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TashaWinter

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Cover des Buches Die Eindringlichkeit der Welt (ISBN: 9783734733215)

Bewertung zu "Die Eindringlichkeit der Welt" von Sonja Weichand

TashaWintervor 7 Monaten
Kurzmeinung: Sie ist ohne Berührungen aufgewachsen. Ernährt wird sie durch den Gourmaten, der Nahrung direkt in ihren Mund fallen lässt. Ihre engsten Ver
Aufwühlendes Gedankenexperiment

Sie ist ohne Berührungen aufgewachsen. Ernährt wird sie durch den Gourmaten, der Nahrung direkt in ihren Mund fallen lässt. Ihre engsten Vertrauten sind Computerprogramme. Sie hat nie das Streicheln einer Hand gefühlt oder die wohlige Wärme einer Decke. Ein hautenger Anzug hält alle Sensationen von ihr fern. Mona lebt in einer virtuellen Realität. Ihr ganzes Leben ist ein Experiment, eine Inszenierung um herauszufinden, wie ein Mensch optimal funktionieren kann, wenn er oder sie keinerlei Ablenkung ausgesetzt ist. Und Mona sehnt sich auch nicht nach Nähe, denn ihre gesamte Sozialisation lief darauf hinaus, dass Berührung etwas ist, das es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Körperliche Zärtlichkeiten und Sex spielen darin keinerlei Rolle.

Der Student Brandon, der zu dem Menschenexperiment stößt, ist zunächst fasziniert, erkennt aber nach einem Gespräch mit seiner Mutter die Grausamkeit dessen wovon er Zeuge wird und entscheidet sich, Mona zu befreien. Aber ist Mona überhaupt noch in der Lage, in einer Welt außerhalb der eigens für sie konstruierten Realität zu existieren? Wie reagiert ein Mensch auf Berührung, der dieses Element, das in unserem Alltag eine so selbstverständliche Rolle spielt, noch nie erlebt hat?

Sonja Weichand stellt in ihrem neuen Roman die Frage, inwieweit jeder Einzelne für das verantwortlich ist, was in seinem eigenen Umkreis geschieht. Sie setzt sich außerdem damit auseinander welchen Stellenwert Berührungen für uns haben, inwieweit sie oder das Fehlen derselben unsere Identität mit prägen und unsere Entwicklung beeinflussen. Eine faszinierende Ausgangsfrage, die mich gedanklich auch während des Lesens sehr beschäftigt hat.

Allerdings frage ich mich, ob ohne Berührung tatsächlich eine noch halbwegs normale Entwicklung eines Menschen möglich ist, ob Mona überhaupt lebensfähig sein kann, nachdem sie Gegenstand dieses Experiments wurde. Auch um Menschenwürde und deren Antastbarkeit geht es im Roman, denn Mona scheint diese vollkommen geraubt zu sein, indem sie nicht nur zum Objekt wird, sondern auch unwissentlich unter dauerhafter Beobachtung steht.
Wie schon in ihrem ersten Roman "Schuldbewusstsein" nimmt sich Sonja Weichands eines schwierigen Themas sensibel an. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass Mona noch extremere Folgen davongetragen haben müsste, war auch „Die Eindringlichkeit der Welt“ wieder eine spannende Leseerfahrung.

Cover des Buches Tunnel (ISBN: 9783985680634)

Bewertung zu "Tunnel" von Grit Krüger

TashaWintervor einem Jahr
Über den Umgang mit Armut

3000 Euro. So viel braucht Mascha, für das Ferienlager ihrer Tochter, die Heizkosten und ihre Fortbildung. Und deswegen nimmt sie die Stelle als Pflegehelferin an, auch wenn sie weiß, dass sie das nicht für lange machen möchte, dass es nichts mit ihren Träumen, mit ihr selbst zu tun hat. Aber hier hat sie ein Dach über dem Kopf und muss keine Deckenhöhle mit Teelichtofen für sich und Tinka bauen. Für eine Weile sitzt die Huhn vom Amt ihr nicht mehr im Nacken. Hier kann sie sogar heimlich Enders unterbringen, den ehemaligen Seemann und ihren Tröster, der sie auffängt, auch wenn er selbst zu kämpfen hat. Tinka fährt Roller in den Gängen und Mascha hilft dem alten Tomsonov heimlich einen Tunnel im Keller zu graben. Aber führt dieser auch in irgendeine Art von Freiheit?

Grit Krüger erschafft in ihrem Debütroman "Tunnel" den ganz eigenen Mikrokosmos des Pflegeheims, in dem Mascha mit ihrer Tochter strandet. Krüger gibt dabei nicht nur Mascha eine Stimme, sondern lässt auch Tinka, Enders und Tomsonov zu Wort kommen. Und durch dieses Ineinandergreifen der Perspektiven entsteht ein Mosaik, in welchem uns die Wünsche, Ängste und Bedürfnisse der verschiedenen Charaktere aufgezeigt werden. Es wird deutlich wie erwachsen Tinka agieren muss, wie unsicher sie sich in der Bindung zur Mutter fühlt und wie sie versucht das zu kompensieren, was in ihrem Leben fehlt. Auch Enders, der stets zu geben versucht, auch wenn er selbst am seinen Grenzen ist, hat mich sehr beeindruckt. Hochspannend fand ich die feinen Nuancen im Zusammenspiel der Figuren und habe sehr mit ihnen gefühlt und gelitten.

Ein großes Lob an Grit Krüger für diese große Beobachtungsgabe und das Erschaffen der authentischen Figuren.

Cover des Buches Mutters Stimmbruch (ISBN: 9783803133557)

Bewertung zu "Mutters Stimmbruch" von Katharina Mevissen

TashaWintervor einem Jahr
Eine Selbstfindung

Mutter ist nicht mehr jung und ihr Körper funktioniert nicht mehr wie früher. Ihre Zähne schmerzen und sind lose und es wird schwer sich um das Haus und den Garten zu kümmern. Die Kinder sind lange schon weg, rufen drei Mal im Jahr an.

Aber Mutter hat ihre neun Sprachen und da steckt noch immer viel Leben in ihr. Sie lässt sich ihre Zähne ziehen, verlässt auch das Haus und die Verantwortung, die damit verbunden ist. Sie badet oben ohne im Schwimmbad, singt eine Arie vom Dreimeterbrett und beginnt eine Affäre mit der Stimme der Telefonauskunft und durchläuft einen Stimmbruch, der sie wieder zu sich selbst bringt.

Auf den ersten Seiten war ich mir etwas unsicher, was ich von „Mutters Stimmbruch“ halten soll, doch schnell hatte mich Katharina Mevissens ungewöhnliche Protagonistin in ihren Bann geschlagen. Heldinnen jenseits der fünfzig sind in Literatur noch immer eher selten und meistens kommen ihnen festgelegte Rollen zu. Umso erfrischender war es, hier über eine gealterte Frau zu lesen, die sich nicht in die Konventionen einfügt, die ihre Kämpfe auszufechten hat, aber nicht unglücklich ist und sich gegen alle Konventionen stellt. Familie ist für Mutter sehr in den Hintergrund getreten, weshalb die Bezeichnung oft fast unpassend wirkt. Ihr Körper macht ihr Schwierigkeiten, aber sie sieht ihn nicht als Feind und sie lebt ihre sexuellen Bedürfnisse ohne Scham aus. Versuchen, sie in die Spur zu bringen begegnet sie mit oft überraschender Vehemenz, schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Metaphern mischen sich mit der Realität, um die Lebenswirklichkeit dieser Figur abzubilden, die oft etwas Archaisches hat, fast wie ein Naturwesen anmutet, um dann wieder allzu menschlich zu sein. Für mich purer Lesegenuss.

Cover des Buches Felix (ISBN: 9783863003456)

Bewertung zu "Felix" von Holger Brüns

TashaWintervor einem Jahr
Distanz und Nähe

Es ist Mitte der achtziger Jahre. Tom wohnt in einer WG in Göttingen und absolviert seinen Zivildienst im Krankenhaus. Er engagiert sich politisch, genießt das Klima in seinem Freundeskreis, das geprägt ist von Diskursen über gesellschaftlich relevante Themen, wie den Ausstieg aus Atomenerige oder Wohnraumdebatten. Im Krankenhaus trifft er Felix, der zwei Jahre älter ist und ebenfalls in der autonomen Szene aktiv. Tom ist vom ersten Augenblick an fasziniert von ihm, denn Felix verkörpert für ihn viel von dem, was auch sein eigenes Lebensgefühl ausmacht. Er lebt in einer politisch sehr aktiven WG, ist fest in die Szene eingebunden.

Felix ist mit Katja zusammen, aber das steht der Entwicklung seiner Beziehung zu Tom nicht im Weg. Tom verliebt sich in Felix, in ihm kommt der Wunsch auf, ihn für sich zu haben, aber gleichzeitig sperrt er sich gegen dieses Besitzdenken, das seinen sonstigen Überzeugungen nicht entspricht. Und es funktioniert: Tom und Felix finden einen Weg zusammen zu sein, ohne sich gegenseitig einzuengen, auch wenn Tom dabei immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hat und in seinem Freundeskreis das Gefühl aufkommt, Felix nutze ihn aus.

 Dann kommt Felix der Verdacht, er könne sich mit HIV infiziert haben und als sich dieser Verdacht nach dem Test bestätigt, ändert sich die Situation des Paares. Sie ziehen zusammen und Tom wird immer mehr von Felix vereinnahmt. Sei Leben kreist um die Zweisamkeit und Felix‘ Bedürfnisse, während seine eigenen Interessen in den Hintergrund treten. Felix verlangt nicht direkt Aufopferung von ihm, aber natürlich hängt das Damoklesschwert der Krankheit immer über ihnen und Tom weiß nicht, wie viel Zeit er noch mit dem Menschen hat, den er liebt.

Er zieht sich aus der Szene zurück, sieht seine Freunde immer seltener und gibt seinen großen Traum, Schauspieler zu werden beinahe auf. Doch nach und nach kommt ihm ein Verdacht, der sein gesamtes Leben ins Wanken bringen könnte.
 Sehr detailliert beschreibt Volker Brüns das politische Leben in Göttingen in den achtziger Jahren und lässt diese Zeit vorm Auge der Leser*innen auferstehen. Ich habe die Geschichte von Felix und Tom mit großem Interesse gelesen, fand es äußerst spannend, wie Felix‘ kaum wahrnehmbare Manipulationen Tom immer mehr in die Ecke drängen. Die Sprache ist besonders am Anfang eher nüchtern beschreibend und ich hätte mir manchmal einen etwas tieferen Einblick in Toms Gefühlswelt gewünscht. Insgesamt aber ein äußerst lesenswerter Roman, dessen Themen gerade wieder aktuell sind. Schon der zweite Roman aus dem Albino Verlag, der es mir total angetan hat. Ich werde das Programm auf jeden Fall im Auge behalten.

Cover des Buches Rising Bahia: Tochter der Meeresgöttin (ISBN: B0BNCJDCY6)

Bewertung zu "Rising Bahia: Tochter der Meeresgöttin" von Mo Schneyder

TashaWintervor einem Jahr
Innovativ und spannend

Nach dem Schulabschluss möchte Jul, die in einer heilen Welt auf dem Hof ihrer Mütter aufgewachsen ist, ein Praktikum an einer Schule in Brasilien machen. Sie wurde als Baby adoptiert und möchte mehr über ihre eigene Herkunft erfahren. Den Menschen in ihrer Favela geht es als andere als gut. Die Regierung setzt mit allen Mitteln und ohne Rücksicht ihr Interessen durch und schreckt dabei auch vor Morden nicht zurück. Die Bevölkerung lebt in Angst und Armut.

Jul schließt sich einer Capoeira Gruppe an, da sie vom ersten Moment an vom dem Kampfsport fasziniert ist, und gerät so in den Widerstand hinein. Als sie kurz darauf erfährt, dass sie von einer Orisha, einer Göttin abstammt, beschließt die, ihre Fähigkeiten für den Kampf der Rebellen einzusetzen, auch wenn sie dadurch selbst in Gefahr gerät.

"Rising Bahia" von Mo Schneyder ist ein fulminantes Fantasy Abenteuer, das sich erfrischend von den meisten Fantasy Romanen abhebt. Das liegt einerseits an dem ungewöhnlichen und wunderbar in Szene gesetzten setting. Andererseits aber auch an dem sehr starken Charakter der Protagonistin und daran, dass Themen wie LGBTQ mit angenehmer Selbstverständlichkeit in die Handlung einfließen. Auch politisch ist der Roman äußerst aktuell- für Fantasy ebenfalls eher untypisch. "Rising Bahia" ist unglaublich temporeich. Hier ging es mir manchmal fast ein wenig schnell, wurde dadurch aber auch auf keiner Seite langweilig. Mo Schneyder ist eine einzigartige Autorin, mit einer sehr individuellen Schreibweise und ich wünsche mir wirklich, dass ihre Bücher sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Für mich eine Richtung, in die Fantasy unbedingt noch mehr gehen muss.

Cover des Buches Schlesenburg (ISBN: 9783442759408)

Bewertung zu "Schlesenburg" von Paul Bokowski

TashaWintervor einem Jahr
Einprägsame Schilderung

Wie durch eine erzählerische Lupe nähern wir uns der Schlesenburg, jenem Gebäude das entstand, um Menschen aus dem nahen Asylbewerberheim aufzunehmen. Wir blicken auf den Innenhof mit dem Holzzelt, wo sich die Kinder versammeln, die sich gegenseitig aus den Häusern klingeln und dabei immer die Frage "Runter oder raus" beantworten. Wir blicken auf die zwei alten Baranowskis auf ihrer Bank, denen nichts entgeht und auf das Außenbecken, wo die Jugendlichen ihren Sommer verbringen und wo der Ich-Erzähler eine Schwärmerei für den hübschen Serkan entwickelt.
Keine Schönheit ist die Schlesenburg, aber sie bietet vielen Menschen jahrelang ein Zuhause. Ohne Luxus, aber doch mit Hoffnungen und Zielen.
Der Ich- Erzähler schließt hier Freundschaft mit Apolonia, die eine neue Form von Weiblichkeit für sich findet. Er erlebt mit, wie sein bester Freund Darius verschwindet und beteiligt sich auf der Suche nach ihm. Und dann ist da die große Sehnsucht seines Vaters, der seinen geliebten Bruder Staszek endlich nach Deutschland holen will, ihm die Flucht aus Polen ermöglichen will.
 Flucht ist ein großes Thema in der Schlesenburg, eine Erfahrung die fast alle teilen. Sie spiegelt sich in den Spielen der Kinder, in den Erzählungen der Erwachsenen. Nicht immer spektakulär aber immer eine prägende und einschneidende Erfahrung.

Mit Empathie und einer großen Beobachtungsgabe entwickelt der Erzähler die Darstellung einer Lebenswelt, die äußerst authentisch vor dem Auge der Lesenden entsteht. Es fühlt sich an, als würde man Gesprächen über Erinnerungen und Anekdoten lauschen. Mal voller Humor, mal mit großer Empathie erzählt Bukowski Episoden aus dem Leben der Bewohner, an die diese sich teilweise auch in Rückblicken erinnern.
 Ich habe mit Spannung verfolgt wie diese Welt sich immer facettenreicher zusammensetzt und mochte die Art des Erzählens sehr, auch wenn ich verstehen kann, dass manchen Lesenden vielleicht ein stringenter Plot fehlen mag. Über einige der Figuren, wie zum Beispiel Apolonia oder Serkan hätte ich gern noch mehr erfahren. Besonders die Elternfiguren empfand ich als runde und extrem glaubwürdige Charaktere. Ich möchte unbedingt noch mehr von diesem Autor lesen.

Cover des Buches Camanchaca (ISBN: 9783949203237)

Bewertung zu "Camanchaca" von Diego Zúniga

TashaWintervor einem Jahr
Ein mitreißender Antiheld

Ein junger Mann ist mit der neuen Familie seines Vaters auf dem Weg zur peruanischen Grenze. Er gehört nicht wirklich dazu, so wie er generell noch nicht seinen Platz im Leben gefunden hat. In Chile lebt er mit seiner Mutter zusammen, die er liebt, die aber auch übergriffig ist und ihn nicht loslassen kann. Er hat Träume, kämpft dafür, aber es scheint, als hielte ihn etwas zurück. Im Gepäck hat er nicht nur seine schlechten Zähne, die in der Stadt an der Peruanischen Grenze behandelt werden sollen und sein Übergewicht, sondern auch Erinnerungen. Und daran haben Leser*innen teil, wenn sie bruchstückhaft in sehr kurzen Absätzen und Kapiteln beschrieben und manchmal nur angedeutet werden.

Diego Zúñigas „Camanchaca“ arbeitet mit kleinen Blitzlichtern, Bruchstücken von Situationen und den Gefühlen, die sie auslösen und webt damit doch einen zusammenhängenden Teppich aus Emotionen, die tief berühren. Als Leser*in ist man stets gefordert mitzudenken, um zu verstehen, in welcher der erzählten Zeiten man sich gerade befindet.

Ein ums andere Mal musste ich schlucken ob der Erlebnisse, die der Protagonist wegstecken musste. Da ist seine Mutter, die darauf besteht, dass er in ihrem Bett schläft, der Onkel, den vielleicht sein Vater bei einem Unfall getötet hat. Und die Tatsache, dass der Vater die Familie verlassen und eine neue gegründet hat. Camanchaca heißt auch der Nebel, der typisch ist für die Küste von Chile und so bleiben auch manche von den Ereignissen nebulös, lassen Interpretationsspielraum. Der Protagonist befindet sich in einem Niemandsland. Noch nicht verloren, aber dennoch haltlos, ohne sicheren Hafen.

Trotz seiner Kürze und der extrem knappen Abschnitte fiel es mir nicht immer leicht „Camanchaca“ zu lesen, und es hat mir viel Konzentration abverlangt. Aber die Erzählung hat eine enorme Stärke, die in Erinnerung bleibt.

Cover des Buches Lot (ISBN: 9783036958699)

Bewertung zu "Lot" von Bryan Washington

TashaWintervor einem Jahr
Ein hartes Leben

sind Menschen, die sonst zu selten in Erzählungen vorkommen, die Bryan Washington in seinem Kurzgeschichtenband „Lot“ begleitet. Der Ich-Erzähler wächst als Sohn einer Schwarzen Mutter und eines Latino-Vaters im Einwandererviertel von Houston auf. Er muss sich mit Gewalt und Drogen auseinandersetzen und muss, selbst feinsinnig und mit einer großen Beobachtungsgabe ausgestattet miterleben, wie seine Familie zerbricht.

Das kleine Restaurant, das sie betreiben und über dem sie leben ist der Dreh- und Angelpunkt und vor allem die Mutter tut alles dafür, um es zu halten. Der Vater hingegen wendet sich nach und nach immer mehr von der Familie ab und seiner Geliebten zu. Auch wenn die Mutter ihn immer wieder aufnimmt, geht doch irgendwann ein Riss durch die Familie, der nicht mehr zu kitten ist.

„Als mein Vater abhaute, nahm er jedes Geräusch aus dem Haus mit sich. (S. 114)

Washingtons Erzählungen sind ganz nah an der Welt seiner Protagonisten und er entwickelt eine eindringliche Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt, um uns in deren Lebensrealität eintauchen zu lassen. Das ist mitunter schwer zu ertragen, geht aber immer unter die Haut.

„Die Sucht diskriminiert niemanden, sagte Avery. Sie verschlingt jeden Dreckskerl. Deshalb diskriminieren auch wir nicht. Wir sind Chancengleichheits-Pharmazeuten. (S. 128)

Die Geschichten, von denen viele aufeinander aufbauen und sich um die gleiche Familie drehen, handeln von Hoffnungslosigkeit und Verlust, von der Diskriminierung, die dem Ich-Erzähler auch auf Grund seines schwul seins aus der eigenen Familie entgegenschlägt. Dann wiederum gibt es Episoden, denen Zärtlichkeit innewohnt. Es fiel mir nicht leicht, Washingtons Geschichten zu lesen, aber ich halte sie für ein wichtiges und beachtenswertes Werk.

Cover des Buches Nachmittage (ISBN: 9783630877235)

Bewertung zu "Nachmittage" von Ferdinand von Schirach

TashaWintervor einem Jahr
Hallt lange nach

Begegnungen, darum geht es in Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichtensammlung "Nachmittage". Solche, die flüchtig sind und solche, die unser Leben für immer prägen.
An ganz unterschiedlichen Orten trifft er Menschen, die ihm ihre Geschichten erzählen und taucht für eine Weile ein in ihre Lebenswelt.
Es sind keinesweigs immer angenehme Erfahrungen, die dabei im Mittelpunkt stehen. Es geht um Betrug, Misstrauen und Verlust, um die Einsamkeit, die Menschen auch in engen Bindungen umgibt und das Gefühl, den anderen nie ganz zu kennen. Etwas zutiefst menschliches wohnt diesen Geschichten inne und auch eine Hoffnung, dass ein Verständnis füreinander trotz allem möglich sein kann.

Ganz besonders gut haben mir auch die kurzen Episoden aus Schirachs Leben gefallen die diese Geschichten einrahmen, zum Beispiel, als er erfährt, warum er bei Interviews in Tokio mit zuckersüßen Stofftieren abgelichtet wird, seine Beobachtungen in Oslo und sein Nachsinnen über andere Schriftsteller, wie Hamsun oder F. Scott Fitzgerald.
Schirach hat einen eigenen, oft eher pessimistisch anmutenden Blick auf die Welt und einige der Geschichten haben mich mit einem eher unguten Gefühl zurückgelassen, was auch an den oft recht kruden Wendungenlag lag. Insgesamt empfand ich die Lektüre aber als interessant und bereichernd. Ohne Zweigel ist von Schirach ein großer Erzähler.

Cover des Buches Maremma (ISBN: 9783990272701)

Bewertung zu "Maremma" von Anna Maria Stadler

TashaWintervor einem Jahr
Ungewöhnlich und stark


Ein paar Tage im Jahr verbringen sechs Kindheitsfreunde jedes Jahr gemeinsam an einem der Urlaubsorte dieser Vergangenheit. Sie sind sich noch immer in vielen Momenten nah, auch wenn sie unterschiedliche Lebenswege gewählt haben, ihre Erfahrungen sie zu trennen beginnen.
Esther, die Erzählerin in Anna Maria Stadlers "Maremma" hat ein tiefes Gespür für das, was sich unter der Oberfläche bewegt, was nicht ausgesprochen wird und durch ihren Blick erleben wir diese fast unwirklichen Tage zwischen Meer und Wildnis, in einer Landschaft, die sich andauernd zu verschieben scheint und die ideale Kulisse bildet, für das, was sich im Innern der Erzählerin abspielt.
Esther sieht sich selbst mit dem Tod konfrontiert, da ihr Großvater an Krebs erkrankt ist und im Sterben liegt und auch für die anderen Mitglieder der Gruppe ist trotz ihrer Jugend auch Vergänglichkeit ein Thema, das sie beschäftigt. Diese unbestimmten Ängste spiegeln sich in einer unterschwellig spürbaren Bedrohung wieder, die über allem liegt. Da ist der Pinienwald, der im Wandel scheint, das naheliegende Erdbebengebiet und die sterbenden und toten Tiere, auf die sie stoßen.
Durch die lange Bekanntschaft der Freunde gehen ihre Gespräche immer schnell in die Tiefe und sie scheinen unterschiedliche Arten von Menschen zu verkörpern, was zu spannenden Dialogen führt.
Mich konnte "Maremma" von Anfang an fesseln und ich fand es interessant, die Gruppe auf ihren Unternehmungen zu begleiten. Manchmal erschien mir das Erlebte unwirklich und ich habe mich gefragt, wie zuverlässig die Erzählerin ist und inwieweit ihre eigenen Gedanken und Ängste ihr Erlebtes färben oder gar verändern. Aber gerade das war es, was "Maremma" so besonders und vielschichtig macht. Das Debut war für den österreichischen Buchpreis 2022 nominiert.

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