KateRapp

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Rezensionen und Bewertungen

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    Cover des Buches Gefährliches Landleben (ISBN: 9783442053933)

    Bewertung zu "Gefährliches Landleben" von Margery Allingham

    Gefährliches Landleben
    KateRappvor 19 Stunden
    Ein genialer und witziger Cosy-Crime!

    Margery Allingham (1904 -1966) war wirklich eine Meisterin ihres Fachs.

    Sie ist origineller als Agatha Christie und schreibt mit spitzerer Feder als Dorothy L. Sayers. Ihr Stil ist unterhaltsam aber anspruchsvoll und sind die Plots auch nicht immer rasant oder CSI-lastig (wer erwartet denn das auch bei Cosy-Crime) so kommt doch niemals Langeweile auf.


    Ihr Privatdetektiv Albert Campion ist ein verstoßener Adelssproß mit einem Hang zu abschweifender Rede, Sarkasmus und eine gehörigen Portion Selbstironie. Er ist schmächtig, trägt eine dicke Brille und erweckt trotz seines Scharfsinns gern den Eindruck, abwesend und verträumt zu sein. Er spielt den Trottel, verbirgt sich hinter verrückten Maskeraden und benutzt verschiedene Decknamen. Damit ist er der erste Anti-Held im Detektivroman! 


    In diesem Fall hat er es mit dem Schutz eines amerikanischen Richters zu tun, der von einer undurchsichtigen Bande Krimineller bis in den entlegensten Winkel Englands gejagt wird. Aufgrund seiner Vorgeschichte kann Campion auf eine Reihe skurriler Figuren aus dem  zwielichtigen Milieu zurückgreifen und es entwickelt sich ein komplexes Katz und Maus Spiel, in dem zu meiner großen Freude auch ein Koffer voller Kinderbücher eine tragende Rolle spielt!!

    Dass Margaret Allingham heute kaum noch jemand auf dem Schirm hat, ist mir vollkommen unverständlich. Sie war eine der großen der Queen of Crimes des Golden Age der Kriminalliteratur, eine Zeitgenössin von Agatha Christie und Josephine Tey und Dorothy L. Sayers.

    Ihre Albert Campion Romane wurden von Goldmann zu Beginn der 2000er neu aufgelegt, jetzt gibt es diese allerdings nur noch antiquarisch auf deutsch, nicht mal als E-Book sind sie zu haben. Und das ist wirklich eine Schande!!

    Margery Allingham, eine zu unrecht vergessene Autorin, war für mich eine überraschende und wunderbare Entdeckung und ich möchte sie jedem Fan von Cosima-Crime und britischem Humor wärmstens empfehlen!



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    Cover des Buches Normale Menschen (ISBN: 9783630875422)

    Bewertung zu "Normale Menschen" von Sally Rooney

    Normale Menschen
    KateRappvor 3 Tagen
    Die Macht (in) der Liebe

    Sally Rooneys neues Buch ist eine ziemlich ungewöhnliche Liebesgeschichte. Anhand der Beziehung von Marianne und Connell wird die Unmöglichkeit durchexerziert, einen anderen Menschen wirklich und wahrhaftig zu kennen, zu begreifen und zu verstehen. Gleichzeitig wird die Frage verhandelt, wie Gewalterfahrungen in der Kindheit  Menschen und ihre Art zu lieben verändern und aufgezeigt, wie komplex alle Formen von sozialer Interaktion, von Liebesbeziehungen ganz zu schweigen, sind.


    Marianne kommt aus einer wohlhabenden, wenngleich zerrütteten Familie, wohingegen Connell Sohn ihrer alleinerziehenden Putzfrau ist. Sie besuchen dieselbe Schule und ihre sich entspinnende Beziehung verheimlicht Connell, der sportlich und beliebt ist, da er sich für Marianne schämt. Hier wird bereits das Muster deutlich, das sich durch den gesamten Roman zieht: Connell hat die Macht über Marianne und ihre Beziehung, letztendlich unterwirft er sich aber der sozialen Kontrolle der Gesellschaft, d.h. seiner Peer-Group aus Mitschülern und versteckt Marianne. Die Gewissensbisse ignoriert er gekonnt.

    Später an der Uni verändert sich die Situation, Marianne ist beliebt, Connell hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden und obwohl sie keine feste Beziehung führen, sehen sie sich immer wieder, fühlen sich zueinander hingezogen durch ein magnetisches Gefühl, dass sie abwechselnd als Liebe erkennen. Dabei entwickeln sie sich weiter voneinander weg, Connell sucht beständige, gute Beziehungen, Marianne geht einige gewalttätige Verbindungen ein. Aufgrund schlechter Kommunikation kommt es zu Missverständnissen zwischen Connell und Marianne, die sich nachhaltig auf ihre Leben und ihre Entscheidungen auswirken.


    „In der Schule hatten die Jungs versucht, sie mit Grausamkeit und Verachtung zu brechen, und an der Uni hatten die Männer es mit Sex und Popularität versucht, alle mit demselben Ziel, etwas Starkes in ihrer Persönlichkeit zu unterwerfen.“


    Sally Rooney schafft es, die Verwirrung und die Unsicherheit junger Menschen zu beschreiben, die sich selbst und andere kennenlernen und sich immer wieder in neuen sozialen Umfeldern zurecht finden müssen. Es wird deutlich, dass Machtkämpfe allgegenwärtig in Gruppen und Beziehungen stattfinden, sei es in Form von Gruppenhierarchie, Beliebtheit, zwischenmenschlicher Nähe, Gewalt, Demütigung oder persönlicher Abwertung.


    Das Bestreben, „normal“ zu sein, das heißt an die jeweilige Gruppe angepasst, wird erkannt als die Triebfeder von Mobbing und Duldung, führt zur Gratwanderung zwischen Dominanz und Unterwerfung. Sich dadurch nicht als Opfer oder auch als Täter korrumpieren zu lassen, eine bewusste, „positive“ Dominanz auszuüben (Connell) oder anderen trotz Minderwertigkeitsgefühl helfen zu können (Marianne), zeigt in diesem ungewöhnlich psychologischen Roman die gelungene Entwicklung der Protagonisten und ist ein kleiner Sieg des Happy Ends.




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    Cover des Buches Krokodilwächter (ISBN: 9783257244809)

    Bewertung zu "Krokodilwächter" von Katrine Engberg

    Krokodilwächter
    KateRappvor 7 Tagen
    Ein tolles neues Ermittlerduo in spannendem und komplexem Kriminalfall

    „Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnenweben zu flechten.“ Das sagt die Protagonistin Esther de Laurenti, Krimiautorin und eremitierte Professorin, in dem Roman von Katrine Engberg. Doch tatsächlich ist es dieser Autorin wunderbar gelungen!


    So einen intelligenten Krimi mit komplexen Handlungssträngen, interessanten, präzise beschriebenen Figuren und einem Buch im Buch habe ich schon lange nicht mehr gelesen.

    Der Romanentwurf zu einem Thriller, der den Mord an einer jungen Frau beschreibt, spielt darin eine wesentliche Rolle, scheint der fiktive Mord doch genau kopiert worden zu sein. Dass er zudem auch noch im Haus der Autorin an deren junger Nachbarin ausgeführt wird, macht die Ermittlungen für Jeppe Körner und seine Kollegin Annette Werner umso verwirrender, je weiter die Recherchen voranschreiten. Jeppe wird belächelt, da er in einer Schreibgruppe nachzuforschen beginnt, aber auch der aufbrausende Vater der jungen Frau, ihre Freundin und ein großer Unbekannter geraten in sein Visier.


    Völlig ungewohnt und angenehm überraschend ist die Tatsache, dass der geschiedene Kriminalassistent Jeppe kein gebrochener, trinkender Macho ist sondern ein empfindsamer, desillusionierter Mann, der Atemübungen gegen seine Depression macht und an psychosomatischen Rückenschmerzen leidet. Leichtigkeit dagegen strahlt seine leicht übergewichtige, langzeitverheiratete und dauerglückliche Kollegin Annette aus. Ein wirklich innovatives Ermittlerpaar!


    Besonders gefallen haben mir die schnörkellose aber gewitzt beschreibende Sprache der Autorin, die Perspektivwechsel und die nachvollziehbare Entwicklung ihrer Figuren. Familiengeheimnisse werden aufgedeckt und ungesunde Allianzen. Männliche Egos kollidieren mit eifersüchtigen Vätern, Verlust, Schuld, gescheiterte Beziehungen und unerfüllte Liebe durchziehen den Roman mit einem desillusionierten Unterton.

    Obwohl der Spannungsbogen zeitweise ein wenig zu schleifen droht, reißt der Show-Down alles wieder raus.


    Dieser Roman ist der erste dieser Reihe und ich freue mich schon auf die nächsten. Eine echte Leseempfehlung für alle, die Krimis lieben, die nicht unbedingt nach Schema-F gestrickt sind!

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    Cover des Buches Jane Austen - Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt (ISBN: 9783421047694)

    Bewertung zu "Jane Austen - Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt" von Holly Ivins

    Jane Austen - Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt
    KateRappvor 10 Tagen
    Kurzmeinung: Schöne kleine Hardcover-Sonderausgabe
    Kleines Schatzkästchen für Austen-Fans und alle, die es werden wollen

    Dieses kleine, feine Buch ist ein Muss für alle Jane-Austen-Fans und diejenigen die im Begriff sind, es zu werden. Denn wir lernen nicht nur mehr über ihr Leben sondern bekommen auch Hintergrundinformationen und Querverweise auf ihre Bücher geliefert, die immer wieder zu neuen Einsichten führen.


    Ich war beispielsweise überrascht davon dass Jane, die zahlreiche Heldinnen mit vielen Schwestern, Freundinnen und Bekannten ausstattet und sehr weibliche Universen erschafft, selber mit sechs Brüdern aufwuchs. Sie war offenbar schon als Kind sehr sprachbegabt, las früh und beherrschte nicht nur das Englische sondern auch die „Fingersprache“ perfekt - offenbar war einer ihrer Brüder taub.


    Neben Details aus ihrem Leben werden aber auch die Zeitgeschichte und vor allem die Etikette der Regency-Zeit erläutert. Wir erhalten Hinweise, wie Jane Austens Heldinnen Emma Woodhouse, Catherine Moreland oder Elizabeth Bennett die Benimmregeln ignorieren und dadurch erst zu charakterstarken, unkonventionellen Persönlichkeiten werden.


    Die Orte, an denen Jane Austen lebte, werden kurz vorgestellt und es erstaunte mich tatsächlich sehr, dass Jane die Stadt Bath, die mit einem eigenen Museum prunkt und sich viel auf ihren Aufenthalt dort zugute hält, gar nicht mochte und fluchtartig nach dem Tod ihres Vaters verließ.


    Daneben bekommen wir Einblicke in ihre Arbeit, lernen Autorinnen (!) kennen, die sie inspirierten und ihre spöttische Einstellung gegenüber Liebesromanen und Gothic Novels. 

    Für die Neulinge unter ihren Leserinnen oder diejenigen, die bei all den Verwicklungen, die einzelnen Romane nur schwer auseinanderhalten können, werden gelungene Kurzzusammenfassungen ihrer Werke mit Vorstellung der wichtigsten Protagonistinnen geliefert.


    Und natürlich fehlt nicht eine Liste moderner Spin-offs und Verfilmungen, die, da diese Romane immer wieder und immer aufs Neue andere Schriftstellerinnen und Drehbuchschreiberinnen inspirieren, niemals vollständig sein kann. Zumal dieses Buch erstmals 2010 erschien und in den letzten zehn Jahren noch einiges dazugekommen ist.


    Der Schreibstil dieses unterhaltsamen und lesenswerten Büchleins ist glücklicherweise weder jubelnd-schwärmerisch noch versucht er, Jane Austen mit spritzig-ironischen Formulierungen zu kopieren. Er biedert sich nicht an, bleibt sachlich und präzise. Das kann womöglich der einen oder anderen Bewunderin als zu nüchtern erscheinen, wenn man Jane Austen als Literatin aber ernst nimmt, ist diese Literaturwissenschaftliche Herangehensweise aber die einzige, die ihr gerecht werden kann.


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    Cover des Buches American Spy (ISBN: 9783608504644)

    Bewertung zu "American Spy" von Lauren Wilkinson

    American Spy
    KateRappvor 11 Tagen
    Spannende Familiengeschichte im kalten Krieg in Afrika - weniger ein packender Thriller

    Eine schwarze Spionin im kalten Krieg, davon hatte ich noch nie gehört. Und obwohl dies ein fiktiver Roman ist, orientiert er sich an der wahren Geschichte der Spionin Sharon Scrange, die in den Achtziger Jahren als Stenotypistin für die CIA in Ghana arbeitete. Sie wurde Opfer einer „Honigfalle“, das heißt ihr Freund war nur eine Beziehung mit ihr eingegangen, um ihr Informationen für den Ghanaischen Geheimdienst zu entlocken.

    In diesem Roman wird Marie Mitchell als Spionin ihrerseits auf den Staatschef von Burkina Faso angesetzt, um IHN in eine Honigfalle zu locken. 


    Obwohl dieser Thriller immer wieder John le Carré beschwört, ist er doch vollkommen anders. Er hat die Form eines an ihre Söhne gerichteten Tagebuchs, in dem Marie ihnen ihre Vorgeschichte beichtet und sie ihnen als Vermächtnis hinterlässt, bevor sie zu einem letzten großen Rache-Trip aufbricht.

    Die Handlung spielt auf drei verschiedenen Zeitebenen und ist meines Erachtens nicht nur die eines Spionageromans, sondern auch eine Familiengeschichte. Sie schildert das schwierige Mutter/Tochter Verhältnis genauso wie eine enge Schwesternbeziehung. 

    Marie ist überhaupt erst zum Geheimdienst gegangen, weil es der Traum ihrer geliebten älteren Schwester war, die bei einem ungeklärten Unfall ums Leben kam. Marie hat nun als eine der wenigen Schwarzen beim FBI mit rassistischen und sexistischen Vorurteilen zu kämpfen und wird zunächst aufs Abstellgleis geschoben. Als dann das etwas zwielichtige Angebot kommt, den charismatischen Führer Burkina Fasos auszuspionieren, nimmt sie ohne zu zögern an, obwohl ihr bewusst ist, dass ihre Chefs nicht mit offenen Karten spielen. Dieser Auftrag verändert ihr Leben für immer.


    Das Buch ist extrem gut recherchiert und verarbeitet die historischen Ereignisse auf dem afrikanischen Kontinent während des kalten Krieges, das Ringen der amerikanischen und russischen Regierungen um Einfluss in der afrikanischen Politik und die grausamen Vergehen der unterschiedlichen Milizen, die auch vor Massakern nicht zurückschrecken. Dass afrikanische Menschen nichts als Schachfiguren im Spiel um die politische Vorherrschaft sind, wird in Einzelschicksalen erschreckend deutlich. Marie, die sich auf der richtigen Seite wähnt, kommen an den Methoden ihrer Landsleute nach und nach Zweifel und auch als Leserin kann man über die Skrupellosigkeit der Geheimdienste nur staunen.


    Allerdings verliert der Roman durch diese kenntnisreiche Darstellung der Verhältnisse immer wieder deutlich an Tempo und auch Show-Down und letzte Flucht werden durch erzählerische Einsprengsel retardiert. So ist es weniger ein packender Page-Turner als ein unterhaltsam und gut geschriebenes Lehrstück, nicht nur über den kalten Krieg, sondern auch über institutionellen Rassismus, die Paranoia der Regierungsorganisationen und die Bespitzelung und Ermordung unliebsamer Bürgerrechtsaktivisten sowie Unterstützer der Black Panther Bewegung im Amerika der Achtziger Jahre.



    Übersetzt von Jenny Merling, Tropen Verlag, 2020


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    Cover des Buches Die Wahnsinnige (ISBN: 9783832181277)

    Bewertung zu "Die Wahnsinnige" von Alexa Hennig von Lange

    Die Wahnsinnige
    KateRappvor 12 Tagen
    Modern geschilderter aber leicht melodramatisch unterlegter historischer Skandal

    Eine junge Frau, die sich nach einem selbstbestimmten Leben und erfüllter körperlicher Liebe sehnt, die sich nicht alles gefallen lässt und von einer friedlichen Zukunft für ihr Land träumt, so zeichnet Alexa Hennig von Lange Johanna die Wahnsinnige. Sie ist die Tochter von Isabella der Katholischen und Frau von Philipp dem Schönen, Beinamen, die ebenso klangvoll wie bedeutungsschwer sind, lässt ihre Mutter doch jeden Kritiker als Ketzer verbrennen, und ihr Gatte ist eine Lebemann und notorischer Fremdgeher. 


    Wir lernen Johanna kennen, als sie von ihrer Mutter in der Festung La Mota nach der Geburt ihres Sohnes Ferdinand festgehalten wird, während Philipp in Flandern weilt. Sie ist durch zahlreiche Todesfälle in der Erbfolge unvermutet Kronprinzessin und Nachfolgerin ihrer Mutter auf dem Thron von „Kastilien und León und Aragón und den westindischen Inseln und des Festlandes am Ozean“. Durch die frühe Heirat mit sechzehn Jahren und die Geburt von vier Kindern wurde die eigene Entwicklung unmöglich, jegliche andere Lebenserfahrung verwehrt. 

    Sie leidet an Stimmungsschwankungen, ist ihrer Rolle, ihrer selbst nicht sicher. Sie bricht in Gelächter aus angesichts der Ängstlichkeit ihrer Dienerschaft, bekommt Wutanfälle, weil sie die Burg nicht verlassen darf, klettert auf die Zinnen, wirft mit Gegenständen. Sie lehnt es ab, ihren Sohn zu halten, aus Angst durch ihre Mutterliebe erpressbar zu werden. Sie legt sich auf den Dielenboden und flüstert in die Ritzen hinein, um ihrem Mann im Schlafzimmer darunter näher zu sein. Ihre Handlungen sprechen die Sprache großer Empfindsamkeit und Leidenschaft, die fälschlich und strategisch als Wahninn missdeutet wird. Sie signalisieren, dass Johanna nicht bereit ist, sich an Regeln zu halten und damit wird sie zur unberechenbaren Gefahr für sich selbst. Die Regierungsfähigkeit wird ihr sowohl von der Mutter, als auch vom Ehemann und später auch vom Sohn abgesprochen.In einer Atmosphäre, die geprägt ist von Bigotterie, Verleumdung Andersdenkender und übler Nachrede, wird sie nach dem Tod Isabellas in ihrer emotionalen Labilität zum Spielball der machthungrigen Männer.


    Alexa Hennig von Lange entdeckt in dieser historischen Figur moderne Ideen und Emanzipationsbestrebungen und formuliert zeitgemäß, wenn ihr Mann „mit irgendwelchen Fräulein zugange“ ist, sie seinen Ring wegwirft: „Pech gehabt“. Die ausführlich geschilderten Sexszenen lassen in dem atmosphärischen, historischen Kontext einen Hauch „Game of Thrones“ aufkommen, und wenn gleichzeitig auf den Wandteppichen im Bad mit der Arche Noah der Untergang der Natur beschworen wird, dräuen Klimawandel und Weltkriege. „Das Böse war aus der Welt nicht zu beseitigen. Noch immer löschten sich die Menschen aus Mangel an Liebe gegenseitig aus.“ 


    Im Raum steht die Frage, ob es nicht verständlich ist, wenn frau angesichts dieser Welt nicht nur verzweifelt, sondern wahnsinnig wird. Leider zieht sich ein melodramatischer Unterton verschmähter Liebe und frustrierter Weltverbesserin durch das ganze Buch und raubt, für mein Empfinden, dieser beispiellosen Frauen-Unterdrückungs-Geschichte, diesem einmaligen historischen Skandal, seine Wucht.



    Dumont, 2020

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    Cover des Buches Der Garten meiner Mutter (ISBN: 9783630876320)

    Bewertung zu "Der Garten meiner Mutter" von Anuradha Roy

    Der Garten meiner Mutter
    KateRappvor 21 Tagen
    Indische Emanzipationsgeschichte

    Anuradha Roy ist eine großartige Erzählerin! Bereits auf den ersten Seiten hat sie mich mit ihrem bildreichen Stil für ihren Roman gewonnen. Es ist eine Familiengeschichte, rückblickend erzählt von dem alten Myshkin. Er wuchs in einer bürgerlichen Familie im Indien der Dreißiger Jahre auf, sein Großvater ein Arzt, sein Vater College-Professor und seine Mutter Gayatri nach arrangierter Ehe äußerst unzufrieden.


    Es ist die Zeit der großen Umbrüche, des gewaltlosen Widerstandes Gandhis, der Unabhängigkeitsbewegung Indiens, der Emanzipation von der kolonialen Abhängigkeit von England. In wunderschönen Bildern schildert Roy, wie der junge Myshkin nicht nur die politischen Veränderungen sondern auch die zunehmende Unzufriedenheit und Streitbarkeit seiner Mutter wahrnimmt. Wie er den Einfluss des Deutschen Malers Walter Spieß und seiner Begleiterin, der Tänzerin Beryl de Zoete zunächst nicht als bedrohlich empfindet. Doch dann ist er vollkommen davon überrascht, dass seine Mutter ihn und seinen Vater verlässt als er neun Jahre alt ist, um mit dem Künstler nach Bali zu gehen. 


    Mich hat der Roman nicht nur wegen seiner wunderschönen Sprache begeistert sondern auch, weil hier zwei große Emanzipationsgeschichten miteinander verschränkt werden und parallel ablaufen: die von Gayatri und die des Landes Indien. Myshkins Vater, der die Unabhängigkeitsbewegung begeistert unterstützt, bemerkt gar nicht, dass, was er über das Land sagt, ebenso sehr auf seine Frau zutrifft. Seine Uneinsichtigkeit führt dazu, dass er sie, wie auch England seine Kolonie- verliert.


    Die ersten beiden Drittel des Buches handeln daher überwiegend von der Einsamkeit und der Leerstelle, die seine Mutter Gayatri bei Myshkin hinterlässt. Im letzten Drittel dagegen kommt sie selbst zu Wort, in Briefen, die sie an ihre Freundin Lis nach Hause schreibt. Sie spiegeln die weibliche Perspektive, ihre Träume, Wünsche und widerstreitenden Gefühle wider. Dabei nehmen sie immer wieder Bezug auf Walter Spieß, kreisen um sein Leben auf Bali, seine Kunstwerke, sein Museum. So tritt die Figur der Gayatri immer wieder hinter der des historischen Malers zurück und bleibt weiterhin nicht wirklich greifbar, weder für ihren Sohn Myshkin, der diese Briefe erst als alter Mann liest, noch für uns Leserinnen. Ich hatte, ehrlich gesagt, ein wenig mehr und detaillierter beschriebenes weibliches Erleben der indischen Frauenrolle in diesem Roman erwartet.


    Dennoch ist es ein empfehlenswertes Buch und eine Hommage an die indische Kunst, den Tanz, die Kultur. Ich hoffe sehr, dass auch noch weitere Werke dieser talentierten, mit zahlreichen Preisen geehrten Autorin übersetzt werden!

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    Cover des Buches Untertauchen (ISBN: 9783442717804)

    Bewertung zu "Untertauchen" von Daisy Johnson

    Untertauchen
    KateRappvor 21 Tagen
    Kurzmeinung: Grandios!
    Sehr originelle und moderne Version einer griechischen Tragödie

    So ein wunderschöner, fantastisch erzählter, spannender Roman! Toll formuliert, fantasievoll und komplex konstruiert, was dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch tut.


    In drei zeitversetzten Erzählsträngen lernen wir Gretel kennen, die als Sechzehnjährige von ihrer Mutter Sarah verlassen wurde und seit sechzehn Jahren mehr oder weniger auf der Suche nach ihr ist. Als sie sie findet, bringt sie sie in ihr Cottage. Der erste, im Präsens gehaltene Erzählstrang bezieht sich auf diese letzten Tagen des Zusammenlebens, der täglich wechselnden Ansprechbarkeit der Mutter, der bei fortschreitender Alzheimererkrankung zunehmend die Worte abhanden kommen. Gretel hofft trotzdem, in ihren lichten Momenten Aufklärung darüber zu erhalten, was damals geschah, warum ihre Mutter ging, da sie selbst keine Erinnerung mehr daran hat.


    Die Kapitel springen zurück in die Zeit von Gretels Suche, hier „Jagd“ genannt, was sich, wie wir später lernen, nicht auf die Mutter, sondern auf etwas ganz anderes bezieht. Dabei trifft sie auf die unterschiedlichen Protagonisten eines Dramas, das sich nun nach und nach vor unseren Augen abzuspielen beginnt. Immer wieder poppen, wie bunte Bojen, auch Erinnerungen an ihre Kindheit auf, die Gretel sehr symbiotisch mit ihrer Mutter auf einem Hausboot verlebt hat. Sarah und sie entwickelten sogar eine eigene Sprache, benutzten lautmalerisch, spielerisch selbst kreierte Wörter, was Gretels lebenslange Beschäftigung mit Worten begründet.

    Der dritte Erzählstrang begleitet den jugendlichen Ausreißer Marcus, der einmal Margot war, bis er am Fluss auf Gretel und ihre Mutter trifft, und später verschwindet.


    In dieser modernen Variante einer griechischen Tragödie werden sprachmächtig und originell zahlreiche Themen zu einem bunt schillernden Gewebe verknüpft. Es geht nicht nur um die besondere Mutter/Tochterbeziehung, sondern auch um die verbindende und trennende Kraft der Sprache und was ihr Verlust bedeutet. Furcht schwappt wie das Flusswasser in alle Lebensbereiche hinein, Urängste und Depressionen manifestieren sich als Angst vor dem Tod, vor dem Kanaldieb, dem Wasserdrachen, dem „Bonak“.


    Da die alten Griechen in ihrer Mythologie immer wieder Cross-Dressing und Gender-switch bemühten, hat hier unter anderem auch die wunderbare Figur der Trans-Frau Fiona ihren Auftritt. Sie besitzt, wie der alte Teiresias, das zweite Gesicht und löst das ganze Drama überhaupt erst aus, weil sie leider ihren Mund nicht halten kann.


    Der Roman hat mich von der ersten Seite an begeistert, sodass ich ihn kaum aus der Hand legen konnte. Diese erzählerische Intensität und ein Rhythmus, zum niederknien! 

    Dass Daisy Johnson damit als bisher jüngste Autorin auf die Shortlist des Man Booker Prize kam, ist äußerst verdient und hat mich kein bisschen überrascht.

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    Cover des Buches Todesblues (ISBN: 9783257232639)

    Bewertung zu "Todesblues" von Valerie Wilson Wesley

    Todesblues
    KateRappvor einem Monat
    Schwarze Detektivin ermittelt

    Ein authentischer Krimi im schwarzen Milieu von Newark, dem heruntergekommenen Vorort New Yorks.

    Tamara Hayle , ehemalige Polizistin, aufgrund von Rassismus und Sexismus freiwillig aus dem Dienst ausgeschieden, betreibt ein kleines Detektivbüro. Sie kann sich und ihren Sohn, den sie nach Scheidung nun allein großzieht, damit gerade so über Wasser halten.


    Dieser Fall ist der dritte, den Valerie Wilson Wesley auf einnehmende und sehr authentische Art beschreibt. Ein junger Schwarzer wird in seiner Wohnung erschossen und nur fünf Monate später legt die Polizei den Fall zu den Akten. Nun steht die Mutter des jungen Mannes bei Tamara Hayle im Büro, knallt ihr gesamtes Sparguthaben auf den Tisch und fordert sie auf, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

    Das ist leichter gesagt, als getan, denn Tamara ist familiär selber in den Fall verwickelt. Sie macht sich jedoch voller Elan an die Ermittlungen, besucht Nagelstudio, Ex-Polizisten und reich gewordene Schwarze der Community. Sie forscht in alten und neuen Fällen und entwirrt die Verstrickungen der komplizierten, stets ambivalenten Biografien der schwarzen Bewohner ihres Viertels, die irgendwo zwischen Rassismus, Drogen, Polizeisympathisantentum und Verrat, ums Überleben oder den Aufstieg aus dem unterprivilegierten Milieu ins schwarze Bürgertum kämpfen. 


    Mit unterhaltsamen Dialogen in teils sehr kräftiger Sprache überzeugt Wilson Wesley mit einem Plot, der zwar nicht gerade raffiniert und CSI-lastig daherkommt, die Gratwanderung zwischen den Welten der Weißen und Schwarzen und Tamaras Ängste aber nachvollziehbar und ergreifend schildert. Ihre Befürchtung: „Was die Polizei einem Jungen antut, der so aussieht wie mein Sohn“, ist leider zwanzig Jahre nach Erscheinen dieses Buches noch erschreckend aktuell.


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    Cover des Buches Brüste und Eier (ISBN: 9783832183738)

    Bewertung zu "Brüste und Eier" von Mieko Kawakami

    Brüste und Eier
    KateRappvor einem Monat
    Radikale Sicht auf das japanische Geschlechterverhältnis

    Ein interessanter Roman über das Körper/Geist Problem aus zwingend weiblicher Perspektive, der seine Radikalität erst bei genauerem Hinsehen offenbart!

    In schlichtem Erzählstil führt uns die Autorin in die Welt der Frauen Japans ein. Diese unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sehr von dem Leben in unseren Breitengraden. Frauen heiraten, kümmern sich um die Eltern und übernehmen die Kinder nach einer Trennung.


    Die Schwestern Natsuko und Makiko diskutieren im ersten Teil des Buches über die Lebensläufe von Bekannten, Vor- und Nachteile von Brust-Op und Mutterschaft, während sich Makikos zwölfjährige Tochter Midoriko ganz unmittelbar mit ihren pubertätsbedingten, körperlichen Veränderungen und den aufkommenden Erwartungen an sie als Frau beschäftigt. In ihrem Tagebuch hadert sie mit der biologischen Ungleichheit von Mann und Frau, den Belastungen, welche die monatliche Menstruation sowie Schwanger- und Mutterschaft den Frauen brächten, von denen die Männer gänzlich verschont blieben. Auch die Stellung der Frau im Buddhismus lernen wir aus ihren Tagebüchern kennen und ihre Diskriminierung in dieser Religion. Denn die Buddhaschaft werden sie nie erreichen, es sei denn, Frauen würden als Männer wiedergeboren.

    Dieser Teil des Romans erschien mir durch die erklärenden Tagebucheinträge reichlich konstruiert, sie wirkten wenig subtil, wie ein thematischer Wink mit dem Betonpfahl.


    Im zweiten Teil des Buches nehmen wir an Natsukos Leben zehn Jahre später teil. Sie ist veröffentlichte Autorin, 38, ledig, hat einen Kinderwunsch und eine Schreibblockade, weil sie unaufhörlich über das eigene Leben und das anderer Frauen nachdenkt: ob sie verheiratet, getrennt oder liiert sind, Kinder haben, oder nicht, Familie haben oder nicht. Zudem zieht sie für sich die Möglichkeit einer Samenspende in Betracht, was überwiegend negative Reaktionen hervorruft.

    Wer ist sie, fragt sie sich, wenn sie weder Mann hat, noch Kind, noch Schwiegerfamilie? Die langatmige Identitätssuche und das Ringen um die Hoheit über ihre eigene Fruchtbarkeit machen der Autorin sehr zu schaffen und die Längen, die der Roman immer wieder aufweist, transportieren diese Lähmung ziemlich präzise. Natsuko kann ihren Roman nicht abschließen und findet auch in den Lebensentwürfen ihrer Bekannten kein für sie taugliches Modell.


    Mir hat der Roman trotz der formalen Kritikpunkte thematisch doch gefallen!

    Interessant finde ich besonders die überzeugte Asexualität der Protagonistin. Denn indem Sex hier kein Thema ist, fokussiert der Schwerpunkt des Romans eindeutig die biologischen und sozialen Implikationen, die der weibliche Körper in einer patriarchalen Gesellschaft mit sich bringt. Wenn du nicht für Sex zur Verfügung stehst, darfst du auch kein Kind haben, scheinen die Gesetzgeber im Hintergrund zu höhnen und berauben Natsuko und alle alleinstehenden Frauen damit ihrer womöglich am meisten beneideten Potenz und größten Macht: der Fruchtbarkeit.


    Der weibliche Körper ist aber nicht nur unterworfene, schöpferische Macht, sondern auch Gefängnis der Individualität, da verantwortlich für ein großes Missverständnis: Weil Frauen über ihren Körper definiert werden und über die gleichen primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verfügen, sollen sie auch geistig gleichzusetzen sein? Dass es DAS weibliche Denken nicht gibt, wird Natsuko mehr und mehr klar.

    „Wenn einer sagt:‘du hast doch den Körper einer Frau‘ , dann sage ich Ja, aber wenn einer fragt, ob ich wie eine Frau denke und fühle, dann fällt es mir nicht leicht, Ja zu sagen. Was soll das eigentlich heißen: ‚denken wie eine Frau’?“


    Männer als echte Partner tauchen in dieser Geschichte gar nicht auf. Dass der einzige Mann im Buch „Opfer“ und Produkt einer Samenspende ist, deutet an, wie zerrüttet die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Japan sind. Nicht als Person sondern in ihren Funktionen als Sexualpartnerin oder als Putzfrau und Pflegerin von Eltern und Schwiegereltern fühlen sich die Frauen hier wahrgenommen. Der Mann soll Kinder zeugen und Geld verdienen, und wenn nicht, hat man ihn trotzdem zu respektieren.

    „Wer braucht schon einen Mann? Das was uns Frauen bewegt, wirklich bewegt, können Männer nicht verstehen“, legt die Autorin einer ihrer Figuren in den Mund und offenbart eine schonungslose, desillusionierte Sicht auf die heterosexuellen Beziehungen. Sie reduziert damit den relevanten Beitrag eines Mannes zu einem erfüllten Frauenleben auf sein Sperma.


    Ob dies ein allein japanisches Phänomen ist, oder ob auch hierzulande unter der emanzipierten Oberfläche ähnliche Fallstricke aus gesellschaftlichen, männlichen oder familiären Erwartungen lauern, die zu umgehen jede Frau auf sich selbst zurück wirft, muss die Leserin für sich selbst entscheiden.


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