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RenaM

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Cover des Buches Der längste Sommer ihres Lebens (ISBN: 9783453272989)

Bewertung zu "Der längste Sommer ihres Lebens" von Amelie Fried

Der längste Sommer ihres Lebens
RenaMvor 2 Tagen
Kurzmeinung: Spannungsarmer Roman um drei Frauen und zu viele Themen
Amelie Fried - Der längste Sommer ihres Lebens

Dass sich dieser Roman des Themas Klimawandel annimmt und ein tatsächliches Ereignis rund um die Klimaaktivisten aufgreift, ist noch das Beste daran. Ansonsten bietet er wenig Überraschendes, schablonenartige Figuren und vor allem viele Klischees.

Claudia Berner führt in x-ter Generation ein Autohaus in einer überschaubaren Kleinstadt. Daneben arbeitet sie als Stadträtin und will nun Bürgermeisterin werden. Ihr Mann Martin ist in ihrem Autohaus angestellt und sie hat eigentlich vor, ihn, sollte sie gewählt werden, zum Geschäftsführer zu machen. Claudias Mutter Marianne hat jedoch schon immer Vorbehalte gegen ihren Schwiegersohn und mischt sich immer wieder in die Geschäfte ein.

Claudias Tochter Anouk, gerade 18 geworden, geht inzwischen ihre eigenen Wege und schließt sich den Klimaaktivisten an, klebt sich auf die Straße, wird verhaftet. Das schadet natürlich dem Wahlkampf der Bürgermeisterkandidatin und wird vom Wahlgegner und der Presse genüsslich ausgeschlachtet.

Zusätzlich bekommt Claudia Probleme in der Ehe, denn ihr Vertrauen in Martin, in seine Fähigkeit, das Autohaus zu leiten, schwindet. Man streitet, es kriselt, es kommt zum Zerwürfnis. Inzwischen knüpft Marianne, längst über 70, Kontakte zu einem ehemaligen Geliebten, wärmt die alte Beziehung wieder auf.

Die Geschichte eskaliert, als Anouk nach Berlin geht und gemeinsam mit anderen in den Hungerstreik tritt, um die Regierung zu Gesprächen zu erpressen. Claudia lässt alles stehen und liegen und rast nach Berlin.

Das Ganze ist so platt, so altbacken erzählt, dass man immer wieder das Buch eigentlich abbrechen möchte, dann aber doch wieder Hoffnung hat, es käme noch Spannung auf. Die Figuren sind vorhersehbar, abgedroschen und schablonenhaft, der Schreibstil ist schlicht, so sehr, dass mehrere Kapitel mit dem gleichen Satz beginnen.

Die Protagonistin Claudia ist arg unrealistisch, sie macht nie Fehler, findet immer die richtigen Worte, hat sich, ihre Sorgen und Stimmungen immer im Griff.  Und am Ende sinken sich alle lächelnd in die Arme, geläutert, versöhnt, glücklich.

Das Einzige, was mir wirklich gefallen hat, ist die kritische Schilderung des Umgangs der bayrischen Behörden mit den Klimaklebern, die dort  als Terroristen verunglimpft und besonders hart bestraft werden. Ganz anders im Übrigen als die Gülle werfenden Bauern…

Amelie Fried - Der längste Sommer ihres Lebens
Heyne, März 2024
 Gebundene Ausgabe, 431 Seiten, 22,00 €

Cover des Buches Im Krieg (ISBN: 9783328603252)

Bewertung zu "Im Krieg" von Nora Krug

Im Krieg
RenaMvor 5 Tagen
Kurzmeinung: Tagebücher in Art einer Graphic Novel – Kriegseindrücke aus Kiew und St. Petersburg
Nora Krug – Im Krieg

Die Autorin und vor allem Illustratorin dieses Buches ist eine vielfach preisgekrönte Deutsche mit Wohnsitz in New York. Am ersten Tag des Angriffs Russlands auf die Ukraine hat sie Kontakt aufgenommen zu zwei ihr bisher unbekannten Personen, einer Journalistin in Kiew und einem Künstler in Russland.

Beide haben ihr über 52 Wochen, während des ersten Jahres der Kriegshandlungen, ihre Gefühle, ihre Eindrücke, ihre Sorgen und kleinen Freuden geschildert. Entstanden ist ein einerseits sehr bedrückendes und berührendes Buch, andererseits stellt man sich bei und nach der Lektüre auch noch immer viele Fragen.

Die beiden Menschen, die sich Nora Krug derart öffneten und sehr persönliche Dinge von sich erzählten, werden zu ihrem Schutz nur als K. und D. bezeichnet und alles, was sie identifizieren könnte, wird verschwiegen.

K. ist Journalistin mit zwei Kindern, die sie nach Dänemark zu ihrer Mutter bringen kann. Was zur Folge hat, dass sie in den folgenden Monaten ständig zwischen dem friedlichen Zufluchtsort und dem kriegsgebeutelten Heimatland hin und her reist, hin und her gerissen ist. Ihr Mann darf nur unter Auflagen die Ukraine verlassen. K. berichtet als Reporterin von der Front im Osten, im Donbass, sie wird persönlich betroffen, als Freunde von ihr Soldat werden, an der Front sterben.

D. ist Künstler, er hat ebenfalls zwei Kinder. Er ist ein sehr sensibler Mann, völlig erschüttert von der Tatsache, dass sein Russland ein anderes Land überfällt. Doch er traut sich nicht, seine Meinung öffentlich zu machen, hat Angst vor Repression, vor der Einberufung. Ständig reist er aus Russland aus, dann wieder ein, mal nach Riga, mal nach Frankreich, mal in die Türkei. Er hat wenige Menschen, mit denen er sich ehrlich austauschen kann. Seine Situation macht ihm schwer zu schaffen.

So berührend und erschütternd die Schilderungen der Journalistin K. sind, so wenig hat mich, ehrlich gesagt, das Selbstmitleid des Künstlers D. beeindruckt, auch wenn man sehr wohl Verständnis hat für die Hilflosigkeit derjenigen, die nichts gegen ihr Regime tun können. Jedoch, gerade im Vergleich mit den wirklichen Schrecken, den tatsächlichen Gefahren und vor allem der Tragik der Ukrainerin, wirkt das permanente Lamento des Russen unangebracht, unbegründet, ja unberechtigt.

Vielleicht war das gerade die Absicht der Autorin, die dieses Buch so gelungen umgesetzt hat. Jeweils eine Doppelseite gehört einer Woche dieses Jahres, einander gegenübergestellt immer die Eintragungen Ks. und Ds. Einfügt kleine, manchmal sehr detaillierte, manchmal symbolhafte Zeichnungen der Autorin, immer mit Bezug zu dem Erzählten.

Fast am meisten allerdings beeindruckt mich das Vorwort, das Nora Krug ihrem Buch voranstellte. Hier schildert sie die Entstehung des Buchs, erläutert ihre Vorgehensweise und macht deutlich, was sie mit dem Buch erreichen möchte.  „Diejenigen von uns, die weit entfernt vom Kriegsgeschehen leben und es nur von außen betrachten, dürfen sich nicht damit begnügen sich einzugestehen, dass sie nicht wissen, wie sie sich selbst angesichts eines tyrannischen Regimes verhalten würden. Das Eingeständnis unserer eigenen Angst sollte nur den Ausgangspunkt einer eingehenderen, kritischen inneren Auseinandersetzung darstellen.“ (S. 11).  

Nora Krug – Im Krieg
aus dem Englischen von Alexander Weber
Penguin, Februar 2024
Gebundene Ausgabe, 128 Seiten, 28,00 €

Cover des Buches Unser Tag ist heute (ISBN: 9783328603290)

Bewertung zu "Unser Tag ist heute" von Virginie Grimaldi

Unser Tag ist heute
RenaMvor 7 Tagen
Kurzmeinung: Ungewöhnliche Wohngemeinschaft mit Selbstheilungskräften – warmherzige Geschichte aus Frankreich
Virginie Grimaldi - Unser Tag ist heute

Sie sind alle drei sehr sympathische und authentische Figuren, die die Autorin hier zu einer WG zusammenfinden lässt. Eine nicht neue Idee und auch die Handlung ist nicht voller Überraschungen, aber berührend und herzerwärmend. Der deutsche Titel allerdings lässt sehr zu wünschen übrig.

Die 70 hat sie schon eine Weile hinter sich, als Jeanne Witwe wird. Sie hat ihren Mann sehr geliebt und wird von der Trauer schier überwältigt. Doch finanzielle Erwägungen veranlassen sie, Untermieter für ihre große Wohnung zu suchen. Es melden sich direkt zwei Interessenten für das eine Zimmer, das sie anbietet.

Iris ist Mitte Dreißig, verdient ihren Lebensunterhalt als Betreuung alter oder kranker Menschen, obwohl sie einen ganz anderen Beruf gelernt hat. Sie ist auf der Flucht, vor ihrem Ex, vor sich selbst, vor der Einsamkeit.

Théo ist gerade 18, macht eine Lehre in einer Bäckerei unter der Fuchtel der sehr gestrengen Inhaberin. Er ist total pleite, schläft in der U-Bahn. Sein Leben fand bisher in Heimen statt, seine alkoholkranke Mutter konnte ihn nie wirklich versorgen. Doch seit er volljährig ist, muss er sich allein durchschlagen.

Jeanne vermietet schließlich zwei Zimmer und die beiden ihr völlig fremden Menschen können nun bei ihr einziehen. Nach und nach kommen die drei sich natürlich näher, erfahren mehr übereinander und die Sorgen und Nöte der jeweils anderen. Das ist nett erzählt, vor allem die Geschichte um Iris ist spannend, denn lange bleibt im Verborgenen, warum sie sich vor ihrem Ex-Freund, mit dem die Hochzeit sogar schon geplant war, versteckt.

Es ist aber vor allem Théo, dessen Figur der Autorin wirklich gut gelungen ist. Seine Stimmung schildert sie nachvollziehbar und voller Verständnis. Wie er unter seiner Mutter litt und wie sehr er sie dennoch liebt, das ist sehr gefühlvoll beschrieben.

Anderes ist dagegen leider etwas dick aufgetragen, die Trauer Jeannes um ihren Mann nimmt großen Raum ein und dadurch etwas absurde Züge an. Die Entwicklung der Figuren ist einigermaßen vorhersehbar, so dass der Plot keine wirklichen Überraschungen bietet. Gefällig ist der Roman dennoch, denn auch der Humor, gerade wenn aus der Perspektive Théos erzählt wird, kommt nicht zu kurz.

Insgesamt ein anrührender Roman mit etwas viel Herzschmerz, etwas tränenreich, aber dennoch unterhaltsam und nett.

Virginie Grimaldi - Unser Tag ist heute
aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle
Penguin, März 2024
Klappenbroschur, 332 Seiten, 17,00 €

Cover des Buches Die Erfindung der Bundesrepublik (ISBN: 9783462004274)

Bewertung zu "Die Erfindung der Bundesrepublik" von Sabine Böhne-Di Leo

Die Erfindung der Bundesrepublik
RenaMvor 9 Tagen
Kurzmeinung: Fesselnder Blick hinter die Kulissen des Parlamentarischen Rates
Sabine Böhne-Di Leo - Die Erfindung der Bundesrepublik

Wer die Geschichte unseres Landes verfolgt, dem erzählt die Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Professorin Sabine Böhne-Di Leo zunächst mal nichts weltbewegend Neues.

Denn die Ereignisse rund um die Entstehung des Grundgesetzes, um die Gründung der Bundesrepublik vor 75 Jahren, sind grundsätzlich bekannt. Doch die Autorin blickt eben ein wenig hinter die Kulissen, berichtet von streitbaren Politikern, versöhnlichem Humor und vom Einfluss der damaligen Siegermächte in den ersten Nachkriegsjahren.

In ihrem Buch geht sie manchmal ganz nah ran an die Hauptpersonen dieser Geschehnisse. Wir beobachten Konrad Adenauer und Carlo Schmidt, wir hören Ernst Reuter die berühmten Worte in Berlin sagen, wir fliegen mit den Rosinenbombern über die Luftbrücke.

Denn damit beginnt das Buch, mit der Blockade Berlins durch die Sowjetunion 1948 als Reaktion auf die Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen. Hier lernen wir Louise Schroeder kennen, die amtierende Oberbürgermeisterin Berlins. Mir war diese Frau bislang nicht bekannt, die ihr Amt nur der Tatsache zu verdanken hatte, dass die Sowjets das eigentlich gewählte Stadtoberhaupt, Ernst Reuter, ablehnten.

In mehreren Treffen der Ministerpräsidenten der Länder wird die Gründung des neuen deutschen Landes geplant, wird, nach Anweisung und Anleitung durch die Alliierten der Parlamentarische Rat gegründet. Dabei schwebt dann immer die Angst über allem, dass die Westmächte sich doch mit den Russen einigen und es keinen freien deutschen Staat gibt.

Und während die Amerikaner, Briten und Franzosen täglich, auch im Winter, zwischen 6 und 12 Tonnen Lebensmittel, Kohle und sogar Autos nach Berlin bringen, ringen im dafür freigeräumten Museum König in Bonn die Mitglieder des Parlamentarischen Rates – 61 Männer und 4 Frauen – um jedes Wort und jedes Komma im neuen Grundgesetz. Welche Bedeutung jede Formulierung, welche Wirkung und Auswirkung ein unklarer Satz, eine misszudeutende Aussage in diesem Gesetz haben könnte, all das muss bedacht werden.

Dabei bleiben auch die Querelen zwischen den Parteien, allen voran CDU/CSU und SPD, nicht unerwähnt. Der Streit um die Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern, um den Einfluss der Kirche, um die Gleichberechtigung der Frau, von all diesen schwierigen Schritten berichtet die Autorin in diesem lesenswerten Buch. Ein paar interessante Fotos finden sich auf den Seiten, die allerdings oft ein bisschen sehr unscharf sind.

Ihr Stil ist flüssig und gut lesbar, sie vermeidet komplizierte Schilderungen und lockert die trockene Atmosphäre der Politik mit einigen Anekdoten aus dem Leben der Politiker auf.  Für mehr Details, für mit Tiefe muss man sicher zu ausführlicheren Werken greifen, als kurze Geschichte der Erfindung unserer Republik ist dieses Buch aber empfehlenswert.

Sabine Böhne-Di Leo - Die Erfindung der Bundesrepublik
Kiepenheuer & Witsch, März 2024
 Gebundene Ausgabe, 431 Seiten, 22,00 €

Cover des Buches Du und ich und der Sommer (ISBN: 9783764508692)

Bewertung zu "Du und ich und der Sommer" von Elena Malisowa

Du und ich und der Sommer
RenaMvor 12 Tagen
Kurzmeinung: Verbotene Liebe in der Sowjetunion – bewegender Jugendroman
Elena Malisowa & Katerina Silwanowa - Du und ich und der Sommer

Die beiden jungen Autorinnen, Russin die eine, Ukrainerin die andere, erzählen von einer Sommerliebe, leichtfüßig und doch berührend, eindringlich und voller Empathie.

Jura kommt nach zwanzig Jahren zurück in das ehemalige, inzwischen völlig verfallene Sommerlager, in welchem er als Jugendlicher etliche Sommerferien verbrachte. Nicht immer gerne und oft mit ziemlichen Auseinandersetzungen mit der Lagerleitung. Bis er im letzten Sommer Wolodja kennenlernt. Dieser ist Gruppenleiter, sensibel, nervös, voller Angst, seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein.

Wolodja betreut nicht nur die Gruppe der kleineren Jungen, sondern leitet auch die Theatergruppe, mit der er ein Stück einstudiert. Jura soll ihn dabei unterstützen und was für ihn als Strafe gedacht war, offenbart sich als wunderbares Glück. Er und Wolodja kommen sich immer näher. Jura hilft ihm auch bei der Betreuung der Kleinen, wofür er ein deutliches Geschick zeigt. Abends finden die Beiden Zeit und Ruhe, sich zu unterhalten, sich kennen- und lieben zu lernen.

Doch in der Sowjetunion ist für eine homoerotische Liebe kein Platz, kein Verständnis, kein Raum. Die beiden jungen Männer müssen aufpassen, sich verstecken, verstellen.

Zwischen die Rückblicke auf diese Zeit folgt man Jura auf seinem Gang durch das längst zerstörte Sommerlager, das in der Nähe von Charkiw lag. Er erinnert sich nicht nur an diese schöne Zeit, sondern auch an die, die darauf folgte. Die Briefe, die er und Wolodja sich schrieben, die irgendwann aufhörten, die nie ankamen, die unbeantwortet blieben und so für Verwirrung, Schmerz und Entfremdung sorgten.

Den Autorinnen gelingt ein sehr plastisches Bild der Zustände, sowohl hinsichtlich der verbotenen Beziehung wie auch der Umstände im Lager, der Strenge, der Hierarchien, der Überwachung. Und sie schaffen es, die Gefühle der beiden Männer nachfühlbar zu schildern, beschreiben die Zerrissenheit mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen.

Dazu kommt der zeitgeschichtlich interessante Aspekt, die Schilderungen des Umbruchs, des Zusammenbruchs der Sowjetunion, der Änderung der Systeme, der Wandlung, der Wende.

Die Sprache, in der dieser Roman geschrieben ist, ist einfach, bildhaft, die Sätze sind schlicht, darum aber nicht weniger prägnant. Stilistisch ist der Roman eindeutig auf die Zielgruppe zugeschnitten und ist für diese uneingeschränkt empfehlenswert.

Elena Malisowa & Katerina Silwanowa - Du und ich und der Sommer
aus dem Russischen von Olga Tomyuk
Blanvalet, Februar 2024
 Klappenbroschur, 512 Seiten,  17,00 €

Cover des Buches Hanns und Rudolf (ISBN: 9783964282200)

Bewertung zu "Hanns und Rudolf" von Thomas Harding

Hanns und Rudolf
RenaMvor 13 Tagen
Kurzmeinung: Interessante Doppelbiografie von Jäger und Gejagtem
Thomas Harding - Hanns und Rudolf

Erst bei der Trauerfeier für seinen Großonkel Hanns erfuhr Thomas Harding dessen Geschichte. Erfuhr, was Hanns Alexander während und nach dem zweiten Weltkrieg geleistet und vor allem, wen er verhaftet hatte.

Diese Geschichte des Jägers Hanns Alexander, Jude aus Deutschland, und des Gejagten Rudolf Höss, Leiter des Konzentrationslagers Auschwitz, erzählt der Autor nun in dieser Doppelbiografie.

Doch bevor aus Hanns der Jäger und aus Rudolf der Gejagte wurde, war es umgekehrt. Rudolf Höss, 1901 in Baden-Baden geboren und zeit seines Lebens williger Befehlsempfänger, hatte keine Skrupel, Juden, Andersdenkende und Kriegsgefangene zu jagen, einzusperren, zu quälen und zu töten.

Hanns Alexander, 1917 in Berlin geborener Sohn eines sehr angesehenen jüdischen Arztes, musste mit seiner Familie schon früh Deutschland verlassen und auf abenteuerlicher Flucht nach England emigrieren. Was das für ihn, seinen Zwillingsbruder Paul, seine Schwestern und seine Eltern bedeutete, schildert Thomas Harding anschaulich, eindringlich und akribisch chronologisch.

Beide Biografien sind detailreich und fesselnd. So kann man Rudolf Höss im ersten Weltkrieg erleben, an dem er teilnehmen kann, weil er über sein Alter lügt, und in dem er recht schnell Karriere macht. Insbesondere wohl, weil er bedingungslos Befehle verfolgt, ohne sie infrage zu stellen. Augenfällig ist auch seine stete Suche nach Leitfiguren, denen er folgen und die er beeindrucken will.

Das Buch schildert den Werdegang von Höss durch die verschiedenen Funktionen, die er während der Zeit der Nazidiktatur einnahm. Er war Leiter mehrere Konzentrationslager, tat auch Dienst in der für die Kontrolle der Lager zuständigen Amtsgruppe.

Hanns hingegen ist lange eher ein Luftikus. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Paul heckt er ständig Streiche aus und nimmt, trotz der Emigration und der Luftangriffe auf London, wo sie nun wohnen, das Leben leicht. Das ändert sich erst sukzessive, als er und Paul in eine Militäreinheit der Briten eintreten, die speziell für deutsche Emigranten vorgesehen ist – denen die Briten noch nicht so recht vertrauen. In seiner Funktion gehört Hanns zu denjenigen, die das Konzentrationslager Belsen befreien – ein einschneidendes Erlebnis, das ihn stark verändert. Von nun an verfolgt er die geflüchteten Nazigrößen und wird schließlich ausdrücklich auf Rudolf Höss angesetzt.

Der Schreibstil von Thomas Harding ist gut und flüssig lesbar, die Schilderungen sind anschaulich und lebendig. An manchen Stellen ist das Buch jedoch fast ein bisschen zu detailliert, sind die Erzählschritte etwas kleinteilig. So kommt dann das eigentlich wichtige, das spannende erst nach mehr als 200 Seiten. Dieser Teil, in welchem Hanns die Spur von Rudolf Höss verfolgt, die Verhaftung und die Anklage geschildert wird, dieser Teil ist so spannend wie ein Thriller. Umso überraschender, dass Hanns Alexander Zeit seines Lebens nicht über diese Dinge sprach, so dass, wie oben erwähnt, seine Nachkommen davon nichts wussten.

Am Ende des Buches gibt es noch sehr lesenswerte Anhänge, so z.B. einen Bericht über ein Treffen mit der Tochter von Rudolf Höss oder den Besuch in Ausschwitz zusammen mit der Schwiegertochter und dem Enkel von Höss.

Ein Manko ist, dass die vielen Anmerkungen, die ebenfalls im Anhang sind, lediglich mit einer Seitenzahl versehen sind, auf der jeweiligen Seite sich aber keinerlei Hinweis darauf findet. So entdeckt man die durchaus interessanten Zusatzinformationen erst nach der Lektüre. Schade.

Insgesamt ein wirklich lesenswertes und fesselndes Buch um zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Thomas Harding - Hanns und Rudolf
aus dem Englischen von Michael Schwelien
Jacoby & Stuart, Februar 2024
 Gebundene Ausgabe, 408 Seiten,  24,00 €

Cover des Buches Aller-Rache (ISBN: 9783000779152)

Bewertung zu "Aller-Rache" von Reimann Bettina

Aller-Rache
RenaMvor 16 Tagen
Kurzmeinung: Das Familien-Ermittlerteam ist wieder aktiv – flotter Krimi aus Niedersachsen
Bettina Reimann - Aller-Rache

Da sind sie wieder unterwegs, die drei Generationen der Familie Blume-Kamphusen: Der ehemalige Kommissar Carsten, seine Tochter Anna, die Hotelbesitzerin und Flora, deren Tochter, ihres Zeichens Bloggerin.

Diesmal bekommen sie es mit einer merkwürdigen Mordserie zu tun. Jemand tötet Menschen, um einen Ex-Richter dazu zu bewegen, Selbstmord zu begehen. So lauten jedenfalls die Botschaften, die jeweils bei den Leichen gefunden werden.

Auf den ersten Blick findet sich keine Verbindung zwischen den Getöteten oder von ihnen zu diesem Richter. Um ihn zu schützen, wird er vorübergehend im Hotel der Kamphusens untergebracht. Nur leider ist Richter Hager kein Menschenfreund, im Gegenteil, seine Besessenheit, jeden Fehltritt geahndet sehen zu wollen, hat es ihm mit jedem und jeder in seiner Nachbarschaft verdorben. Was natürlich zu vielen möglichen Verdächtigen führt.

Die zuständige Polizei ist völlig unterbesetzt und so lässt die ermittelnde Kommissarin Heinecke es zu, dass sich die privaten Familiendetektive wieder vehement einmischen. Dies ist für mich der leider ziemlich unrealistische Teil dieser wirklich guten und sehr unterhaltsamen Krimireihe von Bettina Reimann. Ich kann es mir nun mal kaum vorstellen, dass so etwas in Wirklichkeit geschieht. Ein Ex-Kommissar wird vielleicht noch zur Beratung hinzugezogen, aber eine Bloggerin, die ausgerechnet einen Blog über Kriminalfälle betreibt? Aber das bremst die Freude und den Spaß beim Lesen ebenso wenig wie die Spannung, die die Autorin jedes Mal geschickt aufbaut.

Da gibt es keinen unwichtigen, unnötig ablenkenden Nebenstrang, da gibt es gut ausgearbeitete Figuren (nur der Wandel des misanthropischen Richters zum liebenswürdigen Menschenfreund ging mir dann doch etwas zu schnell vonstatten). Da gibt es falsche und authentische Spuren, die es schwer machen, zu erraten, wer der Täter ist. Auch wenn wieder einmal zwischendurch Szenen aus dessen Sicht eingeflochten sind, etwas, was ich eigentlich nicht gut leiden kann, weil es die Täteridentifizierung oft zu leicht macht für mich als Leserin. Aber das ist nun wirklich Geschmackssache.

So ist auch dieser dritte Band der Krimireihe wieder gelungen, trotz der erwähnten kleineren Mängel, und lässt durchaus auf weitere Fortsetzungen hoffen.

Bettina Reimann - Aller-Rache
be!media, März 2024
 Taschenbuch, 284 Seiten, 14,98 €

Cover des Buches Das Haus der Wiederkehr (ISBN: 9783499267932)

Bewertung zu "Das Haus der Wiederkehr" von Jojo Moyes

Das Haus der Wiederkehr
RenaMvor 19 Tagen
Kurzmeinung: Altmodischer und ziemlich kitschiger Roman um Frauenfreundschaften
Jojo Moyes - Das Haus der Wiederkehr

Zwei junge Frauen, die sehr unterschiedlich und dennoch befreundet sind, wollen denselben Mann. Kann ein Roman noch abgedroschener sein?

Ja, kann er. Denn eine der beiden, Lottie, verliebt sich tatsächlich auf den wirklich allerersten Blick in diesen Mann. Sie kennt ihn nicht, weiß nichts über ihn, aber ihre Liebe ist natürlich unsterblich. Doch er ist mit ihrer Freundin Celia, mit der sie zusammen aufgewachsen ist, verlobt. Wie soll es also weitergehen?

Zusätzliche Komplikationen entstehen durch die Bewohner eines ungewöhnlichen Hauses, die von den Einwohnern der Kleinstadt am Meer abgelehnt werden. Denn diese Menschen sind sogenannte Bohemien, Künstler, Freigeister, die sich an kaum eine Regel halten. Und vielleicht gerade deshalb besonders für Lottie, die ihren Freiheitswillen immer unterdrücken muss, von besonderen Interesse.

Schwangerschaften, Missverständnisse und weitere Verwicklungen ergeben sich, wie man sie aus Groschenheften oder aus den Romanen von Courths-Mahler kennt. Das Ganze zieht sich dann auch noch über mehrere Jahrzehnte hin, als besagtes Haus umgebaut werden soll und wieder mehrere Frauen im Mittelpunkt der Handlung stehen.

Mich hat dieser Roman eher gelangweilt, von Jojo Moyes bin ich anderes gewöhnt. Ihre Romane sind normalerweise voller Leben, voller Spannung, voller Gefühl. Hier jedoch fehlte alles, nur vom Gefühl war es dann leider zu viel, zu viel Kitsch und zu viel Klischee.

Warum man diesen Roman, der schon vor vielen Jahren erschienen war, noch einmal aufgelegt hat, neu übersetzen ließ, ist mir nicht bekannt. Die vorige Fassung kenne ich nicht, kann also nicht vergleichen, worin sie sich von der neuen unterscheidet.

Bei aller sprachlichen Vielfalt, die typisch ist für Jojo Moyes, bei aller Tiefe in der Figurenausarbeitung, dieses Buch hat mir dennoch enttäuscht. Trotzdem werde ich Fan weiterhin dieser Autorin bleiben. Es wäre vermessen zu erwarten, dass alle Romane einer Autorin immer gleich gut sind, immer gleich gut gefallen.

Jojo Moyes - Das Haus der Wiederkehr

aus dem Englischen von Karolina Fell

Rowohl Polaris, März 2024

Klappenbroschur, 494 Seiten, 18,00 €

 

Cover des Buches Sieben Tage einer Ehe (ISBN: 9783961611874)

Bewertung zu "Sieben Tage einer Ehe" von Mary Beth Keane

Sieben Tage einer Ehe
RenaMvor 23 Tagen
Kurzmeinung: Szenen einer Ehe: Emotionaler, aber etwas zäh erzählter Roman
Mary Beth Keane - Sieben Tage einer Ehe

Ein Ehepaar mit unerfülltem Kinderwunsch ist das Zentrale in diesem ruhig und einfühlsam geschriebenen Roman. Sprachlich reicht er an die früheren Werke der Autorin heran, dabei ist er jedoch irgendwie ein wenig leblos.

Malcolm, Barkeeper und damit in seinem Traumberuf tätig, hat sich vor einer Weile seinen größten Wunsch erfüllt und eine Bar als Eigentümer übernommen. Jess, überbeschäftigte Anwältin, wartet hingegen seit Jahren auf die Erfüllung ihres größten Wunsches, ein Kind.

Viele langwierige, bedrückende und vor allem teure Therapien und Behandlungen haben sie in den vergangenen Jahren über sich ergehen lassen. Für Malcolm ist dieses Thema nun inzwischen irgendwie erledigt, für Jess jedoch nicht. Doch in ihren Berufen suchen beide Ausgleich, auch Ablenkung von den wachsenden Problemen in ihrer Ehe, von der Tatsache, dass sie sich auseinanderleben, dass sie nicht mehr alles miteinander teilen, nicht mehr über alles miteinander sprechen.

Und so ist Jess irgendwann gegangen, hat ihn verlassen, zurückgelassen. Vier Monate ist das jetzt her und nun erst erfährt Malcolm von guten Freunden, dass Jess offenbar einen anderen Mann hat. Passend zu seinem inneren Sturm zieht über der Stadt ein heftiger Schneesturm auf, der alles lahmlegt. Der Strom fällt aus, der Verkehr bricht zusammen. Zeit, sich den eigenen Gedanken zu stellen, Zeit, sich der Wahrheit zu stellen. Vielleicht auch Zeit, sich wieder zusammenzufinden?

Darum geht es in diesem langsam, langatmig, in vielen Rückblenden erzählten Roman. Man erfährt die Geschichte des Paares mal aus Sicht von Malcolm, mal aus der von Jess. Die Rückblenden sind oft verwirrend plötzlich, der Wechsel vom aktuellen Geschehen zum Blick in die Vergangenheit  nicht immer sofort erkennbar.

Dabei gelingt es Mary Beth Keane, wie auch schon in den von mir sehr gelobten vorigen Büchern, die Emotionen ihrer Figuren geradezu perfekt in Worte zu fassen. Wenn Malcolm weiß, dass er unter Hunderten das Knie von Jess erkennen würde, dann ist das ein wunderschönes Bild für die Liebe, die er uneingeschränkt für sie empfindet. Die Autorin drückt dabei nie zu stark auf die Emotionen, bleibt immer nah an der Figur, ohne ihr zu sehr auf den Leib zu rücken. Ein sprachlich vollauf gelungener Roman voller prägnanter Bilder, auch für die Schilderungen des dramatischen Wetters.

Und doch hat mich dieser Roman nicht so recht erreicht. Die Geschichte von Malcolm und Jess war vielleicht schlicht zu alltäglich, um für eine ganze Romanhandlung zu reichen.

Mary Beth Keane - Sieben Tage einer Ehe
aus dem Amerikanischen von Heike Reissig
Eisele, Februar 2024
 Gebundene Ausgabe, 336 Seiten,  24,00 €

Cover des Buches Morden in der Menopause (ISBN: 9783832168285)

Bewertung zu "Morden in der Menopause" von Tine Dreyer

Morden in der Menopause
RenaMvor einem Monat
Kurzmeinung: Absurder, temporeicher und makabrer Spaß
Tine Dreyer - Morden in der Menopause

Dieser Roman ist eher nichts für Männer. Ich kann mir weder vorstellen, dass sie mit der Protagonistin mitfühlen noch, dass sie über ihre Aktivitäten wirklich lachen können. Und lachen muss man bei dieser witzigen Geschichte immer wieder.

Erst ist es die Pubertät und später dann die Wechseljahre, die Frauen ertragen und überstehen müssen. Ohne dass sie dem entkommen oder dass sie Verständnis oder Rücksicht erfahren, wenn sie in dem jeweiligen Zustand sind. Besonders krass wird es dann, wenn beides zusammentrifft in Form von pubertierenden Kindern, während die Mutter mit Hitzewallungen, Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat.

Hier nun, im Leben der Küchenplanerin und dreifachen Mutter Liv, geschieht genau das. Alle drei Kinder befinden sich in verschiedenen Stadien der Pubertät und sie selbst tritt gerade in die Menopause ein. Da passiert es, dass ihr ältester Sohn an einen Drogendealer gerät. Natürlich will Liv ihren Sohn aus solchen Geschäften heraushalten, doch ihr Eingreifen bekommt besagtem Drogendealer schlecht.

Nun hat Liv nicht nur ihre körperlichen Unwägbarkeiten zu bekämpfen, sondern auch noch eine Leiche an der Backe. Um diese erstmal zwischenzulagern, erwirb sie von jetzt auf gleich einen Schrebergarten. Doch der Tote hatte noch weitere Geschäfte, in die Liv nun nach und nach hineingezogen wird – was wiederum weitere Leichen nach sich zieht.

Während dieser Ereignisse muss Liv noch parallel ihre hochbetagten Schwiegereltern versorgen, den Schwiegervater von riskanten Wetten abhalten und eine extrem anspruchsvolle Kundin zufriedenstellen. In deren Neubau, wo Liv eine überaus schicke Küche einbauen soll, wimmelt es von Mäusen. Was dahinter steckt, stellt sich im Laufe der Zeit heraus, auch, wie nützlich eine betonierte Kücheninsel sein kann…

Das Ganze ist so flott, so voller Tempo, dass man völlig außer Atem gerät, das Buch andererseits aber auch nicht aus der Hand legen kann, weil sich ständig die Ereignisse überschlagen. Witzig auch Livs Besuch bei ihrer Gynäkologin, wo die Beiden dann ständig aneinander vorbei reden.

Zwischendurch wendet sich die Protagonistin immer wieder direkt an die Leserin, klagt über ihr Befinden, erklärt die biologischen und hormonellen Zusammenhänge, auch das immer mit einem Augenzwinkern.

Die Sprache, der Stil, die Figurengestaltung, all das ist Tine Dreyer, die hier unter Pseudonym schreibt, nahezu perfekt gelungen. Irgendwann wird es dann aber doch fast zu überdreht, zu absurd, ohne dass es dem Spaß und Humor schadet. Den Roman liest man ein einem Rutsch durch, er wird sicher nicht übermäßig im Gedächtnis bleiben, unterhalten hat er aber auf jeden Fall.

 Tine Dreyer - Morden in der Menopause
DuMont, März 2024
 Taschenbuch, 286 Seiten, 17,00 €

Über mich

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