RosaEmma

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    Cover des Buches Am Horizont der Meere (ISBN: 9783869151892)

    Bewertung zu "Am Horizont der Meere" von Unda Hörner

    Am Horizont der Meere
    RosaEmmavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Sehr gelungene Hommage an eine singuläre Frau und starke Persönlichkeit
    Die surrealistische Göttin

    Sie war seine nie versiegende Inspiration, seine zweite Seelenhälfte und seine abgöttische große Liebe: Gala, die Frau und Muse des Surrealisten-Genies Salvador Dalí, die ihren eigenen Mythos schuf und sich mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit selbst inszenierte. Dalí ließ sie in all ihrem Glanz scheinen, verewigte sie in seiner Kunst und räumte ihr einen ebenbürtigen Platz an seiner Seite ein. Damit stand er im krassen Gegensatz zu Künstlergrößen wie Pablo Picasso, der niemand anderen neben sich duldete und dessen ebenso talentierte Frauen - wenn überhaupt - nur schmückendes Beiwerk waren. 

    In ihrem neuen Roman Am Horizont der Meere: Gala Dalí lässt Unda Hörner, die ihre Leserschaft schon mit Kafka und Felice begeisterte, das bewegte Leben dieser einzigartigen Frau Revue passieren, die gleichermaßen faszinierte wie polarisierte. Hörner geht zurück zu Galas Anfängen, als die gebürtige Russin noch Helena Diakonova hieß, und rekonstruiert in dieser detailliert recherchierten und exzellent geschriebenen Geschichte ihren Weg von der fragilen, tuberkulosekranken jungen Frau bis hin zur strahlenden, künstlerischen Ideengeberin, cleveren Managerin und zum favorisierten Modell ihres exzentrischen Maler-Gatten Dalí, an dessen Seite sie endlich als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen wurde. 

    Junge Liebe

    Als die 18-jährige Helena, die sich Gala nennt, 1912 bei einem Sanatoriumsaufenthalt in Davos den jungen Paul Éluard kennenlernt, ist sie fasziniert. Paul ist der Sohn eines erfolgreichen Pariser Immobilienmaklers, doch er hat wenig Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er träumt davon, ein großer Dichter zu werden und besitzt auch ein außergewöhnliches Gespür für Sprachschönheit, was er beim Rezitieren seiner Lieblingsverse zum Besten gibt. Gala fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, lässt sich mitreißen von seinem künstlerischen Genie und verfasst mit ihm gemeinsam avantgardistische Gedichte. Heimlich verloben sich die beiden Liebenden, obwohl ihre Familien wenig begeistert von ihrer Wahl sind.

    Bourgeoise Langeweile

    Auch der beginnende Krieg 1914 kann dem Paar und ihrer Liebe auf Distanz nichts anhaben. Schließlich ladet Pauls Familie Gala nach Paris ein, und sie spürt zum ersten Mal einen Hauch von großer Welt. Doch schnell langweilt sie sich in ihrer neuen bourgeoisen Umgebung. Gala ist schon früh klar, dass sie entgegen der damaligen Rollenverteilung keine geborene Hausfrau ist und auch niemals werden will: Sie hasst die häuslichen Pflichten und kann mit den Ratschlägen ihrer zukünftigen Schwiegermutter nicht viel anfangen.

    Als Paul und Gala schließlich inmitten der Kriegswirren heiraten, erhofft sie sich Unabhängigkeit. Doch ihre Schwangerschaft macht zunächst all ihre Pläne zunichte. Als Töchterchen Cécile geboren wird, stellen sich bei Gala keinerlei Muttergefühle ein. Sie will ihr Leben genießen, sich weiterbilden und schließt sich lieber Paul und seinen neuen Freunden der Dadaismus-Bewegung um den charismatischen André Breton an. Die jungen Männer sprühen vor Kreativität und innovativen Gedanken, doch auch hier fühlt sich Gala nicht wirklich zugehörig, denn als Frau bleibt sie "unsichtbar".

    Desillusionierende Ménage à trois

    Gala beginnt - nach Aufforderung von Paul - eine Affäre mit dem deutschen Maler Max Ernst, Mitbegründer der Kölner Dada-Gruppe. Da Pauls Auslegung des avantgardistischen Dada-Lebenskonzeptes auch die freie Liebe beinhaltet, ist er fasziniert von dieser Ménage à trois: Er bewundert Max Ernst sehr und fühlt sich durch dessen Interesse an seiner Frau geschmeichelt. Dies gilt jedoch nicht für Ernsts Frau, Lou, die Gala für eine eitle und selbstgefällige Egomanin hält, die ständig im Mittelpunkt stehen will und der die Gefühle anderer völlig egal sind. Aber auch Gala kann diesem neuen Arrangement nicht wirklich etwas abgewinnen und fühlt sich gegen ihren Willen "herumgereicht", obwohl sie Max als Mann faszinierend findet - nicht zuletzt, weil er sie des Öfteren zum Bestandteil seiner Kunst macht.

    Der Reiz der für die Öffentlichkeit skandalösen Dreiecksbeziehung ist schnell verflogen. Gala erkennt die Verlogenheit des als modernistisch angepriesenen Lebensmodells, das in ihren Augen lediglich als Deckmantel zum Ausleben männlicher Fantasien dient. Und so hängt auch ihre Ehe mit Paul nur noch an einem seidenen Faden. Beide flüchten sich in Affären, beschließen aber nach einer Aussprache, es nochmals miteinander zu versuchen.

    Schicksalhafte Begegnung in Cadaqués

    Ihr Weg führt sie ins spanische Cadaqués, wo sie einen jungen, äußerst talentierten Maler treffen, dessen Exzentrik selbst für Gala gewöhnungsbedüftig ist: Salvador Dalí, charismatisch und scheinbar ziemlich verrückt, provoziert mit seinen Bildern, die jedes Tabu brechen. Er ist Surrealist im wahrsten Sinne des Wortes und beeindruckt die zehn Jahre ältere Gala mit seiner Authentizität und seinem wahnwitzigen Charme. Was als Affäre beginnt, wird zur großen Liebe, gegen die selbst Paul nichts ausrichten kann. Dalí macht Gala zu seiner Göttin, sie macht ihn zu einem der reichsten - und, wie man sagt, glücklichsten - Maler seiner Ära. Und schließlich wird sie durch seine maßlose Liebe und madonnenähnliche Verehrung das, was sie sich stets gewünscht hat: Sie wird als eigenständiges kreatives Individuum an seiner Seite sichtbar.

    Brillante Hommage an eine singuläre Frau und starke Persönlichkeit

    Unda Hörners Roman ist eine sehr gelungene Hommage an Gala Dalí, eine singuläre, beeindruckende Frau, die entgegen dem damaligen weiblichen Rollenverständnis unbeirrt ihren eigenen Weg ging, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und die es wagte, aus dem Schatten ihres berühmten Ehemanns zu treten und sich selbst als starke Persönlichkeit mit einem untrüglichen Kunst- und Geschäftssinn zu behaupten. Nicht zuletzt Galas Talent, sich immer wieder neu zu erfinden, machte dabei ihren ganz besonderen Reiz aus und verstärkte noch ihre Ausstrahlung, die - gepaart mit ihrem Eigensinn - eine aparte Mischung ergab.

    Doch die Autorin zeigt auch Galas Negativseite - ihren Wunsch, immer und überall im Fokus zu stehen, sich selbst und ihre Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen, ohne dabei an ihre Familie - und hier vor allem an ihre Tochter - zu denken. Eine äußerst ungewöhnliche, beinahe maskuline Einstellung für die damalige Zeit, die man einer Frau zum Vorwurf machte, während sie bei einem Mann kritiklos akzeptiert wurde.

    Darüber hinaus spiegelt die Autorin sehr gekonnt die inspirierende Aufbruchstimmung um die charismatischen Hauptakteure der revolutionären Kunstströmungen des Dadaismus und Surrealismus wider und lässt viele interessante diesbezügliche Informationen in ihre Geschichte mit einfließen.

    Alles in allem ist Hörners einzigartiges Porträt von Gala Dalí für mich eines der Highlights dieses Jahres. Der Roman ist derart brillant geschrieben, dass man fast vergisst, dass es sich hierbei um Fiktion handelt. Daher mein Fazit: Dieses Buch muss man einfach gelesen haben. Sehr empfehlenswert!

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    Cover des Buches Noch war es Nacht (ISBN: 9783499273797)

    Bewertung zu "Noch war es Nacht" von Antonella Lattanzi

    Noch war es Nacht
    RosaEmmavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Düsteres Beziehungsdrama par excellence
    Ausweglos

    Wenn aus Liebe Hass wird. Wie oft ist diese fast schon klischeehafte Wandlung Dreh- und Angelpunkt eines Beziehungsdramas. Und doch sind wir stets aufs Neue darüber schockiert, was Menschen einander antun können. Wozu sie fähig sind, wenn verletzte Eitelkeiten und lange unter der Oberfläche brodelnde Gefühle aufbrechen und tiefe Verletzlichkeit oder geschickt verborgenen Narzissmus offenbaren. Kommen dann noch nicht enden wollende Demütigungen und körperliche Gewalt ins Spiel, ist eine Tragödie unweigerlich vorprogrammiert. Eine Spirale aus Angst und erzwungener Unterordnung verzögert zwar die nahende Katastrophe, kann sie jedoch nicht aufhalten. Gewinner gibt es nach einem solchen (Ehe)-Martyrium nicht, nur Überlebende.

    Flucht aus der Ehehölle

    Eine solche Überlebende ist auch Carla Romano, die Protagonistin von Antonella Lattanzis neuestem Roman, Noch war es Nacht. Nach einer leidenschaftlichen, obsessiven Ehe mit dem gewalttätigen und krankhaft eifersüchtigen Vito trennt sie sich in einer Nacht- und Nebelaktion von ihm und reicht die Scheidung ein - zur großen Erleichterung ihrer bereits erwachsenen Kinder, Tochter Rosa (19) und Sohn Nicola (21). Mit ihrem Nachkömmling, der kleinen Maja (3), zieht sie in eine moderate Zweizimmerwohnung und knüpft sogar wieder zarte Liebesbande mit dem verständnisvollen Manuel, der ihr Halt gibt. Diese moralische Unterstützung hat sie auch bitter nötig, denn Vito kann sich mit Carlas Trennung in keiner Weise abfinden. In seiner kleingeistigen Welt, in der sich alles um ihn als Nonplusultra dreht und in der er das Sagen hat, kann es nicht sein, dass eine Frau ihren Mann verlässt. Er beschimpft, verfolgt und bedroht sie und macht ganz unmissverständlich klar, dass er sie niemals in Ruhe lassen wird.

    Tyrannenmord

    Als die Wogen sich ein wenig zu glätten scheinen und Majas dritter Geburtstag bevorsteht, lädt Carla Vito auf Wunsch ihrer kleinen Tochter zu ihrer Feier ein, auch wenn sie dabei ein ungutes Gefühl hat. Ihre Kinder Rosa und Nicola reagieren mit völligem Unverständnis, kommen aber trotzdem zu Majas Geburtstagsparty, obwohl sie für ihren Vater nichts als Verachtung empfinden. Zur Überraschung aller verläuft der Abend friedlich und ohne besondere Vorkommnisse. Doch am nächsten Tag ist Vito spurlos verschwunden. Seine Schwester, mit der Carla seit der Scheidung auf Kriegsfuß steht, gibt sogleich eine Vermisstenanzeige auf. Sie ist fest davon überzeugt, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Und sie soll Recht behalten: Man findet Vitos Leiche auf einer Müllhalde.

    Im Visier der Ermittler

    Nach kurzer Zeit gerät Carla ins Visier der Ermittler. Es ist kein Geheimnis, dass Vito seine Frau tyrannisierte und sie regelmäßig grün und blau schlug, doch nach seiner Ermordung mutiert er bei Familie und Freunden plötzlich zu einem Heiligen. Natürlich war er ein bisschen grob, aber er war eben ein Mordskerl, ein ganzer Mann, den man einfach nur zu nehmen verstehen musste. Carla wird zur Hauptverdächtigen, zur rachsüchtigen Ex-Frau, die ihren unbequemen Mann gemeinsam mit ihrem Liebhaber loswerden wollte. Es beginnt eine beispiellose Hexenjagd, obwohl nicht der kleinste Beweis gegen Carla vorliegt. Aber dann bekommt die Geschichte plötzlich eine ungeahnte Wendung, die ein völlig anderes Licht auf die Vorkommnisse - und auf Carla - wirft. Kann sie - die Überlebende - sich noch einmal retten?

    Düsteres Beziehungsdrama par excellence

    Mit Noch war es Nacht ist Antonella Lattanzi ein düsteres Beziehungsdrama par excellence gelungen, das seinesgleichen sucht. Vor der Kulisse Roms entspinnt die Autorin ein zwischenmenschliches Inferno mit einer emotionalen Wucht, die ins Mark trifft. Ihre Charaktere, speziell Carla und Vito, sind realistisch, vielschichtig und fernab jeglicher Klischees. Ihre Liebes- und Leidensgeschichte ist verstörend und geht bis an die Grenzen des Erträglichen. Auch ihr soziales Umfeld bleibt nicht unangetastet: Schonungslos entlarvt Lattanzi familiäre Heuchelei, falsche Freunde, Bigotterie und perfide Intrigen, die ein Leben zerstören können.

    Darüber hinaus kritisiert die Autorin das antiquierte Frauenbild, das auch in der heutigen Zeit noch Gültigkeit hat: Die devote Gefährtin, die ihrem Mann jeden Wunsch von den Augen abliest. Fügt sie sich nicht oder lässt sie sich gar scheiden, ist sie die Schuldige, die nichts taugt und der ohne Mann jegliche Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Aber Protagonistin Carla kann und will dieser Rollenidiotie nicht entsprechen. Sie bricht aus und riskiert einen Neustart, auch wenn Angst ihr ständiger Wegbegleiter ist. Dieses Wagnis hat seinen Preis. Doch Carla ist bereit, ihn zu zahlen. Ausweglos war gestern!

    Mein Fazit: Ein Must Read - sehr empfehlenswert!

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    Cover des Buches Diese goldenen Jahre (ISBN: 9783455005448)

    Bewertung zu "Diese goldenen Jahre" von Naomi Wood

    Diese goldenen Jahre
    RosaEmmavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein herausragender Roman mit geschichtlichem Tiefgang
    Kunst und Leben

    In ihrem neuesten Werk Diese goldenen Jahre widmet sich Naomi Wood der avantgardistischen Bauhaus-Ära - von ihren inspirierenden, vielversprechenden Anfängen im Jahre 1919 unter der Ägide ihres charismatischen Gründers Walter Gropius bis zu ihrem bitteren, dramatischen Ende im Jahre 1933, als die Nazis mit ihrer menschenverachtenden Ideologie das Ende der progressiven Kunstschule besiegelten. Was sie jedoch nicht zerstören konnten, war der nachhaltige Einfluss, den das Bauhaus, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert, mit seinem Konzept einer modernen Architektur und der freien, angewandten Kunst bis heute weltweit noch immer hat.

    Das Renommee dieser einzigartigen Institution wurde neben Gropius natürlich auch von seinen lehrenden Meistern geprägt: Künstlergrößen wie der deutsche Maler und Grafiker Paul Klee, der russischer Maler und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky und der Schweizer Maler und Pädagoge Johannes Itten, die die Autorin alle mit in ihren Roman eingebaut hat, drückten dem Bauhaus ihren ganz eigenen Stempel auf und führten ihre Studenten an ein neuartiges Kunstverständnis heran, dessen zukunftsweisende Impulse eine ganz besondere Auswirkung auf ihr kreatives Schaffen hatte.

    Doch die Gesellschaft und auch die Politik beäugten die eingeschworene Bauhaus-Community und ihren bahnbrechenden Aufbruch in eine neue Kunstära mit Misstrauen: Zu freizügig, zu innovativ und stets einen Schritt über die Grenze des konventionellen Wohlgefallens. Und so war es denn auch nicht verwunderlich, dass die breite Masse mit dem Bauhaus als solchem nicht viel anfangen konnte. Es fehlte gänzlich das Verständnis und die Weitsicht für diesen in ihren Augen modernistischen Schnickschnack, dessen Sinn sich ihnen nicht erschloss.

    Bauhaus-Babys

    Aber zunächst zurück zu den Anfängen, nach Weimar ins Jahr 1922, wo Naomi Woods Roman beginnt. Der Ich-Erzähler, der erfolgreiche Maler Paul Beckermann, der mittlerweile im Exil in England lebt, lässt die schicksalhafte Bauhaus-Zeit angesichts eines Todesfalls Revue passieren. Mit Wehmut, Verbitterung und großer Traurigkeit denkt er zurück an die glorreichen ersten Jahre, die er und seine Freunde, die Clique der Bauhaus-Babys, wie die Anfänger damals genannt wurden, gemeinsam verbrachten und auf welche tragische Weise sie auseinanderdrifteten. Sein erster Gedanke gilt Charlotte, die verschlossene, ernsthafte Künstlerin aus Prag, in die er sich gleich am ersten Tag unsterblich verliebt. Hinzu kommen die bodenständigen, eng miteinander verbundenen Freunde Irmi und Kaspar sowie der rätselhafte, unbeherrschte Jenö und Walter, der für Paul zu einem engen Vertrauten wird.

    Künstlerische Herausforderungen

    Die Freunde sind hochmotiviert und stürzen sich mit Feuereifer auf die ihnen gestellten Aufgaben, doch die lehrenden Meister zeigen ihnen schnell ihre Grenzen auf. Dies gilt insbesondere für Johannes Itten, den kahlköpfigen Kunstfanatiker, an dessen kreativen Herausforderungen viele Erstlinge scheitern. Hierzu zählt auch Paul, der zwar ein exzellenter Maler im klassischen Sinne ist, sich aber mit Ittens künstlerischer Herangehensweise sehr schwer tut. Da kommt ihm das Angebot des undurchsichtigen Ernst Steiner gerade recht, der ihm einen lukrativen Nebenjob anbietet. Paul soll kitschige Heimatkunst reproduzieren, die Steiner dann an gut betuchte ausländische Kunden veräußert. Obwohl ihn alle warnen, nimmt Paul den Job an, denn er möchte endlich unabhängig von seinen Eltern sein.

    Erste Risse, politischer Umbruch und ein unverzeihlicher Verrat

    Der Zauber der ersten Jahre verfliegt rasend schnell. Die Freundschaft der Clique wird durch Pauls unerfüllte Liebe zu Charlotte, Walters unerwiderte Zuneigung zu Jenö und einen schockierenden Zwischenfall, für den die ganze Clique Hausarrest erhält, auf eine harte Probe gestellt. Hinzu kommen zunächst moderate, dann radikale politische Veränderungen, die eine Verlegung des Bauhauses nach Dessau (1925) und später nach Berlin (1932) erforderlich machen.

    Die sogenannte "Bauhaus-Zählung", mit der gezielt ausländische Studenten identifiziert werden sollen, empört sowohl die Schulleitung als auch die Studierenden, insbesondere Charlotte, die Angst hat, ihren Studienplatz zu verlieren. Als sich herausstellt, dass einer der Freunde die Namen aller Ausländer an eine rechtsradikale Zeitung weitergegeben hat, sitzen der Schock und die Enttäuschung bei allen tief.

    Erdrückende Schuld

    Nach der Machtübernahme Hitlers dominieren Angst und Entsetzen. Die Clique hat sich aufgelöst, einige Mitglieder verlassen das Land, u.a. auch Paul. Doch an sein neues Leben als Mr. Bricker in England kann er sich nur sehr schwer gewöhnen. Zu erdrückend ist die Schuld, die er auf sich geladen hat, zu schmerzhaft die Erinnerung an eine Liebe, die keinen Bestand hatte und zu monströs der Gedanke, dass er aufgrund seiner Indifferenz eine Katastrophe nicht verhinderte. Was ihn am Leben hält, ist die Reminiszenz an viele glückliche Augenblicke, an magische Momente der überberstenden Kreativität und der Stille und an Stunden der Leidenschaft, die für ihn die ganze Welt bedeuteten...

    Ein herausragender Roman mit exzellent gezeichneten Protagonisten und geschichtlichem Tiefgang

    Mit ihrem aktuellen Buch ist Naomi Wood erneut ein erstklassiges Lesehighlight gelungen. Die außergewöhnliche, sehr ans Herz gehende Story um ihren Protagonisten Paul und seine fünf Freunde, die sie in zwei parallelen Handlungssträngen erzählt, verwebt sie sehr gelungen mit dem historischen Kontext. Dabei fängt sie die Atmosphäre der damaligen Zeit en détail ein: Sie macht die beflügelnde Aufbruchstimmung unter den Studenten ebenso deutlich fühlbar wie die lähmende Angst, die sich nach der Machtergreifung der Nazis überall ausbreitet.

    Die persönlichen Schicksale ihrer Hauptfiguren schildert die Autorin mit großem Feingefühl und einem untrüglichen Gespür für die Befindlichkeiten der Menschen, insbesondere in Zeiten einer politischen Schreckensherrschaft, in denen es zumeist ums nackte Überleben geht. Wood bewertet nicht, sie urteilt nicht, sondern lässt die Geschehnisse als solche für sich sprechen. Was wir als Leser aus ihrem herausragenden Roman mitnehmen, sind nicht nur äußerst interessante Inside-Bauhaus-Informationen und spezielle geschichtliche Hintergründe, die die Autorin eingehend recherchiert hat, sondern ebenso differenzierte Einsichten in das Menschsein an sich: Was uns verbindet, was uns trennt und wie große Empfindungen uns manchmal zu gefühllosen Taten verleiten, die im Rückblick unverzeihlich sind. Und wie wir trotz allem weiterleben - mit der Erinnerung an das Schöne, das unauslöschlich ist.

    Mein Fazit: Eine große Leseempfehlung für einen der besten Romane des Jahres! 

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    Cover des Buches Auf Erden sind wir kurz grandios (ISBN: 9783446263895)

    Bewertung zu "Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong

    Auf Erden sind wir kurz grandios
    RosaEmmavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein stilles, eindringliches Meisterwerk mit existentieller Tiefe
    Des Menschen Fragilität und Stärke

    Wie soll man das Romandebüt eines jungen vietnamesisch-amerikanischen Schriftstellers beschreiben, das mit seiner Wahrhaftigkeit und Lebensklugheit mitten ins Herz trifft? Dessen Gegensätze aus Schönheit und Rohheit aufeinanderprallen und doch ein symbiotisches Ganzes ergeben. Und dessen Wechsel von poetisch-ausdrucksvoller und drastischer Sprache scheinbar mühelos gelingen. Die bewegende, tragische Geschichte seiner Hauptfigur erzählt Vuong einfühlsam und würdevoll – ohne Pathos, aber mit einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht. 

    Es ist ein Kaleidoskop der Erinnerungen, das Ocean Vuongs 28-jähriger Protagonist eindrücklich zutage bringt. Eine Retrospektive auf ein junges Leben, das von vielen negativen Erfahrungen, aber auch von stillen Glücksmomenten geprägt ist. Es ist ein Blick zurück im Zorn und in Wehmut, aber auch ein Zurücksehnen nach der einen großen Liebe, die der Ewigkeit nicht standhielt. Über allem ruht das Wissen um die existentiellen Dilemmata, um das, was uns als Menschen in all unserer Widersprüchlichkeit ausmacht, was uns antreibt und am Leben hält.

    Ein langer Brief

    In einem langen Brief an seine vietnamesische Mutter schreibt sich der Ich-Erzähler alles von der Seele, auch wenn er weiß, dass sie ihn nie lesen wird, denn sie ist Analphabetin. Das bisschen Englisch, das sie beherrscht, reicht gerade für ihren Job in einem Nagelstudio in Connecticut. Er hingegen hat es trotz vieler Hindernisse weit gebracht: Als einziger seiner Familie, die nach dem Vietnam-Krieg in die USA floh, hat er das College besucht und seinen Abschluss gemacht. Er kann sogar erste Erfolge mit seiner Dichtkunst verzeichnen. Doch bevor er das Erreichte genießen kann, muss er den Ballast der Vergangenheit abwerfen. Schonungslos und ehrlich zu den Menschen sein, die ihm am nächsten stehen.

    Mutter und Monster

    Die Adressatin seiner Lebensrückschau ist seine Mutter Hong, Tochter eines vietnamesischen Bauernmädchens und eines amerikanischen Soldaten, die ihn von Kindesbeinen an regelmäßig schlägt. In ihren Augen ist er ein viel zu weinerliches Kind, das sich alles gefallen lässt und sich nie wehrt. Seine kindlichen Versuche, sie die englische Sprache zu lehren, empfindet sie als Affront, als Umkehrung der natürlichen Hierarchie, denn nur Eltern bringen ihren Kindern etwas bei. Ihre Hilflosigkeit und Entwurzelung entladen sich in unberechenbarer Aggression. „Monster“ nennt er sie, als er älter ist, um ihr zu zeigen, wie sehr er ihr Verhalten verachtet. Doch im selben Moment tut es ihm auch schon wieder leid, denn er weiß nur zu gut, dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter Lan der Hölle des Vietnam-Krieges nur knapp entkommen ist. Und dass sie sich manchmal, wenn die schlimmen Erinnerungen kommen, im Schrank versteckt und Chopin hört.

    Doch es gibt auch schöne Momente, die er mit seiner Mutter zelebriert: Ihre gemeinsamen Shopping-Touren, für die sie sich schick machen, obwohl sie sich nur eine Handvoll Schokoladentäfelchen leisten können. Ihre einfache Art, ihm mit zwei vietnamesischen Worten zu sagen, dass sie etwas schön findet, während er die Dinge für sie im Englischen benennt. Oder ihre Versuche, ihn mit Milch zu einem starken Jungen aufzupeppeln, um ihn vor den Gewalttätigkeiten seiner Mitschüler zu schützen, die in ihm als „dummen Ausländer“ eine ideale Zielscheibe sehen.

    Großmutter und Beschützerin

    Die konfliktbeladene Beziehung zu seiner Mutter belastet ihn sehr, doch es gibt einen Menschen, der ihm Halt gibt und ihn beschützt: Seine schizophrene Oma Lan, die bei ihnen wohnt und ihm, als er eines Tages von zuhause wegläuft, wieder zurückholt und ihm erklärt, dass seine Mutter „krank“ ist. Die ihn liebevoll „Little Dog“ nennt, ihm Reis mit Jasmintee zubereitet und ihn so an ihren kleinen Glücksmomenten teilhaben lässt. Doch sie ist nicht nur seine Vertraute. Als er älter ist, wird er ihr Vertrauter gleichermaßen: Sie erzählt ihm ihre tragische Lebensgeschichte: Wie sie einer arrangierten Ehe entfloh, wie ihre Eltern sie verstießen, als sie schwanger war, wie sie sich und ihrer Tochter Blumennamen gab (Lan = Lilie, Hong = Rose), um etwas Schönheit in ihre triste Existenz zu bringen und wie sie sich in Vietnam prostituierte, um mit ihrer Tochter zu überleben.

    Geliebter und Schicksalsmensch

    Als er seinen ersten Job auf einer Tabakfarm bekommt, ist er zum ersten Mal glücklich und hat ein Gefühl von Unabhängigkeit, auch wenn die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen mehr als zu wünschen übrig lassen. Er verliebt sich in Trevor, den attraktiven Enkel des Farmbesitzers, und eine schicksalhafte Beziehung nimmt seinen Lauf. Trevor kann nicht zu seiner Homosexualität stehen und behandelt ihn des Öfteren mehr als geringschätzig. Ähnlich wie in der Beziehung zu seiner Mutter findet er sich auch mit Trevor in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Liebe und Gewalt wieder, eine demütigende Spirale, der er scheinbar nicht entkommen kann. Doch die glücklichen Stunden mit Trevor möchte er keinesfalls missen, dafür nimmt er alles in Kauf und unterwirft sich völlig. Dies ändert sich jedoch, als Trevor – resultierend aus einer Schmerzmittel-Abhängigkeit – schwer drogensüchtig wird. Hilflos muss er den körperlichen Verfall seines Geliebten mit ansehen, bis er schließlich gezwungen ist, eine Entscheidung zu treffen, die sein Leben für immer verändern wird…

    Ein stilles, eindringliches Meisterwerk mit existentieller Tiefe

    Das literarische Debüt von Ocean Vuong ist ein stilles, eindringliches Meisterwerk und zählt für mich schon jetzt zu den besten Romanen dieses Jahres. Der Autor verknüpft die singuläre Lebensgeschichte seiner Hauptfigur mit existentiellen Themen und analysiert so auf eindrucksvolle Weise die Conditio Humana, die Natur des Menschen, in all ihren Facetten. Am Beispiel seiner Mutter und Großmutter, die er als Produkte des Krieges bezeichnet, schildert er auf bewegende Weise, was Menschen tun, um zu überleben, wie sie sich selbst neu erfinden, um den allgegenwärtigen Schmerz zu mildern und wie sie versuchen, trotz des erlebten Grauens und des oftmals daraus resultierenden Verlustes ihrer geistigen Gesundheit ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Und wie sie sich angesichts von Entwurzelung und Identitätskonflikt dem Leben in einer für sie fremden, neuen Umgebung jeden Tag aufs Neue stellen.

    Auf Erden sind wir kurz grandios illuminiert in eindrucksvoller Weise die essentiellen Attribute unseres Menschseins: Unsere Fragilität und unsere Stärke. Die Fähigkeit, sich auch als zerbrechliches Individuum in einer Welt zu behaupten, in der Schwäche als verachtenswert gilt und Stärke zumeist mit Gewalt einhergeht. Liebe und Schönheit zu erkennen und wertzuschätzen, auch wenn die existentiellen Bedingungen alles andere als ideal sind. Und, dem Protagonisten gleich, niemals aufzugeben und seinen Weg – auch als Außenseiter – stoisch weiterzugehen, um irgendwann seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden. Doch im Gegensatz zum Amerikanischen Traum ist diese Lebensmaxime nicht ausschließlich mit materiellem Erfolg verbunden. Bei sich angekommen zu sein, ist Errungenschaft genug.

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    Cover des Buches Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit (ISBN: 9783351037079)

    Bewertung zu "Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit" von Slavenka Drakulić

    Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit
    RosaEmmavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein einfühlsamer Roman über eine starke, kluge Frau, die an ihrem Selbstverlust zerbrach
    Im Schatten des Genies

    Bei ihr stehen zumeist starke Frauen im Vordergrund. Kluge Frauen voller Kreativität, die am Beginn einer vielversprechenden Karriere stehen, aber deren Leben an der Seite eines berühmten Genies tragisch endet. Die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić hat in ihrer einzigartigen Fiktion bereits die Geschichte zweier Frauen dieses Kalibers thematisiert, deren Liebe zu einem exzentrischen Künstler ihrer Zeit in Selbstaufgabe mündete: Die bedeutende Malerin Frida Kahlo und ihre bedingungslose Hingabe zu Diego Rivera (Frida, 2007) sowie die bekannte Fotografin und Malerin Dora Maar und ihre obsessive Leidenschaft für Pablo Picasso  (Dora und der Minotaurus, 2016).

    In den Fokus ihres neuesten Werkes stellt Drakulić erneut eine äußerst intelligente Frau und studierte Physikerin, die jedoch an der Seite ihres namhaften Mannes gar nicht wahrgenommen wurde und die ihr zugeteilte Rolle der Ehefrau und Mutter schweigsam absorbierte, bis sie daran zerbrach: Mileva Einstein, die erste Frau des Physik-Nobelpreisträgers Albert Einstein. Ihr Leben im Schatten des omnipräsenten Wissenschaftlers, das die Autorin mit großem Einfühlungsvermögen aus Milevas Sicht erzählt, beginnt im siebten Himmel und endet in der absoluten Hölle – ein psychisches Martyrium, dem nicht einmal die Scheidung ein Ende setzen kann. Was ihr letztendlich bleibt, ist ein existentieller Scherbenhaufen, eine zerstörerische Lethargie und ein Verlust, der zu groß ist, um ihn jemals bewältigen zu können…

    Auf dem Tiefpunkt

    Der Roman beginnt mit einem entscheidenden Tiefpunkt in Milevas Leben. Ihre Ehe mit Einstein steht nach elf Jahren vor dem Aus. Noch schlimmer als die Trennung, die jedoch nicht öffentlich bekannt werden soll, ist die Verachtung und Ignoranz, die ihr seitens Albert unverhohlen entgegenschlägt. Er wagt es sogar, ihr einen Forderungskatalog für ihr Verhalten bei gelegentlichen Besuchen zu übermitteln, der u.a. folgende Anweisungen enthält:

    Du sorgst dafür, dass meine Kleider und Wäsche ordentlich in Stand gehalten werden; dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer ordnungsgemäß vorgesetzt bekomme … Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen.1

    Natürlich übergibt er diese Bedingungen Mileva nicht persönlich. Nein, er lässt diese für ihn unschöne Aufgabe von einem Kollegen erledigen, denn Mut gehört nicht zu den Qualitäten des Konfliktvermeiders, der den Schein unbedingt wahren möchte. Dabei kursieren längst Gerüchte, dass er in seine Cousine Elsa verliebt und mit ihr bereits verbandelt sein soll.

    Wehmütiger Rückblick

    Mileva bleibt bei aller Demütigung nichts anderes übrig, als auf Alberts Forderungen einzugehen, denn sie und ihre zwei Söhne, Hans Albert (10) und Eduard (4), sind finanziell gänzlich von ihm abhängig. Immer häufiger ist sie deprimiert und würde am liebten nicht mehr aufstehen, doch für ihre Kinder will sie stark sein. Aber wozu? Ihr eigenes Leben, ihre vielversprechende Laufbahn als Physikerin hat sie zugunsten von Alberts Karriere aufgegeben.

    Wehmütig denkt sie an ihre Studienzeit zurück, als sie und Albert sich kennenlernten. Beide waren Außenseiter und schienen wie für einander geschaffen: Mileva, die Hinkende, die seit frühester Jugend Zielscheibe des Spotts ihrer Mitmenschen war, und Albert, der bizarre Junge mit den strubbeligen Haaren, dessen Sarkasmus und verletzende Witze ihn in seiner Studiengruppe relativ unbeliebt machten.

    Doch Mileva versteht ihn wie keine andere und nimmt ihn stets in Schutz. Beide können stundenlang über wissenschaftliche Theorien diskutieren und dabei alles um sich herum vergessen. Mileva leistet ihm fachkundig Hilfestellung und unterstützt ihn bei allen Aufgaben. Für Albert ist sie eine gleichberechtigte Partnerin, die ihn geistig fordert. Dass sie hinkt, stört ihn in keiner Weise, er thematisiert es nicht. Mileva liebt ihn dafür und blüht in seiner Anwesenheit regelrecht auf. Als die beiden schließlich heiraten, sieht sich Mileva am Ziel ihrer Wünsche.

    Schleichende Entfremdung

    Doch das junge Glück hält nicht lange. Ein schwerer traumatischer Verlust, der sie beide betrifft, aber der nur Mileva in tiefe Verzweiflung stürzt, belastet ihre Ehe. Als sie jedoch ihre Kinder bekommt, fasst sie sich eine Zeit lang wieder. Aber Alberts beruflicher Aufstieg verstärkt die schleichende Entfremdung des Ehepaars, die Mileva nicht wahrhaben will. Er verbringt immer mehr Zeit ohne sie und die Kinder. Denn mit dem Erfolg kommen die Frauen: Albert wird umschmeichelt und ist nicht mehr länger nur eine Randfigur. Das stärkt sein Selbstbewusstsein – bis zur Überheblichkeit. Mileva zieht sich gekränkt zurück und verfällt wieder in Depressionen.

    Desillusionierter Rückzug

    Nach ihrer Trennung von Albert zieht Mileva mit ihren Kindern zurück nach Zürich. Ihre depressiven Phasen nehmen zu und ihr permanent kränkelnder Körper reflektiert ihre Seele, die Stück für Stück zerbricht. Ihre völlige Selbstaufgabe fordert ihren Tribut – die Einsamkeit, die ganz von ihr Besitz ergriffen hat, frisst sie auf. Doch sie darf nicht aufgeben, denn bei Sohn Eduard wird eine schwere psychische Erkrankung diagnostiziert. Mileva nimmt nochmals all ihre Kraft zusammen, doch reicht sie aus, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben?

    Ein einfühlsamer Roman über eine starke, kluge Frau, die an ihrem Selbstverlust zerbrach

    Mit Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit ist Slavenka Drakulić ein großartiger, sehr berührender Roman gelungen, der die ganze Lebenstragik einer Frau offenbart, deren Liebe in völliger Selbstaufgabe endete. Mit viel Empathie und einem brillanten Gespür für die leisen Untertöne menschlicher Befindlichkeiten lässt uns die Autorin teilhaben an Milevas Gedankenwelt, an ihrer innigen Zuneigung zu Albert, ihren Hoffnungen und Träumen, aber auch an ihren Selbstzweifeln und Dämonen, die sie ihr Leben lang verfolgten. Mit einer einfachen, klaren Sprache macht Drakulić Milevas zunehmende Einsamkeit und Verzweiflung spürbar, ohne dabei in Rührseligkeit zu verfallen.

    Aber die Autorin macht auch deutlich, dass Mileva nicht allein an ihrem Selbstverlust zerbrach. Als eine der ersten Physikstudentinnen der damaligen Zeit, in der Frauenbildung in der Gesellschaft einen Sonderstatus hatte, wurde sie misstrauisch beäugt. Eine eigene Karriere für Frauen war undenkbar, sie hatten ausschließlich mit Ehegatten eine Daseinsberechtigung. So bleibt auch Mileva im Grunde nur die Passivrolle, in der sie stumm ausharrt – eine Tatsache, die sie sich später immer wieder vorwirft. Ihre Unfähigkeit, sich zu wehren und ihren eigenen Weg zu gehen, rührt somit auch von der Rigidität einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft, an der jede Form der weiblichen Auflehnung abprallt.

    Die Lebensbilanz, die Mileva am Ende zieht, ist bitter. Für ihre aufopferungsvolle Liebe und ihren Verzicht auf Selbstverwirklichung hat sie den höchsten Preis gezahlt – einen Preis, der es nicht wert war.

    Mein Fazit: Ein unbedingtes Must read – wie alle Romane von Slavenka Drakulić!

    Zitat1: Deutsche Ausgabe, S. 6 (Auszug)

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    Cover des Buches All das zu verlieren (ISBN: 9783630875538)

    Bewertung zu "All das zu verlieren" von Leïla Slimani

    All das zu verlieren
    RosaEmmavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Erstklassig gezeichnetes, verstörendes Psychogramm einer Süchtigen
    Die Grenzgängerin

    Nachdem Leila Slimani uns mit ihrem Gänsehaut-Thriller Dann schlaf auch du das Fürchten lehrte, ist nun ein weiteres ihrer Werke in deutscher Sprache erschienen, das in einem gänzlich anderen Genre angesiedelt ist und die literarische Wandelbarkeit der französisch-marokkanischen Autorin eindrucksvoll unter Beweis stellt. In All das zu verlieren, dessen Protagonistin die französische Zeitung Libération zu Recht als „moderne Madame Bovary“ bezeichnete, entwirft Slimani das Psychogramm einer Frau, die ihrem Lebens- und Selbstüberdruss mit aller Macht entfliehen möchte und dabei in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale gerät, deren Irreversibilität ihr nur selten bewusst wird.

    Obwohl die weibliche Hauptfigur in keiner Weise eine Sympathieträgerin ist, geschweige denn eine Identifikationsfigur, gelingt Slimani ein gewagter Drahtseilakt: Auch wenn man als Leser weder Mitgefühl für die destruktive Protagonistin aufbringen noch ihre Ansichten nachvollziehen kann, offenbart der Blick hinter die Fassade eine zutiefst freud- und beziehungsunfähige Frau, deren große Einsamkeit zutiefst berührt. Und es ist genau diese Erkenntnis, die uns auf menschlicher Ebene zu ihr durchdringen lässt – wenn auch nur in kurzen Augenblicken.

    Der Inbegriff des Spießertums

    Oberflächlich betrachtet fehlt Adèle nichts zu ihrem Glück: Sie lebt mit ihrem Mann Richard, einem angesehenen Arzt, und ihrem kleinen Sohn Lucien in einem exklusiven Pariser Stadtviertel und arbeitet als unabhängige Journalistin für eine Tageszeitung. Doch ihre Unzufriedenheit frisst sie auf: Sie hasst es zu arbeiten – lieber würde sie den ganzen Tag chillen und shoppen. Ihr Leben ist für sie der Inbegriff des Spießertums. Und so hat sie denn auch für die Ambitionen ihres Mannes, der von morgens bis abends arbeitet, um ihr ein angemessenes Leben zu ermöglichen, keinerlei Verständnis. Seine Strebsamkeit findet sie verachtenswert. Auch in dem Haus auf dem Land, das ihr Mann kaufen möchte und das ihr gut gefällt, sieht sie sich in ihrer Zukunft nicht. Doch wo liegt ihre Zukunft?

    Süchtig

    Adèle fühlt sich vernachlässigt und flüchtet sich in zahlreiche Affären mit den unterschiedlichsten Männern. Dabei ist sie nicht wählerisch und nimmt jeden, der in ihre Reichweite kommt. Doch schon bald werden ihre One-Night-Stands zur Sucht so wie ihr permanenter Wunsch nach Aufmerksamkeit zur Manie wird. Immer öfter, immer schneller, immer brutaler holt sie sich das, was sie braucht. An ihre kleine Familie denkt sie dabei selten. Solange sie im Fokus steht, ist sie glücklich – wenn man dies angesichts ihrer emotionalen Verfassung überhaupt so nennen kann. Doch das trügerische Hochgefühl hält nie lange an. Sobald sie aus dem Bett eines fremden Mannes steigt, ist sie angewidert – von ihrem Lover und von sich. Ihre beginnende Magersucht, die aus ihrem wachsenden Selbstekel resultiert, lässt sich schon bald nicht mehr verheimlichen, doch noch kann sie beruflichen Stress als Ursache dafür angeben.

    Getrieben

    Als Adèle eine Affäre mit einem guten Bekannten ihres Mannes beginnt, ist sie sich des Risikos voll bewusst. Sie wird immer paranoider und ist ständig von der Angst getrieben, dass Richard hinter ihr Doppelleben kommt. Wie ein gehetztes Tier ist sie permanent auf der Hut – vor sich selbst und den anderen – und will nicht wahrhaben, dass ihr Leben ihr jeden Tag ein Stück mehr entgleitet. Richard kann sich ihr bizarres Verhalten nicht erklären und verliert immer häufiger die Geduld. Auch ihre gute Freundin Lauren beobachtet Adèles zunehmende Rastlosigkeit und ihren körperlichen Verfall mit großer Sorge. Doch Adèle will von alledem nichts hören – bis schließlich die größtmögliche Katastrophe ihr Leben in Scherben legt…

    Verstörendes Psychogramm einer Hedonistin

    In ihrem Roman All das zu verlieren zeichnet Leila Slimani das verstörende Porträt einer Frau, deren Sucht ihr Leben dominiert. Sehenden Auges geht sie dabei ihrer Selbstzerstörung entgegen, ohne dabei auch nur im geringsten an die Konsequenzen für sich und ihre Familie zu denken. Die permanente Unzufriedenheit, die ständige Frustration und der tagtägliche Missmut der Antiheldin sind eine Herausforderung für den Leser, denn so sehr man sich auch bemüht, die Beweggründe für ihr irritierendes Verhalten zu eruieren, umso weniger erschließt sich ihre widersprüchliche Natur, da sie schlicht nicht greifbar ist. Slimanis Adèle ist nicht nur, wie bereits oben aufgeführt, eine moderne Madame Bovary. Sie hat auch die tragische Ausstrahlung einer Belle de Jour, deren Leben zwischen Tagträumen und unkontrolliertem Ausleben ihrer Bedürfnisse zum Scheitern verurteilt ist.

    Doch man kann Slimanis Roman, der brillant geschrieben ist, auch als Allegorie verstehen: Adèle als Symptom, als Grenzgängerin unserer schnelllebigen Zeit, die sich auf der ständigen Suche nach Beachtung im launenhaften Feelgood-Modus selbst verliert. Als Vergnügungssüchtige, die angeödet von ihrer Zweckehe mit einem Mann, den sie allein des Ansehens wegen geheiratet hat, nur im schnellen Rausch existieren kann. Und nicht zuletzt als leichtfertige, oberflächliche Hasardeurin, die alle Limits überschreitet, um Selbstreflexion zu vermeiden.

    Es ist kein leicht verdauliches Thema, dem sich Slimani widmet – doch es ist sicherlich eines, das nachdenklich stimmt und aufwühlt. Eines, das die unschönen Auswüchse einer Zeit illuminiert, in der man Alltagsflucht als sinngebend definiert und jeder seine eigene Moral bestimmt. Wohin das führt, lässt sich nicht absehen. Welche Tragödien es hervorbringen kann, zeigt uns die Autorin auf schonungslos reale Weise – jedoch ohne mahnenden Zeigefinger. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist Mahnung genug.

    Mein Fazit: Ein erstklassig geschriebener Roman – unbedingt lesenswert

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    Cover des Buches Deine kalten Hände (ISBN: 9783351037628)

    Bewertung zu "Deine kalten Hände" von Han Kang

    Deine kalten Hände
    RosaEmmavor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Brillanter Roman über die Conditio Humana in einer substanzlosen Welt
    Unter die Haut

    Die Romane Han Kangs sind von großer literarischer Anziehungskraft. Sie sind – oberflächlich betrachtet – leichte Lektüre, doch in der Essenz schwer verdaulich, denn mit ihren seltsam anmutenden Geschichten, die ihr Penchant für das Groteske offenbaren, mutet die Autorin ihren Lesern schon Einiges zu. So handelt beispielsweise ihr erstes Werk, der internationale Bestseller Die Vegetarierin, von einer Hausfrau, deren Umstellung auf vegetarische Ernährung schließlich in den manischen Wunsch mündet, eine Pflanze zu sein. Das alles klingt bizarr, doch wie die Schriftstellerin das menschliche Drama um ihre sonderbare Protagonistin als Allegorie der Auflehnung konzipiert hat und vor allem mit welcher kraftvollen, poetischen Sprache sie es erzählt, ist einzigartig.

    Gleiches gilt auch wieder für ihren neuesten Roman, Deine kalten Hände, der abermals die ganze Bandbreite von Han Kangs literarischem Können offenbart. Auch dieses Mal steht ein von seiner Umgebung als eher sonderlich wahrgenommener Mensch, in diesem Falle ein aufstrebender Künstler, im Fokus des Geschehens, der mittels seiner Skulpturen gegen die Bigotterie und den schönen – falschen – Schein der Menschen bis zur Besessenheit rebelliert. Diese großartige Erzählung nimmt uns mit auf eine Reise in das Innerste des Menschen, zu alledem, was hinter den alltäglichen Masken verborgen liegt. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

    Verstörende Kunst

    Durch Zufall stösst die Schriftstellerin H. auf die Werke des jungen Künstlers Jang Unhyong, die sie als verstörend wahrnimmt und die ihr jedes Mal Gänsehaut bescheren. Trotzdem kann sie ihren Blick nicht von den befremdlichen Skulpturen abwenden, die er mittels Gipsabdrücken von Menschen (echte Körperabformung) kreiert. Nach einer Theateraufführung, zu der er ein Requisit beisteuert, lernt sie ihn persönlich kennen. Obwohl er auf den ersten Blick ganz sympathisch und komplett in sich zu ruhen scheint, ist er ihr unheimlich. H. ist sich sicher, dass hinter dieser stillen Fassade ein dunkler seelischer Abgrund lauert. Genau aus diesem Grund lehnt sie auch dankend ab, als er sie bittet, für ihn als Modell zu fungieren.

    Seelenabgrund

    Nach einiger Zeit erhält H. einen beunruhigenden Anruf von Jang Unhyongs Schwester, die ihr mitteilt, dass ihr Bruder spurlos verschwunden ist. Geblieben sind nur seine Tagebuch-Aufzeichnungen, in denen auch H. erwähnt wird. Seine Schwester bittet sie, diese zu lesen und ihr Bescheid zu geben, wenn sie einen Hinweis auf seinen Verbleib findet. H. ist zunächst zögerlich, doch am Ende siegt ihre Neugier. Was sie liest, ist mehr als nur die Lebensgeschichte eines zutiefst verunsicherten und rastlosen Menschen, der Wahrhaftigkeit nur in seiner Kunst zu finden glaubt. Es sind Einblicke in die zerbrochene Seele eines Mannes, der aus seinem ungeliebten, heuchlerischen Umfeld ausbricht und mit seinen Skulpturen der Welt den Spiegel vorhalten will.

    Mehr Schein als Sein

    Schon im Kindesalter lernt Jang Unhyong, dass niemand so ist, wie er scheint: Nicht seine äußerst beliebte Mutter, die ständig lächelt, doch hart und unnachgiebig zu ihren Kindern ist, mit denen sie nicht das Geringste anfangen kann. Auch nicht sein Vater, der von seinen Studenten verehrt wird, aber für seine Kinder nur Schweigen und für seine Frau nur Verachtung übrig hat. Und auch nicht sein Onkel, Trinker und schwarzes Schaf der Familie, der seine Kriegsverletzung, eine entstellte Hand, und seine Empfindsamkeit so akribisch verbarg, dass es niemandem auffiel – außer dem kleinen Jang.

    Blick ins Innerste

    Fortan versucht Jang, mittels seiner Kunst und seinen lebensechten Gipsabdrücken hinter die Masken der Menschen zu blicken und das zur Schau zu stellen, was sie verbergen. Als er der stark übergewichtigen Studentin L. begegnet, die ihren Körper ablehnt, fühlt er sich auf merkwürdige Weise mit ihr verbunden. Ihre Hände ziehen ihn magisch an, und sie erlaubt ihm, Abdrücke davon zu nehmen. Nach und nach nähern sich die beiden Außenseiter einander an, und L. glaubt, in Jang einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Aber seine künstlerische Manie und ihr permanentes Bodyshaming sind keine wirkliche Basis für eine gemeinsame Zukunft.

    Als er die zierliche Innenarchitektin E. kennenlernt, wittert er, wie üblich, auch bei ihr ein Geheimnis, das sie mit aller Macht zu verbergen versucht. Aber die selbstbewusste E. ist keines seiner Versuchskaninchen. Sie steht ihm zwar als Modell zur Verfügung und kommt ihm auch näher als ihr eigentlich lieb ist, aber eine Beziehung mit ihm strebt sie zunächst nicht an. Doch nach und nach fasst sie zu ihm Vertrauen und lässt sich auf ihn ein. Aber auch dieses Mal mündet seine anfängliche Zuneigung in eine Besessenheit, die alles zu zerstören droht…

    Brillanter Roman über die Conditio Humana in einer substanzlosen Welt

    Mit Deine kalten Hände ist Han Kang ein weiteres literarisches Glanzstück gelungen. Einfühlsam, aber ohne jegliches Pathos, schreibt sie über die Befindlichkeit eines zerrissenen Künstlers in einer Welt voller leerer Hüllen, die jeglicher Substanz entbehrt. Die von ihm dargestellten menschlichen Skulpturen mit ihren exponierten Hohlräumen spiegeln deren seelische Verödung und Einsamkeit wider. Vor diesem Hintergrund sind Han Kangs Romane immer auch Zustandsbeschreibungen der Conditio Humana in einer Welt, in der das Oberflächliche vorherrscht. Jangs Kunst ist seine Art der Auflehnung gegen diesen Zustand. Es ist seine Art zu zeigen, was unter der Haut bzw. hinter der Alltagsmaske steckt. Und es ist ebenso die Demonstration seines manischen Wunsches, die Dominanz des Scheins zu brechen und das Sein zum Vorschein zu bringen.

    Dieser düsteren Welt- und Menschenanschauung setzt Han Kang jedoch das größte aller Gefühle entgegen: Jangs aufkeimende Liebe zu E. erfüllt ihn und reißt ihn zum ersten Mal aus seinem künstlerischen Mikrokosmos. Die Tatsache, dass sie sich ihm – nach ihren Regeln – öffnet und ihn hinter ihre Hülle schauen lässt, kommt fast einer Versöhnung mit seinem negativen Menschenbild gleich. Als er realisiert, dass es nun an ihm ist, auch seine Maske abzustreifen, verfällt er in seine übliche Manie. Doch irgendwann bröckelt auch der größte Selbstschutz und enthüllt das, was ihn als Menschen ausmacht.

    Mein Fazit: Han Kang präsentiert mit ihrem neuen Roman ein weiteres tiefgehendes Leseerlebnis auf höchstem Niveau. Sehr empfehlenswert!

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    Cover des Buches Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem. (ISBN: 9783471351734)

    Bewertung zu "Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem." von Camilla Läckberg

    Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem.
    RosaEmmavor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Packendes Beziehungsdrama mit zwei vielschichtigen Protagonisten
    Befreiungsschlag

    Auf Camilla Läckbergs neuestes Werk Golden Cage war ich ganz besonders gespannt, denn es ist der erste Roman, der nicht zu ihrer erfolgreichen Fjällbacka-Thrillerreihe zählt. Das Warten hat sich gelohnt, denn ihr Neuling ist eine Klasse für sich und übertrifft sogar an Spannung und Qualität noch meinen Allzeit-Favoriten der Autorin, Meerjungfrau, um Längen. Was also macht diese Geschichte so außergewöhnlich? Zum einen ist das hochkarätige Beziehungsdrama brillant konzipiert und äußerst fesselnd erzählt. Zum anderen ist es ein Buch, das die Stärke, die enorme Willenskraft und die Überlebensfähigkeit von Frauen in den Vordergrund stellt. Als Leser merkt man schnell, wie viel Herzblut der Autorin in dieser Erzählung steckt. Erst kürzlich verriet sie in einem Interview:

    "Ich bin mutiger und stärker geworden. Erst jetzt habe ich mich an diesen Stoff getraut. Und außerdem habe ich die Geduld verloren mit allen, die versuchen, Frauen zum Schweigen zu bringen."1

    Diese Kraft und Unerschrockenheit hat Läckberg auf ihre Protagonistin übertragen, die sich weder in ein Schema pressen lässt noch in ein antiquiertes Frauenklischee passt. Obwohl sie zu Beginn der Geschichte untergeordnet und stets verständnisvoll erscheint, ist unterschwellig in jeder Zeile zu spüren, dass sie die Rolle des braven Frauchen nicht für immer ausfüllen wird, denn zu hoch ist ihr Selbstwertgefühl, zu stark ihr Wissen um ihre eigenen Fähigkeiten. Und so lässt sie sich auf einen riskanten Tanz mit dem Teufel ein, bei dem sie eigentlich nur verlieren kann. Eigentlich…

    Das Ende eines Traumpaars

    Oberflächlich betrachtet sind Faye und Jack das perfekte Paar der Haute Volée Schwedens. Mit seinem Investmentunternehmen Compare hat sich Jack als erfolgreicher Geschäftsmann etabliert. Faye führt ein Leben im Luxus und kümmert sich liebevoll um Töchterchen Julienne. Doch hinter verschlossenen Türen bröckelt die Heile-Welt-Fassade: Jack macht keinen Hehl daraus, wie sehr er seine Frau verachtet: Für ihn ist sie nicht mehr interessant, vor allem aber nicht mehr jung und dünn genug. Der Kick ist verflogen, und Jack lässt keine Gelegenheit aus, um sie das spüren zu lassen. So sehr sich Faye – mittels Diät, Sport etc. – auch bemüht, seinem Schönheitsideal wieder zu entsprechen, umso öfter demütigt er sie.

    Schlussstrich

    Zunächst versucht Faye noch, Jacks Verhalten zu entschuldigen und seine wechselnden, für sie unerträglichen Launen mit geschäftlichem Stress zu rechtfertigen. Selbst als er sie zu etwas zwingt, was sie moralisch verwerflich findet und vor sich selbst in keiner Weise verantworten kann, gehorcht sie und gibt seinem Willen nach. Als sie Jack jedoch in flagranti mit seiner jungen Assistentin Ylva erwischt, hat Faye endgültig genug. Sie will die Scheidung und ist sich sicher, von dem Geld, das sie von Jack im Trennungsfall erhalten wird, mit Julienne gut leben zu können.

    Doch sie hat die Rechnung ohne Jack gemacht. Er ist nicht bereit, ihr auch nur einen Cent zu zahlen und schlägt ihr vor, sich doch eine Arbeit zu suchen. Faye schäumt, denn sie weiß, dass Jack ohne sie niemals an die Spitze gekommen wäre. Sie war es, die den Business Plan für sein kleines Start-up Unternehmen erstellte, und es waren ihre Ideen, die das Unternehmen so erfolgreich machten.

    Ein grauenvoller Verdacht

    Faye wird schmerzlich bewusst, dass sie für diesen unberechenbaren Narzissten ihre unternehmerische Karriere aufgegeben hat und dass sie mit ihrer kleinen Tochter nun vor dem Nichts steht. Nach dem ersten Schock und tiefen Selbstzweifeln fängt sich Faye wieder und kämpft sich mühsam ins Leben zurück. Sie setzt zum Befreiungsschlag an und ihr zunächst wenig erfolgversprechender Plan, für sich und ihre Tochter eine unabhängige Existenz aufzubauen, geht langsam aber sicher auf.

    Doch dann verschwinden Jack und Julienne nach einem Bootsausflug spurlos. Faye ist außer sich vor Angst und rechnet mit dem Schlimmsten, denn sie weiß, dass Jack ihre Eigenständigkeit ein Dorn im Auge ist und er nach einem Weg sucht, um sie in die Knie zu zwingen. Doch wäre er wirklich imstande, ihrer Tochter etwas anzutun, um sie zu bestrafen?

    Packender Psychothriller mit zwei vielschichtigen Protagonisten

    Golden Cage ist meines Erachtens Camilla Läckbergs bester Roman. Die hochspannende Story lebt von der Intensität ihrer beiden vielschichtigen Hauptcharaktere Faye und Jack, die – so scheint es zunächst – einem VIP-Hochglanzmagazin entsprungen sein könnten. Doch der Schein trügt: Weder Faye noch Jack sind das, was sie vorgeben zu sein. Die Autorin nimmt die Rollen- bzw. Schwarz-Weiß-Klischees im Laufe ihrer packenden Story Stück für Stück auseinander und legt die Wahrheit hinter der Fassade offen. Dies gilt für Jack und Faye gleichermaßen, denn auch Faye ist keinesfalls nur das arme Opfer. Parallel zu den aktuellen Geschehnissen um das sich bekämpfende Paar und das Drama ihrer verschwundenen Tochter entspinnt Läckberg in separaten Kapiteln Fayes Vorgeschichte, die es ebenfalls in sich hat und den Leser zuweilen irritiert zurücklässt.

    Schleichend entwickelt sich die eskalierende Beziehungstragödie mittels eines raffinierten Spannungsbogens zu einem nervenaufreibenden Psychothriller, dessen Ausgang mehr als überraschend ist. Nichts bleibt, wie es ist, Grenzen verschwimmen, und alles wird auf den Kopf gestellt, nur um sich am Ende zu einem perfekten Ganzen zusammenzufügen. Das ist die  außergewöhnliche literarische Kunst von Camilla Läckberg, die sich mit ihrem neuen Roman meines Erachtens selbst übertroffen hat.

    Daher mein Fazit: Für mich bisher einer der besten Romane des Jahres. Unbedingt lesenswert!

    1) O.g. Zitat ist der deutschen Romanausgabe entnommen.

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    Cover des Buches Ein Tropfen vom Glück (ISBN: 9783455005400)

    Bewertung zu "Ein Tropfen vom Glück" von Antoine Laurain

    Ein Tropfen vom Glück
    RosaEmmavor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Charmant-amüsantes Abenteuer zwischen den Zeiten
    Voyage Retour: Weinselige Zeitreise

    Was macht den ganz besonderen Charme von Antoine Laurains Romanen aus? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Seine Geschichten, die er mit einer wunderbar poetischen Sprache erzählt, sind immer voller Magie und beschwingter Leichtigkeit. Beinahe märchenhaft. Es versteht sich von selbst, dass natürlich auch das typische Happy End nicht fehlen darf. Und stets ist es ein ganz besonderes Objekt, das das Leben eines oder vieler Menschen zum Positiven verändert und ihnen das lang erwartete Glück beschert: Sei es der Hut eines französischen  Präsidenten, eine Handtasche, ein Gemälde, ein alter Brief oder – wie im Falle seines neuen Romans Ein Tropfen vom Glück – eine Flasche Wein aus dem Jahr 1954. Doch dieses Mal geht es nicht vorwärts, sondern rückwärts. Es heißt Back to the past, denn Laurain nimmt uns mit auf eine Zeitreise in das Paris der 50er Jahre: Eine nostalgische Retrospektive mit viel französischem Flair und Glamour, aber auch mit Schlichtheit und Savoir-vivre, die uns vor allem eines lehrt: Das Leben zu feiern.

    Einen Schluck auf den Schreck

    Als Hubert Larnaudie, stolzes Mitglied der Gründerfamilie eines Miethauses in Paris, eines Abends von Einbrechern in seinem Keller eingeschlossen wird, eilt ihm der amerikanische Airbnb-Tourist und erfolgreiche Motorenentwickler Bob Brown sogleich zur Hilfe. Er informiert Magalie Lecœur, Mitmieterin und Restauratorin, die man wegen ihrer Ähnlichkeit mit der gleichnamigen NCIS-Serienheldin nur Abby nennt. Zur Rettungsaktion gesellt sich schließlich noch Julien Chauveau, Barmann in der berühmten Harry’s Bar und ebenfalls Mieter einer der schönen Eigentumswohnungen.

    Hubert muss erst mal seine Nerven beruhigen und spendiert seinen Rettern einen Drink. Und hier zeigt er sich mehr als großzügig: Er öffnet eine Flasche Wein aus dem Jahr 1954, ein besonders edler Tropfen, der seine Wirkung nicht verfehlt. Die vier verleben einen gemütlichen und weinseligen Abend, der alle vergnügt und heiter stimmt. Dies trifft insbesondere auf Julien zu, der heimlich in Magalie verliebt ist und nur auf die richtige Gelegenheit wartet, um es ihr zu sagen.

    Alles retro

    Am nächsten Morgen ist alles wunderbar, doch irgendwie anders. Nach und nach bemerken Hubert, Magalie, Julien und Bob, dass sie sich im Paris des Jahres 1954 befinden. Ihre Handys funktionieren nicht, sie können nicht mit Euro bezahlen und ihre Wohnungen sind von anderen Mietern bewohnt. Sie können es nicht fassen und fühlen sich wie auf einem anderen Stern. Doch als der erste Schock verflogen ist, lassen sie sich ein auf die pulsierende Metropole mit dem ganz besonderen Charme dieser Ära.

    In Harry’s Bar, die damals bereits existierte, kreiert Julien einen exklusiven Cocktail für Audrey Hepburn, den aufsteigenden Stern am Hollywood-Himmel. Hubert macht nicht nur Bekanntschaft mit dem exzentrischen Maler Salvador Dalí, sondern trifft gemeinsam mit Magalie, Julien und Bob auch auf Edith Piaf und Schauspieler Jean Gabin. Alle sind begeistert und genießen das Eintauchen in diese ihnen so fremde Welt.

    (K)ein Weg zurück?

    Doch so unvergesslich ihre Abenteuer auch sind, sie alle sehnen sich zurück nach ihrem alten Leben. Aber wie sollen sie es anstellen? Sie wissen ja nicht einmal, wie genau sie dort hingelangt sind – außer, dass es wohl am Wein gelegen haben muss. In dieser verzwickten Situation wächst ausgerechnet der zurückhaltendste der Gruppe, Julien, über sich hinaus. Nicht umsonst ist er schließlich der Urgroßenkel von Pierre Chauveau, genannt Väterchen Untertasse, der nach einer angeblichen Begegnung mit einem UFO vom einen auf den anderen Tag spurlos verschwand. Gemeinsam mit einem eigenbrötlerischen Wissenschaftler suchen sie nach einem Weg, um wieder in ihre Zeit zu gelangen. Aber das Konzept Zurück in die Zukunft hat so seine Tücken…

    Charmant-amüsantes Abenteuer zwischen den Zeiten

    Ein weiteres Mal hat Antoine Laurain eine ganz einzigartige Geschichte um Liebe und Freundschaft erdacht, die rundum glücklich stimmt. Dieses charmant-amüsante Abenteuer mit seinen vier – leicht kauzigen – Protagonisten katapultiert uns mit Witz und Esprit in eine Ära mit La-vie-en-rose-Feeling und lässt uns in kurzen Momentaufnahmen teilhaben am Lebensgefühl der Generation einer längst vergangenen Zeit, die wir nur aus Erzählungen kennen bzw. die für uns nur noch Erinnerung ist.

    Laurain wäre aber nicht Laurain, wenn er in seine Romane nicht pointierte Gesellschaftskritik auf seine ganz eigene Weise mit einfließen ließe. Unserer schnelllebigen, konsumorientierten Zeit stellt er eine Zeit der Einfachheit, der Entbehrungen, aber auch der Lebensfreude und des Glamours gegenüber, in der alles noch authentisch war und gemeinsam verbrachte Zeit nicht von ständigem Handyklingeln unterbrochen oder mit Selfies dokumentiert wurde. Dabei geht es ihm nicht darum, Früher war alles besser zu untermauern, sondern die Begegnung zweier Welten zu veranschaulichen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dass er dabei Paris mit all seinen Facetten und schillernden Persönlichkeiten in den Fokus stellt, versteht sich von selbst, denn ein Fest fürs Leben, wie Hemingway es so treffend formulierte, lässt sich nirgendwo besser feiern als in der Stadt der Liebe.

    Mein Fazit: Ein heiterer, kluger Lesegenuss – wie jeder Roman von Antoine Laurain!

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    Cover des Buches Wenn Prinzen fallen (ISBN: 9783442715671)

    Bewertung zu "Wenn Prinzen fallen" von Robert Goolrick

    Wenn Prinzen fallen
    RosaEmmavor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Brillanter Roman und eindrucksvolle Zeitreise ins dekadente Wall Street Business der 80er Jahre
    The Sky Is The Limit: Absturz eines Wall Street Jongleurs

    Die 80er Jahre – das wohl exaltierteste und schillerndste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Neben eigensinniger Mode und innovativen Musiktrends war die Ära auch und vor allem geprägt durch Extravaganz, Luxus und Dekadenz. Letztere Attribute spiegelten sich insbesondere in den schwindelerregenden Spekulationen und riskanten Geldgeschäften wider, die eine Vielzahl von ambitionierten, großspurigen Wall Street Playern jeden Tag abwickelten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Only the sky is the limit war das Motto der selbstgefälligen Prinzen von Manhattan, in deren Wortschatz Ethik und Moral nicht vorkamen. Sie flogen hoch und fielen tief – ein Absturz, den einige nicht überlebten – zu groß war die Demütigung, zu vernichtend der Gesichtsverlust und die Vorstellung, ein Verlierer zu sein.

    Retrospektive eines Geläuterten

    Hier setzt Robert Goolricks neuester Roman Wenn Prinzen fallen an: Sein Protagonist Rooney, 36, ist auf dem existentiellen Tiefpunkt angelangt. Nach einem exzessiven Leben als erfolgreicher Wall Street Trader und zügelloser Playboy arbeitet er nun als Verkäufer bei der Buchhandelskette Barnes & Noble. Geläutert und wehmütig blickt er auf seinen glanzvollen Aufstieg und seine einzigartige Karriere zurück, die grenzenlos schien und doch ein so abruptes, ruhmloses Ende fand. Dabei geht Rooney hart mit sich und seiner hochmütigen Who-Cares-Attitüde ins Gericht: Er verschönt nichts, aber bereut vieles, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Jetzt steht er vor den Scherben seines narzisstischen Höhenflugs – dabei war der Beginn einst so verheißungsvoll…

    Kometenhafter Aufstieg

    Nachdem der junge Rooney desillusioniert feststellt, dass er nicht zum Bohemian taugt und weder als Maler noch als Schriftsteller noch als Schauspieler besonders talentiert ist, beschließt er widerwillig, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und damit dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen. Es gelingt ihm schließlich, einen Job als Junior Trader bei einer Top Wall-Street-Firma zu erhalten – und dafür muss er sich noch nicht mal besonders anstrengen: Sein tougher, unkonventioneller Chef hält nichts von Bewerbungsgesprächen und noch weniger von Zeugnissen. Wenn Rooney es allerdings schafft, ihn beim Pokern zu besiegen, hat er den Job. Und ihm gelingt das Unmögliche: Innerhalb kürzester Zeit wird er eines der vielversprechendsten Trader-Talente. Obwohl ihm der Job keinerlei Spaß macht und sein arbeitsintensiver Alltag ihm alles abverlangt, liebt er den Nervenkitzel und das Jonglieren mit Unsummen, das seine reichen Mandanten noch reicher macht.

    Bis zum Exzess: Leben auf der Überholspur

    Doch damit kann Rooney leben, denn seine Boni sind exorbitant ebenso wie sein Lebensstil, dessen Dekadenz dem Wall Street Zeitgeist entspricht: Goldene Manschettenknöpfe mit Monogramm, maßgeschneiderte Edelanzüge und ein Haarschnitt, der so teuer ist wie eine Monatsmiete – all diese Dinge werden für ihn zur Normalität und lassen ihn in seiner unermesslichen Arroganz und Selbstverliebtheit die Nase über die langweiligen Normalo-Spießer rümpfen, die in seinen Augen keine Ahnung haben, wie man das Leben genießt. Wie gut, dass er sich wohltuend von diesen Losern unterscheidet: Jede Nacht feiern er und seine Kollegen mit den schönsten Frauen in den angesagtesten Clubs und werfen mit Geld nur so um sich – das Beste ist für die Auserwählten gerade gut genug. Auch Drogen zur Entspannung dürfen da natürlich nicht fehlen – eine Koksline nach der anderen gepaart mit Unmassen von Alkohol helfen, den Stress abzubauen und dem tagtäglichen Druck standzuhalten.

    Niedergang und Neubeginn

    Doch das Leben auf der Überholspur fordert schließlich seinen Tribut: Rooneys durchzechte Nächte und sein steigender Drogenkonsum wirken sich negativ auf seine Arbeit aus, er wird zunehmend aggressiv und unberechenbar. Und so kommt es, wie es kommen muss: Er gerät ins Straucheln und begeht schließlich einen fatalen Faux Pas bei einem wichtigen Mandanten, der ihn den Job kostet. Doch damit nicht genug: Sein ihm ehemals wohlgesonnener Chef sorgt dafür, dass er als Trader kein Bein mehr auf die Erde bekommt. Auch sein Privatleben geht den Bach runter: Sein große Liebe Carmelia reicht die Scheidung ein und nimmt ihm alles, was er besitzt. Aber Rooney ist längst an einem Punkt angelangt, an dem ihm auch das nichts mehr ausmacht.

    Als er denkt, dass ihn nichts mehr wirklich berühren kann, rückt eine bis dato unbekannte Krankheit in den Fokus der Öffentlichkeit: AIDS. Auch in seinem nahen Umfeld erkranken und sterben viele Freunde und Bekannte. Rooney ist schockiert und kann nicht fassen, dass sein Leben von heute auf morgen zerfällt. Als er nach langer Suche endlich einen Job bei Barnes & Noble erhält, scheint ein wenig Ruhe einzukehren, doch kann er seine alte Luxus-Existenz so einfach hinter sich lassen?

    Eine eindrucksvolle Zeitreise ins dekadente Wall Street Business der 80er Jahre

    Mit seinem neuesten Werk Wenn Prinzen fallen ist Robert Goolrick ein einzigartiger Roman über das Schicksal eines erfolgsverwöhnten Traders im Manhattan der glorreichen 80er Jahre gelungen. Mittels Rooneys Lebensgeschichte, die im Ablauf einem griechischen Drama gleicht – Aufstieg, Hybris, Absturz und Katharsis – versetzt uns der Autor zurück in eine Ära, die zwar von Überfluss und viel Glanz und Glitter geprägt, deren Untergang aber bereits vorprogrammiert war. Der wehmütige Rückblick des geläuterten Protagonisten ist nicht ohne Scham und Reue, die jedoch für die Menschen, die er benutzt und weggeworfen hat, viel zu spät kommt. Gerne würde er um Verzeihung bitten, doch kaum jemand möchte noch etwas mit ihm zu tun haben. So bleibt ihm nur die Einsamkeit und die Erinnerung an bessere Zeiten. Selbstmitleid wäre hier allerdings fehl am Platz – das ist Rooney nur allzu bewusst.

    Von seinem Prinzenleben ist ihm lediglich immens teure Bettwäsche geblieben, die er als Andenken an seine Glanzzeiten aufbewahrt. Auch seinen exklusiven Kleidungsstil hat er beibehalten, was ihn zu einem Paradiesvogel bei Barnes & Noble macht. Doch sein altes Leben lässt sich eben nicht wie eine zweite Haut abstreifen, was auch er letzten Endes schmerzlich erkennen muss. Es gibt kein Zurück, aber einen Neubeginn, der – so gewöhnungsbedürftig er auch immer sein mag – ganz banal impliziert, dass das Leben auch nach einem Höllensturz weitergeht.

    Mein Fazit: Ein brillanter Roman und Must Read – überaus lesenswert!

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