Saralonde

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    Cover des Buches Die Geschichte der legendären Länder und Städte9783423348560

    Bewertung zu "Die Geschichte der legendären Länder und Städte" von Umberto Eco

    Die Geschichte der legendären Länder und Städte
    Saralondevor 4 Jahren
    Interessant, aber etwas schulmeisterhaft

    „Hier interessieren uns jedoch Länder und Örtlichkeiten, an die sich heutzutage oder in der Vergangenheit Hirngespinste, Utopien und Illusionen geknüpft haben, weil viele Menschen wirklich glaubten, dass sie irgendwo existierten oder existiert hätten.“ So erklärt Umberto Eco die Intention eines seiner letzten Werke im Vorort. Ein äußerst spannendes Thema, das mich mit hohen Erwartungen an dieses Sachbuch herangehen ließ. Das Buch ist in 15 Kapitel untergliedert, die sich beispielsweise mit den Ländern der Bibel, Atlantis, Mu und Lemuria oder dem Schlaraffenland beschäftigen. In jedem Kapitel finden sich unterstrichene Begriffe, zu denen am Ende des jeweiligen Kapitels ein Quellentext zu finden ist. Und damit sind wir schon bei meinem ersten Kritikpunkt: So interessant die Quellentexte auch sind, erschweren sie dennoch den Lesefluss, denn sie sind teilweise zusammen länger als das eigentliche Kapitel und auch häufig nicht sonderlich zugänglich. Das hat mich bei der Lektüre ziemlich gestört. Gut gewählt und sehr schön anzusehen ist das umfangreiche Bildmaterial zu den einzelnen Themen.

    Was mir außerdem negativ aufgefallen ist: Ecos Schilderungen sind mir zu lehrbuchartig. Es fehlt eine gewisse Begeisterung, die der Leser bei dem Thema erwartet. Bei mir hat dies dazu geführt, dass ebenfalls keine richtige Begeisterung aufkommen mochte, wenn mich auch einige Themen, insbesondere zu den Ländern Homers und zu Atlantis, wirklich brennend interessieren. Zwei Wochen nach der Lektüre des Buches muss ich feststellen, dass eher wenig hängengeblieben ist. Nichtsdestotrotz sind die Schilderungen interessant und haben das eine oder andere Mal Erstaunen bei mir ausgelöst. Unglaublich etwa, dass es immer noch Menschen gibt, die daran glauben, dass das Erdinnere von einer uns unbekannten Spezies bewohnt wird!

    „Die Geschichte der legendären Länder und Städte“ ist ein schönes und interessantes Buch, das die Belesenheit seines Autors widerspiegelt, dem jedoch etwas fehlt, um den Laien zu begeistern.

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    Cover des Buches Orphan Train: A Novel by Kline, Christina Baker (2013) Paperback9780062278296

    Bewertung zu "Orphan Train: A Novel by Kline, Christina Baker (2013) Paperback" von

    Orphan Train: A Novel by Kline, Christina Baker (2013) Paperback
    Saralondevor 4 Jahren
    Der Zug der Waisen

    New York, 1929: Die kleine Niamh ist das älteste Kind einer irischen Auswandererfamilie. Nach einem Unglück, bei dem sie ihre Familie verliert, wird sie von einer Hilfsorganisation zusammen mit zahlreichen weiteren Kindern jeden Alters in einen sogenannten Waisenzug gesetzt, der sie zu aufnahmebereiten Familien weiter im Westen des Landes bringen soll. Leider sehen viele potentielle Adoptiveltern die Kinder eher als billige Arbeitskräfte oder gar als Arbeitssklaven. Auch Niamh, deren Name zu unaussprechlich für amerikanische Ohren ist, hat es sehr schwer. Maine 2011: Die sechzehnjährige Molly lebt als Pflegekind bei wenig verständnisvollen Adoptiveltern. Nach einem Vorfall in der Schule wird sie zur Leistung von Sozialstunden verdonnert. Sie soll in einem großen Anwesen einer alten Dame namens Vivian beim Aufräumen des Speichers helfen. Vivian, die einmal Niamh hieß, beginnt Molly ihre Geschichte zu erzählen.

    Christina Baker Kline bedient sich in ihrem Roman eines Erzählschemas, das derzeit besonders beliebt ist: dem Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Gut gemacht, mag ich diese Erzählweise. Die Geschichte der jungen Niamh bzw. Vivian ist spannend erzählt und schockierend angesichts der Ausbeutung der Kinder und der schreienden Ungerechtigkeit. Als Vivian schließlich erwachsen ist, schreitet mir die Handlung jedoch zu schnell voran, was auch daran liegt, dass der interessanteste Teil der Geschichte zu diesem Zeitpunkt bereits erzählt ist. Die Autorin hätte sich hier vielleicht ganz auf Vivians Kindheit konzentrieren sollen, dann hätte allerdings eine kleine Liebesgeschichte gefehlt, die eingeflochten ist und vielen Lesern vielleicht wichtig ist.

    Die in der Gegenwart ablaufende Geschichte hat mir ebenfalls gefallen, die junge Molly hat ihre Ecken und Kanten, was sie aber erst recht sympathisch macht. Ihr leiblicher Vater ist Angehöriger eines Stammes der nordamerikanischen Ureinwohner und mir hat gefallen, wie Molly in ihrer Schularbeit Vivians Schicksal mit den Traditionen ihres Volkes in Verbindung bringt.

    Das Buch ist in einer angenehmen Sprache geschrieben und liest sich sehr flott.

    Solide Unterhaltungsliteratur mit spannendem und bisher selten thematisiertem historischem Hintergrund.

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    Cover des Buches Siebentürmeviertel9783462047646

    Bewertung zu "Siebentürmeviertel" von Feridun Zaimoglu

    Siebentürmeviertel
    Saralondevor 4 Jahren
    Siebentürmeviertel

    Wolf ist sechs Jahre alt, als sein Vater mit ihm 1939 vor den Nazis nach Istanbul flieht. Sie wohnen bei der Familie von Abdullah Bey, einem einflussreichen Bewohner des Siebentürmeviertels, in dem Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen leben. Wolf lebt sich schnell ein und obwohl viele ihn „Arier“ oder „Hitlersohn“ nennen, fühlt er sich dem Siebentürmeviertel bald stärker verbunden als seiner deutschen Heimat.

    Nein, es war kein Coverkauf, auch wenn ich das Cover für mich persönlich zum schönsten des Jahres 2015 erkoren habe. Eine umgekehrte Migration, Deutsche, die in die Türkei auswandern, im Jahr 1939? Das klingt definitiv spannend. Und tatsächlich ist das Buch sehr interessant. Auf nahezu 800 Seiten entführt uns Feridun Zaimoglu in eine exotische Welt, geprägt von Konflikten bezüglich der Religion und Herkunft der Bewohner, Blutrache und Familienehre. Ich hatte Probleme, mich in diese Denkweise einzufinden, die auch der junge Wolf bald übernimmt. Daher viel mir die Lektüre des Buches nicht ganz leicht, sie war etwas mühsam. Es war auch etwas schwierig, den Überblick über die zahlreichen Nebencharaktere, ihre Eigenschaften,  ihre Herkunft und ihre Familienverhältnisse zu behalten, ohne das Personenverzeichnis am Ende wäre ich verloren gewesen, obwohl ich normalerweise selten Probleme mit einer großen Zahl von Charakteren habe. Die Erzählweise ist eher episodenhaft, es gibt zwar einen roten Faden, der jedoch relativ spät einsetzt und nicht sehr stark ausgeprägt ist. Die Sprache ist sehr variabel, trägt passagenweise Züge eines Prosagedichtes, da des Öfteren aus dem Werk eines fiktiven Dichters zitiert wird.  Dies erschwert die Lektüre insbesondere kombiniert mit dem Fehlen von Anführungszeichen, das es manchmal schwierig macht, den jeweiligen Sprecher zu identifizieren. (Können wir bitte wieder Anführungszeichen in der Hochliteratur einführen? Welchen Sinn soll das Weglassen eigentlich haben, entgeht mir da was?) Auch die ganze Thematik um Ehre und Rache prägt die Sprache des Buches, die Wortwahl der Charaktere. Mehr als einmal fand ich es schwer zu glauben, dass ein Kind sich wirklich so verschnörkelt ausdrücken würde, auch wenn die Sätze sprachlich sicherlich wunderschön sind. („Du bist kalt wie ein Grabstein im Regen“ (Seite 67), „… Soll ich mich in den Brunnenschacht stürzen, in die tiefe Grube, sollst du, Bruder, weil deine Schöne ungeküsst bleibt, sollst du also deshalb die Scherbe ergreifen, soll die Scherbe dich zehn Mal beißen, ich Deutschblut, du Türkenstolz, sind wir die Brut, die das Pack jagt, was fliehen wir vor den Hyänen… (Seite 379))

    Trotz dieser Aspekte, die ich als störend empfand, bin ich froh das Buch gelesen zu haben, denn seine Stärke ist es, den Leser in das bunte Treiben im Siebentürmeviertel zu versetzen, dessen besondere Kultur sehr lebendig beschrieben wird.

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    Cover des Buches Und du bist nicht zurückgekommen9783862315956

    Bewertung zu "Und du bist nicht zurückgekommen" von Marceline Loridan-Ivens

    Und du bist nicht zurückgekommen
    Saralondevor 4 Jahren
    Die Qual der Überlebenden

    Die 15-jährige Marceline wird 1943 gemeinsam mit ihrem Vater nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ihr Vater sagt ihr, sie sei jung und werde anders als er selbst zurückkehren. Dass er Recht behalten soll, wird ihr gesamtes Leben prägen.

    Dieses ist ein kurzes, aber besonders einprägsames Buch. Die französische Regisseurin Marceline Loridan-Ivans schildert nicht nur ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen, wo ihre Befreiung stattfand, sie erzählt uns, wie schrecklich die Tatsache des Todes ihres Vaters im KZ oder auf einem der Todesmärsche für sie war und wie unerträglich, im Gegensatz zu ihm und vielen anderen überlebt zu haben. Sie wird Auschwitz nie wirklich verlassen, durch geringste Auslöser werden Verhaltensmuster aus der Zeit reaktiviert.

    Kein Geschichtsbuch kann das Grauen des KZs dem Leser näherbringen als die Worte einer Überlebenden, die Ohnmacht, als sie zur Arbeit in der Umgebung der Todesöfen gezwungen wird, als sie immer wieder Zeugin wird, wie Neuankömmlinge direkt aus den Zügen in Richtung der Gaskammern laufen müssen. Der regelrecht animalische Überlebensdrang, den sie beinahe widerwillig erfährt.

    Die wunderbare, pointierte Sprache der Autorin macht das Werk zu einem besonders eindringlichen Zeugnis des Holocaust.

    Iris Berben liest mit aller Einfühlsamkeit und bringt die großartige Sprache sehr gut zur Geltung.

    Ein besonders empfehlenswertes Hörbuch.

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    Cover des Buches A Little Life9780804172707

    Bewertung zu "A Little Life" von Hanya Yanagihara

    A Little Life
    Saralondevor 4 Jahren
    Schade

    4 junge Universitätsabsolventen, die auf dem Campus zusammenwohnten, sind enge Freunde geblieben und versuchen ihr Glück in New York. JB möchte als Künstler groß herauskommen, Malcolm arbeitet als Architekt, Willem will Schauspieler werden, muss sich aber vorerst als Kellner verdingen, und Jude ist Jurist. Willem und Jude haben sich gemeinsam ein billiges Appartement gemietet und stehen sich besonders nahe. Der unbekannte Faktor ist Jude. Wie Willem ist er Waise, doch niemand weiß etwas über seine Herkunft, und er leidet unter sogenannten Episoden, starken Schmerzanfällen, aufgrund einer dubiosen Verletzung aus Teenagerjahren kann er außerdem nicht gut laufen. Wir werden die vier Freunde bis in ihre Fünfziger begleiten.

    Der Fokus von Hanya Yanagiharas vielgepriesenem und für mehrere Preise nominierten Romans liegt also eindeutig auf Jude, der ganz offensichtlich eine schwierige und von Gewalt und Missbrauch geprägte Kindheit hatte. Im Laufe des Romans erfährt der Leser stückchenweise, was ihm widerfahren ist. Bei der Länge des Buchs bedeutet das, dass lange Unklarheit herrscht, wohl um Spannung zu erzeugen, aber soviel kann ich sagen: Judes Schicksal ist grausam und Triggerwarnungen für körperliche Gewalt, Missbrauch und Selbstverletzung sind angebracht.

    Judes Freunde ahnen natürlich wage, dass Jude wohl misshandelt wurde, wissen jedoch nichts Genaues. Im Laufe der Zeit nehmen Judes körperliche Beschwerden zu und auch andere Folgeerscheinungen seines Traumas äußern sich aufgrund bestimmter Geschehnisse immer stärker.

    Die Frage ist, ob Jude jemals ein nicht nur nach außen hin normales Leben führen können wird.

    Ich wusste bereits vor der Lektüre bzw. dem Anhören des Hörbuchs aus verschiedenen Quellen, dass die Autorin in einem Interview zugegeben hat, dass sie den Leser mit einer möglichst qualvollen Geschichte manipulieren wollte. Ich war jedoch durchaus offen und die erste Hälfte oder das erste Dreiviertel des Buches hätte von mir durchaus eine Vier-Sterne-Wertung erhalten können. Die Charaktere sind sympathisch und einnehmend und aufgrund Judes unbekannter Geschichte bleibt die Spannung stets erhalten. Ich habe mit Jude mitgelitten und auch mit seinen Freunden. Die Darstellung der Folgen von körperlichem und seelischem Missbrauch fand ich glaubhaft, es wird sehr gut nachvollziehbar beschrieben, wie es dazu kommen kann, dass ein Mensch sich selbst hasst und verletzt. Die Sprache ist dabei sehr gefällig, wirklich gut zu lesen und teilweise ein Genuss.

    Im späteren Verlauf des Buches geschehen jedoch Dinge, die einfach zu viel des Guten sind. Tatsächlich wurde immer offensichtlicher, was Hanya Yanagihara da vorhatte, das war in meinen Augen auch ohne Kenntnis ihrer Aussage zur Lesermanipulation abzusehen. Ich habe gemerkt, wie ich emotional abgeschaltet habe, nur noch auf die nächste und die darauf folgende Katastrophe wartete, ich konnte die Geschehnisse und Judes Leiden nicht mehr ernst nehmen. Diese leichte Gleichgültigkeit steigerte sich aufgrund der Länge des Buchs immer mehr zu Ärger – und das Buch begann, mich zu langweilen. Ich konnte den Ausdruck „I’m so sorry“ irgendwann nicht mehr hören. Zuletzt war ich nur noch froh, als das Buch endlich zu Ende war und ich es abhaken konnte, wie es enden würde, war ohnehin klar.

    Ich vergebe knappe 2,5 Sterne für die zunächst eindringliche Charakterisierung eines Missbrauchsopfers, für die Darstellung von Freundschaft und schöne Sprache.

    Der Sprecher Oliver Wyman liest sehr pointiert, differenziert, da habe ich wenig zu kritisieren, außer, dass er es gegen Ende auch ein wenig übertreibt.

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    Cover des Buches Sarah Thornhill9780857865342

    Bewertung zu "Sarah Thornhill" von Kate Grenville

    Sarah Thornhill
    Saralondevor 4 Jahren
    Okayish

    New South Wales, Australien, im 19. Jahrhundert. Sarah ist die jüngste Tochter des ehemaligen Sträflings William Thornfield und Protagonisten aus „Secret River“. Die Familie lebt in einem bescheidenen Wohlstand, doch Sarah ahnt nicht, was ihr Vater getan hat, um diesen Wohlstand zu erreichen. Als Jugendliche verliebt sich Sarah in den Halb-Aborigine Jack, doch die junge Liebe steht unter schlechten Zeichen.

    Ich hatte sehr befürchtet, dass diese Fortsetzung von „Secret River“, das mir gut gefallen hat, sich als kitschiger und überdramatisierter Liebesroman entpuppen würde. Doch glücklicherweise ist sie das nicht. Ja, es geht zunächst viel um die Liebe, doch der Schwerpunkt des Romans verlagert sich in seinem Verlauf. Mir gefiel nicht so sehr, dass dieser Roman sich sehr auf seine Protagonistin konzentriert, doch auch diesbezüglich ändert sich das Buch etwa ab der Hälfte – nun wird wie in „Secret River“ das Unrecht thematisiert, das den Aborigines angetan wurde. Kate Grenville gelingt dies allerdings weniger überzeugend als im ersten Roman, auch die Auflösung am Ende ließ mich eher kalt. Sarahs Jammereien um ihre frühere Liebe sind etwas nervig.

    Am meisten interessiert haben mich an dem Buch die Beschreibungen von Australien im 19. Jahrhundert, die allerdings nicht so viel Platz einnehmen wie in Buch 1.

    Das Buch liest sich sehr gut und schnell, die Sprache ist einfach. Sarah fungiert als Ich-Erzählerin, sie kann weder lesen noch schreiben und drückt sich auch sehr einfach aus. Dies ist ein weiterer Kritikpunkt, den ich habe, eine Erzählweise in der dritten Person mit einer etwas ausgefeilteren Sprache hätte dem Buch sicher gut getan. Den Dialekt bzw. die einfache Sprechweise hätte man immer noch in den Dialogen darstellen können.

    Eine Fortsetzung, die sich gut liest, aber nicht an ihren Vorgänger heranreicht. Ganz nett, aber nicht mehr.

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    Cover des Buches Armut ist ein brennend Hemd9783847905936

    Bewertung zu "Armut ist ein brennend Hemd" von Annegret Held

    Armut ist ein brennend Hemd
    Saralondevor 4 Jahren
    Wunderbar

    Im Westerwald, 1806. Finchen ist elf Jahre alt und die älteste Tochter ihrer großen Familie. Somit ist sie für die Betreuung ihrer jüngeren Geschwister zuständig und harte Arbeit gewohnt. Es herrscht große Armut im Dorf und so sind große Träume sehr bescheiden: ein Paar Schuhe, das wäre das Größte für Finchen. Als Erwachsene hat sie selbst eine große Familie, doch die Zeiten sind schlecht: Die Landwirtschaftstechniken sind noch unausgereift und die Kartoffelfäule sorgt für Hungersnöte mit vielen Toten. Und manch ein Einwohner des Dorfes sieht keinen anderen Ausweg, als manche seiner Kinder gegen Bezahlung fahrenden Händlern mitzugeben, damit sie Geld verdienen können.

    Finchen ist keine fiktive Figur, sondern die Ur-Ur-Ur-Großmutter der Autorin Annegret Held. Um ihre Lebensdaten und die ihrer Familie konstruiert Annegret Held eine plausible Lebensgeschichte, die von harter Arbeit und Armut, aber auch Glück angesichts bescheidener Erfolge geprägt ist. Es ist kein Bauernidyll, das wir vorfinden, viele Kinder überleben nicht, der Adel reißt Wälder an sich, die die Dörfler zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts dringend brauchen und die, die es ganz übel trifft, sind sogar noch Leibeigene. Eine Frau, die mit 45 stirbt und viele Kinder geboren hat, hat ein schönes Alter erreicht. Man möchte so manchen heutigen Jugendlichen, die bei Primark einen „Haul“ nach dem anderen tätigen, dieses Buch zu lesen geben: So eine Westerwälder Tracht, das war etwas ganz Wertvolles, das man nur zu den größten Anlässen trug, denn sie musste schließlich 30 Jahre halten! Bis zum Tod also. Fine ist ein aufgewecktes Kind, das etwas über die Welt erfahren möchte, aber sie hat keine Chance, denn Bildung für Frauen ist absolut verpönt und Lehrer ein unangesehener Beruf. Die Geschichte von Fines Kindheit und Jugend habe ich aufgesogen wie ein Schwamm, parallel bei Wikipedia recherchiert, „Nervenfieber“, „welche Krankheit ist denn das?“, aha, Typhus, eine gängige Seuche zu dieser Zeit im Westen Deutschlands. Ich habe es schon oft gesagt und sage es wieder: Solche Geschichten fesseln mich am meisten, das Leben einfacher Leute in vergangenen Zeiten. Als Fine älter wird und ihre eigenen Kinder heranwachsen, steht die jüngste Tochter Bettchen im Vordergrund. Dies ist die Zeit der besonders großen Hungersnöte durch die Kartoffelfäule. Viele Kinder gehen wie bereits erwähnt mit fahrenden Händlern auf Reise. Diese Geschichten haben mich nicht ganz so stark gefesselt wie die reine Dorfgeschichte, jedoch fand ich auch diesen Teil des Buchs noch sehr interessant. Finchen ist für mich als Charakter stärker als Bettchen, daran mag meine etwas nachlassende Begeisterung gelesen haben.

    Die Sprache des Buchs ist schnörkellos, den Lebensumständen angepasst, Dialoge werden im Westerwälder Dialekt wiedergegeben, der sich jedoch recht einfach liest. Ich hatte hierbei natürlich den Vorteil, als Saarländerin den moselfränkischen Dialekt recht gut zu kennen (den ich selbst allerdings nicht spreche), von dem der Westerwälder Dialekt eine Spielart ist.

    An manchen Stellen des Buches blitzt ein trockener Humor auf, der mir sehr gefallen hat.

    Fazit: Ein Buch nach meinem Geschmack. Ich freue mich schon darauf, „Apollonia“ zu lesen, einem weiteren Heimatroman der Autorin, in dem es um ihre Großmutter geht.

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    Cover des Buches The Eyre Affair1435282035

    Bewertung zu "The Eyre Affair" von Jasper Fforde

    The Eyre Affair
    Saralondevor 4 Jahren
    Genial!

    Wir schreiben das Jahr 1985 in einem etwas anderen London, in dem Literatur eine viel größere Rolle spielt als in unserer Welt und immer noch der Krimkrieg zwischen England und Russland andauert. Das Originalmanuskript von Dickens‘ „Martin Chuzzlewit“ wurde gestohlen. Die Literaturpolizei LiteraTec vermutet niemand anderen hinter dem Diebstahl als den genialen Gauner Acheron Hades. LiteraTec-Detective Thursday Next hat bei dem früheren Professor studiert und wird daher als Expertin für den Fall angeheuert. Als eine Nebenfigur aus „Martin Chuzzlewit“ verschwindet, ahnt sie, was Hades vorhat: Er hat eine Möglichkeit gefunden, in das Skript einzudringen und will den Staat unter Androhung der Ermordung der Hauptfigur erpressen… Nicht auszudenken, was aus dem Roman würde ohne seine Hauptfigur.

    Jasper Ffordes Erstling ist vor allem aufgrund seiner Ansiedelung in einer Parallelwelt etwas ganz Besonderes. Jedem literaturaffinen Leser wird allein die Tatsache, dass Literatur und Kunst in dieser Parallelwelt immens wichtig sind, enormes Vergnügen bereiten. Es ist einfach herrlich, dass sich hier nicht Fußball-Hooligans bekriegen, sondern Raphaelisten und Neo-Surrealisten. Und so manches literarische Werk, etwa „Jane Eyre“, das wie der Titel schon sagt eine entscheidende Rolle spielt, oder „Love’s Labour’s Won“ (!) hat ein anderes Ende als bei uns…

    Ich verneige mich vor Jasper Fforde. Die Konstruktion dieser Welt ist einfach genial und erlaubt ein Kriminalstück, wie es in einer „normalen“ Welt nicht denkbar wäre. Das auch mich fesseln kann, die herkömmliche Krimis (meistens) langweilig findet. Die ganzen literarischen Anspielungen machen einfach einen Riesenspaß. Auf Seite 286 gibt es beispielsweise einen Detective Inspector Oswald Mandias, was sicherlich auf das berühmte Gedicht „Ozymandias“ von Percy Bysshe Shelley anspielt. Ich muss auch mal im Internet nachforschen, was mir da wohl alles entgangen ist.

    Auch Zeitreisen sind in diesem kuriosen Paralleluniversum möglich, was einige sehr komische Folgen hat. Wollt ihr zum Beispiel wissen, woher die Banane kommt? Dann müsst ihr dieses Buch lesen.

    Thursday Next ist eine sympathische Heldin, der ich gerne in weitere Bücher folgen werde. Die restlichen Charaktere sind teilweise ein bisschen klischeehaft, etwa der geniale Bösewicht, was aber angesichts der ganzen Literaturbezüge nicht stört, sondern im Gegenteil nur konsequent ist.

    Einen kleinen Abzug gibt es von mir für die Liebesgeschichte, die ist schon ein wenig kitschig und für mich stellenweise auch nervig (es geht mal wieder um Vergebung), aber sie drängt sich nicht in den Vordergrund und tut dem Vergnügen, das dieses Buch bereitet, keinen Abbruch.

    Herrlich!

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    Cover des Buches Der goldene Handschuh9783864843310

    Bewertung zu "Der goldene Handschuh" von Heinz Strunk

    Der goldene Handschuh
    Saralondevor 4 Jahren
    Ekelhaft, aber brillant

    Hamburg in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: In der Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ trinken Menschen vom Rand der Gesellschaft, oft bis zur Besinnungslosigkeit: Das Lokal hat 24 Stunden täglich geöffnet. Unter ihnen der Werftarbeiter Fritz Honka, genannt Fiete – immer auf der Suche nach Frauen, jedoch leicht entstellt, lassen sich nur alte, obdachlose Prostituierte mit dem Alkoholiker ein. Er nimmt sie in seine Wohnung mit, beherbergt sie eine Weile, dafür will er Sex und die totale Macht über die Frauen, die seine Brutalität nur aus purer Not erdulden. Irgendwann überschreitet er jedoch eine Grenze, als eine Frau nicht spurt, wie er das will, er schlägt jetzt nicht mehr nur zu, sondern tötet in einem Wahn aus Hass.

    Ich war vorgewarnt, als ich dieses Hörbuch gekauft habe, wusste, es ist zeitweise widerlich, schwer zu ertragen. Dennoch war ich neugierig – und bereue nicht, das Buch gehört zu haben. Ja, es ist wirklich widerlich, ekelhaft, Heinz Strunk zeigt uns schonungslos, wie verwahrlost und verkommen der Mensch sein kann, sowohl im physischen als auch im seelischen Sinne. Beim Essen sollte man dieses Buch nicht lesen. Fritz Honka wurde Gewalt angetan und er übt sie irgendwann selbst aus, scheitert immer wieder an Versuchen, ein „ordentliches“ Leben zu führen, was ihn immer tiefer in die Spirale aus Suff, Hass und Gewalt treibt. Ebenso roh und gewaltgeladen ist die Sprache, die Sprache der untersten Hamburger Gesellschaftsschichten, was jedoch nicht bedeutet, dass das Buch gänzlich ohne sprachliche Brillanz auskommt – die Fäkalsprache ist gekonnt durchsetzt mit Stilmitteln wie Alliterationen, was einen faszinierenden Effekt hat. Der Frauenmörder Fritz Honka ist der Anti-Held des Romans, doch immer wieder springt Strunk auch in eine ganz andere Gesellschaftsschicht, die der fiktiven Reederfamilie von Dohren. Während uns Strunk also vor Augen führt, wie aus einem Menschen ein regelrechtes Monster wird, zeigt er uns anhand der Mitglieder dieser wohlhabenden Familie, dass Verzweiflung und Verkommenheit keinesfalls auf einen niedrigen sozialen Status beschränkt sind. So wird das Buch zu einem Meisterwerk, zwingt uns, die Welt aus den Augen dieser Verkommenheit zu sehen und das Verbrechen nicht zu entschuldigen, aber zu verstehen.

    Das macht den Roman zu einem wirklich lesenswerten Buch, das im Leser lange nachwirkt.

    Zum Hörbuch: Heinz Strunk liest sein Buch selbst, mit offensichtlicher, nun, „Begeisterung“ ist wohl das falsche Wort, aber er lebt sein Buch. Ein wenig muss man sich an seine Sprechweise gewöhnen, doch dann wird man von ihr mitgerissen. Verschiedenen Personen gibt er ganz individuelle, sehr zum Milieu passende Stimmen, den Dialekt setzt er perfekt um.

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    Cover des Buches Als ich ein kleiner Junge war9783855353781

    Bewertung zu "Als ich ein kleiner Junge war" von Erich Kästner

    Als ich ein kleiner Junge war
    Saralondevor 4 Jahren
    Eine Kindheit im Dresden des frühen 20. Jahrhunderts

    Der Junge, aus dem einmal der berühmte Kinderbuchautor und Dichter Erich Kästner werden sollte, wurde 1899 in Dresden geboren und ist auch dort aufgewachsen. In diesem schönen Buch erzählt er von seiner Kindheit und frühen Jugend. Besonders liebevoll erinnert er sich dabei an seine Mutter.

    Kästner beginnt seine Erinnerungen nicht mit seiner eigenen Geburt, sondern erzählt auch von seinen Großeltern. Natürlich berichtet er dabei auch von den Kästners, das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Familie seiner Mutter Ida, den Augustins.

    Das Buch ist sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geeignet, die Sprache ist kindgerecht, Kästner spricht seine jungen Leser direkt an. Auch inhaltlich ist der Band für Kinder angemessen, dabei verzichtet Kästner jedoch keineswegs auf schlimme Aspekte, etwa die suizidalen Tendenzen seiner überarbeiteten Mutter. Er verpackt diese jedoch so gekonnt, dass Kinder gleich verstehen werden: Es war nicht immer alles schön und leicht, aber es wurde alles gut.

    Auch auf seine Heimatstadt geht Kästner ein, wobei sein Schmerz angesichts ihrer Zerstörung im zweiten Weltkrieg offenkundig ist.

    Die Sprache ist wie bereits gesagt kindgerecht und humorvoll, aber nicht anspruchslos. Es fehlt nicht an schönen Formulierungen und stilistischen Mitteln und es sind viele gut verdauliche Lebensweisheiten eingebaut. Besonders schön ist die Beschreibung des ersten Besuchs am Meer:

    „Schillernde Quallen spuckten sie aus, die im Sande zu blassem Aspik wurden. Raunende Muscheln brachten sie mit und goldgelben Bernstein, worin, wie in gläsernen Särgen, zehntausendjahrealte Fliegen und Mücken lagen, winzige Zeugen aus der Urzeit.“ (Seite 197)

    Ein schönes Buch über eine Kindheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sehr zu empfehlen.

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