MaternaKuhn

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Rezensionen und Bewertungen

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    Cover des Buches Federball (ISBN: 9783550200540)

    Bewertung zu "Federball" von John le Carré

    Federball
    MaternaKuhnvor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Hält nicht, was die Literatur-Presse verspricht
    Unerklärliche Vorschußlorbeeren

    John Le Carrè geht mit einem riesigen Bonus ins Rennen. Der Altmeister des subtilen Spionage-Romans will es mit 88 Jahren noch einmal wissen und die Presse überschlägt sich vor Lob und Begeisterung. Also geht man voller Vorfeude ans Lesen des neuerlichen Meisterwerks.
    Ein schon etwas älterer Spion kehrt ins gute alte England zurück und wird mangels besserer Aufgaben in eine unbedeutende Filiale in London abgeschoben. Er trifft sich mit aktuellen und früheren russischen Informanten. In seiner Freizeit spielt er mit Begeisterung Badminton, wobei sich sein neuer Federball-Gegner später zum eher halbherzigen Spion für die Russen entwickelt.
    Das ist die Story.
    Über 90 Prozent des Buches quält sich eine zähe Handlung durch endlose Dialoge ohne Spannung und Esprit. In einem deutschen Finanzamt geht es mit Sicherheit spannender zu als in den Spionage-Abteilungen, die Carré zeichnet. Lange fragt man sich, welche wertvollen Informationen wohl so wertvoll sind? Die Busfahrpläne Londons? Nein, es ist die mögliche Aussicht darauf, daß Großbritannien nach dem Brexit in enge Gespräche mit den USA eintreten wird… Überraschung… Gähn.
    Viele Kritiker feiern das Buch als Anti-Brexit-Manifest. Weit gefehlt, allenfalls ein Nebenkriegsschauplatz, wenn Carré dem jungen Ed ein paar hitzköpfige Statements in den Mund legt.
    Die längste Zeit fragt man sich, ob Le Carré vielleicht die bewusste Persiflage eines Spionage-Thrillers schreiben und all die James Bonds als langweilige Beamte entlarven wollte. Aber auch diese Hoffnung stirbt im Verlauf des Buchs.
    Zur Ehrenrettung von Carré muss man erwähnen, dass dass Buch auf den letzte 20 Seiten sogar so etwas wie einen Hauch Spannung entwickelt. Aber auch das bleibt letztendlich ein Strohfeuer mit einem unlogischen Ende.

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    Cover des Buches Der Zirkel der Macht (ISBN: 9781477822418)

    Bewertung zu "Der Zirkel der Macht" von Barry Eisler

    Der Zirkel der Macht
    MaternaKuhnvor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Mehr als ein Thriller
    Mehr als ein Thriller

    Barry Eislers Roman wird allen Klischees gerecht. Durchtrainierte Männer einer Special Forces-Einheit bringen die Welt ins Wanken. Korrupte Politiker mit dem notwendigen Schuß Größenwahn manipulieren Presse, Untergebene und am besten natürlich gleich das gesamte Volk. Rasante Verfolgungsjagden, wilde Schiessereien, wechselnde Länder, schöne Frauen und Sex. Genauso hat man sich das doch vorgestellt. Oder zumindest so ähnlich. Aber das kann man doch auch von einem Autor erwarten, der selbst 3 Jahre als verdeckter Agent bei der CIA gearbeitet hat.
    Soweit so gut.
    Aber dann kippt der Eindruck. Die Dialoge werden anspruchsvoller, die Thematik brandaktuell.
    Wie der Nachspann erläutert, ist die Handlung an einer wahren Begebenheit in den USA angelehnt. 92 Regierungs-Videos sind verschwunden, auf denen die brutalsten und abschreckendsten Foltermaßnahmen durch US-Einheiten zu sehen sind, die es jemals gab und im Vergleich zu denen Waterboarding als kaum erwähnenswerte Bagatelle erscheint. Die mächtigen Drahtzieher aller Machtgruppen setzen alles daran, dass diese Videos nicht an die Öffentlichkeit kommen.
    In seinen Dialogen gelingt es Eisler, die wahren Machtverhältnisse in den USA schonungslos aufzudecken. Und das ist letztendlich die Überraschung dieses Romans. So ganz nebenbei wird aus einer fesselnden Handlung eine harsche Systemkritik. Barry Eisler ist nicht nur ein exzellenter Geschichtenerzähler und Ex-CIA-Agent , sondern ein Bürgerrechtler, der gegen Korruption, betrügerischen Journalismus, Folter und für das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit eintritt. Und deshalb trotz des etwasisler unbefriedigenden, weil offenen Endes - Chapeau!

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    Cover des Buches American War (ISBN: 9783596299447)

    Bewertung zu "American War" von Omar El Akkad

    American War
    MaternaKuhnvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Absolut nachvollziehbar!
    Erschreckend und nachvollziehbar

    Kann eine Utopie aktueller sein als der Roman dieses jungen kanadischen Autors, Kriegsberichterstatters und Journalisten ägyptischer Herkunft? Wohl kaum. Gerade erklärt Donald Trump seinen Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen und kündigt an, die Bedeutung fossiler Brennstoffe wieder mehr zu stärken. 


    Genau da setzt El Akkads Geschichte an. Aus der Utopie wird eine Dystopie. Südstaaten und Nordstaaten stehen wieder im Krieg. Das hatten wir schon einmal, aber nun geht es nicht um die Befreiung der Sklaven, sondern um die Ansprüche der Südstaaten, unbedingt zu Land und zu Wasser weiter mit ihren Verbrennungsmotoren fahren zu wollen. Das klingt unglaublich, aber ist absolut nachvollziehbar. Siehe oben.


    Für dieses Recht werden erbitterte Kriege geführt, mit ferngesteuerten Drohnen Menschen abgeschlachtet und mittels Biowaffen Seuchen in die Welt gesetzt, die Millionen Todesopfer fordern. Und das alles obwohl mittlerweile als Folge der Klimaerwärmung weite Teile der USA und der Welt überschwemmt sind - Florida ist zum Beispiel nur noch eine kleine Rest-Insel. Das politische Gleichgewicht hat sich weltweit verschoben. In Nordafrika hat sich nach dem fünften arabischen Frühling das Bouazizi-Reich ausgebildet und ist zur dominierenden Weltmacht geworden.


    Genau dieses Bouazizi-Reich tut das Gleiche, was die Großmächte auch heute tun - sie manipulieren und unterstützen nach Belieben beide Kampfparteien, denn solange diese Krieg führen und sich nicht einigen wird ihre Vormachtstellung nicht gefährdet. Trumps Unterstützung des Brexit mit konsekutiver Schwächung der EU lässt grüßen.


    Natürlich kommen in diesem Roman auch all die menschlichen Schicksale und Irrungen nicht zu kurz und schaffen einen eindrucksvollen Spannungsbogen durch den fortlaufenden Handlungsstrang. Wer es nicht eh schon weiß, bekommt hier nochmals eindrucksvoll vor Augen geführt, wieviel männliches Imponiergehabe, wieviel menschliche Geltungssucht, wieviel wirtschaftliche und egoistische Interessen und wieviel blinder Fanatismus hinter jeder kriegerischen Auseinandersetzung steckt


    Der Autor entwickelt seine Geschichte in den Jahren 2075 bis 2123 - also nur eine irreale Utopie? Vielleicht. Aber eher wohl nicht. Und wohl eher auch nicht so fern.

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    Cover des Buches Die Hauptstadt (ISBN: 9783518469200)

    Bewertung zu "Die Hauptstadt" von Robert Menasse

    Die Hauptstadt
    MaternaKuhnvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Absolute Empfehlung!
    Ganz grosse Literatur

    Wie oft kommt es schon vor, dass man durch einen Artikel in der New York Times auf einen österreichischen Schriftsteller aufmerksam gemacht wird, der in der deutschen Literatur-Szene Furore macht? Sicher nicht oft, aber bei Robert Menasse war es so. Große internationale Presse, vielstimmige Lobeshymnen allenthalben - da ist man aber dennoch erst einmal skeptisch.

    Doch dieser Autor überzeugt wirklich auf vielen Ebenen und deshalb schon vorweg ein Urteil, das eigentlich an den Schluss gehört - ein richtig gutes Buch!


    Menasse verknüpft viele Handlungsstränge, die sich um verschiedene Personen (und um ein Schwein) ranken, wobei aber alles irgendwo und irgendwie mit der de facto Hauptstadt der Europäischen Union (EU) Brüssel zu tun hat.

    Auch in Kenntnis seines Studiums der Politologie (neben Philosophie und Germanistik) demonstriert der Autor ein weit darüber hinausgehendes, beeindruckendes Fakten- und Insiderwissen rund um die Strukturen und Institutionen der EU. Aber das alles fliesst allenfalls am Rande und fast unmerklich in den Roman ein. 

    Im Vordergrund steht die Roman-Prosa, stehen Geschichten verschiedener Charaktere, wobei jeder einzelne Menasse mit seiner Vergangenheit und Gegenwart reichhaltig Plattformen bietet, um als perfekter Erzähler ganz spielerisch all das unterzubringen, was ihm anscheinend unter den Nägeln brennt: Herbe Bürokratismus-Kritik am in seiner Gesamtheit rettungslos versteiften EU-Apparat. Menschliche Interaktionen aus kalter Karriere-Berechnung, aber doch mit der heimlichen Hoffnung auf menschliche Wärme. Salonfähiger Lobbyismus aus existentiellen oder familiären Beweggründen. Und ganz viel mehr.

    Menasse verfügt über eine weit überdurchschnittliche Empathie. Gepaart mit der herausragenden Fähigkeit, seine Wahrnehmungen in Worte zu fassen, liest sich der Roman leicht und hinterlässt beim Leser dennoch Spuren - faktisch und emotional. Seine messerscharfen und pointierten Formulierungen könnten endlos aufgelistet werden. Beispiele? Gerne:

    „… dieses wichtigtuerische Trolley-Rollen, das bedeutsame Eilen zu Meetings, dieses Beantworten von Floskeln mit Floskeln…“

    „Sie waren leicht zu begeistern, nämlich von sich selbst, wenn sie redeten, rhetorische Demonstrationen des reinen Glücks…“

    „Wenn sie von der Zukunft redeten, dann von einer möglichst reibungslosen Verlängerung der Gegenwart, nicht von der Zukunft…“

    Oder zum Auf-der-Zunge-Zergehen-lassen: 

    „ Sie vermieden die Überzuckerung der Seele durch die Süße der Empathie.“

    „Touristen, diese Jäger nach Klischees, die sie in ihren Köpfen mitbrachten.“

    Was den ein oder anderen Leser vielleicht irritiert, ist, dass dieses Buch nicht in die üblichen Genre-Schubladen passt. Da gibt es eine Kriminalgeschichte rund um einen Mord, da gibt es ein wenig Spionage, Familientragödien, Nationalismus und Nationalsozialismus, jede Menge menschliche Schicksale. Dazu ein Schuss Liebesroman und ein wenig politische Sachinformationen. Wer nur das eine oder andere sucht, hat vielleicht ein Problem mit dieser Fusion von Literatur-Kategorien. Wer das Neue, Spannende, Anregende, Abwechslungsreiche sucht, ist bei diesem Roman genau richtig.

    So etwas kommt nicht leicht von den Lippen, aber dieser Roman ist ganz große zeitgenössische Literatur.

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    Cover des Buches Die stumme Patientin (ISBN: 9783426282144)

    Bewertung zu "Die stumme Patientin" von Alex Michaelides

    Die stumme Patientin
    MaternaKuhnvor einem Jahr
    Manches geht gar nicht...

    Was kann vielversprechender sein als ein Psychothriller von einem Autor, der selbst eine mehrjährige Psychotherapeuten-Ausbildung hinter sich hat und dessen Roman auch noch in einer psychiatrischen Klinik spielt. Dazu sich vor Lob übertreffende Schriftsteller-Kollegen und Fachjournalisten („Der internationale Spannungsbestseller des Jahres 2019“) - was soll da noch schief gehen?
    Aber wie so oft, wenn es zu viele Vorschusslorbeeren gibt und wenn die Erwartungen zu sehr hochgeschraubt wurden, dann ist das Ergebnis oft eher ein Naja.
    Ohne Zweifel beherrscht Alexis Michaelidis sein Metier besser als manch anderer. Guter Spannungsbogen, wechselnde Erzählperspektiven, recht gute Dialoge.
    Aber was bei einem solchen Thriller gar nicht geht, sind echte Logik-Fehler.
    Dabei wollen wir mal aussen vorlassen, ob heutzutage wirklich noch Männer die Liebhaber ihrer Frauen umbringen wollen oder nicht doch eher die Frau oder beide oder noch viel eher sich einfach trennen.
    Aber was ein Denk-Fauxpas erster Güte ist, wenn einer der Protagonist glaubt, er müsse eine Zeugin umbringen, die wegen Unzurechnungsfähigkeit in einer geschlossenen Anstalt einsitzt, um diese an ihrer Aussage zu hindern und damit Spuren zu verwischen… 
    Also insgesamt allenfalls nett, aber in keiner Weise „ein perfekter Thriller“.
    Aber wie so oft, wenn es zu viele Vorschusslorbeeren gibt und wenn die Erwartungen zu sehr hochgeschraubt wurden, dann ist das Ergebnis oft eher ein Naja.
    Ohne Zweifel beherrscht Alexis Michaelidis sein Metier besser als manch anderer. Guter Spannungsbogen, wechselnde Erzählperspektiven, recht gute Dialoge.
    Aber was bei einem solchen Thriller gar nicht geht, sind echte Logik-Fehler.
    Dabei wollen wir mal aussen vorlassen, ob heutzutage wirklich noch Männer die Liebhaber ihrer Frauen umbringen wollen oder nicht doch eher die Frau oder beide oder noch viel eher sich einfach trennen.
    Aber was ein Denk-Fauxpas erster Güte ist, wenn einer der Protagonist glaubt, er müsse eine Zeugin umbringen, die wegen Unzurechnungsfähigkeit in einer geschlossenen Anstalt einsitzt, um diese an ihrer Aussage zu hindern und damit Spuren zu verwischen… 
    Also insgesamt allenfalls nett, aber in keiner Weise „ein perfekter Thriller“.

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    Cover des Buches Die Enden der Welt (ISBN: 9783596512232)

    Bewertung zu "Die Enden der Welt" von Roger Willemsen

    Die Enden der Welt
    MaternaKuhnvor einem Jahr
    Eine neue Dimension

    Der erste Roger Willemsen. Die Eröffnung einer neuen Dimension des Lesens. Willemsen reist an die Enden der Welt. Neben den naheliegenden, vermeintlich geografischen Enden der Welt wie Patagonien, dem Himalaya und dem Nordpol sind es aber auch emotionale Enden der Welt, an die Willemsen reist - ein Bordell in Bombay, eine Totenfeier auf Tonga, ein Opium-Rausch im Golden Triangle. Obwohl die Enden der Welt für Roger Willemsen allesamt am wenigsten geografischen Orte sind, sondern extreme Situationen und Begebenheiten denen er sich aussetzt, um das zu erfahren, was „dahinter“ liegt. 

    Wer in den Enden der Welt einen konventionellen Reisebericht sucht, wird sicherlich enttäuscht werden, denn Roger Willemsen sehnt sich danach, Menschen, Landschaften, Kulturen und Riten zu durchdringen und zwar auf einer diffizilen Wahrnehmungsebene, die den Leser sprachlos macht. Willemsen beherrscht es, die Dinge auf so vielen Ebenen zu erfühlen und diese Reflexionen in eine Sprache zu gießen, die einem fassungslose Bewunderung abringt. Die Orte, die Willemsen bereist, sind Orte, die eine besondere Mystik, eine herausfordernde Atmosphäre und irgendwo auch einen Grenzbereich zwischen Leben und Tod darstellen - letzteres etwas, das sich durch das gesamte Buch zieht. 

    Wer nach einer anspruchsvollen Lektüre sucht, die einen zum Nachdenken anregt, die an Schauplätzen rund um diese Erde spielt, die einen in die Wahrnehmungswelten einer außergewöhnlich reflektierten Persönlichkeit mit einer unglaublichen Sprachakrobatik entführt, der wird große Freude an diesem Buch haben.


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    Cover des Buches Die Vegetarierin (ISBN: 9783746633336)

    Bewertung zu "Die Vegetarierin" von Han Kang

    Die Vegetarierin
    MaternaKuhnvor einem Jahr
    Positiv irritierend

    Bizarr. Kafkaesk. Aufwühlend. Oder im besten Fall sonderbar. Verstörend. Das sind die Attribute, die sich durch alle Rezensionen und Pressestimmen ziehen.
    Dieses Werk der südkoreanischen Autorin hebt sich aus vielen Gründen aus der gängigen Literatur-Landschaft ab.

    DIE STORY. Eine unauffällige Frau inmitten eines durchschnittlichen Lebens beschließt scheinbar aus heiterem Himmel, kein Fleisch mehr zu essen. Ihr Mann kann mit dieser Einstellung und mit ihrem immer mehr von der Norm abweichenden Verhalten nicht umgehen. Schweigen als Mittel der Kommunikation ist erwartungsgemäss nicht hilfreich. Unter dem Druck der Familie begeht sie vor den Augen der Familie einen Suizid-Versuch. Der Mann trennt sich von ihr. Fast gleichzeitig entdeckt ihr Schwager sein obsessives Interesse an ihr und benutzt sie als Medium für seine künstlerischen und sexuellen Fantasien. Die Affäre fliegt auf. Dennoch kümmert sich die betrogene Schwester aus zweifelhaften Motiven um die Vegetarierin, die mittlerweile dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht ist. Nur einmal gelingt es ihr zu fliehen. Man findet Sie im Wald wieder, wo sie im strömenden Regen hofft, dass ihre Beine Wurzeln schlagen, da sie doch ein Baum wie alle umstehenden Bäume ist.

    Was ist normal? Wo fängt Verrücktheit an? Wo findet man sich vielleicht selbst wieder? Wo beginnt psychische Krankheit und wer definiert das?
    All das sind die ewigen Kernfragen der Psychologie und Psychiatrie. Warum ist Vegetarismus überhaupt „auffällig“? In einer südkoreanischen Gesellschaft, wo nur eine kleine Minderheit fleischlos lebt, offensichtlich schon. Wir sagen - wo ist das Problem? Aber was ist, wenn die Vegetarierin plötzlich das gesamte eingefrorene Fleisch aus dem Kühlschrank holt und eine Nacht lang inmitten des vor sich hin tauenden Fleisches sitzt. Wie in dieser Szene gelingt es Han Kang immer wieder, diese fliesenden Grenzen auszutesten und den Leser zu verunsichern.

    Der Roman bietet im Rahmen seiner Vielschichtigkeit tiefe Einblicke in die südkoreanische Kultur und mutet fast wie eine Zeitreise in ein Deutschland der 50er und 60er Jahre an. Eine kompromisslos patriarchalische und autoritäre Familienstruktur, der sich alle widerstandslos unterordnen. Gleichzeitig ist diese nur scheinbar heile Welt der Nährboden für individuelle Tragödien, neurotische Verhaltensstörungen bis hin zur psychischen Dekompensation. Aber Stopp! Ein jeder hüte sich davor, überheblich zu sagen, das wäre bei uns lange vorbei. Nein, es ist Gegenwart, nur mit anderen Facetten und anderen Themen.

    Die literarische Klaviatur der südkoreanischen Autorin ist mehr als beachtlich. Die Wortwahl ist sachlich, aber immer treffsicher. Trotz oder gerade wegen des eher puristischen Stils weckt sie verstörende Emotionen im Leser. Absolut spannend, dass die drei Teile des Romans aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt werden - zunächst der Ehemann, dann der Schwager, dann die Schwester. Nur nie die Betroffene. Nicht verwunderlich, dass Han Kang Dozentin für Kreatives Schreiben am Kulturinstitut in Seoul ist.

    Das Buch wirkt lange nach. Und man ist geneigt, weitere Attribute hinzuzufügen. Krass. Unheimlich. Surrealistisch. Skurril. Lesenswert.

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    Cover des Buches Vaterland (ISBN: 9783453421714)

    Bewertung zu "Vaterland" von Robert Harris

    Vaterland
    MaternaKuhnvor 2 Jahren
    Spannend, fesselnd, lehrreich

    Viele können spannende Geschichten erzählen. Kann man auch Geschichte spannend erzählen? Ja, man kann. Man nehme ein Buch von Robert Harris und bevor man sich versieht, ist man mitten drin und wird Teil einer Geschichte, nein besser der Historie.

    Robert Harris macht das exzellent, subtil, sachlich, aber doch mitreissend. Und unglaublich kompetent - was muss dieser Mann für seine Bücher recherchiert haben!?!

    Gleich zwei Mammut-Werke rund um die Zeit des Nationalsozialismus hat der englische Autor geschaffen - VATERLAND, sein weltweit erfolgreicher Debütroman, und später das nicht weniger beachtete MÜNCHEN.

    VATERLAND. Man stelle sich vor, Hitler hätte den zweiten Weltkrieg gewonnen. Wie wäre der Verlauf der Geschichte gewesen und wie hätte Deutschland, wie hätte Europa und wie hätte die Welt Mitte der 60er Jahre wohl ausgesehen. Ein Horrorszenario, das man faktisch-spekulativ aufarbeiten könnte. Nicht so bei Robert Harris. Er entwickelt in diesem historischen Setting einen Thriller, in dem sowohl die gealterten Größen der Nazi-Zeit eine Rolle spielen, aber vor allem beleuchtet er anhand eines zunächst recht simpel erscheinenden Kriminalfalles den Alltag des gemeinen Volkes im fiktiven grossdeutschen Vaterland - von den zeit- und systemlosen persönlichen Problemen von Männern und Frauen bis hin zu den typischen Alltagssituationen innerhalb des totalitären Nazi-Deutschland.

    Robert Harris ist ein absoluter Ausnahme-Schriftsteller. Er zaubert aus geschichtlichen Ereignissen fesselnde Unterhaltung und anhaltende Spannung und das mit all den Erfolgsrezepten, die einen herausragenden Roman ausmachen: Verbrechen, Vertrauen, Loyalität, Irreführung, Gewalt und Liebe eingerahmt von perfekt recherchierten historischen Ereignissen und Dokumenten. Und all das so leicht dargeboten, dass man nicht nur etwas lernt, sondern gar nicht aufhören will zu lesen. Wenn es Robert Harris nicht gäbe, müsste man ihn unbedingt erfinden.

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    Cover des Buches München (ISBN: 9783453271432)

    Bewertung zu "München" von Robert Harris

    München
    MaternaKuhnvor 2 Jahren
    Spannend, fesselnd, lehrreich

    Viele können spannende Geschichten erzählen. Kann man auch Geschichte spannend erzählen? Ja, man kann. Man nehme ein Buch von Robert Harris und bevor man sich versieht, ist man mitten drin und wird Teil einer Geschichte, nein besser der Historie.

    Robert Harris macht das exzellent, subtil, sachlich, aber doch mitreissend. Und unglaublich kompetent - was muss dieser Mann für seine Bücher recherchiert haben!?!


    Gleich zwei Mammut-Werke rund um die Zeit des Nationalsozialismus hat der englische Autor geschaffen - VATERLAND, sein weltweit erfolgreicher Debütroman, und später das nicht weniger beachtete MÜNCHEN.


    MÜNCHEN. Ein Roman rund um die Münchner Konferenz von 1938. Ok, kennt man ja noch der Spur nach aus dem Geschichtsunterricht. Und wie es ausging, weiß man ja zur Genüge. Was also kann daran spannend sein? Robert Harris schafft genau das, indem er in das politische Geflecht des drohenden Weltkrieges zwei Schicksale einbindet - den englischen Privatsekretär von Premierminister Chamberlain und den deutschen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, die sich aus Studienzeiten auch noch persönlich kennen. Durch diese beiden Protagonisten erreicht der Leser eine Nähe zu den Polit-Größen der damaligen Ereignisse wie es eine Geschichtsstunde nie bewerkstelligen könnte. Und obwohl man ahnt oder weiß, wie es ausgehen wird, fiebert man von Anfang bis Ende mit. 


    Robert Harris ist ein absoluter Ausnahme-Schriftsteller. Er zaubert aus geschichtlichen Ereignissen fesselnde Unterhaltung und anhaltende Spannung und das mit all den Erfolgsrezepten, die einen herausragenden Roman ausmachen: Verbrechen, Vertrauen, Loyalität, Irreführung, Gewalt und Liebe eingerahmt von perfekt recherchierten historischen Ereignissen und Dokumenten. Und all das so leicht dargeboten, dass man nicht nur etwas lernt, sondern gar nicht aufhören will zu lesen. Wenn es Robert Harris nicht gäbe, müsste man ihn unbedingt erfinden.

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    Cover des Buches Der stille Amerikaner (ISBN: 9783423131292)

    Bewertung zu "Der stille Amerikaner" von Graham Greene

    Der stille Amerikaner
    MaternaKuhnvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Absolute Empfehlung!
    Spannend und zeitlos

    Warum hat ein Roman, den Graham Green 1955 erstmals veröffentlichte, bis heute nichts an Aktualität eingebüsst? Und warum stand Green unter anderem auch wegen dieses Buches bis zu seinem Tod 1991 auf der Beobachtungsliste der CIA?


    Die Story: ein englischer Kriegsreporter hat sich in Zeiten des Indochina-Krieges sein Leben in Saigon eingerichtet und erfüllt nahezu jedes Klischee. Abends in Bars, eine vietnamesische Geliebte, die ihm scheinbar emotionslos und devot jeden Wunsch von den Augen abliest, gelegentliche Presse-Ausflüge in den Norden rund um Hanoi, um sich im Kampfgebiet von den Franzosen auf dem Silbertablett die aktuellen Erfolge (und natürlich nur die…) präsentieren zu lassen, über die er dann zensiert nach London berichten darf. Nach etlichen Jahren dieses Lebens und durch den regelmässigen Opium-Konsum ist der Mann die wandelnde Coolness. Aber plötzlich erscheint da ein deutlich jüngerer Amerikaner auf der Bildfläche, der mit seinem jugendlichen Elan und Eifer in Vietnam etwas bewegen will. Vordergründig als Handelsattaché agierend, wird recht schnell klar, dass seine Aktionen und Absichten viel weitreichender sind und seine US-Auftraggeber tiefgreifende politische Intrigen schmieden. Da er in seiner romantischen Art mehr Gentleman ist als der alternde Engländer und zudem finanzielle Sicherheit bietet, wird seine naive Verliebtheit von der vietnamesischen Geliebten des Engländers mit ihrer Form von „Dollar-Liebe“ rasch erwidert. Zwei Männer - eine Frau. Vor der Kulisse eines untergehenden Landes ist auch eine persönliche Katastrophe vorprogrammiert.


    Graham Green gelingt es, in seinem Roman eine Stimmung hervorzurufen und ein Bild zu malen, das den Leser unweigerlich in das Saigon jener Zeit versetzt. Aber auch heute spürt man diese Zeit allenthalben, wenn man durch Ho Chi Minh City streift. In bester Ernest Hemingway-Manier schärft er das Profil eines coolen, abgeklärten und mit allen Wassern gewaschenen Helden inmitten eines kriegerischen Umfeldes, wobei dieser aber unter seiner rauen Schale deutlich mehr Emotionen und Empathie verbirgt als die Helden Hemingway’scher Epen. Viele Aspekte menschlicher Wesenszüge werden überraschend subtil beleuchtet, aber auch typische kulturelle Besonderheiten werden feinsinnig hinterfragt, obwohl das Buch selbst eher als spannender Kriminalroman angelegt ist. Dass die politischen Rahmenbedingungen und Machenschaften mehr oder weniger deutlich angesprochen werden, ist sehr lobenswert, da die allgemeinen Prozesse sich historisch gesehen ebenso permanent wiederholen, so wie auch die Rolle der Grossmächte (im Speziellen der USAI) bis heute zeitlose Stereotypien aufweist. 


    Ein auch heute noch absolut lesenswerter, spannender und unterhaltsames Roman, der auf eine stille Art und Weise überraschend viel Tiefgang aufweist.

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