Mightynina

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    Cover des Buches Marianengraben (ISBN:9783847900429)

    Bewertung zu "Marianengraben" von Jasmin Schreiber

    Marianengraben
    Mightyninavor einem Monat
    Kurzmeinung: Wäre mein Herz ein Bücherregal, würde MARIANENGRABEN einen Ehrenplatz darin erhalten: echt ergreifende und zauberhaft skurrile Geschichte!
    Vom Sterben, Auftauchen und Leben.

    Paula verliert auf tragische Art und Weise ihren kleinen Bruder Tim, was sie in tiefe Depressionen stürzt. Auf dem Bucheinband steht „in eine Depression“, aber ich stelle mir Depressionen eher wie eine Menschenmenge vor, in der man gerade noch treibt und plötzlich versinkt. Auch Paula geht unter und sitzt nun auf dem tiefsten Grund ihrer Seele fest, allein im Marianengraben, am tiefsten Tiefpunkt einer Welt, zu der sie ohne Tim sowieso nie so richtig Zugang hatte.

    Tim fehlt, der vor Leben sprühte und der größte kleine Entdecker aller Zeiten war. Ohne, dass Paula die Welt mit seinen Augen sehen kann, bleibt sie für die junge Frau einfach stehen, und alle ihre Pläne und Träume erscheinen nichtig. Erst durch eine (sehr witzige) Zufallsbegegnung wird sie eines Tages aus ihrer Trauer-Wachstarre gerüttelt, nämlich als sie auf den schrulligen Rentner Helmut trifft, der auch noch eine Rechnung mit dem Leben offen hat. Bald finden die beiden sich im langsamsten Roadmovie aller Zeiten wieder, denn Helmuts Ferienmobil ist auch nicht mehr das jüngste. Zusammen beginnen die anfänglichen Zankhähne, sich mit dem Leben zu versöhnen.

    Ein Buch darüber, dass man sterben muss und leben sollte.

    MARIANENGRABEN ist ein Roman über Trauer, Liebe, Hoffnung und darüber, dass sich zwar keiner von uns entschließen kann, nicht zu sterben, aber wir uns alle entscheiden können zu leben. Was die ohnehin schon sehr nahegehende Geschichte noch ergreifender macht, ist der Erzählstil, der oft fast in Briefform an den Bruder adressiert ist. Man fühlt nahezu körperlich die Sehnsucht eines Menschen, der seinen einzigen Verbündeten und damit auch sich selbst verloren hat.

    Das Buch ist sowieso gefühlt von viel Wahrhaftigkeit durchzogen. Daher passt es für mich, dass Jasmin Schreiber seit Jahren als ehrenamtliche Sterbe-Begleiterin und Sternenkinder-Fotografin arbeitet und auch Depressionen ihr wohl nicht fremd sind. Der Bruder der Autorin erfreut sich jedoch nach eigenen Angaben erfreulicherweise bester Gesundheit und dürfte definitiv älterer als Tim sein.

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    Cover des Buches Das Museum der Welt (ISBN:9783423282185)

    Bewertung zu "Das Museum der Welt" von Christopher Kloeble

    Das Museum der Welt
    Mightyninavor einem Monat
    Kurzmeinung: Die größte Expedition der Neuzeit, als spannende Abenteuergeschichte erzählt: Begleite den Waisenjungen Bartholomäus durch Indien!
    Magische Expedition durch das koloniale Indien.

    Drei Jahre lang begleitet Bartholomäus Robert, Hermann und Adolph Schlagintweit durch einen widersprüchlichen und größtenteils unentdeckten Kontinent. Christopher Kloeble, der selbst familiär mit Indien verbandelt ist, hält sich dabei strikt an die echte Forschungsroute und macht drei Pioniere bekannt, die trotz ihrer weltbewegenden Erkenntnisse so gut wie in Vergessenheit geraten sind.


    Indien in den 1850ern, die East India Company herrscht wie eine Regierungsmacht über weite Teile des Subkontinents. Derweil wächst Bartholomäus unter der Obhut eines bayrischen Geistlichen in einem Waisenhaus in Bombay auf. Aufgeweckt, aber schmächtig, geht er den Streichen der anderen Waisenkinder aus dem Weg und erschafft sich in einer alten Holzkiste ein Museum aus gesammelten Dingen.


    Denn Bartholomäus ist – wie sein großes Vorbild Alexander von Humboldt – überzeugt davon, dass jedes noch so unscheinbare Objekt ihm hilft, die Welt als Ganzes zu verstehen. Und wer die ganze Welt versteht, versteht auch seine eigene Identität.


    Bald trifft Bartholomäus auf drei Persönlichkeiten, die ebenfalls die Welt verstehen wollen: Auf Empfehlung Humboldts und im Auftrag der Company brechen die deutschen Gebrüder Schlagintweit am 20. September 1854 aus England zu einer Forschungsreise nach Indien und Hochasien auf. In Bombay verpflichten sie den altklugen Waisenjungen, der Deutsch und etliche andere Sprachen spricht, als Übersetzer für diese größte und teuerste Expedition ihrer Zeit.


    Die wahre Geschichte der Forscher dabei aus der Perspektive des fiktiven Bartholomäus zu erzählen, habe ich beim Lesen als ziemlich genial empfunden. Denn so konnte ich neugierig, aber auch hinterfragend dabei sein, wenn die Schlagintweits unerforschte Gebiete erschließen oder vor lauter Wissensdrang die menschliche Würde außer Acht lassen. Denn auch die Inder sind oft nicht vielmehr als ihre Forschungsobjekte.


    Ich habe die komplette Klaviatur menschlichen Verhaltens auf einer teils hundert Mann starken Forschungskarawane kennen gelernt. Zudem verspürt man die Zerrissenheit Indiens vor dem ersten Unabhängigkeitskrieg – und die der Wissenschaftler und des Jungen, einerseits großen Idealen verpflichtet, andererseits Schachfiguren der East India Company, die im „Great Game“ die Vorherrschaft über Zentralasien gewinnen will.


    Mit über 500 Seiten ist DAS MUSEUM DER WELT sicher ein kleiner Wälzer, und wie die Expedition selbst sind manche Wegstrecken spannend, andere beschwerlich. Dennoch habe ich den Roman förmlich verschlungen. Selten habe ich beim Lesen so viel gegoogelt, weil ich so fasziniert von der wahren Geschichte war.


    Die Gebrüder Schlagintweit kehrten nicht alle lebend nach Deutschland zurück. Die, die es taten, brachten rund 40.000 Objekte, einen Höhenrekord, über 400 Aquarelle sowie unzählige Fotos mit, die sie zu Lebzeiten nicht mehr vollständig auswerten konnten. Christopher Kloeble hat aus ihrer Geschichte einen dicht gewebten, oft sehr charmanten und intelligenten Abenteuerroman mit vielen großen Fragen und Antworten gemacht.


    DAS MUSEUM DER WELT ist der vierte Roman des Autors, der in Berlin und Neu-Delhi lebt. Ganz wunderbar, lesen.

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    Cover des Buches Die Wälder (ISBN:9783442757534)

    Bewertung zu "Die Wälder" von Melanie Raabe

    Die Wälder
    Mightyninavor 2 Monaten
    Vier Freunde und der böse Wolf.

    In ihrem neuen Thriller DIE WÄLDER bringt Melanie Raabe die Medizinerin Nina an die dunkelsten Abgründe ihrer Kindheit zurück: Ein Mädchen ist vor Jahren im Wald verschwunden. Keiner will es gesehen haben. Nur vier Kinder kommen der Wahrheit gefährlich nahe …

    Zur Story:

    Als Nina vom plötzlichen Tod ihres Schulfreundes Tim erfährt, ist sie völlig außer sich. Zumal Tim noch kurz vor seinem Ableben versucht hat, Nina zu erreichen. Hat er endlich das letzte Puzzleteil gefunden, um das Verschwinden seiner Schwester Gloria in seiner Kindheit aufzuklären? Dann trudelt auch noch einen Brief von Tim mit genauen Anweisungen ein, und Nina fackelt nicht lange: Sie macht sich auf den Weg in ihr Heimatdorf mitten im Wald, um an Tims Stelle die Wahrheit über Gloria herauszufinden – ausgerechnet mit dem Mann, den sie seit Kindertagen fürchtet.

    „Die Wälder, das bedeutet: kein Zurück mehr. Keine anderen Menschen mehr. Kein Handyempfang mehr. Die Wälder, das bedeutet: Ab jetzt bist du auf dich gestellt.“

    Während es immer tiefer in die Wälder geht, beginnt Nina jedoch schon bald an ihrer Entscheidung zu zweifeln. Außerdem ist sie offensichtlich nicht die Einzige, die Anweisungen von Tim erhalten hat …

    Schneewittchen ist tot, es lebe DIE WÄLDER.

    Nach einem etwas hölzernen Anfang gerät man schnell immer tiefer in das Dickicht einer spannenden Geschichte. Teils fand ich es zwar schwer, die Orientierung zu behalten, aber dafür bin ich voll entschädigt worden, als viele kleine Teile sich nach und nach zur ganzen Wahrheit verdichtet haben.

    Echt unheimlich (weil unheimlich echt) fand ich das Heimatdorf der Hauptfiguren, das sich in meiner Vorstellung irgendwo zwischen Spießerkaff und Räuberloch bewegt. Melanie Raabe, die selbst aus einem 400-Seelen-Dörfchen in Thüringen stammt, erzeugt gekonnt nicht nur geographisch, sondern auch zwischen Bewohnern und Freunden die totale Isolation. Hier schützt eine Gemeinschaft sogar ihre Peiniger. Das ist bedrückend und spannend und schwerer zu ertragen als offene Gewalt oder Gefahr.  

    Großes Kompliment dafür, dass der Thriller ganz ohne Gemetzel auskommt, sondern auf das setzt, was ohnehin viel mehr Angst macht: eine Umgebung, die alles Licht und alle Geräusche schluckt. Und die Gewissheit, dass dich im Ernstfall dort bestimmt keiner hört. Auf jeden Fall lesen!

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    Cover des Buches Schund und Sühne (ISBN:9783847906537)

    Bewertung zu "Schund und Sühne" von Anna Basener

    Schund und Sühne
    Mightyninavor 2 Monaten
    Kitsch reloaded.

    Letztens habe ich ein Interview mit Anna Baseler gelesen, die über zehn Jahre lang Groschenroman-Autorin war, bevor sie ihren ersten Roman verfasste. Ehrlich gesagt hatte ich bis dahin noch nie darüber nachgedacht, dass diese ganzen Heftchen nicht einfach so vom siebten Himmel fallen. Besagte Autorin war jedenfalls top im schwülstigen Schreiben, und unter dem Pseudonym Catharina Chrysander wurde sie die „erfolgreichste deutsche Groschenroman-Autorin“ (DIE ZEIT).

    Irgendwann hatte Frau Baseler sie dann alle mal gehabt, die Happy Ends. Fortan schrieb sie Romane: 2017 erschien ihr ausgezeichnetes Debüt ALS DIE OMA DEN HUREN NOCH TAUBENSUPPE KOCHTE, das im Schauspiel Dortmund auf der Bühne aufgeführt und aktuell fürs Kino verfilmt wird. Im Januar 2019 folgte SCHUND UND SÜHNE. Und da ich eine glühende Verfechterin des einfachen Wortspiels bin, ging mir das Buch einfach nicht mehr aus dem Kopf.

    Die Story ist simpel und kurzweilig:

    Eine Berliner Groschenroman-Autorin gelangt durch ein etwas nachlässig vergebenes Literaturstipendium auf ein Schloss in Niedersachsen. Selbstverständlich verliebt sie sich dort schon bald in den Prinzen – nur der steht auf Männer. Ende der Kitschgeschichte? Nö, nicht bevor so ziemlich alles aufgetischt wurde, was in Heftromanen streng verboten ist, beispielsweise Sex, weiche Drogen, eine Tiere mordende Prinzessin oder eine korrupte Schnittrosen-Industrie. Alles zusammen ergibt dann einen Mix wie eine zu heftig geschüttelte Schampusflasche – am Anfang erfreulich explosiv, am Ende leider auch ein bisschen schal.

    Nun denn. Während Großstädter auf Diadem-Trägerinnen und Landeier auf Weltverbesserer treffen, lernt man allerlei über den Adel, der sich gerade selbst überlebt.

    Streng genommen gibt es ihn ohnehin seit hundert Jahren nicht mehr, seit in Deutschland alle Adelstitel zu Nachnamen degradiert wurden – aber who cares? Wegen so einer Lappalie verlöre doch keiner seine Kontenance, und irgendwo ist schließlich immer Ballsaison. Doch dass schwule Prinzen und sitzengelassene Prinzessinnen keine Erben hervorbringen, das könnte in der Tat für einen riesigen Skandal sorgen …

    „Dieses Schloss ist ein verdammtes Irrenhaus. Die Vergangenheit gehört nicht in die Gegenwart, das macht nur alle verrückt.“

    Alles in allem ist das ein amüsanter Zeitvertreib, den Anna Baseler da zu Papier gebracht hat. Die große Stärke des Buches sind sicher die teils lustig überzeichneten Adelsfuzzis, die sich oft so gar nicht standesgemäß verhalten. Offenbar liegt das Thema der Autorin, die auch einen Adels-Podcast moderiert. Ein paar witzige Anekdoten aus dieser Welt und die lockere Schreibe haben mich dann auch über idiotische Sexszenen, deplatziert wirkende Kraftausdrücke und ein albernes Ende hinweggetröstet. Vielleicht musste das ja einfach mal raus nach den ganzen Heftromanen. Sonderapplaus übrigens für Prinz Harry und das Zitat des eigenen Pseudonyms Catharina Chrysander vorne im Buch, das ist die Art von Humor, für den ich am liebsten mit Konfetti schmeißen würde.

    Fazit: Lesen, Freuen, vielleicht wieder vergessen. Aber mit einem guten Gefühl ein unterhaltsames Buch zuklappen. Das ist doch schon mal was.

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    Cover des Buches Noch alle Zeit (ISBN:9783865326553)

    Bewertung zu "Noch alle Zeit" von Alexander Häusser

    Noch alle Zeit
    Mightyninavor 2 Monaten
    Von Deichen und Träumen und Fjorden und Freiheit.

    Können andere einen darum bringen, das eigene Leben zu leben? Können sie Träume aufhalten wie der Mond die Gezeiten aufhalten könnte? Oder ist man schlicht immer selbst schuld, wenn man sein Glück nicht gleich mit beiden Händen packt und dafür alles andere, alle anderen loslässt?

    NOCH ALLE ZEIT von Alexander Häusser erzählt anhand zweier Menschen, die sich rein zufällig begegnen, wie befreiend, steinig, traurig oder berührend es sein kann, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und so auch seine eigenen Konsequenzen zu erschaffen – und dass es allemal besser ist, mit diesen zu leben, als überhaupt nicht zu leben. 

    „Sie war krank. Eine Krankheit, für die es keinen Namen gab. Er nannte sie die Automatenkrankheit. Manchmal sprang sie an und funktionierte, als hätte man eine Münze eingeworfen. Und im Büro hatten sie wohl Kleingeld.“

    Einer dieser Menschen ist Edvard, der nach dem Tod seiner Mutter vor vielen Fragen steht. Er hat sie nicht losgelassen, als der Vater damals wegging und starb. Als später das Glück vorbeikommt, hat Edvard schon alle Hände voll zu tun mit der Pflege der Mutter. Da kann er nicht auch noch seine Jugendliebe Elsie festhalten. Denn die Mutter ist krank. Vom Leben enttäuscht. Depressiv.

    Und irgendwann ist sie tot. Mit ihrem Ableben fliegt das auf, was der inzwischen über fünfzigjährige Edvard bisher als Familiengeschichte kannte: Zunächst taucht ein Konto in Oslo auf, auf dem ein kleines Vermögen angehäuft ist. Offensichtlich vom Vater, der demnach so tot gar nicht sein kann. Wütend zieht Edvard in die Welt los, um seinen Vater zu finden und gibt zum ersten Mal dem Sog nach Freiheit nach.

    „Er stand auf dem Deich, das trübe Licht machte das Ufer flach wie Papier, vollgeschrieben mit Erinnerungen. Im Wind war eine rauschende Leere. Edvard spürte den Sog, der in die Stadt führte, über die Brücke, und weiter. Zu Orten, die er nicht kannte.“

    Auf der Fähre nach Oslo trifft Edvard auf Alva. Auch die junge Berliner Journalistin ist auf der Suche. Nach magischen Orten für einen neuen Artikel, aber vor allem nach einem Rückzugsort vor den Anforderungen der anderen. Dafür lässt sie sogar ihre kleine Tochter Lina zurück. Mit ihr auf die Reise gehen ihre allgegenwärtigen Kopfhörer mit ihrer Musik, damit das Leben nicht zu laut zu ihr durchdringen kann. Und das Gefühl, das einzig Unperfekte in einer Welt zu sein, in der alle stets das Richtige tun.

    „Ihr ganzes Leben bestand aus lausiger Freisprüchen, und sie hatte das Gefühl, dass nur ihr allein fortdauernd der Prozess gemacht wurde, dass sonst keiner vor Gericht stand.“

    Edvard und Alva, die eigentlich gar nicht Alva heißt, beginnen eine abenteuerliche Reise durch Norwegen, jeder mit seiner eigenen Geschichte im Gepäck. Bis aus der Zweckgemeinschaft eine Freundschaft wird, in der jeder für sich feststellt, dass man auch unterschiedliche Ziele am besten gemeinsam erreicht. Und dass Liebe kein Verfallsdatum hat.

    NOCH ALLE ZEIT ist ein außergewöhnlicher, schöner Roman. Die Sprache ist so bildhaft, dass sie an manchen Stellen schon fast wehtut. Die Geschichte ist erfreulich unvorhersehbar, melancholisch, poetisch. Und sie strahlt die leise Hoffnung aus, dass man im Leben das Ruder immer noch rumreißen kann. Dazu die Kulisse aus Deichen und Fjorden. Zauberhaft. Lesen!

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    Cover des Buches Nachttiger (ISBN:9783336548071)

    Bewertung zu "Nachttiger" von Yangsze Choo

    Nachttiger
    Mightyninavor 2 Monaten
    Magisch!

    Wer mich näher kennt, der weiß, dass „zu Tränen gerührt“ nicht gerade zu meinen Top-Drei-Allgemeinzuständen gehört. Trotzdem habe ich mir eben tief beeindruckt diesen bildschönen Fünfhundertseiten-Schinken ans Herz gedrückt. Wow, wie toll war das denn bitteschön.

    NACHTTIGER ist das zweite Buch der Malaysierin Yangsze Choo und das erste, das von ihr auf Deutsch verlegt wurde. Streckenweise liest es sich fast wie ein poetischer Thriller. Oder ein exotisches Märchen. Oder auch mal der reinste Liebesroman. Dieser ungewöhnliche Mix ist es auch, der mich total geflasht und betört hat. Abgesehen davon lese ich gerne Geschichten über ein Stück Geschichte, und wenn sie recht subtil daherkommt.  

    Britisch-Malaya in den Dreißigerjahren:

    Der chinesische Houseboy Ren setzt alles daran, um den amputierten Finger seines verstorbenen britischen Herrn zu finden. Denn eine Seele kann nur dann Ruhe finden, wenn alle Körperteile im Tode vereint sind. Genau neunundvierzig Tage hat der elfjährige Ren Zeit, um seine Mission zu erfüllen – so lange, wie Seelen sich noch auf Wanderschaft befinden.

    Glücklicherweise ergattert der Junge eine neue Arbeitsstelle bei Dr. William Acton, welcher besagten Finger vor Jahren amputiert hat. Der Chirurg führt ein Leben, das typisch ist für die damalige Kolonialherrschaft: isoliert, herablassend, vom drückenden Klima erschwert und von zahlreichen Dienstboten erleichtert.

    Wie einige seiner britischen Landsleute hat auch Acton sein Exil nicht ganz freiwillig gewählt, sondern ist vor einer missglückten Liebelei und der damit verbundenen gesellschaftlichen Ächtung geflohen. In Asien will er ein besserer Mensch werden, erliegt aber regelmäßig den Reizen einheimischer Mädchen. Als eines davon grausam ums Leben kommt, bröckelt seine saubere Fassade. Zu allem Überfluss werden Gerüchte laut, dass ein so genannter Wertiger das Mädchen gerissen haben könnte, welcher die Gestalt eines Menschen annehmen kann.

    Tiger, Tänzerinnen & mysteriöse Todesfälle.

    Während Acton strauchelt und Ren die Zeit wegläuft, hat die hübsche Ji Lin ganz andere Sorgen. Denn um die Mahjong-Schulden ihrer Mutter abzubezahlen hat sie einen zweifelhaften Job als Tänzerin angenommen. Eines Tages begegnet ihr in der Tanzhalle ein Händler mit einer Vorliebe für kuriose Glücksbringer. Und schon bald kreuzen sich die Wege mehrerer Romanfiguren …

    Die Erzählperspektive des Romans wechselt konstant zwischen den Hauptfiguren, und so wird man förmlich gleich mehrfach hineingezogen in eine Welt aus höheren Mächten, Verrat und unerklärlichen Todesfällen. Spätestens nach dem ersten Romandrittel fiel es mir daher richtig schwer, das Buch überhaupt noch wegzulegen.

    Der Tiger, der traditionell in ganz Asien verehrt wird, soll der Legende nach ebenso eine Seele besitzen wie der Mensch.

    In der Erzählung verkörpert er die Spannung zwischen Menschlichkeit und Triebhaftigkeit, die in so mancher Buchfigur immer wieder hervorblitzt. Für mich war NACHTTIGER ein echtes Jahreshighlight. Unbedingt lesen!

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    Cover des Buches Letzte Rettung: Paris (ISBN:9783462052336)

    Bewertung zu "Letzte Rettung: Paris" von Patrick deWitt

    Letzte Rettung: Paris
    Mightyninavor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Charmanter Roman im Stil einer Screwball-Komödie. Viel subtiler Witz und großartige Dialoge.
    C'est la fucking vie.

    Letztens war ich in New York, nur um dort festzustellen, dass ich eher der Paris-Typ bin. Mehr Charme. Weniger Banalitäten. Bessere Croissants. Im Roman Letzte Rettung: Paris von Patrick deWitt sind es zwei New Yorker, die nicht ganz freiwillig in die Stadt der Liebe aufbrechen, aber dort so wunderbar hinpassen wie die Mona Lisa ins Louvre:

    Frances und Malcom Price sind das wohl unterhaltsamste, verzogenste Mutter-Sohn-Duo in New York.

    Frances, Freigeist in Haute Couture und bissige Konversationspartnerin seit Kindertagen, führt ein Leben im totalen Luxus. Ihre legendäre Schönheit und paar wohltemperiert Skandale haben sie zu der Art von Stil-Ikone gemacht, die auf keiner wirklich exklusiven Party fehlen darf. Der letzte Skandal war wohl der, ihren unanständig reichen Ehemann nach Tod durch Herzversagen im ehelichen Bett erkalten zu lassen und einfach in ein Luxus-Skiwochenende aufzubrechen. Frances‘ erwachsener Sohn Malcom, ein verschrobener Internatsschnösel ohne Antrieb, leistet seiner Mutter seitdem Gesellschaft – und natürlich der Kater Kleiner Frank, der laut Frances die Reinkarnation ihres toten Ehemannes ist.

    Leider muss sich das Duo, das das Leben bislang als ewige Cocktailparty betrachtet hat, der Realität stellen, als man das komplette Vermögen des verblichenen Ehemannes standesgemäß im Vier Jahreszeiten und den besten Kaufhäusern am Platz verjubelt hat. Als Frances und Malcom in Ermangelung feudalerer Möglichkeiten in die kleine Pariser Wohnung einer Freundin ziehen müssen und plötzlich auch noch Kleiner Frank verschwindet, gesellen sich auf der Suche nach dem Kater allerlei amüsant verschrobene Personen zu den beiden, vom schüchternen Privatdetektiv bis zur anhänglichen Langzeittouristin. Als dann noch ein Medium mit Malcom anbändelt und Kontakt zu Kleiner Frank aufnimmt, wird die Geschichte herrlich skurril und fast schon spannend – wenn dies nicht viel zu einfältig wäre für New Yorker Verhältnisse …

    Letzte Rettung: Paris ist mir auf dem Weg in den Urlaub am Flughafen begegnet und hat sich als echte Entdeckung herausgestellt. Der Roman erinnert mich an die Screwball-Komödien aus meiner Kindheit mit Cary Grant und Katherine Hepburn, an Frühstück bei Tiffany, wo Dialoge noch so ausgefeilt waren wie der unsterblich schöne Style der Hauptdarstellerin.

    Es ist schon eine Kunst, sich so nah an der Grenze zur Farce zu bewegen und dabei eine derart intelligente, wortwitzige Geschichte zu schreiben.

    Ein Screwball kommt übrigens aus dem Baseball-Sport und ist dort ein angeschnittener und demnach unberechenbarer Ball. Hollywoods große Komödien der 30er und 40er-Jahre haben den Begriff entliehen, um damit eine Person mit skurrilen Angewohnheiten zu bezeichnen, welche auf Schritt und Tritt diese wunderbare Situationskomik auslöst, die dieses Genre so groß gemacht hat.

    Auch dieses Buch hat durch und durch Charme, Stil und Witz, von der ersten Zeile bis zum überraschenden Schluss. Unbedingt lesen.

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    Cover des Buches Blood Orange - Was sie nicht wissen (ISBN:9783453423145)

    Bewertung zu "Blood Orange - Was sie nicht wissen" von Harriet Tyce

    Blood Orange - Was sie nicht wissen
    Mightyninavor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Ich habe schon schlechtere Krimis gelesen, aber eindeutig auch bessere. Fesselnd, aber oft auch gerade noch erträglich.
    Faszination des Fiesen.

    Ich stehe in einem Pub irgendwo in London, und neben mir säuft sich eine Businessfrau gerade ihre Würde weg. Ihr Lidstrich ist verschmiert, ihr Rock unanständig hochgerutscht und ihre Sinne sind so vollkommen benebelt, dass sie wahrscheinlich gleich Sex auf dem Klo haben wird.


    Stop, nein, ich sitze zu Hause am Esstisch und schreibe beim Kaffee diesen Text. Aber so ungefähr fühlt es sich an, Blood Orange von Harriet Tyce zu lesen. Die oben erwähnte Frau könnte Anwältin Alison Price sein, die im Roman gerade ihren ersten Mordfall bearbeitet. Wie immer stürzt sie sich in ihre Job und lässt dabei ein paar persönliche Angelegenheiten grob fahrlässig aus dem Ruder laufen. Beispielsweise ihre Rolle als Ehefrau und Mutter, die sie fortwährend mit Alkohol, impulsiven Exzessen und einem Verhältnis mit ihrem kaltherzigen Arbeitskollegen sabotiert. Ihr dabei zuzusehen, tut ein bisschen weh. Aber es ist auch zu spannend, um den Krimi wegzulegen.

    Da die Autorin selbst rund zehn Jahre Prozessanwältin war, bringt der Mordfall die nötige Vielschichtigkeit mit, um spannend zu bleiben: Mandantin Madeleine hat offensichtlich ihren Ehemann erstochen, zieht sich aber trotz Schuldbekenntnis in ein Schneckenhaus aus vagen Aussagen zurück. Nach und nach setzen sich die wenigen Bruchstücke, die Alison ihr entlocken kann, zu einem Szenario häuslicher Gewalt und Demütigung zusammen – bis plötzlich die ersten Ungereimtheiten auftauchen.


    Beides, Mordfall und Privatleben, spitzen sich im Verlauf der Story immer mehr zu, was dem Buch echtes Suchtpotential verleiht. Nur, dass ich ganz oft beim Lesen förmlich nicht hingucken wollte, weil ich mit jeder Seite in einen Sog aus Fremdschämen, schäbigem Verhalten und Angst reingerate.  

    Ich persönlich war gefesselt bis zum Ende. Aber die Faszination war eher eine, für die auch ein Artikel in der Regenbogenpresse gereicht hätte: Man will wissen, welchem B-Promi gerade sein Leben entgleitet, und dann nicht mehr darüber nachdenken. Dazu kommt, dass ich kein Freund von subtil grausamer Gewalt bin, gerade zum Ende hin war mir dann doch vieles zu krass. Wer aber den Anspruch hat, zwischendurch mal einen ordentlich gestrickten, nicht unbedingt tiefsinnigen Krimi mit vielen Wendungen zu lesen, wird das Buch vermutlich verschlingen.

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    Cover des Buches Wir von der anderen Seite (ISBN:9783550200373)

    Bewertung zu "Wir von der anderen Seite" von Anika Decker

    Wir von der anderen Seite
    Mightyninavor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Großartiger, ultrakomischer und hammerdirekter Roman über Drehbuchautorin Rahel, die nach dem Koma ihr Leben neu in den Griff kriegen muss.
    Girlfriend in a Coma. Toll! Lesen!!

    Krass, denke ich auf Seite 26. Ich kenne keinen außer mir, der jemals Nierensteine hatte, geschweige denn davon fast ins Jenseits befördert worden wäre. Jetzt gibt es plötzlich auch Rahel aus „Wir von der anderen Seite“. Neben ihr sehen meine läppischen drei Wochen Krankenhaus plus Blutvergiftung allerdings aus wie ein Strandspaziergang im Sonnenuntergang:

    Künstliches Koma, Intensivstation, Herz im Eimer, Kack-Reha, Job auf der Kippe, Langzeitfreund vielleicht Wackelkandidat.

    Das ist mehr als genug, um genervt aufzugeben, aber in Anika Deckers Buch auch zum Schreien komisch. Davon abgesehen ist es so überragend direkt geschrieben, dass die niederrheinische Frohnatur in mir nicht nur einmal glücklich aufseufzt.

    „Wir von der anderen Seite“ ist Anika Deckers erster Roman, deren Drehbuchdebüt Keinohrhasen ihre Geschichten direkt in die Kinos katapultierte. Auch dieses Debüt ist irgendwo eine Komödie, die sich allerdings aus der totalen persönlichen Katastrophe der Hauptfigur heraus entwickelt, Parallelen zum Leben der Autorin inklusive.

    Zur Story:

    Als Drehbuchautorin Rahel nach Komplikationen aufgrund der besagten Nierensteine aus dem künstlichen Koma erwacht, ist alles in ihrem Leben anders oder nicht mehr vorhanden – so wie Ihr Aussehen, die Parties, die Abgabetermine oder ihre Fähigkeit, alleine auch nur einen Löffel hochzuheben.

    „Natürlich kann ich so einen Minilöffel halten. Die Schwester seufzt und legt meine Finger um den Griff. Dann lässt sie los, und es macht klack. Der verdammte Löffel ist mir einfach aus der Hand gefallen. … Falls ich sterben sollte, könnte ich noch nicht mal den Löffel abgeben, sagt mein albernes Ich.“

    Das verrückte Eichhörnchen, das Rahel fortan auf der Bettkante erscheint, ist ebenfalls kein gutes Zeichen für ihren Allgemeinzustand. Sie sieht Sachen, die nicht da sind, kann sich aber an fast nichts erinnern, was in den letzten Tagen ihres gesunden Lebens passiert ist. Zu Denken gibt ihr, dass sich sowohl Rahels herrlich schräge Familie als auch ihr Vorzeigefreund Olli damit zurückhalten, Licht ins Dunkel zu bringen.

    Aber Rahel muss sich sowieso erst einmal auf ihre Gesundheit konzentrieren und lässt den Leser fast tagebuchartig an ihrem Alltag im Krankenhaus und in der sich anschließenden Reha teilhaben, die allerdings eher so rüberkommt, wie ich mir eine ehemalige Stasi-Überwachungszentrale, gepaart mit dem westlichen Schlager- und Schnitzelwahnsinn aus meiner Kindheit vorstelle. Die Situationen auf dem Weg der Kassenpatienten-Gesundwerdung sind dabei teils slapstickartig komisch, die Beschreibungen des Krankenhausalltags einfach Weltklasse, und die inneren Dialoge treffen mitten ins Herz.

    Heraus kommt eine lustige Kampfschrift der totalen Lebensfreude, ein Pamphlet der Freude, eine Ode auf die Schwestern aller Intensivstationen, die Mutter aller Mutromane. 

    Ein absolutes Muss für diejenigen, die Girlfriend in a Coma von The Smiths genauso lieben wie ich und gerne dabei sind, wenn sich eine Frau im Bademantel ihr Leben zurückholt. Überlebenskampf trifft sensationell lässige Schreibe. Mehr geht eigentlich nicht.

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    Cover des Buches Das Verhältnis (ISBN:9783453359635)

    Bewertung zu "Das Verhältnis" von Gabrielle Zevin

    Das Verhältnis
    Mightyninavor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Sehr smarte, fiktive Geschichte mit deutlichem Bezug zur Story Levinsky/Clinton. Erzählt aus der wechselnden Perspektive mehrerer Frauen.
    Die unendliche Affäre - smarte, leichte Lektüre

    Es gibt kaum ein Thema, bei dem meine Unbeherrschtheit so offen und peinlich zu Tage tritt wie die Affäre Clinton/Levinsky. Ab der ersten Meldung war ich sauer. Darüber, dass eine Frau, deren erster Job nach dem College einer im Weißen Haus war, als vollbusiges Dummchen dargestellt wurde. Darüber, dass die Botschaft oft war, dass wohl die Frauen schuld seien – ganz gleich, ob Geliebte oder Ehefrau. „Monica Levinsky stürzte beinahe den US-Präsidenten“, steht im Internet. Und ich bin sauer.

    Die Story war auch nicht grad erhebend. Clintons Affäre mit der 27 Jahre jüngeren Praktikantin stürzte seine Präsidentschaft Ende der Neunziger in eine tiefe Krise. 1998 kam es zum Amtsenthebungsverfahren aufgrund von Meineid und Behinderung der Justiz, da er versucht hatte, die Affäre zu verschleiern. Die Mehrheit im Senat stimmte jedoch gegen die Amtsenthebung.

    Gabrielle Zevin erzählt eine fiktive Geschichte mit Parallelen.

    In ihrem Roman „Das Verhältnis“, beginnt die ambitionierte Kongress-Praktikantin Aviva ein Verhältnis mit dem signifikant älteren Abgeordneten Aaron Levin. Die junge Frau verliebt sich in den charismatischen Mann, der Menschen das Gefühl gibt, dass nur sie da sind. Selbstverständlich kommt die Sache ans Licht, und Aviva wird über Nacht, wie es im Buch heißt, „Floridas Antwort auf Monica Levinsky.“

    Der Kongressabgeordnete ist daraufhin öffentlich zerknirscht, hakt die Sache ab und führt seine politische Laufbahn fort.

    „Er war nicht ihr „direkter Vorgesetzter“, um die schwache Erklärung zu zitieren, die er bei der Pressekonferenz abgegeben hatte. „Zu keiner Zeit war ich der direkte Vorgesetzte der Frau“, sagte der Kongressabgeordnete Levin, „das Leid, das ich meiner Familie beschert habe, bereue ich zutiefst, besonders für meine Frau und meine Söhne tut es mir leid, aber ich versichere Ihnen, dass keine Gesetze gebrochen wurden.“

    Avivas Leben hingegen zerfällt mit Anfang Zwanzig zu Scherben. Aus dem Menschen Aviva, der Tochter Aviva, dem aufstrebenden Politik-Frischling Aviva wird eine vogelfreie Sache, über die jeder seine noch so unangebrachte Meinung kundtun kann.

    „Ihnen ist nicht bewusst, dass sie über einen Menschen sprechen. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie über die Tochter von jemandem sprechen.“

    Während Familienmitglieder auf beiden Seiten unterschiedlich mit der Sache zu kämpfen haben, ändert Aviva ihren Namen und zieht in eine Kleinstadt in Maine. Sie wird Hochzeitsplanerin und zieht eine aufgeweckte Tochter groß, über deren Vater der Leser spekulieren darf.

    Kein Drama, sondern das Leben.

    Wer denkt, „Das Verhältnis“ würde die Dramatik einer wahren Sensationsstory ausschlachten, liegt falsch. Im Gegenteil, es ist ein humoriges Buch mit intelligenten Figuren, die alle auf ihre Art und Weise mit etwas umgehen, mit dem eigentlich kein Mensch gut umgehen kann. Beispielsweise mit dem Internet, das nie etwas vergisst.

    Großartig ist die Entscheidung der Autorin, die Geschichte von vier Frauen erzählen zu lassen: Avivas Mutter Jane, Avivas Tochter Rachel, Kongressabgeordneten-Ehefrau Embeth am Ende auch Aviva mit Zwanzig. Alle wollen den Lauf der Dinge lenken. Alle sind zu klug, um nicht zu wissen, was sie selbst dabei bestimmt haben.

    Fazit: intelligente, leichte Lektüre mit einem Kern aus harter Wahrheit.

    Monica Levinsky bezeichnete sich vor ein paar Jahren in ihrem Essay „Shame and Survival“ als“the first person whose global humiliation was driven by the Internet”. Sicher hat Gabrielle Zevin sich etwas dabei gedacht, als sie Aviva auch noch einen pikanten Blog gegeben hat, der bei Bekanntwerden ihre öffentliche Erniedrigung immens verstärkt. Doppelmoral und Frauenfeindlichkeit sind jedoch kein Online-Phänomen, und die Botschaft, dass Frauen länger für ihre Fehler zahlen, kommt bei aller Leichtigkeit deutlich an. Ebenso wie die, dass Frauen oft selbst bestimmen können, wann sie genug gezahlt haben.

    Die Affäre Clinton/Lewinsky ist übrigens das Thema der dritten Staffel der mehrfach Emmy-ausgezeichneten Netflix-Serie „American Crime Story“. Lewinsky selbst wird die Serie 2020 mitproduzieren. Ich bin gespannt und versuche, auf niemanden sauer zu sein.

    Gabrielle Zevin studierte Literatur in Harvard und veröffentlichte bereits mehrere Romane und Drehbücher, die vielfach übersetzt und ausgezeichnet wurden. Sie lebt in Los Angeles.

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