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TashaWinter

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Rezensionen und Bewertungen

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    Cover des Buches Erbgut (ISBN: 9783218013291)

    Bewertung zu "Erbgut" von Bettina Scheiflinger

    Erbgut
    TashaWintervor einem Monat
    Welche Lasten werden uns vererbt?

    „Lassen Sie ihn, Lionel. Er mag aussehen wie aus der Gosse, aber sie haben doch Freddy Mongoose nicht vergessen, oder?“

    Freddy hätte nicht aufblicken müssen, um zu wissen, dass es sich um Llewellyn Thornton handelt. Er steht auf dem ersten Absatz der Treppe, an das Geländer gelehnt, mit einer Aura von Selbstsicherheit, die Freddy seit jeher hasst. Sein heller Anzug ist aus einem silbrigen Stoff, umspielt seinen schlanken Körper. Jedes seiner hellblonden Haare sitzt perfekt, das leichte Lächeln auf seinen schmalen Lippen bringt Freddy zur Weißglut. Wie eine Statue, denkt er wieder einmal. Die hohen Wangenknochen wie gemeißelt, die bleiche Haut, der Blick aus seinen eisblauen Augen kalt und berechnend. Ein Thornton durch und durch. Seine bloße Anwesenheit jagt Freddy eine Gänsehaut den Rücken hinunter.

    „Und schon möchte ich selbst am liebsten wieder gehen“, sagt er, zieht seinen Mantel aus und wirft ihn in Richtung von Lionel, der ihn gekonnt auffängt und keine Miene verzieht. 

    „Wärm dich zumindest etwas auf“, sagt Llewellyn. „Das wird dir guttun, mein Lieber.“

    Ist das eine Anspielung auf Freddys abgenutzte Kleidung, oder auf die Tatsache, dass er es sich in diesem November kaum leisten kann zu heizen? Weiß Llewellyn wie schlecht es um seine Finanzen steht? Der Gedanke treibt ihm Hitze in die Wangen.

    „In deiner Gegenwart könnte mir niemals warm werden“, sagt er.

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    Cover des Buches Kitty Carter – Dämonenkuss (ISBN: 9783985951123)

    Bewertung zu "Kitty Carter – Dämonenkuss" von Jana Paradigi

    Kitty Carter – Dämonenkuss
    TashaWintervor einem Monat
    Eine ungewöhnliche Heldin

    Kitty Carter ist 49 Jahre alt, als ihr Leben in London 1862 ein jähes Ende findet. Nie hätte sie gedacht, dass ihr wahres Leben erst nach ihrem Tod beginnen wird, denn Kitty wird von Gott zurück auf die Erde geschickt, wo die mit ihrem außergewöhnlichen Spürsinn einige mysteriöse Morde aufklären soll.
    "Kitty Carter- Dämonenkuss" von Jana Paradigi hat viele Elemente, die mir unglaublich gut gefallen haben haben. Das setting von London im 19. Jahrhundert, die humorvolle Darstellung von Gott, die kriminalistischen Elemente. Allem voran mochte ich aber die ungewöhnliche Protagonistin. Ich habe es bisher äußerst selten gelesen, dass eine Frau mittleren Alters im Mittelpunkt eines Fantasy Abenteuers steht. Das ist meist sehr jungen Heldinnen oder Helden vorbehalten. Und mit gefällt es auch sehr gut, dass Kitty sich noch entwickelt, nachdem sie sich von den gesellschaftlichen Fesseln befreit, die sie einengen. Man fühlt mit Kitty, als sie nach und nach ihrer eigenen Identität immer näher nimmt.
    Den Fall fand ich sehr spannend und habe Kittys Ermittlungen mit Genuss verfolgt. Hervorheben möchte ich auch die wunderbar dichte Atmosphäre der Geschichte, die einen komplett in das Geschehen eintauchen lässt. Unglaublich gern würde ich noch einen weiteren Kitty Carter Band lesen.

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    Cover des Buches Die Kriegerin (ISBN: 9783351051075)

    Bewertung zu "Die Kriegerin" von Helene Bukowski

    Die Kriegerin
    TashaWintervor einem Monat
    Verletzungen und Nähe

    Sie wünscht sich einen Panzer, eine Rüstung, die ihre Haut und ihre Empfindungen schützen kann. Seit ihrer Kindheit leidet Lisbeth an Neurodermitis, kratzt sich nachts blutig und versteckt die Wund unter langer Kleidung.
    Menschen kommt sie lieber nicht zu nahe, da sie die Gefühle anderer deutlich wahrnimmt und das ihre Schwierigkeiten verstärkt.
    Ihre eigenen Empfindungen vergräbt sie hingegen tief in ihrem Innern und teilt sie mit niemandem.
    Viele Jahre später verlässt sie ihren Partner und ihre Tochter, verschwindet ohne Reue aus ihrem Leben. In dem kleinen Ostseebad trifft sie auf die Kriegerin. Die Frau, die sie in der Grundausbildung der Bundeswehr kennenlernte und die zunächst so gar nicht wie eine Kämpferin wirkte. Damals waren die beiden sich nahe, hervorragende Soldatinnen, die ihre Kameraden in allen Disziplinen überflügelten. Doch dann geschah etwas, das Lisbeths Rüstung zerstört, und sie bricht die Grundausbildung ab.
    All diese Details aus Lisbeths Vergangenheit und aus der gemeinsamen Zeit mit der Kriegerin erfahren wir in Rückblenden. Lisbeths Leben ist eine Aneinanderreihung von Versuchen mit ihrer hohen Sensibilität zurechtzukommen und immer wieder scheitert sie dabei oder wird zum Scheitern gebracht.
     An der Seite der Kriegerin findet sie zunächst etwas Ruhe, denn sie bleibt bei sich, überträgt ihr Gefühle nicht auf Lisbeth.

    Doch nach mehreren Fronteinsätzen bröckelt auch die Schutzhaut der Kriegerin. In Briefen teilt sie Lisbeth, die als Floristin auf einem Kreuzfahrtsschiff arbeitet, ihre Gedanken mit und Lisbeth erkennt, dass auch sie immer mehr mit ihren eigenen Schatten zu kämpfen hat.
    Gerade die Schilderungen der Erlebnisse der Kriegerin in Frontgebieten hat mich extrem fasziniert, ebenso wie ihre Erfahrungen mit Diskriminierung.
     Die Darstellung der Freundschaft zwischen den beiden Frauen hat eine große Tiefe, mitunter aber auch Elemente von Gewalt und Unverständnis. Beide versuchen auf ihre Art genug Stärke zu erlangen, um einer feindlichen Welt zu trotzen und aus der ihnen Brutalität und Ausgrenzung entgegenschlägt. Für mich hat die Frage ob und wie sie es schaffen werden, darin zu überleben, viel von der Spannung in der Geschichte ausgemacht. Nicht immer waren alle Handlungen der Figuren für mich nachvollziehbar manchmal hätte ich mir noch mehr Innensicht gewünscht. Auch wenn ich es verständlich finde, dass erlebte Traumata auch irrationale Handlungen bedingen. Aber dennoch hat mich vieles an "Die Kriegerin" von Helene Bukowski sehr beeindruckt und ich empfehle es unbedingt weiter.

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    Cover des Buches Die Summe des Ganzen (ISBN: 9783966390484)

    Bewertung zu "Die Summe des Ganzen" von Steven Uhly

    Die Summe des Ganzen
    TashaWintervor 2 Monaten
    Wichtiges Thema

    Padre Roque de Guzmán sitzt im Beichtstuhl seiner Pfarrkirche in Madrid und harrt der Sünder und Sünderinnen, die ihn aufsuchen werden. Die meisten von ihnen kennt er und weiß, was sie auf dem Herzen haben. Da ist José María, der immer wieder Bordelle besucht und seine Frau betrügt. Oder Señóra Barros, mit ihrer Wut auf ihren toten Mann. Er legt ihnen Vaterunser und Rosenkränze auf und erteilt die Absolution.

    Doch an diesem Tag sitzt ein junger Mann auf der anderen Seite des Gitters, dessen Sünde offenbar so ungeheuerlich ist, dass er sie nicht gleich beichten kann. Erst nach weiteren Besuchen kristallisiert sich heraus, um das es geht. Lucas Hernández fühlt sich zu seinem Nachhilfeschüler hingezogen, der noch ein Kind ist. Und seine Geständnisse erinnern den Padre zum ersten Mal seit langer Zeit daran, dass auch er selbst nicht ohne Sünde ist, wecken Begierden in ihm, die lange unter der Oberfläche schlummerten.

     „Die Summe des Ganzen“ von Steven Uhly greift ein wichtiges Thema auf, über das sich schwer sprechen lässt und über das von der katholischen Kirche schon viel zu oft ein Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Es ist manchmal fast unerträglich, sich hier in der Gedankenwelt eines Päderasten zu finden, dessen Rechtfertigungen und Verharmlosungen zu lesen. Gleichzeitig wird in Uhlys Roman auch das unerträgliche Leid deutlich, das durch diese Menschen und ausgelöst wird. Und das noch dadurch vertieft wird, dass ihre Taten verschleiert werden und wurden.

    Trotz der Kürze der Geschichte werden hier auch noch andere Themen verhandelt, wie die Frage ob Rache jemals gerechtfertigt sein kann und wie ein Mensch, der unerträgliches erlebt hat, wieder in ein lebenswertes Leben zurückfinden kann. Was braucht es, damit ein Mensch, dessen Leben bis in die Grundfesten erschüttert wurde, wieder Frieden finden kann?
    Ich habe den Roman mit großer innerer Anspannung gelesen und muss mich letztlich vor der Kunstfertigkeit verbeugen, mit der die Geschichte aufgebaut wurde und durch die erst nach und nach klar wird, was wirklich die Hintergründe sind. Es macht wütend zu lesen, auf welche Weise Taten vertuscht werden, auch wenn man sich der Gefahr bereits bewusst ist.
     Meiner Meinung nach ist es eine der Aufgaben von Literatur, mutig auf Missstände hinzuweisen und diese aufzudecken und das geschieht hier in eindrucksvoller Weise. Gleichzeitig eine Geschichte, die mich sprachlich überzeugt hat, und die menschlichen Abgründe, aber auch tiefes Leid mit großer erzählerischer Kraft darstellt. Absolute Empfehlung.

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    Cover des Buches Wie ein Kuss alles veränderte (ISBN: 9783740706272)

    Bewertung zu "Wie ein Kuss alles veränderte" von Nella Beinen

    Wie ein Kuss alles veränderte
    TashaWintervor 2 Monaten
    Authentisch und einfühlsam

    Michas Leben könnte perfekt sein. Er hat seinen besten Freund Lukas, der zu ihm hält und Ayleen, die an der Schule sehr beliebt ist, möchte seine Freundinwerden. Doch irgendwie will der Funke nicht so recht überspringen und Micha kann sich zunächst nicht erklären wieso. Stattdessen interessiert er sich immer mehr für den neuen Mitschüler Bennie, der ebenfalls seine Nähe sucht. Michas Gedanken kreisen um ihn und er wäre am liebsten so oft wie möglich mit ihm zusammen. Das verwirrt ihn. Müsste er so nicht eigentlich für Ayleen empfinden? Immer wieder stellt er sich diese Frage, als er Bennie ihm vorschlägt zusammen ins Kino zu gehen und er Herzklopfen bekommt, als er auf dem Schulhof immer wieder mit den Augen nach Bennie sucht, und sich bei jeder Textnachricht, die er bekommt wünscht, sie wäre von ihm.

     Als Bennie dann auch noch im Kino seine Hand nimmt und es sich gut anfühlt, ist zumindest klar, dass Bennie sich mehr von der Freundschaft mit ihm erhofft. Aber wie sieht es mit Michas Gefühlen aus? Zunächst ist er sicher, dass er nicht schwul ist. Er hat sich doch immer nur für Mädchen interessiert, oder? Aber wie lässt sich dann seine Verwirrung erklären und die unumstrittene Tatsache, dass er am liebsten Bennie in seiner Nähe hat? So nah wie möglich.

    Nella Beinen schildert lebensnah und einfühlsam, wie Micha beginnt sich damit auseinanderzusetzen, was er wirklich möchte. Dabei lässt sie den Figuren Zeit für ihre Entwicklung, nichts wird überstürzt und wir erleben Michas Zweifel und Ängste, aber auch die positiven Gefühle, als er immer mehr zu sich selbst findet. Der Ton ihrer Geschichten ist dabei absolut authentisch, so dass wir sehr nahe an den Jugendlichen sind. „Wie ein Kuss alles veränderte“ handelt von dem Finden der eigenen Identität in einer Welt, die noch immer heteronormativ ist und zeigt auch auf, dass dadurch nicht alles immer von Anfang an klar und leicht durchschaubar ist. Micha braucht Zeit, um seine Gefühle zu sortieren und sich mit seiner neuen Situation anzufreunden und die lässt ihm die Autorin auch. Gleichzeitig fand ich es angenehm zu lesen, dass Micha ein sicheres Umfeld hat, in dem er sich geborgen fühlt und das ihn bei seiner Suche nach seinen wahren Gefühlen unterstützt.
     Ein wunderbarer und einfühlsamer Roman, von dem ich sehr froh bin, dass ich ihn lesen durfte.

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    Cover des Buches Bleib, solang du willst (ISBN: 9783792002759)

    Bewertung zu "Bleib, solang du willst" von Ilinca Florian

    Bleib, solang du willst
    TashaWintervor 2 Monaten
    Zwei ungleiche Schwestern

    Martha muss feststellen, dass ihr Ehemann als Partner und Vater ein Versager ist und gleich mehrere Affairen gleichzeitig hat. Gemeinsam mit ihrem acht Monate alten Sohn Emil zieht sie bei ihrer älteren Schwester Charlotte in Berlin ein. Martha und Charlotte könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Martha Jazzgesang studiert, sich von ihrem Herzen leiten lässt und ein wenig zum Chaos neigt, ist Charlotte eine perfekt organisierte business Frau.
    Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass hier zwei Lebensentwürfe gegeneinder ausgespielt werden, aber das hat sich nicht bewahrheitet. Zunächst begegnen sich die Schwestern mit Respekt und erkennen, was die jeweils andere leistet. Leider entfernen sie sich dann eher voneinander, als Charlotte mehr und mehr in Marthas Leben eingreift. Martha muss sich emanzipieren und als Mutter und Künstlerin wieder ihren eigenen Weg gehen. Diese Selbstbehauptung fand ich absolut glaubhaft dargestellt. Es wurde deutlich, wie selbst scheinbar selbstverständliche Dinge, wie ein Vorstellungsgespräch oder ein einzelner Auftritt der jungen Mutter eine planerische Meisterleistung abverlangen. Gleichzeitig wird klar, wie sehr Martha ihren Sohn dennoch als Bereicherung empfindet. Am Ende gibt es eine schmerzhafte Wendung, mit der ich nicht gerechnet habe.
    Der Ton den Ilinca Florian anschlägt, ist leicht und locker, ohne sprachliche Experimente und macht die Geschichte sehr zugänglich. Auch wenn ich mir letztlich gewünscht hätte, dass die beiden Schwestern für sich einen Weg ohne Vorhaltungen und mit größerer Nähe finden, ein angenehmes Leseerlebnis.

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    Cover des Buches Yadriel und Julian. Cemetery Boys (ISBN: 9783748801818)

    Bewertung zu "Yadriel und Julian. Cemetery Boys" von Aiden Thomas

    Yadriel und Julian. Cemetery Boys
    TashaWintervor 2 Monaten
    Hohes Identifikationspotential

    Julian hat keinen größeren Wunsch als ein Brujo zu werden, wie alle anderen männlichen Mitglieder seiner Familie. Diesen Status zu erlangen würde bedeuten, dass er Geister von Verstorbenen beschwören und an sich binden kann. Außerdem kann er sie zu gegebener Zeit von dieser Welt erlösen und sie ins Jenseits schicken. Frauen hingegen können Brujas werden, die die Fähigkeit haben, zu heilen. Doch Yadriels Vater, der kaum Verständnis für seine trans Identität aufbringt und sich nicht damit auseinanderzusetzen will, ist dagegen, dass er sich dem notwendigen Ritual vor Lady Death unterzieht. Also nimmt Yadriel kurz vorm Tag der Toten die Sache selbst in die Hand und bittet gemeinsam mit seiner Cousine Maritza Lady Death persönlich, ihn zu einem Brujo zu machen. Sie gewährt ihm seinen Wunsch.
    Noch in der gleichen Nacht stirbt Yadriels Cousin Miguel, doch die Brujos können weder seinen Geist noch seinen Körper finden. Und dann beschwört Yadriel aus Versehen den Geist des rebellischen Julian, der gerade verstorben ist. Und auch er weiß nicht, wer für seinTod verantwortlich ist.
    Die Rätsel bieten den Hintergrund für Yadriels Entwicklung und zeigt wie er immer mehr zu sich selbst findet. Die Geschichte nimmt sich Zeit für Innensichten und Gespräche, lässt einen mitverfolgen, wie Yadriel wächst. Ebenso wunderbar fand ich die Darstellung von Yadriels lateinamerikanischer Bruhx Familie mit ihren Geschichten und Ritualen, in der er schließlich seinen Platz findet. Die Beziehung zwischen Yadriel und Julian entwickelt sich langsam und ist von Respekt und Wertschätzung geprägt. Hin und wieder gab es für mich kleine Längen, aber ich empfinde diesen Roman als ein sehr wichtiges Werk mit viel Identifikationspotential. Die Stimmung rund um den Dia de Muertos ist unglaublich gut eingefangen. Bis auf ein Detail fand ich das Ende wundervoll.


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    Cover des Buches Das Leben vor uns (ISBN: 9783406791314)

    Bewertung zu "Das Leben vor uns" von Kristina Gorcheva-Newberry

    Das Leben vor uns
    TashaWintervor 3 Monaten
    Erschütternd und lehrreich

    Anja und Milka sind beste Freundinnen und wachsen in den letzten Jahren der Sowjetunion auf. Die politischen Umbrüche ihres Landes, Stalin und später Perestroika und Glasnost prägen sie. Aber auch ihre Freundschaft, die von großer Tiefe und Innigkeit ist, gleichzeitig, aber nicht frei von Manipulation hinterlässt bei Erzählerin Anja tiefe Spuren. Sie wächst behütet auf und auch wenn ihre Eltern sich nicht einig sind, was ihre Sicht auf die politischen Umbrüche angeht, lieben sie Anja und nehmen an ihrem Leben Anteil. Milka hingegen tut alles, um ihrem Zuhause zu entkommen, distanziert sich von ihrer Mutter und hasst ihren Stiefvater. Sie und Anja wachsen wie Schwestern auf. Einen Zufluchtsort bietet die Datscha mit dem Apfelgarten von Anjas Eltern, zu dem beide Mädchen Zeit ihres Lebens immer wieder zurückkehren und der die Kulisse bietet für zentrale Augenblicke ihres Lebens. Durch Gorbatschow und Glasnost scheint es fast, als erfüllten sich die Kindheitsträume von Freiheit und Weltoffenheit der zwei Mädchen, die jetzt das Teenageralter erreicht haben. Sie bilden eine feste Gruppe mit zwei Jungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der feinfühlige Intellektuelle Trifanow wird Anjas Liebhaber und Milka wählt für sich den grobschlächtigen Lopatin. Auch wenn es immer wieder zu ernsten Konflikten kommt, halten sie zunächst zusammen. Auch in dieser Gruppe spiegelt sich Tschechows „Kirschgarten“ wider, das berühmte Theaterstück, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und genau wie das Leben Tschechows immer wieder aufgegriffen wird. Dieser Kunstgriff hat mir gut gefallen.

    Mir hat die Komposition des Romans gefallen und ich schätze es sehr, wie er mir ein Aufwachsen zur Zeit der politischen Umbrüche nahegebracht hat, die aktuell wieder eine so zentrale Rolle spielen. Auf jeder Seite spürt man, wie diese Entwicklungen Einfluss nehmen auf das Leben der jungen Menschen, sich auch auf ihre Beziehungen untereinander auswirken. Dem Geflecht dieser Bindungen spürt die Autorin feinfühlig nach, und dennoch konnte ich vor allem Anjas Handlungen nicht immer nachvollziehen, was mich des Öfteren frustriert zurückließ. Im Nachhinein denke ich jedoch, dass Vieles, was sich mir nicht auf den ersten Blick erschlossen hat, vermutlich durch die Umstände erklärbar ist, unter denen sie aufwachsen musste. Sehr gut gefallen hat es mir, wie auch kleinen Szenen und Begegnungen große Bedeutung zugemessen wurde und wie diese mit viel Liebe zum Detail erzählt wurden. Insgesamt ein lohnendes und zugleich erschütterndes Leseerlebnis.

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    Cover des Buches Die Welt vor den Fenstern (ISBN: 9783753000626)

    Bewertung zu "Die Welt vor den Fenstern" von Tatjana von der Beek

    Die Welt vor den Fenstern
    TashaWintervor 4 Monaten
    Spannende Idee


    In Tatjana van der Beeks "Die Welt vor den Fenstern" begegnen wir der jungen Maia, die mit ihrer Familie ein Haus in den Wäldern bewohnt. Ihr gesamtes Leben spielt sich zwischen diesen vier Wänden ab, die sie noch nie verlassen hat. Außer ihr leben dort ihre Großmutter, ihre Mutter, ihre Tante, ihr Onkel und ihre Cousine Alrischa. Sie alle sind nach Sternen benannt und um diese und ihre Vorfahren ranken sich auch die Mythen und Geschichten die im Haus erzählt werden. Laut den Erwachsenen wächst alles, was sie benötigen im Haus. Ea gibt fest verteilte Aufgaben und Rituale, von denen nicht abgewichen wird.
    Maia ist klug und lernt schnell, und ihre Großmutter überträgt ihr immer mehr Aufgaben im Gefüge. Doch Maia kommt der Verdacht, dass nicht alles, was ihr erzählt wird die Wahrheit ist und sie entdeckt immer mehr Unstimmigkeiten in ihrer Welt. Außerdem gibt es Hinweise, dass das Haus einst noch andere Bewohner hatte, von denen sie nicht weiß.
    Von Anfang an fesselt der Roman mit einer bedrohlichen Stimmung, trotz der eigentlich friedlichen und fest strukturierten Situation im Haus. Es hat mir extrem gut gefallen, wie man die klaustrophobische Stimmung als Leser*in fühlen konnte. Stets hat man das Gefühl, dass noch etwas düsteres im Verborgenen liegt. Auch die Stimme der jungen Protagonistin fand ich überzeugend. Man spürt ihre Unsicherheit, tastet sich mit ihr näher an die Wahrheit heran.
    Einziges Manko für mich war, dass die Beschreibungen der Rituale manchmal sehr lange gedauert haben und extrem detailliert waren. Das Ende hingegen kam abrupt und ich kann nicht leugnen, dass ich mir hier noch die ein oder andere Erklärung gewünscht hätte.
    Erwähnen möchte ich, dass mir die Gestaltung und insbesondere das Cover unheimlich gut gefallen haben.

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    Cover des Buches Eine Nebensache (ISBN: 9783949203213)

    Bewertung zu "Eine Nebensache" von Adania Shibli

    Eine Nebensache
    TashaWintervor 4 Monaten
    Faszinierend

    Eine Nebensache" von Adania Shibli gehört zu diesen Romanen, die ich so sehr bewundere, weil er extrem kurz ist und dennoch eine Wucht hat, von der ich weiß, dass sie mir im Gedächtnis bleiben wird. Im August 1949, ein Jahr nach der Gründung des Staates Israel, kommt es in der Negev Wüste im Lager israelischer Soldaten zu einer Vergewaltigung eines Beduinenmädchens. Viele Jahre später liest eine junge Frau aus dem palästinensischen Ramallah einen Zeitungsartikel, der dieses Ereignis schildert. Da er sich auf den Tag genau 25 Jahre vor ihrer Geburt ereignete, wird ihr Interesse geweckt und sie begibt sich auf Spurensuche und dabei in Lebensgefahr. Denn um ihre Nachforschungen zu betreiben, muss sie sich mit einem geliehenen Ausweis in schwer bewachte Gebiete begeben.

     Im ersten Teil, begleiten wir einen israelischen General, der von einem Skorpion- oder Spinnenbiss vergiftet wurde. Mit großer erzählerischer Distanz, fast schon Kälte, beobachten wir, wie es zu der Vergewaltigung des jungen Mädchens kommt. Aber gerade diese scheinbare Emotionslosigkeit im Erzählen ist es letztlich, die Lesende mitnimmt, Gefühle von Erschütterung und Abscheu entstehen lässt.

    Der zweite Teil, in welchem es darum geht, inwieweit es möglich ist, Ereignissen aus der Vergangenheit nachzuspüren, hat mir viel Konzentration abverlangt und ich habe mich manchmal ebenso verloren gefühlt, wie die Ich-Erzählerin, die offenbar an einer Angststörung leidet. Sie stellt Verbindungen zu dem Ereignis vor ihrer Geburt her, reelle und imaginäre, besucht Museen und vergleicht Orte und Landkarten, um das damals Geschehene besser zu erfassen. Innerlich fühlt sie sich dem jungen Mädchen immer näher. Hier musste ich viele Teile mehrmals lesen und habe ehrlich gesagt noch immer das Gefühl, nicht alles erfasst zu haben. Insgesamt gefiel mir aber diese Komplexität und auch die Idee, ein Ereignis zu erzählen und dann den Nachforschungen über dieses Ereignis zu folgen. Der Roman ist ein statement gegen Gewalt und die Willkür, die aus Kriegen entsteht. Ein hochspannendes Leseerlebnis.

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