Schmiesen

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Rezensionen und Bewertungen

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    Cover des Buches Das Meer in meinem Zimmer (ISBN: 9783895613524)

    Bewertung zu "Das Meer in meinem Zimmer" von Jana Scheerer

    Das Meer in meinem Zimmer
    Schmiesenvor 4 Tagen
    Kurzmeinung: Die Tragik der Geschichte liegt nicht im Tod des Vaters, sondern im Zusammenleben mit ihm. Besonders die Sprache beeindruckt.
    Das Drama der psychischen Erkrankung

    Wenn jemand da wäre, um mich zu sehen, dann würde ich vielleicht wieder sichtbar werden.

    Jolandas Vater Pax stirbt nach einer schweren Leukämie-Erkrankung. Ihre Mutter Constanze leugnet Pax Tod und macht weiter, als sei nichts geschehen. Jolandas kleine Schwester Lilli fügt sich bereitwillig in die Lüge, doch Jolanda weiß genau: Pax ist nicht mehr da. Und ist das nicht vielleicht gut so? Immer tiefer taucht sie ab in ihre Erinnerungen an eine Kindheit mit einem manisch-depressiven Künstler als Vater, dessen einzige wahre Liebe einem versunkenen Schiffswrack zu gelten scheint: der Jolande.

    In ihrem neuesten Buch spielt Jana Scheerer geschickt mit unserer Wahrnehmung tragischer Ereignisse. Man könnte meinen, der Tod des Vaters sei hier das Thema, der große Schmerz, den es für Jolanda und ihre Familie zu verarbeiten gilt. Aber eigentlich liegt das Trauma in der Vergangenheit - nach und nach offenbart uns Jolanda die harte Realität des Zusammenlebens mit einem psychisch kranken Vater.

    Dabei wechseln sich die Gegenwarts- und die Vergangenheitsperspektive ab. In der Vergangenheit ist die Geschichte am intensivsten, denn dort lernen wir Pax und seine Verrücktheiten kennen. Er ist besessen von dem Schiffswrack Jolande (sogar seine Tochter hat er danach benannt), kauft eine Pension, die dann nie auch nur einen Gast beherbergt, und fährt zu Schatzsucherkongressen, die  eigentlich Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken sind. Pax ist nicht einfach nur ein überdrehter Künstler - er ist offensichtlich manisch-depressiv, und die Hauptleidtragende ist seine älteste Tochter Jolanda.

    Beinahe noch schlimmer als Pax ist Constanze, die Psychologin-Mutter, die mit ihren eigenen psychischen Problemen und denen ihres Mannes nicht umzugehen weiß. Klar, nur weil jemand Psychologin ist, heißt dass nicht, dass diejenige auch mit ganz persönlichen Lebenskrisen gut umgehen bzw. diese durchschauen kann. Aber Constanze hat schon ein pathologisches Problem, und was sie bei Pax hält ist mir völlig schleierhaft. Statt sich gegen ihn zu wehren und ihre Tochter in Schutz zu nehmen, liefert sie Jolanda dem manchmal völlig durchgedrehten Mann schutzlos aus - und krittelt dann auch noch an ihr herum. Jolanda wird so erzogen, dass ihre eigene Meinung entweder falsch oder eingebildet ist, sie lebt ausschließlich nach dem Gusto ihrer Eltern, versucht verzweifelt, unauffällig zu sein und es ihnen recht zu machen. Dass daraus kein psychisch gesunder Mensch mit einem guten Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen erwachsen kann, ist ja selbstverständlich. Lilli ist ganze 10 Jahre jünger als Jolanda, und auch bei ihr merkt man den Knacks schon. Sie hat ein bisschen was Autistisches, Obsessives, das sie ihrem Vater ähnlich macht.

    In der Gegenwart steht alles Kopf, denn Pax ist gestorben. So völlig einleuchtend waren mir die heftigen Reaktionen der drei nicht direkt, denn wie Jolanda ganz richtig sagt könnten sie ja froh sein, den Tyrannen los zu sein. Außerdem hat sich sein Tod durch die lange Erkrankung eh angekündigt. Aber so einfach ist das eben nicht. Schließlich hat sich die Welt um ihn gedreht, alle drei haben sie sich so verhalten, positioniert und angepasst, dass es ihm wenigstens einigermaßen gut ging. Wenn dieser Fixstern im eigenen Universum plötzlich wegbricht und man völlig auf sich selbst zurückgeworfen ist - dann ist es verständlich, dass man erstmal abdreht. Denn jetzt ist man ja wieder für seine eigenen Wünsche verfügbar und muss Verantwortung dafür übernehmen. 

    Dennoch konnte mich der Gegenwartserzählstrang gerade gegen Ende nicht mehr ganz überzeugen, da mir insbesondere die Schilderung der Null-Tag-Feier (Abifeier) zu surreal und allegorisch angemutet hat. Da taucht der Schlickmergel auf (der Geist aus dem Watt, das ihr Vater so liebte), der Tod, die sieben Zwerge, und alles verkommt zu einer Art Fiebertraum, der Jolanda und die Leserin auch nicht weiterbringt. 

    Ein besonderes Schmankerl dieses Romans ist der Schreibstil. Scheerer schreibt jugendlich-frisch, ein wenig abgedreht und voller Anspielungen. Ich habe sogar manchmal gelacht, wenn eine Metapher besonders schräg geraten ist. Das Lachen ist mir dann aber recht schnell im Hals stecken geblieben, denn zu Lachen gab's in Jolandas Kindheit nun wirklich nicht viel.

    "Das Meer in meinem Zimmer" ist ein melancholischer, tragischer Roman, der die psychische Krankheit der Eltern aus Kindersicht beleuchtet. Es geht nicht unbedingt darum, Verständnis für die kranke Person zu erwecken, sondern das Drama zu schildern, das es bedeutet, mit so jemandem als Erziehungs- und Bezugsperson aufzuwachsen. Kinder können psychische Erkrankungen schließlich nicht zuordnen - für sie ist der Papa dann eben aggressiv, zornig, wütend, traurig; einfach unberechenbar. Mich hat der Roman sehr berührt.

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    Cover des Buches Die Tanzenden (ISBN: 9783492070140)

    Bewertung zu "Die Tanzenden" von Victoria Mas

    Die Tanzenden
    Schmiesenvor 8 Tagen
    Kurzmeinung: Weder spannend noch erhellend, und der Stil zu hauptsatzlastig. Aber irgendwie leicht zu lesen und nicht uninteressant, daher 3 Sterne.
    Erst die Irrenanstalt macht dich irre

    Keine Frau kann je wirklich sicher sein, wegen ihrer Äußerungen, ihrer Eigenart oder ihrer Ideale nicht doch hinter den gefürchteten Mauern im dreizehnten Arrondissement zu landen. Daher sind sie auf der Hut.

    Ende des 19. Jahrhunderts ist die Salpêtrière das wohl berühmteste Krankenhaus in Paris - denn dort leben die geisteskranken Frauen. Weggesperrt von Ehemännern, Vätern, Brüdern, oder der Polizei, vegetieren sie vor sich hin und dienen als Untersuchungs- und Amüsierobjekte. Geneviève ist seit 20 Jahren Krankenschwester in der Salpêtrière, und sie hat schon vor langer Zeit aufgehört, Mitleid oder Empathie mit den Insassinnen zu empfinden. Doch dann wird die offenkundig völlig normale Eugénie eingeliefert, weil sie angeblich mit den Toten redet. Geneviève wird Zeugin dieser Gabe, und danach ist für die Krankenschwester nichts mehr, wie es einmal war.

    Wie in Tolstois "Auferstehung" ist das grobe Motto dieses Romans wohl: "Verrückt ist eigentlich niemand, der hierherkommt, aber spätestens wenn man dann hier ist, wird man verrückt." Victoria Mas inszeniert eine Geschichte rund um drei Frauen, die vor dem historischen Hintergrund der Salpêtrère spielt, der berühmt-berüchtigten Irrenanstalt in Paris. Geneviève ist Aufseherin, Louise seit Kurzem Patientin, und Eugénie hat auf den ersten Blick nichts mit dem Krankenhaus zu tun, aber es ist sehr offensichtlich, wo der Weg für sie hinführen wird - nämlich mitten hinein ins Irrenhaus. Der Roman versucht sich also gewissermaßen an dem bewährten Modell, drei unabhängige Frauenschicksale auf unerwartete Weise miteinander zu verknüpfen - und scheitert daran, da dafür alles zu vorhersehbar ist. Und noch dazu vermischen sich die Perspektiven nach etwa einem Drittel, der auktoriale Erzähler übernimmt die Oberhand und springt mal hierhin, mal dorthin. Das ist wenig überzeugend und lässt die Figuren seltsam platt wirken.

    Dabei sind die Schicksale der Frauen absolut erzählenswert und im Grunde sehr schockierend. Ihnen allen ist gemein, dass ihnen Leid angetan wurde, das niemanden psychisch unversehrt lässt, dass dann aber am Ende sie es sind, die in die Heilanstalt eingewiesen werden - und die eigentlichen Täter (alkoholkranke Eltern, Freier, gewalttätige Ehemänner, etc.) kommen ungeschoren davon. Es ist schon so ein klassisches Männer-Bashing in dem Roman, aber es wird auch ganz deutlich, dass die Wenigsten in dieser Anstalt wirklich verrückt sind. Sie sind einfach nur seelisch schwer verwundet. Und dafür sind die abstoßenden Behandlungsmethoden der Ärzte definitiv nicht die richtige Therapie. Eierstock-Druckmassagen, Hypnose, Ruhigstellung durch Äther und Chloroform. Dabei bräuchten die Frauen eigentlich nur jemanden, der mal mit ihnen redet und sie vielleicht in den Arm nimmt. Die Salpêtrière ist eine Art Müllhalde für alle Frauen, die den Männern (oder ganz allgemein ihrer Umwelt) Angst einjagen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich in einer psychologisch aufgeklärten Welt lebe.

    Es gelingt der Autorin auch hervorragend zu zeigen, dass es in diesem Krankenhaus nicht um Heilung geht. Es geht um Karriere, um einzelne mächtige Männer, um Vorführung und Amüsement. Statt den Frauen zu helfen, müssen sie bei Vorlesungen und Bällen als Studienobjekte herhalten. Mit Blicken und Worten, manchmal mit Schlimmerem, vergehen sich die Mediziner an ihnen. Und sie haben keine Chance, sich zu wehren, denn jedes Aufbäumen wird ihnen als Ausbruch ihrer Krankheit, als Anfall, als Verrücktheit angerechnet. Selbst die normalsten Gefühlsregungen wie Wut und Empörung führen zu tagelanger Isolationshaft.

    Und trotz all dieser schweren und berührenden Themen gelingt es der Autorin nicht, mich mit ihrer Geschichte zu erreichen. Die Figuren bleiben kilometerweise auf Distanz und wirken manchmal beinahe plakativ. Die knallharte Krankenschwester, die nach dem Tod ihrer Schwester niemanden mehr an sich heranlässt. Die aufmüpfige junge Frau aus gutem Hause, die wirklich und wahrhaftig mit den Geistern der Toten kommuniziert. Und das durch Vergewaltigung gebrochene junge Mädchen, das noch immer davon träumt, dass der Ritter auf dem weißen Ross sie erretten wird. Vieles wiederholt sich, aber eigentlich nur an der Oberfläche, sodass man nie wirklich in die Figuren hineinschauen kann. Warum denkt Eugénie zum Beispiel nie an ihre verräterische Großmutter? Warum gibt es Louises Perspektive überhaupt als separaten Strang, jedenfalls am Anfang? War die Einweisung in die Salpêtrière wirklich so willkürlich? Auch der sehr abgehackte, asyndetische Stil, bei dem sich ein kurzer Hauptsatz an den nächsten reiht, hat nicht dazu beigetragen, die Geschichte intensiv zu erleben. Einen Vorteil hat es aber: Das Buch lässt sich schnell und ohne viel Grübelei lesen.

    "Die Tanzenden" thematisiert ein traumatisches Stück Psychologie-Geschichte, in dem wie immer die Frauen die Leidtragenden sind. Auch wenn er manchmal zu plakativ und mit zu hoch erhobenem Zeigefinger daherkam, hat mich der Roman nicht enttäuscht. Ich habe ihn als angenehme, nicht uninteressante Sonntagslektüre empfunden, die mich nicht auf einer tieferen Ebene berühren konnte.


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    Cover des Buches Ein Sonntag mit Elena (ISBN: 9783446267954)

    Bewertung zu "Ein Sonntag mit Elena" von Fabio Geda

    Ein Sonntag mit Elena
    Schmiesenvor 10 Tagen
    Kurzmeinung: Eine ganz leise Geschichte, die zeigt, dass die Toten in unseren Herzen weiterleben und Familien heilen können.
    Familienheilung

    "Mit dem Älterwerden geht vieles verloren." Er reckte den Schildkrötenhals. "Vor allem Dinge, von denen wir nicht wussten, dass wir sie haben."

    Sein ganzes Leben lang war er als Ingenieur in der Welt unterwegs, doch nun ist er in Rente und seit acht Monaten Witwer. An einem herbstlichen Sonntag wagt er sich an die alte Rezeptesammlung seiner Frau und bereitet für seine älteste Tochter und deren Familie eine Festmahl zu. Doch die Enkelin bricht sich den Arm, und er bleibt auf dem vielen Essen sitzen. Bei einem Spaziergang begegnet er Elena und ihrem Sohn Gaston, die er spontan zum Essen einlädt - und diese Begegnung wird nicht nur sein Leben verändern.

    In Fabio Gedas Erzähperspektive muss man sich erst einmal hineindenken: Da berichtet die mittlere Tochter, Giulia, von Ereignissen, die Elena und der mittlerweile tote Vater ihr nach über 10 Jahren erzählen. Es ist also durchaus nicht so, dass wir in diesem leisen Roman hautnah an den Figuren dran sind. Vielmehr erleben wir alles durch Giulias Theater-geschultes Auge, durch die Brille ihrer eigenen Emotionen und Kindheitserinnerungen. Einerseits ist das faszinierend, andererseits nimmt es der Geschichte ein wenig die Eigenständigkeit. Wer weiß schließlich nach 10 Jahren noch genau, was er wie zu wem gesagt hat, welchen Wein sie getrunken haben, um wie viel Uhr alles stattgefunden hat? Es ist anzunehmen, dass die Erzählerin sich vieles ausgedacht hat, es geschickt inszeniert hat, damit wir Leserinnen es für wahr halten. 

    Aber das tut der Geschichte gar nicht unbedingt einen Abbruch. Giulias Kindheitserinnerungen mischen sich unter die Begegnung des Vaters (der irgendwie nie einen Namen bekommt, merkwürdig), und vermitteln ein unscharfes, kindliches Bild davon, wie der Vater vielleicht war. Giulia kreidet ihm seine häufigen Abwesenheiten an, die Geliebte in Venezuela, die Einsamkeit der Mutter, die es karrieremäßig richtig zu etwas hätte bringen können - sich aber ohne Murren ganz der Familie verschrieben hat. Sie erzählt kurz und knackig von ihren Geschwistern, von den Eigenarten des Umgangs miteinander. Aber irgendwie verpasst der Autor es, mir ein genaues Bild der innerfamiliären Spannungen zu liefern. Es sind Eindrücke, flüchtige Begegnungen, im Grunde nichts Ungewöhnliches - man arrangiert sich eben. Und dabei wirkten die Eltern nicht einmal unglücklich. Giulia gibt auch zu, alles immer durch eine inszenatorische Brille wahrzunehmen, Menschen Dinge anzulasten, die eigentlich nur ihrer Fantasie entsprungen sind. Es wird deutlich: So richtig miteinander geredet hat diese Familie wohl nie.

    Der Vater ist dabei gar kein unsympathischer Typ, im Gegenteil. Vor allem nach dem tragischen Tod seiner Frau ist er völlig auf sich zurückgeworfen . allein in einer Wohnung, in der normalerweise drei Kinder und Marcella auf ihn warteten. So hat er sich die Rente nicht vorgestellt. Er wollte all das nachholen, was er in den Zeiten seiner Abwesenheit verpasst hat. Aber genauso läuft das Leben eben nicht, es lässt sich nichts auf später verschieben. Das ist wohl auch die Kernaussage des Romans: Jeder stirbt, alles ist vergänglich, Einsamkeit ist eine Krankheit, und der Tod eines geliebten Menschen kann einem die Seele aus dem Leib reißen. Aber man kann auch weiterleben, egal, wie unerwartet der Tod kam, und eine Familie kann heilen.

    Keinen geringen Anteil an der Heilung von Giulias Familie hat Elena, die trotz des Titels (auf Italienisch übrigens einfach Una Domenica - Ein Sonntag) nur sehr wenig Raum in der Geschichte einnimmt. Giulia berichtet nur von dem einen Sonntagnachmittag, den ihr Vater mit Elena und dem 12-jährigen Gaston verbracht hat, über die späteren Besuche erfährt man nichts. Auch diese kleine Familie hat einige schwere Päckchen zu tragen, und auf ganz subtile Weise helfen sich der Vater und Elena gegenseitig - sie ihm dabei, sich selbst und den anderen zu verzeihen und sich aktiv um seine Familie zu bemühen; er ihr dabei, eine neue berufliche Perspektive zu finden und das Muttersein nicht so eng zu sehen.

    Die Geschichte findet auch einen schönen Abschluss, der erstaunlich rund und klischeefrei daherkommt. Das Buch lässt sich wunderbar leicht lesen, einige Gedanken sind einen zweiten Blick wert, und das feine Happy End (trotz diverser Todesfälle, die die Geschichte thematisiert) hinterlässt ein warmes Gefühl. Dennoch würde ich nicht sagen, dass die Geschichte bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird - dafür war sie einfach zu unkonkret. Ein schönes Sommerbuch für einen entspannten Sonntag.

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    Cover des Buches Ich bleibe hier (ISBN: 9783257071214)

    Bewertung zu "Ich bleibe hier" von Marco Balzano

    Ich bleibe hier
    Schmiesenvor 14 Tagen
    Kurzmeinung: Ein sehr interessanter und großteils berührender Ausflug in die südtirolische Geschichte. Nur am Ende wurde es mir zu abgehackt.
    Die Auslöschung der Heimat

    Niemand kann verstehen, was sich unter den Dingen verbirgt. Niemand hat Zeit, stehen zu bleiben und um das zu trauern, was gewesen ist, als wir nicht da waren. Vorwärts gehen, wie Mutter zu sagen pflegte, das ist die einzige Richtung, die erlaubt ist.

    Trina wächst in einem idyllischen Bergdorf in Südtirol auf, nahe der Grenze zu Österreich und der Schweiz. Doch die Zeiten sind hart und werden noch härter, als die Faschisten in Italien die Macht ergreifen und die deutschsprachige Minderheit in Südtirol vor die Wahl gestellt wird: Entweder nach Nazideutschland auswandern, oder als Bürger zweiter Klasse in Italien bleiben. Trina entscheidet sich zu bleiben. Und auch Jahre später, als ein Energiekonzern entscheidet, für einen Stausee Dörfer und Felder zu überfluten, bleibt sie - und kämpft für den Erhalt ihrer Heimat.

    Balzano hat sich mit Südtirol an eine Problemregion im Herzen Europas herangewagt. Grenzgebiete liefern immer viel Stoff für Geschichte(n), denn die Bevölkerung ist meistens durchmischt oder entspricht nicht der "Standardethnie" der Nation, zu der das Gebiet gehört. Im Falle Südtirols kommt erschwerend hinzu, dass es eigentlich zu Österreich gehörte und zum Zeitpunkt der Geschichte erst seit Kurzem an Italien angegliedert ist, Die Südtiroler sprechen kein Italienisch, die Italiener und v.a. die Faschisten betrachten sie als Bürger zweiter Klasse. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Aber wie hart die Faschisten vorgingen, das war mir nicht bekannt. Deutsch sprechen und unterrichten wurde verboten, von heute auf morgen. Deutschsprachige Lehrerinnen fanden keine Anstellung, deutschsprachige Angestellte und Beamte wurden gefeuert. Es fand eine regelrechte Italianisierung statt. Die Dynamiken und Strömungen in der Bevölkerung schildert Balzano mit viel Einfühlungsvermögen, und er erklärt sehr anschaulich, wie es zu den vielen unterschiedlichen Meinungen und den scheinbar widersprüchlichen Haltungen und Anfeindungen kommen konnte. Er macht klar: Der Faschismus ist ein Krebsgeschwür, das jede intakte Gesellschaft zu zerstören vermag.

    Das Leben unter solchen Bedingungen, in einer eh schon abgeschiedenen Bergregion, ist natürlich besonders hart. Doch Trina ist eine wahrhaft starke Heldin. Durch all die schweren Zeiten bewegt sie sich mit erstaunlicher Gelassenheit, und das Einzige, das ihr wirklich etwas anhaben kann, ist das urplötzliche Verschwinden ihrer Tochter. Dieses bedingt auch die ungewöhnliche Erzählform des Romans: Trina schreibt eine Art langen Brief an ihre Tochter Marica, die sie immer wieder mit "Du" anspricht. Das verleiht der Geschichte eine tiefere Ebene, die man schnell übersehen kann.

    Gleichzeitig ermöglicht diese Art des Erzählens Trina eine relativ starke Distanzierung von den Geschehnissen. Zwar ist der Roman durchaus berührend, aber nie herzduselig oder -schmerzig. Obwohl so viel Tragisches passiert, lässt Trina die Leserin nie allein mit der Verwirrung und den Schmerzen, sondern nimmt sie behutsam an die Hand und führt sie durch diese harten Lebensabschnitte. 

    Am Ende steht dann natürlich noch der Bau des Staudamms, der das Dorf schon seit Erzählbeginn bedroht wie ein Damoklesschwert. Hier gelingt es dem Autor sehr gut, die Ignoranz und blinde Gottesfürchtigkeit (und die damit verknüpfte Handlungsunfähigkeit) darzustellen, mit der die Bewohner dem Bauunternehmen begegnen (verkörpert durch den Mann mit Hut). Der Schmerz von Trinas Ehemann Erich wird erlebbar, und nach und nach bekommt man ein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn die eigene Heimat überflutet wird - es ist nicht einfach nur ein Abriss, nicht einfach nur ein Wegzug, es ist die endgültige materielle Auslöschung der eigenen Vergangenheit. Dennoch gelingt es Bolzano im letzten Abschnitt des Buches nicht vollständig, mich abzuholen, da die Geschehnisse fast wie im Zeitraffer erzählt werden, während z.B. die Flucht vor den Deutschen äußerst ausführlich geschildert wird. Aber vielleicht kennzeichnet ja gerade das den furchtbaren Verlust, den Trina und Erich erleiden: Dass Trina kaum darüber schreiben kann, dass sie es schnell hinter sich bringen will.

    Balzano gelingt es in seinem neuesten Buch, auf großartige Weise historische Fakten mit einer fiktiven, aber dennoch authentischen Individualgeschichte zu verknüpfen. Genauso könnte es gewesen sein in Graun, dessen Name schon für sich spricht, egal wie idyllisch die Landschaft auch sein mag.

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    Cover des Buches Harry Potter and the Prisoner of Azkaban (ISBN: 9780747586517)

    Bewertung zu "Harry Potter and the Prisoner of Azkaban" von Joanne K. Rowling

    Harry Potter and the Prisoner of Azkaban
    Schmiesenvor 18 Tagen
    Kurzmeinung: Spannende Zusammenhänge kommen ans Licht, und es ist wieder viel Unterhaltsames dabei. Aber insgesamt fügt sich doch alles zu gut.
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    Cover des Buches Liebesgrüße aus Nordkorea (ISBN: 9783518470534)

    Bewertung zu "Liebesgrüße aus Nordkorea" von Morten Traavik

    Liebesgrüße aus Nordkorea
    Schmiesenvor einem Monat
    Kurzmeinung: Auch in Nordkorea leben nur Menschen. Traavik kombiniert Fakten mit eigenen Erfahrungen und eröffnet neue Horizonte. Großartige Farbfotos!
    Ein Blick auf die Menschen hinter dem Eisernsten Vorhang der Welt

    Gib dem Volk ein Minimum an Autorität, und es wird sie bereitwillig dafür benutzen, andere zu überwachen.

    Innerhalb eines Jahrzehnts ist Morten Traavik mehr als zwanzig Mal nach Nordkorea gereist, und zwar als offizieller Kulturattaché Norwegens. Er hat dort so verwegene Projekte auf die Beine gestellt wie Rockkonzerte, Kunstkooperationen und Schüleraustausche. 2017 musste er alle Beziehungen zum Land kappen, nachdem Kim Jong-Un seine neue Politik der Atomisierung und nationalen Abschottung weiter vorangetrieben hatte. Aber ein Gutes hat der Verlust aller Kontakte zum Land: Traavik konnte nun endlich aufschreiben, was er im abgeschottetsten Land der Welt erlebt hat, ohne Verfolgung oder Ausweisung zu befürchten.

    Nordkorea ist ein Land, das auf uns Westler eine merkwürdige Faszination ausübt. Traavik analysiert ganz richtig, dass das Land noch immer als Heiliger Gral der Backpacker- und Individualtourismuscommunity gilt. Nicht ganz zu Unrecht, ehrlich gesagt, doch das beinahe voyeuristische Verhalten westlicher Touristen im Land, die Erwartung, endlich "hinter den Vorhang" blicken zu können, sind geradezu abstoßend. Dazu fiel mir eine Geschichte ein, die mir während eines Auslandspraktikum in Georgien passiert ist: Ein niederländischer Backpacker holte seine Zigaretten hervor, mit koreanischen Schriftzeichen darauf, und erzählte stolz, dass er die aus Nordkorea mitgebracht hat, wohin er kurz zuvor einen viertägigen Trip unternommen hatte. Als wäre die zerdrückte Packung mit übelriechenden, filterlosen Zigaretten der endgültige Beweis für a) die Existenz einer außerirdischen Lebensform, und b) seine eigene Überlegenheit als Reisender.  

    Sehr einleuchtend erklärt Traavik, dass da aber vielleicht gar kein Vorhang ist, dass Nordkorea sich mit dieser Geheimniskrämerei einfach nur vor der Weltgemeinschaft aufplustert. Und damit ist schon der erste Schritt getan, um dieses Land zu entmystifizieren.

    Traavik ist es ein großes Anliegen, uns LeserInnen zu vermitteln: Auch in Nordkorea leben nur Menschen. Ein langer Brief an seinen Kumpel vor Ort - Pseudonym: Mr. Win - rahmt das, was Traavik uns aus Nordkorea zu erzählen hat. Dabei gelingt ihm ein unwiderstehlicher Mix aus Fakten (zu Geschichte, Politik und Gesellschaft) und eigenen Hautnah-Erfahrungen. Am Anfang habe ich diese Struktur zwar nicht ganz durchstiegen, aber nach und nach gewinnt das Ganze an Reiz und sorgt dafür, dass die Informationen auch hängenbleiben.

    Traavik betrachtet vieles, was uns an diesem Land so merkwürdig und künstlich erscheint, und setzt es in den Vor-Ort-Kontext. Als Beispiel seien nur die beinahe roboterartigen Massengymnastik-Veranstaltungen genannt, die bei westlichen Zuschauern eher Verwirrung und Bestürzung auslösen ("So etwas kann doch nur durch rigoroses und brutales Training erreicht werden, unmenschlich so was!"), während die Nordkoreaner vor Stolz auf ihre Kinder fast platzen. Bei uns sind Fehler (gerade bei Kindern) süß, in Korea bedeuten sie Gesichtsverlust. Ja, auch im Süden. Es gelingt Traavik also ganz hervorragend, manche Dinge auch auf andere Faktoren zurückzuführen als ausschließlich auf die perfide Staatsführung

    Gleichzeitig verzichtet der Autor auf Kim-Bashing - davon haben wir schließlich schon genug in unseren Medien. Er zeigt detailliert, wie Kim Il-Sung an die Macht kommen konnte, und wie sein Sohn und sein Enkel das Erbe fortführen, teilt auch den ein oder anderen Ellenbogenhieb aus, verliert sich aber nie in Beschimpfungen oder Verunglimpfungen. Auf der anderen Seite setzt er sich auch kritisch mit den sogenannten "Flüchtlingen" auseinander, die nachweislich oft lügen, was ihre Aufenthalte in Straflagern o.Ä. anbelangt. Aber keine Sorge: Traavik relativiert nur, er leugnet nicht und will auch das System nicht in Schutz nehmen. Er ermöglicht uns schlicht und ergreifend einen realistischeren Blick mitten hinein nach Nordkorea.

    Nicht zuletzt verstärken die außergewöhnlich authentischen Farbaufnahmen und Kochrezepte (die notwendigen Ingredienzien sind leider nicht ganz leicht zu beschaffen) den Eindruck, dass Nordkorea viel weniger dämonisch ist, als wir uns das hier vorstellen. Wie gesagt, die normalen Menschen dort sind einfach nur (so langweilig es klingen mag) normale Menschen. Sie besitzen Smartphones mit Minnie-Maus-Aufklebern,  haben Dates im Park und betrinken sich gerne bei Karaokeabenden. Natürlich steht hinter allem ein kommunistisches Regime, das Meinungsfreiheit und Freizügigkeit nicht zulässt, aber was genau hat das mit den Menschen in den Pubs und Parks, Bars und Restaurants wirklich zu tun? Man hält sich eben an die Regeln, um ein einigermaßen angenehmes Leben führen zu können. Aber das ist dann durchaus möglich. Traavik hinterfragt auch die merkwürdige Erwartung westlicher Touristen, im Land mit "den einfachen Menschen" sprechen und ihnen so etwas wie ein Geständnis entlocken zu können - darüber, wie schrecklich und lächerlich sie ihr Land und ihr Leben finden, darüber, wie sehr sie leiden. Erstens ist das unglaublich anmaßend, zweitens würde sich sicherlich kein Nordkoreaner der Gefahr aussetzen, einem Westler irgendetwas von seinen innersten Gefühlen mitzuteilen, und drittens: Wann haben Touristen denn sonst jemals Kontakt mit "den einfachen Menschen"? Als Pauschaltourist sitzt man am Strand und hat höchstens Kontakt zu einheimischen Kellnern, Entertainern und Fahrern; als Backpacker bleibt man schön in der eigenen Blase und tauscht sich mit anderen Weitgereisten über die ach so tollen Erfahrungen aus. Aber in Sachen Nordkorea hat plötzlich jeder das Bedürfnis, derjenige zu sein, der "das Rätsel löst".

    Traavik macht auch deutlich, dass wir Westler uns den normalen NordkoreanerInnen nicht überlegen zu fühlen brauchen, nur weil wir sie bemitleiden (wollen). Er erzählt von einem schockierenden Fall, bei dem ein Kameramann in seiner Begleitung ein diffamierendes Video von Kim Jong-Un auf seinem Handy hatte und damit beinahe eine diplomatische Katastrophe ausgelöst hätte - aus reiner Dummheit. Traavik macht klar, dass es eben einige ungeschriebene Regeln in Nordkorea gibt, und die der Führerverehrung ist die allerheiligste. Aber seien wir mal ehrlich: In Thailand, Urlaubsland Nr. 1 für uns Deutsche, steht auf Majestätsbeleidigung die Todesstrafe; in strengen muslimischen Ländern gilt die Darstellung und Beleidigung Mohameds als Kapitalverbrechen. Nordkorea ist kein so singuläres Element auf der Welt wie wir gerne annehmen. Traavik macht uns das in seinem großartigen Insiderbericht klar.

    Mit viel Humor und fundiertem Hintergrundwissen bringt Traavik uns ein Land näher, von dem wir außer Horrornachrichten und skurrilen Geschichten kaum etwas wissen. Er liefert detaillierte Analysen zu den großen Themen - Straflager, Atombombentests, Otto Warmbier - und lässt den Leser gleichzeitig nicht in einem Meer aus Fakten ertrinken, sondern führt ihn gekonnt durch das Wirrwarr der (nord)koreanischen Geschichte und Politik - nicht zuletzt durch seine pointierten und hellsichtigen Insider-Erfahrungen. Unbedingt lesen!

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    Cover des Buches Miracle Creek (ISBN: 9783446266308)

    Bewertung zu "Miracle Creek" von Angie Kim

    Miracle Creek
    Schmiesenvor einem Monat
    Kurzmeinung: Hier hat jeder große oder kleine Geheimnisse. Manchmal etwas zu kompliziert und verkopft, um wirklich zu schockieren, aber absolut spannend.
    Lebenslügen

    Das war das Problem mit Lügen: Man lieferte sich ihnen komplett aus. Wenn man einmal gelogen hatte, musste man an der Lügengeschichte festhalten.

    Bei einer alternativen Heilbehandlung in einer HBO-Kammer kommt es zu einem tragischen Unglück: der kleine Henry und Kitt, Mutter von fünf Kinder, verbrennen bei lebendigem Leib. Henrys Mutter Elizabeth gilt schnell als Hauptverdächtige und kommt vor Gericht. Wollte sie wirklich ihren autistischen Sohn loswerden, und gleich dazu ihre kritische Freundin Kitt? Die Beweislage scheint eindeutig, doch nach und nach kommen allen Beteiligten Zweifel an Elizabeths Schuld.

    Am Anfang scheint alles so klar zu sein: Elizabeth sitzt als Mordverdächtige auf der Anklagebank. Ihr wird vorgeworfen, ihren autistischen Sohn Henry und ihre Freundin Kitt hinterhältig ermordet zu haben, indem sie die Hochdruckkammer, in die reiner Sauerstoff gepumpt wird, in Brand gesteckt hat. Ihr Verhalten vor Gericht, angebliche Beweise über Kindesmissbrauch und merkwürdige Notizen und Internetrecherchen scheinen dieses Verdacht zu bestätigen. Auch alle anderen Beteiligten und Opfer glauben fest an Elizabeths Schuld. Doch nach und nach tauchen Indizien und Widersprüche auf, die eine eindeutige Verurteilung ausschließen. Und genau hier wird das Buch mörderisch spannend.

    Jede an dem Vorfall beteiligte Person bekommt in Angie Kims Debütroman eine Stimme. Die koreanische Familie, der das Unternehmen Miracle Submarine gehört, Elizabeth, Teresa (eine andere Mutter, die mit ihrer Tochter regelmäßig HBO gemacht hat), Matt (auch ein Patient) und seine Frau Janine. Unglaublich viele Einzelheiten werden so Stück für Stück zutage befördert - und hier liegt auch einer der wenigen Knackpunkte dieses Gerichtsdramas. Manchmal wird es einfach zu kompliziert, der gleiche Sachverhalt wird aus zig Perspektiven durchgewälzt, bis man als Leserin irgendwie komplett den Überblick verliert und auf die Auflösung wartet. Die ist zwar gelungen, aber durchaus kein solcher Schockmoment, wie zu erwarten wäre. Im Grunde wird deutlich: Alle sind in gewisser Weise schuldig.

    Die große Stärke des Romans liegt in der Darstellung all der unterschiedlichen Lebensrealitäten, die in der unwirklichen Welt des Miracle Submarine aufeinander treffen. Wohl aus eigener Erfahrung schildert Kim das Leben einer mittellosen koreanischen Einwandererfamilie in den USA. Die Eltern verlassen die Heimat, um dem Kind ein besseres Leben bieten zu können, doch das geht ziemlich nach hinten los. Die Familienmitglieder entfremden sich, Verzweiflung und Unmut machen sich breit, und das alles ist aus den Perspektiven von Young, Pak und Mary sehr eindringlich geschildert. Nebenbei erfährt man auch noch etwas über die koreanische Kultur, insbesondere über die stagnierten Geschlechterrollen und das ausgeprägte Bewusstsein für Status und Autorität. 

    Elizabeth, Kitt und Teresa haben wiederum mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, die Kim nicht weniger einfühlsam schildert. Ihre Kinder leiden alle unter einer mehr oder weniger schlimmen Form der Behinderung: Henry ist Autist, gilt aber bereits als geheilt; Kitts Sohn TJ ist schwerer Autist, ohne Aussicht auf Besserung; und Teresas Tochter Rosa leidet an Zerebralparese und ist seit 10 Jahren schwerstbehindert. Also völlig unterschiedliche Lebenswelten, aber doch ein gemeinsames Thema: Die völlige Aufopferung des eigenen Lebens für ein behindertes Kind. Elizabeth und Teresa schildern die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, das Kind gesund oder wenigstens glücklich und gut versorgt zu wissen, dem Wissen um die eigentliche Unheilbarkeit dieser Krankheiten und die dadurch entstehende ewige Belastung, und der Wut auf dieses Leben ohne Freiheit äußerst eindringlich. Wie alle anderen Mütter auch haben sie Tage, an denen sie sich vorstellen, wie es wäre, wenn das Kind nie zur Welt gekommen wäre. Sie haben manchmal einen unbändigen Hass auf dieses Leben voller Einschränkungen und Belastungen, die sie durch ihre Kinder erfahren. Aber vor allem lieben diese Frauen ihre Kinder, und von anderen Müttern unterscheiden sie sich vornehmlich dadurch, dass diese sie immer wieder darauf aufmerksam machen, dass weder sie noch ihre Kinder jemals dazugehören werden. Sie umgibt eine tiefe, traurige Einsamkeit, die kein Mensch aushalten kann.

    Weniger interessant ist der Handlungsstrang rund um Matt, Mary und Janine, da solche Eheprobleme und merkwürdigen Beziehungen zu Minderjährigen schon ziemlich oft durchgekaut worden sind. Dennoch ist es Kim gelungen, die ewige Geheimniskrämerei (insbesondere zwischen Matt und Janine und Young und Pak) spannend zu gestalten und immer wieder zu zeigen, wohin die ganzen Lügen führen. Die Leute verstricken sich darin, bis sie beinahe ersticken, doch keiner traut sich, die Wahrheit zu sagen, weil jeder denkt, er hätte etwas zu verlieren. Dabei haben sie eigentlich bereits alle schon das Wichtigste verloren: ihren Seelenfrieden. 

    Kim hat ein beeindruckendes Debüt vorgelegt, das authentisch auslotet, wohin uns Lügen und Geheimnisse führen. Sie versteht es, Lebensdramen einfühlsam zu schildern und ganz unterschiedliche Themen glaubhaft in einem Roman unterzubringen. Am Anfang wird das Format der Gerichtsverhandlung der Story zwar nicht ganz gerecht, aber im Laufe der Geschichte hat sich auch dieses allmähliche Aufdecken von Beweisen und Gegenbeweisen als Spannungsmoment entpuppt, der die Lebensgeschichten wie Kleister zusammengehalten hat. Am Ende wird alles aufgelöst, wem es also bisweilen zu komplex und unübersichtlich wird, braucht sich nicht mit Knobelei aufzuhalten, sondern kann ganz entspannt zu Ende lesen.

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    Cover des Buches Jamaica Inn (Virago Modern Classics) (English Edition) (ISBN: B00825921I)

    Bewertung zu "Jamaica Inn (Virago Modern Classics) (English Edition)" von Daphne du Maurier

    Jamaica Inn (Virago Modern Classics) (English Edition)
    Schmiesenvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ganz großes Kino! Spannend, komplex, atmosphärisch dicht. Und mittendrin Mary, die sich kraftvoll gegen die Männer behauptet. Fantastisch!
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    Cover des Buches Das Schicksal der Drachentöchter (ISBN: 9782919800025)

    Bewertung zu "Das Schicksal der Drachentöchter" von William Andrews

    Das Schicksal der Drachentöchter
    Schmiesenvor einem Monat
    Kurzmeinung: Der etwas trockene Stil und die holprige Rahmenhandlung tun der hochspannenden und unsagbar wichtigen Hauptstory keinen Abbruch. Fesselnd!
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    Cover des Buches Harry Potter and the Chamber of Secrets (ISBN: 9780747586432)

    Bewertung zu "Harry Potter and the Chamber of Secrets" von Joanne K. Rowling

    Harry Potter and the Chamber of Secrets
    Schmiesenvor einem Monat
    Kurzmeinung: Erneuter Hörgenuss mit Suchtfaktor. Die Geschichte hat zwar ihre Logiklücken, aber das verzeiht man doch gerne.
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    Über mich

    • weiblich
    • 12.07.1995

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