Susanne_Probst

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    Cover des Buches Der Scheinpatient9783956315329

    Bewertung zu "Der Scheinpatient" von Nena Rouska

    Der Scheinpatient
    Susanne_Probstvor 17 Stunden
    Vordergründig humorvoll und hintergründig tiefsinnig. Absolut lesenswert!

    Als Psychoanalytikerin bin ich einigermaßen skeptisch, aber offen an das bereits 2017 erschienene, 242-seitige Werk herangegangen. Ich wurde nicht enttäuscht!


    Es handelt sich hier um einen berührenden, bewegenden, humorvollen und tiefgründigen Entwicklungsroman über einen liebenswerten Spätzünder.


    Nena Rouska hat aus einer originellen und witzigen Idee eine unterhaltsame und kurzweilige Geschichte um einen Sohn, der an seiner Herkunft im Allgemeinen und an der Liebe seines Vaters im Besonderen zweifelt, kreiert. 


    Das Besondere an der Geschichte ist, dass sie auf zwei Ebenen spielt. 

    Aber nicht auf zwei Zeitebenen, sondern auf zwei verschiedenen Ebenen, was Wahrnehmung und Tiefgründigkeit betrifft.

    Man kann sie als witzige und vergnügliche Geschichte lesen oder als vordergründig leichtfüßig und hintergründig tiefsinnig daherkommende Geschichte. 

    Oder eben als beides.


    Der 30-jährige Ich-Erzähler Frederik ist ein vielseitig interessierter,  nachdenklicher, sensibler und intelligenter junger Mann mit ausgesprochen gutem Gedächtnis.  


    Er stammt aus reichem, wortkargem und kühlem Elternhaus, wo er sich nie so recht zugehörig gefühlt hat. 

    Frederik lebt noch zu Hause, hat keine Freunde, hatte noch nie eine Freundin und geht auch keiner regelmäßigen Arbeit nach. 

    Er ist ein liebenswert-kauziges, naives und etwas weltfremdes Einzelkind. 

    Tendenziell lebensuntüchtig und von Beruf Sohn.


    Frederik ist einerseits verwöhnt, weil er aus reichem Elternhaus kommt, aber andererseits emotional vernachlässigt, was Zuwendung und Interesse anbelangt. 

    Eine ungünstige Konstellation, die den Start ins Leben erschwert!


    Bevor er die Fabrik seines Vaters übernimmt, heiratet und mit seiner Frau eine Familie gründet, will er sich erstmal selbst suchen und finden.


    Er beginnt damit, psychologische Ratgeber, Sach-, Fach- und Lehrbücher zu lesen und stellt fest, dass er psychisch kerngesund ist.


    Das bringt ihn auf die Idee, die Kompetenz von Fachleuten zu testen und ein Experiment durchzuführen:

    Würden sie wohl zum selben Schluss kommen auch wenn er Symptome vortäuschen würde? 


    Im Verlauf lernen wir dann erstmal verschiedene Therapeuten und ihre Vorgehensweisen kennen. Manches ist dabei überspitzt, aber ein wahrer Kern ist das ein oder andere Mal durchaus enthalten.


    Die Autorin veranschaulicht wunderbar, dass  sich je nach Anfangsszene und Therapeut erstmal unterschiedliche Prozesse entwickeln und Themen herauskristallisieren.  


    Beidem kann Frederik sich schließlich nicht mehr entziehen.

    Experiment hin oder her.


    Was anfangs nur ein Experiment war, wird peu à peu ein interessantes Abenteuer - äußerlich und innerlich. 


    Das Experiment als solches tritt in den Hintergrund; es wird zur Realität. 


    Frederik fällt aus der Position des Beobachters in die Position des Involvierten.


    Im Rahmen dieses Abenteuers gerät er schließlich in polizeiliche Ermittlungen und flüchtet mit Alex, einem „echten“ Patienten, nach Bulgarien, wo sie die gastfreundliche Oma Dora kennenlernen und ungewöhnliche Situationen meisten.


    Das Buch ist in einer leichten, lebendigen und erfrischenden Sprache geschrieben. 

    Man fliegt durch die Seiten und muss immer wieder schmunzeln und manchmal laut auflachen. 

    Gegen Ende kullerten sogar einige Tränen der Rührung. 


    Natürlich wird das Ganze etwas überspitzt und nicht ganz realistisch dargestellt, aber man kann wunderbar Abtauchen und Entspannen.

    Und wenn man Lust hat, kann man sich darüber hinaus noch mit den dahinterstehenden ernsten Themen auseinandersetzen:


    Es geht um Verwöhnung und gleichzeitige Vernachlässigung mit allen Konsequenzen an inneren Konflikten.


    Identität, Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein, Selbstunsicherheit, emotionale Abhängigkeit - Emanzipation spielen eine Rolle.


    Zwei weitere Besonderheiten fielen mir auf und möchte ich erwähnen, weil ich sie aus analytischen Sicht als bedeutsam erachte:

    Nena Rouska hat die Symbolik einer psychosomatischen Symptomatik exzellent eingearbeitet und auch schön in Worte gefasst, dass es keine lauten und grellen Ereignisse braucht, damit sich das emotionale Befinden verändern kann. 

    Es reicht dafür schon eine Melodie, die Erinnerungen wach ruft.


    Sie erzählt mit Hilfe ihres Protagonisten auch vom Mut und Leidensdruck, die es braucht, um sich (einem Therapeuten) zu öffnen, sich anzuvertrauen und sich fallen zu lassen und sie macht deutlich, dass Fühlen viel wichtiger als Wissen ist, wenn es um seelische Veränderung und Entwicklung geht.


    Mit einer wunderbaren Metapher des Wachküssens beschreibt die Autorin, wie eine gelungene Therapie wirken und funktionieren kann.


    Lesenswert!

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    Cover des Buches Koskas und die Wirren der Liebe9783351034801

    Bewertung zu "Koskas und die Wirren der Liebe" von Olivier Guez

    Koskas und die Wirren der Liebe
    Susanne_Probstvor 2 Tagen
    Kurzmeinung: Ein unsagbar nerviger Protagonist!
    Ein unsagbar nerviger Protagonist!

    Puh - mit so einem unsympathischen Protagonisten habe ich selten so viel Zeit verbracht. 

    Jaques Koskas und ich, wir werden definitiv keine Freunde!


    Von Paris bis Israel - von 2003 bis 2010.
    Körperliche Reife spät - emotionale Reife nie.
    Scheitern und Niedergang...selbst verschuldet oder ein „Produktionsfehler der Eltern, für den man Schadensersatz fordern kann“?


    Aber der Reihe nach:

    Diesen 336-seitigen Roman zu lesen, war für mich fast ein „Muss“.

    Ich habe von Olivier Guez „Das Verschwinden des Josef Mengele“ gelesen und den Autor in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse erlebt. 

    Das Buch über den NS-Arzt war lesenswert, faszinierend und erschütternd und Herrn Guez, ein interessanter Mann mit Humor, empfand ich sympathisch, tiefsinnig und belesen.


    Jaques Koskas, in Kindheit und Jugend ein schmächtiger, braver, fleißiger und angepasster Spätentwickler, will seiner jüdischen Familie, die in Frankreich lebt und die jüdischen Traditionen hochhält, den Rücken kehren und seinen eigenen Weg finden.

    Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden, aber wenn man als Leser verfolgt, wie er das macht und wie er sich entwickelt, sträuben sich einem die Nackenhaare.


    Beruflich kommt Jaques auf keinen grünen Zweig und beziehungstechnisch klappt es auch nicht. Außer wilden Träumen und zahlreichen Affären läuft nichts und durch den beruflichen Alltag als Journalist schlängelt sich der Mittdreißiger irgendwie hindurch.


    Aus dem einstigen Bilderbuchknaben wird immer mehr ein selbstbezogener, oberflächlicher, verantwortungsloser Lebemann, Luftikus und Frauenheld, der andere blendet und sich die Welt und seine Misserfolge schönredet. 


    Anfangs schmunzelte ich noch über seinen klammernden, fürsorglichen und besorgten Vater, bald ging er mir ziemlich auf die Nerven und wenig später konnte ich ihn verstehen. 


    Als Eltern kann man nur besorgt sein, wenn sich der Sprössling so entwickelt. 


    Nachvollziehbarerweise fragen sich Jaques‘ Eltern, ein Gynäkologe und eine Urologin, wie aus einem so folgsamen und fleißigen Knaben ein derart phlegmatischer und unambitionierter Mann hatte werden können.


    Dann passiert ihm bei der Arbeit ein verhängnisvoller Fehler.

    Er bekommt einen ordentlichen Dämpfer und in der Folge geht es zunehmend bergab.

    Jaques torkelt oberflächlich, unreif und ziellos durchs Leben, hangelt sich von Sexabenteuer zu Sexabenteuer, bekommt Ekzeme und Burnout-Symptome und landet in der Klinik, wodurch erstmals Hoffnung auf Besserung aufkeimt. 


    Aber das währt nicht lange. 

    Jaques lebt schließlich genauso selbstgefällig und unbeständig weiter. Ein Aufschneider und Taugenichts mit Größenphantasien und ohne Durchhaltevermögen, der nur nach dem Lustprinzip lebt.

    Es ist kaum auszuhalten!


    Und dann kommt der Tiefpunkt. 

    Dieses nachvollziehbar einschneidende Ereignis bewirkt bei Jaques endlich den Entschluss, „sich am Riemen zu reißen“, weil dies der „Beginn seines zweiten Lebens“ war. 

    Mit dem Lotterleben „war es jetzt aus und vorbei.“


    Ob das klappt, ob das stimmt, wie es weitergeht und endet werde ich natürlich nicht verraten.


    Olivier Guez schreibt lässig, leichtfüßig, überspitzt, mit Humor und manchmal sogar mit satirischen Unterton.

    Die streng religiösen Verwandten werden z. B. mit subtilem Witz, ironisch oder überspitzt dargestellt. 

    Ich musste anfangs manchmal amüsiert die Augen verdrehen und oft laut lachen. 

    Mir kam der Gedanke, dass sich das Buch zum Verfilmen eignen und dass daraus eine französische Komödie à la „Bei den Schtis“ werden könnte.


    Einen abwechslungsreichen Kniff hat der Autor angewendet, als er vorübergehend zur Tagebuchform wechselt. 


    Gekonnt arbeitet er den Kontrast zwischen der konservativen, streng gläubigen Familie und der Leichtlebigkeit des Protagonisten heraus.


    Die äußerst zahlreichen Einsprengsel das Weltgeschehen betreffend störten meinen Lesefluss. Da wäre weniger mehr gewesen. 


    Wirklich schlimm für mich waren die unfassbare Oberflächlichkeit und die nicht enden wollenden Frauengeschichten von Jaques. 

    Ich langweilte mich irgendwann und mit der Zeit ging mir das alles ziemlich auf die Nerven. Auch hier hätte es nicht geschadet, mächtig zu kürzen.

    Etwa ab der Hälfte fragte ich mich ständig, ob und wie lange das noch so weitergeht.


    Der Autor beherrscht sein Handwerk. Er spielt gekonnt mit Extremen, Überspitzungen und Ironie und er schafft es scheinbar mühelos, dem Leser den Protagonisten nahezubringen und die passenden Gefühle (z. B. genervt sein) in angemessener Dosierung (im Falle des Genervt seins ausgesprochen stark) zu erzeugen.


    Trotzdem kann ich den Roman beim besten Willen nicht empfehlen, weil er mir nur sehr wenig Lesevergnügen bereitet hat.


    Schade :-(



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    Cover des Buches Orpheus9783752822847

    Bewertung zu "Orpheus" von Salih Jamal

    Orpheus
    Susanne_Probstvor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Ein poetischer Krimi, angelehnt an die griechische Mythologie.
    Ein poetischer Krimi, angelehnt an die griechische Mythologie.

    Gleich zu Beginn betreten wir eine fast surreale, beklemmende und ausgesprochen melancholische, emotional intensive und kaum aushaltbare Welt.

    Es ist die Innenwelt des Ich-Erzählers Orpheus.


    Ein Bombardement an Bildern, Vergleichen, Metaphern und Adjektiven schlägt uns entgegen. Es ist nicht zu übersehen, dass diese Überschwemmung mit Poesie den unermesslichen Schmerz und den psychischen Überlebenskampf des verzweifelten Orpheus veranschaulicht und symbolisiert. 

    Ein „zu viel“, das kaum zu ertragen ist.


    Wir begegnen hier in dieser Düsterkeit Orpheus, dem Sänger, der sich seit vier Monaten in einem depressiven Zustand befindet, weil er seine geliebte Partnerin Nienke schmerzlich vermisst. 


    Dann lernen wir nach und nach die wohlhabende und einflussreiche Familie von Orpheus kennen:

    Den einschüchternden, skrupellosen und unberechenbaren Großvater, genannt „Zeus“, knallharter Firmenchef und Patriarch der Familie, sowie seine beiden für die schönen Künste offenen, gebildeten und belesenen Söhne, die jeder auf seine Art eine phantasievolle, unkonventionelle und musische Ader haben.  

    Der eine ist Orpheus’ Vater, ein gutmütiger, angepasster und feinfühliger Mann und der andere ist der für den Ich-Erzähler bedeutsame Onkel Dino, ein unbeschwerter und optimistischer Lebemann und Geschäftsführer einer Bar. 

    Onkel Dino gibt Orpheus wie ein Leuchtturm Orientierung und erweckte schon in Kindertagen seine Liebe zur Musik.  

    Orpheus‘ Mutter ist bei der Geburt des um sechs Jahre jüngeren Bruders Ari verstorben und die Großmutter Hera, eine „eiserne Lady“, sowie die beiden Brüder und der verschwundene Vater des Großvaters bleiben erstmal im Hintergrund. Wir werden sie erst im weiteren Verlauf kennenlernen.


    Schon hier, noch ganz am Anfang des Buches, stolpere ich über ein schönes und eindrückliches Bild: „...und dichten Brauen, die wie Markisen über seine Augen hingen.“ (S. 23).


    Im dritten Kapitel schwelgt Orpheus in Erinnerungen an die letzten Stunden mit seiner geliebten Nienke, die als Anwältin in der Rechtsabteilung von Großvater Zeus‘ Unternehmen angestellt ist. 


    Er erzählt auch von seiner damaligen Befürchtung, dass sich Nienke leichtsinnig in Gefahr bringen und deshalb verschwinden könnte - wie einst der Urgroßvater, der Familienhund und so manch anderer Bewohner des Dorfes.


    Wir erfahren hier, dass Nienke aufgrund von mehreren Verdachtsmomenten und Indizien ihren ehemaligen Chef bei der Kripo dazu bringen möchte, die Ermittlungen in einem Jahrzehnte alten Fall um eine ermordete junge Mutter und ein vermisstes Kind, mit dem der Großvater Zeus in Verbindung gebracht werden kann, wieder aufzunehmen, um diesen „ans Messer zu liefern“ und dadurch endlich und endgültig unschädlich zu machen. 


    Aber kurz bevor Nienke, die ehemalige Polizistin und jetzige Juristin, ihrem Exchef gegenüber ihren Verdacht mitteilen und ihm die Beweise übergeben kann, verschwindet sie - wie einst der Urgroßvater, der Familienhund und so manch anderer Bewohner des Dorfes.


    Orpheus beginnt, sie zu suchen. Er stellt Nachforschungen an und wir erfahren von Familiengeheimnissen und Verbrechen.


    Die Neugierde ist geweckt. Gespannt fliegt man durch die kommenden Seiten. 

    Was ist da passiert? Wo ist Nienke?


    Immer wieder bleibt man an schönen Formulierungen und Passagen hängen:

    „Der Augenblick, kurz bevor du den ersten Schritt aus der Angst wagst, ist der furchtbarste. Wenn Entschluss und Zweifel wie mit Äther beträufelt einander den Atem anhaltend gegenüberstehen und du deiner riesiger werdenden Angst ins Auge blickst... Doch sobald der erste und einsamste Schritt aus all der absurden, gewaltigen Furcht und schlimmsten Fantasie getan ist, wenn Zweifel zu Mut und Zögern zu Tat geworden sind, wird es leicht.“ (S. 80f)


    Welch‘ schöne Idee! Welch’ schönes Ritual:„Was war das Schönste heute?“
    Diese Frage und ihre Antwort waren immer das Letzte, was wir vor dem Einschlafen besprachen. Denn irgendetwas an jeden Tag war schön, selbst wenn er noch so trübe, beschwerlich, krank oder übellaunig gewesen war...(S. 39)


    Unbedingt erwähnenswert ist die originelle Idee, die Kapitel mit Musiktiteln zu überschreiben. Sie passen inhaltlich oder/und geben die Stimmung des Kapitels wieder. Dass man die Playlist in YouTube finden und sich die Lieder anhören kann, erhöht den Genuss. Diese Kombination von Literatur und Musik intensiviert das Leseerlebnis. 


    Salih Jamal erzählt leidenschaftlich,  empathisch und feinfühlig eine intensive, dichte, emotionale und wuchtige Geschichte, die an die griechische Mythologie angelehnt ist. Es ist aber alles andere, als eine Nacherzählung. Jamal spielt mit Elementen aus der Vorlage. 


    Außerdem ist es schwierig, den Roman in ein Genre einzuordnen. Irgendwie ist es ein spannender Krimi, gleichzeitig aber mehr. Ein bisschen erinnert mich die Art des Buches an „Sommer bei Nacht“ von Jan Costin Wagner.

    Aber warum sollte man einen Roman eig. unbedingt einem Genre zuordnen?


    Durch einen reichen Wortschatz und mit Hilfe zahlreicher Stilmittel entstehen Bilder und Szenen vor dem inneren Auge und kann man Stimmung und Atmosphäre spüren.


    In manchen Passagen werden brutale Szenen schonungslos dargestellt. 

    ... nichts für zart besaitete Gemüter! 


    Jamal überrascht hier mit einem besonderen und unverwechselbaren Stil und Ton, wobei ich bei manchen Passagen das Gefühl hatte, dass etwas weniger mehr gewesen wäre. Nicht an Inhalt, sondern an Stilmitteln.


    Dass Salih Jamal einerseits sehr poetisch und andererseits nüchtern-sachlich, die Handlung vorantreibend und Spannung erzeugend schreiben kann, muss hier auch erwähnt werden. Diese Wandlungsfähigkeit hat mir gefallen und imponiert. 


    Bis auf wenige Kritikpunkte hat mich der Roman überzeugt und gepackt. 

    Kreativ, originell und talentiert - so würde ich den Autor Salih Jamal beschreiben.


    Ich wünsche ihm für diesen 265-seitigen Roman und für seine anderen/weiteren Werke noch viele Leser!



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    Cover des Buches Die Optimisten9783961610778

    Bewertung zu "Die Optimisten" von Rebecca Makkai

    Die Optimisten
    Susanne_Probstvor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Ein interessanter, bewegender und hochaktueller Pageturner!
    Ein interessanter, bewegender und hochaktueller Pageturner!

    Zwei Geschichten werden erzählt und geschickt miteinander verwoben. Sie greifen ineinander, werden schließlich zu einer Geschichte und am Ende schließt man das über 600-seitige Werk mit einem zufriedenen Lächeln und der Gewissheit, ein interessantes, berührendes und unterhaltsames Buch gelesen zu haben, das man nicht so schnell vergessen wird.


    Am einen Ende die Aids-Krise in Chicago (1980-er Jahre), am anderen Ende die Terroranschläge in Paris (2015). 

    Dazwischen Krankheit und Tod. Leben, Leidenschaft und Liebe. Freundschaft, Verbundenheit, Vergebung und Treue.


    Die ganze Palette an Emotionen wird im Verlauf des Romans ausgelöst, aber zu keinem Zeitpunkt wird er kitschig oder rührselig.


    Nach dem Öffnen des Buches landen wir auf einem „Leichenschmaus“. Aber nicht in einer Gaststätte, sondern im eleganten Brownstone-Haus von Richard in Chicago im November 1985.


    Der väterliche, gut situierte, homosexuelle und talentierte Fotograf Richard hat eine Trauerfeier für die schwulen Bekannten und Freunde des vor drei Wochen an Aids verstorbenen, erst 25 Jahre alten Comiczeichners Nico organisiert.


    Auf der offiziellen Trauermesse ist die schwule Community nicht erwünscht.


    Neben dem 31-jährigen Yale und dem um 5 Jahre älteren Charlie, Nicos besten Freunden, ist auch Fiona, Nicos um vier Jahre jüngere Schwester, auf dem Fest bei Richard.

    Diese fünf Personen, Fiona, Nico, Yale, Charlie und Richard, werden uns den ganzen Roman über begleiten. 


    Fiona und ihr verstorbener Bruder Nico waren eng miteinander verbunden. 

    Er wurde mit 15 Jahren von den Eltern verstoßen. Sie hat sich mit ihrem Bruder solidarisiert und ihm und ihren gemeinsamen Freunden bis zuletzt die Treue gehalten.


    Yale und Charlie haben Nico am Sterbebett versprochen, sich um Fiona zu kümmern.

    Ein Versprechen, das letztlich in umgekehrter Weise eingelöst wurde.


    Alkohol, Drogen, Dia-Show… Eine feuchtfröhliche Party ist bei Richard im Gang. Genau so hätte es Nico gefallen.


    Yale wird auf dem Fest von Erinnerungen und Wehmut übermannt und zieht sich in ein Schlafzimmer in der ersten Etage zurück, um innerlich zur Ruhe zu kommen.

    Als er nach einiger Zeit wieder herunterkommt sind alle verschwunden. Das Haus ist wie ausgestorben.


    Was ist da passiert?

    Auf die Antwort müssen wir erst einmal warten, denn mit dem nächsten Kapitel gelangen wir ins Jahr 2015.


    Die inzwischen 51-jährige Fiona ist Psychologin und Geschäftsführerin  eines Gebrauchtwarenladens „mit Mission“: Mit Umsatz und Erlös setzt sich Fiona für Aids-Erkrankte ein - eine Lebensaufgabe in Erinnerung an all‘ ihre verstorbenen Freunde und Bekannte.


    Im Moment befindet sie sich in einem Flugzeug nach Paris. 

    Sie will dort mit Hilfe eines Privatdetektivs ihre Tochter Claire suchen, die sich vor einigen Jahren einer Sekte angeschlossen hat.


    Während ihres Aufenthalts wird sie bei Richard, dem mittlerweile 80-jährigen berühmten Fotografen, den wir bereits im ersten Kapitel kennengelernt haben und der damals die Trauerfeier für Fionas Bruder Nico organisiert hatte, wohnen.


    Nach diesem Kapitel wechseln wir regelmäßig zwischen 1985 ff und 2015 hin und her. 

    Das Tolle dabei ist, dass jeder der beiden Erzählstränge interessant, unterhaltsam und packend ist und bewundernswert ist, wie die Autorin zwischen diesen beiden Ebenen eine Brücke schlägt. 

    Es wirkt mühelos und unaufgeregt, wie sie die beiden Zeitstränge durch Personen, Geschehnisse und Erinnerungen verbindet.


    Wir lesen von den 1980-er Jahren, in denen das HIV-Virus zu grassieren und  wüten begann und auch eine Bedrohung für Chicagos Schwulenszene wurde. 

    Wir tauchen in „Chicagos Aidskrise“ ein, lesen von Tests, fehlenden Behandlungsmöglichkeiten, persönlichen Schicksalen, Vorurteilen, Ausgrenzungen und Demonstrationen.

    Mit rasanter Geschwindigkeit erkranken und sterben Infizierte. Die beängstigende Atmosphäre und die verunsicherte Grundstimmung erinnern an die momentane Bedrohung durch das Coronavirus. Ein Wiedererkennungseffekt, der gleichermaßen erschreckend wie faszinierend ist. 


    Wir erfahren etwas über Yales Alltag in der Galerie, für die er gerade eine wertvolle Gemäldesammlung ergattern will, über Charlies Arbeit als Herausgeber der Zeitung „Out Loud Chicago“, einer „Schwulenzeitung“, und über die Liebesbeziehung der beiden Männer, die immer wieder von Charlies ungerechtfertigter Eifersucht überschattet wird.


    Die oben erwähnte wertvolle Gemäldesammlung stammt von Fionas und Nicos 90-jähriger Großtante Nora. Wir lernen aber nicht nur die faszinierende alte Dame, die einst Kunst studierte und bei berühmten Künstlern in Paris Modell saß, kennen, sondern auch Frank, ihren geldgierigen Sohn und Debra, ihre verwöhnte und übellaunige Enkelin, die beide mit der Spende nicht so ganz einverstanden sind.


    Ob es Yale schließlich gelingen wird, die Sammlung für die Galerie zu gewinnen und ob Fiona ihre Tochter in Paris finden wird, erzähle ich hier natürlich nicht, aber diese Geschichten in der Geschichte sind spannend, verschaffen einen interessanten Einblick in einen wichtigen Bereich der Kunstszene und zeigen auf, wie schnell Missverständnisse entstehen können, wie leicht Beziehungen Risse bekommen können und wie schwierig, unsinnig und unmöglich es oft ist, Schuld zuzuweisen. 


    Rebecca Makkai schreibt empathisch, liebevoll, bewegend und ausdrucksstark. 

    Sie zeichnet authentische und lebendige Charaktere und verwendet dabei eine flüssig zu lesende und bildhafte Sprache mit wunderschönen Formulierungen und Metaphern.


    Hier einige Kostproben:

    „Normalerweise war er ein Gummiball aus kinetische Energie…“ (Kindle, Pos. 219)


    Toll formuliert, so wahr und auch zum Schmunzeln: „Als ich in ihrem Alter war, dachte ich, ab 50 würde es nur noch bergab gehen. Tja. Die Vorteile, die zur Altersdiskriminierung führen, sind die einzigen, die sich von selbst korrigieren, nicht wahr?“ (Kindle, Pos. 2285)


    Welch schöne Metapher, um eine Infektionskette zu beschreiben: „Sie waren menschliche Dominosteine. Wie konnte er nicht wissen, dass er der nächste Dominostein in der Reihe war?“ (Kindle, Pos. 2594)


    Mit dieser Formulierung kann man sich die Szene doch ganz genau vorstellen: „Er ließ sich auf einen Barhocker sinken, SCHÄLTE die Sohlen vom klebrigen Boden und bestellte einen Manhattan.“ (Kindle Pos. 4457)


    Vielleicht überlegt sich der ein oder andere interessierte Leser skeptisch, dass er in einer real virusdominierten Welt nichts über ein anderes Virus lesen möchte, dass die Realität genug Schwere und Ernst bereithält und dass es gerade deshalb besonders bedeutsam ist, für ausgleichende Ablenkung und Unterhaltung zu sorgen.


    Ich habe vor der Lektüre keine dieser Überlegungen angestellt, weil ich blind auf Elke Heidenreichs Empfehlung vertraute, die keine Details über den Inhalt verriet.


    Jetzt, am Ende der Lektüre kann ich voller Überzeugung sagen, dass man den Roman auch bedenkenlos lesen kann, wenn man sich im Vorfeld diese Gedanken macht. 


    Es geht zwar um eine ernste und berührende Thematik, aber der Roman ist vielschichtig, abwechslungsreich und durchweg fesselnd, kurzweilig, interessant und unterhaltsam. 

    Makkai gelingt es, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Schwere und Leichtigkeit herzustellen.


    An dieser Stelle macht es Sinn, auf den Titel des Romans zu verweisen. Er heißt nicht umsonst „Die Optimisten“ und verweist zurecht darauf, dass es hier trotz schwerer und ernster Grundthematik nicht um Ausweglosigkeit, Pessimismus und Depression geht.

    Im Verlauf und vor allem gegen Ende des Romans wird klar, warum die Autorin gerade diesen Titel gewählt hat, der ein Gegengewicht zur mit dem Thema assoziierten Stimmung darstellt.


    Ich flog durch die Seiten und bezeichne ihn gerne als absolut lesenswerten Pageturner.










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    Cover des Buches Kochen wie in Japan9783833873041

    Bewertung zu "Kochen wie in Japan" von Kaoru Iriyama

    Kochen wie in Japan
    Susanne_Probstvor 12 Tagen
    Kurzmeinung: Leckere Rezepte und guter Einblick in die japanische Koch-, Ess- und Tischkultur!
    Leckere Rezepte und guter Einblick in die japanische Koch-, Ess- und Tischkultur!

    Sushi und vieles mehr... 


    Es macht viel Spaß, dieses liebevoll gestaltete, ansprechende und inspirierende Kochbuch durchzublättern. 

    Die stilvollen und wunderschönen Fotos machen Appetit und man bekommt Lust aufs Nachkochen und Ausprobieren der Rezepte.


    Dass japanische Küche so viel mehr bereithält als Sushi, weiß man spätestens nachdem man sich dieses Buch, eine Augenweide, zu Gemüte geführt hat.


    Neben Sushi gibt es u. a. (Nudel-)Suppen, Reisgerichte, Fisch, Salate und Desserts zu entdecken.


    Ich habe schon Einiges nachgekocht und bin sehr angetan von Kaoru Iriyamas Zusammenstellung. Ich freue mich schon auf die künftigen „Japanabende“ bei uns.


    Die meisten Zutaten bekommt man komplikationslos in gut sortierten Supermärkten und Asialäden oder ggf. im Onlinehandel und die Zubereitung gelingt leicht, wenn man sich Zeit lässt. Die Anleitungen sind verständlich formuliert.


    Die Informationen rund um die japanische Ess- und Tischkultur und Iriyamas einführende Worte und Begleittexte sind interessant, lesens- und wissenswert.

    Seit der Lektüre ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich prüfe, ob ein Gericht 5 Farben aufweist ;-)


    Besonders gut geschmeckt haben meinem Mann und mir u. a. folgende Rezepte:


    Babyspinat mit Sesamdressing (S.146) :

    Das Dressing ist hervorragend abgestimmt.

    Es schmeckt wie unser Salathighlight bei unserem Lieblingsjapaner. 

    Es ist eine leckere Salatsoße - auch für andere (Blatt-)Salate.


    Makrelen in Ingwer-Miso (S. 102):

    Ein für uns nicht alltäglicher, aber fleischig-wohlschmeckender Fisch in unglaublich leckerer, sirupartiger und honigsüßlicher Soße.


    Uramaki Sushi (S. 87):

    Man braucht zwar nicht so viel Reisessigwasser, um die Hände zum Sushirollen zu befeuchten und man muss deutlich mehr Zeit einplanen, wenn man kein geübter Sushikoch ist, aber der Aufwand lohnt sich: feine Häppchen mit dem typischen Geschmack.


    Einen Verbesserungsvorschlag habe ich, bevor ich zu meinem abschließenden Votum komme: 

    Ein Stichwortverzeichnis am Ende wäre von Vorteil gewesen.


    Fazit: 

    Wer offen, experimentierfreudig und neugierig ist, sollte sich diese kleine aber feine Rezeptsammlung nicht entgehen lassen! 

    Man erhält einen wunderbaren Einblick in die japanische Kochkultur. 

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    Cover des Buches Die vergessliche Mörderin9783455008708

    Bewertung zu "Die vergessliche Mörderin" von Agatha Christie

    Die vergessliche Mörderin
    Susanne_Probstvor 18 Tagen
    Kurzmeinung: Ein spannender und plausibler Kriminalroman zum Schmökern und Genießen!
    Ein spannender und plausibler Kriminalroman zum Schmökern und Genießen!

    Das 1966 erstmals erschienene Buch ist der 57. Kriminalroman, den Agatha Christie geschrieben hat. 


    Er spielt in einer Wendephase. Das Alte galt als überholt, verknöchert und verstaubt - das Neue als verrückt, überzogen und provokativ. 


    Genau diese Welten treffen hier aufeinander. Das ist der Rahmen, innerhalb dessen sich die Geschichte um die vergessliche Mörderin abspielt.


    Mir gefiel diese atmosphärisch wunderbar aufgegriffene Gleichzeitigkeit und Gegenüberstellung von konservativen und modernen Strömungen im Bereich Jugend, Frauen und Kunst.


    Hercule Poirot, der konservative, scharfsinnige, eitle, von sich eingenommene und trotzdem sympathische belgische Privatdetektiv mit dem gezwirbeltem Schnurrbart, hat soeben eine Analyse über berühmte Autoren von Kriminalromanen beendet. 


    Gerade als er beginnt, sich zu langweilen, schneit eine junge ungepflegte Dame herein. 

    Sie will ihn wegen eines Mordes sprechen.  

    Wegen eines Mordes, den SIE möglicherweise begangen hat...aber sie überlegt es sich anders. 

    Ohne ihm mehr zu verraten, ist sie genauso schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen ist.


    Poirot lässt das keine Ruhe. 

    Er erzählt der befreundeten, redseligen, extrovertierten und etwas schrulligen Krimiautorin Mrs. Oliver von dieser außergewöhnlichen Begegnung und sie hilft ihm herauszufinden, wer und wo das Mädchen ist: 

    Es ist Norma Restarick, die in einer Frauen-WG in London lebt und bei einem Innenausstatter arbeitet. 

    Norma Restarick, die aus der ersten Ehe eines steinreichen Geschäftsmannes und Firmenteilhabers stammt.

    Norma Restarick, die anscheinend „verrückt“, „unterbelichtet“ oder zumindest „konfus“ und „vergesslich“ ist und plötzlich spurlos verschwindet...


    Die 1976 mit 86 Jahren verstorbene Agatha Christie lässt den Leser in Poirot‘s Gedankenwelt eintauchen und verführt auf diese Weise dazu, mitzudenken und den Fall mit ihm zusammen zu lösen. 

    Das macht Spaß, fesselt und ist spannend.


    Mir gefallen die unaufgeregte Erzählweise und die altmodische, aber in meinen Ohren so respektvoll, vornehm und elegant klingende Sprache. 

    Ja, sie klingt auch gestelzt und gekünstelt, aber das stört mich weniger, als dass es mich zum Schmunzeln bringt.


    Ich mag die altertümliche Atmosphäre und das Benehmen der älteren Figuren, für das mir kein besseres Wort als „sophisticated“ einfällt. 

    Das typisch englische Flair dieser Zeit wird in dem Roman vermittelt. 

    Ja, das Ganze ist auch auch etwas klischeehaft und manchmal ein bisschen kitschig. Aber auch das stört mich weniger, als dass es mich zum Schmunzeln bringt.


    Der Leser begegnet in dem Buch einer Vielzahl von liebevoll, unterschiedlich und lebendig gezeichneten Charakteren.


    Am liebsten mag ich die schlagfertige und etwas kauzige Kriminalbuchautorin Mrs. Oliver, die sich eigenmächtig und mit großem Ehrgeiz an den „Fall Norma“ heranmacht.


    Ganz nebenbei werden bedeutsame und zeitlose Themen gestreift:

    Was, wenn man das Gefühl hat, im falschen Leben festzustecken? 

    Wie ist es, wenn man als Fünfjährige vom Vater verlassen wird und dieser dann später mit einer neuen Ehefrau zurückkommt (Stichwort: Ödipus)? Hass und wozu er führen kann.


    Und letztlich wird man auf eine falsche Fährte gelockt und mit einer überraschenden, aber plausiblen Auflösung konfrontiert.


    „Die vergessliche Mörderin“ ist eine interessante, spannende, vergnügliche, unterhaltsame und kurzweilige Lektüre. 


    Ich liebe diese etwas altertümlichen Kriminalromane, egal ob von Agatha Christie oder Simenon. 

    Sie sind für mich eine wunderbare Abwechslung zum Schmökern und Genießen.






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    Cover des Buches Die Schauspielerin9783328601340

    Bewertung zu "Die Schauspielerin" von Anne Enright

    Die Schauspielerin
    Susanne_Probstvor 20 Tagen
    Kurzmeinung: Interessante Geschichte mit Potenzial, aber nicht gut umgesetzt.
    Interessante Geschichte mit Potenzial, aber nicht gut umgesetzt.

    Auf den ersten Blick geht es bei dem 304-seitigen Roman um den Aufstieg, den Alltag und den Niedergang der Schauspielerin Katherine O‘Dell, sowie um ihre Beziehung zu ihrer Tochter Norah.


    Die inzwischen ca. 55-jährige Norah begibt sich, ausgelöst durch ein Interview, in dem sie zu ihrer Mutter befragt wird („Wie war sie wirklich?“) auf die Spuren ihrer vor einigen Jahren verstorbenen Mutter, versucht, ein Verbrechen nachzuvollziehen und Hinweise und Erklärungen zu finden, die ihren ihr unbekannten Vater entmystifizieren.


    Und das alles, wie ich meine, um letztlich ihre eigene Geschichte zu rekonstruieren, Wahrheiten aufzuspüren und Antworten auf existentielle und möglicherweise noch unbewusste Fragen zu finden, sowie um tiefliegende und ambivalente Gefühle zu ergründen: 


    „War ich erwünscht und wurde ich geliebt?“


    Schon zu Beginn werden wir mit einer Komplexität und Zweiseitigkeit konfrontiert, die uns aufzeigt, dass die Beziehungen und Leben dieser beiden Frauen alles andere als eindeutig und einfach waren.


    Die Mutter Katherine wird einerseits als ganz normale Frau eingeführt, die Frühstück macht und Marmeladentoast isst. 

    Andererseits wird schon ganz zu Beginn deutlich, dass sie eine ganz besondere, außergewöhnliche und von allen bewunderte Frau ist, die bereits mit 45 Jahren verbraucht ist. Lebensstil, Tabak, Alkohol und Glamour haben ihre Spuren hinterlassen.


    Schon auf den ersten Seiten befinden wir uns auf der Volljährigkeitsparty von Norah. Ein rauschendes Fest im Spätsommer 1973 mit hochkarätigen Gästen und Zeitungsreporter. Ein Fest, das ihr zu Ehren veranstaltet wird, auf dem sie allerdings nur eine Nebenrolle spielt. Die Hauptrolle spielt ihre theatralische Mutter.


    Schnell wird klar, dass es nicht einfach ist, im Schatten einer solchen, von der Öffentlichkeit verehrten und häufig abwesenden Mutter zu stehen.

    „Es war schwierig, einen eigenen Ton zu finden.“ (S. 11)

    Sie war nur eine schlechte Kopie ihrer zeitlosen Mutter. (S. 18).

    Gleichzeitig war Norah wohl das Beste, das ihrer Mutter passieren konnte.
    „...und ich wusste, ich war ihr geheimes Glück.“ (S. 19).
    War das so? Und war ebendies auch Norahs Glück?
    Schon sehr früh wird angedeutet, dass die Schauspielerin psychiatrisch erkrankte und schon am Ende des ersten Kapitels erfährt man, dass sie 1980 den irischen Filmproduzenten Boyd O‘Neill in den Fuß geschossen hat, weshalb sie verhaftet, verurteilt und in eine forensische Psychiatrie eingeliefert worden war.

    Dass sie erst nach drei Jahren mit psychiatrischer Festmedikation, gealtert und unheilbar krank entlassen wurde und drei Jahre später starb, bleibt kein Geheimnis.


    Das alles und noch viel mehr erfahren wir über diese beiden vom Leben gezeichneten Frauen, ihre Beziehung zueinander und ihre Affären.


    Wir bekommen auch einen Einblick in das jetzige Leben Norahs und erfahren, dass sie ihren leiblichen Vater nie kennengelernt hat.


    Immer wieder stolpert man über wunderschöne Formulierungen, was mich anfangs darüber hinwegtröstet, dass Inhalt und Schreibstil mich nicht packen.

    Der Satz „Ihre blühende, der Dummheit so nahen Intelligenz.“ (S. 27) lässt mich schmunzeln und die Formulierung: „Beide waren auf dramatische Weise gutaussehend und in der Lage, durch einfaches Stillhalten zu übertreiben.“ (S. 38) musste ich mehrmals lesen.


    Aber dieser Trost hatte nicht die Kraft und das Gewicht, meine Leselust und mein Lesevergnügen anzukurbeln.


    Ich empfand den Roman als eine wenig chronologische Aneinanderreihung von Erinnerungen, Szenen, Fakten und Gedanken.


    Er las sich für mich nicht wie eine flüssige Geschichte, in die ich mich hineinfallen lassen konnte, sondern wie ein Bombardement mit Informationen, dem ich aufmerksam und konzentriert lauschen musste und das mich z. T. langweilte.

    Das Erzähltempo war mir zu schnell, der Schreibstil zu nüchtern. 

    Mir fehlten die Emotionen und der Blick in das Innenleben der Personen.



    Irgendwie war das Ganze für mich ein bisschen verwirrend, zu dicht und zu überladen.
    Die Geschichte übte bis zuletzt keinen wirklichen Sog auf mich aus. Sie hat mich nicht erreicht, gepackt oder gefesselt. Sie war anstrengend, aber die Anstrengung hat sich für mich nicht gelohnt.

    Im Verlauf der Lektüre bekam ich immer mehr den Eindruck von einem Puzzle. 
    Die Ich-Erzählerin schiebt einzelne Puzzleteile zusammen und am Ende entsteht ein ganzes Bild.
    Manchen Lesern mag das sehr gut gefallen. Mir ist das zu unruhig, zu wenig zusammenhängend und zu wenig stringent.

    „Die Schauspielerin“ ist eine interessante Geschichte mit reizvollen Themen, aber für meinen Geschmack nicht gut umgesetzt.











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    Cover des Buches Der Bananentourist9783455005226

    Bewertung zu "Der Bananentourist" von Georges Simenon

    Der Bananentourist
    Susanne_Probstvor einem Monat
    Hochaktuell, tiefgründig und unterhaltsam! Ein Highlight!

    In dem Buch offenbart sich eine hochaktuelle Thematik obwohl es schon 1937 geschrieben wurde: fehlendes Zugehörigkeitsgefühl, Flucht aus dem subjektiv beklemmenden und unpassenden Milieu und Suche nach dem richtigen Platz im Leben.


    Es geht um einen gescheiterten Selbstbehandlungs- und Heilungsversuch und um einen fassadären und empörenden Mordprozess.


    Gleich zu Beginn möchte ich darauf hinweisen, dass „Der Bananentourist“ der zweite und gleichzeitig letzte Teil der Donadieusaga, beginnend mit „Das Testament Donadieu“ ist. 

    Mir wurde das erst beim Lesen des Nachworts klar ;-)

    Man kann daraus ablesen, dass es ohne Weiteres möglich ist, diesen Roman als unabhängigen Band zu lesen und zu genießen. 


    Da er mir aber so gut gefallen hat, werde ich mir nun auch noch den ersten Teil gönnen :-)

    Seit 37 Tagen ist das Schiff Ile-de-Ré unterwegs. In Marseille ging es los. Tahiti ist das Ziel.

    Der 25-jährige introvertierte, unsichere und menschenscheue Oscar Donadieu, der Sohn eines verstorbenen, wohlhabenden und angesehenen Reeders aus Frankreich, hat beschlossen, als sog. Bananentourist auf Tahiti „ein natürliches Leben ohne Geld, ohne Zwänge, in idealer Umgebung“ (Kindle, Pos. 2328) zu leben. 
    Dieser Entschluss ist eine Flucht und ein kontraphobischer Kraftakt Oscars, um seine Neurose und das Vergangene zu überwinden.
     
    Auf der Schiffsreise macht er täglich seine gymnastischen Übungen und verbringt seine Zeit am liebsten allein. Manchmal spielt er mit dem Missionar Schach. 

    An einem Sonntag wird der Kapitän eines anderen Dampfers auf der Ile-de-Ré aufgenommen. 
    Er hat einen Mord begangen, soll nach Tahiti gebracht und dort in der Hauptstadt Papeete vor Gericht gestellt werden.
    Anfang Februar legt das Schiff in Tahiti an, wo es in Strömen regnet.

    Wir begleiten Oscar, lernen seine neuen Bekannten kennen und tauchen in den Prozess um den Eifersuchtsmord des 50-jährigen Kapitäns Lagre an seinem Dritten Offizier Riri ein. 

    Es ist unterhaltsam, beeindruckend und interessant, den Protagonisten Oscar näher kennen zu lernen, etwas von seiner Geschichte zu erfahren, in seine Gedankenwelt einzutauchen und seinen Erlebnissen, sowie seinen inneren Entwicklungen und Veränderungen auf der Pazifikinsel zu folgen.

    Die Lektüre verschafft anschauliche, interessante und empörende Einblicke in die zum Teil haarsträubenden damaligen kolonialen Verhältnisse auf Tahiti. 

    Von den teilweise oberflächlichen, fassadären, korrupten und missbräuchlichen Begebenheiten und Gepflogenheiten im Alltag der Inselbewohner zu lesen, ist erschreckend.
    Man verspürt Verwunderung und Entrüstung, was den Umgang mit eingeborenen Mädchen und Frauen, das abgekartete Spiel einer Verhandlung oder die Farce einer Verurteilung anbelangt.

    Georges Simenon schreibt in einer schönen, lebendig und locker dahinfließenden, bildhaften Sprache. Man kann sich Orte und Menschen lebhaft vorstellen:
    Die Kokospalmen, den Wasserfall, die Kneipen, das Markttreiben, die zu Bussen umgebauten, mit Eingeborenen vollbeladenen LKWs und die mit Touristen überquellenden Schiffe, die alle paar Wochen auf Tahiti anlegen.

    Der Autor erschafft einen gleichermaßen unterhaltsamen und kurzweiligen, wie interessanten und tiefgründigen Roman, der raffiniert und differenziert komponiert ist. 
    Die Spaltung in einen inneren, nach Idealen strebenden und in einen äußeren, angepassten, mut- und hoffnungslosen Donadieu zeigt die Ambivalenz und innere Zerrissenheit des Protagonisten, der alles andere als flach oder eindimensional gezeichnet wird.

    Melancholie durchzieht die Geschichte wie Hintergrundmusik.
    Im Vordergrund stehen einerseits das verzweifelte Ringen des Protagonisten um Heilung und das ärmliche, assimilierte und z. T. hoffnungslose Schicksal der Einheimischen, sowie andererseits das oberflächliche, vor Lebenslust strotzende und vermeintlich sorglose und unbeschwerte Leben der gut betuchten, tonangebenden und hedonistischen Kolonialisten.

    Klare Leseempfehlung!







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    Cover des Buches Giovannis Zimmer9783837150797

    Bewertung zu "Giovannis Zimmer" von James Baldwin

    Giovannis Zimmer
    Susanne_Probstvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein Meisterwerk! Eine Perle! Ein must read!
    Ein Meisterwerk! Eine Perle! Ein must read!

    Der nur 208 Seiten lange zweite Roman Baldwins, einem begnadeten Schriftsteller und Kämpfer für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung, erschien erstmals 1956 und spielt überwiegend im Paris der 1950er Jahre.


    Baldwin beschreibt darin die damaligen Zustände bzw. Missstände und das damals vorherrschende Gesellschaftsbild ohne es zu bewerten, was eine Meisterleistung an Zurückhaltung ist, wenn man bedenkt, dass Baldwin selbst massiv unter Diskriminierung, Anfeindungen und Ausgrenzung gelitten hat.


    Es geht explizit bzw. implizit um Liebesfähigkeit, sexuelle Orientierung, Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung, Geschlechterrollen, gesellschaftliche Normen, Vorurteile und Überzeugungen, befürchtete Ächtung, drohenden Absturz, Macht und Unterwerfung, Selbsthass und Frauenhass, zu Hause und Heimat.


    „Vielleicht ist zu Hause gar kein Ort, sondern ein unwiderruflicher Zustand.“ Solche und ähnliche existentielle Überlegungen regen zum Reflektieren an.


    In der ersten Szene treffen wir auf David. 

    Er steht mit einem Glas Wein am Fenster eines prächtigen Ferienhauses in einem kleinen Badeort in Südfrankreich, betrachtet sein Spiegelbild, blickt hinaus in die Abenddämmerung und lässt seinen Erinnerungen, Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen freien Lauf.


    David denkt an eine eindrückliche, einschneidende, aufwühlende, sein Leben und Erleben verändernde und erschreckende Nacht mit seinem Freund Joey als sie beide im Teenageralter waren. 


    Wir erfahren, dass David in San Francisco geboren wurde und in Seattle und New York bei seinem Vater und dessen Schwester Ellen aufgewachsen ist, nachdem seine Mutter in seinem sechsten Lebensjahr verstorben war.


    Wir können unschwer und bald erkennen, dass es ein wenig harmonisches, wortkarges und unterkühltes Aufwachsen bei seiner Tante Ellen, einer frustrierten Frau mit einer Vorliebe für Bücher, Kino und Stricken, und seinem emotional abgestumpften Vater, einem für Alkohol und „Weibergeschichten“ anfälligen Mann, war. 


    Der Verlust seiner Mutter, der er in Albträumen begegnete und die die drei aus einem Foto auf dem Kaminsims heraus „beobachtete“, wurde tabuisiert und mit seinem Gefühlsleben musste er selbst irgendwie zurechtkommen: Eine Überforderung des Kindes und Heranwachsenden, die zu emotionaler Erstarrung, innerer Ambivalenz, Verwirrung und Vereinsamung führte.


    Ein schlimmer Unfall führt zur endgültigen und völligen Entfremdung zwischen Vater und Sohn, zum Umzug nach Paris und zu Geldnot.


    Im weiteren Verlauf lernen wir den in sich zerrissenen David besser kennen und darüber hinaus auch den amerikanischen Geschäftsmann Jaques, die gleichzeitig offene, reisefreudige und konservative Hella und den italienischen Barmann Giovanni.


    David, der wohl ein Verbrechen begangen hat, unter Schuldgefühlen leidet und auf Vergebung hofft.


    Jaques, den homosexuellen Bekannten, der David immer wieder Geld leiht und ihn durchschaut. 


    Hella, Davids Verlobte, die gerade in Spanien ist und 


    Giovanni, der letztlich umgebracht wurde.


    Baldwin überzeugte mich mit seiner wunderschönen, bildhaften und poetischen Sprache und mit seinen beeindruckenden Metaphern und Vergleichen.


    Manche Sätze und Formulierungen, einfach, aber mit Tiefgang, ließen mich innehalten und mussten mehrmals gelesen werden.

    Ein WortSCHATZ im wahrsten Sinne!


    Mit einer Kostprobe für eine wunderschöne Formulierung, mit der er eine rein sexuelle Affäre beschreibt, möchte ich die Lust auf dieses Buch anheizen: „Sie sind schändlich, weil keine Zuneigung in ihnen steckt und keine Freude. Als würde man einen Stecker in eine tote Dose stecken. Berührung, aber kein Kontakt. Bloße Berührung, aber kein Kontakt und kein Licht.“ (Seite 67)

    Toll, oder?


    Baldwin ist ein Meister im messerscharfen Beobachten und detaillierten Beschreiben von äußeren und inneren Welten. Er seziert innere Prozesse und beschreibt psychologische Vorgänge feinfühlig, treffend, gekonnt und nachvollziehbar.


    Er beschreibt den Vater-Sohn Konflikt und die Bedeutsamkeit vom Einhalten der Rollen und Grenzen zwischen Vater und Sohn unfassbar gut.

    Ebenso bewundernswert treffend und klar bringt er psychologische Zusammenhänge zu Papier. 


    Ich bin tief beeindruckt von seiner Fähigkeit, psychodynamische Zusammenhänge mit einfachen und klaren Worten zu beschreiben und mit Metaphern zu verdeutlichen. Schon auf Seite 28 begeistern mich seine Überlegungen zu Entscheidungen, Willensstärke und Selbsttäuschung. 


    Seine Figuren zeichnet Baldwin in all ihrer Komplexität. Sie sind alles andere als eindimensional, hölzern oder farblos.


    Baldwin vermittelt eindrücklich die Atmosphäre jeder Situation. Es besteht z. B. kein Zweifel daran, dass man in Paris ist. Man sieht das Treiben in den Gassen und die Geschehnisse in den Bars vor sich, man riecht die Gerüche in der Markthalle und ist angewidert von den fauligen und stinkenden Abfällen auf der Straße. 


    Die zahlreichen, aber aus dem Kontext heraus verständlichen französischen Einsprengsel gefielen mir und tun ihr Übriges, um den Eindruck, mitten in der französischen Hauptstadt zu sein, zu verstärken. Sie sorgen zusätzlich zu den sehr bildhaften und detailgenauen Beobachtungen und Beschreibungen für eine sehr authentische Atmosphäre.


    Mein wohl nicht überraschendes Fazit:

    LESEN! Es lohnt sich.


    P. S.: Es lohnt sich auch, das äußerst interessante, aufschlussreiche und erhellende Nachwort von Sasha Marianna Salzmann zu lesen.













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    Cover des Buches Die Tanzenden9783492070140

    Bewertung zu "Die Tanzenden" von Victoria Mas

    Die Tanzenden
    Susanne_Probstvor einem Monat
    Kurzmeinung: Schwere Thematik spannend und mit Leichtigkeit erzählt. Lesenswert!
    Schwere Thematik spannend und mit Leichtigkeit erzählt. Lesenswert!

    Wenn wir das Buch aufschlagen, tauchen wir ein in das Paris von 1885.


    Wir befinden uns in der Salpêtrière, einer Nervenheilanstalt für geisteskranke (und unbequeme) Frauen, die noch nicht gänzlich von ihrem Ruf befreit ist, „eine Mülldeponie für all jene, die die öffentliche Ordnung gefährdeten, eine Anstalt für Frauen, deren Empfindungen nicht den Erwartungen entsprachen, ein Gefängnis für diejenigen die sich einer eigenen Meinung schuldig gemacht hatten“, zu sein. 

    (Kindle, Pos. 339/341)


    Wir werfen einen Blick in das Auditorium, in dessen Bänken ein ausschließlich männliches, sensationsgieriges Publikum aus Medizinern, Studenten, Journalisten, Schriftstellern, Politikern und Künstlern sitzt und gespannt auf den berühmten Nervenarzt Charcot wartet.


    Charcot präsentiert und demonstriert in  seinen legendären wöchentlichen öffentlichen Lehrveranstaltungen dem interessierten Publikum Patientinnen, die unter Hypnose schwere hysterische Anfälle erleiden, die durch Druck auf die Eierstöcke, durch Betäubung mit Äther oder durch ähnlich skurrile oder brutale Maßnahmen beendet werden sollen. 


    Es geht dabei v. a. um Ruhm, Erfolg und Wissenschaft und erst in zweiter Linie um Heilung. Die Frauen werden als reine Forschungsobjekte betrachtet.


    Wir lernen Geneviève, Louise und Eugénie kennen und begleiten die drei Frauen ein Stück auf ihren Lebenswegen, die sich in gewisser Weise kreuzen.Wir begegnen dabei auch Thérèse, einer langjährigen Insassin der Salpêtrière und en passant erfahren wir so einiges zur Geschichte dieses berühmten Krankenhauses. 


    Louise, eine 16-jährige junge Frau, die seit drei Jahren zusammen mit anderen Hysterikerinnen in einem speziell für sie eingerichteten Trakt eingesperrt ist, da sie als verrückt und geisteskrank gilt, will Charcot zufriedenstellen und eines Tages durch ihre Darbietungen in Hypnose berühmt werden.


    Die Krankenschwester und Oberaufseherin Geneviève, Tochter eines Landarztes in der Auvergne, bewundert Charcot und ist stolz und dankbar, für ihn arbeiten zu dürfen.

    Sie arbeitet schon seit 20 Jahren in der Salpêtrière und bewohnt ein kleines bescheidenes  Zimmer in der sechsten Etage eines Wohnhauses, in dem sie sich eine Waschgelegenheit auf dem Flur mit mehreren anderen Frauen teilt.

    Sie verrichtet in der Nervenanstalt ernüchtert, distanziert, streng,  zuverlässig und gerecht ihre Arbeit.

    Regelmäßig schreibt sie Briefe an ihre geliebte, aber bereits verstorbene Schwester Blandine.


    Die 19-jährige Eugénie ist die Tochter der privilegierten, gutbürgerlichen und wohlhabenden fünfköpfigen Familie Cléry. 

    Sie ist eine selbstbewusste, freiheitsliebende, lebensfrohe, kluge, provokante und rebellische junge Frau, die sich den gesellschaftlichen Konventionen und den Vorstellungen ihres Vaters, einem Patriarchen und stockkonservativen Notar mit eigener Kanzlei, widersetzt.

    In ihrer Großmutter, die mit ihnen zusammenlebt, sieht sie eine Verbündete und mit ihrem Bruder, dem „linientreuen“ Théophile verbindet sie ein eher freundlich-distanziertes, als zärtliches Geschwisterverhältnis.

    Eugénie hat seit ihrem zwölften Lebensjahr Visionen, was sie selbst als vorübergehende psychische Störung betrachtet.

    Immer wieder sieht sie bekannte oder fremde Verstorbene und hört deren Stimmen, was sie aber aus gutem Grund für sich behält. Ihr ist klar, dass die Salpêtrière droht, wenn es bekannt wird.


    Victoria Mas bettet wahre Begebenheiten und reale Personen des ausgehenden 19.Jahrhunderts in eine spannende fiktive Geschichte ein, die sie lebendig, locker und leicht in einer klaren, ausdrucksstarken und schnörkellosen Sprache erzählt.


    Der Debütroman, den sie auf diese Weise erschaffen hat, ist kurzweilig, unterhaltsam und interessant.


    Die Thematik um die es geht, ist berührend, empörend, macht sprachlos und regt zum Nachdenken an... v. a., wenn man sich bewusst macht, dass es noch gar nicht allzu lange her ist, dass Frauen v. a. von Männern auf eine derart empörende und menschenverachtende Art und Weise behandelt, mundtot gemacht, ihrer Freiheit beraubt und „entsorgt“ wurden.


    Der Autorin gelingt es, ein schweres Thema mit einer Leichtigkeit zu behandeln, die ihresgleichen sucht. 


    Ich habe „die Tanzenden“ gern gelesen und empfehle ihn ebenso gern weiter.

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