Petris

  • Mitglied seit 20.11.2013
  • 37 Freunde
  • 695 Bücher
  • 277 Rezensionen
  • 701 Bewertungen (Ø 4.46)

Rezensionen und Bewertungen

Filtern:
  • 5 Sterne433
  • 4 Sterne176
  • 3 Sterne75
  • 2 Sterne15
  • 1 Stern2
  • Sortieren:
    Cover des Buches Der letzte Satz (ISBN: 9783446267886)

    Bewertung zu "Der letzte Satz" von Robert Seethaler

    Der letzte Satz
    Petrisvor 5 Tagen
    Kurzmeinung: Seethaler wie man ihn aus "Der Trafikant" und "Ein ganzes Leben" kennt. Ein großartiger Erzähler, der hier Mahler ein Denkmal setzt.
    Mahlers letzte Reise

    Robert Seethaler gehörte nach „Der Trafikant“ und ein „Ganzes Leben“ zu jenen Autoren auf deren neue Romane ich immer schon warte. Sein letztes Buch „Das Feld“ hatte mich dann ziemlich enttäuscht, umso gespannter war ich auf seinen aktuellen Roman. Das Thema (Mahler auf seiner letzten Reise) fand ich sehr spannend, historische Persönlichkeiten in Romanfiguren zu verwandeln, war ihm ja schon beim Trafikant (da ist es Sigmund Freud) hervorragend gelungen. Überzeugt hat mich dann auch die Leseprobe, das war wieder der großartige Erzähler Seethaler, den ich so gerne lese. Sätze wie: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt auch schon das Ende in sich.“ (S. 33) klingen wie Gedichte oder Musik. Einfach ein Genuss.

    Gustav Mahler befindet sich auf seiner letzten Reise nach New York. Der berühmte Komponist, Dirigent und Opernerneuerer ist noch nicht alt, aber sein Körper ist am Ende, geschwächt von seinen Krankheiten, enttäuscht von seiner Ehe, verletzt, weil ihn Alma betrogen hat, sitzt er auf Deck, sieht auf das Meer, unterhält sich mit dem Schiffsjungen und hängt seinen Erinnerungen nach.

    Es war ein bewegtes Leben, beruflich voller Erfolge. In Wien erneuerte er die Hofoper, machte sie zur führenden Oper der Welt. Über die Wiener legt Seethaler Mahler folgende Worte in den Mund: „Die Wiener waren ein im Grunde heißblütiger Menschenschlag; unter dem Speckmantel der Gemütlichkeit brodelten gleichermaßen Begeisterung wie Empörung und liefen beständig Gefahr, aus nichtigem Anlass überzukochen.“ S. 33 Ein treffender Kommentar. Mahler war der bedeutendste Dirigent seiner Zeit, in jungen Jahren wurde er noch für sein unruhiges Dirigat kritisiert, später lenkte er die Orchester mit kleinsten Bewegungen. Und auch als Komponist wurde er gefeiert und geliebt.

    Privat war sein Leben gekennzeichnet von Schicksalsschlägen, viele seiner Geschwister starben jung, er selber litt sein ganzes Leben lang unter einer schwachen Gesundheit, eine seiner Töchter starb als Kind und die Ehe mit der um vieles jüngeren Alma war nicht lange glücklich, zu unterschiedlich war, was sie vom Leben wollten.

    Über all das denkt der fiebergeschwächte Mahler an Deck nach. Wunderbar literarisch und poetisch in Wort gefasst von dem Erzähler Robert Seethaler. 

    Ich habe dieses Buch von der ersten Zeile an genossen, man überlässt sich dem Sprachfluss und taucht ein in die Gedanken und Erinnerungen des großen Komponisten. Ein Roman nicht nur für Mahler- und Musikfans, sondern für alle, die literarische Erzählkunst lieben. Ein wunderbares Buch!

    Kommentare: 4
    4
    Teilen
    Cover des Buches Das Meer in meinem Zimmer (ISBN: 9783895613524)

    Bewertung zu "Das Meer in meinem Zimmer" von Jana Scheerer

    Das Meer in meinem Zimmer
    Petrisvor 6 Tagen
    Kurzmeinung: Eine heftige Geschichte, in der das Drama nicht dort liegt, wo man es erwarten würde. Stilistisch spannend erzählt mit junger Erzählstimme.
    Jolanda und ihre schwierige Familie

    Manche Rezensionen fließen wie von selber aus den Fingern, dann wieder fällt es schwer. Sei es, weil das Buch nicht überzeugen konnte oder wie hier, weil es einen verstört und bewegt zurücklässt nach der letzten Seite, und es gar nicht einfach ist, die Emotionen und Gedanken in Worte zu fassen.

    Jolanda ist 19, sie ist gerade mit dem Abitur fertig geworden, eigentlich sollte es ein Tag zum Feiern sein, nie wieder Schule, Nulltagsfeier mit ausgelassener Stimmung und lustigen Verkleidungen. Doch ihr Vater, Pax, ist gestorben. Er hatte Krebs. Ich hatte erwartet, dass es ab diesem Punkt um Trauer und Abschied, Verarbeitung und Zusammenhalt in der Familie gehen würde. Falsch gedacht. Denn das Drama dieser Familie ist nicht in erster Linie die Krebserkrankung des Vaters, sondern der Terror, den er zu Lebzeiten mit seiner bipolaren Störung in die Familie getragen hat. Und die Überforderung der Mutter, die seinen Tod leugnet und auch vor seinem Tod ihre Töchter, aber vor allem Jolanda nicht geschützt hat, sondern ihr viel zu früh, viel zu viel Verantwortung übergeben hat.

    Erzählt wird diese Geschichte aus Sicht Jolandas, eine junge Frau, fast noch ein Kind, die ihr ganzes Leben lang versucht hat, mit der Verantwortung klar zu kommen, ihre alles andere als normale Familiensituation zurechtzuerklären, zu normalisieren und vor allem auf Druck der Mutter nach außen zu verstecken. Ihr Umfeld lässt sich nur allzuleicht befriedigen und bohrt nicht weiter nach, so bleibt sie allein in ihrer Not. Dass die Mutter Psychologin ist, macht diese Geschichte noch heftiger.

    Ich mochte den Stil dieser jungen Erzählstimme sehr, im Plauderton erzählt sie aus ihrem Leben, knapp, oft nur angedeutet, das schmälert das Grauen, das es beim Leser auslöst überhaupt nicht, es macht es noch schlimmer, da es so direkt, oft wie nebenbei daher kommt. 

    Was mich nicht ganz überzeugt hat sind manche Situationen, die zu überzeichnet, etwas zu konstruiert und manchmal fast phantastisch daher kommen. Auch dass die Mutter Psychologin ist, fand ich etwas zu viel des Guten. Natürlich gibt es auch Psychologinnen, die ihre Kinder nicht vor der Suchterkrankung oder der psychischen Erkrankung ihrer Partner schützen können und völlig überfordert sind, aber hier wird damit schon auch ein Klischee bedient à la Psychologie studiert nur, wer selber ein Problem hat, Psychiater ziehen von ihren Klienten an und Lehrer können ihre Kinder nicht erziehen. Das mag es geben, aber viel davon sind Klischees und Vorurteile.

    Alles in allem, war es eine spannende, sehr berührende und verstörende Lektüre. Ein Buch, das noch länger nachwirken wird!

    Kommentieren0
    6
    Teilen
    Cover des Buches Alles, was zu ihr gehört (ISBN: 9783446266353)

    Bewertung zu "Alles, was zu ihr gehört" von Sara Sligar

    Alles, was zu ihr gehört
    Petrisvor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Ein Roman, der zu viele Genres bedienen will. Der Anfang hat Längen, am Ende wird es spannender. Ganz überzeugt bin ich nicht.
    Zu viel gewollt

    Kate zieht zu ihrer Tante an die Westküste, irgend etwas ist in New York passiert, lange erfahren wir nicht was, das ihr eine Karriere als Journalistin dort unmöglich gemacht hat. Hier hat sie einen neuen Job, sie soll den Nachlass der bekannten Fotografin Miranda Brand ordnen und archivieren, ihr Boss ist Mirandas Sohn Theo. Das Chaos, das sie erwartet ist unvorstellbar, sie macht sich an die Arbeit und taucht immer mehr in Miranda Brands Leben ein. Es ranken sich Gerüchte um ihren Tod, war es doch kein Selbstmord, war vielleicht sogar ihr eigener Sohn der Mörder? Aus Mirandas Leben erfahren wir aus Tagebucheinträgen, Briefen und Belegen, die Kate während ihrer Arbeit sortiert. Die Gerüchte lassen ihr keine Ruhe, und sie beginnt zu recherchieren.

    Ein spannender Plot, vor allem, weil der Teil, in dem wir aus dem Leben der Künstlerin erfahren, sehr gut gemacht ist. Doch leider wird daraus keine spannende Lektüre. Wir werden zu lange hingehalten, am Anfang tümpeln die Geschichten sehr lange vor sich hin, die Autorin übertreibt es mit Andeutungen, die ewig nur Andeutungen bleiben und keine Substanz bekommen. Zudem ist nicht klar, was dieser Roman eigentlich sein soll, er wirft mit feministischen Themen um sich, am Ende stellt sich ein klarer Schwerpunkt zu Gewalt in der Ehe heraus, zwischendurch vermutet man, dass es doch ein Spannungsroman werden könnte, da Theo ihr Teile des Hauses verbietet, das Tagebuch versteckt hält. Man denkt, er hätte etwas zu verbergen. Und dann ist noch die ziemlich platte, nicht schlüssige Romanze zwischen Theo und Kate.

    Am Ende nimmt der Roman Fahrt auf und bekommt Substanz, der kitschige Schluss zwischen Theo und Kate ist zwar wieder zu viel des Guten, doch ein wenig versöhnt hat mich der Schlussteil dann doch. Richtig gut fand ich die Einschübe, in denen wir aus Mirandas Leben und Schaffen erfahren.

    Ich habe den Verdacht, dass die Autorin zu viel wollte, weniger wäre hier definitiv mehr gewesen und sich auf ein Genre festzulegen hätte dem Roman auch gut getan. Mich konnte „Alles, was zu ihr gehört“ nicht begeistern.

    Kommentare: 2
    4
    Teilen
    Cover des Buches Grün (ISBN: 9783711720924)

    Bewertung zu "Grün" von Josef Zweimüller

    Grün
    Petrisvor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Ein sehr literarische Roman aus dem kleinen,sehr feinen Picus Verlag über Natur, Verluste und unsere moderne, zerstörerische Welt.Großartig!
    Jona und Hikaru

    Jona lebt alleine in einem kleinen Häuschen im Wald, ohne Strom, mehr oder weniger als Selbstversorger. Ein wenig verdient er mit seinem Honig, den sein Freund und Nachbar Siegfried für ihn verkauft. Er hat davor mit seiner Mutter Finja hier gelebt, doch sie war zurück in die Stadt gezogen zu ihrem Freund und zu ihrer Arbeit. Für alle unerklärlich war sie von der Terrasse ihrer Wohnung gesprungen, Jona macht die Stadt für ihren Tod verantwortlich, nur im Wald und in der Natur fühlt er sich wohl. Weil er für ein paar Reparaturen am Haus Geld benötigt, veranstaltet er eine Survival Woche im Wald und lernt dabei Hikaru kennen. Auch sie hat jemanden verloren, ihre Zwillingsschwester. Sie bleibt mit Jona in seinem Häuschen im Wald und liebt dieses Leben genau wie Jona.

    Ein Zwischenfall wirft Jona allerdings völlig aus der Bahn, Hikaru dringt nicht mehr zu ihm durch und geht zurück in die Stadt. Wird sich Jona wieder beruhigen? Wird sie ihn wiedersehen? Hat Finja tatsächlich Selbstmord begangen?

    Josef Zweimüller schreibt hier über Verluste, darüber, wie es ist, wenn Menschen sterben, die ein Teil von einem selber sind. Es ist keine einfache Geschichte, in der sich zwei verletzte Menschen treffen und gegenseitig trösten. Es ist eher eine Geschichte über zwei Menschen, die in der Natur Trost finden und den verlorenen Menschen näher sind.

    Sprachlich ist der Roman sehr gelungen, er ist schön zu lesen, poetisch, voller Bilder, aber nicht überladen. Ich mochte auch die Einschübe sehr, in denen einerseits die Natur zu Wort kommt und im Teil, der in der Stadt spielt, ist es das Internet, das spricht, über seine Macht, über die Menschen, wie sie damit umgehen. Es ist ein Beobachten und Reflektieren und fügt sich wunderbar in die Handlung ein.

    Josef Zweimüller ist ein österreichischer Autor, der Wald in dem Jona lebt, liegt am Fuße von Bergen, aber die Geschichte könnte überall spielen. Es gibt den Wald, die Berge, die Stadt. Und die Namen der Charaktere sind keine typisch österreichischen Namen, Jona, Hikaru, Finja, Yorick,… Damit bleibt der Ort noch offener, irgendwo oder nirgendwo.

    Ich bin begeistert, ein Buch aus dem kleinen, sehr feinen Wiener Picus Verlag, das Aufmerksamkeit verdient und nicht nur regional bekannt werden sollte. Von mir gibt es eine begeisterte Empfehlung.

    Kommentare: 2
    5
    Teilen
    Cover des Buches Die Dirigentin (ISBN: 9783455009606)

    Bewertung zu "Die Dirigentin" von Maria Peters

    Die Dirigentin
    Petrisvor 15 Tagen
    Kurzmeinung: Die faszinierende Geschichte einer Frau, die es schaffte, Dirigentin zu werden in einer Zeit als das niemand für möglich hielt. Spannend!
    Ein Leben für die Musik

    Antonia Brico ist eine faszinierende Frauengestalt des 20. Jahrhunderts. In einer Zeit als es undenkbar schien, kämpft sie darum, Dirigentin zu werden. Und muss dabei sehr viele Widerstände überwinden und viel dafür opfern.

    Sie stammt aus einer lieblosen holländischen Familie, die in die USA gezogen ist, durch Zufall kommt sie zum Klavierspielen und ab da ist klar, die Musik ist ihr Leben. Mit ihrem Wunsch, Dirigentin zu werden, wird sie ausgelacht, von der Familie verstoßen, von Lehrern schlecht behandelt. Doch sie setzt sich durch und ihr gelingt, was vor ihr noch keiner Frau gelungen ist. Sie dirigiert große, bekannte Orchester, gründet ein eigenes Orchester, ein reines Frauenorchester. Doch eines bleibt ihr bis zu ihrem Lebensende versagt, die Leitung eines großen, renommierten Orchesters.

    Geschichten wie diese, über mutige, fortschrittliche Frauen, sollten viel mehr erzählt werden, sie sollten die Rolemodels unserer Zeit sein. Wenn es damals möglich war, gegen alle Widerstände und gegen die Meinung, dass eine Frau so etwas nicht kann, Dirigentin zu werden (Ärztin, Physikerin, Mathematikerin,…), dann sollten Frauen heute noch viel mehr ihre Möglichkeiten ausschöpfen und die noch immer bestehenden Grenzen überwinden.

    Der Dirigentenberuf ist auch heute noch sehr männlich dominiert, es gibt zwar immer mehr Frauen, aber sie sind in der Minderzahl. Zwei kleine Absätze im Nachwort machen mich nachdenklich:

    „Die renommierte Zeitschrift Gramophone veröffentlichte 2008 eine Rangliste der zwanzig besten Orchester der Welt. Keines dieser Orchester hatte je eine Chefdirigentin.

    2017 veröffentlichte Gramophone wieder eine Liste, diesmal mit den fünfzig besten Dirigenten aller Zeiten. Darunter keine Frau.“ S. 324

    Ich habe den Roman mit Begeisterung, Bewunderung und großer Spannung gelesen. Eine tolle Geschichte, spannend erzählt, Timing und Rhythmus unglaublich gut gemacht, ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Die Autorin hat zuvor schon einen Film über Antonia Brico gemacht, sie ist persönlich bekannt mit deren Cousin und die Bibliografie im Anhang zeigt, was man auch schon beim Lesen merkt, wie gut recherchiert sowohl Bricos Geschichte, als auch das Setting und die Zeit der 20er und 30er Jahre sind. 

    Allerdings war es mir sprachlich zwischendurch etwas zu trivial. Besonders, wenn die Liebesgeschichte, die aber insgesamt zum Glück nicht zu viel Raum einnimmt, ins Spiel kommt, wird es sehr klischeehaft und sprachlich sehr schlicht. 

    Dennoch ein sehr empfehlenswerter Roman für alle, die sich für starke Frauen und Vorbilder aus der Geschichte interessieren. Es gibt noch viel zu tun für uns Frauen und Figuren wie Antonia Brico zeigen, dass immer mehr möglich ist, als wir denken.  

    Kommentare: 3
    7
    Teilen
    Cover des Buches Die Taufe (ISBN: 9783492312882)

    Bewertung zu "Die Taufe" von Ann Patchett

    Die Taufe
    Petrisvor 18 Tagen
    Kurzmeinung: Eine Taufe, die das Leben aller verändert. Komplexer, sehr schön erzählter Familienroman. Aufbau, Sprache, Story, einfach perfekt.
    Kommentare: 2
    Cover des Buches Was wir voneinander wissen (ISBN: 9783462051728)

    Bewertung zu "Was wir voneinander wissen" von Jessie Greengrass

    Was wir voneinander wissen
    Petrisvor 18 Tagen
    Kurzmeinung: Schöne Sprache, interessante Gedanken, wunderbar verwoben mit historischen Persönlichkeiten, ein langsamer, sehr besonderer Roman.
    Gedanken, Geschichte, das Leben

    Was wir voneinander wissen ist kein Buch, das man schnell liest, man muss sich Zeit nehmen, die Fülle an Geschichten, die Gedanken der Ich-Erzählerin und vor allem die Sprache zu genießen.

    Mir hat es auf allen Ebenen sehr gut gefallen, ich konnte die Trauer der Protagonistin nach dem Tod ihrer Mutter gut nachvollziehen.

    „Falls ich mir eingebildet hatte, ich würde keine Trauer empfinden in diesen frostkalten Monate, die ich einsam in einem leeren Haus verbrachte (…), dann wohl deshalb, weil ich mir unter Trauer anderes vorgestellt hatte, etwas, das zugleich größer und geringer wäre, ein Monument oder ein Massiv, etwas Einfaches, das man bezwingen konnte, aber nicht diesen in die reibungslose Kontinuität einsickernden Freiraum. Ich war von einem dramatischen Verlust ausgegangen, einer Art Prüfung, doch stattdessen ging alles weiter wie bisher, und nichts funktionierte, wie es sollte.“ S. 38 f.

    Doch auch ihre Zweifel vor der Entscheidung, ein Kind zu bekommen, ihre Gedanken zur Mutterschaft, ihre Ängste konnte ich verstehen und fand sie sehr schön beschrieben. 

    Ich mochte auch die Ausflüge, in die Geschichte der Wissenschaft, die Ich-Erzählerin schweift ab und erzählt aus den Leben Freuds, Röntgens und Hunters, für mich fügten sich diese Einsprengsel perfekt in die Geschichte und waren sehr interessant.

    Überzeugt hat mich auch die Sprache, poetisch, philosophisch und bilderreich. Entgegen meiner sonstigen Lesegewohnheit ließ ich mir Zeit und las manche Formulierungen und Gedanken mehrmals. Für mich ein  großer Lesegenuss.

    Zum Glück habe ich den Roman trotz schlechter Kritiken dann doch noch gelesen, denn für mich war es ein Buch  ganz nach meinem Geschmack. Auch optisch, das Cover zählt für mich mit zu den schönsten Gestaltungen dieses Jahres.

    Vielleicht kein Roman für jeden Geschmack, aber definitiv eines, das mir Lesevergnügen bereitet hat!

    Kommentare: 2
    8
    Teilen
    Cover des Buches Keiner von euch (ISBN: 9783709934951)

    Bewertung zu "Keiner von euch" von Felix Mitterer

    Keiner von euch
    Petrisvor einem Monat
    Kurzmeinung: Sehr spannend, sehr frei erzählt, die Trennlinien zwischen Fiktion und Geschichte oft nicht zu erkennen.Drama pur. Mir hat es sehr gefallen!
    Ein Krimi zwischen Geschichte und Fiktion

    Felix Mitterers Dramen haben mich durch meine Jugend und junge Erwachsenenzeit begleitet. „Sibirien“, ein Monolog, in dem die Zustände in Pflegeheimen angeprangert werden, lasen wir in der Schule und sahen die Verfilmung mit dem großartigen Fritz Muliar in der Hauptrolle. Und „Abraharm“, ein Stück über Schwulsein am Land, das 1993 im Linzer Landestheater uraufgeführt wurde, habe ich unzählige Male gesehen, ich reiste bis nach Telfs, um es bei den dortigen Festspielen nochmals sehen zu können. Mitterer saß ein paar Reihen vor mir. Ihn anzusprechen wagte ich nicht. „Abraham“ hat mich geprägt und sehr berührt.

    Dementsprechend gespannt war ich auf Mitterers ersten Roman. Vorweg, mir hat er sehr gut gefallen, er war spannend, wie Theater oder Film. Allerdings war er tatsächlich ganz anders als erwartet.

    Was der Roman nicht ist:

    In letzter Zeit fällt mir immer mehr auf, dass mein Verständnis eines Romans recht wenig damit zu tun hat, was von Verlag, Klappentext und oft auch Presse versprochen wird. So auch hier. Ein historischer Roman ist „Keiner von euch“ definitiv nicht, es kommen zwar historische Fakten und Persönlichkeiten vor, die werden aber sehr frei zu einer fiktiven Intrigengeschichte verwoben. Ich finde auch nicht, dass damit Angelo Soliman eine kraftvolle Stimme verliehen wird, denn die Fiktion überwiegt und es werden einige Klischees bedient. Der Verlag schreibt: „Österreichs beliebtestem und meistgespieltem Dramatiker – gelingt es, mit viel Feingefühl das Leben und Handeln von Außenseitern und gesellschaftlich Geächteten ins Zentrum seiner Werke zu stellen.“ Der zweite Teil des Satzes stimmt, im Mittelpunkt stehen Außenseiter, jene ohne Rechte, allerdings das Feingefühl habe ich nicht ganz gefunden, im Gegenteil, der Autor arbeitet mit sehr plakativen Mitteln und auch Klischees. 

    Was der Roman ist:

    Unglaublich spannend und rasant, sehr fantasievoll (man erfährt unter anderem eine neue Variante, für wen Mozarts Requiem war), eine sehr gelungene Mischung aus Historie und Fiktion, die Geschichte bildet lediglich die Basis, auf der frei (sehr frei) fabuliert wird, ein Roman, der Missstände anprangert, der die Wurzelen faschistoiden Denkens vorwegnimmt und erklärt. Eigentlich ist es auch ein Krimi, und ich musste die ganze Zeit an Mantel-und-Degen-Filme denken, gekämpft wird genug, Blut fließt auch. Der Theater- und Drehbuchautor kommt durch, das Tempo ist rasant, die Sprache hätte mehr Raffinesse vertragen.

    Resümee:

    Ich habe den Roman geliebt, mit Begeisterung gelesen, wobei ein paar Szenen grenzwertig trivial waren, aber da hat Felix Mitterer zu viele Sympathiepunkte bei mir, ihm verzeihe ich das und insgesamt war es Lesevergnügen pur!

    Kommentare: 3
    7
    Teilen
    Cover des Buches Sommer in Maine (ISBN: 9783833309519)

    Bewertung zu "Sommer in Maine" von J. Courtney Sullivan

    Sommer in Maine
    Petrisvor einem Monat
    Cover des Buches Die Marschallin (ISBN: 9783406754821)

    Bewertung zu "Die Marschallin" von Zora del Buono

    Die Marschallin
    Petrisvor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine interessante Frau. Allerdings mit Längen und sprachlich nicht sehr interessant erzählt.
    Eine Frau ihrer Zeit

    Zora del Buono setzt in diesem Roman ihrer Großmutter und Namensschwester ein Denkmal. Die Großmutter ist eine faszinierende Frau, gebildet, Arztgattin, immer wohlhabend, gleichzeitig glühende Kommunistin. Sie lernt faszinierende Persönlichkeiten der Geschichte kennen, Tito, den sie verehrt, ist Gast in ihrem Haus in Bari, das sie selbst geplant hat. Sie hat viele Talente, dennoch nicht studiert und ihren Mann immer unterstützt. Die Familie fürchtet sie, sie ist die unangefochtene Patriarchin in einer Männerfamilie, nur Brüder, nur Söhne. Frauen betrachtet sie argwöhnisch, keine ihrer Schwiegertöchter ist ihr genehm, sie bestimmt, wen ihre Söhne heiraten sollen (und täuscht sich dabei oft). Sie ist großzügig, ein Kontrollmensch, oft schlecht gelaunt, wenn die Dinge nicht nach ihrem Wunsch laufen. In ihrer Lebenszeit wird sie Zeugin der großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, ihr Dorf in Slowenien wechselt die Nationalität mit den Kriegen: Slowenisch, Deutsch, Italienisch, Jugoslawisch,… 

    Das alles ergibt einen spannenden Hintergrund, die Charaktere wären eigentlich interessant, sie sind weltgewandt, politisch interessiert und leben im Spannungsfeld ihrere Zeit. 

    Leider bleibt dabei aber vieles an der Oberfläche und geht nicht in die Tiefe. Wie so oft, wenn ein Roman autobiografisch motiviert ist, fehlt der Blick dafür, was wirklich wichtig ist. So hat er ziemlich viele Längen, da so detailreich aufgezählt wird, was passiert, sehr viel Alltägliches, das sich wiederholt, während wichtige Szenen nicht vertieft werden. 

    Auch sprachlich konnte mich „Die Marschallin“ nicht überzeugen. Der Roman ist sehr einfach, beinahe trivial erzählt, was für mich zu dem sehr politischen Thema und zu den meisten sehr gebildeten Charakteren nicht so recht passen will.

    Die Story war so spannend, dass ich das Buch bis zu Ende gelesen habe, zwischendurch zwar recht oberflächlich, sie hatte ja wirklich ein interessantes Leben. Erwartet hatte ich aber wesentlich mehr, für mich hätte es straffer sein können und sprachlich hat es mich tatsächlich richtig gelangweilt.

    Für alle, die ohne großen Aufwand einen Roman über eine interessante Zeugin ihrer Zeit lesen wollen, ist das Buch geeignet, für jemand, der nach Literatur sucht, ist es wohl zu schlicht.

    Kommentare: 6
    9
    Teilen

    Über mich

    "A reader lives a thousand lives before he dies. The man who never reads lives only one." George R.R. Martin

      Lieblingsgenres

      Klassiker, Romane, Gedichte und Dramen

      Mitgliedschaft

      Freunde

      Was ist LovelyBooks?

      Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

      Mehr Infos

      Buchliebe für dein Mailpostfach

      Hol dir mehr von LovelyBooks