Moep

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    Cover des Buches Die Sommer (ISBN: 9783446267602)

    Bewertung zu "Die Sommer" von Ronya Othmann

    Die Sommer
    Moepvor 24 Tagen
    Kurzmeinung: Eine ausdrucksstarke Erzählung über eine starke Protagonistin und ihre innere Zerrissenheit zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen
    Eine Geschichte so vielschichtig wie das Leben selbst

    „Leylas Erinnern begann […] mit den Massakern, den Bombardierungen, der Zerstörung, begleitete die Zerstörung, folgte auf sie. 

    Nach jedem Schock kam Trauer, um gleich darauf vom nächsten Schock wieder fortgespült zu werden. Alles nahm kein Ende.“ 

    Seite 72

    Leyla ist Deutsche. Und ezidische Kurdin. Als Tochter einer Deutschen und eines Kurden wächst Leyla in zwei verschiedenen Kulturen auf: Die meiste Zeit des Jahres geht sie in München auf eine deutsche Schule, doch in den Sommerferien reist sie mit ihren Eltern in eine andere Welt – in das kleine Dorf der Familie im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei. Wir lernen Leyla kennen, da ist sie noch ein kleines Mädchen, das mit vier Jahren zum ersten Mal in ein Flugzeug steigt. Sie nimmt uns mit auf ihre Reisen und gewährt uns einen exklusiven Einblick in das Dorf, in dem ihre Großeltern, ihre Onkel und Tanten, ihre Cousins und Cousinen leben. Wir bestaunen den überwältigenden Sternenhimmel klarer syrischer Nächte und schauen Leyla mit einem Schmunzeln dabei zu, wie sie die Hühner der Großeltern wieder einfängt. Wir sitzen mit den Nachbarn beim Tee und fühlen uns heimisch in der Gastfreundlichkeit der Familie – mit jedem Sommer ein wenig mehr.

    Bis es irgendwann keine Sommer mehr gibt. Leyla hat gerade erst ihr Abitur bestanden, als in Syrien der Bürgerkrieg ausbricht und den idyllischen Sommern bei den Großeltern ein jähes Ende setzt. 

    Mit ausdrucksstarker Sprache zeichnet die Autorin ein lebendiges und authentisches Bild von einer starken Protagonistin und ihrer inneren Zerrissenheit zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen. Mit wortgewaltiger Wucht transportiert sie Leylas Gefühle der Schuld angesichts ihres deutschen Wohlstands im Kontrast zur Not der in Syrien vom Völkermord bedrohten Familie. Gemeinsam mit Leyla ertragen wir Leserinnen und Leser das beklemmende Gefühl, den Erwartungen beider Kulturen nie genügen zu können. Wir verstehen, wie es ist, in Syrien nie ezidisch genug und in Deutschland nicht Deutsch genug zu sein. Wir halten die Vorwürfe des Vaters aus, der Leylas schulisches Engagement stets als ungenügend bewertet und selbst alles für ihre Möglichkeiten gegeben hätte. Leylas frustrierendes Leben in „zwei Heimaten“ illustriert dieses Zitat besonders eindringlich: 

    „Als ob ihr deutscher Garten nur eine billige Kopie des Paradieses sei, dachte Leyla, ihre Tomaten nur ein Ersatz für die eigentlichen Tomaten, ihr Brot nur ein Ersatz für das eigentliche Brot. Und ihr Leben, dachte Leyla, nur ein Ersatzleben für das Leben, das sie eigentlich hätten leben können.“

    Seite 148

    Die von der Autorin beschriebenen Eindrücke aus dem nordsyrischen Dorf sind voller Farbe; wie ein Film zogen sie an mir vorbei bis ich das Gefühl hatte, wirklich da gewesen zu sein. Ebenso spürbar verloren diese Bilder schließlich mehr und mehr an Farbe bis die Dorfbewohner im Tosen eines gewaltigen Krieges zusehends in staubigem Grau verschwanden. Ronya Othmann hat mich beeindruckt mit ihrer Fähigkeit, allein durch Sprache ein syrisches Dorf in mein deutsches Wohnzimmer zu projizieren.

    „Zu gehen ist in erster Linie eine Abfolge von Schritten.“ (Seite 285) Mit diesen Worten beginnt die Flucht von Leylas Vater nach Deutschland und mit diesen Worten endet auch Leylas Geschichte, die irgendwie auch die Geschichte einer Flucht ist. Ihre Erzählung ist die einer Flucht, die kein Ankommen kennt. Sie ist so vielschichtig und differenziert wie das Leben selbst.

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    Cover des Buches Kinder ihrer Zeit (ISBN: 9783453291959)

    Bewertung zu "Kinder ihrer Zeit" von Claire Winter

    Kinder ihrer Zeit
    Moepvor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine vielschichtige und bewegende Geschichte über das ambivalente Leben in einem gespaltenen Deutschland.
    Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Wohnzimmer der DDR

    „Obwohl wir in einer Stadt wohnen, leben wir doch in verschiedenen Welten. Es gibt Augenblicke, da habe ich Angst, du könntest mir einfach wieder entgleiten“, gestand Emma.

    Seite 371

    Emma und Alice sind Zwillingsschwestern. Als sie von einander getrennt werden, sind die beiden noch Kinder. Die Mädchen fliehen im Winter des Jahres 1945 mit ihrer Mutter aus Ost-Preußen vor den russischen Angriffen, als sie von einem Überfall der sowjetischen Armee überrumpelt werden. Emma findet gemeinsam mit ihrer verzweifelten Mutter in West-Berlin eine neue Heimat, während Alice von einem sowjetischen Soldaten gerettet und in einem Kinderheim in Ost-Berlin untergebracht wird. Die Zwillingsmädchen wissen jedoch nichts voneinander und glauben einander viele Jahre lang für tot. Als sie einander 12 Jahre später wiederfinden, ist Deutschland bereits in einem sich zuspitzenden Ost-West-Konflikt gespalten. Werden die beiden jungen Frauen sich trotz ihrer so fundamental verschiedenen Lebensumstände und der drohenden Teilung Berlins wieder an einander annähern können?

    Mit ausdrucksstarker Sprache erschafft die Autorin Claire Winter in ihrem neuen Titel „Kinder ihrer Zeit“ lebendige und authentische Bilder von jungen Menschen auf der Suche nach ihrem Platz in einem zerrissenen Deutschland. Scheinbar mühelos findet sie wieder und wieder die richtigen Worte, um die stete Beklemmung und den emotionalen Zwiespalt ihrer Figuren zwischen den verhärteten Fronten Ost- und Westdeutschlands zum Ausdruck zu bringen. Auf jeder Seite spüren wir die „Atmosphäre des kalten Krieges, des Sich-Ausspionierens und des Kampfes der Systeme gegeneinander“ (Seite 570) nahezu körperlich. Die Geschichte liest sich daher überaus flüssig und mir persönlich fiel es ausgesprochen schwer, diesen Titel aus der Hand zu legen.

    Dies ist nicht zuletzt der komplexen Handlung geschuldet, die aus verschiedenen Erzählperspektiven mal von mutigen, mal von feigen, mal von unterdrückten und mal von unterdrückenden – jedenfalls aber von einzigartigen – Charakteren geschildert wird. Die Erzählung gelangt so zu einer besonderen Vielschichtigkeit. Es ist beeindruckend, wie letztlich vom Anfang bis zum Ende sukzessive alle Erzählstränge zusammengeführt werden. Diese Erzählweise macht den besonderen Charme dieses Buches aus und gestaltet es mitsamt all seiner überraschenden Wendungen außerordentlich spannend.

    Abgerundet wird die fesselnde Handlung durch eine gelungene historische Einkleidung. Mit nahezu beiläufiger Leichtigkeit lernen die Leserinnen und Leser zahlreiche spannende Hintergründe des Lebens in der DDR kennen. Als Kind der 90er Jahre habe ich persönlich die Teilung Deutschlands nicht mehr miterlebt und kannte sie lediglich aus dem Geschichtsunterricht. Dieser Roman aber ermöglichte mir einen völlig neuen Blick auf das Leben im Deutschland des kalten Krieges. Die sorgfältig recherchierten Details ließen mich einen Blick durchs Schlüsselloch in die Wohnzimmer der Menschen zu werfen; Sie zeigten mir den „Berufsalltag“ der zahlreichen Spioninnen und Spione jener Zeit und zeichneten ein ungeschöntes Bild von einem diktatorischen System des Sozialismus.

    Fazit

    Claire Winters neuer Titel vermochte mich von der ersten Seite an mitzunehmen und zu begeistern! Wenn Du Dich auch gern in eine andere Zeit hineinversetzt, mit starken Charakteren mitfiebern und Dein Wissen über das Leben im Deutschland des kalten Krieges vertiefen möchtest, dann kann ich Dir diese wunderbare Geschichte nur sehr empfehlen!

     

     

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    Cover des Buches Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens (ISBN: 9783462053111)

    Bewertung zu "Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens" von Tom Barbash

    Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens
    Moepvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Die Geschichte zog wie ein vom Alkohol- und Drogenkonsum der Protagonisten gedämpfter Trailer an mir vorbei.
    Die Idee einer Geschichte

     „Berühmtheit erschien mir wie ein Fluch, etwas, vor dem es kein Entrinnen gab. Sie verfolgte einen überall hin, machte es einem unmöglich, anonym zu bleiben. Man konnte sich nicht einfach in eine Bar setzen und etwas trinken oder im Kaufhaus shoppen gehen.“

    Seite 316

    Buddy Winter ist berühmt. Jeden Abend moderiert er eine beliebte Talkshow zur besten Sendezeit im US-amerikanischen Fernsehen der 70er-Jahre. Buddy hat die ganz großen Stars auf der Couch seines inszenierten Wohnzimmers sitzen und führt seine Gäste mit nahezu müheloser Leichtigkeit durch die unterhaltsame Show. Dass diese Leichtigkeit oft jedoch nicht mehr als eine kunstvoll aufgebaute Fassade eines unter enormen Druck stehenden Fernsehstars ist, merken die Zuschauer erst, als der beliebte Moderator urplötzlich vor laufenden Kameras aus der Sendung flüchtet und zu einer Selbstfindungsreise aufbricht. In „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ erzählt uns Buddys Sohn Anton von der Zeit nach dem Zusammenbruch seines Vaters und dem schwierigen Weg der Familie zurück ins Showbusiness.

    Einen schwierigen Weg musste auch ich als Leserin zurücklegen, als ich versuchte, in die Geschichte hineinzufinden. Hatte ich noch mit großen Erwartungen und gespannter Neugier das Lesen begonnen, so quälte ich mich verwirrt und genervt durch die ersten 100 Seiten, die mit der im Klappentext versprochenen Handlung wenig zu tun hatten. Erst ab Seite 125 hatte ich endlich das Gefühl, zu erfahren, wie Buddy Winter gemeinsam mit seinem Sohn den Weg zurück ins Fernsehen sucht.

    Auch schien sich der Autor durch ein nicht enden wollendes „Namedropping“ stets aufs Neue selbst übertrumpfen zu wollen, indem er bei jeder sich bietenden Gelegenheit Namen von vermeintlichen Berühmtheiten einstreute, mit denen ich überhaupt nichts anfangen konnte. Möglicherweise liegt dies aber auch daran, dass ich mit meinen 23 Jahren schlicht kein Kind der 70er Jahre bin. Jedenfalls aber stellte sich bei mir schnell das Gefühl ein, dieses Buch habe nicht das Anliegen, mir das Showgeschäft einer mir fremden Zeit näher zu bringen, sondern sei eine Schatzkiste für Insider mit Zitaten aus Filmen, die ich nicht einmal dem Titel nach kannte. Daher war das Lesen bisweilen ein frustrierendes Erlebnis. 

    Spannend fand ich hingegen, den technischen Fortschritt und die Geschichte des Fernsehens mitzuverfolgen. Auch erhielt ich einige wertvolle Einblicke hinter die Kulissen des Geschäfts. Ich begann, die elementare Bedeutung eines weit verzweigten Netzwerks zu verstehen; erahnte den Druck, der bei jeder Sendung auf dem Moderator, den Assistenten und den Producern lastete; lernte schlaglichtartig den schillernden Musiker John Lennon kennen. Doch mehr als Ahnungen und skizzenhafte Umrisse konnte ich dem Buch leider nicht entnehmen. Die Geschichte zog wie ein vom Alkohol- und Drogenkonsum der Protagonisten gedämpfter Trailer an mir vorbei, der an den entscheidenden Stellen nicht in die Tiefe zu gehen vermochte. Hier wurde Potential verschenkt.

    Positiv hervorheben möchte ich abschließend jedoch die kurzweiligen und nachdenklichen Dialoge zwischen dem Vater Buddy Winter und seinem Sohn Anton. Zeit seines Lebens war Anton die rechte Hand seines berühmten Vaters. Die Show funktionierte nicht ohne Anton. Und doch ging es nie um ihn. Das latente Spannungsverhältnis der beiden Protagonisten arbeitete der Autor schön heraus, was ich mit dem folgenden Zitat illustrieren möchte: 

    „Seit ich zehn gewesen war, hatte ich im Schatten meines Vaters gestanden. Besprechungen mit Lehrern und Dozenten endeten regelmäßig mit Kommentaren zur Show, Fragen über die Gäste und, in einem Fall, der Bitte um Eintrittskarten und Backstagepässe, der ich stolz nachkam, was ich später allerdings bereute, als ich in dem Fach eine Eins bekam, weil ich mir nicht sicher war, ob es meine oder Buddys Note war.“

    Seite 291

    Fazit

    Obgleich ich aus Tom Barbashs Titel „Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens“ interessante Einblicke in das Fernsehgeschäft der 70er Jahre und die Schattenseiten im Leben eines berühmten Mannes mitnehmen konnte, blieb die Erzählung für mich selten mehr als die Idee dessen, was sie hätte sein können. 

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    Cover des Buches Was fliegt denn da? Der Fotoband (ISBN: 9783440164082)

    Bewertung zu "Was fliegt denn da? Der Fotoband" von Detlef Singer

    Was fliegt denn da? Der Fotoband
    Moepvor 2 Monaten
    Alltagstauglicher Naturbegleiter

    „Der Feld-Ornithologie nachzugehen heißt, seine Freizeit in der Natur zu verbringen und der Vogelwelt nachzuspüren.“

    Seite 10

    Deutschland, im Jahr 2020: Ein neuartiges Virus breitet sich aus, die Geschäfte, die Kinos, die Schwimmbäder, Restaurants und Bars, Schulen und Universitäten schließen ihre Türen für eine lange Zeit; Der Jahresurlaub fällt aus; denn Deutschland fährt runter; Und eine Gesellschaft im Standby-Modus sucht nach neuen Herausforderungen.

    Ich persönlich habe den „Corona-Lockdown“ als große Chance gesehen, mehr Zeit in der Natur zu verbringen und die Artenvielfalt hier in Deutschland vor meiner Haustür kennenzulernen. Schon seit Jahren begeistere ich mich für Vögel aller Art und nun war die Zeit gekommen, meine Kenntnisse in diesem Bereich zu vertiefen. Besonders bewährt hat sich hierbei der KOSMOS Naturführer „Was fliegt denn da?“, den ich über den Sommer intensiv in der Praxis erprobt habe.

    Ziemlich schnell fiel die Wahl in der Buchhandlung auf den Fotoband der „Was fliegt denn da?“-Reihe, der mit wunderschönen Farbfotografien nicht nur beeindruckt, sondern auch die Identifizierung der gesichteten Vögel erleichtert. Für einen Einsteiger wie mich war der Fotoband daher die ideale Wahl. 

    Vor allem die einführenden Texte auf den ersten 30 Seiten des Buches trugen dazu bei, dass ich schnell in die Grundlagen der Hobby-Ornithologie hineinfand. Vom Gefieder der Vögel über die Eigenarten ihrer Gesänge und ihre vielfältigen Lebensräume bis hin zu den Charakteristika des Vogelflugs erfuhr ich hier zahlreiche spannende Hintergründe. Richtig klasse fand ich dabei die Kategorie „Schon gewusst?“, die mit nahezu beiläufiger Leichtigkeit all die Fragen beantwortete, die ich mir immer schon mal bei der Vogelbeobachtung gestellt hatte. Wenn Du Dich also auch schon einmal gefragt hast, ob Vögel eigentlich auch Dialekte singen können, dann kannst Du die überraschende Antwort an dieser Stelle nachlesen.

    Die Darstellung der einzelnen Vögel selbst konnte mich durch ihre besondere Übersichtlichkeit überzeugen. Die jeweiligen Vögel sind nach Kategorien sortiert (Singvögel, Tauben, Spechte, Enten und viele mehr) und mit aussagekräftigen Fotos bebildert. Da auf jeder Seite nur zwei Vögel mit den jeweils wichtigen Eckdaten abgebildet werden, ist der Naturführer zu keiner Zeit überfrachtet, sondern eine echte Hilfe bei der Bestimmung. Schön ist auch, dass zu jedem Vogel ein kleines Foto vom Flugbild und vom Verbreitungsgebiet innerhalb Europas eingearbeitet wurde.

    Meiner Erfahrung nach gelingt diesem Naturführer der schwierige Spagat zwischen Übersichtlichkeit und Einfachheit der Darstellung und umfassender Abdeckung der in Europa verbreiteten Arten. Bislang konnte ich jeden von mir in Deutschland beobachteten Vogel auch in diesem Buch finden.

    Doch nicht nur der Inhalt vermag zu begeistern, auch die Umschlaggestaltung dieses alltagstauglichen Naturbegleiters zeigt: Hier haben echte Naturfreundinnen und Naturfreunde mitgedacht. Das kompakte und leichte Format des Buches prädestinieren es ebenso für den Einsatz draußen in der Natur wie sein stabiler Einband mit aufgedrucktem Lineal. Das gedruckte Werk wird optimal ergänzt von einer App, die man kostenlos herunterladen und mit der man die zu den jeweiligen Vögeln gehörenden Stimmen ganz einfach anhören kann. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es gibt kaum ein schöneres Erfolgserlebnis, als durch den Wald zu gehen und genau zu wissen, wer da gerade singt.

    Fazit

    Wenn Du nun neugierig geworden bist und den kommenden Spätsommer und Herbst nutzen möchtest, um faszinierende Zugvogelformationen am Himmel zu bestaunen und zu bestimmen, dann kann ich Dir hierfür diesen schönen Fotoband nur sehr ans Herz legen. Der „Was fliegt denn da?“ Naturführer ist der ideale Einstieg für alle, die schon immer die Natur vor ihrer Haustür näher kennenlernen wollten.

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    Cover des Buches Und auf einmal diese Stille (ISBN: 9783518470909)

    Bewertung zu "Und auf einmal diese Stille" von Garrett M. Graff

    Und auf einmal diese Stille
    Moepvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Chor guter Freunde erzählt dir, wie es wirklich war, am 11. September 2001 dabei gewesen zu sein
    Selten war ein Sachbuch so bewegend

    „So gut wie jeder über einem gewissen Alter weiß noch ganz genau, wo er oder sie am 11. September 2001 gewesen ist. Was wie ein ganz gewöhnlicher Tag begann, wurde zur tödlichsten Terrorattacke der Weltgeschichte und zum schlimmsten Angriff auf die Vereinigten Staaten seit Pearl Habor.“ 

    – Seite 11

    Dieses Sachbuch ist anders. Es ist nicht einfach eine Chronologie jener unfassbaren Ereignisse, die sich am 11. September 2001 am World Trade Center und im US-amerikanischen Verteidigungsministerium, dem Pentagon, zutrugen. Vielmehr nimmt der amerikanische Journalist Garret M. Graff uns mit an den Ort des Geschehens; er wirft uns mitten rein.

    Mehr als 5000 Tonaufnahmen, Videos, Zeitzeugenberichte und Dokumentationen wertete der Autor aus, um die Leserinnen und Leser spüren zu lassen, wie die Amerikaner die Terroranschläge vom 11. September 2001 erlebt haben und wie es ihnen in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren danach ergangen ist. Dem Autor ist es ein besonderes Anliegen, dass die Menschen die Geschichte nicht einfach nur passiv rezipieren, sondern sie durchleben und Teil der Katastrophe sind: 

    „Denn um wirklich begreifen zu können, was […] geschehen ist, müssen wir zuallererst ein Verständnis dafür entwickeln, was es hieß, diese dramatischen Ereignisse zu durchleben, wie es sich anfühlte, Teil dieser Tragödie zu sein, die ihren Lauf nahm unter dem kristallklaren, blauen Himmel des 11. September 2001.“ 

    – Seite 16

    Daher ist der Aufbau dieses Buches ein Besonderer. Die Geschichte wird von zahlreichen Stimmen erzählt. Wir finden in den chronologisch aufgebauten und nach Themenschwerpunkten bzw. Örtlichkeiten geordneten Kapiteln fast ausschließlich kurze Absätze mit wörtlichen Zitaten. An der einen oder anderen Stelle ordnet der Autor diese Zitate mit einem kurzen Absatz in einen größeren Kontext ein oder erläutert Hintergründe, die für das Verständnis wichtig sind. Jedes Zitat beginnt mit einer kleinen Vorstellung des „Sprechers“ bzw. der „Sprecherin“. Wir erfahren den Namen, den Beruf und den Aufenthaltsort der Person am Tag der Katastrophe. 

    Die jeweiligen Zitate sind ausgesprochen sorgfältig ausgesucht und fügen sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Teilweise sind sie von einer regelrecht poetischen Sprache, die mich wieder und wieder lehrte, dass sachliche Nüchternheit und wortgewaltige Emotionalität sich keineswegs ausschließen. Man hat den Eindruck, dass ein Chor guter Freunde einem erzählt, wie es wirklich gewesen ist; dass einem die New Yorker Feuerwehrmänner, die Polizistinnen und Polizisten, die überlebenden Büroangestellten der „Zwillingstürme“, die Mütter und Väter, die Söhne und Töchter New Yorks, die verstörten Journalistinnen und Journalisten, die militärische Führungsriege des Pentagon, das Sicherheitspersonal der Flughäfen – ja, dass einem die Zeugen jenes Tages erzählen, wie es war, dabei gewesen zu sein.

    Dadurch ist es dem Autor gelungen, seinen eigenen Ansprüchen an dieses Werk gerecht zu werden und ein reales Erleben des 11. September zu ermöglichen. Dies bedeutet aber auch, dass dieses Sachbuch schrecklich ist in all seinen Details. Garret M. Graff beschönigt und zensiert hier nichts, er lässt die Menschen offen und ehrlich sprechen und konfrontiert uns mit dem Tod im World Trade Center in all seinen grausamen Facetten. Dieses Buch ist keine nette Feierabend-, Strandurlaubs- und Sommerlektüre. Es ist ganz harter Tobak.

    Ich empfehle diesen großartigen Titel all jenen, die „dabei“ gewesen sein wollen; die das Kerosin der einschlagenden Flugzeuge riechen, die Hitze der glühenden Stahlträger spüren, die Schreie verzweifelt springender Menschen hören, den Staub atmen und in den Trümmern nach Überlebenden wühlen möchten – und können.

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    Cover des Buches Paradise City (ISBN: 9783518470558)

    Bewertung zu "Paradise City" von Zoë Beck

    Paradise City
    Moepvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Insgesamt eine unterhaltsame und faszinierende Vision für das Deutschland von morgen, die wertvolle Impulse zum Nachdenken bereithält.
    Eine Dystopie von schockierender Authentizität

    „Während der Pandemien sind hier mehr Menschen gestorben als anderswo. Sie haben sich alle gegenseitig angesteckt.“ – Seite 222

    Als hätte sie es gewusst; Als hätte Zoë Beck die Corona-Pandemie vorausgesehen; Und doch - ein Gedanke, der hartnäckig bleibt: Als ob es wirklich so schlimm werden kann.

    In „Paradise City“ zeichnet die Autorin Zoë Beck ein Bild von Deutschland in einer nicht allzu fernen Zukunft. Es ist heiß, es ist trocken und über den Stadtparks steigen Schwärme tropischer Papageien auf. Deutschlands Küste versank schon vor Jahren in den Fluten der Nord- und Ostsee und der Meeresspiegel steigt weiter, immer weiter. Die Hauptstadt ist nun Frankfurt am Main, die die gesamte Rhein-Main-Region zu einer einzigen Metropole verschmolzen hat. Nur wenige Menschen leben außerhalb der Megacity. Denn es ist ein Privileg, in Frankfurt zu leben. Dort ist es sicher, die Menschen genießen den von Algorithmen gewährleisteten Wohlstand und die weltweit beste medizinische Versorgung. Die medizinischen Fortschritte der letzten Jahre sind beeindruckend und ermöglichen es, dass die Menschen mittels einer neuartigen App über alle Vorgänge in ihrem Körper informiert und sofort medizinisch beraten werden. 

    Liebe Leserinnen und Leser – willkommen in Paradise City!

    Wir lernen die junge Journalistin Liina kennen, die für eines der wenigen verbliebenen unabhängigen und kritischen Nachrichtenportale recherchiert. Als der Vorgesetzte der jungen Frau während seiner Ermittlungen zu einer „großen Sache“ vor einen einfahrenden Zug gestoßen wird, kommen Liina und ihre Kollegen bei der Suche nach Antworten einem der größten Skandale ihrer Zeit auf die Spur.

    Mir persönlich hat die von Zoë Beck gezeichnete Zukunftsvision gut gefallen. Besonders überzeugt hat mich die gleichermaßen faszinierende wie auch schockierende Authentizität ihrer Darstellungen. Man erwischt sich das eine ums andere Mal bei dem erschreckenden Gedanken: „Ja, so könnte Deutschland irgendwann wirklich sein!“. Sie hält uns Leserinnen und Lesern den Spiegel vor und wir müssen uns fragen, ob wir eine Welt wie diese wirklich wollen; wirklich verantworten können. Es werden viele aktuelle Entwicklungen aufgegriffen, Gedanken weitergeführt und auf die Spitze getrieben. Schwierige medizinethische Fragestellungen werden aufgeworfen und regen zum Nachdenken an. Mir drängt sich wieder und wieder die Frage auf: Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? 

    Mit ihrem gelungenen Zukunftsentwurf hat mich die Autorin gut unterhalten und ihr flüssiger und schnörkelloser Schreibstil zog mich regelrecht durch die Geschichte. Richtige Spannung, wie ich sie bei einem Thriller erwarte, kam jedoch nicht auf. Zweifelsohne war die Erzählung interessant, doch sie fühlte sich zu keiner Zeit nach einem packenden Thriller an. Ich persönlich würde diesen Titel eher dem Genre „Roman“ zuordnen und finde die Einschätzung des Verlags durchaus unglücklich.

    Richtig schade fand ich beim Lesen, dass dieses nur 280 Seiten starke Buch wenig in die Tiefe gehen konnte. Zoë Beck baut eine Geschichte auf, die ihrer Natur nach ausgesprochen vielschichtig und komplex ist und die meiner Meinung nach nicht in so wenigen Worten ihrem Potential entsprechend erzählt werden kann. Viele spannende Fragen werden letztendlich nur angerissen und müssen offen bleiben. Das „Deutschland der Zukunft“ wird nicht so umfassend beschrieben, wie ich es – dem Klappentext entsprechend – erwartet hätte. Ich habe mir gewünscht, mehr über die Umgebung und die Hintergründe ihrer Entwicklung zu erfahren. Leider enttäuschte die Oberflächlichkeit der Erzählung in diesem Punkt. 

    Diese Enttäuschung kulminierte schließlich in einem Ende, das ich nicht anders als „überstürzt“ nennen kann. Die Ereignisse überschlugen sich und die Geschichte war mit einem großen Knall zu Ende, der für mich nur wenig erklärte. Dort wurde viel Potential verschenkt. Sehr schade.

    Fazit

    Nichtsdestotrotz hält „Paradise City“ insgesamt eine unterhaltsame und faszinierende Vision eines Deutschlands von morgen bereit, die mir wertvolle Impulse zum Nachdenken geben konnte. Ich empfehle die Geschichte all jenen, die sich für authentische Dystopien begeistern und die eine oder andere Ungenauigkeit verschmerzen können.

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    Cover des Buches Vereine gründen und erfolgreich führen (ISBN: 9783423507899)

    Bewertung zu "Vereine gründen und erfolgreich führen" von Wolfgang Pfeffer

    Vereine gründen und erfolgreich führen
    Moepvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Wertvolle Hilfestellungen, übersichtliche und verständliche Darstellungen für all jene, die einen Verein gründen oder bereits leiten
    Übersichtliches Nachschlagewerk für Vereinsgründer und -vorstände

    Gleich zu Beginn dieses Rechtsratgebers machen die Autoren Wolfgang Pfeffer und Michael Röcken deutlich: Deutschlands Gesellschaft ist bunt und vielfältig. Dank ihrer zahlreichen Vereine und deren engagierten Mitgliedern.  

    „Denn der Verein und sein satzungsmäßiges Leben ist praktizierte Demokratie im Kleinen.“ - Seite 4

    Damit die Vereinsarbeit den oft nicht juristisch ausgebildeten Vorständen und Mitgliedern rechtssicher gelingt, sind jedoch gewisse Rechtskenntnisse unentbehrlich. Diese verständlich und anschaulich zu vermitteln, ist Anliegen des kompakten Rechtsratgebers.

    Die Struktur des Ratgebers gliedert sich zunächst sehr übersichtlich und arbeitet sich vom Allgemeinen zum Besonderen vor. Besonders schön finde ich, dass die Autoren zunächst einmal die wichtigsten Begriffe des Vereinsrechts sowie die dahinterstehenden Rechtsvorschriften aufgreifen und erläutern. Es wird deutlich, wo die Unterschiede zwischen dem eingetragenen und dem nicht eingetragenen Verein, dem Idealverein und dem wirtschaftlichen Verein liegen oder wann etwa eine Delegiertenversammlung die Mitgliederversammlung ersetzt. Die Beherrschung dieses Vokabulars ist der erste wichtige Schritt, der auf dem Weg zur Vereinsgründung und -leitung zu gehen ist. 

    Im Weiteren widmet der Ratgeber den Eckpfeilern der Vereinsgründung sowie den Vor- und Nachteilen einer Eintragung in das Vereinsregister viel Raum. Er legt umfassend dar, welche Konsequenzen eine Eintragung in das Vereinsregister hat, wie die Eintragung zu vollziehen ist, welche Kosten dabei entstehen und vor allem gibt er praktische Hinweise darauf, wann eine solche Vereinsregistereintragung sinnvoll ist und wann eher nicht. In diesem Zusammenhang kommt auch die Frage nach einer etwaigen Gemeinnützigkeit des Vereins nicht zu kurz. Deren Voraussetzungen werden ausführlich und verständlich mit lebendigen Beispielen beschrieben.

    Besonders gefallen hat mir der darauf aufbauende und sehr umfangreiche Abschnitt zur Gestaltung der Vereinssatzung. Hier gehen die Autoren auf alle wichtigen Punkte ein, die man bei der Erstellung einer Vereinssatzung beachten muss und geben hilfreiche Formulierungsbeispiele. Sie gehen verschiedene Situationen durch und bieten für diese jeweils eine beispielhafte Formulierung an. Auch befinden sich im Anhang zwei Mustersatzungen sowie eine Checkliste für den notwendigen Satzungsinhalt.

    Es folgen Ausführungen zu den Rechten und Pflichten der Mitglieder sowie des Vereinsvorstandes, bevor abschließend auf Haftungsfragen und steuerrechtliche Themen eingegangen wird. Insbesondere der Abschnitt zum Steuerrecht ist knapp gehalten und deckt sicherlich nicht alle Fragen ab, die sich im Rahmen einer Steuererklärung für den Verein stellen können. Hier gibt der Ratgeber nur einen kleinen Überblick, der eine erleichterte Kommunikation mit dem Finanzamt und / oder dem Steuerberater ermöglicht. Eine tiefergehende Darstellung aufgrund der Komplexität der Materie wohl kaum möglich und für das Verständnis des Lesers wenig förderlich, sodass die Autoren hier eine gute Lösung gefunden haben. 

    Besonders überzeugen kann der Ratgeber durch seine übersichtliche Gestaltung, die sich durch zahlreiche praxisnahe Beispiele, strukturierte Checklisten und prägnante Stichpunkte auszeichnet. Die Mustertexte im Anhang geben eine wertvolle Hilfestellung bei der Vereinsgründung oder auch nur der Überarbeitung und Anpassung der eigenen Vereinssatzung, obgleich sie eine fachliche Beratung natürlich nicht zu ersetzen vermögen.

    Ich konnte für mich persönlich ausgesprochen viele Erkenntnisse für meine eigene Arbeit als Vorstandsmitglied eines gemeinnützigen Vereines mitnehmen und muss gestehen, dass sich mir viele Strukturen erst nach Lektüre des Ratgebers so richtig erschlossen haben. Für mich war dieser Ratgeber daher durchweg eine große Bereicherung und wird mir in Zukunft als kompaktes Nachschlagewerk dienen!

    Allerdings habe ich auch eine juristische Vorbildung und bereits mein erstes juristisches Staatsexamen absolviert. Inwieweit der Ratgeber geeignet ist, auch dem juristischen Laien die Rechtslage verständlich darzulegen, vermag ich daher nicht abschließend zu beurteilen. An der einen oder anderen Stelle hatte ich aber schon das Gefühl, dass juristische Fachbegriffe mit zu großer Selbstverständlichkeit und ohne weiterführende Erläuterung verwendet werden. Hier wäre ein Glossar durchaus hilfreich. Auch hätten die entsprechenden §§ häufiger hinzu zitiert werden können. Dies ist jedoch Kritik auf hohem Niveau, da es den Autoren grundsätzlich sehr schön gelingt, die Thematik spannend und verständlich aufzubereiten.

    Fazit

    Insgesamt möchte ich diesen Ratgeber gern an all jene empfehlen, die einen Verein gründen möchten oder bereits in einem Vereinsvorstand aktiv sind, da er ein für die Vereinsarbeit unabdingbares Grundverständnis schafft!

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    Cover des Buches Der Funke des Lebens (ISBN: 9783570102381)

    Bewertung zu "Der Funke des Lebens" von Jodi Picoult

    Der Funke des Lebens
    Moepvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: eine herzliche Einladung zur Diskussion über eine der schwersten medizinethischen Fragen, der sich eine Gesellschaft zu stellen hat
    Eine Einladung zum Perspektivwechsel

    Wenn er während all seiner Jahre als Abtreibungsarzt eins gelernt hatte, dann das: Eine Frau, die nicht schwanger sein wollte, ließ sich auf Gottes grüner Erde durch nichts aufhalten.“

     – Seite 286

    Eine Frauenklinik in Jackson, Mississippi, USA: Als der Gynäkologe Dr. Louie Ward an diesem Tag die Klinik und mit ihr seinen Arbeitsplatz betritt, ahnt er noch nicht, dass wenige Stunden später ein Kugelhagel auf ihn, seine Mitarbeiterinnen und Patientinnen niedergehen wird. Als der Arzt sich draußen vor der Klinik an den lautstark demonstrierenden Abtreibungsgegnern und selbsternannten Lebensschützern vorbei stiehlt, weiß er noch nicht, dass der spätere Amokläufer George Goddard bereits auf dem Weg zu ihm ist. Auch als Dr. Ward die erste Abtreibung an diesem Morgen vornimmt, rechnet er nicht damit, an diesem Nachmittag eine Geisel zu sein.

    Jodi Picoult erzählt in „Der Funke des Lebens“ einfühlsam die Geschichten der Frauen und des Arztes, die sich am Tag das Anschlags in der Frauenklinik befanden. Aus verschiedenen Perspektiven zeigt uns die Autorin ihre Beweggründe und Gedanken, die sie an jenem verhängnisvollen Tag in die Klinik führten. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen dabei die 15-jährige Wren und ihr Vater Hugh McElroy. Wren ist ohne Wissen ihres Vaters in der Frauenklinik, als die ersten Schüsse fallen. Hugh McElroy dagegen obliegt als Unterhändler der Polizei Jackson die Verantwortung, mit dem Geiselnehmer zu verhandeln. Als er schließlich herausfindet, dass seine Tochter eine der Geiseln ist, stellt sich ihm nur eine Frage: Wie kann er Wren retten?

    Empathisch und differenziert greift Jodi Picoult in diesem Roman mit der Frage nach der Zulässigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen ein Thema auf, das an gesellschaftlicher Aktualität und Zündstoff nichts eingebüßt hat. Ausgewogen werden die Argumente beider Seiten aufgegriffen; Sowohl Abtreibungsgegner als auch Abtreibungsbefürworter und betroffene Frauen werden hier gehört. Mir hat es sehr gefallen, mich in die verschiedenen Sichtweisen vorurteilsfrei hineinversetzen zu können. Dabei hatte ich zu keiner Zeit das Gefühl, die Autorin wolle mir eine bestimmte Meinung „aufdrücken“, sondern sie hat vielmehr wertvolle Impulse zum eigenen Nachdenken gegeben. 

    Besonders spannend (und schockierend zugleich) fand ich persönlich die Einblicke in die amerikanische Abtreibungspolitik und die damit einhergehenden rechtlichen Beschränkungen, denen sich schwangere Frauen und Mädchen im Falle einer ungewollten Schwangerschaft ausgesetzt sehen. Jodi Picoult hat hier eine beeindruckende Recherche-Arbeit geleistet und fasst in einem kleinen Sachtext am Ende des Buches gut verständlich und übersichtlich noch einmal die aktuellen Rechtsentwicklungen zur Legalität von Abtreibungen in den USA zusammen. Diesen Text empfand ich als sinnvolle Ergänzung, der es mir ermöglichte, den soeben gelesenen Roman in einen größeren Kontext einzuordnen. Für diejenigen, die sich vertieft für das Thema interessieren, hält die Autorin am Schluss noch zahlreiche weiterführende Quellen bereit.

    Die Geschichte selbst wird aus den vielen verschiedenen Sichtweisen der einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten erzählt, die sich Stück für Stück wie Puzzleteile zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Dadurch lernt man jeden der individuellen und vielschichtigen Charaktere kennen und erfährt nach und nach, welche Schicksale sie in die Frauenklinik geführt haben. 

    Leider sind diese Hintergründe der Charaktere auch das einzige, was man aus dem fortschreitenden Leseprozess noch mitnehmen kann. Wie meine ich das? Nun, Jodi Picoult erzählt das Geschehen rückwärts. Sie beginnt um 17 Uhr und wirft die Lesenden mitten rein ins Geschehen. Man ist sofort mittendrin im Amoklauf; weiß, wer gestorben ist und wer überlebt. Anschließend begibt sich die Autorin mit jedem Kapitel eine Stunde in der Zeit zurück (16 Uhr, 15 Uhr bis 8 Uhr morgens). Zweifelsohne ist dieses Stilmittel mal etwas „neues“. Nichtsdestotrotz war bereits nach dem ersten Kapitel so ziemlich jede Spannung raus und ich las einfach nur aus Interesse an dem generellen Thema weiter. Ich konnte mit den Charakteren nicht mehr mitfiebern; las zwar ihre Lebensgeschichte, wusste aber zugleich, dass sie diesen Tag nicht überleben würden. Es war, als hätte ich das Ende des Buches zuerst gelesen. Ich wusste, wie es ausgeht und Jodi Picoults vermeintlich geniales Stilmittel entpuppte sich als latenter „Quasi-Spoiler“. Mich persönlich konnte die Rückwärtserzählung leider nicht abholen, aber möglicherweise ist dies auch Geschmackssache.

    Zuletzt möchte ich noch eine kleine „Trigger-Warnung“ für dieses Buch aussprechen: Es wird teilweise sehr explizit beschrieben, wie ein operativer Abtreibungs-Eingriff durchgeführt wird. Wer da empfindlich ist, sollte diesen Titel eher mit Vorsicht genießen. Mir machten diese Schilderungen jedoch nichts aus und ich habe sie interessiert gelesen.

    „Der Funke des Lebens“ ist eine herzliche Einladung der Autorin Jodi Picoult zur Diskussion über eine der schwersten medizinethischen Fragen, der sich eine Gesellschaft zu stellen hat. Ich empfehle Euch gern, diese Einladung anzunehmen. 

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    Cover des Buches Die drei Leben der Hannah Arendt (ISBN: 9783423282086)

    Bewertung zu "Die drei Leben der Hannah Arendt" von Ken Krimstein

    Die drei Leben der Hannah Arendt
    Moepvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Dynamische und lebendige Bilder eines leidenschaftlichen Autors, die eine komplexe Materie niedrigschwellig für jedermann zugänglich machen
    Gelungener Einstieg in eine komplexe Lebensgeschichte

    „Die traurige Wahrheit ist, dass das wirklich Böse von Menschen verbrochen wird, die sich nie für das Gute oder Böse entschieden haben.“ – Seite 224

    Hannah Arendt passt in keine Schublade. Sie ist ein Freigeist im wörtlichen Sinne; eine besondere Frau mit einem außergewöhnlichen Werdegang. Diesen erzählt der Autor Ken Krimstein in dieser „Graphic Biography“, einer Graphic Novel, die das Leben und Wirken Hannah Arendts mit dynamisch und lebendig gestalteten Bildern für jedermann zugänglich macht. Wir lernen die kleine Hannah im zarten Alter von fünf Jahren kennen und begleiten ein stets neugieriges Mädchen auf seiner Reise durch die immer gefährlicher werdende Welt der 1930er Jahre. Wir erleben, wie aus diesem wissbegierigen jüdischen Kind eine emanzipierte Frau wird, die sich mit beeindruckender Resilienz von sämtlichen Erschütterungen des zweiten Weltkrieges nicht unterkriegen lässt. Hannah gibt ihre große Frage nach dem „Warum?“ niemals auf und kämpft sich nach jeder neuen Flucht zurück an die Spitze der intellektuellen Eliten. 

    Dem Autor Ken Krimstein war es bei der Arbeit an den „Drei Leben der Hannah Arendt“ stets wichtig, Worte und Bilder gemeinsam so wirken zu lassen, dass komplexe Sachverhalte – wie eben die Philosophie Hannah Arendts – für jedermann zugänglich werden (vgl. dazu das Nachwort). Dies ist ihm meines Erachtens vollends gelungen! Diese Graphic Novel ist ein kleiner „Trailer“ zur Person Hannah Arendts, um nicht zu sagen: Die perfekte „Einstiegsdroge“, für alle, die sich für Geschichte, starke Frauen und Philosophie interessieren. Man benötigt keine vertieften Kenntnisse über Hannah Arendt, um der Handlung und den Gedanken folgen zu können. Ich selbst hatte zuvor nur den Wikipedia-Artikel über sie gelesen und kam problemlos mit. Mein Interesse für diese herausragende Persönlichkeit ist nun vollkommen entfacht und ich werde definitiv eine vertiefende Biografie über Hannah Arendt lesen.

    Allerdings muss ich auch klar sagen, dass ich zunächst ein wenig enttäuscht war von der vermeintlichen Oberflächlichkeit der Darstellung. Man darf von einer Graphic Biography aber nicht erwarten, dass sie vertieft auf die jeweiligen Geschehnisse eingeht. Viele Fragen bleiben offen und viele Themen hätte ich gern vertieft. Daher blieb ich zu Beginn etwas frustriert zurück. Diese Graphic Novel ist eben nur ein kurzer Abriss und das soll sie auch sein. Leider erfährt man erst im Nachwort des Autors, welche Ziele er eigentlich mit seinem Projekt verfolgte und welchen Anspruch er an dieses hatte. Ihm ist es eine Herzensangelegenheit, Hannah Arendts Leben und ihre „Theorien“ niedrigschwellig zu vermitteln. Er will Interessierten die Hand reichen und Interesse wecken. Dies ist ihm gelungen! Mehr darf man sich aber auch nicht erhoffen. Hier wäre es günstig gewesen, die Motivationslage des Autors an den Anfang des Buches zu stellen, um eine realistische Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser zu ermöglichen.

    Ken Krimstein schreibt abschließend über seine Arbeit an diesem Buch, dass Hannah Arendt für ihn wie ein „Leuchtfeuer“ wurde, eine „Herausforderung und Vergnügen zugleich“. Diese Begeisterung und die Leidenschaft des Autors sind mehr als spürbar und sie sind vor allem eines: Ansteckend.

    Daher empfehle ich diese schöne Graphic Biography gern weiter und möchte mit einem Zitat von Hannah Arendt schließen, das ich persönlich aus der Lektüre ganz besonders mitgenommen habe:

    „Es gibt keine gefährlichen Gedanken; das Denken selbst ist gefährlich.“ – Seite 215

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    Cover des Buches Mrs Fletcher (ISBN: 9783423281751)

    Bewertung zu "Mrs Fletcher" von Tom Perrotta

    Mrs Fletcher
    Moepvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Hochnotpeinliche sexistische Fantasie eines Mannes in der Midlife-Crisis, der sich jenseits jedes Niveaus tief in der Klischeekiste bedient
    Hochnotpeinliches Lese-"Abenteuer"

    Der wenig komplexe Inhalt von „Mrs. Fletcher“ lässt sich mit den Worten der Protagonistin besser zusammenfassen als ich es jemals könnte:

    „Sie hatte zu viele Pornos geschaut und damit ihre Fantasie infiziert, sie hyperbewusst für sexuelle Möglichkeiten gemacht, die noch in den allerunschuldigsten Situationen steckten.“ – Seite 157

    Sie, das ist Eve Fletcher, die 46-jährige Protagonistin dieses Romans von Tom Perrotta. Eve ist der Schrift gewordene Traum eines jeden ebenso triebgesteuerten wie sexistischen Macho-Mannes: Sie geht in ihrer Rolle als überfürsorgliche Hausfrau völlig auf, widmet sich mit Hingabe der Wäsche ihres mittlerweile leider erwachsenen Sohnes, bereitet überdies hervorragendes Steak zu, sie hat sämtliches Videomaterial in der „Milfateria“ (= Pornoportal) eingehend studiert und wenn man lieb fragt, schickt sie nachts auch gern einmal ein paar Nacktfotos per SMS. Denn Eve ist heiß und für jedes sexuelle Abenteuer zu haben. Eve ist eine MILF. Und Eve liebt das Risiko. Man fragt sich da irgendwann unweigerlich:

    „War sie wirklich so einsam, so verzweifelt auf der Suche nach sexuellem Kontakt? Es war Irrsinn, ein solches Risiko einzugehen – den Job aufs Spiel zu setzen, ihr Haus, das Studium ihres Sohnes – nur, um eine Nacht lang so zu tun, als lebe sie in einem Pornovideo.“ – Seite 173 (kleiner Spoiler: Die Antwort lautet „Ja“.)

    Wer sich nun vor Spannung kaum noch auf den Beinen halten und gemeinsam mit dem SPIEGEL laut „hinreißend“ rufen möchte, dem möge ich diesen Titel nur sehr nahelegen.

    Mich persönlich konnte Tom Perrotta leider nicht abholen. Zwar mögen seine Wortgewaltigkeit und seine vertieften Recherchen im Bereich Erotikvideos durchaus beeindruckend sein; es gelingt ihm auch ganz hervorragend und mit beispielloser Eleganz, Akronyme wie eben jenes der „MILF“ (= Mum I´d like to fuck) mit inflationärer Häufigkeit in den Text einfließen zu lassen. Doch leider empfand ich Tom Perrottas Geschichte nicht als „rasend komisch“, wie der Klappentext sie beschreibt, sondern vielmehr als die hochnotpeinliche sexistische (sexuelle) Fantasie eines Mannes in der Midlife-Crisis, der sich fern jedes Niveaus tief in der Klischeekiste bedient. 

    Zwar versucht der Autor gesellschaftskritische Töne anzuschlagen und Themen wie Autismus, Selbstliebe, Gender und Transsexualität aufzugreifen, arbeitet diese jedoch lediglich schematisch und oberflächlich ab. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen sehr wichtigen und spannenden Fragen ist leider im Rahmen der alles durchdringenden Porno-Fantasien des Autors kein Raum geblieben. Denn schließlich musste es auch in dem Seniorenheim, in dem die Protagonistin Eve arbeitet, heiß hergehen. Doch mehr will ich an dieser Stelle gar nicht verraten…

    Wenn wir die Protagonistin nicht gerade beim Pornos Schauen oder einem flotten Dreier mit einwilligungsunfähigen Personen erwischen, dann betrinken entweder sie oder ihr Sohn Brendan sich bis zur Besinnungslosigkeit. Nahezu jeder Erzählungsabschnitt aus Brendans Sicht beginnt mit der Einleitung, dass Brendan am fraglichen Tag einen „heftigen Kater“ hatte. Exzessiver Alkoholkonsum wird in „Mrs. Fletcher“ als Instrument intensiven menschlichen Kontakts regelrecht verherrlicht.

    Auch das unsaubere Lektorat dieses Romans, der diverse Tippfehler und vertauschte Wörter aufwies, passte gut ins Gesamtbild dieser außergewöhnlichen Darbietung.

    Schließen möchte ich daher nun abermals mit einem anschaulichen Zitat, das meine persönliche Leseerfahrung sehr prägnant auf den Punkt bringt:

    „Lass uns so tun, als es wäre nie passiert“ [sic!] – Seite 318

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