Sigismund

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    Cover des Buches Mission Blindgänger9783570103975

    Bewertung zu "Mission Blindgänger" von Sophie Hénaff

    Mission Blindgänger
    Sigismundvor 5 Tagen
    Ein Krimi mit der Lizenz zum Lachen

    REZENSION – „Zum Schießen komisch“ ist die eigenwillige und in ihrer Idee wohl einzigartige Krimireihe um das „Kommando Abstellgleis“ (Band 1, 2015) der französischen Schriftstellerin Sophie Hénaff (48), deren Bände in Frankreich zu Bestsellern und mehrfach übersetzt wurden. Denn dieses Pariser Polizeikommando ist eine Truppe hoffnungsloser Versager, die aus unterschiedlichen Gründen in ihre wohl letzte Dienststelle abgeschoben wurden. „Das Revier der schrägen Vögel“ (Band 2, 2017) ist eine heruntergekommene Wohnung mit Sperrmüll-Mobiliar, die unter dem Kommando der ebenfalls suspendierten Kommissarin Anne Capestan steht.

    Im Mai erschien nun mit „Mission Blindgänger“ der dritte Band, der uns in ein Filmstudio führt. Bei der Verfilmung eines Drehbuchs von Eva Rosière, die nicht nur als Capitaine der Pariser Kriminalpolizei Mitglied in Capestans Chaostruppe, sondern nebenbei Bestsellerautorin ist, wird der Regisseur ermordet. Prompt gerät Rosière unter Mordverdacht, hatte sie dem Opfer doch öffentlich gedroht, ihn wegen Streitigkeiten töten zu wollen. Das Fehlen eines Alibis lässt sie eindeutig als Mörderin erscheinen.

    Nicht nur die Szenerie dieser Krimireihe um das „Kommando Abstellgleis“ ist ungewöhnlich, sondern auch der Umstand, dass es uns Lesern bei der nun einsetzenden Ermittlungsarbeit gar nicht so wichtig erscheint, den wahren Täter zu finden. Der Spaß an der Lektüre setzt ein, als Commissaire Anne Capestan, ausgestattet mit Windeln und Schnuller, samt Baby Joséphine aus dem Mutterschaftsurlaub vorzeitig an ihre Dienststelle zurückkehrt, um ihrer Kollegin aus der Patsche zu helfen. Als wäre das Chaos zu normalen Zeiten nicht schon groß genug, zeigt erst die Anwesenheit von Baby Joséphine und deren „Einsatzfreude“, welche Steigerung noch möglich ist.

    Ähnlich einer Slapstick-Komödie schildert Sophie Hénaff voller Witz – man meint fast, die Freude der Autorin und ihrer Übersetzerin Katrin Segerer beim Formulieren zu spüren – das untypische Vorgehen ihrer ebenso untypischen Ermittler, deren Arbeit in der Dienststellenwohnung eher dem ungeordneten Zusammenleben einer Studenten-WG gleicht. Noch turbulenter wird es, als die des Mordes verdächtige Eva Rosière neben der Autorenschaft auch noch die Regie übernimmt und ihre Polizisten-Kollegen als Darsteller im Film mitwirken lässt, so dass die Mordermittlung gelegentlich nachrangig wird.

    Wer Sinn für literarischen Spaß und Witz hat und wen es nicht stört, bei der Lektüre eines Krimis auch mehrmals laut auflachen zu müssen, wird an diesem dritten Band „Mission Blindgänger“ von Sophie Hénaff seine Freude haben. Allerdings ist zu empfehlen, wenn auch nicht zwingend, vorab die zwei anderen Bände gelesen zu haben, um die schillernden Charaktere in ihrer „Vielfarbigkeit“ noch besser zu kennen. Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Trotz der aufregenden und zeitaufwändigen Schauspielerei endet der Kriminalfall für die „Blindgänger“ keineswegs als „Mission Impossible“, sondern der Täter wird bald gefunden. Aber eigentlich ist dies völlig nebensächlich. Denn viel aufregender für die Truppe ist doch ihr Auftritt auf dem roten Teppich bei der glanzvollen Premiere des Kinofilms.

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    Cover des Buches Schwarzer August9783462052695

    Bewertung zu "Schwarzer August" von Gil Ribeiro

    Schwarzer August
    Sigismundvor 20 Tagen
    Viel mehr als ein Fernweh-Krimi

    REZENSION – Vor drei Jahren erschien mit „Lost in Fuseta“ der Auftaktband zur namensgebenden Krimireihe des unter Pseudonym Gil Ribeiro schreibenden Drehbuch-Autors Holger Karsten Schmidt (54). Hauptfigur der Reihe ist der am Asperger-Syndrom (Autismus) leidende Europol-Kommissar Leander Lost, der im internationalen Austausch statt in der Großstadt Hamburg jetzt bei der Polícia Judicária im portugiesischen Dorf Fuseta eingesetzt ist, einem provinziellen Küstenort in der Algarve mit nicht einmal 2.000 Einwohnern. Über den ersten Band urteilte ich damals: „Der Autor beschreibt diesen Lost, der wahrhaftig 'verloren im Dörfchen Fuseta' ist, und seine portugiesischen Kollegen mit so viel Liebe. …. Es ist ein unterhaltsamer Krimi, aber trotz aller Lockerheit und Leichtigkeit auch spannend.“ Diese Aussage gilt unverändert – nach den im Jahresabstand veröffentlichten Folgebänden „Spur der Schatten“ und „Weiße Fracht“ – auch für den gerade erschienenen vierten Band „Schwarzer August“.

    Anfangs musste sich der eigenartige Kommissar an die ihm fremde südeuropäische Mentalität der Dorfbewohner erst gewöhnen. Inzwischen hat er sich eingelebt, darf weiter im Dienst der Polícia Judicária ermitteln und hat sich sogar in Soraia, die Schwester seiner Kollegin Graciana Rosado verliebt. Es könnte also für Leander Lost ein idyllischer August werden, wenn nicht im Hinterland bei der Filiale der Crédito Agrícola eine Autobombe explodiert wäre. Ist der islamistische Terror nun auch in Portugal angekommen? Zwei Tage später werden drei Thunfisch-Trawler im Hafen von Olhão versenkt. Leander Lost und seine Kollegen Graciana Rosado, Carlos Esteves und der eitle Spanier Miguel Duarte stehen vor einem Rätsel. Doch Leanders ausgeprägte Logik und Kombinationsgabe bringen sie schließlich dem Täter auf die Spur.

    „Schwarzer August“ ist wie die drei Vorgängerbände der vergnüglichen Krimireihe eine Liebeserklärung an die Algarve, in die sich Autor Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt nach eigener Aussage schon in jungen Jahren verliebt hat. Voller Sympathie schildert er uns das Dorf an der Algarve, das Alltagsleben unter dem azurblauen Himmel und die Bewohner mit ihren unterschiedlichen Marotten – nicht selten ironisch, aber voller Empathie.

    Im Mittelpunkt steht natürlich der „Aspie“ Leander Lost und dessen Schwierigkeit im Umgang mit den „Normalos“. Ihm fehlt die Fähigkeit, Mimik und Gesten zu deuten, Scherz oder Ironie zu erkennen. Er nimmt jede Äußerung wörtlich und irritiert dadurch seine Gesprächspartner. Lost braucht seinen strukturierten Alltag, kann ohne Ordnung und Disziplin nicht leben – typisch für das Asperger-Syndrom. Oder sollte dies vielleicht auch ein ironischer Seitenhieb des Autors auf eben jene typischen Charakterzüge sein, die Ausländer doch immer gern den Deutschen zuschreiben?

    „Schwarzer August“ ist keiner dieser unzähligen und meist oberflächlichen Fernweh-Krimis, die mit Sonnenschein, Meeresrauschen, Romantik und Kulinarik bei ihren Lesern punkten wollen. „Schwarzer August“ ist viel mehr: Gil Ribeiro, der mit dem Autisten Leander Lost einen „eigenartigen“ Kommissar erschaffen hat, zeigt uns ganz nebenbei, wie wichtig es ist, Autisten nicht auszugrenzen, sondern deren Andersartigkeit und daraus resultierenden besonderen Fähigkeiten zu nutzen. „Schwarzer August“ ist zudem, obwohl wie in Urlaubslaune locker und leicht geschrieben, ein spannender Krimi mit starken Charakteren. Aber natürlich auch ein lesenswerter Roman für alle Freunde der Algarve – oder solche, die es werden wollen.

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    Cover des Buches Hungerwinter9783426521830

    Bewertung zu "Hungerwinter" von Harald Gilbers

    Hungerwinter
    Sigismundvor 24 Tagen
    Historisch genauer, ungemein spannender Krimi

    REZENSION – Die Hauptstadt Berlin, aufgeteilt in vier Besatzungszonen, liegt in Trümmern, zerbombte Wohnungen sind nur notdürftig hergerichtet. Die Einwohner versuchen, ihr bescheidenes Leben neu einzurichten. Vorkriegsganoven wandeln sich zu zwielichtigen Geschäftsleuten, einst überzeugte Nazis zu unbescholtenen Bürgern. Im November 1947 fällt der erste Schnee, Lebensmittel sind knapp. Es ist der „Hungerwinter“, den der Historiker und Schriftsteller Harald Gilbers (51) im gleichnamigen fünften Band seiner faszinierenden, bereits in acht Sprachen übersetzten und mit internationalen Preisen ausgezeichneten Krimireihe um den jüdischen Kriminalkommissar Richard Oppenheimer in vielen Fakten und Facetten ungemein eindrücklich beschreibt.

    Ausgehend von einem als Notwehr nur dürftig getarnten Mord, den der von den Nazis einst entlassene und erst kürzlich wieder als Kommissar in den Polizeidienst zurückgekehrte Oppenheimer mit seinem Assistenten Wenzel recht schnell aufdecken können, entwickelt Gilbers eine zeitgeschichtliche Dokumentation jenes zweiten Nachkriegsjahres, die nicht nur für die damalige Situation in Berlin gilt, ähnelte sie doch auch jener in anderen deutschen Großstädten. In realistischen, in ihrer Kleinteiligkeit filmreif inszenierten Bildern erfahren wir viel über die alltägliche Lebenssituation der Berliner bis hin zu der wegen Lebensmittelknappheit geschmacklich fragwürdigen Ersatznahrung. Die allgemeine Lage ist völlig unübersichtlich, die Besatzungsmächte arbeiten unkoordiniert, der Beginn des Kalten Krieges zwischen den drei Westalliierten, vor allem den Amerikanern, und den Sowjets zeichnet sich schon deutlich ab. Kommissar Oppenheimer weiß nicht mehr, wem er vertrauen darf. Nicht nur, dass er in seiner Dienststelle mit dem „Kleenen Hans“ einen vormaligen Kleinkriminellen unerwartet als Polizeianwärter wieder trifft, sondern auch Nazi-Verbrecher haben mit gefälschtem Lebenslauf bei der Kripo eine neue, unverdächtige Identität gefunden. Nicht einmal den engsten Mitarbeitern kann man trauen. Sogar sein langjähriger Kollege Billhardt, der während eigener Ermittlungen in einem Mordfall plötzlich verschwindet, scheint bei seinem kurzen Kriegseinsatz an der Ostfront schuldig geworden zu sein.

    Obwohl „Hungerwinter“ bereits der fünfte Band der im Jahr 1944 beginnenden Oppenheimer-Reihe ist, kann man ihn auch dann unbesorgt lesen, wenn man die vier Vorgängerbände nicht kennt. Die Handlung eines jeden Bandes ist in sich abgeschlossen, die handelnden Personen ausreichend charakterisiert, um sie lebendig werden zu lassen. Zentrales Thema in „Hungerwinter“ ist der strategische Aufbau der so genannten „Rattenlinien“ im Nachkriegsdeutschland, über die einerseits der argentinische Präsident Perón, andererseits auch der Vatikan hohe Nazi-Funktionäre und Kriegsverbrecher mit Hilfe deutscher Schleuser nach Übersee schaffen. Wir erfahren Interessantes über die politischen Hintergründe und die Motivation der Verantwortlichen und Strippenzieher. Gleichzeitig lesen wir über die Anfänge der Organisation Gehlen, die gerade mit Hilfe erfahrener Nazis und geduldet von den Amerikanern als neuer deutscher Geheimdienst aufgebaut wird.

    Dem Historiker Gilbers gelingt es in seinem Roman hervorragend, uns die geschichtlichen Hintergründe in ihren wichtigsten Einzelheiten umfassend zu vermitteln. Der Bestseller-Autor Gilbers schafft es, diese Fakten passgenau in eine derart spannende Krimihandlung einzuflechten, dass man „Hungerwinter“ gar nicht mehr aus der Hand legen mag. 

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    Cover des Buches Achtzehn9783785726778

    Bewertung zu "Achtzehn" von Anton Berg

    Achtzehn
    Sigismundvor einem Monat
    Spannender Politthriller mit Verschwörungstheorie

    REZENSION - Macht korrumpiert und lässt die wirklich Mächtigen, das zeigt uns die Menschheitsgeschichte, zum Erhalt ihrer Macht nicht vor Verbrechen bis hin zum Mord zurückschrecken. Dies muss auch der freie Journalist Axel Sköld erfahren, der in dem kürzlich bei Bastei Lübbe erschienenen Politthriller „Achtzehn“ des schwedischen Autors Anton Berg (42) einer in Schweden allmächtigen Geheimorganisation auf die Spur kommt.

    Axel Sköld, Produzent politisch brisanter Beiträge im schwedischen Radiosender P3, veröffentlicht in einem von der Sendeleitung nicht genehmigten Podcast seine Theorie, sowohl der sozialdemokratische Ministerpräsident Olof Palme, dessen Ermordung im Februar 1986 bis heute nicht aufgeklärt ist, als auch die schwedische Außenministerin (im September 2003 starb Anna Lindh an den Folgen einer Messerattacke in einem Stockholmer Kaufhaus) seien von demselben Täter ermordet worden, den er auf unscharfen Fotos identifiziert zu haben meint. Prompt wird Sköld als Verschwörungstheoretiker abgestempelt und vom Sender fristlos entlassen. Als Journalist ist er damit für alle Medien des Landes „verbrannt“. Nur der todgeweihte Bankier von Scheele erkennt, dass Sköld wohl der Wahrheit auf der Spur ist. Dieser Bankier, von einem nach Aufdeckung der Panama Papers und dem Verlust mehrerer Milliarden „enttäuschten Klienten“ mit Polonium-210 vergiftet – wir erkennen hier die Parallele zum realen Giftmord am Russen Alexander Litwinenko im Jahr 2006 in London –, beauftragt Sköld gegen Zusage eines Millionenhonorars, seine Nachforschungen unbedingt fortzusetzen, und berichtet von einer ihm nur ansatzweise bekannten Gruppe von Wirtschaftsmagnaten, die als wahre Macht im Staat die nur scheinbar Verantwortlichen bis hin zum Ministerpräsidenten wie Marionetten lenkt. Mit Unterstützung eines Historikers entdeckt Sköld, dass dieser Geheimbund, bereits vor über 200 Jahren von achtzehn schwedischen Adligen gegründet, vermutlich schon 1792 für die Ermordung des reformfreudigen Königs Gustav III. verantwortlich war, der die Privilegien des Adels schmälern wollte. Axel Sköld geht diesen Spuren akribisch nach und gerät bald in Todesgefahr, als er seine einstige Jugendliebe, die neue Finanzministerin Lova, vor dem langjährigen Berufskiller dieser „Achtzehn“ zu schützen versucht.

    Die Grundidee dieses schwedischen Thrillers, wonach eine Geheimorganisation die wahre Macht im Staat ausübt, ist nicht neu, erinnert sie doch an die Oxen-Reihe (seit 2012) des dänischen Bestseller-Autors Jens Henrik Jensen, worin der traumatisierte Ex-Elitesoldat Niels Oxen gegen den allmächtigen Danehof kämpft. Doch Anton Bergs Romandebüt unterscheidet sich von Jensens fiktiven Psychothrillern vor allem darin, dass „Achtzehn“ historische Fakten der schwedischen Geschichte geschickt mit einer Kriminalhandlung zu einem spannenden Politthriller verbindet und ähnlich einer Verschwörungstheorie dem Leser eine scheinbare Wahrheit vorgaukelt.

    Zwar endet das actionreiche und sowohl für Axel Sköld als auch für die junge Finanzministerin lebensbedrohliche Finale für beide glücklich. Doch noch immer ist die Schweden beherrschende Organisation der „Achtzehn“ nicht entlarvt und zerschlagen. Es ist also zu vermuten, dass Autor Anton Berg nach dem Erfolg dieses schon 2018 in Schweden erstveröffentlichten Debüts bereits an einer ebenso mörderisch aufregenden, deshalb lesenswerten Fortsetzung schreibt. Wir dürfen gespannt sein. 

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    Cover des Buches Acht Tage im Mai9783406749858

    Bewertung zu "Acht Tage im Mai" von Volker Ullrich

    Acht Tage im Mai
    Sigismundvor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine hervorragende literarische Fortsetzung zum Kinofilm "Der Untergang"
    Eine hervorragende literarische Fortsetzung zum Film "Der Untergang"

    REZENSION – Völlig zu Recht kam „Acht Tage im Mai“, das kürzlich im Verlag C. H. Beck erschienene Buch des Historikers Volker Ullrich (76) über „die letzte Woche des Dritten Reiches“, im Juni auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste. Denn überaus interessant und fesselnd geschrieben, dabei trotz der schnellen Abfolge damaliger Ereignisse vom Leser  leicht nachvollziehbar, schafft es der Autor, seinen Lesern einen umfassenden Einblick in die militärisch und politisch komplexen Geschehnisse nach Hitlers Selbstmord bis zur Kapitulation zu vermitteln.

    Volker Ullrich schildert chronologisch Tag für Tag diese „zeitlose Zeit“, die Woche des für die Deutschen nur scheinbaren Stillstands in der „Lücke zwischen dem Nichtmehr und dem Nochnicht“, wie der Schriftsteller Erich Kästner zitiert wird. Wir lesen vom täglichen Vorrücken der sowjetischen Truppen vom Osten und der Alliierten vom Westen, von Massenvergewaltigungen und „Selbstmordepidemien“, von Todesmärschen und Vertreibungen, von befreiten Konzentrationslagern und ersten Absetzbewegungen höchster Nazi-Funktionäre. Und wir erfahren von ersten Anzeichen politischer Differenzen zwischen den Westalliierten und den Sowjets, die bald zum Kalten Krieg führten.

    Aus unzähligen Quellen, auf die der Autor in einem 30-seitigen Anhang verweist, ergänzt um ein Literatur- und Personenregister, formt Volker Ullrich aus „historischen Miniaturen und Mosaiksteinen“, wie es der Klappentext verspricht, „ein Panorama dieser letzten Woche des Deutschen Reiches“. Ein fortwährender Wechsel der Perspektive – mal aus Sicht der heimatlos oder ausgebombten Deutschen, belegt durch Tagebuchnotizen bekannter (Anne Frank) und unbekannter Personen, mal aus Sicht der provisorischen Regierung unter Großadmiral Dönitz sowie abwechselnd aus der Perspektive der westalliierten sowie sowjetischen Kommandeure und Staatschefs – lässt beim Leser aus Puzzleteilen ein umfassendes Gesamtbild entstehen, ohne den roten Faden des historischen Zusammenhang zu verlieren.

    Nicht nur historisch interessierte Leser, sondern auch Freunde der Literatur kommen bei Lektüre dieses Buches auf ihre Kosten, da Ullrich einige Bücher zeitgenössischer Autoren als Quellen nutzt. Natürlich gehören die Tagebücher von Viktor Klemperer oder Bertolt Brecht ebenso dazu wie die „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007) von Ralph Giordano. Aber auch das Kriegstagebuch „Eine Frau in Berlin“, das mit Unterstützung des Schriftstellers Kurt W. Marek alias C. W. Ceram erst 1953 mit Verspätung veröffentlicht wurde, schildert die Schrecken des Kriegsausgangs. Sogar etwas Hollywood-Glamour fehlt nicht in Ullrichs Buch, wenn er die Suche des deutschen Hollywoodstars Marlene Dietrich nach ihrer Schwester in Bergen-Belsen schildert (dazu: Heinrich Thies, „Fesche Lola, brave Liesel. Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester“, 2017).

    Beim Lesen dieses Buches läuft das komplexe Endzeit-Geschehen der letzten Kriegswoche wie im Film in packend kurzer Szenenfolge vor dem geistigen Auge ab - ohne die bei historischen Werken oft langatmigen Ausschweifungen. Im Gegenteil: Volker Ullrich lässt seinen Lesern kaum Zeit zum Reflektieren. Gerade diese schnelle Szenenfolge ist es, die bei der Lektüre für anhaltende Spannung sorgt und das Buch „Acht Tage im Mai“ auch solchen Lesern empfehlenswert macht, denen das Genre historischer Sachbücher sonst eher nicht zusagt. Wer vom Film „Der Untergang“ (2004) über die letzten Tage Hitlers im Führerbunker fasziniert war, findet in Ullrichs Buch eine hervorragende literarische Fortsetzung.

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    Cover des Buches Namibia9783826071065

    Bewertung zu "Namibia" von Sebastian Fickert

    Namibia
    Sigismundvor einem Monat
    Kurzmeinung: Informativer, teils spannender und unterhaltsamer Appetitmacher!
    Informativer, teils spannender und unterhaltsamer Appetitmacher

    REZENSION – Mit „Namibia“ setzt Autor Sebastian Fickert (44) die Reihe seiner interessanten Reiseerzählungen fort, die 2007 mit dem Band über Japan begann, gefolgt von Kasachstan (2011), dem Berg Ararat (2015) und Ecuador (2017). Etwa alle drei Jahre zieht es den promovierten Juristen, seit 2016 Richter am Oberlandesgericht Bamberg, nur mit dem Notwendigsten ausgerüstet, in ein ihm völlig unbekanntes fernes Land, auf das er sich zuvor durch intensives Studium historischer Quellen und zeitgenössischer Literatur vorbereitet.

    Im Sommer 2019 durchquerte er mit Zelt und Geländewagen zwei Wochen lang das südwestafrikanische Namibia durch die Wüste bis zum Atlantik, vom Inselberg Spitzkoppe bis in die Etosha-Pfanne, anfangs in Begleitung seines Bruders, später völlig allein. Er bestieg die Dünen der Namib und aß Apfelkuchen nach deutscher Rezeptur. Die Küstenstadt Swakopmund begeisterte ihn durch die baulichen Relikte aus deutscher Kolonialzeit (1884-1915), die Township Katutura (Windhoek) offenbarte ihm die aktuelle Problematik des erst 1990 in die Unabhängigkeit entlassenen Staates. Begegnungen mit Einwohnern und Wildtieren, der Kontrast von moderner Zivilisation und ursprünglicher Natur blieben dem Reisenden als prägende Erinnerungen.

    Gerade die in den Bericht eingestreuten Rückblicke in die wechselvolle Geschichte des Landes und Zitate aus Tagebüchern aus deutscher Kolonialzeit, verknüpft mit seinen persönlichen Eindrücken aus Begegnungen mit Land und Leuten, machen Fickerts Reiseerzählung so interessant und lesenswert. In lockerem, leicht lesbarem Stil geschrieben, humorvoll und mit gelegentlicher Selbstironie, gelingt es dem Autor, das ihm unbekannte afrikanische Land nicht aus oberflächlicher Sicht eines deutschen Touristen nur unvollkommen zu beschreiben, sondern trotz der relativen Kürze seiner nur zweiwöchigen Fahrt dank umfassender Vor- und Nachbereitung und intensiver Eindrücke den Lesern die Komplexität historischer wie neuzeitlicher Probleme aufzuzeigen.

    Der Aufprall unterschiedlichster Kulturen, der sich sogar in den schwarzen Townships zeigt, wo die verschiedenen Stämme ihre jeweils voneinander getrennten Wohnviertel haben und Kontakte zwischen den Stämmen vermieden werden, machen eine Lösung alter wie neuer Konflikte kaum lösbar, musste Fickert erfahren. Es geht in Namibia eben nicht nur um den einen Konflikt zwischen Schwarz und Weiß, es gibt nicht nur „die Schwarzen“. Es zeichnet den Autor aus, diese Konflikte an keiner Stelle aus deutscher Sicht werten zu wollen. Er bleibt nur Beobachter, will nicht Richter sein. „Es braucht noch viel Zeit, die Probleme dieses Landes aufzuarbeiten“, äußert sich Fickert später in einem Interview. Aus persönlichen Begegnungen mit Einwohnern sei ihm die Erkenntnis des deutschen Geologen Henno Martin (1910-1998) geblieben: „Die Menschen sind mit komplexen Systemen überfordert. Wir müssen deshalb nachsichtig miteinander sein.“

    Allein in der Wildnis habe ihm die Stille und Einsamkeit großen Respekt vor dem Land eingeflößt. Der die deutsche Großstadt gewohnte Autor muss wie Henno Martin erkennen: „Was nutzt schon Ellbogenraum in der grenzenlosen Einsamkeit der Wüste?“ Seine Wahrnehmung sei durch die unmittelbare Nähe zur Natur geschärft worden. Nicht nur seine Erlebnisse mit Wildtieren in ihrer ursprünglichen Lebenswelt blieben ihm in Erinnerung, sondern vor allem die Namib-Wüste und der scharfe Kontrast, wenn der Wüstensand bei Swakopmund in den Atlantik zu fließen scheint, aber auch der dichte Sternenhimmel über unbewohnter Steppe, das warme Licht der untergehenden Sonne und die für Namibia so typische rotbraune Landschaftsfarbe.

    Gerade der Eindruck dieser intensiven, warmen Farben bleibt Besuchern Namibias nachhaltig in Erinnerung. Doch genau dies lässt das bei Königshausen & Neumann im Mai veröffentlichte Buch, nur mit wenigen Schwarz-Weiß-Fotos lieblos illustriert, schmerzlich vermissen. Auch ist es dem Leser unmöglich, die Route des Autors zu verfolgen, da die Karte im Anhang leider keinen Routenplan zeigt. Trotz dieser Kritik bleibt Sebastian Fickerts „Namibia“ eine informative, teils spannende und sogar abenteuerliche, in jedem Fall empfehlenswerte Reiseerzählung. Namibia-Kennern holt sie manche Erinnerung wieder ins Gedächtnis, alle anderen lässt sie über einen Besuch des „großen Landes mit wenigen Menschen“ nachdenken.

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    Cover des Buches Leben9783453439634

    Bewertung zu "Leben" von Uwe Laub

    Leben
    Sigismundvor 2 Monaten
    Packender Thriller ums Überleben der Menschheit

    REZENSION – Weltweit starben bis Mitte Mai etwa 300 000 Menschen an Covid-19. Diese Zahl sowie der globale Verlauf der aktuellen Corona-Pandemie und deren Auswirkungen auf Menschen in aller Welt sind es, die den Wissenschafts- und Umweltthriller „Leben“ von Uwe Laub (49), im April im Heyne-Verlag erschienen, vom Autor ungewollt und völlig überraschend so erschreckend aktuell werden lassen. Denn seinen Roman hatte Laub bereits im Sommer 2019 abgeschlossen, als von Covid-19 noch lange nicht die Rede war.

    Das eigentliche Thema des Romans ist deshalb auch nicht ein einzelnes Virus, sondern die grundsätzliche Gefährdung der Spezies Mensch als kleines, wenn auch beherrschendes Glied unseres globalen Ökosystems. Wie das Titelbild des Buches das in einer Sanduhr verrinnende Leben zeigt, geht es in Laubs Roman um nichts Geringeres als das Überleben der Menschheit, das durch das von Wissenschaftlern anhand der Vielzahl bereits ausgestorbener Spezies längst begonnene sechste Massensterben in unserer Erdgeschichte vorausgesagt wird.

    Folgerichtig beginnt Laubs ungemein fesselnder Thriller „Leben“ mit dem Tod: Wildtiere verenden in Südafrika zu Tausenden ebenso wie in Europa. Bedrohte Tierarten sterben binnen Tagen aus, andere sind durch das Arten übergreifende Massensterben in ihrer Existenz bedroht. Sogar die Menschheit scheint todgeweiht, wie der junge Pharmareferent Fabian Nowack feststellen muss. Er ist bereits am todbringenden Progerie-Syndrom erkrankt, einem unheilbaren Gen-Defekt, der binnen weniger Wochen weltweit 200 Millionen Todesopfer gefordert hat. Die Jagd nach einem Heilmittel wird zum Kampf ums Überleben.

    Zwei Pharmakonzerne stellt der Autor gegenüber: Der eine behauptet, ein wirksames Medikament entwickelt zu haben und verdient Milliarden an der Pflichtimpfung aller Menschen, obwohl Insidern bewusst wird, dass dieses Medikament letztlich doch nicht hilft, sondern nur den Tod hinauszögert. Das Medikament des anderen Konzerns würde tatsächlich heilen, doch dessen Konzernchef vertritt als radikaler Umweltschützer die Ansicht, der Globus vertrage nur eine Milliarde Menschen, weshalb er sein Medikament an entsprechend Auserwählte verteilen lässt und bewusst den Tod der restlichen sieben Milliarden Menschen in Kauf nimmt.

    In seinem Thriller verbindet Uwe Laub, der bereits durch seinen Überraschungserfolg „Blow Out“ (2013) und den Bestseller „Sturm“ (2018), der 2019 für den Deutschen Phantastikpreis 2019 nominiert war, sich einen Namen als Autor von Umwelt- und Wissenschaftsthrillern einen Namen gemacht hat, nach mehrjähriger Recherche auf faszinierende Weise wissenschaftliche Fakten und eine überaus spannende Handlung um seinen Protagonisten Fabian Nowack. So tröstlich der fesselnde Spannungsroman auch endet, wirkt seine drängende Botschaft, bedingt durch viele Handlungsdetails zur aktuellen Corona-Lage, momentan umso nachdrücklicher und nachhaltiger. Ob wir Menschen aus der aktuellen Pandemie unsere Lehren ziehen und diese Krise als einmalige Chance zu mehr Klima- und Naturschutz nutzen werden? Der britische Physiker Stephen Hawking (1942-2018) begrenzte die verbleibende Lebensdauer der Menschheit auf nur noch hundert Jahre, sollten wir unsere Lebensweise beibehalten. Schuld sei die stetig wachsende Übervölkerung der Erde durch die Spezies Mensch, dessen Raubbau an der Natur sowie seine schädigenden Eingriffe in das sensible Ökosystem.

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    Cover des Buches Offene See9783832181192

    Bewertung zu "Offene See" von Benjamin Myers

    Offene See
    Sigismundvor 2 Monaten
    Zauberhafter Roman mit romantisch-bildhafter Sprache

    REZENSION – Ein belletristisch seltener Genuss ist der im März bei Dumont veröffentlichte Roman „Offene See“ des englischen Schriftstellers Benjamin Myers (44), weshalb man dem Verlag zu diesem Glücksgriff nur gratulieren kann. Es ist vor allem die in romantischen Bildern berauschende Sprache, die diesen ersten in deutscher Übersetzung erschienenen Roman des zuvor schon mehrfach ausgezeichneten Autors so fasziniert und berührt, weshalb auch den Übersetzern Klaus Timmermann und Ulrike Wasel für dieses literarische Erlebnis zu danken ist.

    Nicht nur sprachlich, auch in seiner Handlung versetzt uns der Roman „Offene See“ gefühlsmäßig ins Zeitalter der Romantik, als sich im 19. Jahrhundert heranwachsende Kavaliere auf ihre Grand Tour, ihre kulturelle Bildungsreise durch Europa, begaben. „Ich blieb stehen, um meine Feldflasche am Straßenrand an einer Quelle zu füllen, die in einen Steintrog plätscherte, und kam mir vor, als hätte ich ein Gemälde betreten.“ Doch der 16-jährige Robert Appleyard ist weder Kavalier noch lebt er im 19. Jahrhundert. Myers Geschichte spielt in Nordengland im Jahr 1946, also kurz nach Kriegsende. Der 16-jährige Schulabsolvent scheut die Enge seines augenblicklichen Lebenshorizonts und die Schlichtheit seines dörflichen Lebens sowie den allen Männern seiner Familie vorbestimmten grauen und tristen Alltag als Bergarbeiter. Er sehnt sich nach Weite, nach farbenprächtiger Natur, nach dem noch undefinierbaren Neuen, weshalb er sich auf die Wanderung zur offenen See aufmacht.

    Doch noch bevor er die offene Küste erreicht, trifft er abseits der Straße auf ein heruntergekommenes Cottage, dessen schon ältere Bewohnerin Dulcie ihn zum Tee einlädt. Aus einem Nachmittag werden Wochen. Robert bringt den verwilderten Garten der alleinstehen Frau, dessen hochgewachsene Hecken die Sicht auf das Meer versperren, wieder in Ordnung. In diesen Sommermonaten wird die unverheiratete Dulcie, die sich nach erlebnisreichen Reisen und abenteuerlichem Leben in die Einsamkeit ihres Cottages zurückgezogen hat, in ihrer burschikosen und unkonventionellen Art zur Lehrmeisterin des jungen und noch unerfahrenen Robert. Nicht selten überrascht sie ihn mit ihren ungewöhnlichen Ansichten zur Lebensführung, mit ihrer drastischen und offenen Art, Dinge beim Namen zu nennen.

    Dulcie gibt ihm ungeachtet seiner begrenzten schulischen Bildung die Klassiker der Weltliteratur, Gedichte und Romane, zu lesen, von denen manche wie „Lady Chatterley’s Lover“ von D. H. Lawrence nur zensiert oder unter dem Ladentisch zu bekommen waren. In langen Gesprächen schärft sie Roberts Blick für das Wesentliche im Leben und ermuntert ihn vor allem, seinen Neigungen zu folgen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Ich lebte das Leben, das ich leben wollte“, erinnert sich Robert später als alternder Schriftsteller.

    Myers Roman „Offene See“ ist eine Lobeshymne auf das wahre Leben und dessen schöne Seiten, auf eine breitgefächerte kulturelle und humanistische Allgemeinbildung. Mit der romantisch-bildhaften und klangvollen Sprache seines zauberhaften Romans gelingt es dem Autor – und den beiden Übersetzern –, ähnlich wie im Falle Robert
    Appleyards gleichsam Musik und Farbe auch in unseren oft grauen Alltag zu bringen.

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    Cover des Buches Trotzdem9783630876580

    Bewertung zu "Trotzdem" von Ferdinand von Schirach

    Trotzdem
    Sigismundvor 2 Monaten
    Eindrucksvoller Aufruf zweier kluger Köpfe

    REZENSION – Wer sich mit den möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere Gesellschaft beschäftigen will, kann viele Bücher lesen. Empfehlenswerter ist aber die Lektüre des kleinen, im Mai beim Luchterhand-Verlag erschienenen Büchleins „Trotzdem“. Wie schon in ihrem ersten beeindruckenden Gesprächsband über „Die Herzlichkeit der Vernunft“ (2017) überzeugen auch diesmal die beiden Schriftsteller-Juristen Ferdinand von Schirach (56) und Alexander Kluge (88) durch Intellekt, Scharfblick und Weitblick. Das gerade in seiner Kürze und Prägnanz beeindruckende, auf knapp 80 Seiten festgehaltene Gesprächsprotokoll der beiden Juristen beantwortet Fragen von der Rechtmäßigkeit heutiger Einschränkungen bis zur Zukunft Europas.

    Das Corona-Virus schafft eine Zeitenwende, vermuten beide Juristen, die Zweierlei möglich macht - „das Strahlende und das Schreckliche“. Das „Schreckliche“ zuerst: Während manche einen „Shutdown unserer Grundrechte“ zu erkennen glauben, bleibt Schirach zuversichtlich: „Wir leben in Demokratien, wir haben eine Gewaltenteilung. Noch immer muss das Parlament entscheiden.“ Doch auch er warnt vor einer „Verfestigung autoritärer Strukturen“, an die sich die Menschen bald gewöhnen könnten, und fordert deshalb zwingend eine zeitliche Befristung jeder Maßnahme, die zudem vier Voraussetzungen erfüllen muss: „Sie muss einen legitimen Zweck verfolgen, geeignet, erforderlich und angemessen sein.“ Würde man zum Beispiel allen Menschen die Fahrerlaubnis entziehen, um Leben zu schützen und Tausende Verkehrstote pro Jahr zu vermeiden, wäre auch dies zwar legitim, aber nicht angemessen.

    Doch diese Frage scheint beiden Gesprächspartners eher unwichtig zu sein, weshalb sie sich stattdessen der weitaus interessanteren Frage nach langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere gesellschaftliche Entwicklung zuwenden. Wie das verheerende Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 die europäischen Völker von ihrem bisherigen Gottesglauben entfernte und dadurch zum beschleunigenden „Katalysator der Aufklärung“ wurde, indem rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen überwand, so kann auch die weltweite Corona-Pandemie unsere Gesellschaft auf einen neuen Weg führen. So könne kein Politiker in Zukunft behaupten, Klimaschutzmaßnahmen seien nicht zu verwirklichen, weil sie zu teuer sind oder die Gesellschaft zu sehr einschränken. „Wir können offenbar alles, wenn Gefahr droht“, folgert Schirach aus dem aktuellen Shutdown.

    Ähnlich der amerikanischen Verfassung, die 1787 ungeachtet der weit verbreiteten Sklaverei dennoch das Recht auf Leben und persönliche Freiheit forderte, sollten sich die EU-Staaten eine vorausschauende europäische Verfassung geben - mit dem Anspruch auf eine intakte Umwelt und der klaren Forderung, wirtschaftliche Interessen grundsätzlich den universalen Menschenrechten nachzustellen. Solche Forderungen seien nicht weniger utopisch, als jene der amerikanischen Verfassung.

    Dieses kleine, mit seinem grauen Einband so unscheinbare Büchlein „Trotzdem“, nicht einmal 80 Seiten stark, hat es wahrlich in sich: Einerseits ist es ein Protest, sich als Mensch nicht von Pandemie und Einschränkungen unterkriegen zu lassen, sondern an die Zukunft zu glauben. Andererseits ist es nichts weniger als ein eindrucksvoller Aufruf zweier selten kluger Köpfe, den Shutdown als eine einmalige Chance für einen sinnvollen Neuanfang, einen wohl überlegten und zukunftsweisenden Wiederaufbau zu nutzen, statt gedankenlos und allzu bequem die veralteten Strukturen mit ihren längst erkannten Mängeln wieder aufzunehmen.

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    Cover des Buches Der Himmel so rot9783897419391

    Bewertung zu "Der Himmel so rot" von Marion Feldhausen

    Der Himmel so rot
    Sigismundvor 2 Monaten
    Spannender, unterhaltsamer Krimi mit Ausbaupotenzial

    REZENSION – Wer einen spannenden Unterhaltungsroman mit historischem Rückblick in die Zeit des Zweiten Weltkriegs sucht, macht mit dem 200-Seiten-Krimi „Der Himmel so rot“, dem dritten Buch von Marion Feldhausen, sicher keinen Fehler. Er verknüpft in lockerem Stil aktuelle gesellschaftspolitische Themen mit Kriegsverbrechen in Norditalien. Besser wäre allerdings gewesen, wenn Letzteres nicht schon im Klappentext des Romans verraten würde. Denn dadurch verliert der durchaus raffiniert aufgebaute Krimi einen wesentlichen Teil seiner Spannung. Doch das Tempo der Handlung, starke Szenenwechsel, kurze Sätze und gute Dialoge machen das Buch zu einem leicht und gern lesbaren Spannungsroman.

    Hauptkommissarin Sophia Barucchi, Deutsche mit italienischen Wurzeln, und ihr Kollege, Oberkommissar Paul Scholten, werden eines Morgens in ein Waldstück am Duisburger Kaiserberg gerufen, wo nach einem anonymen Anruf die skelettierte Leiche einer etwa 30-jährigen Frau gefunden wurde. Deren Leichnam wurde nach Auskunft der Rechtsmedizinerin wohl schon vor 30 Jahren dort vergraben. Daneben werden zwei ältere Lira-Münzen gefunden. Sophias italienischer Kollege, der eigentlich gerade unter Todesgefahr gegen die Mafia kämpft, überprüft alte Vermisstenmeldungen. Bald stoßen die Ermittler auf das Verbrechen einer SS-Panzergrenadier-Division an Einwohnern des Dorfes Santa Maria, die 1944 zu Hunderten ermordet wurden. Nicht weniger gefährlich erscheint das Ermittlungsumfeld in Duisburg, wo Sophia und Paul es mit rivalisierenden Rockerbanden, Drogenhandel und Prostitution sowie mit Neonazis und einem Altnazi zu tun bekommen. Dann wird im eigenen Kommissariat noch ein „Maulwurf“ entdeckt.

    Was einerseits die Stärke dieses Krimi ist - schnelles Tempo, hohe Handlungsintensität, starke Szenenwechsel, flapsige Dialoge und sympathische wie unsympathische Figuren – und sich damit für eine Verfilmung eignen würde, ist gleichzeitig sein Nachteil: In die Handlung wurde alles gepackt, was thematisch passend scheint: Zu den Altnazis und SS-Schergen mit ihren heute oft verjährten Kriegsverbrechen kommen die Neonazis. Von ihnen ist es nur ein kleiner Sprung zu den Rockerbanden und weiter zu Drogenhandel und Prostitution – alles Themen, mit denen sich die Autorin als berufsmäßige Psychotherapeutin von drogensüchtigen Strafgefangenen zweifellos gut auskennt. Als wäre dies nicht genug, erschweren auch noch LKA und BND die Arbeit der Duisburger Ermittler.

    Diese kraftvolle Themenvielfalt, gepresst auf nur 200 Seiten, ermöglicht es der Autorin kaum, sowohl in der Handlung tiefer zu gehen als auch die Charaktere ihrer Protagonisten stärker auszuleuchten. Jedes Thema für sich würde schon für einen eigenen Roman reichen. Und was ließe sich alles aus der temperamentvollen Deutschitalierin Sophia Barucchi und ihrem Verhältnis mit dem Staatsanwalt noch herausholen oder aus Sophias freundschaftlich-knisternder Beziehung zum Kollegen Paul. Und dann ist da noch die clevere Helma, die „Perle des Kommissariats“. Doch ungeachtet dessen bleibt „Der Himmel so rot“ ein locker geschriebener, leicht zu lesender und durchaus fesselnder Krimi, der als spannende Feierabendlektüre bestens geeignet ist.

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    Ich bin freier Journalist und Buchblogger auf vielen Websites. Neben meiner Facebook-Gruppe "Bad Kissinger Bücherkabinett" (seit 2013) und meinem Facebook-Blog "Buchbesprechung" (seit 2018) habe ich eine wöchentliche Rubrik "Lesetipps" in der regionalen Saale-Zeitung (Auflage 12.000).
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