Reni

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    Cover des Buches Das Schloss in den Wolken (ISBN:9783551560148)

    Bewertung zu "Das Schloss in den Wolken" von Lucy Maud Montgomery

    Das Schloss in den Wolken
    Renivor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Insgesamt eine (teils) amüsante Gesellschaftssatire in malerischer wie fabelhafter Kulisse Kanadas. Höchst empfehlenswert!
    Ein kanadischer Klassiker über gesellschaftliche Zwänge und weibliche Selbstbestimmung

    Dies ist mein erster Roman der kanadischen Autorin Lucy Maud Montgomery, die mir zuvor unbekannt war. Dabei lächelte mich Montgomerys erfolgreiche Buchreihe um „Anne auf Green Gables“ des Öfteren bei Netflix an – verfilmt als Serie (aktuell zwei Staffeln) unter dem Titel „ANNE WITH AN E“. Umso verwunderlicher ist es, dass die Übersetzung von „The Blue Castle“ (ein unabhängiger Einzelroman) lange auf sich warten ließ. Der kanadische Klassiker aus dem Jahre 1926 erschien in Deutschland nämlich erstmals 2015 beim Königskinder Verlag (ein ehemaliges Imprint des Carlsen Verlages), übersetzt von Nadine Püschel. Und das Ergebnis liest sich fabelhaft!

    Nun gut, anfangs könnte die Lesefreude leicht getrübt werden. Die 29-jährige Valancy Stirling badet nämlich im Selbstmitleid, indes für die wortreiche Vorstellung ihrer Familie viel Raum geboten wird. Dabei hat es die passionierte Leserin von Naturbüchern wahrlich nicht einfach. Als Frau ohne einen Mann an ihrer Seite ist sie ein schwarzes Schaf in der Gesellschaft. Nirgends ist ein Heiratskandidat in Sicht. Die Zahl an Freundinnen begrenzt sich ebenfalls auf null.

    Gegenwärtig könnte sich die unverstandene Protagonistin vielleicht Freunde über das Internet suchen oder ein Profil bei einer Dating-Plattform einrichten. In früheren Zeiten gestaltete sich das Ganze schon schwieriger. Vor allem, wenn eine Frau als weniger attraktiv eingestuft und mit fast dreißig Jahren als ‚Alte Jungfer‘ abgestempelt wurde. Single zu sein war eben nicht zu allen Zeiten im Trend und feministische Selbstbestimmtheit keine Selbstverständlichkeit. Wobei das auch heute leider nicht überall auf der Welt gilt. Da darf man schon mal träumen. Wie Valancy, die in ihrem Blauen Schloss dem Eskapismus frönt, nichtsahnend, dass eine verstörende Botschaft sie genau dort hinführen wird. Wobei die Autorin hier geschickt mit vorausblickenden Andeutungen zu spielen weiß, was neugierig macht.

    Bis Valancy ihre Metamorphose einleitet, begleitet der Leser sie aber erst einmal durch den tristen Familienalltag, bestehend aus häuslicher Ordnung und familiären Boshaftigkeiten, die mit ausufernden Vergleichen der wunderschönen Cousine Olive unterstrichen werden. Geschmackssache! Lichtblicke bilden die poetischen Buch-im-Buch-Auszüge von Valancys Lieblingsautor John Forster, der sie mit Sätzen wie „Nahezu alle Übel auf der Welt gehen darauf zurück, dass jemand vor etwas Angst hat.“ aus der Komfortzone lockt und überdies den heutigen Zeitgeist trifft. Von nun an geht es stetig bergauf. Valancy blüht stückweise auf und ist zu Entscheidungen und Veränderungen im Stande, die auf den ersten Seiten undenkbar erschienen. Das Mitzuerleben machte mir, im Gegensatz zu der plötzlich entsetzten Familie Stirling, unheimlich Spaß. Zumal die Autorin zuweilen die Perspektive ändert und Einblicke in die Gedanken und Gespräche der übrigen Verwandtschaft gewährt.

    Am Ende ergibt sich daraus eine amüsante Gesellschaftssatire, die aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig überholt daherkommt, zur damaligen Zeit jedoch passt und irgendwie schon wieder zeitgemäß ist. Eine zarte Liebesgeschichte wird ebenfalls geboten. Diese ist in den Grundzügen zwar vorhersehbar (die Hinweise sind einfach zu eindeutig), dadurch aber nicht minder lesenswert. Hier zahlt sich aus, dass Lucy Maud Montgomery ein bildhaftes Auge für Details hat und die Figuren aneinander wachsen lässt. Romantik kommt an zweiter Stelle! Stattdessen rückt die Liebe zur Natur in den Vordergrund. Gemeinsam mit Valancy darf der Leser märchenhaft inszenierte Ausflüge in den Wäldern Kanadas genießen, die ein Gefühl von Freiheit und Zwanglosigkeit verströmen. Gleiches gilt für die Freundschaft zwischen Valancy und einem unangepassten Outsider, die auf Respekt und Freiräumen füreinander aufbaut. Da erscheint es völlig nebensächlich, dass im letzten Akt ein Unwetter heraufbeschworen wird, das man schon lange am Himmel hat aufziehen sehen. 

    Zitat aus Seite 223: Sie ließen das Reich des Alltäglichen und Altbekannten hinter sich und landeten im Reich des Geheimnisvollen und Verwunschenen, wo alles geschehen und alles wahr sein konnte...

    Fazit:

    Ein kanadischer Klassiker über gesellschaftliche Zwänge und weibliche Selbstbestimmung. Insgesamt eine (teils) amüsante Gesellschaftssatire in malerischer wie fabelhafter Kulisse Kanadas. Höchst empfehlenswert!

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    Cover des Buches Offline ist es nass, wenn's regnet (ISBN:9783743203778)

    Bewertung zu "Offline ist es nass, wenn's regnet" von Jessi Kirby

    Offline ist es nass, wenn's regnet
    Renivor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein lesenswertes Offline-Abenteuer mit emotionalen Höhen und Tiefen.
    Selbstoptimierung trifft auf Selbstfindung

    Auf der Homepage des Loewe Verlages wird das inzwischen sechste Jugendbuch von Jessi Kirby als "Digital-Detox"-Roman vermarktet. Doch wie es für Romane von Jessi Kirby nicht unüblich ist, spielen, neben der digitalen Entgiftung in "Offline ist es nass, wenn's regnet", natürlich auch Themen wie Trauer und Verlustbewältigung eine gewichtige Rolle – obwohl der Roman diesbezüglich ursprünglich anders geplant war, wie die Autorin in ihrer bewegenden Danksagung mitteilt.

    Was ich erstaunlich fand: Obwohl die 18-jährige Mari anfangs auf Selbstoptimierung gepolt ist und ihr Social Media Leben auf Perfektion und Trugbildern aufbaut, war sie mir nie unsympathisch. Man merkt eigentlich schnell, dass die geschäftige YouTuberin an ihrer bisherigen Lebensweise zu Zweifeln beginnt und nur noch den richtigen Anstoß für eine Veränderung benötigt. Einerseits fand ich es interessant zu lesen, wie anstrengend ein Leben als Influencerin sein kann, zumindest wenn es – wie in Maris Fall – stets um das perfekte (retuschierte) Foto oder die gegenwärtige Anzahl an Followern geht. Andererseits steht von Beginn an die Entfremdung zwischen Mari und ihrer einst besten Freundin/Cousine Bri im Fokus der Geschichte. Somit ist die innere Zerrissenheit der Ich-Erzählerin bereits ab der ersten Seite präsent. Überdies beginnt sie, sich selbst zu hinterfragen und einen radikalen Entschluss zu fassen, der übertrieben anmutet, in Bezug auf die Folgereaktionen aber gar nicht mal unrealistisch erscheint und das darauffolgende Offline-Abenteuer ins Rollen bringt.

    Das Thema Selbstdarstellung im Netz finde ich in dieser Hinsicht gelungen umgesetzt, da es zum Nachdenken und Hinterfragen des eigenen Onlineverhaltens anregen kann. Wobei ich jetzt nicht annehme, dass Mari die Realität aller Influencer wiederspiegelt. Und wenn doch, finden sich hier gute Tipps für eine "Digital Detox"-Kur nebst Selbstfindungstrip. Und dieser ist kein Spaziergang! Denn Mari begibt sich spontan in den Yosemite Nationalpark, um für ihre Cousine posthum ein Stück des John Muir Trails zu laufen, der sich auf gute 211 Meilen erstreckt. Das sie unterdessen an der eigenen Fake-Persönlichkeit und dem Spontantrip zu (ver-)zweifeln beginnt, ist in der Einsamkeit der Berge natürlich verständlich und gehört zum Reifeprozess dazu. Obgleich sie bis kurz vor Schluss immer wieder gerne die Beine in die Hand nimmt, wenn es zwischenmenschlich kriselt und erst lernen muss, Konflikten direkt ins Gesicht zu blicken. Das ist nicht immer ein Leservergnügen, passt aber zu Maris Entwicklung, die eben erst klärender Regenschauer und Naturgewalten bedarf – neben der einen oder anderen (gerne erwähnten) Ibuprofen Tablette gegen Gliederschmerzen.  

    Ermunterung kommt in Form von Tagebucheinträgen, die Bri vorab für diesen Trip niedergeschrieben hat und die Mari nun als Orientierungs- und Motivationsstütze dienen. Die dafür passend im Buch abgebildeten Illustrationen von Imke Sönnichsen bieten auch lesetechnisch Abwechslung und machen Bri sympathisch und spürbar, obwohl sie körperlich abwesend ist. Für mich ist Maris Cousine hier ohnehin der Motor, der die Geschichte über weite Strecken am Laufen hält und diesen Hike – vor allem emotional – unvergesslich macht. Natürlich kreuzen weitere Reisegefährten den Weg der mutigen Wanderin und es wird sogar Raum für eine kleine, dezent platzierte "Liebes"-Geschichte geboten. Ich persönlich fand die sporadisch herumflatternden Schmetterlinge im Bauch aber nicht notwendig und hätte mir vom Nebenpersonal mehr Ecken und Kanten gewünscht. Das ist jedoch Geschmackssache und machte für mich "Offline ist es nass, wenn's regnet" nicht weniger lesenswert.  

    Kurz gesagt:

    Offline muss man sich nicht unbedingt persönlich in den Regen begeben und sich über 211 Meilen durch Berge und Flüsse quälen. Die circa 331 Seiten von Jessi Kirbys sechstem Jugendroman bieten nämlich schon einen guten Grund, das Smartphone für eine Weile aus der Hand zu legen und sich für ein paar Stunden auf ein emotionales Offline-Abenteuer mit diversen Höhen und Tiefen einzulassen. Für mich stellte sich indes gar nicht erst die Frage: Aufgeben oder Weiterblättern? Weiterblättern!

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    Cover des Buches Die silberne Königin (ISBN:9783404208623)

    Bewertung zu "Die silberne Königin" von Katharina Seck

    Die silberne Königin
    Renivor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein gelungener Mix aus bekannten Märchenelementen und eigenständigen Ideen. Düster, atmosphärisch und (trotz reichlich Schnee) voller Wärme.
    Düster, atmosphärisch und (trotz reichlich Schnee) voller Wärme

    Ich muss gestehen, ich mag die kalte Jahreszeit nicht! Egal, ob Herbst oder Winter, es ist zu kalt, zu nass, zu dunkel. Doch etwas Schönes beinhalten die tristen Monate für mich trotzdem jedes Jahr. Denn die Herbst-/Winterzeit ist auch die Zeit, in der ich alljährlich Lust auf Märchen bekomme. Dieser Tage machte „Die silberne Königin“ von Katharina Seck für mich (als ungekürztes Hörbuch) den Anfang. Und ja, es wird Kapitelweise schon verflucht kalt und frostig, dennoch serviert die deutsche SERAPH-Literaturpreisträgerin (in der Kategorie „Bestes Buch“ 2017) ein atmosphärisch und kreativ durchdachtes Fantasy-Märchen, das trotz Kälteschock das Herz erwärmt.

    Atmosphärisch wird es direkt auf den ersten (Hörbuch-)Seiten, wenn der personale Erzähler den Leser in die Chocolaterie der Madame Weltfremd mitnimmt. Heimlich erzählt die Pralinenherstellerin dort den Bewohnern der eingeschneiten Talstadt Silberglanz eine sagenhafte Geschichte aus vergangenen Zeiten. Doch ist dies wirklich nur eine erfundene Geschichte oder steckt auch etwas Wahres in ihr? Die 24-jährige Mienenarbeiterin Emma soll es bald herausfinden, als die Madame beginnt, ihr die Geschichte um „Die silberne Königin“ zu erzählen. Kurz darauf ist in Emmas Leben schon nichts mehr wie es zuvor war. Nicht nur die köstlichen Pralinen der Chocolaterie wecken ihren (und des Lesers) Appetit auf mehr, auch der hartherzige König Casper macht neugierig. Sind er und seine Vorfahren etwa schuld daran, dass in Silberglanz seit Jahrzehnten ein nimmermüder Winter regiert?

    Über die Handlung soll an dieser Stelle natürlich nicht zu viel verraten werden. Ich denke aber, wer Geschichten wie „Die Schneekönigin“ oder „Märchen aus 1001 Nacht“ mag, dürfte auch an „Die silberne Königin“ gefallen finden. Katharina Seck verbindet in ihrem phantasievollen Märchen Elemente aus bekannten Werken, kreiert zugleich aber eine eigenständige Geschichte, die sich in ihren Grundzügen gewiss erahnen lässt, aber trotzdem noch zu überraschen vermag. Mir gefiel insbesondere der Mix zwischen der eigentlichen und der erzählten Geschichte in der Geschichte. Immerhin gibt diese Emma Rätsel auf und eröffnet ihr zugleich Lösungsansätze in dunklen Stunden.

    Emma ist eigentlich eine Heldin wie man sie in vielen Märchenerzählungen findet. Sie hat ein gutmütiges Herz, steht im Leben eher auf der Verliererseite und muss eine mühsame Prüfung bestehen, die ihr ein großes Opfer abverlangt. Katharina Seck nimmt sich zunächst den nötigen Raum, ihre Hauptfigur im alltäglichen Geschehen dem Leser näherzubringen, sodass in den ersten Kapiteln eher unterschwellig Spannung aufkommt, es infolge der beiden Erzählebenen aber dennoch nie uninteressant wird. Mit Betreten der sagenumwogenden Schlossmauern wird es dann umso gefährlicher und atemraubender. Der grausame und arrogant in Szene gesetzte König hat nämlich nichts Gutes im Sinn und verlangt der Heldin einiges an Willensstärke, Beharrlichkeit und Herzensgüte ab.

    Am Ende könnte man meinen Emma sei zu gut für ihre Welt. Doch im Sinne einer (und dieser) märchenhaften Erzählung erscheinen ihre Entscheidungen – nicht zuletzt aufgrund der Wendungen und Hintergrundgeschichte – plausibel und nachvollziehbar. Trotz bekannter Märchenelemente und Charaktereigenschaften hat die Autorin eine eisige Winterwelt erschaffen, in der die sich entwickelnden Figuren einem ans Herz wachsen (können) und die Liebe nicht zu einnehmend und klischeehaft beschrieben wird. Weniger ist manchmal mehr. Und das ist Katharina Seck hier in meinen Augen gut gelungen. Die ungekürzte Hörbuchfassung profitiert überdies durch die stimmig vielseitige und atmosphärisch rezitierte Lesung von Sabina Godec, die perfekt zu dem bildreichen wie ausdrucksstarken Schreibstil der Autorin passt. Ich fühlte mich zu jeder Sekunde gut unterhalten und verzaubert.

    Kurz gesagt:

    Dieses Wintermärchen macht Appetit auf Schokolade und serviert zugleich einen gelungenen Mix aus bekannten Märchenelementen und eigenständigen Ideen. Düster, atmosphärisch und (trotz reichlich Schnee) voller Wärme – vor allem in der Hörbuchversion, vorgelesen von Sabina Godec.

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    Cover des Buches Ab morgen wird alles anders (ISBN:9783446250499)

    Bewertung zu "Ab morgen wird alles anders" von Anna Gavalda

    Ab morgen wird alles anders
    Renivor 3 Jahren
    Fünf tiefsinnige Kurzgeschichten über Hoffnung, Verlust, Liebe und den ganz alltäglichen Wahnsinn

    Dies ist mein erstes Buch der französischen Autorin Anna Gavalda. Bisher habe ich nur die Verfilmung ihres Romans „Zusammen ist man weniger allein" mit Audrey Tautou gesehen, die ich sehr unterhaltsam fand. Bei "Ab morgen wird alles anders" handelt es sich um eine Sammlung von fünf kurzen Geschichten, die von Verlust, Liebe, Hoffnung oder dem ganz alltäglichen Wahnsinn/Leben nebst Schattenseiten erzählen. Dabei legt die Autorin den Fokus auf Figuren, denen man tatsächlich auf der Autobahn, in einem Café, auf einer Baustelle oder wo auch immer im Frankreich der Gegenwart über den Weg laufen könnte. Die Protagonisten wirken lebensnah, echt und wie vom Leben selbst gezeichnet. Mit mal sympathischen und weniger sympathischen Charaktereigenschaften, die die Figuren umso menschlicher erscheinen lassen.

    Da ist der LKW-Fahrer Jeannot in "Mein Hund wird sterben", der abermals ohnmächtig mit dem Thema Tod konfrontiert wird und folglich erneut vor den Trümmern seines Lebens steht. Durch die abwechselnden Gefühlseindrücke des Ich-Erzählers in der Gegenwart sowie Vergangenheit bekommt man einen guten Eindruck seiner Verzweiflung und Resignation geboten. Denn der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet nicht nur Schmerz, sondern, wie in dieser Geschichte einfühlsam nachempfunden, auch lebenseinschneidende Veränderungen für die Zurückgebliebenen.

    In "Mathilde" erlebt die gleichnamige Heldin ein höchst skurriles Abenteuer der Sorte 'Hochmut kommt vor dem Fall'. In fünf Akten lernt der Leser eine höchst eigenwillige Ich-Erzählerin kennen, die eingangs von Zynismus und Prahlerei geprägt ist. Bis die angebliche Kunststudentin einen großen Fehler begeht, folglich Bekanntschaft mit einem sonderlichen Zeitgenossen macht und sich plötzlich selbst ziemlich klein und unscheinbar vorkommt. Für mich eine der unterhaltsamsten Geschichten. Mathilde ist zwar kein einfaches Persönchen (manch Leser dürfte ihre taktlose Art ablehnen) und das Nebenpersonal ist (wie es sich für eine Kurzgeschichte gehört) sehr einfach gezeichnet, dennoch habe ich lange nicht mehr so herzlich gelacht beim Lesen eines Buches – angefangen von Mathildes ungewöhnlicher Berufswahl bis hin zum letzten Akt ihrer absolut nicht Hollywood liken Odyssee durch Frankreich. Erfrischend ist nicht nur der plötzliche Perspektivwechsel nach dem dritten Akt, sondern auch Mathildes ungeschönte Ausdrucksweise á la "Erbarmen, dachte ich, er ist nicht nur hässlich, er ist auch noch besoffen". Eine Geschichte, die man blöd finden oder lieben wird.

    In "Meine Kraftpunkte" muss sich ein dreifacher Vater und Gutachter mit unterschiedlichen Rissen auseinandersetzen. Ebenfalls eine lesenswerte Alltagsgeschichte, in welcher der Ich-Erzähler beruflich übel in der Klemme steckt, aufgrund seines logischen Sachverstandes aber privat doch stets gute Lösungen findet und am Ende neue Kraft sammelt. Hier findet die Autorin passende Metaphern und Vergleiche und beeindruckte mich vor allem mit der taktvollen Klärung eines wahrlich nicht einfachen Sachverhaltes in den respekteinflößenden Räumen einer Grundschule.

    In "Yann" geht der gleichnamige Protagonist in zwölf Minikapiteln seinen ganz eigenen Weg. Der (erfolglos) studierte Designer fühlt sich vom Leben und den gesellschaftlichen Zwängen verarscht. Der Mitzwanziger sieht in seinem Leben keinen richtigen Sinn, alles läuft so vor sich hin … bis er zwei Hausnachbarn näher kennenlernt und erkennt, was seinem Leben wirklich fehlt. Ebenfalls eine anregende Kurzgeschichte, wobei die typisch französische Begeisterung fürs Essen hier für meinen Geschmack zu ausufernd beschrieben wird und ich Yanns Geschichte bis zum letzten Drittel nur halb so spannend fand wie die von Mathilde. Die Handlung tritt streckenweise etwas auf der Stelle und ließ mich zuweilen in Gedanken abschweifen. Dennoch eine Geschichte mit Charakter und interessanten Ideen. Am Ende gefiel mir Yanns Konsequenz, auch wenn sie doch arg schuldzuweisend daherkommt, weil man eben nur seine Sicht der Dinge kennt. Dennoch erfährt man gleichzeitig mehr über Yann und sein Umfeld und bei ihm wird am nächsten Morgen wirklich alles anders.

    In "Minnesang" geht es um die 23-jährige Lulu, die in einer Tierhandlung arbeitet und spontan mit einer Freundin zu einer Party geht. Dort trifft sie auf einen Poeten, der sie zum Nachdenken bringt… Diese Geschichte gehört wie "Mein Hund wird sterben" und "Meine Kraftpunkte" zu den kurzlebigsten Geschichten. Dennoch konnte sie mich weniger überzeugen als die Vorgänger. Lulu ist in etwa mit Mathilde vergleichbar. Auch hier ist die Sprache/Denkweise eher vulgärer Natur (es wird eben kein Blatt vor den Mund genommen) und in Sachen Männer sowie im Allgemein haben beide ihr chaotisches/einsames Päckchen zu tragen. Der "Minnesang" liest sich flott weg und auch hier mochte ich die Moral der Geschichte (wie man so schön sagt). Doch durch die Kürze der Geschichte fand ich diesmal leider keinen richtigen Zugang zu der Figur. Überdies gleicht die Ich-Erzählweise für mich zu sehr der von Mathilde und Yann – als wären alle drei Charaktere (für mich) ein und dieselbe Person.

    Kurz gesagt:

    In fünf unterschiedlichen Kurzgeschichten ändert sich das Leben von fünf Franzosen, denen man in Paris/Frankreich gefühlt tatsächlich über den Weg laufen könnte. Anna Gavalda nimmt kein Blatt vor den Mund und zeigt die Schattenseiten des Lebens auf – mit mal sympathischen und weniger sympathischen Charakterzügen der Hauptfiguren (was umso echter wirkt). Und am Ende ist da doch immer ein Fünkchen Hoffnung auf ein "Ab morgen wird alles besser". Der zuweilen abschweifende, tiefsinnige und unverblümte Schreibstil der Autorin ist dann gewiss eine Geschmacksfrage.

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    Cover des Buches Einstein, Gott und meine Brüder: Biografie eines verwirrten Daseins. Oder: Wie ein Hintern mir die Welt erklärte (ISBN:9783737578523)

    Bewertung zu "Einstein, Gott und meine Brüder: Biografie eines verwirrten Daseins. Oder: Wie ein Hintern mir die Welt erklärte" von Harry Flatt-Heckert

    Einstein, Gott und meine Brüder: Biografie eines verwirrten Daseins. Oder: Wie ein Hintern mir die Welt erklärte
    Renivor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Eine tragisch-humorvolle Romanbiografie mit Lesesuchtfaktor
    Lustig, traurig und & ein Pageturner

    Vergangenes Wochenende war ich mit meiner Schwester auf der 1. Rügener Buchmesse in Prora unterwegs. Dort trafen wir u. a. auf den Autor Harry Flatt-Heckert, der eine Lesung zu diesem Buch gab und erzählte, dass er seinen Debütroman zu schreiben begonnen hat, als eine unschöne Steuerprüfung ins Haus stand, zu der er überhaupt keine Lust hatte. Entstanden ist eine tragisch-humorvolle Biografie mit Lesesuchtfaktor, die auch im Beititel nicht zu viel verspricht und sich im Grunde genommen wie ein Roman liest (deshalb steht auch Roman drauf). Das Erstlingswerk wurde dann spontan gekauft und im Eiltempo weggeschmökert. Denn was der Autor/Protagonist dieses Buches in seinem bisherigen Leben als "Ich glaube nicht an Gott"-Pastor alles erlebt hat und an privaten Schicksalsschlägen einstecken musste, ist in "Einstein, Gott & meine Brüder" zugleich unterhaltsam wie mitreißend nachzulesen.

    Im Roman geht es dann tatsächlich um Einstein, Gott und Harrys Brüder – und mit letzteren sind nicht nur die blutsverwandten Geschwister gemeint. Aber lest selbst!

    Harry ist schon eine coole Socke und ein Rebell, wie man bereits in den ersten Kapiteln erfährt. Deshalb wird aus dem Möchtegernphilosophen in den 80er Jahren auch notgedrungen ein Theologiestudent, der es Gott und der Kirche zeigen will. Blöd nur, dass es das Schicksal nicht immer gut mit Harry meint und ihn gerne eines Besseren belehrt. So soll er der Kirche länger erhalten bleiben, als eigentlich geplant. Er wird Pastor. Nicht, weil er will, sondern weil er muss. Der Grund dafür ist ziemlich ungerecht, soll an dieser Stelle (Spoilergefahr) aber nicht verraten werden. Doch der Optimist macht dennoch das Beste aus jeder Situation und feiert das Leben stets mit Rotwein, Zigaretten, ausgelassenen Partys, guten Freunden, seinen Brüdern, Frauen und später seiner großen Liebe. Mal geht es bergauf. Mal tief bergab.

    Und was hat das jetzt alles mit Einstein zu tun? Das zu erfahren ist durchaus ein Highlight des Romans und findet sich in dem Kapitel 'Ein Hintern namens Einstein und warum man Supernova auseinander schreibt'. Herrlich! Wer (wie Harry) die Relativitätstheorie bis dato nie kapiert hat, dürfte hier auf eine höchst lustige wie kreative Weise Erleuchtung finden. Aber Achtung, die Lachmuskeln werden stark beansprucht. Und genau das macht dieses Buch auch so besonders. Denn trotz der Schwere, die diese wahre Geschichte mich sich trägt (von Krebserkrankung, Schlaganfall bis hin zu Demenz sind einige Hiobsbotschaften in der Familie vertreten), bleibt der Humor nicht aus. Man merkt, dass der Autor ordentlich Spaß beim Schreiben hatte. Manche Momente werden durchaus überspitzt dargestellt, bringen aber eine erfrischende Leichtigkeit/Selbstironie mit sich. Das spiegelt sich auch in dem einfachen, lockeren wie bildreichen Schreibstil wieder. Etwa, wenn Harrys verzweifelte Situation (aufgrund von Liebeskummer) mit einem benutzten Geschirrhandtuch vergleichen wird oder der schwarze Rollkragenpullover zum Einsatz kommt. Am Ende ist es höchst bewundernswert mit welch optimistischer und versöhnlicher Einstellung Harry dem Leben weiterhin gegenübersteht. Chapeau!

    P. S. Die etwas eigenwillig eingebauten Kommentarfunktionen des Verfassers könnten für manchen Leser ebenso gewöhnungsbedürftig sein wie die ständigen "Wenn Sie dieses Buch nicht schon längst zur Seite gelegt haben…"-Anmerkungen, aber kreativ und witzig sind sie irgendwie schon. Oder?

    Kurz gesagt:

    Witzig, traurig und & ein Pageturner. Dieser biografische Roman ist nicht nur irrwitzig gut geschrieben, sondern auch eine Erleuchtung in Sachen Gott, Einstein & Harrys außergewöhnlichen Brüdern.

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    Cover des Buches Nacht aus Schatten und Saphiren: Einhorn-Geschichten (ISBN:B0713TND28)

    Bewertung zu "Nacht aus Schatten und Saphiren: Einhorn-Geschichten" von Kerstin Arbogast

    Nacht aus Schatten und Saphiren: Einhorn-Geschichten
    Renivor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Düster und märchenhaft. Hat mir wieder Lust auf weitere Fantasy-Geschichten im Stile von Nina Blazon - und nun Kerstin Arbogast - gemacht.
    Zwei von drei Geschichten hinterlassen nachhaltige Spuren in meinem Leseherzen (4,5 von 5 Sternen)

    Ich muss gestehen, eigentlich hatte ich "Nacht aus Schatten und Saphiren" nicht auf meinem Leseradar. Ich lese (Fairytale) Fantasy inzwischen immer seltener und wusste nicht recht, ob mich die dreifache Einhornpower wirklich packen kann. Doch als die Kurzgeschichtensammlung von Kerstin Arbogast kurzzeitig zum Nulltarif beim großen A-Händler angeboten wurde und ich deshalb spontan einen Blick in die Leseprobe geworfen habe, gab ich mir einen spontanen Leseruck. Zumal ich von dem Debütroman der deutschen Autorin – trotz kleiner Schatten in meinem Leseherzen – damals recht angetan war.

    Kommen wir gleich zu der ersten Kurzgeschichte, die die gleiche Überschrift trägt wie der Buchtitel selbst, nämlich "Nacht aus Schatten und Saphiren". Hier geht es von Beginn an höchst spannungsgeladen zur Sache. Der Leser wird direkt in ein düsteres London katapultiert, das von schattenhaften Wesen heimgesucht wird und in welchem die Ich-Erzählerin Lizzy buchstäblich um ihr Seelenheil bangen muss. Die Handlung spielt wohl zu Zeiten von Jack the Ripper, wobei die Geschichte neben dem historischen Setting auch eine gewisse Endzeitstimmung aufweist und vom Genre her somit nicht eindeutig einzuordnen ist. Immerhin kommen auch die phantastischen Elemente nicht zu kurz. Das hier früher oder später ein Einhorn auftauchen wird, ist wohl kein Geheimnis…

    DIE ERSTE GESCHICHTE fand ich gut und spannend, komplett abholen konnte sie mich aber nicht. Das liegt jedoch eher daran, dass ich von Geschichten dieser Art (ich will über die bedrohlichen Wesen nicht zu viel verraten) in der Vergangenheit einfach zu viele gelesen bzw. (als Film oder Serie) gesehen habe und somit manch Déjà-vu-Erlebnisse verspürte – dafür kann die Autorin natürlich nichts. Zudem wurden manche Spannungsmomente für meinen Geschmack einfach zu ausufernd geschildert, sodass die Handlung dadurch (in einigen durchaus nervenaufreibenden Szenen) etwas auf der Stelle tritt. Etwa, wenn in einem dramatischen Rettungsmoment zu viel nachgedacht und gezögert wird. Zudem sind die Hauptfiguren nicht unüblich für einen Fantasy-Jugendroman, sodass sich eine eher junge Zielgruppe angesprochen fühlen dürfte. Man erfährt eher häppchenweise etwas über die Figuren und deren Schicksale, doch da es sich um eine Kurzgeschichte handelt, empfand ich die eingestreuten Hintergrundinformationen als völlig ausreichend. Im Ganzen entpuppte sich "Nacht aus Schatten und Saphiren" doch noch zu einem Pageturner für mich. Ich wollte stets wissen, wo die kurze Reise enden wird und empfand gerade das Einhorn-Element als sehr kreativ herausgearbeitet. Das Londoner Setting wird ebenfalls sehr gut eingefangen und stimmungsvoll in die Geschichte integriert. Überdies gefällt mir die Botschaft am Ende. Das macht 3,5 von 5 Sternen für "Nacht aus Schatten und Saphiren".

    DIE ZWEITE GESCHICHTE "Das kalte Herz der Sterne" fand ich hingegen rundum gelungen. Hierbei handelt es sich um eine Art Fantasymärchen, in dem die Figuren bereits große Opfer auf sich nehmen mussten. Der Leser wird direkt ins Geschehen um einen Fluch hineingeworfen, weiß aber anfangs erst einmal nicht, was es damit genau auf sich hat. Die Ich-Erzählerin bleibt in den Schilderungen um ihren Gemütszustand erst einmal vage und beobachtet das Geschehen um ihre Rettung selbst aus der Ferne. Folglich setzen sich die einzelnen Puzzlestücke um diese doch tragische Liebesgeschichte für den Leser peu á peu zusammen, was der Story anfangs etwas Geheimnisvolles verleiht. Spannend! Hier mochte ich am meisten, dass der Held zwar auf einem " Pferd" angeritten kommt, die Verfluchte ihr Schicksal aber letztlich selbst in der Hand und eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen hat. Dadurch wirkt die Geschichte authentischer und die Charaktere (trotz der wenigen Seiten) um einiges vielschichtiger. Zwar taucht auch hier ein Einhorn auf, doch es bleibt – wie in der ersten Geschichte auch – eher ein angenehmer Gefährte in dunklen Zeiten. Überdies finden sich in "Das kalte Herz der Sterne" viele schöne Vergleiche und Formulierungen, die die verzweifelte wie bedrohliche Stimmung gut einfangen. Deshalb gibt es für "Das kalte Herz der Sterne" 5 von 5 Sternen.

    Auch DIE DRITTE GESCHICHTE mit dem Titel "Jagdherz" ist sehr märchenhaft. Auf den letzten Seiten weiß man sofort welches bekannte und bereits oftmals neu interpretierte/verfilmte Märchen hier als Inspirationsquelle diente. "Jagdherz" bietet sozusagen eine etwas andere Vorgeschichte zu eben diesem Märchen und erinnert eher an das Original als an die Disney-Variante. Ich persönlich musste beim Lesen an die Verfilmung von Christophe Gans denken und hatte sogleich die passenden Bilder im Kopf. Allerdings möchte ich auch nicht zu viel verraten. Denn selbst lesen lohnt sich! In "Jagdherz" geht es, wie der Titel bereits verrät, um die Jagd. Anfangs war ich kurz verwirrt, weil ich den Ich-Erzähler zunächst für eine Frau gehalten habe. Der Name Aurel brachte mich ebenfalls nicht von dieser Vermutung ab, doch plötzlich machte es doch Klick und ich fand den Perspektivwechsel sogar erfrischend.

    Ins Frankreich von anno dazumal katapultiert, verströmt auch die dritte Geschichte eine schaurige Atmosphäre. Der Hauptprotagonist erinnerte mich sogar ein wenig an die männliche Hauptfigur aus Kerstin Arbogasts Debütroman "Im Schatten deines Herzens". Auch hier ist der "Held" wie Besessen auf der Jagd nach einem phantastischen Geschöpf und bekommt am Ende nicht unbedingt das, was er sich so sehnlichst erhofft hat. Ich finde es immer faszinierend, wenn sich eine Figur nicht in eine Schublade pressen lässt und einen eher ungeschliffenen Charakter aufweist. Auch bei "Jagdherz" wirkte der ausdrucksstarke Schreibstil der Autorin wie Magie auf mich. Ich habe jedes Wort förmlich aufgesogen, wobei mein Herz nicht minder pochte wie das der Hauptfigur selbst. Am Ende war ich fast traurig, dass es sich hierbei nicht um eine Neuinterpretation in Romanform handelt. Ich hätte gerne stundenlang weitergelesen. "Jagdherz" bekommt ergo ebenfalls 5 von 5 Sternen.

    Kurz gesagt:

    Ich bin positiv überrascht! Obwohl mich die dreifache Einhorn-Thematik zunächst vom Lesen abgehalten hat, bin ich nun froh, doch einen Blick riskiert zu haben. Aufgrund der Kurzbeschreibung hatte ich einen komplett anderen (vielmehr rosarot gefärbten) Eindruck von dem, was mich am Ende dann tatsächlich erwarten sollte. Schlussendlich haben mir vor allem die märchenhaften wie düsteren Kurzgeschichten "Das kalte Herz der Sterne" und "Jagdherz" wieder mehr Lust auf (Fairytale) Fantasy-Geschichten im Stile von Nina Blazon (und nun Kerstin Arbogast) gemacht. Ich hoffe, bald mal einen kompletten High-Fantasy-Roman der Autorin lesen zu können. Insgesamt vergebe ich 4,5 von 5 Sternen für das komplette Buch.

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    Cover des Buches Boulder Lovestories - Märchenzauber (ISBN:9783426215180)

    Bewertung zu "Boulder Lovestories - Märchenzauber" von Mila Brenner

    Boulder Lovestories - Märchenzauber
    Renivor 4 Jahren
    Eine bezaubernde und kurzweilige Lovestory im modernen "Cinderella"-Style, 3,5 Sterne

    Aktuell scheint es stark in Mode zu sein, dass LiteraturbloggerInnen von der Kritik zum eigenen Schreibprojekt gelangen und ergo selbst zum Romanautor mutieren. Da reichen sich Skepsis, Neugierde und Begeisterung (und manchmal leider auch Enttäuschung) gerne mal die Hände – nun ja, zumindest in meinem Fall! Aufgrund des bezaubernden Covers und der märchenhaften Kurzbeschreibung kam ich dennoch nicht umhin, spontan einen genauen Blick in Mila Brenners selbstverlegten "Märchenzauber" zu werfen, und mich entsprechend von der ersten "Boulder Lovestory" beglücken zu lassen. Als Happy End eröffnete sich mir schließlich eine kurzweilige, süße und plottechnisch überraschende Liebesgeschichte, die für mich zwar kein tiefgreifendes Buchhighlight darstellt, mich aber bis weit nach Mitternacht sehr gut unterhalten und verzaubern konnte.

    Anhand von Buchtitel/Cover dürfte eigentlich klar sein, was den Leser hier erwartet: Eine romantische Geschichte mit verträumt-blumigen Zügen. Genauer gesagt lässt "Cinderella" grüßen und zwar in Form der 25-jährigen Rina Landon - eine workaholisierte Blumenladenbesitzern, die den Glauben an das Happy End nicht verliert, obwohl sie aufgrund der Familienhistorie und baldigen Erlebnissen in Sachen Prinz Charming eigentlich allen Grund dazu hätte.

    Was mir besonders gefiel: Obwohl die blumige Optik eine kitschige Geschichte vermuten lässt, ist dies glücklicherweise nicht der Fall. Zwar zieht Mila Brenner (Pseudonym) einige Parallelen zu oben erwähntem Märchen, was sich nicht zuletzt in etlichen Kapitelüberschriften á la "Cinderella geht zum Ball" wiederspiegelt, dennoch beschreitet dieses moderne Märchen ganz eigene Handlungswege. Soll heißen: Die Inspirationsquelle ist unverkennbar. Nichtsdestotrotz bietet dieser "Märchenzauber" manch (für mich) ungeahnte Wendungen und befasst sich mit realitätsnahen Themen wie Alzheimer, Existenzängsten und der Tatsache, dass Liebe sich nicht immer in Form eines perfekt geformten Glaspantoffels präsentiert, sondern an manchen Stellen durchaus drücken und zwicken kann. Die real existierende, US-amerikanische Kleinstadt Boulder bietet diesbezüglich eine idylische Kullisse für gemütliche Lesestunden auf dem heimischen Sofa.

    Schnell ist man drin in der Story um Rina und ihren baldigen Retter in Nöten, Blair Somerled genannt, und das liegt nur zum Teil an dem einfachen, gradlinigen und angenehm unverkitschten Schreibstil. Denn auch die zarte Lovestory zwischen Rina und Blair breitet geschwind die Flügel aus. Was eigentlich kein Wunder ist, beschreibt sich Blair selbst doch mit folgenden Worten: "Ich bin ein direkter Mensch. Ich halte nicht viel davon, Spielchen zu spielen."...Nun, das tut er wahrlich nicht (sehr gut!), wenngleich nicht von Beginn an alle Karten auf den Tisch gelegt werden. Und so präsentiert sich dem Leser alsbald die erste Schlafzimmerszene, die allerdings nichts mit manch (plumpen) Erotikschmöker der heutigen Zeit zu tun hat, sondern charmant zum Ausdruck kommt.

    Dennoch führte die darauffolgende, schnelle Kennenlernphase (trotz schöner und süßer Momente/Dates) dazu, dass die Magie des eBooks nicht komplett auf mich überspringen wollte und "Märchenzauber" für mich folglich ein schönes, aber doch kurzweiliges Leseerlebnis bleiben wird. Denn somit konnten mich die bald aufkommenden Konflikte, bezüglich Blairs Geheimnis um den in der Inhaltsangabe erwähnten Blumenstrauß, nicht 100%ig überzeugen. Was wiederum an der Charakterzeichnung liegt.

    Rina und Blair sind sympathische Charaktere, ausgestattet mit Sorgen aus Vergangenheit und Gegenwart, sodass eine harmonische Balance zwischen romantischen Gefühlen und realitätsnahen Problemen entsteht. Beide sind für meinen Geschmack aber einen Ticken zu perfekt/glatt gezeichnet. Gerade bei Rina hätte ich aufgrund des Elternhauses ein wenig mehr emotionale Tiefe/Reaktion erwartet, wenn sie im Handlungsverlauf auf ganz ähnliche Wiederstände trifft und einiges an Geduld aufbringen muss. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Rina ist eine Ich-Erzählerin, die sich rasch ins Herz schließen lässt und die von der ersten bis zur letzten Seite eine sichtbare Wandlung durchmacht – begonnen bei ihrer fassbaren Hingabe für das geerbte Fiori Flowers bis hin zur angekratzten Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Rubye. Mir fehlten allerdings ein bisschen mehr Dramatik, Zweifel und eben Emotionalität. Rinas Verständnis und ihr Glaube an das Gute sind bemerkenswert und eben diese Eigenschaften machen ihren Charakter aus … und so liebenswert. Ein paar mehr Ecken und Kanten (in diesem Fall sogar sehr nachvollziehbare "Fehler") hätten diese Geschichte für mich allerdings noch tiefgehender und unvergesslicher gemacht. Und nun ja, Blair, der ist wahrlich ein Prinz Charming. Seine direkte Art ist erfrischend und irgendwie erinnert er an den im Roman erwähnten Serien-Prinzen. Auch er war mir stellenweise zu Charming (Geschmackssache!), aufgrund seiner Hintergrundgeschichte findet man in ihm jedoch einen interessanten Love Interesst der unperfekt perfekten Art.

    Kurz gesagt:

    Die Literaturbloggerin ("Lillys Corner") und Self-Publisherin Mila Brenner liefert mit "Märchenzauber" eine süße, bezaubernde und kurzweilige Liebesgeschichte im modernen "Cinderella"-Style ab. Für mich nicht unbedingt ein Liebes-Feuerwerk der ganz besonderen Art, aber ein zart knisterndes (Lese-)Rendezvous bei Kerzenschein und wunderschöner Tischdeko, das anders ist, als aufgrund der Optik und Märchenthematik erwartet – positiv anders! Weitere Bände der Boulder-Lovestorys sind somit herzlich willkommen!

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    Cover des Buches Im Schatten deines Herzens (ISBN:9783959910774)

    Bewertung zu "Im Schatten deines Herzens" von Kerstin Arbogast

    Im Schatten deines Herzens
    Renivor 4 Jahren
    Eine fabelhafte Geschichte mit Schatten, die dennoch mein Herz berührte

    Düster, märchenhaft und atmosphärisch. Mit dieser gelungenen Mischung konnte mich Kerstin Arbogast Debütroman "Im Schatten deines Herzens" im vergangenen Wintermonat – nebst kleiner Schatten in meinem Leserherzen – nachhaltig verzaubern. Im realen Leben eigentlich keine Pferdnärrin (hin und wieder schaue ich aber gerne Serien wie "Heartland: Paradies für Pferde"), zog mich die Geschichte um eine wilde Stute, einen besessenen Zirkusjungen und eine schüchterne Büchernärrin dennoch rasch ins Reich märchenhafter Begegnungen und unerreichter Idealvorstellungen.

    Die Geschichte wird abwechselnd aus drei Ich-Perspektiven erzählt, von denen mich insbesondere der Stuntreiter Jarosch Ullmann faszinierte. In Gedanken getrieben von einem Wildpferd, dass er in seiner Kindheit in Rumänien erblickte, macht er in der Gegenwart nun Jagd auf das für ihn einzigartige Geschöpf. Zur Seite stehen ihm dabei seine Brüder Adam und Matti. Bereits während der Jagd werden Jarosch wahre Beweggründe nur allzu deutlich. Der mittlere Ullmann-Bruder ist nämlich nicht nur der ewige Co-Star in der elterlichen Stuntreitershow, auch in der Vergangenheit musste er einige Rückschläge einstecken. Die Kunst dabei: Obwohl Jarosch eine dunkle Seite hat, die sich in späteren Rückblenden der eingeleiteten Jagd immer gravierender manifestiert, mochte ich ihn. Schließlich gelingt es der Autorin, ihm eine plausible Hintergrundgeschichte zu verpassen und aus ihm einen vom Leben gebeutelten Charakter mit Tiefgang sowie Ecken und Kanten zu formen. Seine widersprüchlichen Gefühle dem Wildpferd gegenüber werden gut ins Bild gesetzt und sorgen für eine stets unterschwellige Spannung sowie eine breite Gefühlspallette – über Wut, Feingefühl und Resignation.

    Johanna Baumgartner bringt neben Jarosch die Leichtigkeit in die Geschichte. Ihr Faible für eine Vampirromanreihe sorgt eingangs für zuckende Mundwinkel und machte sie mir ebenfalls schnell symphytisch. Sie ist natürlich das genaue Gegenteil von Jarosch und verkörpert die Unschuld in Person, besitzt aber dennoch einen eigenen Dickschädel, den sie neben Jarosch im Stall auch braucht. Nichtsdestotrotz muss ich gestehen, dass sie für mich wie eine Ellie Sturm in der "Splitterherz"-Trilogie war. Ich hasste und ich liebte sie! Denn manchmal war sie mir doch ein bisschen zu anstrengend, wenn es um die Liebe und somit Jarosch Ullmann ging. Durch ein ewiges Hin und Her begann die Handlung im Mittelteil (für meinen Geschmack) ein wenig zu stagnieren, was für eine kleine Ernüchterung sorgte. Der eine oder andere Konflikt wird leider zu einfach/passiv gelöst und wenn zwei etwas introvertierte Menschen aufeinandertreffen, dann kann ein klärendes Gespräch schon mal zur Tortur werden. Manch Nebenfigur – vordergründig eine gewisse Sky – hätte (geht es nach mir) zudem ein bisschen mehr Profil gut vertragen, was sich durchaus positiv auf spätere Verdachtsmomente ausgewirkt hätte.

    Zum Glück bügelte das letzte Drittel einige Schwächen aus. Es wird sehr spannend, romantisch und atmosphärisch. Mein Leseerlebnis wurde noch einmal komplett auf den Kopf gestellt! Hier zeigt Kerstin Arbogast vor allem in den romantischen Momenten, dass sie gefühlvoll und anschaulich schreiben kann, ohne im Kitsch/Klischee zu versinken. Die Liebesgeschichte bekommt dadurch eine süße wie natürliche Note, indes Johanna und Jarosch sich nachvollziehbar weiterentwickeln.

    Ohnehin liegt die Stärke des Romans in der lebendigen wie atmosphärischen Sprache. Man riecht förmlich das Heu im Stall, fühlt die Angst der eingesperrten Stute und schaut (gedanklich) beeindruckt zu, wenn Jarosch auf einem Mittelalterfest seine Pferdestunts vollführt und Johanna folglich an alte Märchen erinnert. Man merkt einfach, dass Kerstin Arbogast mit der Pferdethematik vertraut ist und weiß, wovon sie schreibt – ohne den Leser oder Nichtpferdekenner zu überfordern/langweilen. Überdies finden sich viele, schöne Methapern und Vergleiche, wobei die 3. Perspektive recht poetische Formen annimmt und einen besonderen, phantastischen Part in die sonst bodenständige Geschichte bringt. Sogar der Buchtitel bekommt einen Sinn und macht ergo Sinn. Was soll ich sagen? Trotz dorniger Schatten und einigen Plotlängen sprang die Magie von "Im Schatten deines Herzens" schlussendlich auf mich über und ließ mich die letzte Seite mit einem zufriedenen Gefühl inhalieren, das weit über ein kurzweiliges Leseintermezzo hinausreicht.

    Kurz gesagt:

    "Im Schatten deines Herzens" war für mich ein Buch mit Schatten, das mir dennoch zu Herzen ging. In ihrem Debütroman erzählt Kerstin Arbogast eine vielseitige Geschichte über Liebe, Besessenheit und ein besonderes Wildpferd – humorvoll, düster, atmosphärisch und märchenhaft zu Papier gebracht. Trotz mancher Schwächen im (Neben-)Personal und einiger Plotlängen dürften sich Jugendliche und junge Erwachsene verzaubern lassen. Denn der Schreibstil der Autorin ist genauso besonders wie schlussendlich die Geschichte von Jarosch, Johanna und der Gejagten.

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    Cover des Buches Alice, wie Daniel sie sah (ISBN:9783426514092)

    Bewertung zu "Alice, wie Daniel sie sah" von Sarah Butler

    Alice, wie Daniel sie sah
    Renivor 6 Jahren
    Ein Gefühlskarussell aus bunt gedachten Worten und weitschweifenden Gedankengängen (2,5 Sterne)

    Auf diesen Roman habe ich mich vorab sehr gefreut! Gute Gründe: Das wunderschöne Buchcover, das einem auf Anhieb ein Gefühl von Freiheit vermittelt und die vielversprechende Inhaltsangabe, die ein kreativ ausgearbeitetes Vater-Tochter-Drama erahnen lässt. Dazu noch integriert in die Kulisse der sehenswerten englischen Hauptstadt London – wie man in der Danksagung später erfährt, eine Liebeserklärung an die achtjährige, damalige Wahlheimat der Autorin – versprach ich mir einen außergewöhnlichen wie innovativen Roman. Und tatsächlich! "Alice, wie Daniel sie sah" lässt sich in keine Schublade pressen und besticht durch eine ausgefallene Grundidee, konnte mich in seiner Gänze aber leider nur bedingt mitreißen.

    "Alice, wie Daniel sie sah" ist für mich ein Roman, bei dem man gewiss zwei Dinge braucht: Geduld und die richtige Stimmung. Denn an sich bietet Sarah Butler mit ihrem Debütroman eine Geschichte, die einem durchaus zu Herzen gehen kann und bei der nicht automatisch das Gefühl aufkommt, man habe das Alles schon einmal gelesen. Mit einem detaillierten wie ausdrucksstarken Schreibstil philosophiert die Autorin über das Leben und die Fehler, die man im Laufe der Zeit gemacht hat und zu bereuen beginnt. Aber auch über das Nach-vorne-blicken und die kleinen Wunder, die man mit wenigen Mitteln, Worten und Gesten erschaffen kann. Hier gefiel mir anfangs besonders die Idee, dass Daniel jedem Buchstaben eine Farbe zuordnet. Ebenso wie er Namen mit einer bestimmten Farbe in Einklang bringt – auch, wenn ich mit dem Konzept nicht 100%ig etwas anfangen konnte und sich das Ganze in der Theorie irgendwie schöner anhörte, als es in der Umsetzung dann tatsächlich der Fall war. Das liegt einfach daran, dass die Autorin den Sinn/die Entstehung dahinter nicht wirklich erläutert. Klappt man den vorderen Buchdeckel der Klappenbroschur auf, bekommt man diesbezüglich aber noch einmal eine gute Buchstaben-Farben-Übersicht geboten.

    Als Ich-Erzähler stehen zwei Menschen im Fokus, die einander fremd und doch so nah sind. Da ist zum einen Endzwanzigerin Alice, die nach einer langen Reise nach London zurückkehrt, um sich gemeinsam mit ihren ungleichen Schwestern von dem todkranken Vater zu verabschieden. Sofort merkt man, dass Alice sich seit dem frühen Tod der Mutter schon lange nicht mehr als ein Teil der Familie fühlt. Ihr Vater distanzierte sich allmählich von ihr und scheint etwas zu verbergen. Alice könnte man als das reiselustige, schwarze Schaf in der Familie bezeichnen. Trotzdessen sie viel in der Welt umherreist, scheint sie nie so wirklich anzukommen. Und auch in Sachen Liebe begehrt ihr Herz, was es nicht haben kann. Immer wieder drängen sich dann auch die Gedanken des obdachlosen Daniel in die Geschichte. Im Gegensatz zu Alice weiß Daniel um die Existenz seiner Tochter. Er stellt sich vor, was aus ihr geworden sein könnte und wie es wäre, sie einmal zu treffen. Schließlich findet er einen Weg, sich Alice auf eine besondere Weise mitzuteilen. Bis es jedoch soweit ist und die beiden sich begegnen, dauert es eine gefühlte Ewigkeit aus bunt gedachten Worten und weitschweifenden Gedankengängen, die sich wunderschön lesen, aber scheinbar endlos um die Geschichte kreisen, wie das berühmte Riesenrad von London, das munter seine Runden dreht.

    Für mich wurde "Alice, wie Daniel sie sah" somit leider schnell zu einer gefühlten Never-Ending-Story, sodass ich mich regelrecht zum Weiterlesen motivieren musste. Das lag nicht zuletzt an den einzelnen Charakteren, zu denen ich ich eine gewisse Distanz verspürte. Hier war vor allem Alice für mich nicht immer greifbar und es brauchte, bis ich mit ihrer teils ausweichenden und (für mich) unnahbaren Art einigermaßen warm wurde. Zudem fühlte ich mich durch den detaillierten und gelegentlich (Daniels Sicht) verträumten Schreibstil oftmals ausgebremst. Das Problem zeigte sich bereits zu Anfang jeden Kapitels, wenn jeweils zehn Fakten aufgezählt werden, die Daniel und Alice ausmachen (z. B. "Zehn Dinge, die ich meinem Vater sagen werde" oder "Zehn Dinge, die deinen Namen buchstabieren"). Zwar verrät dieses einfallssreiche Intro einiges über die beiden Hauptprotagonisten, ihre Sehnsüchte, Abneigungen und Gedanken in Bezug auf andere Personen. Wiederum lässt sich das Genannte aber zumeist nicht mit der darauffolgenden Handlung verknüpfen und man hat das Meiste (Informationsüberfluss!) am Ende der manchmal Seiten ausfüllenden Aufzählung schon wieder vergessen, weil es einfach weniger von Belang ist.

    Ähnlich erging es mir mit Daniels Perspektive. Es war interessant in die Welt eines Obdachlosen einzutauchen, mit Daniel durch London zu streifen und kleine Einblicke in seine Vergangenheit zu bekommen. Man spürt die Hoffnung in ihm und die Sehnsucht nach Alice. Dennoch tritt auch hier die Geschichte, mittels ausführlicher und manchmal unnötiger Gedankensprünge, stark auf der Stelle. Zumal die Autorin letztlich nicht jede Erklärung auf dem Silbertablett serviert und am Ende einiges offen lässt. Somit könnten besonders die letzten Seiten eine Geschmacksfrage sein. Meiner Meinung passt das Ende sehr gut und dürfte vor allem begeisterten Lesern von Real-Life-Geschichten ansprechen. Für manch einen könnte allerdings das Gefühl aufkommen, dass etwas fehlt. Je nachdem, aus welchem Blickwickel man die Story betrachtet.

    Kurz gesagt:

    "Alice, wie Daniel sie sah" wartet mit einer innovativen Grundidee auf und zeichnet sich durch einen kreativen wie detaillierten Schreibstil aus, was diesen Debütroman irgendwie besonders macht. Doch leider dreht sich diese hoffnungsvolle Vater-Tochter-Geschichte stellenweise im Kreis und konnte mich aufgrund der überwiegend unnahbaren Charakterzeichnung weniger mitreißen. Somit entscheide ich mich für den Mittelweg und vergebe 2,5 von 5 möglichen, aber doch verdienten Sternen.

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    Cover des Buches Seelenkuss (ISBN:9783570162958)

    Bewertung zu "Seelenkuss" von Lynn Raven

    Seelenkuss
    Renivor 6 Jahren
    Spannend, düster und romantisch, aber kein Vergleich zu "Blutbraut" oder "Der Kuss des Kjer"

    Seit meine Augen einst das High Fantasy Abenteuer Der Kuss des Kjer verschlangen und für mich die Nacht zum Tag werden ließen, war es keine Frage, denn eine Feststellung: weitere Romane von Lynn Raven sind von nun an ein Must-Read für mich! Selbst meine damalige Ernüchterung bezüglich ihres Dark-Fantasy-Romans Hexenfluch vermochte meine Begeisterung für ihre Werke nicht zu trüben und so war die Vorfreude auf ein weiteres High Fantasy Abenteuer aus dieser kreativen Schreibfeder immens hoch. Und wahrlich, "Seelenkuss" entpuppte sich – wie nicht anders zu erwarten – als ein echter Pageturner für mich. Allerdings konnte mich das Abenteuer um Prinzessin Darejan nicht ganz so stark verzaubern wie zuvor "Der Kuss des Kjer" oder Blutbraut.

    Dabei weiß Lynn Raven wieder einmal eine packende wie komplexe Geschichte zu erzählen, die interessante Wendungen parat hält, teilweise aber eigene Spekulationen zulässt, die dann hin und wieder tatsächlich zutreffen, z. B. was den wahren Antagonisten betrifft. Das liegt zum Teil sicherlich daran, dass die Autorin gerne auf bestimmte Stilmittel und Charaktertypen zurückgreift. So knüpft sie auch hier eine besondere Seelenverbindung zwischen einzelnen Charakteren, wie man es bereits aus "Der Kuss des Kjer" oder "Blutbraut" gewohnt ist. Wenn auch hier auf eine überraschend andere Art und Weise, wie man es zuvor gewohnt war. Daumen hoch!

    Mit Prinzessin Darejan hat sie dabei eine durchaus interessante Protagonistin erschaffen. Wie es für Lynn Raven üblich ist, bekommt man es mit keinem Mauerblümchen zu tun. Darejan hat gewiss ihre schwachen Momente, weiß sich aber durchaus zu wehren und verbal auszuteilen. Auf der überstürzten Flucht vor ihrer Schwester Seloran, der Königin, wird sie ordentlich gefordert und muss sich schließlich mit einem Gefangenen verbünden, der ihr mehr als einmal an die Kehle möchte. Allen Grund hat er, immerhin sind seine letzten Erinnerungen an Darejan nicht gerade positiv, obwohl er ansonsten unter einer zeitweiligen Amnesie leidet – ebenso wie Darejan, die ganz plötzlich ihre Magie verloren hat und sich an den verrückten Fremden nicht erinnern kann, der sowohl psychische als auch physische Blessuren während seiner Gefangenschaft davon getragen hat.

    Das hat natürlich einige Spannungen zur Folge. Mitunter geht es höchst feindselig zu und es wird deutlich: da muss mehr dahinter stecken. Bis es jedoch soweit ist, dauert es ein wenig. Lynn Raven lässt sich Zeit, den Leser in die fremde Welt der DúnAnór eintauchen zu lassen und beleuchtet die Geschichte sporadisch aus mehreren Perspektiven, wobei Darejans Sicht der Dinge den dominanten Part einnimmt. Fesseln konnte mich die Story dennoch von der ersten Seite an. Warum ist ihre Schwester plötzlich so kühl? Warum wird Darejan von dunklen Träumen heimgesucht und kann seit geraumer Zeit keine Magie mehr wirken? Und warum hält der verrückte Flüchtling des Schlosskerkers sie für eine Mörderin? All das wird durchaus spannend, aufregend und teils kribbelig in den Plot gewoben. Denn ja, eine Liebesgeschichte gehört einfach dazu, wenngleich diese einen steinigen Weg vor sich hat und am Ende vielleicht nicht mehr 100% nachvollziehbar (für mich) erscheint. Mal ganz davon abgesehen, dass eine Landkarte im Buch hilfreich gewesen wäre. Anfangs wird man mit Namen und Orten nur so erschlagen und da wünschte sich meine Phantasie durchaus eine skizzierte Route, an der ich mich hin und wieder orientieren hätte können.

    Um weitere Kritik komme ich leider nicht umhin. Mir hat es gelegentlich nämlich an Tiefgründigkeit und Hintergrundinformationen gemangelt. Anfangs wird doch einiges unter den Teppich gekehrt. Nimmt man z. B. die Tatsache, dass Darejan ihre Magie verloren hat. Das wird etwas nebensächlich abgehandelt, so als hätte sie einen für sie wertvollen Gegenstand verloren, würde sich aber nicht weiter damit beschäftigen (wollen). Ebenso ist es schwierig, die einst innige Verbindung zwischen Darejan und ihrer Schwester Seloran fassen zu können. Es wird kurz erwähnt, dass die beiden sich einmal sehr gut verstanden haben, allerdings gibt es hier keine wirklichen Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit oder die verstorbenen Eltern, sodass diese sehr eindimensional wirken. Dafür, dass Darejan für ihre Schwester solch einen beschwerlichen Weg auf sich nimmt, hat mir mitunter die zuvor innige Beziehung der beiden gefehlt, um wirklich begreifen zu können, warum Darejan noch an das Gute in Soleran glaubt und unermüdlich für sie kämpft. Wer war/ist Seloran überhaupt?!

    Zum Ende hin wird es dann noch einmal richtig aufregend und erleuchtend, nachdem die Reise an manchen Stellen etwas ins Stolpern gerät und einem eher vor sich dahinplätschernden Bach, statt stürmischen Meer gleicht. Endlich erfährt man mehr. Beginnt zu verstehen. Kann sich in schönen Rückblenden fallen lassen … und frage sich am Ende dann vielleicht doch: was macht diese Liebe im Ist-Zustand eigentlich aus? Was wäre wenn …? Das wird sicherlich Geschmackssache sein, denn spannend ist es. Ja doch! Dennoch verlieren sich manch eingebaute Spuren und Sichtweisen schlussendlich irgendwo im Nirwana, ebenso wie einige faszinierend eingebaute Nebenfiguren. Plötzlich geht dann doch alles ganz schnell und der magische wie romantische Funke wollte nicht auf mich überspringen. Schade! Weitere Romane der Autorin sind dennoch willkommen. Denn wie gesagt: ein Pageturner war es für mich schon! Der Schreibstil ist großartig und die Story an Ideenreichtum und Komplexität kaum zu überbieten. An "Der Kuss des Kjer" oder "Blutbraut" kommt "Seelenkuss" für mich aber nicht heran.

    Kurz gesagt:

    Ein wieder mal gefährlich, aufregendes High Fantasy Abenteuer von Lynn Raven, das die Nacht zum Tag werden lässt und sprachlich zu Höhenflügen einlädt. Die Story ist – wie stets - vielschichtig und fantasievoll gestrickt, während die Charaktere etwas mehr Farbe und Hintergrundgeschichte vertragen hätten. Denn des Bücherwurms Seele wird hier überwiegend im Hier und Jetzt geküsst, darf aber nur in seltenen Momenten hinter die Kulissen der Vergangenheit blicken. Deshalb entscheide ich mich für subjektiv gesehene 3/5 Sternen.

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