Igno

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    Cover des Buches Pandatage9783462053647

    Bewertung zu "Pandatage" von James Gould-Bourn

    Pandatage
    Ignovor einem Monat
    Kurzmeinung: Tod, Trauer, Depression und Mobbing in einer berührenden Geschichte verarbeitet. Ein Mutmachbuch und ein schönes Debüt.
    Ein wirklich schönes Mutmachbuch

    Seit Liz bei einem Unfall gestorben ist, ist Dannys und Wills Leben kaputt. Danny vermisst seine Frau, versinkt in einer Depression und bekommt auch finanziell immer größere Probleme. Der zwölfjährige Will geht mit der Trauer um seine Mutter drastischer um: Seit dem tragischen Tag hat er kein Wort mehr gesprochen.
    Als Danny auch noch seine Arbeit als Bauhelfer verliert und sein mafiöser Vermieter Reg ihm ganz konkret ans Leder will, stürzt er sich völlig unvorbereitet in die Straßenkunst. Verkleidet als Panda verlaufen seine ersten Tanzversuche desaströs, bis er Pole-Tänzerin Krystal begegnet. Sie nimmt sich seiner an und es geht bergauf. Und nach einer Rettungsaktion beginnt sogar Will mit dem vermeintlich fremden Panda zu sprechen.

    Pandatage ist der Debütroman von James Gould-Bourn. Das Buch erschien am 02.05.2020 bei Kiepenheuer & Witsch und umfasst 384 Seiten. Für mein Rezensionsexemplar darf ich mich beim Verlag und NetGalley bedanken.

    Danny und Will stecken in der Trauer um ihre Frau und Mutter Liz fest. Mit zunehmender Geschwindigkeit gerät ihr Leben außer Kontrolle. Danny versucht Will zwar vor den größten Problemen zu schützen, doch das gelingt ihm immer schlechter. Als ihr Vermieter den Druck drastisch erhöht und Danny auch noch seinen Job verliert, hat er eher zufällig eine Idee. Er will sich als Straßenkünstler versuchen. Schnell ist ein verschlissenes Pandakostüm gekauft, bleibt nur noch die Frage, was er in seiner neuen Rolle nun machen soll. Er versucht sich mit dem Tanzen, muss aber schnell feststellen, dass das eher nicht zu seinen Talenten gehört. Das ändert sich, als die Pole-Tänzerin Krystal auf ihn aufmerksam wird. Danny kann sie davon überzeugen, ihn das Tanzen zu lehren. Und als Will zufällig in genau dem Park, in dem Danny tanzt, von Mitschülern angegriffen wird und der Panda ihn rettet, spricht Will erstmals wieder. Allerdings ohne zu wissen, mit wem er da wirklich spricht.

    Pandatage ist ein trauriges wie witziges Buch über den Trauerprozess. James Gould-Bourn baut eine ungewöhnliche Geschichte um seine sympathischen Charaktere. Insbesondere Danny trägt mit seinem trockenen, zynischen Humor ein ums andere Mal dazu bei, dass der Roman aufgehellt wird. Auch Krystal und Dannys bester Freund Ivan treiben die Situationskomik immer wieder voran. So entsteht eine teils zwar sehr traurige Geschichte, die aber regelmäßig zum Lachen einlädt. Eine gelungene Mischung, die das Buch sehr angenehm lesbar macht.

    Die Geschichte selber grenzt an vielen Stellen ans komisch Absurde, lässt ernsthafte Themen dabei aber nicht vermissen. Gould-Bourn widmet sich neben dem Trauerprozess mit Will insbesondere auch dem Thema Mobbing in der Schule. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob ich mit der Auflösung der Mobbinggeschichte glücklich bin – sie scheint mir etwas zu plakativ -, aber im Gesamtbild von Pandatage geht sie schon in Ordnung. Auch an anderen Stellen ist die Geschichte wohl nicht so ganz realitätsabdeckend – ich denke da beispielsweise an die reichen Straßenkünstler. Pandatage ist Fiktion, da dürfen solche Abweichungen erlaubt sein.

    In jedem Fall ist James Gould-Bourn ein Mutmachbuch gelungen. Egal wie nahe seine Figuren dem Abgrund kommen, sie geben nie auf. Irgendwer behält immer die Hoffnung und richtet die anderen auf die eine oder andere Weise wieder auf. Insofern ist Pandatage auch ein sehr gefühl- und hoffnungsvolles Buch.

    Gould-Bourn schreibt flüssig, die Geschichte liest sich wie von selbst. Sie ist in jeder Hinsicht liebevoll, das zu transportieren gelingt ihm wirklich schön. Obwohl keine Ego-Perspektiven zum Einsatz kommen, ist man beim Lesen sehr nah an den jeweiligen Protagonisten. Gould-Bourn erzählt die Handlungsstränge von Danny und Will getrennt, obwohl eine etwas härtere Trennlinie nur zu Beginn des Romans existiert. Das gelingt ihm gut, auch später, wenn die beiden Handlungen ineinander greifen.

    Pandatage ist ein Mutmachbuch. James Gould-Bourn gelingt es sehr berührend, mit Tod und Trauer und Mobbing gleich zwei etwas schwierigere Themen zu bearbeiten. Und zwar in einer Art, die mich als Leser an keinem Punkt desillusioniert zurück ließ. Ein gelungenes Romandebüt.

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    Cover des Buches Der größte Kapitän aller Zeiten9783462000108

    Bewertung zu "Der größte Kapitän aller Zeiten" von Dave Eggers

    Der größte Kapitän aller Zeiten
    Ignovor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Eggers' literarische Abrechnung mit den USA in Zeiten Trumps. Eine beißende Satire gegen Regierung, Gesellschaft und das große Ganze.
    Rundumschlag durch die trump'schen USA

    Als der höchst respektierte alte Kapitän der Glory in den Ruhestand geht, übernimmt überraschend ein grober, lauter Mann mit einer gelben Feder im Haar die Nachfolge. Ohne jegliche Kenntnisse, aber mit einem völlig übersteigerten Selbstbewusstsein ausgestattet, will er alles anders und vor allem besser machen. Er wirft sämtliche Regeln über den Haufen, doch als er den Hellen, einen grausamen Piraten und erklärten Feind der Glory, an Bord begrüßt, beginnt ihm das Ruder aus den Händen zu gleiten – mit fatalen Folgen.

    Der größte Kapitän aller Zeiten ist das zweite Buch, das von Dave Eggers am 8. April 2020 bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Der satirische Roman umfasst 128 Seiten, die sich in 18 Kapitel gliedern. Das Buch wurde von Nathaniel Russel illustriert. Für mein Rezensionsexemplar darf ich mich einmal mehr bei KiWi und NetGalley bedanken.

    Der größte Kapitän aller Zeiten ist zweifellos ein Eggers. Man muss nicht lange lesen, da fällt sein so typischer Stil ins Auge. Bissige Satire, kaum (das ist äußerst geschönt) versteckte Anspielungen auf die Ziele seines Werks und eine recht einfache Sprache. Eggers weiß, wie man Missstände anspricht, so dass sie jeder verstehen kann.

    Sein Ziel, die USA in Zeiten von Donald Trump. Am Offensichtlichsten ist da die Kritik an Trump selber, gespielt durch den Kapitän mit der gelben Feder im Haar. Eggers nutzt ein breites Repertoire an Ansatzpunkten für Spott – sicher nicht das volle, das dürfte schwer sein, aber doch ein breites. Man weiß sofort, um wen es geht und man kommt, gerade in der Anfangsphase, kaum aus dem Schmunzeln raus. Sei es nun die besondere Beziehung zu seiner Tochter oder die Wegwischtafel in der Cafeteria.

    Doch Eggers belässt es nicht bei nur einem Ziel. Schnell wird klar, auch die Gesellschaft selber bekommt ihr Fett weg. Seine eingefleischten Anhänger nebst seinem Regierungsumfeld, die Opportunisten in der breiten Gesellschaft, aber auch seine Gegner, die ihn mehr oder weniger machen lassen. Der größte Kapitän aller Zeiten ist ein weit gefasster Rundumschlag durch das gesamte Spektrum. Dabei wird Eggers aber nicht bösartig. Trumps Fans werden das Buch zwar eher nicht lieben, das liegt in der Natur der Sache, aber jenseits dieser Gruppe kann man auch als Betroffener durchaus mitschmunzeln.

    Mitte des Buches, als der Helle die Bühne betritt, bekommt es eine zunehmend dystopische Komponente. Eggers zeigt die Gleichgültigkeit gegenüber den Handlungen des Kapitäns und ihren dramatischen Folgen auf. Er verliert seinen satirischen Ansatz zwar nicht, aber es wird zunehmend schwerer, noch uneingeschränkt zu Lachen. Auch diesen Part gestaltet Eggers drastisch und auch das gelingt ihm gewohnt gut. Halbe Sachen gibt es bei Eggers nicht.

    Illustriert wird Der größte Kapitän aller Zeiten von Nathaniel Russel. Die Illustrationen sind recht simpel und überzogen, womit er das Thema sehr treffend aufgreift.

    Hinsichtlich der Länge von 128 Seiten geht das Buch wohl eher als Kurzroman oder Novelle durch. Es ist, wie man das von Eggers kennt, flüssig und sehr angenehm geschrieben, so dass es sich problemlos in einem Stück liest. Ein kurzweiliges Vergnügen, das zum Nachdenken anregt.

    Der größte Kapitän aller Zeiten ist ein unterhaltsames, beißendes Stück Gesellschaftskritik. Lustig, treffsicher, aber mit einer ganzen Reihe von Zielen und Botschaften. Ein Eggers in Bestform.

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    Cover des Buches Die Parade9783462053579

    Bewertung zu "Die Parade" von Dave Eggers

    Die Parade
    Ignovor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Eggers' Parabel über westliche Einmischung in Entwicklungsländer. Hochaktuell und gewohnt toll geschrieben. Ein Nachdenk-Anreger.
    Fast ohne Spannung spannend

    Vier und Neun kommen als Straßenbauer für einen großen Konzern in ein vom Bürgerkrieg zerstörtes Land. Sie sollen einen modernen Highway zwischen dem armen Süden und dem reichen Norden bauen. Während Vier das Geschäft kennt und so stoisch und regelkonform wie möglich die Arbeit verrichten will, gerät er zunehmend in Konflikt mit Neun, einem Lebemann, der gegen alle Konzernregeln möglichst viele Erfahrungen mit der fremden Kultur mitnehmen möchte. Als einer der beiden plötzlich schwer erkrankt, beginnt ihr Leben dramatische Wendungen zu nehmen und über allem schwebt die Frage, ob sie den Menschen wirklich helfen.

    Die Parade ist Dave Eggers’ neuester Roman. Er erschien 2020 bei Kiepenheuer & Witsch und umfasst 192 Seiten, die sich in 23 Kapitel gliedern. Die Parade ist als Parabel angelegt. Für mein Rezensionsexemplar bedanke ich mich bei KiWi und NetGalley.

    Die Parade war für mich so eine typische Zufallswiederentdeckung. Meine ersten Erfahrungen mit Dave Eggers hatte ich vor Jahren mit Der Circle gemacht, ich war rundum begeistert, hatte mir vorgenommen, insbesondere noch an seine ausgezeichneten Bücher zu gehen, das ging dann irgendwie vergessen (ihr kennt das). Dann wurde mir Die Parade zufällig auf NetGalley empfohlen und ich dachte mir, Eggers, da war doch was, bei KiWi, dann kann schon nichts schief gehen, fragste mal an. Und siehe da, alles richtig gemacht.

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    Cover des Buches Ostfriesenhölle9783596299287

    Bewertung zu "Ostfriesenhölle" von Klaus-Peter Wolf

    Ostfriesenhölle
    Ignovor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Schöner Ostfriesenkrimi. Politisch ein gutes Stück größer als gewohnt, aber gewohnt spannend und schön geschrieben.
    Dunkle Machenschaften der Rüstungsindustrie

    Auf Langeoog fällt der junge Cosmo Schnell bei einem Fahrradausflug mit seiner Mutter plötzlich vom Rad und stirbt. Die Mutter verdächtigt seinen Freund Marvin ihn vergiftet zu haben. Pikant daran, Marvin ist der Enkel des niedersächsischen Innenministers. Sie entführt ihn und wird wenig später tot aufgefunden. Weitere Menschen, die lose mit Cosmo und Marvin in Verbindung standen, sterben. Und plötzlich wird der Innenminister erpresst.

    Ostfriesenhölle ist der vierzehnte Band in Klaus-Peter Wolfs Reihe Ann Kathrin Klaasen. Der Ostfrieslandkrimi erschien 2020 bei S. Fischer und umfasst 528 Seiten.

    Der neuste Fall für Ann Kathrin Klaasen und die Kripo Aurich beginnt einigermaßen unspektakulär, steigert sich dann aber schnell. Auf den plötzlichen Tod Cosmos folgt eine Entführung, auf die Entführung der Tod von Cosmos Mutter und eine weitere Entführung. Während Frank Weller mit eingegipsten Armen nur bedingt einsatztauglich ist (was ihn allerdings nicht vom Dienst abhält), rennt die Kripo den Geschehnissen hinterher. Menschen werden vergiftet, Marvin ist verschwunden und ganz langsam entwickelt sich ein großes Ganzes.

    Ostfriesenhölle ist, was die Dimensionen des Falls angeht, ein gutes Stück größer, als man das bisher gewohnt war. Man könnte sagen, Wolfs neuster Klaasen-Band hat eine ungewohnt deutliche politische Dimension. Der Fall geht bis in die Landespolitik, Rüstungskonzerne und ihre schmutzigen Geschäfte spielen eine Hauptrolle. Wolf spinnt daraus ein Konstrukt, das in sich stimmig daher kommt und bestens in die Reihe passt – und wahrscheinlich nicht so ganz an der Realität vorbei geht.

    Die Figuren, auch die, die nur innerhalb dieses Bandes stattfinden, sind Wolf-typisch liebevoll ausgearbeitet und mit Tiefe versehen. In Ostfriesenhölle setzt sich fort, was sich in den letzten Werken angekündigt hat: Rupert bekommt mehr Fokus. War er anfangs eher sowas wie lästiger Beifang, avanciert er nicht erst durch seine Hauptrolle in den Kurzkrimis zu einer der zentralen Figuren in der Klaasen-Reihe. Da macht er sich grundsätzlich nicht schlecht, obwohl seine flapsigen Ansichten manchmal gerne deutlicher eingeordnet werden dürften. Ich frage mich beispielsweise, ob wirklich jeder mal eine Figur basteln muss, die den ›N-Wort-Witz‹ hinsichtlich Schokoküssen durchspielt. Der ist nicht witzig und die augenzwinkernde Einordnung, die dann meist durch eine andere Figur folgt, kann man sich im Prinzip auch gleich sparen – mit Augenzwinkern macht sie’s nicht besser.

    Nichtsdestotrotz ist Ostfriesenhölle wieder einmal eine gelungene Fortsetzung der Reihe. Der Fall ist spannend, die Figuren unterhaltsam und es gibt die gewohnte Flut an Lokalkolorit, die das Genre so sympathisch macht. Nachdem Wolf im dritten Teil des Sommerfeldt-Spin-offs für mich etwas geschwächelt hatte, befürchtete ich, dass sich das in der Klaasen-Reihe fortsetzen könnte. Ich stelle erfreut fest, dass dem nicht so ist. Ganz im Gegenteil, durch die Größe des Falles nimmt er in der Klaasen-Reihe eher die nächste Stufe. So darf es von meiner Warte aus gerne weitergehen.

    Auch mit dem nun vierzehnten Band schafft es Klaus-Peter Wolf immer noch, seine bekannteste Reihe zu steigern. Kleine Abzüge gibt es für die Sache mit Rupert. Für Fans ist der Krimi sicher Pflicht, Einsteiger stellt er grundsätzlich auch vor keine Probleme. Auch wenn die vorherigen Bände für die Rahmenhandlung hilfreich sind.

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    Cover des Buches Germany9783426307083

    Bewertung zu "Germany" von Don Winslow

    Germany
    Ignovor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Spannend, nah am Protagonisten, in entscheidenden Punkten mit entscheidenden Wendungen. Winslow kann das Genre einfach.
    Spannend, nah und mit gekonnten Wendungen

    Kim Sprague, die Frau von Frank Deckers schwerreichem Marines-Kamerad Charlie Sprague, verschwindet plötzlich. In seiner Not wendet sich Charlie an Frank, der sich auf die Suche begibt. Schnell führen Spuren in Kims Vergangenheit und Kreise der lokalen und internationalen Kriminalität. Schließlich landet Frank in Deutschland, wo sich die Lage zuspitzt.

    Germany ist der zweite Band in Don Winslows Reihe Frank Decker. Das Buch erschien 2016 bei Droemer Knaur und enthält 384 Seiten, die sich wie schon beim ersten Teil in zahlreiche sehr kurze Kapitel gliedern.

    Frank Decker ist nach der erfolgreichen Suche nach Hailey Hansen nicht in den Polizeidienst zurückgekehrt. Er wohnt nicht mehr bei seiner Frau, die Ehe befindet sich weiter in der Auflösung. Da erreicht ihn der verzweifelte Anruf seines alten Kampfkameraden Charlie Sprague. Seine Frau Kim ist verschwunden und Charlie befürchtet das Schlimmste. Frank verspricht, sie zu finden und macht sich auf die Suche. Er freundet sich mit der Polizistin Dolores Delgado an, die ihn bei der Suche unterstützt und dabei selbst über die Grauzone ihrer Befugnisse hinaus wandert.

    Im Gegensatz zum ersten Band widmet sich Germany immer wieder recht ausführlich Franks Vergangenheit beim Militär. Verbindungen ins Heute liegen da u.a. bei Charlie, der Frank einst das Leben rettete und sich selbst dabei nachhaltig verwundete, und Franks Zeit in Deutschland im Anschluss an seine Verwundung. Hier hat er versucht, seine Traumata zu heilen; gelungen ist ihm das nur im Ansatz. So holt ihn seine Vergangenheit wieder ein, als die Spuren eben nach Deutschland führen, und er muss feststellen, dass die Vergangenheit eben noch nicht ruht.

    Winslow schreibt die Geschichte wieder sehr nah an seinem Protagonisten. Der Erzählstil erinnert ein kleines bisschen an Sin City, ist also sehr persönlich. Das führt dazu, dass Frank nicht uneingeschränkt heldenhaft erscheint, was ein guter Mittelweg ist, weil seine negativen Seiten durchaus zum Tragen kommen. Eine Einordnung dieser Seiten erfolgt also implizit.

    Wie im ersten Band zeichnet Winslow auch in Germany keine geradlinige Storyline. Die Handlung nimmt immer wieder Abzweigungen, die sich auch mal als Sackgasse herausstellen. Insbesondere gegen Ende macht sie recht unvorhersehbare Schwenks. Das trägt erheblich zur Spannung des Buches bei und macht Winslow für ich auch zu einem so guten Erzähler in seinem Genre. Zusammen mit der sehr persönlichen Erzählweise ergibt sich eine Geschichte, die einen problemlos mitnimmt.

    Germany ist eine gelungene Fortsetzung der Reihe um Frank Decker. Spannend, nicht gradlinig und sehr nah am Protagonisten erzählt, ist das Buch ein toller Thriller.

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    Cover des Buches Missing New York9783426304280

    Bewertung zu "Missing New York" von Don Winslow

    Missing New York
    Ignovor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Spannend und nah. Frank Decker taucht in die Abgründe des Kinderhandels ein. Don Winslow in gewohnter Hochform.
    Flott, spannend und gut erzählt

    Die fünfjährige Hailey verschwindet spurlos beim Spielen im Vorgarten. Frank Decker und die Polizei ermitteln, finden aber keine Spur. Ein weiteres Mädchen verschwindet auf dem Schulweg. Sie wird wenig später tot aufgefunden, der Täter ermittelt und Haileys Verschwinden ebenfalls ihm angelastet. Case closed – doch nicht für Frank Decker. Er hängt seinen Job an den Nagel, setzt sich in sein Auto und beginnt eine einjährige Suche nach Hailey quer durch die Vereinigten Staaten. Eine heiße Spur führt ihn schließlich in die Upper Class von New York.

    Missing. New York ist der erste Teil in Don Winslows Reihe Frank Decker. Der Thriller erschien 2014 bei Droemer Knaur und umfasst 400 Seiten, die sich in zahlreiche sehr kurze Kapitel gliedern.

    Mit Frank Decker schafft Don Winslow erneut einen Protagonisten ganz in seinem Stil. Veteran, Ex-Spezialeinheit, ein bisschen kaputt, nicht immer 100% korrekt, letztendlich aber trotzdem mit dem Herz am rechten Fleck – und in seiner Berufung maximal engagiert. Seine Berufung, das zeigt sich schnell, sind Vermisstenfälle. Er ist gut darin, sie zu lösen, allerdings stößt sein Engagement an die Grenzen der ermittlungstechnischen Bürokratie. So ist es nur ein logischer Schritt, dass Decker Job und Pension bei der Polizei an den Nagel hängt und die Suche nach der kleinen Hailey auf eigene Faust fortsetzt. Sauber bleibt er dabei nicht immer, aber er setzt sich immerhin kritisch mit seinen Dämonen auseinander. Das ist ein Umgang, mit dem ich im Prinzip leben kann.

    Auch in anderer Hinsicht folgt Winslow seiner Linie, die man insbesondere aus der Art-Keller-Reihe kennt. Sein Stil ist schnell. Missing. New York erzählt er aus der Sicht von Frank Decker und setzt für die einzelnen Szenen nicht allzu viel Raum an. Trotzdem mangelt es nicht an notwendigen Details, um sich in die jeweilige Situation zu versetzen. Das Buch wirkt insgesamt etwas gehetzt, allerdings nicht ungewollt (also störend) gehetzt. Winslow fängt Deckers Gemütslage auf diese Weise gut ein und gibt sie passend wieder. Die Geschichte ist an vielen Stellen schnell und Deckers Naturell ist hinsichtlich der vermissten Hailey gehetzt, in Kombination mit der Erzählperspektive ist das also nur konsequent.

    Ebenfalls gut gelungen ist der Spannungsaufbau. Der Fall nimmt immer wieder mehr oder weniger unerwartete Wendungen und die genauen Zusammenhänge sind oft und lange nur rudimentär vorhersehbar. Neben Deckers Perspektive wechselt Winslow regelmäßig in die der vermissten Hailey. So vermittelt er einen kleinen Wissensvorsprung, der die Spannung zusätzlich steigert. Insgesamt bewegt sich Missing. New York permanent auf einem angenehmen Spannungslevel, das fühlt sich alles sehr ausgewogen an.

    Neben dem Kinderhandel, der Mafiastrukturen bis in die obersten gesellschaftlichen Ränge mit sich bringt, macht Winslow auch den gebrochenen Veteranen wieder zu seinem Thema. In der Reihe um Art Keller konnte man die Entwicklung dahin live verfolgen, für Frank Decker liegt sie in seiner Vergangenheit. Trotzdem wirkt sie natürlich weiter. Seine Zeit im Krieg lässt ihn nicht los, auch seine Ehe, der es zwar nicht an Liebe fehlt, scheitert letztendlich auch ein bisschen an seiner Vergangenheit. Decker ist ruhelos, das Erlebte holt ihn immer wieder ein. Und er wird damit relativ alleine gelassen.

    Missing. New York ist ein gelungener Start für Winslows Frank Decker. Durch die Erzählperspektive ist es nicht der typische Thriller, aber ein spannender. Mit den Figuren wird man schnell warm und die Geschichte ist, wie man es von Winslow kennt, gut ausgearbeitet und immer ein bisschen aktuell.

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    Cover des Buches Ein Leben ist zu wenig9783351036843

    Bewertung zu "Ein Leben ist zu wenig" von Gregor Gysi

    Ein Leben ist zu wenig
    Ignovor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Authentisch, schlagfertig und berührend Man muss nicht immer mit Gysi übereinstimmen, um ihn für einen großen Menschen zu halten.
    Großer Mensch, großes Buch

    Gregor Gysi hatte ein bemerkenswert turbulentes Leben. 1948 geboren erlebte er bewusst nahezu die komplette Geschichte der DDR, zog als SED-Prügelknabe schlechthin in die Politik der Bundesrepublik ein und hat heute geschafft, was wohl kaum Linke schaffen: Er gilt parteiübergreifend sowohl in Politik als auch Gesellschaft als respektierte, herausragende Figur. Bis dahin war es ein weiter, oft schmerzhafter Weg, auf dem er nicht einmal seinen typischen Humor verlor. Diesen Weg, die kleinen und die großen Schritte, erzählt er in seiner Autobiografie.

    Ein Leben ist zu wenig: Die Autobiographie erschien 2017 im Aufbau Verlag. Gregor Gysis Autobiografie umfasst 583 Seiten, die sich in 50 Kapitel gliedern.

    Mit Autobiografien ist es ja so eine Sache: Es gibt sehr viele und eine ganze Menge davon ziehen sich mehr so dahin. Die Grenze zwischen Anekdoten, die für Außenstehende tatsächlich interessant sind und solchen, die doch eher Seiten füllen, ist unpräzise. Und weil man als Autor eine besondere Beziehung zu dem Geschriebenen hat – es ist ja schließlich die eigene Geschichte, da wird man wohl am Besten wissen, was essenziell ist -, lässt man sich auch ungern reinreden. So verkommen viele Autobiografien zu etwas, was viel verspricht, am Ende aber doch nur echte Fans bei der Stange halten kann. Ein Grund, warum ich mit dem Genre nur in Ausnahmefällen zu tun habe.

    Um das gleich zu sagen, Gregor Gysi gerät auf knapp 600 Seiten nicht in die Gefahr, diese Grenze zum Uninteressanten zu überqueren. Das liegt auf der einen Seite daran, dass er ein wunderbarer Erzähler ist, auf der anderen an seinem Leben, das so ereignisreich war, dass er wohl auch problemlos die doppelte Anzahl Seiten hätte füllen können, ohne ins Belanglose abzudriften.

    Ein Leben ist zu wenig erzählt so auch nicht nur Anekdoten, Gysi erklärt sich und sein Handeln ausführlich. Ob es nun seine Zeit in als Rechtsanwalt in der DDR, in der ihm vor allem im Nachhinein oft zu große Nähe zur SED-Diktatur vorgeworfen wurde, oder die in der frisch vereinten BRD ist, er erklärt seine Positionen und wie er zu ihnen kam. Gysi sucht keine Ausreden, er begründet stichhaltig – ob das nun individuell immer auf Gegenliebe stößt oder nicht.

    So ist seine Autobiografie in gewissem Maße auch ein ganz persönliches, politisches Manifest. Gysi skizziert seine Ideale und Realvorstellungen linker Politik. Auch wenn ich mit denen nicht immer übereinstimme, sie sind stimmig und zeugen von einer sehr langen Zeitspanne, in der er sie entwickelt hat. Betrachtet man das linke Spektrum der Bundesrepublik heute, mit all den Grabenkämpfen und idealistischen Schlachtfeldern, ist Ein Leben ist zu wenig vielleicht aktueller denn je. Zu leicht verdrängen doch gerade wir Linken, dass Demokratie den Kompromiss voraussetzt. Was nicht heißen soll, dass man von Zeit zu Zeit seine Wertebasis über Bord werfen muss, aber Einzelheiten der idealistischsten Utopie muss man eben doch dem Kompromiss opfern, will man, dass die Utopie nicht für alle Zeiten eben eine solche bleibt. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre, die man aus Gysis Autobiografie ziehen kann.

    Sieht man einmal von dieser linken Komponente ab, die sich selbstverständlich durch das ganze Buch zieht, bekommt man ein herrlich geschriebenes, durchweg reflektiertes Werk. Gysis Leben ist in gewisser Weise auch ein historisches, denn es beinhaltet fast die gesamte Geschichte der DDR inkl. der Einheit und ihrer leider nach wie vor anhaltenden Nachwehen. Aus diesem Blickwinkel ist Ein Leben ist zu wenig fast noch interessanter, weil es vieles erklärt und Gysi ein Stück weit Versöhnungsarbeit leistet. Er klagt selten an, so kennt man ihn, sondern geht interessiert und mit offenen Augen durchs Leben und nimmt fast alles mit einer Prise beißendem Humor. Das mag ein Punkt sein, der ihn zu der lagerübergreifend respektierten Figur gemacht hat, die er heute ist.

    Wie ich eingangs sagte, es gibt nicht so viele Autobiografien, die ich vorbehaltlos weiterempfehlen würde; Ein Leben ist zu wenig schließt sich dieser Gruppe definitiv an. Unterhaltsam, informativ und mitreißend geschrieben, ist es ein Werk, das Gräben überwinden helfen kann, in jedem Fall aber sehr schön zu lesen ist.

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    Cover des Buches Leid und letzter Tag9782919802708

    Bewertung zu "Leid und letzter Tag" von Elias Haller

    Leid und letzter Tag
    Ignovor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Rasant von vorne bis hinten. Eine einzige Spannungsspitze. Leider setzt sich die Verwendung diskriminierender Sprache fort.
    Rasant, aber immer wieder dieses Aber ...

    Während auf dem Chemnitzer Marktplatz ein vermeintlich Verrückter, der nach eigener Aussage dazu gezwungen wird, der Kriminalpolizei einen Koffer zu übergeben, von der Polizei umstellt wird, findet Erik Donner im Schlafzimmer seiner fast schon aufgegebenen Wohnung eine übel zugerichtete Drogenabhängige, der ein Handy in die Bauchhöhle operiert wurde. Schnell steht fest, beide Vorgänge stehen in Zusammenhang und es gibt eine Verbindung in die Vergangenheit von Franz Donner, Eriks Vater: Der Spielmann ist wieder da und sein Spiel mit der Mordkommission hat bereits begonnen.

    Leid und letzter Tag ist der sechste Band in Elias Hallers Reihe um den ruppigen Kriminalhauptkommissar Erik Donner. Der Kriminalthriller erschien 2018 bei Edition M, einem Imprint von Amazon Publishing. Er umfasst 392 Seiten, die sich in 72 Kapitel gliedern.

    Erik Donners sechster Fall ist einmal mehr eine Reise in die Vergangenheit – diesmal in die seines Vaters Franz, dem pensionierten Leiter des K11. Vor vielen Jahren spielte der Spielmann sein perfides Spiel mit der Mordkommission, die konnte ihn unter Franz Donners Führung zwar festnehmen, trotzdem ließ ihn der Fall nie los. Er schien nicht endgültig aufgeklärt und so kehrt der Spielmann nun offenbar aus der Haft zurück und setzt sein Spiel fort.

    Wie schon in den bisherigen Bänden erzählt Elias Haller auch in Leid und letzter Tag die Handlung wieder aus Gegenwart und tiefer Vergangenheit. Die Stränge bewegen sich über das Buch aufeinander zu, allerdings wieder in einem Maße, das kaum vorzeitige Rückschlüsse auf die Gesamtzusammenhänge zulässt. Haller versteht es hervorragend, die endgültige Auflösung bis zum Ende hinaus zu zögern, auch wenn er im Vorfeld schon beträchtliche Informationen liefern muss – in diesem Fall beispielsweise die Identität des Spielmanns.

    Bemerkenswert ist auch die Spannungskurve, die im Prinzip gar keine Kurve, sondern eine recht beständige Gerade auf Spitzenniveau ist. Es gibt quasi keine Pausen, jede Spannungsspitze geht fast nahtlos in die nächste über – und das über das gesamte Buch hinweg. Insofern fiel es mir auch wirklich schwer, das Lesen zu unterbrechen.

    Wie schon im fünften Band tut es der Geschichte auch in Leid und letzter Tag wieder sehr gut, dass ein größerer Fokus auf der Rahmenhandlung der Reihe liegt. Man erfährt viel aus der Vergangenheit Franz Donners, ebenso bekommt Eriks und Annes Beziehung wieder viel Raum. Das große Ganze der Reihe beansprucht dadurch seinen verdienten Platz, die Figuren werden nahbarer.

    Leider muss ich auch in diesem Band wieder Hallers Verwendung von diskriminierender Sprache kritisieren und nachdem ich nun für mich am vorzeitigen Schluss der Reihe angekommen bin, sehe ich mich ein wenig in meiner damaligen Kritik an Tod und kein Erbarmen bestätigt. Übergreifend betrachtet liegt dieser Kritik ein Auf und Ab zugrunde. Im Falle von Leid und letzter Tag ist es wieder ein Ab. Ohne große Not reproduziert Haller das N-Wort – nur drei Mal und nur in einer Szene, aber da ist es nunmal. Es gibt eine implizite Einordnung, aber die ist leider einmal mehr allerhöchstens halbherzig. Mir will nicht in den Kopf, warum man nach all den Diskussionen, die in der Literaturcommunity gerade um dieses Wort geführt wurden – man denke nur an die Pippi-Langstrumpf-Reihe -, es im Jahre 2018 immer noch benutzen muss. Da geht mir leider sofort die Hutschnur.

    Ein weiteres wiederkehrendes Schlachtfeld betrifft den Lokalkolorit. Kritik am Ausblenden des rechten Grundrauschens im Erzgebirge hatte ich bereits bei anderen Bänden geübt, ich will sie hier auch nicht zu hoch hängen, weil sie in Tod und kein Erbarmen deutlich angebrachter ist. Aber zu dieser Kritik gehört auch, dass in Leid und letzter Tag zwar Ausschreitungen von Anhängern von Lok Leipzig eine Rolle spielen, tunlichst aber kein Wort darüber fällt, dass gerade im Fall der Anhängerschaft dieses Vereins durchaus eine politische Dimension nahe liegt. Lok gehört nunmal zu den Vereinen, deren Fanszenen auf der politischen Skala am rechten Rand dominiert sind. Das kann man ausblenden, in Regionalliteratur gehört das für mich aber halt zum Lokalkolorit und den darf man durchaus auch da, wo er unsympathisch ist, als solches benennen. Das hat etwas mit Haltung zu tun.

    Letzten Endes bin ich ein bisschen froh, mit der Reihe nun soweit durch zu sein. Ich mag Hallers Art, Charaktere auszuarbeiten, genauso die Komplexität seiner Fälle. Aber diskriminierende Sprache und die offensichtliche Rosinenpickerei beim Lokalkolorit trüben mein Leseerlebnis regelmäßig gewaltig. Wer darüber hinweg sehen kann – gemessen an den Bewertungen der Reihe ist das der überwiegende Teil der Lesenden – bekommt mit Leid und letzter Tag aber wieder einen rasanten Kriminalthriller, wohl den rasantesten der Reihe.

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    Cover des Buches Furcht und finsteres Herz9782919801121

    Bewertung zu "Furcht und finsteres Herz" von Elias Haller

    Furcht und finsteres Herz
    Ignovor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Wieder gut an der Nase herumgeführt worden. Spannend bis zum Schluss. Und mehr Tiefe für Donner und Kolka. Die Richtung gefällt mir.
    Ein Serienverstümmler geht um ...

    In Chemnitz wird eine pensionierte Richterin brutal verstümmelt. Ihr wird, wohl bei Bewusstsein, ein Auge entfernt. Die Umstände sind grausam, vor vielen Jahren verlor sie bereits die Sehfähigkeit auf ihrem anderen Auge durch einen Säureangriff. Schnell kocht die Stimmung hoch, ein fundamentalreligiöser Schwarzer Engel scheint es darauf abgesehen zu haben, bereits Behinderte zu verstümmeln.

    Furcht und finsteres Herz ist der fünfte Band in Elias Hallers Reihe Erik Donner. Das Buch erschien 2017 und wird seit 2018 bei Edition M, einem Imprint von Amazon Publishing, verlegt. Es umfasst 412 Seiten, die sich in 68 Kapitel gliedern.

    Kriminalhauptkommissar Erik Donner sitzt weiter auf der Kriminalpolizeilichen Erstkontaktstelle fest. Das hält ihn aber wie gewohnt nicht davon ab, sich einzumischen, als der grausame Fall der verstümmelten pensionierten Richterin seinen Lauf nimmt. Sehr zu seinem Missfallen wird er dabei auch noch von einem Fernsehteam begleitet, denn der neue Polizeipräsident, sein alter Studienfreund Calvin Magerhans, hat ihn beim zweifelhaften Format Deutschlands Super-Cop angemeldet. Eine Rolle, die ihm so überhaupt nicht stehen will. Als ob das nicht genug wäre, ist er auch noch auf dem besten Weg, seine Beziehung mit Annegret Kolka gegen die Wand zu fahren.

    Elias Haller gelingt mit Furcht und finsteres Herz erneut ein sehr verworrener Kriminalthriller. Der Sprung, den er in Sachen Undurchsichtigkeit der Handlung in Asche und alter Zorn gemacht hat, setzt sich fort. Auch diesmal ist der Ausgang des Falles wieder lange nicht vorherzusehen, einige Male führt Haller seine Lesenden aufs Glatteis.

    Neben der Haupthandlung legt Haller erneut viel Wert auf die Rahmenhandlung um Donners und Kolkas Privatleben. Donners Vergangenheit spielt ebenfalls wieder eine nennenswerte Rolle. Donner und Kolka werden dadurch weiter greifbarer, insbesondere Donners oft irrational erscheinendes Verhalten erklärbarer. Ein ums andere Mal fragt man sich, wie Donner nur mit kleinen Äußerungen seine Beziehung, die ihm so wichtig ist, leichtfertig aufs Spiel setzt.

    Bedingt durch die Hintergründe des Falles, die Haller gewohnt in Retrospektiven häppchenweise aufklärt, taucht Rassismus in Furcht und finsteres Herz auf. Kritisierte ich in der Vergangenheit Hallers Umgang mit diesem und diskriminierender Sprache, gelingt ihm der in Furcht und finsteres Herz besser. Rassismen und Diskriminierung werden durch die Handlung, in der sie stattfinden, implizit verurteilt. Auch die Figur mit rechtsextremer Vergangenheit in der Jugend ist im Erwachsenenalter nicht der typische, plakative Bekehrte, er hat nur die Gewalttätigkeit aufgegeben, in seiner Gesinnung hat kaum ein Wandel stattgefunden. Nach viel Kritik finde ich diesen Umgang löblich.

    Technisch schreibt Elias Haller gewohnt flüssig, der Thriller ist so konstruiert, dass die Spannung nur selten und dann auch nur kurz abreißt. Wie gewohnt nimmt er seine Leserschaft bis nahe an den Abgrund mit, so fällt es nicht schwer, sich in das jeweilige Geschehen hinein zu versetzen. Darüber, dass es am Abgrund zur Sache geht – Haller macht gewohnt auch keinen Halt vor der Beschreibung von Verstümmelungsszenen -, sollte man sich wieder im Klaren sein. Ein gewisses Maß an Fell sollte man für die expliziten Szenen haben.

    Zusammenfassend ist Elias Haller mit Furcht und finsteres Herz erneut ein spannender, abgründiger Kriminalthriller gelungen, der an die technischen Fortschritte, die Haller mit dem vorangegangenen Band gemacht hat, anknüpft. Eine gelungene Fortsetzung der Reihe um Erik Donner.

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    Cover des Buches Asche und alter Zorn9782919801107

    Bewertung zu "Asche und alter Zorn" von Elias Haller

    Asche und alter Zorn
    Ignovor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Bis dahin für mich der beste Donner. Falsche Fährten bis zum Ende. Spannend, abgründig und wirklich gut ausgearbeitet.
    Für mich bis dahin der rundeste Teil

    Chemnitz. Unter den Teufelsbrücken wird eine übel zugerichtete Frauenleiche gefunden. Pikant daran: Es ergeben sich Parallelen zu einem recht erfolglosen Kinofilm eines lokalen Drehbuchautors. Viel Zeit vergeht nicht, da taucht die nächste Leiche auf. Der Autor gerät ins Visier der Mordkommission – und schon bald Mitglieder der Mordkommission in das des Serienmörders.

    Asche und alter Zorn ist der vierte Band in Elias Hallers Reihe Erik Donner. Das Buch erschien 2016 im Selbstverlag und wird seit 2018 bei Edition M, einem Imprint von Amazon Publishing verlegt. Es umfasst 400 Seiten, die sich 71 Kapitel gliedern.

    Asche und alter Zorn beginnt mit einer Retrospektive, die zunächst nicht einzuordnen ist. Haller hat sich dieser Vorgehensweise schon öfter bedient, auch in seinem vierten Band gibt es wieder Handlungsstränge in Gegenwart und Vergangenheit, die sich im Laufe des Buches aufeinander zu bewegen. Diesmal gelingt es ihm aus meiner Sicht am bisher besten, seine Lesenden dabei auf falsche Fährten zu führen. Die Kernhandlung wird geschickt erst ganz am Ende des Buches aufgelöst.

    Auch sonst ist Asche und alter Zorn bis dahin für mich der gelungenste Band der Reihe. Die Kritikpunkte, die ich bisher hatte, hat Haller diesmal weitestgehend vermieden. Die Story ist rund, die Figuren bekommen viel Raum und insbesondere Erik Donner und Annegret Kolka bekommen ein gutes Stück mehr Tiefe. Die Rahmenhandlung um die Beziehung der beiden hat sehr viel Raum, so dass man beiden ein guten Stück näher kommt.

    Zartbesaitet sollte man für Erik Donner nicht sein, das setzt sich auch in Asche und alter Zorn fort. Elias Haller schreibt an Schlüsselstellen immer wieder sehr explizit, das muss man aushalten können. Ansonsten wird man aber wohl kaum bis zu diesem vierten Teil gekommen sein.

    Bisher vermied Haller es, Kernfiguren, die buchübergreifend eine größere Rolle spielten, umbringen zu lassen. Das hat sich mit Asche und alter Zorn geändert. Mit diesem Stilmittel konnte ich mich noch nie so ganz anfreunden, darum würde ich da Abzüge geben, wenn das nicht Geschmackssache wäre. Problematisch wird das für mich besonders, wenn die Figuren Löcher hinterlassen, die die restlichen oder neue Figuren nicht auffüllen. Ob das passieren wird, wird sich in den nachfolgenden Bänden zeigen.

    Alles in allem ist Asche und alter Zorn der für mich bisher gelungenste Teil der Reihe um Erik Donner. Ein spannender, erneut abgründiger Kriminalthriller, der der Reihe auch in der Rahmenhandlung langsam Tiefe verleiht. Für Freunde blutigerer Literatur und ruppiger Figuren sicher eine Empfehlung.

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