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Madame_Klappentext

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    Cover des Buches Miss Kim weiß Bescheid (ISBN: 9783462003499)

    Bewertung zu "Miss Kim weiß Bescheid" von Cho Nam-Joo

    Miss Kim weiß Bescheid
    Madame_Klappentextvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Intelligente Kurzgeschichten zu Frauen in Korea. Feinfühlig erzählt.
    Acht Frauenschicksale feinfühlig und dicht erzählt

    Inhalt: Acht Erzählungen über scheinbar alltägliche meist familiäre Situationen im heutigen Korea reihen sich in dieser Sammlung aneinander. Dabei geht es um viel mehr als nur Alltagsdarstellungen. Die Rolle der Frau in Familie und Gesellschaft wird auf sensible Art beleuchtet. Was leisten koreanische Frauen, worauf verzichten Sie und worin liegen deren Wünsche? Eine abwechslungsreiche Sammlung voller feiner Nuancen zwischen Familiendramen, der Suche nach dem eigenen Selbst und Liebesgeschichten.

    Leseeindruck: Schon“Kim Jiyoung, geboren 1982″der Autorin konnte ich nicht aus der Hand legen, da es mich sofort mit seiner besonderen Atmosphäre eingefangen hat. Genauso wiederholt sich diese Erfahrung bei „Miss Kim weiss Bescheid“. Jede einzelne Erzählung verfügt über eine ganz eigene Atmosphäre, in die man sich sofort hineinfühlen kann. Besonders berührt hat mich, dass in einigen Erzählungen in der Ich-Perspektive vom Geschehen berichtet wird. So viel Nähe und dadurch entstehende Emotionen wirken noch stärker nach, da der Stil anderer koreanischer Belletristik (zumindest, der mir bekannten) doch eher von einer gewissen Distanz geprägt ist. Inhaltlich bieten die Erzählungen sehr viel Abwechslung, aber alle haben eine weibliche Protagonisten gemeinsam, die sich den gesellschaftlichen Anforderungen an sie stellen muss. Sei es, wie meist, im privaten oder auch im beruflichen Umfeld. Kaum hatte ich eine Geschichte beendet, wollte ich auch schon weiterlesen, denn die Geschichten sind so voller Details, des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, dass die Neugierde auf neue Aspekte immer groß bleibt. Außerdem hallen die Erzählungen noch lange nach, da man zu den dargestellten Konflikten nie die eine richtige Lösung angeboten bekommt, sondern vielmehr einen Anstoß sich selbst seine Gedanken zu machen. Ich bin mir sicher, diese Sammlung nicht zum letzten Mal gelesen zu haben. Man wird immer wieder neue Aspekte entdecken.

    Lieblingsnebencharakter: Hier nenne ich einfach mal meine Lieblingsgeschichte: „Lieber Hyunnam“. Was für ein toller Brief, der tiefe Einblicke in eine Beziehung gewährt, wie sie sicher nicht nur in Korea vorkommt. So viel Emotionen und Entwicklung auf so wenigen Seiten. Gerade die Kompaktheit bringt es auf den Punkt und schockiert irgendwie auch. Aber wie gesagt, Korea mag weit weg sein, die Erzählungen könnten aber allesamt so ähnlich auch hier bei uns um die Ecke spielen.

    Fazit: Man taucht in eine andere Kultur ein, lernt viele Frauenfiguren kennen und nimmt doch so viel fürs eigene Leben mit, weil man unaufhörlich zum Nachdenken gebracht wird. Einfach lesenswert.

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    Cover des Buches Taras Augen (ISBN: 9783958541818)

    Bewertung zu "Taras Augen" von Katharina Bendixen

    Taras Augen
    Madame_Klappentextvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eine Dystopie mit Tiefgang. Hat mich im besten aller Sinne an "Die Wolke" erinnert.
    Eine Dystopie mit Tiefgang

    Inhalt: Alún und Tara waren mal beste Freunde und auch noch mehr, doch dann ist etwas zwischen Ihnen passiert, was sich nicht so einfach kitten lässt. Zu allem Überfluss leben sie in einer Welt, die von Technik und einem autoritären Staatsgefüge geprägt wird. Als wäre das nicht alles kompliziert genug, bringt auch noch ein Chemieunfall in ihrer unmittelbaren Nähe alles durcheinander. Während Tara zurück in nun verseuchtes Gebiet zieht, bleibt Alún in der vermeindlich heilen Welt und widmet sich voll und ganz seiner Street-Art. Kann es unter diesen Vorzeichen eine Versöhnung geben?

    Leseeindruck: Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Tara und Alún, deren Kapitel sich abwechseln und aus der jeweiligen Ich-Perspektive verfasst sind. Taras Kapitel haben mir ein Stück weit mehr Spaß gemacht, da ich ihre Welt und Schicksal interesanter finde.  Auch ihren Gedankengängen bin ich etwas näher, was direkt dazu geführt hat, mich auf ihre Seite zu schlagen. Alún hatte also von Beginn an einen schwereren Stand bei mir, was aber auch an seinem distanziertem Umfeld gelegen haben dürfte. Insgesamt gefällt mir der Kontrast zwischen den beiden Welten gut, denn so ist man gezwungen sich mit verschiedenen Aspekten der Romanwelt zu befassen und hat eine Menge Möglichkeiten eine Identifikationsfigur zu finden. Auf diese Weise ist der Roman für eine breite Leserschaft geeignet. Auch die angesprochenen Themen sind sehr facettenreich. Eine Teenagerliebe wird genauso thematisiert wie Naturschutz, Krankheit, Freundschaft, Staatsautoritäten und die alternative Kunstszene der Street-Art, das alles findet in einer dystopischen Umgebung statt. Man könnte meinen, dass so viele Themen für Ablenkung und wenig Tiefgang sorgen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Der Verlauf des Romans zeigt wie eng verzahnt alle gesellschaftliche Probleme miteinander sind. Außerdem wird man ständig zum Nachdenken und Hinterfragen animiert. Für mich einer der wichtigsten Punkte für einen guten Roman. Man wird nicht nur unterhalten, sondern auch gefordert sich selbst eine Meinung zu bilden. Nicht zuletzt das fantastische Ende zwingt einen fast dazu, sich seine Gedanken zu machen. Ein schnelles Zuklappen nach dem letzten Kapitel ist im Prinzip unmöglich. Durch die vielen verschiedenen Charaktere, vom aufmüpfigen Teenager bis hin zur überambitionierten Ärztin bekommen die Leser*innen immer wieder unterschiedliche Ansichten dargeboten, da sollte für jede*n klar werden, dass es nie nur richtig oder falsch, gut oder böse gibt, sondern eine unendlich große Menge an Grautönen. Das beste Beispiel hierfür ist die Geschichte von Ste. Übrigens habe ich lange gerätselt, was es mit ihr auf sich hat. Eine sehr interessante Figur, deren Schicksal mich tief berührt hat. Lest einfach selbst.

    Lieblingsnebencharakter: Ganz klar Taras Opa. Er ist sich treu, vermittelt zwischen den Partein und bietet immer einen etwas anderen Blick auf die Situation an. Ohne ihn würde dem Familiengefüge um Tara definitiv etwas fehlen, denn er bringt mit seinem Alter nochmal die Sicht einer anderen Generation zum Vorschein, dieser Blick hat mir gefallen und gibt der Story mehr Tiefe. In Alúns Story gefällt mir Rose, die unabhängige Street-Art-künstlerin am besten. Sie lässt sich nicht verbiegen und sorgt mit ihrer geheimnisvollen Art für Spannung. Ich hätte sehr gern noch mehr über sie erfahren. Sie  hätte noch so viel zu erzählen gehabt, da ist es schade, das sie „nur“ eine Nebenfigur ist. Nicht unerwähnt soll Alúns kleine Schwester Lone bleiben. Sie bringt so viel Menschlichkeit in ihre Familie, dass es mich tief traurig gemacht hat – das sollte nicht die Aufgabe eines kleinen Mädchens sein. 

    Fazit: Dystopie trifft Liebe, Natur, Kunst und Freundschaft. Eine Mischung, die sehr gelungen ist und für eine Menge Abwechslung sorgt. Dabei paart sich tolle Unterhaltung mit gesellschaftlich wichtigen Themen, die einen gerade zu zwingen sich seine eigenen Gedanken zu machen. Die sehr verschiedenen Charaktere bieten wirklich allen Leser*innen eine Identifikationsfigur. Wer ein packendes, gut lesbares und innovatives Buch sucht, wird mit „Taras Augen“ glücklich werden.

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    Cover des Buches Die Feuer (ISBN: 9783446272972)

    Bewertung zu "Die Feuer" von Claire Thomas

    Die Feuer
    Madame_Klappentextvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Tolle Idee von einem Stück im Stück und dann noch mit so starken Frauenfiguren im Mittelpunkt.
    Was für ein Theatervergnügen

    Inhalt: Drei Frauen schauen sich im Theater ein Beckett-Stück an, während vor den Toren der Stadt Melbourne Buschfeuer wüten. Quasi ein Stück im Stück, dabei könnten die Literaturprofessorin Margot, die Kunstmäzenin Ivy und die Platzanweiserin Summmer unterschiedlicher nicht sein. Sie hängen während des Stücks ihren ganz persönlichen Gedanken nach und lassen uns so teilhaben an Ihrem Leben außerhalb des Theaters.

    Leseeindruck: Mich hat die Idee fasziniert einen Roman in einem kleinen abgeschlossenen Raum fast ohne eigentliche Handlung spielen zu lassen. Kann das Gut gehen? Ist das nicht langweilig? Diese Fragen schossen mir durch den Kopf und wollten beantwortet werden. Ja, es geht gut ohne auch nur auf einer Zeile langweilig zu sein.
    Der Erzähler lässt uns an den Gedankengängen der drei Frauen während des Stücks teilhaben. Da ist das Leben mit einem demenzkraken Ehemann wie in Margots Fall, Trauer und Verlust beherrschen Ivys Gedanken, während Summer die Buschfeuer und das damit verbundene Schicksal ihrer Freundin April nicht aus dem Kopf gehen. Man erlebt das Stück durch die Augen der Frauen und nimmt dabei wirklich nur deren Blickwinkel war, samt ihrer Gedanken. Im Prinzip sind die Gedankengänge wirr, abschweifend, aber gerade deshalb ungefiltert und gnadenlos ehrlich. Mir hat das unwahrscheinlich gut gefallen, eine Figur auf diesen Weg so direkt kennenzulernen. Es gibt keine Gegenmeinung oder zweite Sicht auf die Dinge. Für mich ist das in diesem Fall kein Nachteil, denn umso intensiver kommen die Ansichten der drei Frauen zum Tragen. Quasi ein Roman mit drei starken Frauen im Mittelpunkt. Immer wieder habe ich mich dabei erwischt, wie ich mich in der einen oder anderen Situation wiedererkannt habe. Auch ich betrachte oft Sitznachbarn bei Veranstaltungen oder lasse meine Gedanken schweifen, um mich dann zu fragen, was ich auf der Bühne verpasst habe. Bis zu diesem Roman, war mir nicht klar, dass ja doch jeder im Zuschauerraum seinen Gedanken nachhängt. Wirklich toll eingefangen, diese Atmosphäre.
    Auch wenn der Roman im Deutschen „Die Feuer“ heißt, finde ich doch, dass das Thema Theater viel wichtiger für das Ambiente der Geschichte ist. Die Umgebung im Zuschauerraum, auf der Bühne und auch in den Gängen des Theaters schafft eine ganz besondere Atmosphäre, die den Roman besonders macht. Im Englischen lautet der Titel übrigens „The Performance“, was ich weitaus passender finde. Der Mittelteil des Romans ist schließlich selbst ein Stück. Die Pause des Theaterstücks wird im Roman im Stil eines Dramas wiedergeben. Ein wirklich gelungener Kniff, der zum einen die Story beziehungsweise die Gedankengänge der Zuschauerinnen auflockert, zum anderen die drei Frauen zusammenführt.

    Lieblingsnebencharakter: Schwer zu sagen, denn im Prinzip folgt man drei unterschiedlichen Geschichten, die auf den ersten Blick keine Berührungspunkte haben. Ich möchte auch gar keine Entscheidung treffen, weil alle Figuren, die einen Weg in die Gedankenwelt von Margot, Ivy und Summer gefunden haben, wichtig für die drei sind. Nur durch seine Mitmenschen wird man zu dem was man ist. Am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist mir aber Summers Freundin April , die am meisten Berührung mit den Buschfeuern hat. Sie schafft quasi die Verbindung zur bedrohlichen Außenwelt.

    Fazit: Ein Roman, der auf engstem Raum im Theater spielt und sich fast ausschließlich mit der Gedankenwelt der drei Zuschauerinnen Margot, Ivy und Summer beschäftigt. Stilistisch ein gelungener Roman, der starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt stellt, die während eines Theaterstücks ihre aktuelle Lebenssituation reflektieren. Einfach toll gezeichnete Charaktere in einem besonderen Theaterambiente. Die Feuer als Titel könnte man schlussendlich auch als Methapher für die Gedankengänge der Frauen betrachten. In deren Leben es gerade mächtig lodert, genauso wie eben die Buschfeuer vor der Stadt. Ein Buch für Theaterliebhaber und alle, die starke Charaktere mögen.

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    Cover des Buches Wie viel von diesen Hügeln ist Gold (ISBN: 9783103973921)

    Bewertung zu "Wie viel von diesen Hügeln ist Gold" von C Pam Zhang

    Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
    Madame_Klappentextvor einem Jahr
    Kurzmeinung: So grandiose Charktere, die alle berühren. Eine unglaublich facettenreiche Story.
    Eine Geschichte, die so viel miteinander verbindet

    Inhalt: Die jungen Geschwister Sam und Lucy müssen zur Zeit eines Goldrausches in einem nicht näher genannten Land den Verlust der Eltern verkraften. Dabei sind beide auf der Suche nach ihrer eigenen identität. Wo kommen sie her, wo gehören Sie hin? Ihre Eltern haben darüber nur wenig gesprochen, alles was sie kennen sind ihre eigenen Erfahrungen, die Ihnen gezeigt haben, dass sie mit ihren glatten schwarzen Haaren und den schmalen Augen einfach anders aussehen, als alle anderen in ihrer Umgebung. Noch dazu müssen sie sich in der wilden Natur behaupten und haben dabei nichts mehr als sich selbst.

    Leseeindruck: In dieser Geschichte bleibt einfach alles wage. Vieles bleibt ungesagt, denn es werden keine genauen Orts- oder Zeitangaben gemacht. Lediglich vom Westen, den Hügeln oder über das Meer wird gesprochen. Die angesprochenen Probleme wie Rassismus, Identität und Famile brachen aber auch keine genaue Raum- und Zeitorientierung, sie sind einfach immer wichtig, egal wann und wo. So sehr mich die Geschichte auch interessiert hat, so schwer viel mir der Zugang dazu, denn beim Lesen habe ich ständig nachgedacht, wie das eine oder andere wohl gemeint sein wird. Ich mag es zwar, wenn mich Geschichten zum Nachdenken anregen, aber hier konnte ich mich leider überhaupt nicht treiben lassen. Den Plot habe ich deshalb auch etwas vernachlässigt, was der Gesamtfreude jedoch keinen Abruch erteilt hat, denn die Charakterzeichnugen sind einfach großartig. Alle sind so detailiert und facettenreich gezeichnet. Dabei kann ich eines schon verraten, keiner der Charaktere ist einfältig oder entspricht durchweg dem ersten Eindruck. Das beste Beispiel hierfür ist Sam. Diese Fugur ist einfach nur besonders. Und zwar besonders charakterstark und das schon in so jungen Jahren. Diese Figur hat mich am meisten beeindruckt. Einfach toll, wie C Pam Zhang Sam gezeichnet hat. Eine Figur, die soviel Verschiedenes in sich vereint und dabei durch und durch glaubwürdig bleibt.
    So unterschiedlich die Familienmitglieder auch sind, sie haben alle ihr Päckchen zu tragen und treffen sicher nicht nur gute Entscheidungen, aber eines verbindet sie immer wieder: Die gemeinsame Familie.
    Besonders Lucys Willensstärke am Ende hat mir gefallen, wie alle anderen auch, macht sie eine besondere Entwicklung durch. Es hat Spaß gemacht, diese bei allen mitzuverfolgen.

    Lieblingsnebencharakter: Ich kann einfach keinen Lieblingsnebencharakter ausmachen, denn nicht eine Figur abseits der Familie hätte diesen Platz hier verdient. Alle handeln egoistisch, gierig und wenig sozial. Dabei wird sich schön hinter den gesellschaftlichen Gepflogenheiten versteckt, denn natürlich tut keiner etwas unrechtes. Lucy und Sam sind Außenseiter, da dürfen sie auch so behandelt werden. Schrecklich, dass Figuren/und Menschen im Wahren Leben überhaupt in der Lage sind, so zu denken und zu handeln.

    Fazit: Da in diesem Roman so viele Dinge zwischen den Zeilen vor sich gehen, fällt es manchmal schwer den Faden nicht zu verlieren. Man sollte aber dran bleiben, denn das lohnt sich wirklich. Es wartet eine tolle Kulisse mit wahrlich besonderen Charakteren auf alle, die den Roman auf sich wirken lassen. Das beste in meinen Augen ist, dass es kaum eine Geschichte gibt, die sich mit „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ vergleichen lässt. Ja, es gibt unzählige Western, oder Roadtrips oder auch Geschichten übers Erwachsenwerden, über Identitäten, oder die Familienbande, aber keine verküpft all diese Facetten so kreativ mteinander wie dieser Roman.

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    Cover des Buches Sturmvögel (ISBN: 9783832181376)

    Bewertung zu "Sturmvögel" von Manuela Golz

    Sturmvögel
    Madame_Klappentextvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Was für eine tolle Hauptfigur. Ich liebe sie so sehr.
    Eine turbulente Familiengeschichte

    Inhalt: Emmy steht kurz vor ihrem 87. Geburtstag und blickt auf ein bewegtes Leben zurück, das sie fernab ihrer Heimat am Meer in Berlin verbracht hat. Mit an ihrer Seite sind ihre Kinder, die alle ganz unterschiedliche Charaktere sind und auch ganz verschieden mit einem möglichen Familiengeheimniss umgehen, das aufgedeckt werden will.

    Leseeindruck: Besonders gefallen hat mir Emmys Humor. Einfach großartig wie ehrlich sie ist, dabei hat sie eine Beobachtungsgabe, die einfach entwaffnend ist. Ihr entgeht nichts und sie hält auch nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg.
    Vorallem wenn man ihre tragische Familiengeschichte kennt, ist es umso erstaunlicher wie unbeschwert sie meist durchs Leben geht.
    Gerade zu Beginn des Romans hatte ich so meine Probleme die beiden Erzählebenen zwischen Emmys Vergangenheit und ihrer Gegenwart miteinander in Verbindung zu bringen. Ihre Familiengeschichte ist so dicht erzählt, dass ich mich sehr konzentrieren musste, den Anschluss nicht zu verlieren. Auf der anderen Seite hat mich diese intensive Atmosphäre auch gepackt. Mehr und mehr hatte ich das Gefühl Emmy immer näher zu kommen und sie richtig kennenzulernen. Ein toller Charakter. Sie trägt mit ihrer Ausstrahlung die ganze Geschichte.

    Fazit: Eine tolle Familiengeschichte, die tragisch, komisch aber auch sehr intensiv ist. Die verschiedenen Charaktere bringen eine Menge Abwechslung in die Story, ohne vorausschaubar zu sein. Der gut lesbare Stil sorgt für tolle Unterhaltung in einer ganz besonderen Atmosphäre zwischen Meer, Berlin und Familie.

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    Cover des Buches Dein Herz in tausend Worten. (ISBN: 9783548062976)

    Bewertung zu "Dein Herz in tausend Worten." von Judith Pinnow

    Dein Herz in tausend Worten.
    Madame_Klappentextvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Kurzweilige Unterhaltung fürs Herz
    Eine Geschichte fürs Herz.

    Inhalt: Millie ist schüchtern, ein wenig verträumt und vergräbt sich am liebsten in Buchseiten. Seit einiger Zeit rettet sie, während ihrer Arbeit in einem Verlag, abgelehnte Manuskripte. Die romantische Geschichte namens „Dein Herz in tausend Worten“ hat es ihr dabei besonders angetan. Sie will, dass die Worte zu den Menschen gelangen und verteilt besondere Textstellen daraus in Notting Hill. So stolpert auch der Autor William Winter selbst über die Zitate aus seinem Roman – und die romantische Geschichte nimmt ihren Lauf.

    Leseeindruck: Dies ist nach „Rendezvous in zehn Jahren“ mein zweiter Roman von Judith Pinnow und vielleicht bin ich deshalb auch nicht ganz fair mit meiner Bewertung, denn ich habe ständig beide Romane im Kopf miteinander verglichen. Ein Paar, dass sich einfach nicht findet, eine europäische Großstadt als Kulisse und unwahrscheinlich viele Zufälle, die die Handlung vorantreiben. Irgendwie haben mich all die Gedanken davon abgehalten mich voll und ganz auf die Story einzulassen. „Rendezvous in zehn Jahren“ hat einfach sofort so ein vertrautes Gefühl in mir ausgelöst und ich hatte gleich auf den ersten Seiten eine Verbindunh zu den Figuren. Bei diesem Roman hier, wollte sich das Gefühl einfach nicht einstellen. 

    Wenn ich aber nun versuche den Roman vollkommen allein zu betrachten, kann ich immerhin sagen, dass ich wirklich gut unterhalten wurde. Wäre es ein Film, würde ich sagen, gute Unterhaltung für zwischendurch, bei der man sich gemütlich zurücklehnen kann und sich unterhalten lassen kann. Es ist schnell klar, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird. Dabei entstehen Überraschungen hauptsächlich durch die vielen Zufälle, die den Plot vorantreiben. Aber gelungen sind die Überraschungen (besonders Mrs. Crane) in jedem Fall.  Wirkliche inhaltliche Tiefen entstehen nicht, aber das muss auch nicht sein, um gut unterhalten zu werden, man muss einfach wissen, wie man unterhalten werden will. Die Charaktere, die auftauchen sind allesamt besonders und nicht einer ist gewöhnlich. Das hat mir am meisten gefallen, denn dadurch ist Abwechslung garantiert. Ohne die vielen Verrücktheiten der Figuren, wäre der Roman nur halb so gut. Sie versprühen so viel Charme, dass die eigentliche Handlung für mich zur Nebensache wurde.

    Lieblingsnebencharakter: Bei so vielen Charakteren mit liebenswerten Macken fällt die Wahl nicht leicht. Überhaupt haben mich die Figuren um Millie und Will fast mehr interessiert, als die beiden selbst, weil ich irgendwie schon ahnte worauf es hinausläuft.
    Felix, Millies Bruder, ist für mich die gute Seele in ihrem Leben. Ohne ihn würde nicht nur Millie etwas fehlen, sondern auch allen anderen. Außerdem konnte er schon allein wegen der Katzenstory extra Punkte bei mir sammeln.

    Fazit: Ich habe das Buch wirklich gern gelesen, auch wenn ich nicht in Begeisterungsstürme ausfalle. Es ist witzig und romantisch, aber leider auch in vielen Belangen vorhersehbar. Wer kurzweilige Unterhaltung fürs Herz vor der Kulisse Notting Hills sucht, ist mit dem Roman gut beraten. 

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    Cover des Buches Die Glasperlenmädchen (ISBN: 9783809027393)

    Bewertung zu "Die Glasperlenmädchen" von Lisa Wingate

    Die Glasperlenmädchen
    Madame_Klappentextvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine Geschichte, die berührt, aber auch so ihre Länge hat. Dafür bietet die historische Ebene viel Wissenswertes.
    Gute Unterhaltung mit einigen erzählerischen Längen.

    Inhalt: „Die Glasperlenmädchen“ erzählt die bewegende Geschichte von dem ehemaligen Sklavenmädchen Hannie und deren abenteuerlichen Reise durch die Südstaaten nach dem amerikanischen Bürgerkrieg in den 1870ern. Dabei ist sie nicht nur auf der Suche nach ihrem ehemaligen Besitzer und Plantagenbesitzer, sondern auch auf der Suche nach ihrer Familie, die als Erkennungszeichen drei blaue Glasperlen tragen. In einer zweiten Erzählebene geht es um die junge Lehrerin Benny Silva, die etwa einhundert Jahre später mit der Plantage in Berührung kommt und das Schicksal der Sklaven greifbar machen will und mit ihrer Recherche auch auf einigen Widerstand stößt.

    Leseeinduck: Zu Beginn hat mich Hannie in ihren Bann gezogen, denn ihrer Geschichte ist so emotional und erschütternd, gerade weil sie ihr Schicksal so stoisch hinzunehmen scheint. Das muss sie aber wohl auch, um überhaupt überleben zu können. Ihre Stärke hat mich wirklich beeindruckt, auch wenn mit fortschreitender Handlung immer mehr erzählerische Längen auftauchen. Bei Benny verhält es sich genau umgekehrt. Ich hatte so einige Schwierigkeiten in ihre Story zu finden. Sie und auch ihre Schüler sind so unnahbar. Man muss zunächst die harte Schale durchbrechen, um an die liebenswerten Gemüter zu gelangen. Im Laufe der Handlung lernt man immer mehr Charaktere kennen, die alle versuchen ihren Weg zu gehen, dabei hat keiner von ihnen gelernt, auf Freundschaft und Vertrauen zu setzten. Es kommen eine Menge Klischees zum Einsatz, die zwar an der einen oder anderen Stelle sicher ihre Berechtigung haben, alles in allem aber eher dafür sorgen, dass gerade Bennys Kapitel sehr von Oberflächlichkeiten geprägt sind. Noch dazu hat mich kaum eine Wendung überrascht. Egal ob bei ihr selbst oder auch ihren Schülern. Insgesamt muss man sagen, dass der Erzählstil doch recht simpel gestrickt ist, dafür kommt man aber auch gut voran und kann für ein paar Stunden in die Südstaaten reisen, um viel wissenswertes über die Zeit nach der Abschaffung der Sklaverei zu erfahren, besonders wie schwer und unsicher die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt immernoch waren (und leider heute auch noch sind). Dieser historische Aspekt ist für mich der größte Pluspunkt. Ansonsten hatte ich während des Lesens immer wieder das Gefühl, dass einfach zu viele Probleme in den Roman gepackt wurden. Das Ende der Sklaverei, die Probleme der Schulkinder in Bennys Story, die abenteuerliche Reise von Hannie und deren Suche nach Familienmitgliedern, das Aufarbeiten der Plantagengeschichte, Bennys Dasein als die „Neue“, Geheimnisse in der Familiengeschichte. Ich könnte noch lange so weitermachen. Es ist einfach Schade, dass diese wichtigen Punkte überhaupt nicht angemessen bearbeitet werden. Auch die Zusammenführung der beiden Zeitebenen ist in meinen Augen etwas holprig, dem hätte man mehr Raum geben können. Immerhin stimmt mich  das Ende von Hannies Reise versöhnlich, auch wenn es nicht überraschend war.

    Lieblingsnebencharakter: Da die beiden Zeitebenen erst recht spät zusammengeführt werden, kann man für jede Storyline einen Lieblingsnebencharakter wählen. Für Hannie ist  das eindeutig Gus. So mutig, ehrlich und loyal wie er ist, ist er eindeutig der sympathischste Charakter in ihrer Story. Es ist schön zu sehen, wie Gus und Hannie Vertrauen zueinander aufbauen.Granny T. hat mich ihrer resoluten aber auch liebenswerten Art in Bennys Zeit am meisten beeindruckt. Sie ist einfach eine gute Seele und für alle da, sehr beeindruckend.

    Fazit: Ein gut zu lesender historischer Roman, der zwar seine Längen hat, aber wichtige Probleme wie Sklaverei und die damit verbundenen sozialen Probleme anspricht. Etwas mehr Tiefe wäre wünschenswert gewesen, so bleibt es eine seichte Lektüre, die nur selten überraschen kann. Solide gute Unterhaltung wird einem aber allemal geboten.

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    Cover des Buches Jaffa Road (ISBN: 9783596703845)

    Bewertung zu "Jaffa Road" von Daniel Speck

    Jaffa Road
    Madame_Klappentextvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein wahres Herzensbuch. Unglaublich vielschichtig erzählt und voller Emotionen. Eine absolute Leseempfehlung.
    So dicht und emotional erzählte Weltgeschichte.

    Inhalt: Nachdem Maurice verstorben ist, treffen sich seine Enkelin Nina und deren jüdische Tante Joëlle in Palermo, um mehr über die Umstände des Todes zu erfahren und um sich um den Nachlass zu kümmern. Dabei erfahren Sie eine Menge über Maurice, der als Moritz auf die Welt gekommen ist. Wer war seine Familie? Wohin hat ihn sein Weg geführt? Sie stoßen dabei nicht nur auf Elias, der irgendwie auch zur Familie gehört, sondern stellen sich auch die Frage nach der eigenen Identität, denn Elias ist Palästinänser mit einer Mutter, die aus Jaffa kommt, nicht weit weg von dem Ort, an dem Joelle viel Jahre ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat.
    Jaffa Road erzählt aber nicht nur die Geschichte einer Familie, sondern zweier Völker, die das selbe Stück Land ihre Heimat nennen und deren Schicksal auf tragische Weise miteinander verknüpft ist. Weltgeschichte wird in diesem Roman greifbar und vorallem mit Menschen belebt, die in den poltischen Wirren einfach nur überleben wollen.

    Leseeindruck: An die Lektüre dieses Buches bin ich ganz ohne Erwartungen gegangen. Einzig und allein gute Unterhaltung habe ich mir gewünscht und dabei so viel mehr bekommen. Die Geschichte geht so ans Herz, dass ich manchmal regelrecht eine kurze Pause eingelegt habe, um meine Gedanken zu sortieren. Zunächst sei gesagt, dass ich den Vorgängerroman „Piccola Sicilia“ noch nicht gelesen habe (das hole ich gerade nach). Trotzdem sind mir die Figuren sofort ans Herz gewachsen und ich hatte nie das Gefühl, die Geschichte nicht zu verstehen. Der Zauber entfaltet sich auch so in Windeseile. Zunächst habe ich mit Maurice, Yasmina und der kleinen Joëlle gelitten, aber auch gelacht. Ein paar Kapitel später wird die Perspektive der jüdischen Familie, die in Israel eine neue und auch sichere Heimat sucht, komplett auf den Kopf gestellt. Mit der palästinensischen Familie rund um Amal und deren gewaltsamen Vertreibung aus ihrer Heimat. Mein Herz platze fast, weil ich doch allen einen Platz darin bieten wollte. Beide Schicksale sind berührend, authentisch und voller Leid. Es gibt kein Gut oder Böse. Richtig und Falsch versucht man vergeblich zu definieren. Es will einfach nicht gelingen, denn es kommt immer auf die Perspektive an. Von diesen werden den Leser*innen unwahrscheinlich viele geboten, denn auch die Storyline der Gegenwart bietet nocheinmal eine andere Sicht auf die Staatsgründung Israels und der damit verbundenen Kolonialisierung Palästinas. Joëlle hat das alles als Kind selbst erlebt, während Elias aus den Erinnerungen seiner Mutter schöpfen kann, wohingegen Nina zu vermitteln versucht. Beim Lesen wurde mir schmerzlich bewusst wie wenig oder eher einseitig ich über den Konflikt in Nahost informiert war. Leider bewahrheitet sich hier der Satz, dass Geschichte von den Siegern gemacht wird. Spätestens nach „Jaffa Road“ sollte jedem klar sein, dass es bei dieser Geschichte einfach keine Sieger geben kann. Leid auf allen Seiten und in unendlichen Formen ist das vorherrschende Motiv. Man bekommt also ganz nebenbei ein wirklich gut recherchierte Reise durch die Geschichte geliefert, die mit der Staatsgründung Israels beginnt, über die Geiselnahme während der Olympischen Spiele in München bis hin zu Geheimdienstoperationen in deren Nachgang reicht. Die familiären Schicksale spielen sich vor dem Hintergrund der großen politischen Verwerfungen ab und werden dadurch erst richtig greifbar. Neben den großen geschichtlichen Ereignissen der Vergangenheit ist aber auch die Gegenwartshandlung rund um Maurice‘ Tod sehr spannend. Das ist fast nochmal eine Story für sich, bis sich in den letzten Kapiteln alle Verbindungen zeigen. Dieses komplexe Zusammenspiel beider Erzählebenen hat mich gepackt. Ein klassischer Fall von ‚Ich-lese-nur-noch-ein-Kapitel‘. Es fiel mir wirklich schwer, das Buch aus den Händen zu legen und selbst wenn, hat es mich in meinen Gedanken begleitet und tut das auch heute noch. Die Charaktere sind so einprägsam und authentisch in ihren Entwicklungen. Sie haben die Geschichte so toll getragen, denn nur durch sie bekommt man einen differenzierten Blick auf die Geschwister. Man ist quasi gezwungen immer wieder die eigenen Ansichten neu zu überdenken und verschiedene Perspektiven einzunehmen.

    All diese Botschaften der Toleranz und Nächstenliebe sind in so viele schöne sprachliche Bilder gepackt. Hier nur eines von vielen Beispielen: „Du kannst aber unmöglich deine Geschichte erzählen, wenn du nicht weißt, worum es in deinem Leben eigentlich geht. Ohne ein Thema fügen sich die Fragmente nie zu einem sinnvollen Ganzen zusammen“ (S.33). Es stecken so viele Weisheiten in „Jaffa Road“, die mich noch lange begleiten werden. 

    Lieblingsnebencharakter: Durch die vielen Perspektiven und authentische Charaktere sollte auch klar sein, dass ich nicht einfach so einen Lieblingsnebenchatakter auswählen kann. In diesem Roman ist wirklich jede*r wichtig. Egal ob Maurice, der den Anstoß zur Story und den Knotenpunkt für alles bildet, Amals Eltern, weil sie ihr soviel Liebe und Mut mit auf den Weg gegeben haben oder auch Elias Frau, die nur am Rande auftaucht und doch so viel zur Aufklärung beiträgt. Niemand in dieser Geschichte ist überflüssig, alle sind an ihrem rechten Platz. Für mich bestätigt das nur nochmal, wie wichtig jeder einzelne Mensch für das große Ganze ist. In der Literatur genauso wie im echten Leben.

    Fazit: „Jaffa Road“ ist ganz schnell zu einem Herzensbuch für mich geworden. Es ist lehrreich ohne belehrend zu sein. Große geschichtliche Ereignisse werden aus der Sicht verschiedenster Menschen gezeigt, ohne dass ein klischeehaftes schwarz-weiß Bild geliefert wird. Ganz im Gegenteil Daniel Speck schafft es, einen über Jahrzehnte andauernden scheinbar unlösbaren Konflikt so darzustellen, dass möglichst viele Sichtweisen Gehör finden, ohne eine als die einzig wahre darzustellen. Dieses Buch zeigt, dass es nicht nur eine Möglichkeit gibt, Geschichte zu erleben. Nein, es muss zwangsläufig immer auch noch mindestens eine zweite geben. Diese Botschaft ist so wichtig und wir alle sollten uns das zu Herzen nehmen. Egal ob ihr einen Schmöker, einen Politikthriller, eine tolle Familiengeschichte oder etwas zum Nahen Osten, Israel und Palästina lesen wollt. Nehmt dieses Buch zur Hand. Außerdem kann der Roman auch sprachlich punkten. Einfach rundum gelungen.

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    Cover des Buches Das Leben ist zu kurz für irgendwann (ISBN: 9783442315550)

    Bewertung zu "Das Leben ist zu kurz für irgendwann" von Ciara Geraghty

    Das Leben ist zu kurz für irgendwann
    Madame_Klappentextvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Wichtige Themen in seichtem Gewand.
    Wichtige Themen in seichtem Gewand

    Inhalt: Wie unternimmt man eine Reise durch Europa, wenn es wohlmöglich die letzte sein wird? Wie geht man miteinander um, wenn das Thema Tod zwischen einem selbst und der besten Freundin steht? Und was macht so eine Reise mit einem selbst? Diese Fragen müssen sich Iris und Terry auf Ihrem Weg in die Schweiz stellen, denn Iris ist schwer an MS erkrank. Mit diesem letzten Weg kann sich Terry nur schwer anfreunden, aber für ihre Freundin nimmt sie diese Last auf sich, selbst wenn es schwer fällt und obwohl sie sich doch eigentlich um ihren dementen Vater kümmern wollte.

    Leseeindruck: So turbulent wie die eigentliche Reise ist auch der Roman selbst. Man hetzt förmlich von einer Szene zur nächsten. Das lässt einen zwar zügig vorankommen, sorgt aber auch für eine Menge Unruhe. Ich fühlte mich regelrecht getrieben und konnte nur schwer eine Verbindung zu Terry und Iris aufbauen, umso mehr schlägt mein Herz für Terrys Vater Eugene. Er ist trotz (vielleicht auch ein wenig wegen) seiner Demenz charismatisch und liebevoll, aber eben auch zutiefst verunsichert. Für ihn ist die Reise und die damit verbundene Spontanität sicher genauso schwer wie für seine Tochter. Was ein Glück, dass seine Figur so viel Lebensfreude und positive Naivität mit in die Story bringt. Die beiden Frauen allein hätten mich sicher verzweifeln lassen, da sie so starr wirken und besonders Terry keinen Millimeter von ihrem Standpunkt abweicht, Iris den begleiteten Suizid ausreden zu wollen. Alles in allem finde ich ihr Verhalten sehr übergriffig, auch wenn ihre Beweggründe durch und durch gutherzig sind. Es ist schön, dass Terry eine gute Entwicklung durchmacht und immer mehr lernt ihr Handeln zu reflektieren, allerdings ist ihre Entwicklung, wie auch die der anderen Figuren wenig überraschend. So abwechslungsreich der Plot ist, so vorhersehbar ist er auch. Da hätte ich mir wirklich mehr Überraschungen gewünscht, denn so ein verrückter und gleichzeitig emotionaler Roadtrip bietet dafür eine Menge Potential. Immerhin die emotionale Seite der Geschichte konnte bei mir punkten. Man setzt sich unweigerlich mit den Themen Sterbehilfe, Multiple Sklerose, Freundschaft und Demenz auseinander, schon allein deshalb lohnt sich der Roman. Es werden keine schwarz-weiß Bilder gezeichnet, sondern Sichtweisen aus mehreren Perspektiven aufgezeigt, wobei immer menschliche Schiksale im Mittelpunkt stehen, die wirklich berühren. Eugenes Demenz finde ich hier genauso wichtig wie Iris‘ vielschichtige Problematik rund um Krankheit und Tod.
    Wirklich gestört hat mich Terrys Familie. Ok, Terry hat mit der Reise etwas sehr ungewöhnliches getan, aber sowohl ihr Mann als auch ihre erwachsenen Töchter bauen einen emotionalen Druck ihr gegenüber auf, dass mich jedes Telefonat zwischen den Parteien auf die Palme gebracht hat. Leider wird es auf dieser Welt genügend Familien geben in denen ohne eine allgegenwärtige Mutter nix funktioniert. Schade schade. Leider eine für mich sehr anstrengende Storyline, auch wenn sie wahrscheinlich wichtig ist, um Terrys Charakter zu verstehen.

    Lieblingsnebencharakter: Iris dagegen strahlt immer etwas mehr Freude aus als Terry, sie weiß ihr Leben realistisch einzuschätzen und auch wenn ihre Familienprobleme nicht weniger konstruiert und vorhersehbar wirken, hat es mir gerade ihre Mutter angetan. Sie bringt Schwung in die Geschichte, ist besonders und hat trotz aller Verrücktheiten das Herz am richtigen Fleck. Ohne sie würde der Story was fehlen. Deshalb ist Iris Mutter mein unangefochtener Lieblingsnebencharakter.

    Fazit: Der Roman bietet gute Unterhaltung zu wichtigen Themen wie Sterbehilfe, Demenz oder eben auch MS. Leider bleibt die Story samt ihrer Charaktere sehr vorhersehbar und schöpft ihr Potential nicht gänzlich aus. Kurzweilige Unterhaltung für ein paar vergnügliche Lesestunden werden aber trotz der ernsten Themen geboten. Wer sich darauf einlässt wird auch ein paar Denkanstöße zu besagten Themen bekommen. Für mich ein typisches Buch der Kategorie: Für seichte Unterhaltung zu ernst, für eine literarische Perle zu einfach gestrickt.

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    Cover des Buches Die Erfindung der Sprache (ISBN: 9783463000237)

    Bewertung zu "Die Erfindung der Sprache" von Anja Baumheier

    Die Erfindung der Sprache
    Madame_Klappentextvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Adam hats direkt in mein Herz geschafft, so sympathisch schrullig wie er ist
    Tolle Figuren und herzerwärmende Geschichte

    Inhalt: Oda, Hubert und Adam sind eine ganz normale Famile. Naja, vielleicht nicht ganz, denn Adam ist besonders, da er eine ganz eigene Beziehung zur Sprache hat. Außerdem sind ihm feste Strukturen sehr wichtig, um seinen Alltag meistern zu können. Adam stehen nicht nur seine Eltern zur Seite, sondern auch seine Oma Leska und Opa Ubbo und mit ihm die gesamten Einwohner von Platteoog. Als Erwachsener muss Adam nun seine gewohnten Verhaltensweisen über Bord werfen, um seinen verschwundenen Vater zu finden, damit seine Mutter zurück ins Leben findet. Eine ungewöhnliche Reise nimmt ihren Anfang, die Adam viel abverlangt.

    Leseeindruck: Ach, wie schnell man Charaktere doch ins Herz schließen kann. Adam ist von Beginn an ein Sympathieträger und das nicht trotz seiner Macken, sondern genau deswegen. Er ist nicht perfekt und das ist genau richtig so. Er mag lieber mit Maschinen reden als mit Menschen und muss immer bestimmte Verhaltensmuster einhalten, um voran zu kommen. Ja, vielleicht sind Adam und mit ihm auch eine Menge der anderen Charaktere an der einen oder anderen Stelle überzeichnet, denn es gibt wirklich keine einzige Figur, die nicht irgendwie besonders ist, aber genau das mancht den Charme der Geschichte aus. Allesamt werden sie von ihrer menschlichen und auch verletzlichen Seite gezeigt, das macht es unheimlich einfach eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Trotz der Schwere des Themas hat mich die Leichtigkeit der Geschichte beeindruckt. Zum einen entsteht die genau durch die überzeichneten Charaktere und Situationen, von denen man sich nur schwer vorstellen kann, dass diese einem auch in der Realität begegnen können. Zum anderen ist die Sprache selbst so großartig. Leska mit ihrem tschechischen Akzent oder eben Adams rationale Art mit dem Drang immer Listen zu verfassen, lockern die Ernsthaftigkeit immer wieder auf. Ingesamt ist es eine eher heitere Story, die einen super vom eigenen Alltag ablenkt und dafür sorgt, dass man in Gedanken auf Reisen geht.

    Adams Reise ist dabei so etwas wie ein ungewollter Roadtrip. Er stolpert von einer eigenartigen Situation in die nächste und bleibt dabei einfach immer der liebenswerte Held (sehr passend ist in diesem Zusammenhang übrigens der Bezug zum klassischen Heldenepos). Ich muss aber auch zugeben, dass Adam für mich die Geschichte trägt, denn es gibt so viele Figuren in der Geschichte, die am Rande auftauchen, dass es mir hin und wieder schon zu viel geworden ist. Immer wieder habe ich Adam herbeigesehnt, deshalb konnte bei mir die Gegenwartshandlung auch deutlich mehr punkten als die Rückblicke zur jungen Oda. Vielleicht hat es aber auch daran gelegen, dass ich so überhaupt keinen Draht zu Hubert aufbauen konnte. Ja, er soll rätselhaft sein, das macht ihn aus, aber leider trägt er in meinen Augen auch nicht allzuviele Sympathiewerte in sich. Im Prinzip haben die meisten Probleme ihren Ursprung in seiner Person. Auch wenn es am Ende eine Erklärung für Huberts Verhalten gibt, hat mich die Lösung doch nicht so zufriedengestellt, wie ich es mir gewünscht habe. Aber das mag im Auge des Betrachters liegen. In jedem Fall ist Adams Entwicklung mehr als gelungen und ich freue mich so für ihn.

    Man mag sich fragen, wass es mit dem Titel „Die Erfindung der Sprache“ auf sich hat. Das ist quasi das Buch in der Geschichte, das der Auslöser für Adams Reise ist. Allerdings hat der Titel bei mir bewirkt, dass ich mit falschen Erwartungen an das Buch gegangen bin. Ich habe mir ein Buch über Sprache erträumt. Das ist es aber nicht. Ja, Sprache spielt eine nicht unwesentliche Rolle, aber es sind doch eher die Zahlen, die Adams Leben prägen. Trotzdem kommt Sprache nicht zu kurz, denn es gibt unzählige Anspielungen auf Sprachtheorie, die ganz nebenbei mit eingebaut werden und sich wie selbstverständlich ins Geschehen einordenen. Mich hat das an alte Unitage erinnert und ich hätte nie gedacht, dass man Linguistik so gekonnt in einen Unterhaltungsroman einbauen kann. Wirklich einfallsreich.

    Lieblingsnebencharakter: Im Prinzip besteht dieses Buch aus unzähligen Nebencharakteren, denn alle, die nicht zur Adams Familie gehören, könnten hier genannt werden. Irgendwie ist es bei der Fülle schwer sich zu entscheiden und noch dazu waren sie mir manchmal auch zu viel. Schließlich ist mir doch Adam besonders ans Herz gewachsen, deshalb sollen hier die Charaktere genannt werden, die für Adam wichtig waren und sind:

    • Zola – weil sie Adam zu der Reise animiert hat und ihn sofort mit all seinen Ecken und Kanten akzeptiert hat.
    • Zola, die Katze – einfach weil es sie gibt und Treue belohnt werden muss.
    • der Koffer – weil er nie von Adams Seite weicht und sicher noch viel mehr Reisen unternehmen will.
    • Martha – weil sie Adam wichtig ist – zu Recht.
    • die Reklametafel – weil es sie gibt, lest selbst.

    Fazit: Adams Geschichte bewegt auf mehreren Ebenen. Es ist eine rührende Familiengeschichte, zeichnet aber auch die Reise zu sich selbst nach und macht dabei unheimlich viel Spaß. Außergewöhnliche Charaktere treffen auf verrückte Situationen. Manchmal scheint das etwas zu viel zu sein und doch bietet der Roman eine tolle Mischung aus Komik und Drama. Hin und wieder hätte ich mir mehr Adam und weniger drumherum gewüscht, aber macht euch am besten selbst ein Bild, denn unterhaltsam ist das Buch in jedem Fall.

    Kommentare: 1
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