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MikkaG

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    Cover des Buches Die Beichte einer Nacht (ISBN: 9783257071429)

    Bewertung zu "Die Beichte einer Nacht" von Marianne Philips

    Die Beichte einer Nacht
    MikkaGvor 15 Tagen
    Kurzmeinung: Intelligent geschriebener Roman aus dem Jahr 1930, mit ungemein feiner Charakterisierung einer außergewöhnlichen Protagonistin.
    Ein wiederentdeckter Klassiker

    Handlung

    Erzählerin Heleen ist Patientin in einer Nervenklinik und legt in den stillen Stunden ihre Lebensbeichte ab, gegenüber einer schweigenden jungen Nachtschwester.

    Mal sagt Heleen selber, sie sei verrückt, mal streitet sie das vehement ab. Auf mich wirkt sie keineswegs verrückt – nach einer Kindheit und Jugend, in der sie ausgenutzt und über die Erschöpfung hinaus überarbeitet wurde, fing sie an, sich als junge Frau in verzweifeltem Egoismus alles zu nehmen, was sie bekommen konnte. Ihre Schönheit ermöglichte ihr einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg und das aufblühende Glück schien sich in der Beziehung zu ihrer großen Liebe Hannes zu vervollständigen… Und doch enthielt diese schon den Stachel des Unglücks.

    In Heleens Erinnerungen zeichnet sich ein tragisches Bild dessen, was sie in diese Klinik gebracht hat. Wir folgen ihrem Lebensweg bis zum Wendepunkt: unfähig, mit ihrem vermeintlich offensichtlichen Altern und dem somit drohenden Verlust ihrer Schönheit umzugehen, steigerte sie sich in Selbsthass und eifersüchtigen Wahn, mit schrecklichen Folgen.

    Der behandelnde Arzt beginnt schon nach dem ersten Gespräch, sie zu behandeln wie einen lästigen Gegenstand. Viele ihrer Mitpatientinnen in dieser Nervenklinik sind sicher ebenfalls nicht “verrückt” – die alten Menschen dort wirken in Heleens Schilderungen einfach dement, die jüngeren wie sie selbst überfordert von ihren Leben. Niemandem wird wirklich geholfen, die Patientinnen sollen den ganzen Tag im Bett bleiben und erhalten keine nennenswerte Therapie. Es scheint vor allem darum zu gehen, sie ruhig zu stellen.

    Die junge Nachtschwester gibt niemals Antwort, spricht im ganzen Roman kein einziges Wort. Aber du spürst ihre Neugier in den kleinen Signalen, die sie Heleen unwillkürlich gibt und die diese nicht unkommentiert lässt. Wahrscheinlich wurde der Schwester beigebracht, nicht mit den Patientinnen zu sprechen, sie nicht zum Reden zu ermutigen. Stille Patientinnen sind pflegeleichter – und wenn sie erstmal angefangen haben, zu reden, fangen sie vielleicht auch an, zu weinen oder sogar zu schreien.

    Das Buch wurde in den 30ern geschrieben, da war es vielerorts in den Nervenheilanstalten wahrscheinlich wirklich so. Die Autorin schildert das sehr authentisch, glaubhaft und sensibel, gleichzeitig lesen sich ihre Worte erstaunlich modern. In vielerlei Hinsicht ist Heleen eine Protagonistin, die nicht ins weibliche Idealbild der Zeit passt, und entsprechend wirkt auch die Sprache keineswegs antiquiert.

    Anfangs war ich sehr beeindruckt davon, mit welchen Mut sie schon als junges Mädchen unverhoffte Chancen ergreift. Ein halbes Kind… Und sich dennoch ihrer weiblichen Reize deutlich bewusst. Furchtbar, dass diese Reize ihr Ticket in ein besseres Leben sein mussten, denn als jungem Mann hätten ihr bei ihrer Intelligenz und ihrem Charisma die Welt offen gestanden. Dennoch kam ich nicht umhin, ihr Beifall zu zollen dafür, wie sie ihre Möglichkeiten nutzt, um als Frau erfolgreich zu sein.

    Mein Bild von ihr wandelte sich indes im Laufe der Erzählung immer wieder. Einerseits ist Heleen sehr oberflächlich, sie kann unglaublich manipulativ und berechnend sein – sie hat anscheinend kaum Bewusstsein für richtig und falsch, nur für schön und hässlich. Andererseits ist diese Persönlichkeit ein direktes Resultat ihres Lebens, daher fühlte ich trotz allem mit ihr.

    Sie spricht von sich, als sei ihre Schönheit ihr ganzer Wert, als könnten andere Menschen sie nur dafür lieben – wo es doch offensichtlich ist, dass SIE diejenige ist, die sich nur über diese Schönheit definiert und sich selber nicht lieben kann. Sie verrennt sich in diesen Schönheitswahn.

    Die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, der Verlauf ihres Lebens – das fand ich alles stimmig und hochspannend.

    Ein Teil des Endes war für mich eine Überraschung, einen anderen Teil hatte ich im Grunde so erwartet.

    Dass die Protagonistin in einer Nervenheilanstalt sitzt, ist die logische Konsequenz ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit. Die wiederum sind die logische Konsequenz ihrer harten, schwierigen Kindheit und Jugend. Mir tat Heleen bis zum Schluss immer noch leid, auch wenn sie sich im Laufe des Romans zunehmend als selbstsüchtig und wahnhaft herausstellte. Ich konnte und wollte einfach nicht vergessen, wie sich diese hässlichen Charakterzüge entwickelt hatten.

    Wenn du als Kind und Jugendliche nie mal nur an dich denken kannst, wenn du immer nur für andere schuften musst, dann ist die Versuchung sicher groß, nur noch an dich zu denken, sobald du es kannst. Wenn deine Schönheit immer dein einziges Kapital war, dann wirst du es so gut wahren und behüten, wie es geht, dann ist Schönheit deine Währung.

    Fazit

    Heleen, Patientin einer Nervenklinik, erzählt der Nachtschwester die Geschichte ihres Lebens. Als Tochter einer armen, kinderreichen Familie wuchs sie mit knochenharter Arbeit auf, ergriff früh die Chance zur Flucht, baute sich mit ihrem Sinn für Schönheit und Stil eine Karriere auf – ein beeindruckender gesellschaftlicher Aufstieg. Doch eine große Liebe löste einen fatalen Zyklus von Eifersucht, Selbsthass und Schönheitswahn aus.

    Die Originalausgabe des Buches erschien bereits 1930, beim Lesen war ich immer wieder erstaunt, wie modern sich sowohl Stil als auch Protagonistin lasen. Der Roman packte mich schnell und ließ mich dann bis zur letzten Seite nicht mehr los – ein intelligent geschriebener Pageturner mit ungemein feiner Charakterisierung einer außergewöhnlichen Protagonistin.

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-marianne-philips-die-beichte-einer-nacht/

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    Cover des Buches Das Salzfass (ISBN: 9783990650462)

    Bewertung zu "Das Salzfass" von Simon Sailer

    Das Salzfass
    MikkaGvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ich liebe den einzigartigen Schreibstil des Autors, seinen feinen Humor, die trügerische Vielschichtigkeit seiner Geschichten...
    Kafka meets ‘Little Shop of Horrors’

    Antiquitätenhändler Maurice hat vor kurzem einen Nachlass abgewickelt: viel Schund, aber auch einige schöne Stücke, für ihn wenig mehr als Routine. Doch ein altes Salzfässchen, an sich hübsche Vexierware, erweist sich als unverkäuflich – und unersättlich… Bald schon dreht sich Maurices ganzes Leben nur noch um das sonderbare Salzfass und dessen Bedürfnisse, die es doch eigentlich gar nicht haben dürfte. Zunehmend verzweifelt versucht er, sich dieses gierigen Stücks Silberware zu entledigen.⁣

    Nachdem mir “Die Schrift” von Simon Sailer letztes Jahr so gut gefallen hatte, musste ich auch “Das Salzfass” unbedingt lesen. Die Novellen gehören zwar beide zur Essiggassen-Trilogie (der dritte Teil folgt) und es gibt gewisse Berührungspunkte, Leser:innen können sie aber gut unabhängig voneinander lesen.⁣

    Dieses kleine Hardcover ist beinahe genauso edel ausgestattet wie sein Vorgänger, mit wunderschönen Illustrationen von Jorghi Poll, die die Geschichte gleichzeitig unterstreichen und erweitern. Ein klitzekleiner Wermutstropfen nur: waren diese in “Die Schrift” noch farbig, sind sie in “Das Salzfass” schwarz-weiß, aber dennoch sehr stimmig und atmosphärisch. Das Buch bekommt auf jeden Fall einen Ehrenplatz hier im Regal, neben anderen hübschen Büchern aus dem Verlag.⁣

    Die Geschichte ist wieder wunderbar surreal. Der Held ist auch hier ein ganz normaler Mensch, der sich unversehens in einer verzweifelten Lage wiederfindet – gebunden an einen Gegenstand, der ihn in den Abgrund reißt, von dem er sich jedoch nicht trennen kann. Das scheint eine Spezialität des Autors zu sein: Protagonisten, die zu Opfern einer Macht werden, die sie weder steuern noch beeinflussen können. (Oder wollen?) Sie befinden sich eigentlich auf vertrautem Terrain, umgeben von Gegenständen, für die sie Experten sind. Und genau diese Gegenstände werden ihnen zum Verhängnis.⁣

    Aber sind es wirklich die Gegenstände, die das Verderben einläuten, oder sind diese nur ein Sinnbild für einen Aspekt der Persönlichkeit der Protagonisten?⁣

    Das Corpus Delicti ist dieses Mal jedenfalls ein kleines Salzfässchen in recht gutem Erhaltungszustand, das sich unerklärlicher Weise nicht verkaufen und nicht einmal verschenken lässt. Und es stimmt etwas nicht mit diesem weißen Film, der doch erst so harmlos wie ein bisschen hartnäckiger Salzrückstand aussieht…⁣

    Spätestens hier gibst du die reine Rationalität besser erstmal ab.⁣

    Keine Sorge, die kriegst du nach der letzten Seite unbeschädigt wieder. Denn es ist alles so albtraumhaft, abwegig, aberwitzig, absurd – und gleichzeitig liest es sich ganz plausibel… Irgendwo bist du halt falsch (oder richtig?) abgebogen und hast einen Abstecher in eine Realität gemacht, in der diese Geschehnisse Sinn ergeben. Bist vielleicht ins Kaninchenloch gefallen.⁣

    Doch auch wenn alles wie in einem Vexierspiegel verzerrt dargestellt wird, kannst du doch erahnen, dass dahinter etwas steht, das durchaus Wert und Bedeutung hat. Die Gegenstände bekommen fast schon menschliche Züge, während die Menschen, die sich von ihnen nicht lösen können, zwischendurch geradezu grotesk und sogar tierhaft erscheinen.⁣

    Simon Sailer kann einfach schreiben.⁣

    Er erhielt nicht von ungefähr im März den Clemens-Brentano-Preis für “Die Schrift”. Seine Sprache hat einen ganz eigenen Klang, dem du nachspürst, bis er ganz und gar verhallt ist… Und dann bemerkst du erst die subtilen Misstöne, die dich an diesem oder jenem Element der Geschichte zweifeln lassen. Gewürzt wird das Ganze mit einem herrlich eigenwilligen Humor.⁣

    Sailer hat ein ungemein feines Gespür für die menschliche Natur, die sich jedoch immer wieder als widersprüchlich und unzuverlässig erweist. Daher lassen sowohl “Die Schrift” als auch “Das Salzfass” am Schluss der jeweiligen Geschichte auch noch manches an Interpretationsspielraum offen, was ich jedoch keineswegs als Manko sehe.⁣

    Ein Teil des Vergnügens, diese Novellen zu lesen, liegt darin, sich einen eigenen Weg durchs Labyrinth zu suchen.⁣

    Fazit:⁣

    In einer atmosphärisch dichten Groteske erzählt Simon Sailer von Antiquitätenhändler Maurice, dem ein altes Silberfässchen zum Verhängnis wird – es verschlingt buchstäblich sein ganzes (Berufs)leben und er weiß nicht, wie er es loswerden soll. Kaufen will es keiner, nicht mal geschenkt haben, und ignorieren lässt es sich auch nicht.⁣

    Ich liebe den einzigartigen Schreibstil des Autors, seinen feinen Humor, die trügerische Vielschichtigkeit seiner Geschichten, deren Spiel mit Realität und Wahn… Auch wenn “Das Salzfass” nur 128 Seiten umfasst, enthalten diese doch viel mehr Bedeutung, als du bei einmaliger Lektüre begreifen kannst – definitiv ein Büchlein zum mehrfach lesen!

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-simon-sailer-das-salzfass/

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    Cover des Buches Ich, Antoine (ISBN: 9783423282710)

    Bewertung zu "Ich, Antoine" von Julie Estève

    Ich, Antoine
    MikkaGvor einem Monat
    Kurzmeinung: Mit Sicherheit keine Wohlfühllektüre, aber ein Roman, dem ich mich nicht entziehen konnte oder wollte.
    Ein tristes, tragisches Leben

    Die Autorin schmeißt dich ohne Vorwarnung mitten rein: in einem Dorf in den Bergen Korsikas wird Antoine Orsini beerdigt, die Leute vergießen Krokodilstränen, eine alte Frau spuckt hasserfüllt ins Grab. Zack. Was für ein Anfang für einen Roman! Wir fangen von hinten an, bekommen direkt gezeigt, dass Antoines Leben offensichtlich kein friedvolles war.⁣⁣
    ⁣⁣
    Danach sind wir dann in einer Zeit, in der Antoine noch lebt und selber zu Wort kommt – er erzählt einem kaputten Stuhl, den er mit sich herumschleppt, von seinem Leben. (Mein Gott, denkst du dir da vielleicht, wie einsam kann ein Mensch sein?) Man merkt binnen weniger Sätze: Antoine hat ein sehr schlichtes Gemüt, spricht mit derber Sprache und hat auch kein Problem damit, von seinen diversen Ausscheidungen zu erzählen, denn er kennt keine persönlichen Grenzen. Igitt. Aber er ist ein armer Kerl, der es wirklich nie leicht hatte.⁣⁣
    ⁣⁣
    Was er so aus seinen frühen Jahren erzählt, ist ernüchternd: In der Schule verprügeln ihn die anderen Kinder, denn er stinkt und hat Läuse, weil sich keiner um ihn kümmert. Die Mutter ist tot, der Bruder baut Autobomben, die Schwester ist nach Paris abgehauen, der Vater ist Alkoholiker und donnert Antoine auch manchmal die Faust ins Gesicht. Die Menschen im Ort verspotten und beschimpfen ihn.⁣⁣
    ⁣⁣
    Ist es da ein Wunder, dass er als Erwachsener später viel Wut in sich trägt und die auch manchmal ausbricht? Wo sollen Feingefühl und Empathie herkommen? Er kann gemein und hinterhältig sein, weil die Menschen zu ihm gemein und hinterhältig waren. Später, in den 80ern, halten ihn alle für den Mörder der 16-jährigen Florence, er wird auch seitens der Justiz vorverurteilt – und als er nach langer Haftstrafe ins Dorf zurückkehrt, weil er sonst keinen Ort hat, an dem er leben könnte, wird er allgemein verachtet und gehasst.⁣⁣
    ⁣⁣
    Antoine tut mir leid, es macht mich so wütend, wie er behandelt wird – aber ich glaube, mögen kann ich ihn nicht. Er ist zu verkorkst durch die Art, wie er sein Leben lang als Außenseiter, fast schon Pariah, am Rand der Gesellschaft leben musste. Zu wütend, zu aggressiv, zu erfüllt von einem schwärenden Groll. Ich trau ihm den Mord zu, aber ich will nicht dran glauben.⁣⁣
    ⁣⁣
    Das ist tragisch, denn aus ihm hätte durchaus ein glücklicher Mensch mit einem ganz normalen Beruf und Freund:innen werden können – er ist sicher intelligent genug für einfache Tätigkeiten. Hätte sich nur jemand um ihn gekümmert. Hätte ihm nur jemand eine Chance gegeben. So verläuft sein Leben als selbst-erfüllende Prophezeiung: er wird zu dem Menschen, als der er all die Jahre geächtet wurde. Oder sieht sich Antoine da nur selber durch die wenig wohlmeinenden Augen des Dorfes?⁣⁣
    ⁣⁣
    Ich will ihn gleichzeitig umarmen und von mir weisen, doch immer muss ich anerkennen: er ist ein großartiger Charakter, unglaublich authentisch und gut geschrieben.⁣⁣
    ⁣⁣
    Antoine ist ein unzuverlässiger Erzähler, durch dessen Augen wir die Geschichte nur verzerrt wahrnehmen. Daher müssen wir Leser:innen uns von Hinweis zu Hinweis hangeln wie bei einer schrecklichen Schatzsuche, an deren Ende nur Leid und Elend stehen kann. Aber ich zumindest wollte unbedingt wissen, was wirklich geschehen war, und einige der Wendungen haben mich ins Rätseln gebracht. Ist Antoine der Mörder, oder ist er es nicht? Was hat es mit seinem besten Freund “Magic” auf sich?⁣⁣
    ⁣⁣
    Interessanterweise bekommt Antoine sehr viel mehr mit, als die Leute ihm zutrauen – gerade WEIL sie ihn abgestempelt haben als hirnlosen Idioten, gibt sich auch keiner Mühe, etwas vor ihm zu verstecken. Er bekommt alles mit, er speichert es ab, nur versteht er es nicht unbedingt. Das erlaubt es der Autorin, die Geschichte sehr geschickt zu konstruieren.⁣⁣

    Die Sprache ist derb, vulgär und unschön, aber das passt, das macht die Geschichte authentisch und glaubhaft. Es wäre mehr als fragwürdig, wenn die Autorin Antoine in manchen Dingen auf einmal als feinfühlig und zartbesaitet darstellen würde. Ein personaler Erzähler, der eine angenehmere Sprache ermöglicht, hätte aus “Ich, Antoine” ein ganz anderes Buch gemacht – doch so, wie es ist, ist es stimmig und spannend.⁣⁣
    ⁣⁣
    “Bin ich aufs Mäuerchen gestiegen. Und hab geschrien. Hab meinen Rüssel rausgeholt und hab runtergeschifft! Florence hat mir dabei vom Fenster aus zugeschaut und winke, winke gemacht. Hat mich zu sich hergewinkt.”⁣⁣
    ⁣⁣
    Nur manchmal stechen Formulierungen heraus wie Steinchen im Schuh, weil sie zu gewählt klingen für Antoine, zu komplex. Die Frage ist, inwiefern das möglicherweise daran liegt, dass wir eine Übersetzung lesen – obwohl ich Christan Kolb auf jeden Fall meinen Respekt dafür aussprechen muss, dieses Buch so stimmig übersetzt zu haben, das war sicher nicht einfach!⁣⁣
    ⁣⁣
    Was Antoine erzählt, ist sicher keine “schöne” Geschichte, es ist alles sehr deprimierend – aber für mich stellt sie einen sehr überzeugenden Einblick in eine Lebenswirklichkeit dar, die für die meisten Leser:innen sehr fremd ist. Alles wird sehr konsequent durcherzählt und die Auflösung ist in meinen Augen auf unerwartete Art sehr schlüssig.⁣⁣

    Fazit⁣⁣
    ⁣⁣
    In einem Dorf in den Bergen Korsikas ist der vermutlich geistig behinderte Antoine Orsini der Dorftrottel – und als ein 16-jähriges Mädchen tot aufgefunden wird, wird er zum Sündenbock. Nach langer Haftstraße kehrt er zurück und nimmt sein Leben am Rande der Gesellschaft wieder auf, immer noch verhasst und verhöhnt. Seine Geschichte erzählt er nicht den Mitmenschen, die ihn verstoßen haben, sondern einem kaputten Plastikstuhl.⁣⁣
    ⁣⁣
    Es bleibt lange offen, ob Antoine schuldig ist oder nicht – aber die Menschen im Dorf, die haben sich auf jeden Fall schuldig gemacht, in dem sie diesen offensichtlich hilfsbedürftigen Menschen gnadenlos ausgegrenzt haben. Er ist der Schwachkopf, der Spasti, das Ungeheuer, das macht es einfacher, ihn nicht als Mitbürger zu sehen, dem man zumindest ein Grundmaß an Respekt und Mitgefühl schuldet.⁣⁣
    ⁣⁣
    “Ich, Antoine” ist mit Sicherheit keine Wohlfühllektüre, denn Antoine erzählt ungeschönt und ohne Filter, aber es ist ein Roman, dem ich mich nicht entziehen konnte oder wollte. ⁣

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-julie-esteve-ich-antoine/

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    Cover des Buches Besetzte Gebiete (ISBN: 9783462001068)

    Bewertung zu "Besetzte Gebiete" von Arnon Grünberg

    Besetzte Gebiete
    MikkaGvor einem Monat
    Kurzmeinung: Was für eine Achterbahnfahrt war dieses Buch für mich! Hellauf begeistert in den ersten Abschnitten, dann maßlos enttäuscht...
    Ein Roman wie eine Achterbahnfahrt⁣

    Nach den ersten Kapiteln habe ich mir notiert:⁣

    “Ich habe das Gefühl, das wird ein Highlight. Die Figurenkonstellation ist großartig, das kribbelt richtig beim Lesen, macht einfach Spaß. Der unzuverlässige Erzähler gibt dem Ganzen eine tragikomische Vielschichtigkeit, da weißt du nie, was dich erwartet – das ist manchmal fast schon absurd, aber es ist oft auch zum Haareraufen komisch und gleichzeitig bitter.”⁣

    Oh, wie diese erste Begeisterung sich im Laufe des Lesens noch relativierte… Ich habe versucht, in meiner Rezension die Widersprüchlichkeit meiner Eindrücke darzustellen.⁣

    Die Unverschämtheiten sind geradezu schmerzhaft, schrammen haarscharf vorbei am Untragbaren – oder brettern in vollem Tempo hinein. Die Dialoge sind spritzig geschrieben, das Lesen macht Freude, auch wenn du dich windest: mal vor Fremdschämen, mal vor Scham, dass du witzig findest, was die Grenzen des guten Geschmacks schon lange hinter sich gelassen hat.⁣

    Der arme Kadoke scheint ein rechter Antiheld zu sein. Realitsfremd und eigenbrötlerisch versteckt er sich hinter seiner Rolle als Psychiater, um sich nicht auf das Leben und andere Menschen einlassen zu müssen. Doch das bewahrt ihn nicht vor katastrophalen Fehlern und Entscheidungen, bei denen du dir als Leser:in nur noch an den Kopf fassen kannst. Und so beginnt das Buch auch damit, dass er alles verliert: Ruf, Lizenz, Lebenssinn.⁣

    Er entbrennt in plötzlich entdeckter Liebe zu seiner Großkusine Anat, einer Zionistin aus dem Westjordanland. Ohne groß zu zaudern (sehr ungewöhnlich für ihn) blendet Kadoke kurzerhand aus, dass er eigentlich Atheist und Antizionist ist, packt seinen alten Vater ein und zieht zu Anats Familie in die zionistische Siedlung. Flucht? Bestimmt. Sehnsucht nach einem Menschen, der ihn versteht und nicht verurteilt? Garantiert. Schlechte Idee? Mit Sicherheit.⁣

    “Für einen Moment hat er das Gefühl, dass die Vision, wegen der er hergekommen ist, die aus der Not geborene Vision, die einzige vielleicht in seinem Leben, ausschließlich unerwartete und unerwünschte Nebenwirkungen hat; ansonsten ist sie eine Leere, ein Abgrund, um den er gleichwohl fortwährend kreist. Vor allem fühlt es sich an, als kontrolliere nicht mehr er sein Verlangen und seine Fantasie, sondern als kontrolliere die Fantasie ihn; hier auf diesem Hügel ist alles Einbildung, eine radikal außer Kontrolle geratene Einbildung, in die er sich mutwillig gestürzt hat.”⁣

    Anat suhlt sich genüsslich in ihrem Opferstatus, giert scheinbar nur so danach, auf ihre Identität als Jüdin reduziert zu werden. Das erstreckt sich auf einen sexuellen Fetisch, der die Grenzen der politischen Korrektheit schlichtweg sprengt. Irgendwann liest sie sich nicht mehr wie ein echter Mensch, sie ist bloß noch eine Kunstfigur, wortgewordene Provokation, und passt damit zum Grundton des Buches.⁣

    Aber zu diesem Zeitpunkt ist für Kadoke eh schon alles zu spät – und mich hatte der Roman da ohnehin bereits verloren, mich langweilte die ganze Provokation inzwischen.⁣

    Wieviel darf ein Roman?⁣

    Kadoke kann seinen Kurs nicht mehr korrigieren, denn er ist außerstande, andere Perspektiven als die eigene einzunehmen. Er ist Kadoke und alles ist Kadoke, die ganze Welt ist Kadoke. Es gibt für ihn nur seine persönliche Wahrheit, deswegen reagiert er fassungslos darauf, dass niemand ihn versteht. Gleichzeitig ist er eine wandelnde Leerstelle, die Erfüllung in anderer Leute Ansichten sucht. Da kommt wieder die “Liebe” ins Spiel, denn die würde Anat in seinen Augen zu seiner Verbündeten machen. Stattdessen führt diese Liebe dazu, dass er eine Erniedrigung nach der anderen über sich ergehen lassen muss – und da hatte ich irgendwann die Nase voll.⁣

    Das ist alles zu viel, zu schrill, zu gewollt schockierend. Nachdem der Balanceakt für mich im ersten Teil des Romans noch funktionierte, stürzte nach meinem Empfinden im zweiten Teil alles in sich zusammen.⁣

    “Sie setzt ihm die Mütze auf, küsst ihn, wieder so gierig, ihre Wut macht sie schöner und geiler, fordernder und ruchloser. Kadoke schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt er, »du musst ins Gas.« »Aber, Obersturmbannführer«, wispert sie, »ich werde dir fehlen. Wen willst du denn f***en, wenn nur noch Asche da ist?«”⁣

    Die Charaktere, die erst so wunderbar schrullig auf mich wirkten, entwickeln beim Lesen keinerlei Tiefe, ganz im Gegenteil. Ein Klischee folgt auf das nächste, in genüsslicher, fast schon boshafter Übertreibung. Grünberg, so kam es mir vor, spielt damit, als jüdischer Autor jüdische Charaktere zu entwerfen, die einem nicht-jüdischen Autor möglicherweise sogar als antisemitische Propaganda ausgelegt würden: schmutzige, fanatische, verblendete, perverse Charaktere.⁣

    Der Autor treibt die Satire so sehr auf die Spitze, dass jegliche Bedeutung für mich verloren geht und ich es auch nicht mehr originell finde. Das Buch will schockieren, also: dreckstarrende Wohnungen. Also: kultartige Ansichten. Also: Sex jenseits jeder Norm. Das ist mir zu einfach.⁣

    Ich habe mit fundierter Gesellschaftskritik gerechnet, denn die Geschichte ist an einem Ort angesiedelt, an dem Juden aus vielen Ländern zusammenleben, oft auf relativ engem Raum. Und das in einer Gesellschaft, die sich kulturell nicht wirklich durchmischt – das ist eine Extremsituation.⁣

    Ich will mehr über diesen Konflikt Palästinenser – Israeliten hören, aber hier kommt kein einziger zionistischer Jude zu Wort, der nicht als Zerrbild porträtiert wird. Einem zionistischen Blickwinkel müsste ich ja nicht beistimmen, aber ich will die Charaktere, die da leben und darin ihr Heil sehen, zumindest ein Stück weit verstehen. Das könnte gerne witzig und satirisch passieren, aber so funktioniert es für mich nicht – so wirkt die Kritik an dieser Lebensform auf mich sogar weniger prägnant, weil diese ohnehin als völlig surreal erscheint.⁣

    Humor kann ein großartiges Stilmittel für Satire sein, aber hier ist er mir einfach zu platt. Auch Satire und Kritik sollten der “Gegenseite” noch etwas Menschlichkeit lassen.⁣

    Kadokes Vater ist wahrscheinlich der normalste Mensch in diesem Käfig voller Narren, da kann man ihm kaum verübeln, dass er ständig verlangt: “Mach mich tot, bitte mach mich tot.” Das hat eine gewisse Komik, aber eine, die weh tut.⁣

    Zwischendurch gab es immer mal wieder Sätze, sogar ganze Passagen, bei denen ich dachte: DAS ist das Buch, das ich lesen möchte. Aber erst im letzten Abschnitt konnte ich mich wieder etwas damit versöhnen, da rückte der Grundkonflikt durch eine unerwartete Entwicklung wieder mehr in den Fokus und der Klamauk fuhr soweit runter, dass die Ernsthaftigkeit durchscheinen konnte.⁣

    Anat, die mir bis dato zu klischeehaft erschien, gewinnt im großen Finale mehr Tiefe und Dimension, obwohl ihre Ansichten und Handlungen nach wie vor sehr extrem sind. Aber es wird hier sehr deutlich, dass dahinter eine tiefe, grundlegende Angst und ein ererbtes Trauma stehen. Da gelingt der Balanceakt auf einmal wieder.⁣

    Fazit⁣

    Psychiater Otto Kadoke verliert nach falschen Anschuldigungen seine Lizenz und seinen guten Ruf. In einer Art Kurzschlussreaktion nimmt er die Einladung seiner zionistischen Großkusine Anat an, zu ihrer Familie ins Westjordanland zu ziehen, wo er ihr als geweissagtes Wunder viele Kinder zur Bevölkerung des Heiligen Landes machen soll.⁣

    Was für eine Achterbahnfahrt war dieses Buch für mich! Hellauf begeistert in den ersten Abschnitten, dann maßlos enttäuscht, und im letzten Abschnitt konnte mich das Buch dann doch wieder überzeugen. Dennoch: auch wenn ich wieder ein Stück weit versöhnt wurde, finde ich die absurden Elemente der Geschichte einfach zu viel, zu gewollt schockierend, zu konstruiert. Meines Erachtens wäre es stimmiger, wenn der Autor die Absurdität ein klein bisschen heruntergefahren hätte.⁣

    Grenzüberschreitende Satire kann großartig sein, hier wird sie für mich durch reine Übersättigung vollkommen ‘geschmacklos’ – im Sinne von, da ist keine Würze mehr drin, weil es so ein Mischmasch von gewollt schockierenden Elementen ist.⁣⁣

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-arno-gruenberg-besetzte-gebiete/

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    Cover des Buches Der Himmel vor hundert Jahren (ISBN: 9783498001896)

    Bewertung zu "Der Himmel vor hundert Jahren" von Yulia Marfutova

    Der Himmel vor hundert Jahren
    MikkaGvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein ganz wunderbares Debüt, das sich für mich geradezu von selbst sehr vergnügsam herunterlas, mit kostbarem Humor, aber nie platt.
    Röhrchen und Flussgeister⁣

    Rund ums Jahr 1918: in einem kleinen russischen Dorf haben die Menschen vom Roten Oktober und dem wütenden Bürgerkrieg bisher gar nichts gehört; in diese abgeschiedene Gegend kommen nur selten Nachrichten, geschweige denn Reisende. Hier gibt es keine jungen Männer mehr, die eingezogen werden könnten – die meisten sind in einem der letzten Kriege gefallen oder nur versehrt zurückgekehrt. Spielt da für die Dörfler noch eine Rolle, was irgendwo in einem ganz anderen Winkel des untergehenden Zarenreiches geschieht?⁣

    Viel wichtiger sind die dorfinternen Konflikte: Der Dorfälteste Ilja sieht sich als Mensch des Fortschritts, kann er doch mit Hilfe eines Barometers (Inbegriff der Moderne!) das Wetter recht genau vorhersagen. Der alte Pjotr hält es lieber mit den Traditionen und dem Volksglauben an die Flussgeister. Beide beäugen sich gegenseitig mit Zorn und Verachtung, beide haben ihre Anhänger. Besonders der “Iljanismus”, der Wunderglaube an das “Röhrchen” nimmt fast schon sektenartige Ausmaße an.⁣

    Dann fällt Iljas Frau ein Messer runter – ein Omen. Und wirklich kommt alsbald ein Fremder ins Dorf, ein junger Mann. Barfuß, in eine verdreckte Offiziersuniform gekleidet, wird er zum Mittelpunkt des dörflichen Klatsches, zum Sinnbild diverser nebulöser Hoffnungen und Ängste. Wo kommt er her, was will er hier – und will er etwa bleiben?⁣
    Ein Roman mit gelungener Balance⁣

    Das Buch habe ich quasi in einem Rutsch weggelesen, ich fand es unwiderstehlich. Der Schreibstil ist außergewöhnlich, entwickelt über lange Passagen einen geradezu hypnotischen Sog. Die Autorin setzt gekonnt Stilmittel ein, die leicht zum Überdruss führen könnten (z.B. häufige Wiederholungen), bei ihr aber perfekt ein lebhaftes Bild und eine dichte Atmosphäre erzeugen. Ein leichtfüßiger Humor und schrullige Charaktere tun ihr Übriges für eine sehr unterhaltsame Lektüre, die dennoch nicht trivial ist.⁣

    “Andererseits und wiederum und demgegenüber und bei genauer Betrachtung hängt natürlich alles mit allem zusammen, die Wiedergaben mit den Ideen, die Ideen mit dem Zaren und der Zar mit den Ikonen und die Ikonen wiederum und auch und ebenso und überhaupt. Da kann einem leicht schwindelig werden vor so vielen kosmischen Zusammenhängen.”⁣
    (Zitat)⁣

    Historische Ereignisse werden im Buch nicht exakt benannt und datiert. Im Dorf sind aber Strukturen erkennbar, die sich im Kleinen lesen wie exakt die gleichen Auswüchse der menschlichen Natur, die im Großen zu besagten Ereignissen geführt haben. Da sind der bedingungslose Glaube an Autoritäten oder die Auflehnung dagegen, da sind Tradition oder Fortschritt, Personenkult oder freigeistiges Denken, Neid und Gier, Angst und Wahn. Leise und laute Stimmen verweben sich in vielfältigem Chorgesang⁣
    zum charmant-skurillen Portrait eines Dorfes, das in all seinen Eigenheiten eine gewisse Allgemeingültigkeit erhält.⁣

    “Und dann? Was passiert dann? Und danach? Und dann nach dem Danach? Und danndanndann? Immer kommt schließlich ein Dann, immer folgt ein Wetter dem nächsten, eine Windrichtung auf die andere, gibt ein Wort das nächste. Nur das Dann, das jetzt kommt, das hat man so nicht erwartet.”⁣
    (Zitat)⁣

    Annuschka, ein Mädchen, das an der Schwelle zur Erwachsenenwelt steht, sieht das alles mit scharfem Blick quasi unparteiisch von außen und erlaubt dies daher auch den Leser:innen. Sie ist die Zukunft, die dem Roman eine hoffnungsvolle Note verleiht, denn in der Zukunft scheint auch hier vieles noch möglich.⁣

    Fazit⁣

    In einem kleinen russischen Dorf, irgendwann ums Jahr 1918 herum, scheinen Zeit und Welt stillzustehen. Weit weg sind der Bürgerkrieg, die politischen Umwälzungen, die Machtkämpfe… Im Kleinen lassen sich im Dorf indes ähnliche Strukturen beobachten, so dass die Geschehnisse wirken wie eine Parabel, die Bewohner wie Charaktere in einem satirischen Puppenspiel.⁣

    Yulia Marfutova ist mit “Der Himmel vor hundert Jahren” ein ganz wunderbares Debüt gelungen, das sich für mich geradezu von selbst sehr vergnügsam herunterlas, mit kostbarem Humor, aber dennoch weder platt noch abgedroschen daherkommt.

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-yulia-marfutova-der-himmel-vor-hundert-jahren/

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    Cover des Buches Adas Raum (ISBN: 9783103973150)

    Bewertung zu "Adas Raum" von Sharon Dodua Otoo

    Adas Raum
    MikkaGvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Hier werden Grenzen überschritten oder neu definiert, darauf musst du dich erstmal einlassen. Aber das lohnt sich!
    Komplex, auf bestmögliche Art überraschend

    Handlung

    1459 verliert Ada ein Baby im westafrikanischen Totope. 1848 ist sie Ada Lovelace und bricht durch eine Affaire aus dem Käfig ihrer Ehe aus. 1945 existiert sie (Leben mag ich es kaum nennen) im Lagerbordell eines KZs. 2019 ist Ada hochschwanger, hat in Berlin jedoch Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, denn sie ist schwarz.

    Immer ist sie Ada, von Reinkarnation zu Reinkarnation erlebt und erleidet und erkämpft sie sich das Leben. Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, sie erlebt den ganzen Reigen der schändlichen Ismen. Mal rebelliert sie, mal erduldet sie schweigend, doch immer sind ihre Erlebnisse von einer rohen Authentizität und regen die Leser:innen zum Nachdenken an.

    Wer spricht hier? Schnell begreifst du beim Lesen, dass es nicht Ada ist, die die Geschichte erzählt, auch wenn sie immer im Mittelpunkt der Geschehnisse steht.

    Es ist eine Wesenheit, die hier spricht, die Ada von Reinkarnation zu Reinkarnation begleitet und selber so gerne ein Mensch wäre, jedoch immer wieder nur als Gegenstand existiert. Sie ist der Reisigbesen, mit dem Ada in Westafrika geschlagen wird. Der Türklopfer, der den Liebhaber kommen und gehen sieht. Das KZ-Zimmer, erfüllt von unermesslichem Leid. Der Reisepass, der ein neues Leben verspricht.

    Und obwohl diese Wesenheit sieht, mit welchem Schmerz und welchem Kampf das Leben verbunden ist, sehnt sie sich danach, es selber zu erleben.

    Sprechende Gegenstände, das klingt gewöhnungsbedürftig, womöglich sogar nach Disney. Vielleicht graust es dir bei dem Gedanken, siehst du vor dem inneren Auge schon singende Teekessel. Dazu kommt noch, dass die Wesenheit, die ihnen innewohnt, in stetem Dialog mit einem Gott steht, der mit einer amüsierten Distanz auf das Leben schaut, die Ereignisse locker-flockig kommentiert und dabei auch schon mal ‘berlinert’.

    Nein, liebe:r Leser:in, geh noch nicht, schlag das Buch nicht zu schnell zu!

    Ich verspreche dir: das ist weder verkitscht noch pseudoreligiös; es ermöglicht der Autorin, ihre Geschichte zugleich hautnah und mit eíner erwägenden Distanz zu erzählen, mit einer unglaublichen Klarheit. Es ist zutiefst originell, bricht die Geschichte immer dann auf, wenn es nötig ist, um den Leser:innen mehr Raum für Reflektion zu geben. Das Leichte, das Schwere, das ist in jeder Schleife in Balance.

    „Die Zeit war jedenfalls gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – in Verbindung miteinander sind, dass wir es immer waren und immer sein werden. Die Botschaft kann erdrückend sein, wenn mensch meint, sie zum ersten Mal zu hören. Wir wollten Ada damit nicht überrumpeln. Wir wissen ja, dass sie am Ende ihres Lebens zunächst immer eine Runde Abstand braucht.“

    Und so hangelst du dich von Leben zu Leben…

    Ich konnte mich der Geschichte nicht entziehen. Sie hielt mich auf jeder einzelnen Seite gepackt mit ihrer intelligenten Schreibweise, ihrer unterschwelligen Spannung, ihrem klaren Blick auf eine Frau, die sich quasi häutet und wandelt und doch im tiefsten Inneren immer den selben Funken Leben in sich trägt. Das ist frisch und berührend und mit jeder Drehung der Schraube wieder überraschend.

    Um Ada herum wandelt sich auch die Welt. Mit jedem Perspektivenwechsel fällt der Blick auf gesellschaftliche Veränderungen und zugleich eine ungemein persönliche Lebenswirklichkeit. Immer zieht sie das Trauma all ihrer Leben, das zugleich das kollektive Trauma vieler Frauen ist, hinter sich her wie einen vielgestalten Schatten, das Miasma einer erschütternden Grausamkeit. Das wird so meisterhaft wie subtil in Worte gefasst. Die Gewalt, die Ada unweigerlich in jedem Leben begegnet, wird nicht geschönt, doch für die Leser:innen durch gekonnte Verfremdung erträglich gemacht.

    Überhaupt verzichtet Otoo auf den moralischen Zeigefinger, das hat der Roman gar nicht nötig. Sie traut der:m Leser:in offenbar zu, eigene Schlüsse zu ziehen und eigene Urteile zu treffen; sie gibt ihr:m nur das nötige Rohmaterial an die Hand.

    Andere Charaktere sind eher Statisten in Adas Leben, doch du erkennst: einige davon sind Schlüsselfiguren in ihrer Existenz, auch sie werden in diversen Rollen wiedergeboren. Dieser hier, der war doch im letzten Leben noch ihr Bruder? Ah, da ist wieder der Mann mit der Narbe… Zu verfolgen, welche Menschen und fundamentale Erlebnisse immer wieder auftauchen, in vielfacher Gestalt, das erfordert aufmerksames Lesen – und das ist Vergnügen, keine lästige Pflicht.

    Ein goldenes Armband kommt in jeder Schleife aufs Neue vor; die Wesenheit hält es für ihre Aufgabe, dieses in ganz bestimmte Hände zu bringen und sich damit die Menschwerdung zu verdienen. Ein Leitmotiv, dessen Bedeutung immer wieder neue Facetten zeigt – das wird so innovativ und gekonnt eingesetzt, wie Otoo die ganze Erzählung gestaltet.

    Ach, hier möchte ich schon aufhören, auch wenn ich noch so viel sagen könnte… Aber dies ist ein Buch, dass jede:r selbst für sich entdecken sollte, ohne zu viel Vorwissen oder fremde Interpretation. Lass es auf dich wirken, lass es nachhallen, vergiss erstmal die Meinung anderer Menschen.

    Fazit

    1459, 1848, 1945, 2019: wir folgen Ada in vielen Reinkarnationen (“Schleifen”) durch die Jahrhunderte. Sie ist jedes Mal wieder eine andere und doch im Kern die gleiche Ada. Sie erlebt alle Aspekte des Lebens, des Frauseins; mal kämpft sie ums bloße Überleben, mal um persönliches Glück, oft um Gleichberechtigung, immer um Selbstbestimmung – um Raum für ihre Existenz.

    Und das erzählt Otoo auf eine Art, die so originell ist, dass man aufhorcht, vielleicht erstmal skeptisch die Augenbraue hochzieht. Hier werden Grenzen überschritten oder neu definiert, darauf musst du dich erstmal einlassen. Aber das lohnt sich, denn “Adas Raum” ist ein literarisches Abenteuer, ein sprachliches Fest! Ein Debüt mit erzählerischer Wucht und doch feiner Subtilität.

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-sharon-dodua-otoo-adas-raum/

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    Cover des Buches Der ehemalige Sohn (ISBN: 9783257071566)

    Bewertung zu "Der ehemalige Sohn" von Sasha Filipenko

    Der ehemalige Sohn
    MikkaGvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Franzisks Koma spiegelt die Machtlosigkeit der Menschen in Belarus, die Unveränderlichkeit des Systems – gelungene satirische Parabel.
    Belarus im Koma

    Minsk, 1999⁣

    Franzisk, kurz ‘Zisk’, ist Schüler am Staatlichen Lyzeum der Künste, doch statt Cello zu üben, geht er lieber auf den Bolzplatz oder hängt mit seinen Freunden rum. Daher steht er zur Verzweiflung seiner Großmutter, bei der er lebt, immer haarscharf davor, wegen seines Mangels an Einsatz oder Fleiß rauszufliegen. Sogar Bestechung hat ihre Grenzen.⁣

    “Und wenn mir etwas zustößt? Wenn das meine letzte Gelegenheit ist?” ⁣

    Damit erschleicht Zisk sich manchmal ihre Erlaubnis, rauszugehen. Und da draußen ist das Land scheinbar im Umsturz: die Menschen protestieren, die Bevölkerung erhebt sich gegen die Diktatur von Aljaksandr Lukaschenka… Spannende Zeiten, beunruhigende Zeiten. Und dann stößt Franzisk wirklich etwas zu, und er fällt ins Koma.⁣

    So wie das ganze Land.⁣

    Es ist nur die Hartnäckigkeit seiner Großmutter, die Franzisk am Leben erhält, indem sie sich strikt weigert, ein Ausschalten der Maschinen auch nur in Erwägung zu ziehen. Auch wenn er es in seinem tiefen Schlaf nicht wahrnimmt, ist sie der fragile silberne Faden, an dem er hängt – der letzte Mensch, der noch daran glaubt, dass er irgendwann wieder die Augen aufschlagen wird.⁣

    Und umgekehrt ist er ihre ganze Welt, ihr einziger Lebenssinn. Für ihn atmet sie, für ihn sorgt sie wenigstens notdürftig für sich selbst. Ohne Franzisk will sie nicht sein, kann sie nicht sein. Sie kämpft mit den Ärzten, mit den Schwestern, sie probiert eine Methode nach der anderen aus, mit der irgendwo irgendjemand aus dem Koma erweckt wurde. In ihrer Verzweiflung greift sie nach jedem Strohhalm.⁣

    Doch Zisk schläft.⁣

    Das Krankenzimmer ist eine Blase in der Zeit, in der Großmutter und Enkel gefangen sind, während draußen die Zeit vergeht – und die Umstände sich dennoch nie ändern. Zisks Koma spiegelt das Koma eines ganzen Landes, die Machtlosigkeit eines Volkes.⁣

    Ein geschickter Schachzug: die Großmutter erzählt ihm von der Welt da draußen, damit er es leichter hat, wenn er endlich aufwacht, und auch andere Menschen vertrauen sich ihm bedenkenlos an. Denn er liegt ja im Koma, er kann nichts verraten, er wird sie nicht wegen Systemkritik anschwärzen. In diesen Erzählungen schwingt die Gesellschaftskritik an den Umständen in Belarus mit, die der Roman transportieren will. Es sind die Absurditäten, die die uns fremde Normalität greifbar machen: zum Beispiel, dass die Menschen den Rettungswagen rufen, um umzuziehen, weil das billiger ist als eine Fahrt im Möbelwagen – was sagt das über den Wert des menschlichen Lebens?⁣

    Die Sprache fängt die Lebenswelten der Protagonisten mit oft recht kurzen Sätzen knapp und prägnant ein. Die Worte sind mal nüchtern, mal drängend, mal hektisch und fiebrig, das erwischt manche Leser:innen womöglich erstmal auf dem falschen Fuß. Da wird man reingeschmissen wie in kaltes Wasser. Aber dynamisch ist das immer, die Sprache wirkt nie wahllos oder vergeudet. Passt, liest sich wie aus einem Guss.⁣
    »Siehst du, all das müsste man hinausschreien…«⁣

    Filipenko bringt die Umstände gnadenlos auf den Punkt. Die der einzelnen Charaktere, die der politischen Lage. Da, wo er den Blick der Leser:innen hinlenkt, ist alles glasklar, scharf umrissen, oft satirisch übersteigert und plakativ. Er prangert die Absurditäten eines Regimes an, das sein eigenes Volk in steter Zensur erstickt, wenn nötig, mit menschenverachtender Gewalt.⁣

    Das merkt man vor allem an den Nebencharakteren, die zum Teil wirken wie die Personifizierungen bestimmter Krisen und Missstände. Manchmal ist das haarscharf davor, zu überzeichnet zu sein, um die Leser:innen noch zu berühren, manchmal überschreitet der Autor diese Grenze. Doch diese Menschen werden als das fatale Ergebnis eines unmenschlichen Systems gezeichnet, da steckt sehr viel Wahrheit drin.⁣

    Im Kontrast dazu wirken die Großmutter und Franzisk (in den Szenen, in denen er wach ist) nur allzu glaubhaft und echt. Die Einsamkeit der Großmutter ist mit Händen zu greifen, und im Rückblick schmerzt Zisks jugendlicher Überschwang… Auch Zisks bester Freund Stass, der ihn immer noch besucht, obwohl er nicht mehr an ein Wunder glaubt, liest sich authentisch und glaubhaft.⁣

    »Ich gehe nicht auf die Straße, um eine Revolution anzuzetteln oder um mich zu prügeln oder Losungen zu skandieren. Aber ich will mich davon überzeugen, dass dieser ganze Surrealismus nicht wahr ist. (…) Ich will einfach sehen, dass außer mir auch andere Leute hinausgehen, die genauso nicht an diese Farce glauben, und spüren, dass ich nicht die einzige Geisel in diesem Narrenhaus bin.«⁣

    An den jugendlichen Charakteren des Buches siehst du als Leser:in, wie die jungen Menschen in diesem Land entweder stumpf die Augen vor allem verschließen, verzweifeln, aufgeben oder das Land verlassen. Keiner der jungen Charaktere führt hier wirklich ein erfülltes, glückliches Leben, und keiner davon hat eine Zukunft, die über das reine Schuften und Katzbuckeln vor dem Regime hinausgeht. Und wenn die junge Generation keine Zukunftsaussichten hat, wer dann?⁣
    »Wenn du dran glaubst, warum auch nicht?«⁣

    Es gibt ein paar Entwicklungen, die sicher nicht realitätsgetreu ablaufen, die daher nicht hundertprozentig glaubwürdig sind. Aber auch das scheint mir Absicht zu sein, um die Gesellschaftskritik deutlicher zu unterstreichen. Hier muss ich leider so vage bleiben, um nicht vorweg zu nehmen, wie die Geschichte ausgeht.⁣

    Das Ende lässt vieles offen, schließt aber in gewissem Sinne dennoch den Kreis, der sich mit Franzisks Fall ins Koma eröffnet hat.⁣

    Fazit⁣

    Im Jahr 1999 fällt in Minsk ein Jugendlicher nach einem katastrophalen Ereignis ins Koma. Der Oberarzt hält es für Verschwendung, nicht sofort die Maschinen abzustellen, niemand glaubt daran, dass Franzisk jemals wieder erwachen wird. Nur seine Großmutter weicht nicht von seiner Seite – und die Monate und Jahre gehen ins Land…⁣

    Franzisks Koma spiegelt die Machtlosigkeit der Menschen in Belarus, die scheinbare Unveränderlichkeit des Systems und der unterdrückten Gesellschaft. Saša Filipenko erzählt die Geschichte als gelungene satirische Parabel.

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-sasa-filipenko-der-ehemalige-sohn/

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    Cover des Buches Klippentod (ISBN: 9783328103998)

    Bewertung zu "Klippentod" von Ian Bray

    Klippentod
    MikkaGvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Für mich ein durchwachsenes Leseerlebnis – viele gute Aspekte, aber leider auch solche, die mir nicht gefielen.
    Durchwachsenes Leseerlebnis

    Der Handlungsort⁣

    Das Fischerdorf Cadgwith, in dem dieser Krimi angesiedelt ist, liegt in einer der schönsten Gegenden Cornwalls. “Ian Bray” (bzw. Arnold Küsters, der hinter dem Pseudonym steht) beschwört diese Schönheit in Worten voller Atmosphäre und liebevollem Lokalkolorit. Er lässt den Ozean, die Klippen, die Fischer mit ihren Booten vor dem inneren Auge der Leser:innen auferstehen, da riechst du fast die salzige Meerluft und hörst den Musikant:innen beim Folkabend zu – ein malerisches Ambiente für so etwas Hässliches wie Mord.⁣

    Der Schreibstil⁣

    Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, wunderbar bildlich, es ist offensichtlich, dass dem Autor Land und Leute am Herzen liegen. Und genau das ist in meinen Augen, was diesen Krimi auszeichnet.⁣

    Der Spannungsbogen⁣

    Doch so stimmig Lokalkolorit und Atmosphäre auch sind, die Krimihandlung kann da meines Erachtens nicht ganz mithalten. Spannung baut sich nur langsam auf und flacht immer wieder ab, denn es gibt einfach zu viel “Füllmaterial”. Das Wetter. Abende in der Kneipe. Der Verschönerungsverein, der sich geradezu militant ins Dorfleben einmischt. Das Wetter. Abende in der Kneipe. Vieles wiederholt sich. An sich sind das alles Dinge, die wunderbar beitragen zur Szenerie des Dorflebens, keine Frage, aber es wurde mir einfach zu viel.⁣

    Das Buch hat 560 Seiten, aber ich vermute, dass eine Kürzung dem eigentlichen Fall gut tun würde. Denn der gerät ins Hintertreffen, wird nicht bis in die Tiefe ausgeleuchtet, nicht auserzählt. Die Ermittlungen erscheinen unkoordiniert und bieten wenig Überraschungen; vieles ergibt sich nach und nach einfach so, immer wieder unterbrochen von Nebenhandlungen.⁣
    Die Charaktere⁣

    Der Hauptcharakter, der ehemalige Polizist Simon Jenkins, ist ein Mann mit viel emotionalem Gepäck. Er war mal ein überaus erfolgreicher Ermittler – bis zu dem folgenschweren Unfall, der ihm Freundin und Gesundheit nahm. Seither kann er sich nur mühsam mit Gehstock bewegen und lebt mit furchtbaren Schmerzen. Seinem ehemaligen Beruf hat er den Rücken gekehrt und verdient sein Geld als Künstler. Statt nach Verbrechern, sucht er jetzt nach den perfekten Farben für das Meer und ist erst widerwillig, das zu ändern.⁣

    Mit Jenkins konnte ich das Buch hindurch mitfühlen und mitfiebern, er war für mich der komplexeste, rundeste Charakter. Und doch – er erschien mir als zu fixiert auf den schrecklichen Verlust seiner Freundin, um sich wirklich dem Fall widmen zu können. Das ist natürlich verständlich, aber es bremste das Buch immer mal wieder aus.⁣

    Der Polizist DI Marks, der die Einmischung Jenkins’ in seinen Fall mit Argusaugen beobachtet, konnte ihm als Gegenspieler nicht das Wasser reichen und blieb als Charakter etwas flach.⁣

    Viele der Charaktere sind interessant und gut geschrieben, wie Mary, die beste Freundin der ersten Toten. (Jenkins entwickelt zarte Gefühle für Mary, trotz seiner Loyalität zu seiner verstorbenen Freundin Moira – ein schöner Aspekt der Geschichte.) Viele haben durchaus Potential. Andere schrappen jedoch nur haarscharf am Klischee vorbei, wirken eher wie Staffage; hier bleibt das Buch manchmal zu sehr an der Oberfläche.⁣

    Fazit: Durchwachsen⁣

    Ich denke, das Buch könnte Leser:innen gefallen, die etwas nicht allzu Grausames lesen wollen und dabei vor allem Spaß an gut geschriebenem Lokalkolorit haben – denn davon hat der Krimi jede Menge zu bieten. Darüber hinaus konnte mich jedoch leider weder der Spannungsaufbau noch der Verlauf der Ermittlung wirklich überzeugen, meines Erachtens wiederholten sich zu viele Nebensächlichkeiten. Auch die Charaktere waren für mich nicht alle vollends rund und stimmig.⁣

    Daher war “Klippentod” für mich ein durchwachsenes Leseerlebnis – viele gute Aspekte, aber leider auch solche, die mir nicht gefielen.

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-ian-bray-klippentod/

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    Cover des Buches Trauma (ISBN: 9783442718108)

    Bewertung zu "Trauma" von Angélique Mundt

    Trauma
    MikkaGvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ich fand es sehr interessant, einen Thriller aus Sicht einer Frau zu lesen, die selber nicht weiß, ob sie die Mörderin ist.
    Bist du fähig zur Gewalt?

    Bist du fähig zur Gewalt?⁣

    In ihrem Traum begeht Leila einen Mord. Sticht immer wieder ein auf diesen Mann, damit er nie mehr lügt, es ist ganz leicht. Das Blut durchtränkt ihr Kleid, während misstönende Musik erklingt. Eine Taube in der Nähe schnalzt höhnisch und gurrt: “Ginseng. Ginseng Abu Lasemir.” Dann schreckt Leila aus dem Schlaf und muss sich fragen: war es wirklich ein Albtraum – oder eine Erinnerung? Im Schrank liegt eine blutige Schere… Oder vielleicht auch nicht, die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.⁣

    Tatsache ist, ein geliebter Mensch ist tot, brutal emordet. War sie es? Könnte sie so etwas wirklich tun? Und warum? Der emotionale Schmerz ist mehr, als sie aushalten kann. Wenig später erwacht sie als Hauptverdächtige in der Psychiatrie, ohne konkrete Erinnerungen an die Tatnacht. Mit Hilfe der Psychiaterin Dr. Valentina Freytag versucht sie, sich daran zu erinnern, was wirklich passiert ist – auch wenn sie sich vielleicht als Mörderin entpuppt. Und es scheint, als meine es jemand in der Psychiatrie nicht gut mit ihr…⁣

    Die Erinnerungen zu verlieren, muss traumatisch sein. Dich ernsthaft fragen zu müssen, ob du einen Mord begangen hast, umso mehr. Leila hat keinen Halt mehr, sie kann sich selbst nicht mehr vertrauen. Ihre Gedanken springen hin und her, ihre Gefühle schwanken zwischen Extremen… Obwohl sie sonst eine Person ist, die sich eher unterordnet, braust sie manchmal auf, wird wütend, misstraut jedem.⁣

    Die Menschen um sie herum haben ihre ganz eigenen Probleme und Traumata, umsonst ist schließlich niemand in der Psychiatrie. Es ist für alle eine Ausnahmesituation, eine Grenzerfahrung. Manche reagieren darauf mit kauzigen Marotten, andere mit aggressiver Verzweiflung. Und dennoch findet Leila unter ihnen Verbündete und Verständnis, während sich eine Kluft zwischen ihr und den Menschen in ihrem Leben auftut. Die demenzkranke Hanne und der schwerst depressive Benjamin stehen ihr zur Seite, obwohl sie sich selbst emotional im freien Fall befinden.⁣

    »Nur weil ich die Abgründe kenne, kann ich darüber schreiben.«⁣
    Angélique Mundt⁣

    Wer könnte dieses Umfeld besser in Worte fassen als eine Autorin wie Angélique Mundt? Die Diplom-Psychologin mit eigener psychotherapeutischer Praxis ist seit 2009 ehrenamtlich im Kriseninterventionsteam KIT des Deutschen Roten Kreuzes tätig. Sie hat Erfahrung mit Menschen in Krisensituationen, die Traumatisches erlebt haben.⁣

    Meines Erachtens kommt diese Erfahrung dem Buch und vor allem der Darstellung der Charaktere sehr zugute. Leila ist aufgrund ihres aufgewühlten Gemütszustandes eine unzuverlässige, manchmal anstrengende Erzählerin, liest sich aber authentisch und glaubhaft, so dass ich ihren Gedankengängen dennoch gerne gefolgt bin. Du bist als Leser:in ganz nah dran an ihren Ängsten, Zweifeln, Hoffnungen, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung. Du leidest mit ihr, wenn sie ihre kleine Tochter vermisst und ihre verlorene Zukunft betrauert. Auch die anderen Charaktere fand ich gut geschrieben; die sympathischen wie die weniger sympathischen sind nachvollziehbar in dem, was sie antreibt.⁣

    Die Spannung ergibt sich vor allem aus der Frage, ob Leila die Mörderin ist – um das herauszufinden, muss sie ihre Erinnerungen an die Tatnacht wiedererlangen, und zwar schnell. Der Kommissar, der sie aus der Psychatrie in die Untersuchungshaft verlegen will, weil er von ihrer Schuld überzeugt ist, lässt sich zunehmend unwilliger hinhalten.⁣

    Abgesehen davon entwickelt sich noch eine andere Art von subtiler Spannung, die sich gänzlich in Leilas Psyche abspielt. Ihre ganze Existenz ist in sich zusammengestürzt wie ein Kartenhaus, und sie muss sich fragen, ob es ihre eigene Schuld ist – und was sie eigentlich vom Leben will, sofern sie dieses nicht im Gefängnis verbringen muss. Denn ihr wird klar, dass sie zulange anderen die Entscheidungen überlassen hat.⁣

    Relativ früh habe ich ein paar Entwicklungen im Ansatz vorhergesehen; die tatsächliche Auflösung hatte aber dann noch ein paar Widerhaken und Wendungen zu bieten, so dass ich das nicht als Manko sehe. Im Rückblick finde ich die Spannung gut aufgebaut und die Geschichte geschickt konstruiert. Auch der Schreibstil liest sich sehr unterhaltsam, ohne der Spannung dabei Abbruch zu tun, und immer passend für Leilas Erlebnisse und ihre emotionale Zerreißprobe.⁣

    Der größte Pluspunkt des Buches ist für mich die ungewöhnliche Perspektive, die sich aus Leilas Erinnerungslücken und ihrem Aufenthalt in der Psychatrie ergibt. Dazu kommt, dass die Leser:innen alles ausschließlich aus ihrer Sicht sehen und dadurch nach und nach mit ihr gemeinsam den Fall aufklären. Die Autorin schildert die Geschehnisse sehr überzeugend und hochinteressant, legt den Fokus dieses Psychothrillers tatsächlich auf die Psyche.⁣

    Fazit⁣

    Leila ermordet in einem Albtraum einen Mann, und als sie erwacht, verwischen sich die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit. Denn eine geliebte Person aus ihrem Umfeld ist tot – ermordet auf eine Art und Weise, die sich mit Leilas Traum deckt. Aus Verzweiflung verletzt sie sich selbst und landet als Hauptverdächtige in der Psychiatrie. Sie hat keine Erinnerung an die Tatnacht, nur diesen Traum, doch das glaubt ihr niemand.⁣

    Ich fand es sehr interessant, einen Thriller aus Sicht einer Frau zu lesen, die selber nicht weiß, ob sie die Mörderin ist. Ungewöhnlich ist auch die Perspektive, da Leila für einen Großteil des Buches in der Psychatrie festsitzt und sich ihre Ermittlungen daher auf die eigene Person und ihre Erinnerungen konzentrieren. Insgesagt ist “Trauma” in meinen Augen ein sehr spannender und intelligenter Thriller.

    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-angelique-mundt-trauma/

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    Cover des Buches Feuerland (ISBN: 9783423282697)

    Bewertung zu "Feuerland" von Michael Hugentobler

    Feuerland
    MikkaGvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Der Roman ist durch und durch originell, beschäftigt sich in einzigartigem Stil mit Kolonialismus, Fanatismus, Ethnologie und Sprache.
    Eine Leidenschaft, die Wahnsinn nährt⁣

    Auf einer Parkbank liegt ein vergessenes Buch: ein Wörterbuch der Sprache eines längst verlorenen Volkes. Für seinen Ersteller war es Lebensinhalt und größter Schatz, für seinen Finder wird es schnell zur Obsession. Die Leben zweier Männer, die sich auf verschiedene Art und Weise der Sprache und der Völkerkunde verschrieben haben, überlappen sich, ohne dass sie sich jemals persönlich begegnet wären.⁣

    Thomas Bridges gelangt in den 1850er Jahren als Adoptivsohn eines britischen Missionars nach Südamerika und verbringt dort einige Zeit beim Volk der Yámana. Er verliebt sich schon als Jugendlicher in deren Sprache und Kultur und macht sich daran, ein detailliertes Wörterbuch zu erstellen. 1859 wird der erst 17-Jährige mit der Leitung der Mission betraut. Jahrzehnte später, kurz vor seinem Tod, umfasst das Wörterbuch 32.000 Einträge – und wird ihm gestohlen.⁣

    Hier kommt Ferdinand Hestermann ins Spiel, ein deutscher Ethnologe, Sprachwissenschaftler und Hochschullehrer, der das Wörterbuch rein zufällig findet. Schnell ist er von seinem unverhofften Schatz genauso besessen wie Bridges es war. Als in den 1930er Jahren die Nationalsozialisten beginnen, Bibliotheken zu plündern, ist für ihn klar: er muss unbedingt verhindert, dass ihnen das Buch in die Hände fällt, und so begibt er sich auf eine abenteuerliche Reise.⁣

    Hinweis:⁣

    Beide Männer gab es wirklich, auch wenn viele der Ereignisse im Buch fiktiv sind und sich im realen Leben nicht so ereignet haben.⁣

    “Dies waren keine Einträge eines Wörterbuchs, Hestermann hatte bisweilen das Gefühl, dieses Buch sei nur als Wörterbuch getarnt, in Wahrheit sei es ein Bauplan, eine Anleitung zum Erschaffen eines Teils der Welt, für den Fall, dass diese Welt einst untergehen sollte. Es war eine Kopie der Wirklichkeit in Form von Wörtern, es war ein philosophischer Gral, nichts mehr und nichts weniger.”⁣

    (ZITAT)⁣

    Der Teil der Geschichte, der sich mit Thomas Bridges beschäftigt, beleuchtet sehr gut das Wesen und die Abgründe des Kolonialismus. Die Missionare haben in ihren eigenen Augen nur die besten Absichten, und doch bringen sie den Völkern, die sie bekehren wollen, Krankheit und Tod. Die Yámana, deren Sprache Thomas in seinem Wörterbuch festhält, sind dafür ein mahnendes Beispiel; die Missionare werden zu Auslösern für deren rasante und beinahe vollständige Ausrottung.⁣

    Hier eröffnet sich eine interessante Parallele, die von Michael Hugentobler sicher auch beabsichtigt ist. In Bridges’ Teil der Geschichte wird die Welt der Yámana durch äußere Einflüsse bedroht, der vollständige Zusammenbruch ist imminent. In Hestermanns Teil der Geschichte geht auch seine Welt in gewissem Sinne unter – zumindest muss es ihm, der die Entwicklungen machtlos mit ansehen muss, so scheinen.⁣

    Beim Lesen habe ich mir notiert: Ich bin rundum begeistert von diesem Buch. Diese Sprache, dieses Spiel mit Traum und Wirklichkeit! Der subtile Humor! Und natürlich die feine Betrachtung der dräuenden Dunkelheit des Nationalsozialismus. Großartig.⁣

    Die Geschichte verwebt historische Fakten mit fiktiven Elementen und sprüht dabei nur so vor schöpferischem Witz. Es geht um Ethnologie, um Kolonialismus, um Fanatismus, das ist alles nur zu real und wird auch realistisch beschrieben – doch lange (alb)traumhafte Sequenzen spielen immer wieder mit den Grenzen von Schein und Wirklichkeit.⁣

    Oft vermischen sich Innenwahrnehmung und Außenwahrnehmung des Protagonisten, und diese Passagen sagen immer sehr viel aus über sein Wesen und seinen Charakter. Begann das Buch im ersten Abschnitt noch mit wenigen sehr subtilen Traumsequenzen, begibt sich die Erzählung im letzten Drittel endgültig ins Reich der Mythen und der mündlich weitergereichten Schauergeschichten, sie wird zunehmend surreal.⁣

    Das sorgt für eine dichte Atmosphäre, eine mit Händen greifbare Stimmung. Die Geschichte befreit sich aus dem engen Käfig der reellen Ereignisse – und im Nachwort wird klar, dass das Sinn macht, weil die Grundidee dem Autor auch in der Grauzone zwischen Realität und Mythos begegnet ist.⁣

    Aber es polarisiert auch – ich habe den Roman im Rahmen einer Leserunde gelesen, und da gingen die Meinungen sehr stark auseinander, um es vorsichtig auszudrücken!⁣

    Die Charaktere finde ich auf spezielle, eigentümliche Art sehr gut gelungen. Viele sind stark überzeichnet, den ein oder anderen Nebencharakter fand ich geradezu kafkaesk, aber man hat immer direkt einen sehr deutlichen Eindruck von der jeweiligen Persönlichkeit.⁣

    Man sollte sich meines Erachtens von der Vorstellung lösen, dass Thomas Bridges und Ferdinand Hestermann ihren realen Vorbildern genau entsprechen; der Roman nimmt sich hier und dort die Freiheit, sie eher als fiktive, wenn auch vom realen Leben inspirierte Charaktere zu behandeln.⁣

    Beide sind keine klassischen Helden, sondern Menschen mit Schwächen und Fehlern, deren Leben unabhängig voneinander Parallelen aufweisen. Beide haben es mit Konflikten zu tun, die sie nicht aufhalten können, beide klammern sich an das Buch, weil sie ansonsten die Kontrolle verlieren.⁣

    Die Sprache ist ein Fest, da will ich mich reinknien: wunderbar aussagekräftig und bildlich, außergewöhnlich, aber nicht gekünstelt… Sehr passend für einen Roman, in dem das Thema Sprache durch seine Protagonisten immer wieder im Fokus steht.⁣

    Für mich ist das Buch ein klitzekleiner Einblick in die für den Laien fremdartige Welt wenig bekannter Sprachen – oder zumindest in die Welt der Menschen, die diese Sprachen erforschen. Beim Lesen kam in mir der Wunsch auf, ich hätte etwas studiert, bei dem ich mich auch so mit der Sprache hätte befassen können.⁣

    Dem Autor gelingt eine feine Balance: er spart nicht mit Details, wo sie einer Szene oder einem Thema Würze und Leben geben, kann aber auch auf das Notwendigste reduzieren, wenn es um etwas geht, das für die Geschichte nicht näher erklärt werden muss.⁣

    Fazit⁣

    Thomas Bridges kommt in den 1850er Jahren als Adoptivsohn eines britischen Missionars ins Gebiet der Yámanas in Südamerika. Er beginnt schon bald damit, ein Wörterbuch der Sprache dieses sterbenden Volkes zu erstellen. Jahrzehnte später umfasst es 32.000 Wörter und gelangt in den Besitz des Ethnologen und Sprachwissenschaftlers Ferdinand Hestermann, für den es schnell Fix- und Angelpunkt seines ganzen Lebens wird. Um zu verhindern, dass das Buch den Nationalsozialisten in die Hände fällt, verlässt er in den 30er Jahren das Land und begibt sich auf eine Reise, die zunehmend unwirklicher und bedrohlicher erscheint.⁣

    Der Roman ist durch und durch originell, beschäftigt sich in einzigartigem Stil mit Kolonialismus, Fanatismus, Ethnologie und Sprache. Die Handlung weicht in vielem von der Realität ab, verliert sich hier und dort sogar in Traumsequenzen und sehr sonderbaren Episoden – aber wenn man sich darauf einlässt, ist das auf kafkaeske Weise großartig. Schreibstil und Charaktere fand ich phänomenal.


    Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:

    https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-michael-hugentobler-feuerland/

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