HelenK

  • Mitglied seit 28.07.2018
  • 4 Freunde
  • 10 Bücher
  • 10 Rezensionen
  • 10 Bewertungen (Ø 4.4)

Rezensionen und Bewertungen

Filtern:
  • 5 Sterne5
  • 4 Sterne4
  • 3 Sterne1
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    Cover des Buches Panikherz (ISBN: 9783462048858)

    Bewertung zu "Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre

    Panikherz
    HelenKvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein bisschen zu viel Udo für mich
    Panikherz oder Panikdoktor

    Diese und noch viele andere Rezensionen findet ihr unter: https://www.hummelundsahne.de/category/buchrezensionen/

    Ich bin an die zehn Jahre jünger als Stuckrad-Barre, und das habe ich beim Lesen des Buches gemerkt. Seine Helden sind eindeutig andere als meine Helden. Udo Lindenberg war für mich schon immer nur der alte Mann. Es gibt ihn in der Popkultur, er ist nicht wegzudenken. Aber ernst nehmen, oder gar verehren, wie Stuckrad-Barre es zelebriert, das tue ich sicher nicht. Und doch teile ich ein paar Helden mit ihm, Bret Easton Ellis beispielsweise.

    Stuckrad-Barre erzählt von seinen Anfängen als Autor, von seinen Drogenexzessen, von seinem Abrutschen, von seinem Verschwinden und seiner Rückkehr. Und er schreibt von seinem Leben mit und für die Drogen, wie es anfängt, wie es zwischendurch aufhört, und wie sie doch immer ein Teil von ihm sind.

    Stuckrad-Barre rechnet in Panikherz mit sich selbst und mit Journalisten als solches ab, alles ist nebensächlich und ergibt sich sowieso und außerdem lächerlich, und warum braucht es das eigentlich? Rezensionen von Platten sind immer Verrisse, weil das halt so ist. Und dann: Immer wieder Udo.

    Stellenweise fand ich die Biographie mitreißend, weil eben manche seiner Helden auch meine Helden sind. Als Teenager habe ich den Rolling Stone gelesen und ich liebte American Psycho. Nirvana höre ich noch heute und als Teenager stand Kurt Cobains Todestag in meinem Kalender. Hole war eine der ersten Bands, die ich live gesehen habe, ich höre immer noch gerne ihren Smash-Hit, Und nicht zuletzt wegen der dreckigsten Toilette Schottlands. Irvine Welsh, Trainspotting, natürlich. Dann erinnert mich das Buch an ein ewiges Trainspotting, nur ohne dreckigste Toilette, oder vielleicht habe ich sie überlesen.

    Das Buch stellt im Mittelteil ein ewiges Auf und Ab zwischen Entzug und Sucht dar. Der Protagonist besucht vier Kliniken. Das Drogennehmen ist das natürlichste der Welt für ihn, ergibt sich einfach. Und wieder Udo, immer Udo. Das Buch tritt auf der Stelle, bis es plötzlich geschafft ist, der Autor ist nüchtern oder nicht? Offenes Ende eben.

    Ich bin hin und hergerissen von diesem Buch. Ich bin Fan der Ironie, und ja, auch der Nebensächlichkeit, seiner Darstellung des Kulturbetriebes, von seiner Selbstdarstellung als größter Udo Fanboy der Welt. Das auf und ab des Drogenkonsums, Drogenporno für Normalos, dazu Celebrity-Porno und Memberries. Von South Park grandios auf den Punkt gebracht.

    Do you membe?
    I membe.

    Genervt haben mich die Kapitel mit Udo. Die habe ich schlussendlich nur noch quer gelesen. Und jetzt zum Abschluss, weil es in Panikherz so viele Zitate gibt, möchte ich an dieser Stelle noch zwei anbringen.

    In 1000 Jahren sind wir Klassik
    selbst wenn wirs maßlos verkacken
    Ziehn wir unser Ding durch
    Nur Spass muss es machen
    Frittenbude
    Mindestens 1000 Jahren

    Und zum Abschluss Stuckrad-Barre selbst.

    Ja doch, ich fühle mich in der Lage, eine vollgütige menschliche Existenz zu imaginieren, der Udo und dessen Lieder komplett egal sind.

    Kommentare: 1
    16
    Teilen
    Cover des Buches Die letzten Tage des Patriarchats (ISBN: 9783498063634)

    Bewertung zu "Die letzten Tage des Patriarchats" von Margarete Stokowski

    Die letzten Tage des Patriarchats
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine feministische Bestandsaufnahme
    Feministische Bestandsaufnahme

    Margarete Stokowski hat eine Sammlung ihrer Kolumnen der letzten sieben Jahre veröffentlicht. Sie war 2011 bis 2015 Kolumnistin für die taz, seit Oktober 2015 schreibt sie für Spiegel Online. 2016 erschien ihr erstes Buch, „Untenrum frei“.

    Ihr neues Buch heißt „Die letzten Tage des Patriarchats“, im Oktober 2018 ist es beim Rowohlt Verlag erschienen. Es ist ein Querschnitt von Stokowskis Arbeit und der politischen Entwicklung der letzten Jahre, aus feministischer Sicht erzählt. Ausgewählt hat die Autorin Texte aus über 200 Kolumnen und vielen Essays. Insgesamt haben es 75 Texte ins Buch geschafft.

    Die sind teilweise humorvoll, teilweise bittersüß oder kampflustig, aber immer auf den Punkt. Stokowski findet auf viele Fragen eine Antwort. Beispielsweise, wenn die Emma Beyoncé 2014 aburteilte, als die bei den MTV Video Music Awards vor dem Schriftzug „Feminist“ sang. Emanze oder Schlampe, war damals die Frage für die Emma. Stokowski kommentiert das Ganze als Slut Shaming und schreibt: „das ist die Unart, Menschen, vor allem Frauen, dafür zu verurteilen, wie und wie oft sie ihre Sexualität ausleben oder wie und wem sie ihren Körper zeigen.“ Später dann betont sie, wie gerne sie stattdessen über Frauensolidarität hätte schreiben wollen. Ja, Frauensolidarität fände ich auch mal ein schöneres Thema als wenn Feministinnen sich gegenseitig bekriegen. Aber leider ist letzteres, wie am obigen Beispiel gezeigt, noch lange nicht ausgestorben.

    Unter ihren Texten gibt sie positive wie negative Leserkommentare wieder, und lässt diese nicht einfach so stehen. Ein Leser namens Jacki schrieb unter einen ihrer Texte: „Es gibt Menschen, die wachen morgens auf und denken über Quantenmechanik nach und machen sich an ihre Arbeit und am anderen Ende der Skala gibt es Frau Stokowski, die mit ‚Penis‘ morgens aufwacht. Was für eine schöne Gesellschaft, wo beide Auskommen und Arbeit finden.“ Der Kommentar stand unter einer Kolumne von Margarete Stokowski, die sich mit kleinen Penis-Witzen und Mutmaßungen über Penis-Größen beschäftigt. Beim Lesen habe ich herzhaft geschmunzelt, will an dieser Stelle aber auch nicht alle Highlights verraten. Stokowski jedenfalls antwortet darauf, dass der Leser ihre volle Zustimmung hätte.

    An den Kolumnen kann man aber nicht nur die Entwicklung des Feminismus, sondern auch die Entwicklung der Autorin selbst ablesen. Wenn es am Anfang noch mehr um Beziehungen ging, sind die späteren Kolumnen durch politische Themen geprägt. Dabei ist das Buch in mehrere Themenschwerpunkte aufgeteilt, es geht unter anderem um Flirten und Vögeln und Liebe, um Feminismus, um Männer, und um Bauch, Beine, Po, um Gewalt, um Rechte. Ein absolut lesenswerter Rundumschlag also.

    Diese und weiter Rezensionen findet ihr unter: https://www.hummelundsahne.de/unsere-buchrezensionen/

    Kommentieren0
    19
    Teilen
    Cover des Buches Schöne Neue Welt (ISBN: 9783596905737)

    Bewertung zu "Schöne Neue Welt" von Aldous Huxley

    Schöne Neue Welt
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein Klassiker, der nie alt wird
    Aktueller denn je

    Zeit Online schrieb Ende letzten Jahres, am 05.12.2018: Die neue Sklavenhaltergesellschaft. Tabubruch in China: Ein Forscher hat das Erbgut von Zwillingsmädchen verändert. Höchste Zeit mal wieder Aldous Huxleys Klassiker „Schöne neue Welt“ zu lesen. Ein Roman, der eine Gesellschaft beschreibt, aufgebaut als Kastensystem, in die genetisch maßgeschneiderte Kinder geboren werden.

    Jeder gehört jedem. Es gibt keine Leidenschaft, nur den Trieb. Keine Liebe. Kein Individuum, denn alle sind aus  demselben Genmaterial gezüchtet. Das Gebären eines Kindes gilt als furchtbares Relikt aus alter Zeit - eine widerliche Sache. In der schönen neuen Welt ist alles geregelt. Jeder ist jung und schön und konditioniert. Konditioniert auf die Eigenschaften, welche die Wissenschaftler einem Embryo verleihen mögen. Konditioniert auf die Eigenschaften, die die Gesellschaft haben will. Denn nur wenn die Eigenschaften der Person der zukünftigen Rolle entsprechen, kann der Mensch glücklich werden. Er soll dumm sein? - dann erhält er weniger Sauerstoff.

    Kleinkinder bekommen während des Schlafs Lektionen vorgebetet, die sie ein Leben lang verinnerlichen sollen. Sie werden im Schlaf darauf getrimmt, das Alleinsein als körperlichen Schmerz zu empfinden.

    Aber es ist eine stabile Welt, die auf dem Kastensystem beruht. Es gibt Alphas, Betas, Gammas, Deltas und Epsilons. Jeder hat einen festen Platz im System. Jeder ist für seinen Platz geschaffen, auf ihn konditioniert. Gammas, Deltas, Epsilons sind Klone, unterentwickelt, bekommen gezielt Alkohol verabreicht und Sauerstoff entzogen, ihre Intelligenz soll niedrig bleiben. Alphas und Betas dafür sind Individuen.

    Eine zentrale Rolle spielt in der Gesellschaft das Soma. Eine von der Regierung ausgegebene Droge, die die Menschen in einen Zustand des Glücks versetzt. Die Menschen gehen auf Somaurlaub. Sie nehmen Soma vor dem Sex. Alles ist wunderbar.

    Der Roman zeigt eine Gesellschaft, die geregelt ist, niemand in Armut lebt, alle jung und schön aussehen, sich niemand Sorgen macht. Unweigerlich frägt man sich als Leser: Ist es Utopie oder Dystopie?

    Es gibt drei Hauptpersonen, die jedoch mehr als Platzhalter agieren, um der Gesellschaft ein Gesicht zu geben. Lenina Crowne ist das perfekte Produkt der Wissenschaftler, die die Schöne Neue Welt formen. Bernhard Marx, ein Alpha-Plus mit der körperlichen Erscheinung eines Gamma-Minus, scheint dagegen nicht so recht in die Gesellschaft hineinzupassen. Zusammen reisen sie  in die Wildnis, treffen auf einen Eingeborenen, dessen Wurzeln in der zivilisierten Welt liegen. Sie bringen ihn nach London, wo er sich nach dem Alleinsein sehnt. In der Schönen Neuen Welt aber kommt das Alleinsein nicht vor.

    In dem anfangs erwähnten Artikel geht es nun darum, dass ein chinesischer Wissenschaftler die Zwillingsschwestern Lulu und Nana so verändern wollte oder hat, man kennt das Ergebnis ja noch nicht, dass sie gegen Aids immun sind. Quasi neue Supermenschen, Alpha Plus in Huxley-Begriffen. Benutzt hat der Wissenschaftler dazu die Genschere Crispr. Die Max-Plank-Gesellschaft erklärt auf ihrer Homepage, was das molekulare Skalpell so kann: „schneiden – genauer, das Erbgutmolekül DNA durchtrennen, und das präzise an einer bestimmten Stelle. Forscher können so Gene ausschalten oder an der Schnittstelle neue Abschnitte einfügen. Auf diese Weise lässt sich das Erbgut sehr viel einfacher und schneller verändern als bisher.“  Ja, klingt doch toll. Kann man aber auch sicherlich viel Unfug damit machen. Hätten die Wissenschaftler bei Brave New World Crispr gehabt, was sie damit wohl angestellt hätten?

    Kommentieren0
    41
    Teilen
    Cover des Buches Meine Stimme für das Leben (ISBN: 9783765507045)

    Bewertung zu "Meine Stimme für das Leben" von Denis Mukwege

    Meine Stimme für das Leben
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Spannendes und aufschlussreiches Buch über einen wichtigen Menschen.
    Seine Stimme für das Leben

    Dr. Denis Mukwege, seines Zeichens Gynäkologe, Pastor und Friedensnobelpreisträger im Jahr 2018, hat gerade seine Biographie veröffentlicht. Dr. Mukwege ist Spezialist für die Verletzungen, die Frauen durch Vergewaltigungen und durch gezielte Gewalt gegen ihre Geschlechtsteile erleiden. Solche Unterleibsschädigungen werden unter anderem in seiner Heimat, dem Kongo, als Kriegswaffe eingesetzt. 2012 hielt er eine Rede vor den Vereinten Nationen, er rief die Weltgemeinschaft auf, sexualisierte Kriegsgewalt zu verurteilen. Letztes Jahr erhielt er für seine Arbeit den Friedensnobelpreis. Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Brunnen-Verlag zur Verfügung gestellt.

    Die Biographie beschreibt Mukweges Werdegang zur Religion und zum Heiler, Muganga, wie er es in seinem Buch nennt. Die beiden Aspekte sind eng miteinander verwoben. Dies beginnt von Geburt an. Als Säugling, wenige Stunden alt, bekam er einen schweren Infekt, der unbedingt behandelt werden musste. Ausgelöst durch die Unkenntnis der Hebamme, die die Nabelschnur falsch abschnitt. Die evangelische Mutter aber erhielt keinen Zugang zum katholischen Krankenhaus.  Erst eine schwedische Missionarin konnte ihm helfen.

    Später begleitet er seinen Vater, einen evangelischen Pastor, bei der Krankensalbung, und fragte ihn, warum er ihnen nur spirituell helfe, keine Medikamente verabreiche. Die Frage eines kleinen Jungen mit großen Folgen, denn der Vater verwies darauf, dass er dafür Heiler (Muganga) sein müsste. Eine Passion war geboren, und Mukwege setzte, trotz aller Steine, die ihm in den Weg gelegt wurden, sein Ziel um, und studierte Medizin.

    Viele der gerade erwähnten Steine sind politischer Natur. Liest man das Buch, fühlt es sich an, als würfe ihm die Politik ständig Felsbrocken zwischen die Beine. Er wird nicht zum Studium zugelassen, weil momentan Ingenieure gesucht werden. Und später dann, als er sein erstes Krankenhaus leitet, ist das Land mittlerweile so korrupt, dass sie statt den bestellten Medikamenten Kisten voller Kondome geliefert bekommen. Hauptsache, irgendwas ist in den Kartons drin.

    Mukwege aber stellt sich den Herausforderungen und bleibt dran. Das ist spannend und wundervoll zu lesen. Auch wenn das Buch aus meiner Sicht ein paar Schwächen aufweist. Zuerst einmal ist es nicht chronologisch geschrieben. Das macht es schwer zu folgen. Er springt immer wieder von Gegenwart zu Vergangenheit, vor und zurück. Das ist schade. Ich denke von einem chronologischen Aufbau hätte die Geschichte profitiert.

    Ein anderer Punkt ist, dass zwar auch auf die politischen Hintergründe eingegangen wird, aber für meinen Geschmack zu wenig. Hutu, Tutsi-Rebellen? Genozid? Nie gehört. Hier hätte ich mir mehr Erklärung gewünscht. Das gilt auch für die Umstände der Frauen. Die werden zwischendurch beleuchtet, aber es geht weniger ins Detail, als ich mir gewünscht hätte. Einmal schreibt er beispielsweise, dass eine Station aufgebaut wurde, in die Frauen schon vor der Entbindung kommen können, denn viele Frauen kamen erst, wenn es zu spät war. Ich habe mich gefragt, ob diese Frauen nicht auf Widerstand stießen? Davor war es offensichtlich der Fall, dass sie bis zum Beginn der Wehen schwere körperliche Arbeit leisteten. Lief diese gesellschaftliche Änderung problemlos?

    Mein Fazit also: Das Buch ist absolut lesenswert. Weil Dr. Mukwege ein spannender Charakter ist. Aber es hätte meinem Erachten nach anders geschrieben werden müssen. Weniger Chaotisch, chronologischer. Mehr Infos, an manchen Stellen tiefer ins Geschehen rein.

    Schönes Detail: mit dem Kauf des Buchs spendet man 1€ an das Hospital von Dr. Mukwege. Und die Frauen können es sicherlich gebrauchen.

    Diese und weitere Rezensionen findet ihr auch unter:

    https://www.hummelundsahne.de/unsere-buchrezensionen/

    Kommentieren0
    34
    Teilen
    Cover des Buches Straße der Wunder (ISBN: 9783257244120)

    Bewertung zu "Straße der Wunder" von John Irving

    Straße der Wunder
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Inhalt der Geschichte ist eine Gesellschaft, die auf Wunder wartet und enttäuscht ist, wenn sie ausbleiben.
    Warten auf Wunder

    Zwei Müllkippenkinder in Mexiko. Juan Diego, Sohn der Prostituierten Esperanza, der sich selbst anhand von aussortierten Jesuiten-Büchern das Lesen beibringt die er auf der Müllhalde vor dem Feuer bewahrt hat und Lupe, die Gedanken lesen kann, aus ihrem Mund kommt aber nur Gebrabbel.

    Als Juan Diego auf der Müllkippe von einem Auto angefahren wird, macht ihn das zum Krüppel. Das ungewöhnliche Geschwisterpaar wird von einem Waisenhaus aufgenommen, obwohl die Mutter noch in derselben Stadt lebt. Die Geistlichen, die das katholische Waisenhaus leiten, finden das mehr als Unangemessen. Bruder Pepe und der homosexuelle Bruder Bonshaw suchen nach einem Weg die Kinder auf einen rechten Weg zu bringen.

    Das Buch erzählt die Geschichte Juan Diegos, der mit dem Tod vor Augen seine Lebensgeschichte reflektiert. In der Gegenwart ist er erfolgreicher Schriftsteller, der auf die Philippinen reist. Auf der Reise lernt er zwei Frauen kennen - Mutter und Tochter, die beide große Fans von ihm sind. Sie stehen in gegenseitiger Konkurrenz um seine Gunst und bevormunden ihn. Es geht so weit, dass sie ihm vorschreiben, wie er seine Medikamente zu nehmen hat. Nämlich sehr unregelmäßig. Zusätzlich wirft er sich Viagratabletten ein, was beide Frauen auszunutzen wissen. Immer wenn die Betablocker, dann seine Wirkung verlieren, erinnert er sich an die Vergangenheit. Das geschieht in den absurdesten Momenten, wenn er beispielsweise mitten im Geschlechtsakt steckt.

    Er erinnert sich an den Tag, als seine Mutter zu einer überlebensgroßen Madonnastatue hinaufsteigt, um sie zu reinigen. Bei dem Unterfangen aber erschrickt sie so fürchterlich, dass ihr Herz stehen bleibt. Die Augen der Madonna leuchten.  Es ist ein Wunder.

    Inhalt der Geschichte ist nicht nur Juan Diego, der auf ein Wunder wartet, sondern es ist die Gesellschaft, die sogar enttäuscht ist, wenn sie ausbleiben.

    Die Erzählstränge sind toll miteinander verwoben. Aus beiden Setting entstehen kuriose Momente, die die Geschichte tragen und den Leser zum Lachen bringen.

    Es ist der erste Roman, den ich von Irving gelesen habe. Andere Rezensionen bezeichnen den ersten Part der Geschichte als langatmig, betonen aber, dass zum Ende hin das Buch alles erfüllt, was ein typischer „Irving“ bieten muss. Mich als Autorin hat besonders das Feingefühl für die Charaktere und ihre individuelle Ausgestaltung beeindruckt. Das Zusammenspiel dieser verrückten Gestalten macht das Buch für mich zu einem Highlight.

    Ein literarisches Werk, das kein Chinesisch mit einem spricht.

    Diese und weiter Rezensionen findet ihr auch auf unserem Blog. https://www.hummelundsahne.de/category/buchrezensionen/

    Kommentieren0
    44
    Teilen
    Cover des Buches Der Chronist der Winde (ISBN: 9783423216463)

    Bewertung zu "Der Chronist der Winde" von Henning Mankell

    Der Chronist der Winde
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Tolle Einblicke in eine fremde Kultur
    Die Geschichte eines Lebens

    Für dieses und weitere Rezensionen besucht unseren Blog: https://www.hummelundsahne.de/unsere-buchrezensionen/

    Stell dir vor du stehst in einem Theater, die Lampen sind aus, der Vorhang geschlossen. Ein Junge liegt auf der Bühne, blutet aus der Brust.

    Der Junge will nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Was tust du?

    Im Chronist der Winde findet ein Bäcker namens José Antonio Maria Vaz den Jungen, sein Name ist Nero, und bringt ihn auf ein nahe gelegenes Dach, wo die afrikanische Luft ihn in seinen letzten Tagen umweht. Hier erzählt der Junge seinem Retter seine Geschichte.

    Sie beginnt mit dem Überfall auf sein Dorf im afrikanischen Urwald, wo seine Familie ermordet wird und ihn als Waise zurück lässt. Er flüchtet in die Großstadt, die für Kinder nicht viel mehr bietet als das Leben auf der Straße. Dort wird er Mitglied einer Straßenbande, so hält er sich über Wasser. Trotz des Lebens in der Gosse, wo er jeden Tag betteln muss und sich oft mit leerem Magen schlafen legen, lässt Nero nie zu, dass ein Mitglied seiner Bannde die Hoffnung verliert. Einmal erhält ein Junge als Belohnung eine ganze Stiege Tomaten für sich alleine. Es ist das einzige, was die Bande an dem Tag zu Essen gefunden hatte. Einem anderen Jungen verspricht Nero ein Paar Turnschuhe, wenn er es schafft seine wirren Gedanken zu ordnen und ordentlich zu sprechen. Nero hält es für angemessen den Geburtstag eines Jungen anständig zu feiern. Sie brechen in ein Haus ein, nur für die Atmosphäre. Nero verbietet ihnen etwas aus dem Kühlschrank zu entnehmen, sie lassen alles ordentlich zurück. Die anderen halten Nero für einen Heiligen.

    José ist der einzige, der von Neros Geschichte erfährt. Er selbst ist ein Bürger der Mittelschicht, hat Vermögen, doch nach der Erzählung lässt er all das zurück. Er sieht es als seine Pflicht die Geschichte weiter zu tragen, denn er sieht jetzt die Welt mit all ihren Ungerechtigkeiten mit anderen Augen.

    Der Chronist der Winde ist ein Buch, das den Leser fesselt  ohne dass es den klassischen Spannungsbogen bemühen muss. Die Charaktere sind glaubhaft, als Leser kann man sich gut in sie hinein fühlen. Das fesselt. Abwechselnd erzählt Nero einen Teil seiner Vergangenheit, dann wird aus Sicht Josés die Gegenwart geschildert. Mit jeder Seite, die man mehr über Neros kurzes Leben erfährt, steigt die Spannung. Er säht Hoffnung bei den Menschen und lässt Platz für Träume und Wünsche. Die Protagonisten versuchen das Beste aus ihrer Situation zu machen. Das Buch gibt Straßenkindern eine Stimme, die sonst nicht gehört würde.

    Kommentieren0
    45
    Teilen
    Cover des Buches Blauer Hibiskus (ISBN: 9783596521708)

    Bewertung zu "Blauer Hibiskus" von Chimamanda Ngozi Adichie

    Blauer Hibiskus
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Unbedingt lesenswert!!
    Religion und was damit einhergehen kann

    Diese und andere spannende Rezensionen findet ihr auch auf meiner Webseite: https://www.hummelundsahne.de/category/buchrezensionen/

    Religion war schon immer ein spannendes Thema für mich. Vielleicht, weil ich auf dem bayerischen Land aufgewachsen bin, wo Religion alles beherrschend erscheint, und sich das Aufwachsen zwischen Schule und Kommunionsunterricht abspielt. Ich erlebte damals im Kleinen, welche Macht Religion auf eine Gemeinschaft ausüben kann.

    Gerade deswegen bin ich so fasziniert von Blauer Hibiskus von Chimamanda Ngozi Adichie. Das Christentum spielt in dem Roman um die weibliche Erzählerin Kambili eine prägende Rolle. Das wird schon am ersten Satz deutlich. „Die Dinge begannen zu Hause auseinander zufallen als mein Bruder,  Jaja, nicht zur Kommunion ging und Papa sein schweres Gebetsbuch durch den Raum warf und die Figuren auf der Étagére brach.“*

    Es ist ein Satz, der auf wunderbare Weise einen Ausblick auf die Geschehnisse in dem Roman wiedergibt und auf die Charaktere. Eugene, der Vater von Kambili betreibt eine Keksfabrik und eine große Tageszeitung, die sich als eine der wenigen Medien gegen das Regime stellt. Dazu ist er überzeugter Christ, und durch seine Besessenheit der Religion geblendet. Jaja, Kambilis Bruder, und Kambili selbst, seine Tochter, leben gemeinsam mit der Mutter unter seiner Schreckensherrschaft aus Religion und Gewalt. Sie dürfen sich nicht mit andersgläubigen treffen, auch nicht mit dem eigenen Großvater, denn der ist nicht zum Christentum konvertiert. Sie dürfen vor dem Kirchgang morgens nichts essen, sonst sind sie unrein.

    Es führt so weit, dass die Kinder ihren Spaß am Leben verlieren. Den bekommen sie erst wieder, als sie ihre Tante besuchen. Die zeigt ihnen, dass es auch ein Leben neben dem blinden Befolgen religiöser Regeln gibt. Die ihnen die Freiheit lässt, auch abseits der engen Pfade des von der Religion erlaubten zu gehen.

    Das Buch hat noch andere Facetten. Etwa, dass sich im Hintergrund ein Bürgerkrieg abspielt, und Kambilis Tante keine medizinische Versorgung für ihren Vater bekommen kann, denn die privaten Labore wollen horrende Summen für Untersuchungen und die öffentlichen haben geschlossen. Achidie hat zwei Regime dafür vereint, das Babagida Regime aus den 1980ern und das Abacha Regime aus den 1990ern.

    Ich kenne mich leider mit afrikanischer Geschichte nicht aus. Bis ich Chimamanda Ngozi Adichies Buch las, wusste ich nichts von der Republik Biafra, von dem Volk der Igbo und Nigeria war für mich nur ein abstraktes Land in Afrika. Aber beim lesen des Buches habe ich wieder einmal für mich gemerkt, dass Mechanismen, wie die Religion, auf der Welt überall gleich funktionieren. Fast ironisch, dass der junge, aufgeschlossene Pfarrer aus der Pfarrei der Tante nach Deutschland geht, um dort eine verwaiste Gemeinde zu betreuen.

    Letztens auf dem Filmfest in München lief ein toller Film. „The Miseducation of Cameron Post” von Desiree Akhavan. Darin geht es um eine junge lesbische Frau, die dabei ertappt wird, wie sie mit ihrer Freundin auf der Rückbank eines Autos herummacht. Sie wird ins Umerziehungslager gesteckt. Unter dem Motto „Pray away the gay!“. Ein großartiger Film, der einfühlsam die Zerrüttung der Teenager zeigt, die ihre Religion leben wollen, jedoch nicht von ihren Gemeinden akzeptiert werden, weil sie sexuell verwirrt sind.

    Was wäre aus Kambili geworden, wenn sie lesbisch gewesen wäre, habe ich mich gefragt.

    Der Nachfolgeroman „Half of a Yellow Sun“ über Biafra steht nun auf jeden Fall auf meiner Leseliste.

     

    *Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, der Satz ist von mir selbst übersetzt und stammt nicht aus einer gängigen Übersetzung.

    Kommentieren0
    40
    Teilen
    Cover des Buches Dunkelgelb (ISBN: 9783981728835)

    Bewertung zu "Dunkelgelb" von Eva Altjohann

    Dunkelgelb
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine Liebesgeschichte am Chiemsee mit interessantem Touch
    Dunkelgelbe Liebe

    Dunkelgelb ist eine Geschichte über zwei verlorene Seelen, die es immer wieder zueinander zieht. Das Buch erzählt von Benedikt und Sophia, beide wohnen im ländlichen Bayern. Beide haben sie Familie, beide mit Kindern. Benedikt führt ein Café, Sophia ein Hotel. Sie lernten sich schon während des gemeinsamen Studiums kennen. Spontan machte er ihr bei ihrem ersten Treffen einen Heiratsantrag, den sie natürlich ablehnt. Sie treffen sich danach wieder und wieder, jedes Mal ein Heiratsantrag von seiner Seite, jedes Mal lehnt sie ab. Bis sie irgendwann für sich herausfindet, dass da doch mehr ist von ihrer Seite. So viel zur Liebesgeschichte, die im Grunde genommen abläuft wie eine romantische Komödie, Rom Com, wie es so schön abgekürzt aus dem US Amerikanischen Raum heißt. Die beiden lernen sich kennen, sie widersteht ihm, gesteht sich ihre Liebe ein, doch bevor alle miteinander glücklich sein können, hat sie Gewissensbisse und erst Mal muss alles den Bach runter gehen.

    Ich schaue mir viele dieser Rom Coms an. Und auch wenn sie immer nach dem gleichen Schema ablaufen, schaffe ich es, mich von ihnen treiben zu lassen. So auch bei diesem am Chiemsee angesiedelten Exemplar. Für ein paar Stunden tauche ich ab und bange mit Benedikt um seine Liebe zu Sophia.

    Ein paar Sachen haben mich aber leider aus dem Lesefluss gerissen. Einmal die Sache mit den Farben. Benedikt sieht seine Gefühle als Farben, die Autorin beschreibt wortgewandt und farbgewaltig alle seine Gefühlsregungen. Das ist am Anfang spannend, in der Mitte habe ich es übersprungen, am Ende nervt es ein bisschen. Ob er jetzt lila oder blaue Pünktchen sieht hat mich nicht mehr interessiert. Schade irgendwie, die Idee ist ja ganz nett. Aber wirklich gebraucht hätte es das Buch nicht, es hätte meines Erachtens auch so gut funktioniert.

    Dann die Sache mit dem inneren Team. Fand ich auch irgendwie nicht schlecht, aber dann auch nicht wirklich gut. Vielleicht waren es mir auch einfach zu viele Teammitglieder, die da aufgerufen wurden.

    Mein Fazit: Das Buch ist nett, um für ein paar Stunden in die Welt von Benedikt und Sophia  einzutauchen. Der angenehme Schreibstil macht es einfach, mit zu fiebern, auch wenn die Geschichte, und auch die Charaktere, nicht sonderlich komplex daher kommen. Für kalte Wintertage, an denen der Schnee vor dem Fenster gen Boden segelt kann es aber genau das Richtige sein.

    Das Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

    Kommentieren0
    19
    Teilen
    Cover des Buches Frauen und Macht (ISBN: 9783103973990)

    Bewertung zu "Frauen und Macht" von Mary Beard

    Frauen und Macht
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Unbedingt Leseempfehlung von meiner Seite
    ...der Titel sagt alles.

    „Wenn es darum geht, Frauen zum Schweigen zu bringen, hat die westliche Kultur Jahrtausende praktischer Erfahrung“, schreibt Mary Beard in ihrem neuen Buch mit dem Titel „Frauen und Macht.“ Ein Satz, der den Inhalt des Werkes an sich schon gut zusammenfasst.

    Denn wie der Titel schon ankündigt geht es um Frauen und Macht. Oder besser um das, was Frauen von der Macht fern hält, und wie mächtige Frauen dargestellt werden. Und wer wäre besser geeignet, das im geschichtlichen Kontext aufzuarbeiten als die Althistorikerin und Frauenrechtlerin Beard. Sie ist Professorin an der University of Cambridge und Herausgeberin des Bereichs Altertumswissenschaften für das Times Literary Supplement. Und obwohl sie schon etliche Bücher geschrieben hat und unter anderem eine eigene BBC Serie mit ihr läuft, war sie mir bisher kein Begriff.  Leider, muss ich sagen, denn nachdem ich ihr Buch gelesen habe, wünsche ich mir, ich hätte schon früher von ihr gehört. Wunderbarerweise aber wurde das Buch für eine Leserunde, an der ich regelmäßig teilnehme, ausgesucht.

    Das Buch ist in zwei Kapitel gegliedert, jedes ein eigenes Essay von Beard.

    Im Ersten verdeutlicht sie am Beispiel der Metamorphosen, wie Frauen mundtot gemacht wurden. Das Werk des römischen Dichters Ovid beschreibt die Entstehung der Welt in den Begriffen der römischen und griechischen Mythologie. Sie pickt sich eine Vielzahl an Beispielen aus dem Klassiker heraus. Io, von Jupiter vergewaltigt, wird in eine Kuh verwandelt. Echo, die Nymphe, muss auf ewig andere wiederholen. Nur zwei Ausnahmen gab es laut Beard, zu deren Anlass Frauen sprechen durften. Einmal um ihr Haus, ihre Kinder und ihren Mann zu verteidigen. Zum anderen wenn sie Opfer oder Märtyrer wurden. Philomena hätte also von ihrer Vergewaltigung berichten können, hätte ihr ihr Vergewaltiger nicht vorsorglich die Zunge rausgeschnitten. Eindrucksvoll leitet Beard so an vielen Beispielen her, dass es kein Wunder ist, dass die US-Senatorin Elisabeth Warren von der Debatte ausgeschlossen wurde, als sie einen Brief der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin Coretta Scott King im Senat vorlesen wollte, sondern Folge der Geschichte. Bernie Sanders und andere Senatoren konnten genau diesen Brief vorlesen ohne ausgeschlossen zu werden, so Beard.

    Im zweiten Essay des Buches setzt sich Beard dann mit der Darstellung mächtiger Frauen auseinander. Auch hier argumentiert sie wieder schlüssig aus der Mythologie des alten Griechenland heraus, und verknüpft so die erfolgreiche Frau mit der geköpften Medusa. Sie geht auf den US-Amerikanischen Wahlkampf ein, denn auch Clinton wurde als Medusa dargestellt. Und Trump – natürlich – als Perseus, ihr Schlächter. Ich musste gleich an die „Lock her up“-Rufe der Trump-Anhänger denken.

    Beide Kapitel des Buches fand ich großartig aufbereitet und schlüssig erzählt. Natürlich hat Beard nicht alle Aspekte, die das Thema Frauen und Macht mit sich bringen, beleuchtet. Wie der Deutschlandfunk schreibt, diffamieren sich Frauen auch gegenseitig. Journalistinnen etwa, die die Kanzlerin als Mutti bezeichnen. Dadurch entsteht das Bild einer Frau, die nicht an die Macht gehört. Natürlich ist das subversiv und effektiv. Bestimmt gab es das auch schon früher. Es ist aber nicht Teil von Beards Betrachtungsumfang. Dafür wäre das Buch auch schlicht und ergreifend zu kurz.

    Insgesamt auf jeden Fall eine Leseempfehlung von meiner Seite.

    Die Rezension gibt es auch auf unserem Blog: https://www.hummelundsahne.de/frauen-und-macht/

    Kommentieren0
    8
    Teilen
    Cover des Buches Tyll (ISBN: 9783498035679)

    Bewertung zu "Tyll" von Daniel Kehlmann

    Tyll
    HelenKvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Durchaus lesenswert, für meinen Geschmack zu viele Zeitsprünge und Perspektivwechsel
    Das kollektive Wir und seine Perspektivwechsel

    Die Rezession findet ihr auch auf unserer Webseite:  https://www.hummelundsahne.de/buchrezension-tyll/

    Vielleicht ist der Tyll ein großartiger Roman. Vielleicht ist der Tyll ein schwieriger Roman. Als ich den Tyll angefangen habe zu lesen, habe ich mich gewundert. Darüber, dass Kehlmann so oft die Perspektive wechselt. Einfach so, mitten im Text. Zwischendurch musste ich rekapitulieren, wer gerade Erzähler ist, und wie die Person ins Bild passt und vor allem: was hier überhaupt erzählt wird.

    Der Prolog ist aus dem kollektiven „Wir“ heraus geschrieben. Er erzählt eine Episode aus dem Volksbuch „Ein kurtzweilig lesen von Dyl Ulenspiegel“ von 1515 nach, wie die Frankfurter Allgemeine erklärt.

    Die Geschichte beginnt, indem der Narr Uhlenspiegel die Dorfgemeinde auffordert ihre Schuhe von sich zu werfen. Die Besitzer suchen nach ihren Schuhen und geraten mit anderen in Streit. Hier werden Konflikte ausgetragen, die seit Jahrzehnten zwischen ihnen schwelen. Manchen führt das ins Grab. Die Gemeinde macht danach weiter, als wäre nichts geschehen. Dieses erste Kapitel zeigt die Abgründe einer kleinen Dorfgemeinschaft und könnte für sich alleine stehen. Mich hat dieses Szenario an Stephen King erinnert. Es mag sich nun verbieten Kehlmann mit King zu vergleichen, mir aber drängte es sich förmlich auf. Kings Geschichten spielen immer in der Kleinstadt und nicht umsonst ist genau die Kleinstadt selbst der größte Horror.

    Im zweiten Kapitel springt Kehlmann zwischen den Perspektiven hin und her. Es gibt die Perspektive, des Müllers Claus (Tylls Vater), der Mutter Agneta, des Knechts Sepp und des Erzählers Tyll. In Schlaglichtern erfahren wir, was die einzelnen Personen denken. Claus sind seine Bücher das wichtigste. Er denkt er könne die Welt verstehen. Agneta verliebte sich seinerzeit in Claus, doch nun bereut sie es ihn geheiratet zu haben. Sepp bringt Tyll beinahe um und tauft ihn dadurch ein zweites Mal. Und Tyll selbst, der dem Tode entrinnt, während um ihn herum Krieg und Verwüstung über das Land ziehen.

    Was wirklich passiert ist, wird nicht erzählt.

    Kehlmann schreibt über die Schrecken des Krieges. Es geht nicht um die Geschichte des Einzelnen, wie Kehlmann schon im ersten Kapitel ankündigt. Es geht um das Erleben in der Gruppe, im kollektiven Wir. Es geht um die Erfahrungen im Krieg, die jeder anders erlebt und erzählt. Die Charaktere müssen mit der Hoffnungslosigkeit umgehen und das Beste aus ihrer Situation ziehen. Der Narr Tyll Uhlenspiegel ist bloß eine Person, die zufällig im Leben des erzählenden Charakters auftaucht. Dadurch bildet sich ein Zusammenhang zwischen den erzählenden Personen, ein Wiedererkennungswert. Durch seine Handlungen kanalisiert er die Konflikte im Dorf, wodurch es zu blutrünstigen Ausschreitungen kommt. Die Süddeutsche beschreibt ihn deshalb als Horrorclown aus düsterer Zeit. 

    Was habe ich mir herausgezogen für meine eigene schriftstellerische Tätigkeit?

    Folgende Punkte sind mir aufgefallen:

    -       Kehlmann wechselt oft die Perspektive. Das wirkte erstmal störend und anstrengend auf mich. Wenn man sich allerdings überlegt um was es geht – um das, wie ich oben beschrieben habe, kollektive Erleben und beschreiben – dann ist der ständige Perspektivwechsel nachvollziehbar. Wie anders hätte sonst die Darstellung erfolgen sollen?

    -       Allerdings kann ich nicht nachvollziehen, was manche Perspektiven – die Mutter Agneta zum Beispiel oder der Knecht Sepp – zum kollektiven Erzählen beitragen. Ihre Einblicke bieten meines Erachtens keinen Mehrwert.  

    -       Wo eigentlich Dynamik und Schnelligkeit hinein kommen sollte, schreibt Kehlmann lange Sätze, beschreibt viel. Vielleicht als Gegensatz zum Grauen des Erlebten? Szenen, die ich dynamischer geschrieben hätte, entschleunigen so die Geschichte.

    -       Anstatt die Handlung fortzuschreiben, wird viel außen herum erzählt. Die Charaktere labern gerne um den heißen Brei. Das habe ich eine Zeit lang gelesen, irgendwann wird es ermüdend und es drängte sich mir die Frage auf: Warum das alles? Warum so viel Gelaber? Und ich habe angefangen quer zu lesen. Ich denke man hätte den Text kürzen können ohne Inhalte zu verlieren. Und ohne die Darstellung zu verwässern.

    -       Es stellt sich mir die Frage, ob die teilweise verwirrenden Zeitsprünge wirklich nötig sind, denn das Buch lebt meines Erachtens nicht davon.

    -       Die Charaktere bleiben eher vage. Vielleicht weil ihnen nur eine so kurze Erzählzeit zugestanden wird.   

    Alles in allem lohnt es sich, in das Buch hinein zu schnuppern. Es vermittelt ein Gefühl für die Umstände im damaligen Krieg. Als junger Autor ist es jedoch mit Vorsicht zu genießen, weil der Erzählstil von vielen Ratschlägen zum kreativen Schreiben abweicht. Lässt man sich jedoch darauf ein, entdeckt man eine alte Welt neu interpretiert. Es ist anders und das darf es auch sein - natürlich, es ist von Kehlmann.

    Kommentieren0
    11
    Teilen

    Über mich

    Lieblingsgenres

    Klassiker, Historische Romane, Science-Fiction, Romane, Erotische Literatur, Comics, Liebesromane

    Mitgliedschaft

    Freunde

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks