000538)

    Bewertung zu "Mach das!" von Martin Apolin

    Mach das!
    HeikeGvor 5 Jahren
    Die Energiemenge in diesem Universum ist immer gleich groß oder: Von nichts kommt nichts

    Schlank im Schlaf, Trennkost, Eiweißdiät und Ananas-Kur? Oder doch lieber Brigitte-Diät oder ein Programm bei den Weight-Watchers? Der Weg zum Wunschgewicht wird allerorts angepriesen. Und viel zu leicht glaubt man den vollmundigen Erfolgsgarantien der neuesten Studien, schlankmachenden Pillen, Tees, Pülverchens oder Werbeversprechen wie: "Abnehmen ganz leicht - keine Änderung Ihrer Ernährungsgewohnheiten nötig" oder "Viele Kilos in wenigen Tagen", mitunter gar völlig ohne Sport und Diät.
    "Beim Thema Abnehmen wird gelogen, dass sich die stärksten Balken biegen. Kein Wunder, weil sich auf diese Art und Weise enorm viel Geld verdienen lässt.", ist sich der 1965 in Wien geborene Autor Martin Apolin, promovierter Physiker und Sportwissenschaftler, der als AHS-Lehrer (Physik, Sportkunde) und Lektor an der Fakultät für Physik in Wien arbeitet, sicher. Er packt in seinem jüngsten Buch die Grundlagen dieses verteufelten Kreislaufs des Zu- und Abnehmens an der Wurzel an und erläutert ihre Ursachen an der Basis: der Physik. Entscheidenden Anteil trägt dabei der Energieerhaltungssatz. Er ist es, der bestimmt, ob wir ab- oder zunehmen.

    Energieerhaltungssatz? Da war doch was in der Schulzeit. Genau! Ganz einfach ausgedrückt besagt er: Energie kann nicht verloren gehen, sondern nur von einer Energieform in eine andere umgewandelt werden. In jedem Menschen läuft verallgemeinert formuliert folgende Reaktionsgleichung im Inneren des Körpers ab: Kohlenhydrate/Fette + Sauerstoff --> Wasser + Kohlenstoffdioxid + Energie. Und genau dieses letzte Paket, die dabei freigesetzte Energie, ist das, was uns am Leben erhält. Jedoch manchmal - und das ist die verflixte Krux - in seiner gespeicherten Form auf den Hüften oder im Bauch liegenbleibt: Energie, die nicht verloren gegangen ist, sondern ausharrt oder auf ihre Umwandlung wartet. Auch wenn wir unseren angesammelten "Speck" einzig den "Tücken" der Evolution zu verdanken haben und er rein physikalisch gesehen eine durchaus positive Energiebilanz darstellt, so ist damit dem übergewichtigen Zeitgenossen nicht geholfen. Und ob es ihn versöhnlich stimmt, wenn er weiß, dass die gespeicherte Energie der Fettpolster letztendlich transformierte Sonnenenergie und wenn man es noch ein wenig herunterbrechen möchte, sogar transformierte Urknallenergie ist, mag bezweifelt werden. Zudem stimmt ein Blick auf die demographische Entwicklung recht bedenklich, nahmen die Menschen zwischen den Jahren 1960 und 2000 in den westlichen Industrieländern um etwa 25 Prozent zu.

    Äußerst interessant und unterhaltsam, aufschlussreich und kompetent, aber immer anschaulich und locker, in kurzen Kapiteln von zwei bis maximal fünf Seiten und garniert mit vielen anschaulichen und witzigen Illustrationen aus der Feder von Mandy Fischer, erklärt der österreichische Autor die Grundlage unseres inneren Motors. Er beginnt mit den Erfindern dieser physikalischen Gesetzmäßigkeit (man höre: ein Bierbrauer und zwei Ärzte!!), erläutert immer wieder die unterschiedlichsten Formen von Energieinput und -output oder den Unterschied zwischen Masse und Gewicht. Martin Apolin beschreibt die Ursachen von unverdauten Fetten und "bombensicheren" Nahrungsmitteln, beschäftigt sich mit Brennwerten, Kohlenstoffeinheiten, Muskelmasse, Wasserverlusten, Energiestoffwechseln, honigsüßen Durchflüssen oder dem berühmten Abnehmen im Schlaf. Er untersucht unterschiedlichste Wirkungsgrade bei diversen Aktivitäten (Radfahren, Treppensteigen, Laufen bis hin zu Küssen und Sex). Letztendlich läuft es jedoch immer wieder auf die gleiche Aussage hinaus: "Um abzunehmen, müssen sie eine negative Energiebilanz haben. Wie schaffen Sie das? Indem sie weniger essen und/oder mehr Bewegung machen. Das ist alles, was sie wissen müssen!" Oder:
    "Gegen Ihre Korpulenz, gnädige Frau", sagt der Arzt, "hilft nur viel Bewegung."
    "Kniebeugen und so, Herr Doktor?"
    "Nein. Kopfschütteln, immer wenn ihnen etwas zum Essen angeboten wird."

    Fazit: Auch wenn Begriffe wie Leistungsumsatz, Physical Activity Level, Watt, Joule oder Verdauungsverlust vielleicht den ein oder anderen abschrecken mögen, so hat Martin Apolin ein gut verständliches Buch über die physikalischen Prozesse in unserem Körper geschrieben, die bei der Nahrungsaufnahme und -verwertung ablaufen. Prozesse, deren Endresultat letztendlich immer wieder auf den Energieerhaltungssatz hinausläuft. Ein Buch, das hinter den Prozess des Zu- und Abnehmens schaut und das für den Laien genauso geeignet ist wie für den vielleicht schon ein wenig mit der Materie Vertrauten.

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    Cover des Buches Weissbuch Heilung (ISBN: 9783711000422)

    Bewertung zu "Weissbuch Heilung" von Kurt Langbein

    Weissbuch Heilung
    HeikeGvor 5 Jahren
    "Das Gehirn ist der selbstständige, eigenwillige Apotheker des Körpers" (Kurt Langbein)

    "Menschliches Genom entschlüsselt!" Diese Meldung schlug im Jahr 2000 ein wie eine Bombe. Die Berichterstattung beherrschte ein ganzes Jahr lang die Medien. Man sprach vom "Buch des Lebens". Anlässlich dieser sensationellen Bekanntgabe verkündete der damalige US-Präsident Bill Clinton in einer Pressekonferenz das Ereignis der Weltöffentlichkeit mit folgenden Worten: "Mit diesem Tag lernen wir die Sprache, mit der Gott das Leben erschaffen hat". Dies veranlasste Sidney Brenner, einen der Pioniere der Genforschung, zu einer vorlauten Bemerkung: "Und vielleicht ist die Bibel die Sprache, in der der Mensch Gott erschaffen hat". Nun ist weder das Genom noch die Bibel eine Sprache, sondern bestenfalls ein geschriebener Text und auch die vollmundige Ankündigung der Wissenschaftler, dass es "nur noch ein kleiner Schritt zur Identifizierung der krank machenden Gene und in der Folge zu einer adäquaten Therapie dieser Bausteine des Lebens" sei, ist mittlerweile in Ernüchterung unter den Genforschern umgeschlagen, stellt Kurt Langbein in seinem "Weißbuch Heilung" fest.

    "Das Genom ist längst entschlüsselt, aber die konventionelle Medizin versteht immer noch einen Großteil der Erkrankungen nicht. (...) tausendfache Versuche, mit diesen Ansätzen die großen Volkskrankheiten zu bekämpfen, sind gescheitert." Kommen die Signale, die in einer bestimmten Zelle Gene an- oder abschalten, vielleicht doch aus ganz anderen Regionen des eigenen Körpers? Gibt es eine geheimnisvolle Energie, die in uns fließt und die durch manche Menschen wahrgenommen und aktiviert werden kann? "Was hält uns länger gesund, was macht uns krank? Wie können wir vermeiden, krank zu bleiben oder an einer Krankheit zu sterben? Wie kommt Heilung zustande? Welche Rolle spielen dabei die Mediziner, welche andere Heiler? Wie heilen Heiler überhaupt? Gibt es Erklärungen für Heilungen, welche die Medizin unerklärlich findet? Welche Rolle spielen traditionelle, von der Schulmedizin abgelehnte Therapieformen tatsächlich?" Fragen, denen der Autor in 29 Kapiteln auf den Grund zu gehen versucht.

    Kurt Langbein, medizinischer Wissenschaftsjournalist und selbst krebsbetroffen, hat sich in seinem Buch auf eine augenöffnende, individuelle und übergreifende Entdeckungsreise gemacht. Ein Parcours, der ihm ebenso fremd war wie auch mir und der in der eigenen schulmedizinischen geprägten Wahrnehmung bis dato ganz schnell in die Schublade der merkwürdigen fernöstlichen Heilmethoden oder von modernen Esoterik-Strömungen durchzogenen alten Naturkunde gesteckt wurde. Dabei besucht er neben Heilern und Psychoanalytikern auch anerkannte Wissenschaftler, wie zum Beispiel Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer, Epidemiologe Michael Marmot, Hirnforscher Gerald Hüther, den italienischen Neurophysiologen Fabrizio Benedetti oder den amerikanischen Immunbiologen Noah Palm.
    Der in Budapest geborene österreichische Autor, der zudem eine bewegte Geschichte seiner Vorfahren erzählen kann, berichtet in kurzen, gut verständlichen und klar analysierten, hochinteressanten Kapiteln von Zellbewegung und -kommunikation in unserem Körper, von Spontanheilung, Placebo-Effekt, Schmerzforschung, den Einflüssen von Beziehungen, Stress, Empathie, Lebensrhythmen und Chronobiologie, von Meditation und Hypnose oder aber den vielen Irrtümern der Ernährungslehre, die Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer in einem ZEIT-Interview so treffend persiflierte: "Ernährungsberatung ist vor allem eines: Gewalt von Frauen gegen Frauen."

    Eines wird in all den hochinteressanten Ausführungen, die sogar vor der Quantenphysik und dessen jüngstem Kind, der Existenz von Biophotonen, nicht Halt machen, mehr als deutlich: Unser Wissen und das ständige Überbetonen, welchen Einfluss Umweltfaktoren auf unsere Gesundheit haben, das Analysieren unserer Beschwerden und Gesundheitsprobleme in Röhren und mittels hochauflösenderer Fotografien ist nur eine Seite. Eine Medizin, "die den Körper nur als Maschine begreift, hat wenig Chancen, Nachhaltiges zu leisten.", ist sich nicht nur der Autor sicher. Zum "Behandeln" - dessen Wortstamm bereits darauf hindeutet - gehört noch mehr. Krankheit, da sind sich alle interviewten Personen einig, "entsteht primär, wenn das System Mensch nicht mehr in Balance ist. Und Heilung wird dann möglich, wenn Therapeuten den Patienten helfen, die ungünstige Konstellation in ihnen und um sie herum zu verändern und die Selbstheilungskräfte wieder zu aktivieren." Komplementärmedizin ist dabei ein Wort, das man sich merken sollte. Diese Verfahren und Behandlungsmethoden, die (noch) nicht zur konventionellen Schulmedizin gehören und gerade in Universitätskliniken eine nahezu überwindbare Schlucht darstellen, ergänzen und unterstützen und stellen einen nicht zu unterschätzenden Anteil bei der Aktivierung der Selbstheilungskräfte dar.

    Fazit: "Weißbuch Heilung" versteht sich als leidenschaftliche Kritik gegen das verkürzte und verengte Denken der medizinischen Zunft. Es ist zugleich ein großes Plädoyer dafür, dass sich die Forschung endlich aus dem festen Griff der Medizin-Industrie, allen voran der Pharmaindustrie, lösen sollte. "Es ist der Geist, der sich den Körper baut", heißt es in Friedrich Schillers "Wallenstein". Kurt Langbein fügt hinzu: "Schritt um Schritt erkennt nun die Neurowissenschaft, wie richtig der Dichter - und ausgebildete Arzt - damit lag: Die Seele kann den Leib verändern." Ich persönlich würde nun nicht behaupten, dass es durch das Lesen dieses Buchs gleichfalls glückt, aber die eigene Denkweise erden, zum Nach- und vielleicht gar zum Umdenken bringen, DAS gelingt diesem hervorragenden Buch, dem ich - ganz im Gegensatz zu tatsächlichen virulenten Krankheiten - eine epidemieartige Verbreitung und akute Ansteckungsgefahr wünsche.

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    Cover des Buches Camus (ISBN: 9783499628016)

    Bewertung zu "Camus" von Iris Radisch

    Camus
    HeikeGvor 5 Jahren
    Der "kleine Hemingway des Montparnasse"

    "Für seine bedeutungsvolle Verfasserschaft, die mit scharfsichtigem Ernst menschliche Gewissensprobleme in unserer Zeit beleuchtet", wurde 1957 dem damals 43-Jährigen der Literaturnobelpreis verliehen. Am 7. November 2013 wäre Albert Camus 100 Jahre alt geworden. Doch er schaffte nicht einmal die Hälfte. Nur zwei Jahre nach der höchsten literarischen Ehrung war er tot. Umgekommen auf der Landstraße nahe Villeblevin bei einem tragischen Verkehrsunfall. Iris Radisch hat 57 Jahre nach der schwedischen eine deutsche "Laudatio" verfasst. Sie würdigt den in der Nähe von Algier, in Mondovi, Algerien, geborenen Schriftsteller, Bühnenautor und "Philosoph des Absurden" auf ihre ganz persönliche Art: eine Biografie, die in allen Belangen seinem Sujet würdig wird.

    "Camus hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es für ihn undenkbar war, die Literatur von den elementaren Erfahrungen der Menschen zu lösen, von dem großen Schmerz und dem großen Glück, die ein Leben bestimmen.", schreibt die Autorin. Und genau dieser Satz bestimmt auch den Duktus ihrer zu Papier gebrachten, ausgezeichneten Recherchen. Im Gegensatz zu der "Gleichgültigkeit der Mutter, die irgendwo im Abseits des Autismus ihr Leben verbracht hat" und Camus sowie all seine literarischen Figuren, die "von einer ähnlichen Aura der Kälte umgeben sind und niemals die seelische Nähe anderer Menschen suchen", prägte, zeichnet Iris Radisch ein unglaublich lebhaftes und emotionales Bild des Franzosen. Denn trotz aller menschlicher Kühle sind Camus' Romane und Erzählungen lichtdurchflutete "Sommerbücher", "elektrisiert von der Hitze des Mittags, der nie zu enden scheint (...), geschrieben unterm höchsten Sonnenstand, in dem die Dinge keine Schatten werfen und mit sich allein sind."

    Virtuos und sprachgewaltig, intellektuell und vielschichtig stellt Iris Radisch den Lebensweg Camus' dar: vom "Schweigen im Armenviertel einer französischen Kolonie (...), losgelöst von der religiösen und kulturellen Nabelschnur zum unbekannten europäischen Mutterland - ohne Kenntnis von der eigenen Geschichte und dem eigenen Herkommen in einem Niemandsland endloser Gegenwart, durch das hin und wieder lärmend eine Straßenbahn fährt" bis hin zum weltgewandten Pariser Starautor. Dabei richtet sie ein besonderes Augenmerk neben all den prägenden und ihn beeinflussenden Zeitgenossen wie Jean Grenier, Pascal Pia, den Dichter René Char oder den mit ihm im Autowrack umgekommenen Michel Gallimard, vor allem auf den Mann, dessen Leben nicht unterschiedlicher beginnen konnte, als das Seinige: der Systematiker und Absolvent der Pariser École Normale Supérieure Jean-Paul Sarte. Er war es auch, der den titelgebenden, alles andere als freundschaftlichen und anerkennenden Ausspruch äußerte. Zwar erkannte er die Sprengkraft des Werkes des "geistigen Handwerkers", aber die Originalität seines Autors anerkannte der "intellektuelle Bohemien" nicht. Am Ende "hat die Geschichte Sartre unrecht gegeben. Und Camus in allem bestätigt. (...) seine Kritik des Totalitarismus hat sich als eine der hellsichtigsten Gegenwartsanalysen des 20. Jahrhunderts erwiesen."

    Gleichfalls hervorragend gelingt der Autorin zudem die harmonische Einflechtung des Lebenswerkes ihres "Helden des Schreibens am Nullpunkt der Literatur". Sie bindet nicht nur Camus' Welterfolge wie "Der Fremde", "Mythos des Sisyphos" oder "Die Pest" ein, sondern Radisch geht auf sein komplettes Oeuvre intensiv und erläuternd ein: Bücher, die aus dem Zerrissen Sein eines Menschen "zwischen den Gegensätzen des Lebens" geboren wurden, der zudem "davon überzeugt ist, keine Zeit mehr zu haben - für den Aufschub des Glücks, für Verstellungskünste der Zivilisation, für das Irgendwann der Geschichtstheologie." Radisch macht Camus' "philosophische Erkundung der Welt" für den Leser spürbar und stellt seine Stärke - die "Literarisierung die Philosophie" ganz nach dem Vorbild Montaignes, Pascals und Nietzsche, in den Vordergrund.

    Fazit: "Er hat nie versucht, auch nur einen seiner Widersprüche zu lösen, er wollte das Leben und das Sein niemals beschneiden", erinnerte sich seine ehemalige Geliebte Maria Casarès. Albert Camus selbst bezeichnet es anders: "Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt." Dieses individuelle, kontrollierte Erleben des Schriftstellers und Existenzialisten, diesen zwischen den Gegensätzen seines Lebens zerrissenen Mann, der am liebsten alles zugleich mochte - " Norden und Süden, französische Kultur und mediterrane Lebensart. Askese und Ausschweifung.", könnte als Zusammenfassung in einem Satz über der Biografie von Iris Radisch stehen. Intelligent, wortstark, emotional, aber auch kritisch beleuchtend, stellt sie den "algerischen Gassenjungen" als Menschen mit Schwächen, aber auch vielen Stärken dar und setzt ihn wirkungsvoll in sein gelebtes Zeitalter. Eine äußerst gelungene Würdigung. Ein großartiges Geburtstagsgeschenk.

    "So hat mich jedes Mal, wenn ich den tiefsten Sinn der Welt zu erfühlen glaubte, vor allem ihre Einfachheit erschüttert." (Albert Camus)

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    Cover des Buches Der Zirkus (ISBN: 9783100488398)

    Bewertung zu "Der Zirkus" von Nils Minkmar

    Der Zirkus
    HeikeGvor 5 Jahren
    Wahlkampf - Ein Liebhaberporträt aus der Manege

    Wenn früher ein Zirkus in die Stadt einzog, kam dies fast einer Parade gleich. Bunte Wagen, Sattelschlepper, Elefanten und andere exotische Tiere erzeugten ein großes Getöse. Kinder liefen aufgeregt am Straßenrand umher, um die echte Menagerie zu bestaunen. Artisten, Jongleure und Feuerschlucker brachten ihre Augen zum Leuchten. "Erst wer im runden sandigen Boden den Blick der Zuschauer halten und ihm standhalten konnte, erst wer ein wirkliches Risiko eingegangen war, wer in hoher Höhe gezittert hatte oder Auge in Auge mit einem Raubtier stehen musste, war ein echter Unterhalter. Es war Unterhaltung, die voraussetzungs-, aber nicht anspruchslos war und so alt wie die westliche Demokratie selbst.", berichtet Nils Minkmar, Feuilletonchef der FAZ, in seinem Buch. Heute allerdings lockt diese Art der Massenunterhaltung kaum noch jemand "unterm Sofa hervor". Es gibt sie zwar noch, die Zelte, die früher das Leben ganzer Regionen in Aufruhr versetzten, aber ihre jedermann aufrüttelnde Bedeutung haben sie beinahe gänzlich verloren.

    Eine gewisse Analogie kann man auch beim aller vier Jahre stattfindenden Bundestagswahlkampf feststellen. Das Interesse sinkt und den Weg an die Urne finden immer weniger. "Der Wahlkampf war etwas Optionales geworden, dem sich nur noch die motivierten und Gutwilligen zuwandten. (...) Die Akrobatik war nach wie vor vollendet, aber der Rahmen war antiquiert und lebte von der Nostalgie derer, die als Kinder und Jugendliche von den großen Shows der bundesrepublikanischen Demokratie beeindruckt worden waren.", stellt der Autor fest. Eine die Leute beschäftigende soziale Bindewirkung gibt es nicht mehr. Die Ursachen sind - ganz genau wie beim "echten" Zirkus - sicherlich in der dominierenden Konkurrenz zu Fernsehprogrammen und Computern zu suchen. Vielleicht aber auch in dem antiquierten Rahmen, aus dem die großen Parteien herausschauen. Trotzdem finden sich immer wieder Kandidaten, die sich vor den großen Karren spannen lassen und durchs Land "tingeln", um ihr politisches Programm zu präsentieren. Nils Minkmar hat sich dem Tross der SPD und ihrem Spitzenkandidaten Peer Steinbrück angeschlossen. Ein Jahr lang begleitet er ihn bei all seinen Terminen und Verpflichtungen. Beginnend mit einer Vorbesprechung im Willy-Brandt-Haus, unter dem alles dominierenden, beinahe für Beklemmung sorgenden Blick der überlebensgroßen Plastik von "Super-Willy", über öffentliche Wahlkampfveranstaltungen, das legendäre Fernsehduell mit der Kanzlerin unter Moderation von Stefan Raab bis hin zum letzten "Abgesang" nach der im September stattgefundenen und bis dato nicht ergebnispräsenten Bundestagswahl. Minkmar war Teil Staffage der "roten Wagenburg" und erhielt einen Blick in das Zentrum der Macht.

    Nicht sensationsheischend, spektakulär oder populistisch, sondern fundiert, differenziert und weitestgehend neutral (eine gewisse Affinität zur SPD ist ihm dennoch nicht abzusprechen und die relativ humanen Seitenhiebe auf die Bundeskanzlerin sind nicht völlig vorurteilsfrei) schreibt er im Stil eines großen Zeitungsfeuilletonisten über seine Erfahrungen im autarken, überwiegend geschlossenen Club einer großen Partei. Wird Politik überschätzt? Wie sollte der ideale Kanzlerkandidat sein? Welches politische Programm spricht den heutigen Wähler an?, sind nur einige Fragen, die er sich im Laufe der Monate stellt und zu beantworten versucht. Er analysiert das Wahlprogramm, räumt auf mit Mythen, Hypothesen oder Vermutungen und weitet die mediale, momentbezogene Berichterstattung aus. Dies alles jedoch ohne ausufernd oder gar ermüdend zu wirken, sondern immer wieder erfrischend gewürzt durch wirkungsvolle Bonmots. Dabei liest sich dieser "politische Insiderbericht" trotz seines hohen sprachlichen Niveaus äußerst flüssig und gut verständlich.

    Letztendlich kam alles so wie es fast vorausschaubar war - oder noch schlimmer: die SPD erzielte eines ihrer schlechtesten Wahlergebnisse. Vielleicht, so Minkmar, hätte sie sich lieber an den Spruch von Antoine de Saint-Exupéry gehalten, der einmal meinte: "Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." Doch gerade damit haderte die SPD allzu offensichtlich. Sie hinterfragte sich ständig, "ob nicht ein schönes Alpenpanorama, ein tiefer Wald oder ein Kurztrip nach Berlin die Männer eher inspirierten und ob es denn überhaupt ein Schiff sein müsse - und wohin wolle man mit dem überhaupt fahren? Auf so etwas sei schon mancher ins Unglück gesegelt." Möglicherweise lag es aber auch daran, dass die Partei Wortkargheit kultiviert und "Verbundenheit mit der Verehrung der heimatlichen Scholle und vorreflexiver Instinkte statt Diskursfähigkeit und intellektueller Kompetenz." Es scheint, so der Autor, dass die SPD nur noch das "Museum ihrer selbst", ein "politisches Weltkulturerbe" ist.Vielleicht sollte sie sich die Aussage von Lars Brandt zu eigen machen, der einmal äußerste: "Man soll sich auf Dauer eben nicht schlichter geben, als man ist." Genauso wie es der Zirkus nicht tut. Denn ein kleines bisschen sehnt sich so mancher vielleicht genau dorthin zurück. Zirkus strahlt immer eine besondere Magie aus, weil er echt, weil er dreidimensional und vor allem weil er live ist.

    Fazit: Kenntnisreich, informativ, interessant und fern jeglicher Populistik gewährt Nils Minkmar einen Einblick in die "Zirkusmanege" der SPD-Parteizentrale. Er berichtet von Artisten, Feuerschluckern, Raubtierbändigern und vor allem seinem "Direktor" und dessen Alltag hinter den Kulissen. Ein Buch, das viele Handlungen seiner Akteure verständlicher, wenn mitunter auch nicht nachvollziehbarer macht.

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    Cover des Buches Ingeborg Bachmann und Max Frisch (ISBN: 9783492306294)

    Bewertung zu "Ingeborg Bachmann und Max Frisch" von Ingeborg Gleichauf

    Ingeborg Bachmann und Max Frisch
    HeikeGvor 5 Jahren
    Das gescheiterte Kunstwerk Liebe der "karfunkelhaften Diva der Dichtkunst"

    "In ihrer Nähe gibt es nur sie, in ihrer Nähe beginnt der Wahn.", lässt Max Frisch seinen Montauk über die junge Verlagsangestellte Lynn sinnieren. Auch wenn die Erzählung nur Fiktion ist, so könnte sie doch einen großen Anteil Wahrheit beinhalten. Wahrheit über seine Beziehung zu einer Frau, deren bildhafte Lyrik "in ihrer Mischung aus Sinnlichkeit und Intellektualität" fasziniert, die viele Leben gleichzeitig lebte, dabei aber immer darauf bedacht war, dass keines vom anderen wusste: Ingeborg Bachmann. Ingeborg Gleichauf, die mich schon in ihren Biografien über Max Frisch, Simone de Beauvoir und Hannah Ahrendt begeisterte, dringt erneut in den "Zwischenraum aus ungelebten Möglichkeiten", in die "Reste von Vergangenem" ein, um die wohl herausforderndste Liebesbeziehung, die Max Frisch einging, zu beleuchten. Eine Begegnung, die sowohl für Bachmann als auch Frisch äußerst prägend war und deren extreme Erfahrungen in beider Arbeit einflossen.

    "Hat nicht jede erste Begegnung ihre ganz eigene, besondere Vorgeschichte? Und wenn diese erste Begegnung den Beginn einer Liebesbeziehung markiert, wie groß ist dann erst die Bedeutung dessen, was vorher geschah oder auch gerade nicht, die Geschichte der Wünsche, Sehnsüchte, überhaupt der ganze Vorstellungs- und Gefühlskosmos, der sich auftut, wenn es um ich und du geht. Noch um ein Vielfaches komplizierter, schillernder, facettenreicher wird es, wenn der Blick sich richtet auf die Beziehung zweier Dichter oder Schriftsteller." Ingeborg Gleichauf berichtet in ihrer unvergleichlich romanesken, analysierenden Art über den verwirrenden, vieldeutigen Anfang, die gemeinsamen Jahre, bis hin zur Trennung, über die Frisch selbst schrieb: "Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht." Sie lässt den Leser an den Höhen und Tiefen dieser ungewöhnlichen, explosiven, großen Liebe teilhaben. Wunderbar gelingt es ihr, an den Schauplätzen Paris, Zürich und Rom Bilder auftauchen zu lassen, Stimmen hörbar zu machen und sie vor dem inneren Auge des Lesers auszubreiten. "Die Vergangenheit schiebt sich über die Gegenwart. Auf der Bühne des Gedächtnisses wird ein Stück aufgeführt."

    Gleichauf berichtet vom steten Schreiben Bachmanns und Frischs "gegen den Andrang der Welt, gegen die Ansprüche anderer Menschen", das durchaus ein Schreiben "aus Notwehr gegen die eigenen Ängste und Unsicherheiten" war. Beide sind Meister "im Anfangen, im Entwurf ungeahnter Möglichkeiten". Doch der Boden auf dem sich die zwei Liebenden bewegten, erwies sich mehr als brüchig. Trotzdem kämpften sie um ihre Beziehung und bäumten sich vehement gegen das Scheitern auf, wie die Autorin feststellt. Immer wieder wirft die Autorin Fragen in ihrem Text auf: Wer sind sie denn wirklich, diese Ingeborg Bachmann und dieser Max Frisch? Was zeigten und was versteckten sie? Inszenierten sie sich oder das was man von ihr sehen wollte nur? Ingeborg Gleichauf kitzelt die vielen widersprüchlichen Ansichten ihrer beiden Protagonisten heraus, stellt sie gegeneinander, um irgendwo dazwischen das Quäntchen Wahrheit zu finden. Dabei tritt in ihren Texten ein Ton zutage, der die Schwingungen aus Wirklichkeit und Fantasie, von denen das Paar getragen wurde, nachvollziehbar macht.
    Der Blick auf die Beziehung bleibt natürlich ein vermittelter, "gebunden an die Werke, die in dieser Zeit und danach entstehen, und auch an die Werke, die bereits erschienen sind. Sie tragen nicht bei zur Wahrheitsfindung, was das Faktische betrifft, aber sie können etwas zeigen. Sie regen die Vorstellungskraft an. Die Beziehung wird lesbar." Zwar nur in Ansätzen und Momentaufnahmen, aber trotzdem gelingt der Autorin eine Annäherung an das "explosive Zwischen-den-Beiden". Dazu gibt sie neben den Hauptfiguren in diesem Drama weiteren Mitspielern eine Stimme. Das sind zum einen natürlich deren Kunst, aber auch die öffentliche Meinung und vor allem die Schauplätze, an denen sich Bachmanns und Frischs Leben abspielte. Denn beide waren Reisende auf der Suche nach Orten, wo sie länger oder vielleicht für immer verweilen hätten können. Geschickt arbeitet Ingeborg Gleichauf hierbei vor allem das unterschiedliche Erleben heraus.

    Fazit: Das Buch - ergänzt durch einige Fotos - liest sich fast wie ein Roman und ist doch sehr detailgenau und differenziert. Es ist der Autorin ohne waghalsige Spekulationen, sondern durchaus mit kritischem Abstand gelungen, die Beziehung von Max Frisch und Ingeborg Bachmann mit ihren jeweiligen Romanen, Theaterstücken oder Gedichten zu verzahnen: eine durchgehend geschickte Verflechtung von Beschreibung und Analyse, ein authentisches Werk und zuweilen ein "beängstigendes In-die-Nähe-Kommen zum Atmosphärischen im Leben des Liebespaares Bachmann und Frisch". Obwohl der Text mit viel Sympathie für die beiden Protagonistin geschrieben und deren Annäherung sehr persönlich gestaltet wird, vereinnahmt Ingeborg Gleichauf sie weder, noch verklärt sie sie zu Helden. Aber sie versetzt sich ganz tief in Frischs und Bachmanns Denk- und Verhaltensweisen. Gerade dadurch holt sie faszinierende und streitbare Persönlichkeiten an die Oberfläche, die letztendlich beinahe persönlich zum Leser sprechen und ausrufen: "Alles ist offen, und nichts ist geklärt" im "Kunstwerk Liebe des Dichterprinzenpaares".

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    "... Es gab eine Zeit, da wirkte die Welt auf die Bücher, aber jetzt wirken die Bücher auf die Welt." (Joseph Joubert). Diesen hinterlassenen Fußabdrücken bin ich auf der Spur: Gute Bücher sind meine große Leidenschaft. Ein wenig davon, was sie mir vermitteln, versuche ich in meinen Rezensionen wieder- und weiterzugeben.
    • weiblich
    • 15.10.1900

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