Thomas_Lawall

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    Cover des Buches flüchtig9783552059726

    Bewertung zu "flüchtig" von Hubert Achleitner

    flüchtig
    Thomas_Lawallvor 8 Tagen
    Kurzmeinung: Großartiges literarisches Debüt.
    Tiefsinnige Lebensbetrachtung

    Wie es ist, wenn man sich auf der Straße kennenlernt. Wie es ist, wenn der Zufall mit dem Schicksal würfelt. Wie es ist, wenn man sich ausgerechnet "im Augenblick des Loslassens" begegnet. Und wie es ist, wenn sich zwei Menschen auf eine Reise begeben, die in keinem Moment ihres Lebens so geplant war, erzählt Hubert Achleitner, jener Weltenbummler und -musiker, der auf seinen musikalischen Streifzügen gerne, und nicht ohne Stolz, einen anderen Namen verwendet.

    Der Klappentext verrät nicht sehr viel, doch er übertreibt etwas, wenn er behauptet, "flüchtig" wäre ein "sehr musikalischer Roman". Der bescheidene Textnachweis der verwendeten Quellen belegt das. Ja gut, etwas Cohen hier, eine Prise Hagen dort oder die Verweise auf das Liedgut Kleinasiens ... doch jetzt hat Hubert Achleitner nicht unwesentlich mehr zu bieten und zwar in einem Maß, welches der Rezensent so nicht erwartet hätte. Deshalb befindet er sich in einer ähnlich glücklichen Lage wie die beiden Hauptdarstellerinnen Lisa und Maria und tritt somit ebenfalls eine Reise ins Unbekannte an!

    Gefällig und leicht weg zu lesen, wie man das heute gerne hat, ist das alles nicht und stellt sich damit bereits auf der ersten Seite als Glücksfall dar. Der Roman um Marias spontane Flucht weg von Ehemann Herwig schielt in keinem Moment auf die Untiefen des leichtverdaulichen Mainstreams, sondern hinter jene Kulissen, die uns das Leben und wir selbst uns ständig in den Weg stellen.

    Wenn Maria die wenigen Stunden, die sie noch mit Herwig verbringt, wie "Werbeunterbrechungen in ihrem Lebensfilm" empfindet, wird es Zeit auszubrechen. Dreißig Jahre Ehe sind ihr Anlass genug, harte Konsequenzen, auch beruflicher Natur, einzuleiten, auch wenn weder Alternativen noch Ziele zur Ablösung bereitstehen. Stellvertretend für jene, die sich noch mit einem erträglichen, "aber reizlosen Mittelmaß" begnügen, fährt sie einfach los ...

    Nach "Stromlinien" verlässt der Autor den damals gegebenen Rahmen und befreit sich auf literarischer Ebene nun vollständig von jeder Notwendigkeit.
    Während Herwig angesichts seiner "Weltenbodenlosigkeit" zunächst damit beschäftigt ist, seine "Panik wegzuatmen", zieht es Maria vor, die unbetretenen Pfade auszuprobieren.

    Derweil werden wir Zeuge phantastischer Landschaftsbeschreibungen. Jahreszeiten, wie den Winter beispielsweise, nehmen wir jetzt anders, dank jenen, das Bewusstsein erweiternden Zeilen, wahr. Nach einem heftigen Schneefall gibt es "mehr Kunst als Natur" zu sehen:

    "Es war, als hätte Gott auf den Reset-Knopf gedrückt und seine ganze Schöpfung rückgängig gemacht, als hätte er mit einem großen Tuch alles weggewischt".

    Weltbewegendes in wenigen Worten auszudrücken gelingt also nicht nur in der Musik, sondern auch in der literarischen Umsetzung jener Dinge, die uns an- und forttreiben. Vielleicht sogar besser, denn Hubert Achleitner lässt kaum etwas aus. Egal ob es sich nun um eine sehr spezielle "vergoldete Fracht" nach Saudi-Arabien handelt, einen derben Scherz zu Lasten des Herrn Ringsgwandl oder um gnadenlose politische Seitenhiebe an die Betreiber "nationaler Gewächshäuser", in welchen "die Dummheit frisch gezüchtet wird"!

    "flüchtig" ist eines der wenigen Bücher, dessen Reichtümer man sich zwar sofort bewusst wird, diese aber so lange wie möglich zu bewahren versucht. Nicht wenige Abschnitte laden dazu ein, immer und immer wieder gelesen zu werden. So wie man das früher gerne mit diesen Musikkassetten gemacht hat: Stoptaste drücken, immer und immer wieder zurückspulen, um die Gänsehaut so richtig zu fordern.

    In Griechenland ticken die Uhren anders, weshalb sich fast zwangsläufig einige Längen ergeben. Von einer gewissen Farblosigkeit findet der Autor glücklicherweise alsbald in breitwandige Metaphorik zurück. Zurück geht auch oft der Blick nach Hause, denn da gibt es ja noch den Verlassenen. Es ist aber nicht so, dass die veränderte Lebenssituation einen Stillstand verursacht. Das absolute Gegenteil ist der Fall und heißt Nora ...

    Nüchtern sind Wigs Einsichten in den Verlauf seiner Beziehung und spätestens hier verkündet er, im Gespräch mit seinem Vater, unbequeme Wahrheiten, die sich einer gewissen Allgemeingültigkeit nicht entziehen können. "Reizlosigkeit ist der Anfang vom Ende." Die Routine schleicht sich ein. "Themen mit Konfliktpotential" werden vermieden.

    "Sie begannen sich zu arrangieren, ihre Polarität einer Harmonie zu opfern ...".

    Tja, und wer wissen will, wohin diese tiefsinnige Lebensbetrachtung führt, steigt jetzt ganz rasch, spontan und unüberlegt mit in den alten Volvo. Über Regenbogenumwege geht es Richtung Süden. "flüchtig" erzählt vom Reichtum des Findens durch Loslassen und hinterlässt alles andere als flüchtige Eindrücke. Ist das Buch geschlossen, geht die Reise weiter. Oder der Beginn eigener Fluchten ...

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    Cover des Buches Wie wir gehen9783709934852

    Bewertung zu "Wie wir gehen" von Andreas Neeser

    Wie wir gehen
    Thomas_Lawallvor 16 Tagen
    Kurzmeinung: Von der Schwierigkeit, mit dem eigenen Vater ins Gespräch zu kommen ...
    Das Nebeneinander ...

    Gelegentlich wird geschrieben, was Andreas Neeser nicht schreibt. Also jenes, was er gerne zwischen den Zeilen versteckt, und Leserinnen und Leser immer wieder zu aufregenden Entdeckungsreisen veranlasst. Jene literarische Schatzsuche scheint in "Wie wir gehen" zu entfallen, da er sich mit Unausgesprochenem nunmehr sehr konkret beschäftigt.

    Wo wird am meisten geschwiegen, verschwiegen und um den heißen Brei herumgeredet? Jede/r weiß es: In der Familie. Natürlich nur in den anderen Familien, denn in den eigenen vier Wänden ist die Welt ja in Ordnung.

    Monika "Mona" will aus diesem System des eingefahrenen Nebeneinanderherlebens ausbrechen. Startschuss ist die Erkenntnis, dass sie von Kindheit und Jugend ihres Vaters so gut wie nichts weiß. Jenen Ursachen, die ihn so werden ließen, wie er sich seit eh und je zeigt. Inwieweit liegen Ursache und Wirkung beieinander? Hat das eine mit dem anderen überhaupt etwas zu tun?

    Und wie funktioniert das mit Nähe und Liebe im engsten Familienkreis? Muss man alles akzeptieren, nur weil der Vater eben der Vater und die Tochter eben die Tochter ist? Liebe als Programm, verkleidet in immer die gleichen Abläufe, oder ist eben doch alles irgendwie "vermurkst", erfunden aus einer "kruden Mischung aus Fürsorge, Bevormundung, Vereinnahmung und schlechtem Gewissen"?

    Genau dies lehnt Monas Tochter Noëlle kategorisch ab und hält ihrer Mutter somit den Spiegel direkt vor die Nase. Probleme hat sie damit dennoch genug, zumal sie sich vom lebenden Vater, dem "Samenspender", mehr und mehr entfernt, der sich nach einem Überfall auf seine Goldschmiedewerkstatt in Fremdenhass verliert. Die Tat der vier jungen Männer aus dem Kosovo verallgemeinert und verwandelt er nach brauner Manier.

    Auch hier wird die familiäre Beziehung auf harte Proben gestellt, zudem muss Noëlle den freiwilligen Einsatz ihrer Mutter in einer Beratungsstelle des Migrationsamtes lernen, richtig einzuordnen. Salim, ein syrischer Flüchtling, ist in der "geliehenen Heimat" angekommen, aber trotzdem weiterhin auf der Flucht in jener "provisorischen Existenz".

    Vier Generationen umfasst dieses grandiose Familienbild und Sittengemälde. Andreas Neeser skizziert Lebensentwürfe, die zeitlich und in einer klar definierten Reihenfolge dicht beieinander liegen, und doch so furchtbar weit auseinander. Literatur kann auch hier, was dem realen Leben nicht gelingen mag. Einen konkreten Ort beschreibt er nicht, was auch gar nicht notwendig ist. Jene Strukturen sind an keinen geografischen Ort gebunden.

    Bis in die kleinste Einheit einer Familie scheint immer das gleiche Prinzip der Sprachlosigkeit zu wuchern. Gesprochen wird mitunter viel - gesagt eher weniger. Noëlle, die jüngste in der Runde, bricht in einer ebenso frischen wie knallharten Vehemenz aus dem gegebenen Rahmen, durchschaut generationenübergreifende Verhaltensmuster mit analytischer Brillanz und tut somit genau das, was ihr Großvater, der "Verdingbub" Johannes, niemals hätte wagen dürfen, geschweige denn dessen Vater Gottlieb.

    In einer klaren Rezeptur, wie wir denn nun gehen sollten, verliert sich der Autor nicht und betritt in diesem Fall wieder die von ihm gewohnte Bühne der offenen Türen. "Wie wir gehen" bleibt also allein unsere Entscheidung. Möglichkeiten haben wir heute mehr denn jemals zuvor. Und so verwundert es nicht, wenn Andreas Neeser das Ende, nachdem Mona die "Geologie überlistet" hat, entsprechend ambivalent gestaltet.

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    Cover des Buches Fallen und Sterben9783426524367

    Bewertung zu "Fallen und Sterben" von Katja Bohnet

    Fallen und Sterben
    Thomas_Lawallvor 16 Tagen
    Kurzmeinung: Ein weiteres Qualitätsprodukt aus dem Hause Bohnet!
    Neues von Rosa und Viktor.

    Neulich, in einer der ganz großen Hallen Deutschlands. Frei nacherzählt:

    "Mooooment, bitte nicht drängeln. Herr Fitzek, das gilt auch für Sie. Wenn Sie vielleicht hier neben Herrn Strobel ... danke. Volker und Michael, sieh an, herzlich willkommen! Wir dachten an die beiden Plätze zwischen Susanne und Rita ... vielleicht möchten Sie auch ... links von Frau Jos und Herrn Brown wäre noch ein Plätzchen frei ...

    Vereine bitte auf die reservierten Plätze auf Empore 3, Mörderische Schwestern e. V. bitte in die Mitte. Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Waffen an der Garderobe ... ja ... selbstverständlich ... danke ... eine für den Notfall ... gerne. Herr King ist ... ach ... mal wieder mit Porsche auf einen Ausflug ... das gönnen wir ihm, schließlich hat er nicht oft Gelegen ... Frau Hoffman, das freut uns nun besonders! Äh, Sie haben da einen Blutfleck an ... ist so? Aha. Gut. Ungewöhnlich halt, gell?

    Herr Elsberg, Herr Winslow, Ihre Einladungen bitte. Entschuldigung ... Ursula, Anne, Beate ... hallo übrigens ... nehmt die beiden doch bitte gerade mit ... vielen Dank. Wir warten dann noch auf Leena, Nicola und Franz ...

    ... und inzwischen darf ich Sie alle recht herzlich in diesen heiligen Hallen begrüßen und mich schon einmal vorab herzlich bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Frau Bohnet bei ihrer aktuellen Lesung die Ehre zu erweisen. Fragen können Sie gerne im Anschluss ... ja ... bitte, wenn es ... wie bitte? Der Herr ganz hinten ... ach, Herr Burger, ich hab Sie gar nicht ... ja ... ja ... keine Sorge, selbstverständlich wird Frau Frost heute Abend ebenfalls hier sein.

    Wie Sie alle wissen schreibt Frau Bohnet Kriminalromane, so wie die meisten von Ihnen dies ebenfalls seit vielen Jahren versuchen. Wie Sie aber auch wissen, haben Sie alle bisher nur davon träumen können, das Genre in einer auch nur annähernd adäquaten Intensität bereichern zu können. Nicht zuletzt deshalb sind Sie heute hier. In diesem Zusammenhang freut es mich ganz besonders, dass Sie sich für das nach der Lesung stattfindende Schreibseminar, unter der Leitung von Hazel Frost, vollzählig eingeschrieben haben.

    "Fallen und Sterben" setzt neue Maßstäbe. Man denke nur an Kapitel 2 "Schon da", jenes filmreife Herantasten zum Tatort. Nicht ganz zufällig in der Nähe, telefoniert Rosa Lopez mit Gunnar Scholz, ihrem Chef, der sie mit nüchternen Anweisungen, welche nichts Gutes bedeuten und die sie nur mühsam, wie in Zeitlupe, an sich herankommen lässt, versorgt. Wie im Vorspann eines unheilschwangeren Leinwandthrillers ziehen Bilder des hektischen Treibens der Innenstadt, den unvermeidlichen Staus, flankiert von grauen Wohnkasernen und den Kulissen der üblichen Baustellen, hin zu einem Ort des Grauens: Berlin Alexanderplatz.

    Allein diese drei Seiten sind der Beleg dafür, wie es um Bohnets Kunst bestellt ist, die wie aus dem Ärmel geschüttelt wirkt, beiläufig unverbindlich und bescheiden, sich jedoch in eine Präzision und atmosphärische Dichte steigert, welche nur durch Projektion auf eine übergroße innere Leinwand begreifbar erscheint.

    Die Grenzen von Realität und Fiktion lösen sich langsam auf. Sie kennen das. In einer Lesepause ertappt man sich immer wieder dabei, sich zu fragen, ob die Räumlichkeit, in der man sich gerade befindet, Fiktion ist, weil man gerade aus der Realität gefallen ist oder umgekehrt!

    So wie es uns in dieser Halle vielleicht gar nicht gibt, könnte es sich auch mit der LKA-Ermittlerin Rosa Lopez und ihrem bedauernswerten Kollegen Viktor Saizew verhalten, und doch scheint es unmöglich zu sein, jene Charaktere als banale Erfindung in entsprechenden Schubladen abzulegen. Bohnets Figuren gibt es wirklich. So oder so. So wie es uns ebenfalls nur so oder so gibt.

    Den Alptraum des neuen Falles, die beiden einzigartigen, ständig mit ihren Traumata kämpfenden Hauptdarsteller und Workaholics Rosa und Viktor, sowie die neue, höchst markante schwedische Kollegin Nette Hansen erlebt man als Beobachter und mitunter als fast peinlich berührter Voyeur sehr direkt und unmittelbar.

    Faszinierend und schockierend zugleich ist die Erkenntnis, dass Rosa und Viktor auf der einen Seite perfekt auf Ermittlungsebene funktionieren, im Gegensatz zum wahren Leben, was auch immer das sei, und jedes erdenkliche Verbrechen aufzuklären in der Lage sind, auf der anderen Seite aber genau jenen Mord und Totschlag brauchen, um sich selbst in der Aufklärung dieser Aufgabe zu definieren und einzig darin ihren Lebenssinn zu sehen ...

    Worin liegt das Geheimnis der überwältigenden Metaphorik der Autorin, sowie die Fähigkeit, Storyboards in mühsamer Kleinarbeit in literarische Bilder zu verwandeln? Wir werden es gleich erfahren, denn jetzt habe ich das große Vergnügen, den Platz für die heutige Hauptdarstellerin freizumachen:

    Frau Bohnet - bitte."

    "Guten Abend." (Licht geht aus)

    "Als ein Deckel über das Loch geschoben wurde, ahnte ich, dass es das Ende war ... "

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    Cover des Buches Inversion9783453320659

    Bewertung zu "Inversion" von Christopher Priest

    Inversion
    Thomas_Lawallvor 16 Tagen
    Kurzmeinung: Klassischer SF-Roman, der "etwas" aus dem Rahmen fällt ...
    Endliches All ...

    Wer weiß, wie schwierig oder gar unmöglich die Lösung inverser Probleme in der Mathematik ist, kann sich in etwa vorstellen, was der Titel dieses Romans andeuten könnte. "Inversion" verspricht also einiges ... und dieses Versprechen wird gehalten!

    Eine untergeordnete Rolle spielt dabei, dass der Roman bereits 1974 erschienen ist, und sechsundvierzig Jahre später in Heynes Reihe "Meisterwerke der Science-Fiction" eine Wiederveröffentlichung erlebt. Wenn er etwas verstaubt daherkommt, mag dies nicht unbedingt an der etwas spröden Art des Autors, sich auszudrücken, liegen, sondern ist eher der Absicht abzuleiten, Spannung zu erzeugen, dies allerdings in einem durchaus unüblichen Maß.

    Die Hauptfigur, Helward Mann, ist in diesem Zusammenhang wenig zu gebrauchen. Als "Gildenvoluntär" verbringt er, gerade sechshundertfünfzig "Meilen" alt geworden, sein Leben in "Stadt Erde" und bekommt nun die Gelegenheit, im Rahmen seiner Ausbildung zum "Zukunftsvermesser", den vermeintlich sicheren Rahmen der sich langsam fortbewegenden Stadt zu verlassen.

    Fortan ist nichts mehr, wie es war. Weshalb dieser enorme Aufwand, eine Stadt auf Schienen, welche permanent ab- und wieder aufgebaut werden müssen, voranzutreiben, dies unter Zeitdruck und nur um ein ominöses, imaginäres "Optimum" zu erreichen?

    Dies und anderes herauszufinden bereitet sicher nicht nur genreinfizierten Leserinnen und Lesern größtes Vergnügen. Geduld ist dafür allerdings eine Voraussetzung, wobei von einer zeitgleichen Fahndung nach literarischem Anspruch, und der damit verbundenen vergeblichen Suche, abzuraten wäre.

    Belohnt wird man dafür allerdings mit der spannenden Bekanntmachung und dem Kennenlernen physikalischer Besonderheiten und Abnormitäten. Der Held ist auf seinen Ausflügen nach Süden in die "Vergangenheit" sowie in die "Zukunft" nach Norden sich grundlegend unterscheidenden Einflüssen ausgesetzt, was den Wunsch nach umfassender Aufklärung ins Unendliche dehnt.

    Priest verließ die ausgetretenen Pfade des Genres auf radikale Weise. Dem bekannten System eines endlichen Planeten in einem unendlichem All stellte er den Entwurf eines unendlichen Planeten in einem endlichen All gegenüber! Wie sich das verhält, funktioniert und anfühlt verrät "Inversion"!

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    Cover des Buches Haarmann9783328600848

    Bewertung zu "Haarmann" von Dirk Kurbjuweit

    Haarmann
    Thomas_Lawallvor einem Monat
    Kurzmeinung: Historischer Kriminalfall vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Unruhen ..
    Vorzeichen, die auch heute noch beunruhigen ...


    Hitler hat in München geputscht. Er sitzt in Untersuchungshaft. Gerne gibt man sich der Vorstellung hin, wie sich wohl alles entwickelt hätte, wenn aus der U-Haft etwas Längerfristiges geworden wäre! Dem ist aber nicht so. Die Zeichen der Zeit stehen anders. Die Weichen sind gestellt. Der Boden bestellt. Das gesunde Volksempfinden sehnt sich nach Sicherheit, Recht und Ordnung, all jenen Werten, welche ihnen die Weimarer Republik nicht bieten kann ...

    Vor dem Hintergrund jener fatalen Entwicklungen schildert Dirk Kurbjuweit die Geschichte des legendären "Totmachers", wobei sich diese Bezeichnung nur auf den von Romuald Karmakar inszenierten Spielfilm bezieht, der die Befragung Haarmanns durch einen Psychiater nachstellt. Der wahre Totmacher, Rudolf Pleil, war erst gut zwanzig Jahre später aktiv.

    Durchaus real ist aber die sich immer deutlicher abzeichnende Stimmung im Volk, und Stimmen wie diese mehren und multiplizieren sich:

    "Die Republik kann ja nicht einmal unsere Jungs schützen."

    Der scheinbare Widerspruch von Freiheit und Sicherheit ist für die junge Demokratie eine harte Belastungsprobe und extreme Fälle wie jener des Massenmörders Fritz Haarmann gießen (zusätzlich) Öl ins Feuer ...

    Rund um die undankbare Ermittlungsarbeit Robert Lahnsteins baut der Autor historisch belegte Fakten ein, die in ihrer Konsequenz und Vehemenz so etwas wie ungläubiges Entsetzen auslösen, zumindest dann, wenn man noch nie etwas von diesen Geschehnissen, die sich 1918-1924 in Hannover zugetragen haben, gehört haben mag.

    Schwierig insofern aber auch, wenn man in Unkenntnis der Vorfälle sowie den geschichtlichen Zusammenhängen zwangsläufig nicht alle Personen richtig zuordnen kann. Wer war real und wer nicht? So hat beispielsweise der zitierte, fiktive Ermittler einen sehr realen Vorgesetzten, den Reichswehrminister im ersten Kabinett Scheidemann und späteren Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover, Gustav Noske. In anderen "True-Crime-Romanen" hat sich deshalb ein entsprechendes Register bewährt.

    Nicht ganz unanstrengend sind die privaten Befindlichkeiten Robert Lahnsteins, die nicht so recht in den realen Bezug passen wollen, aber ausführlichst in Länge und Breite gewalzt werden. Dies als reines Füllmaterial zu deklarieren wäre aber insofern falsch, als der Autor damit eine klare Absicht verfolgt. Wie sonst sollte man den Zwiespalt erklären, der zwischen den beruflichen Notwendigkeiten und den gesellschaftlichen Erwartungen liegt, die internen, bis heute nicht restlos geklärten Probleme noch gar nicht inbegriffen, denn in den eigenen Reihen stimmte etwas ganz und gar nicht ...

    Und mit der Sexualität einiger Menschen, den am "17.5." geborenen, ebenfalls nicht, wie man überzeugt war. Homosexualität galt als ekelhaft, unnatürlich und war unter Strafe gestellt. Lesenswert sind auch diese Passagen, insbesondere jene sensibel formulierten, die in eigener Sache entsprechende, zaghafte Beobachtungen und Erfahrungen machen ...

    So ist "Haarmann" nicht nur das Portrait eines unbarmherzigen Mörders, sondern auch die Skizze einer Epoche, die in der Intensität ihrer Darstellung, auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, auch heute noch ein nervöses Unbehagen erzeugen kann. Am 19. Dezember 1924 wurde der Serienmörder Fritz Haarmann zum Tode verurteilt. Einen Tag später wurde ein künftiger Massenmörder aus der Festungshaft in Landsberg am Lech entlassen ...

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    Cover des Buches Der Augenblick9783944359489

    Bewertung zu "Der Augenblick" von Achim Koch

    Der Augenblick
    Thomas_Lawallvor einem Monat
    Kurzmeinung: Kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Fotojournalismus
    Das Wesen der Bilder

    Die Fotos liegen auf der alten Hobelbank. Fee bearbeitet sie nach. So, wie sie das immer tut. Der festgehaltene Augenblick reicht ihr nicht. Auch nicht die Farben. Alles muss irgendwie reduziert werden. Größer kann der Kontrast zu diesem seltsamen Arbeitsplatz, mit den sich kaum noch zu bewegenden Spannzangen, nicht sein. Ihre sehr spezielle Art der Nachbearbeitung muss man sich völlig anders als gewohnt vorstellen.

    Ebenso dieses Buch, für das die üblichen Muster des Schreibens keine Bedeutung haben. Nahezu in jedem einzelnen Satz passiert etwas besonderes, auch wenn es nur das vermeintlich Augenblickliche und Unmittelbare ist. Fast geht es Leserinnen und Lesern so wie den Uhren, die plötzlich ihren Dienst versagen, sowie einer ganz bestimmten Sorte Autos, die plötzlich einfach stehen bleiben. So als ob mit der Zeit und dem Augenblick etwas nicht stimmt.

    Achim Koch stellt uns aber nicht nur faszinierende Momente vor, sondern ebensolche Charaktere. Fees Bruder Fabian sieht, denkt und handelt ebenfalls in anderen Kategorien. Wenn ihm beim Anschauen der Fotos seiner Schwester die Tränen kommen, dann spürt er "Schmerz und Verhängnis" nicht etwa wegen der Motive, sondern er sieht sie "in den Farben".

    Als Kind wollte er nicht mit den anderen spielen, war anwesend, aber nahm nie teil. Eigentümlicherweise ist er Spieleentwickler geworden. Computerspiele sind ihm Beruf und Berufung. Wenn er auf seiner Tastatur zu "trommeln" beginnt, ist er der Welt entrückt. Dennoch ist er sehr verlässlich. Fee, die in der ehemaligen Wohnung der Eltern lebt, besucht er täglich. "Punkt zehn bis Punkt siebzehn."

    Gegenwart vermischt sich mit Vergangenem. Fee war beruflich, im Auftrag einer Menschenrechtsorganisation, in Myanmar unterwegs. Dort sollte sie Fotos von der Unterdrückung der Rohingya, einer muslimischen Minderheit, welche im ehemaligen Birma nicht als eigenständige Bevölkerungsgruppe anerkannt sind, im Rakhaing-Staat machen.

    Das Foto der "Zeugin 16" und das damit zusammenhängende Schicksal dreier schwer misshandelter und getöteter muslimischer Frauen beschäftigt sie unentwegt. Vielleicht war es in diesem Fall ganz besonders schwierig, den richtigen Moment zu finden, etwas Authentisches, als Gegenteil zur plakativen Sensation oder Pose: "Wie kann man einen authentischen Ausdruck eines bislang unbekannten Menschen erfassen?"

    Die Motive ihrer Fotos sieht sie stets aus einer kritischen Distanz heraus. Hinterfragen ist für sie Normalität. Meinungen ihrer Agentin Selma, ihres Bruders Fabian oder Onkel Viktors, die sich diametral unterscheiden, sind für sie von existenzieller Bedeutung. Ihre eigenen festgehaltenen Momente sieht und beurteilt "Fee" auch in Zusammenhang mit weltbekannten Kollegen wie Don McCullin, Dorothea Lange, Eddie Adams, Malcolm Brownes, Rodriguez Parves, Paul Hansen oder Kevin Carter.

    Was ist das Wesen der Bilder? Woher nehmen sie ihre Wirkung? Sterben und Tod in einem Moment festzuhalten kann nicht nur unabsehbare Folgen beim Betrachter, sondern bekanntlich auch bei der Person hinter der Kamera auslösen. Wie kommt es zu der Motivation, das Grauenhafte überhaupt abbilden zu wollen? Sensationslust oder etwas wie Romantisierung? Gibt es gar eine "Schönheit des Todes"? Wie kann man die Würde des Menschen bewahren oder "Selbstinszenierung" vermeiden?

    "Der Augenblick", der die Grenzen von Fiktion und Realität wie in einem impressionistischen Gemälde verwischt, und in einem völlig unerwarteten Finale gipfelt, gibt keine Antworten. Wenn es jedoch auf Fragen keine Antworten gibt, ist vielleicht die Fragestellung falsch. Genau in den Untiefen jener Ambivalenz bewegt sich dieses Buch. "Onkel Viktor", der sich gerade mit dem Thema "Verschwinden" beschäftigt, bringt das Dilemma der Fotografie, die ebensolches nicht zulassen will, auf den Punkt:

    "Sie versucht, den winzigen Moment, in dem sich die Zeit in die Vergangenheit wegschleicht, festzuhalten."

    Psychologie der Sichtweisen in kritischer Distanz zum Fotojournalismus und eine Analyse des Augenblicks in Romanform. Prädikat "besonders wertvoll".

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    Cover des Buches Feuerland9783608504392

    Bewertung zu "Feuerland" von Pascal Engman

    Feuerland
    Thomas_Lawallvor einem Monat
    Kurzmeinung: Extrem spannender Thriller!
    Filmreife Action

    Erkerwohnung mit vier Zimmern hört sich zunächst nicht sonderlich spektakulär an. 300 qm Wohnfläche dann schon eher. Und die verschiedenen Umbauten, wie beispielsweise der Kachelofen und die Spiegelglasdecke im "master bedroom",  sowie die Liste der illustren Vorbesitzer erst recht.

    Neben der mehr als ausreichenden Wohnsituation geht es ihr auch finanziell über alle Maßen gut. Vanessa Frank erbte das Aktienportfolio ihres Vaters im Wert von dreiundvierzig Millionen Kronen. Einer geregelten Arbeit nachzugehen wäre für sie nicht nötig, wenn da nicht diese Langeweile wäre.

    Nach ihrer Trennung und bevorstehenden Scheidung geht es ihr den Umständen entsprechend gut, aber an Männern, jenen "Affen in Menschengestalt", kann sie nun gar nichts mehr finden. Da hilft nur eins: Beschäftigung. Diese ist ihr jedoch im Moment verwehrt, da sie von ihrem Job als Kriminalkommissarin bei der Stockholmer Polizeibehörde wegen Alkohol am Steuer vom Dienst suspendiert wurde. Die Prüfung durch den Disziplinarausschuss steht noch an ...

    Derweil braut sich an mehreren Schauplätzen Unheil zusammen, was Pascal Engman zu Beginn fast sachlich unspektakulär in Szene setzt. Gleichzeitig lässt er es aber unterschwellig knistern, so dass sich langsam aber unaufhaltsam Spannung aufbaut.

    Zunächst sind die Fragezeichen aber in der Überzahl. Was bedeutet der Überfall auf einen exklusiven Uhrenladen, dessen wertvolle Exponate den Räuber nicht interessierten? Die Entführung von Geschäftsleuten geben ebenso Rätsel auf wie die "Legion", einer mächtigen Untergrundorganisation in Stockholm, oder die Ereignisse um und in der deutschen Kolonie "Colonia Rhein" in Chile. Kann es wahr sein, was sich angeblich im dortigen Krankenhaus "Clínica Bavaria" abspielt?

    Wie es scheint, ist es mit Vanessa Franks Langeweile bald vorbei, denn sie beginnt, nicht zuletzt mit Hilfe und Unterstützung eines Informanten, Ermittlungen, welche sich aus guten Gründen mehr oder weniger inoffiziell gestalten und die sich in einem Maße entwickeln sollen, wie sie es im Traum nicht erahnt.

    In einer Vielzahl von extrem kurzen Kapiteln speist der Autor Leserinnen und Leser immer wieder mit kurzen Handlungsfortschritten ab, steigert somit in homöopathischen Dosen die Spannung, verlangt aber eine genaue Beobachtungsgabe für ständig wechselnde Schauplätze und Handlungsebenen.
    Die zunächst gewöhnungsbedürftigen Gedankensprünge, teils über Kontinente hinweg, erweisen sich im weiteren Verlauf der Geschichte als ein Spannungsmultiplikator.

    Grandiose Missverständnisse unter den Hauptdarstellern gießen zusätzliches Öl ins Feuer. So ganz nebenbei interessiert es dann nicht nur die Neugierigsten unter den Neugierigen, wie sich Vanessas private Situation nach der Trennung von Ehemann Svante entwickelt, während sich die Ereignisse immer mehr in Richtung Eskalation entwickeln. Wenn das der Auftakt zu einer Trilogie sein soll, kann man jetzt schon gratulieren.

    Filmreife Action. Atemlose Spannung ist garantiert.

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    Cover des Buches Fallout9783956143595

    Bewertung zu "Fallout" von Fred Pearce

    Fallout
    Thomas_Lawallvor einem Monat
    Kurzmeinung: Alles zum Thema Atomkraft
    Atomenergie und die Folgen ...

    Für alle, die sich an "Fallout" nicht so recht herantrauen, weil sie einen ebenso trockenen wie lieblos aneinandergereihten Faktenberg erwarten, kann Entwarnung gegeben werden. Fred Pearce, Umweltberater des New Scientist-Magazins, bringt das Kunststück fertig, seinen durchaus sachlich orientierten Überblick zum Thema fast wie einen spannenden Roman aussehen zu lassen. Gleichwohl kann diese äußere Hülle keineswegs leicht verdauliche Inhalte versprechen.

    Von den Atomunfällen in Tschernobyl oder Fukushima hat jeder schon einmal gehört. Was und wie genau es passierte dann schon eher weniger. Noch weniger oder gar nichts weiß man beispielsweise über den sibirischen Fluss Tetscha, und doch war er jahrelang "der am stärksten radioaktiv belastete Wasserlauf der Welt", verseucht durch radioaktive Abfälle aus der kerntechnischen Anlage Majak im heutigen Osjorsk. Erst 1976 kam heraus, dass sich dort bereits 1957 ein schwerer Unfall ereignete.

    Oder wer kann sich noch oder überhaupt an das ehemalige Kernwaffentestgelände der Sowjetunion in Kasachstan "Semipalatinsk" erinnern, sowie amerikanische Pendants in New Mexico, Nevada oder verschiedenen Inseln des pazifischen Ozeans?

    Fred Pearce erinnert auch an Kuriositäten wie der alljährlichen Wahl einer "Miss Atomic Bomb" in Las Vegas von 1952 bis 1957. Die Atomtests in Nevada waren eine Touristenattraktion. Wollte man Zimmer mit Blick zum Testgelände mieten, war ein Aufpreis zu entrichten! Und er reist weiter in der Zeit zurück, zu einem kurzen Besuch bei Marie Curie. Der Strahlung des von ihr entdeckten Metalls Radium schrieb man damals eine heilende Wirkung zu ...

    Fallout leistet sich einen umfassenden Überblick über 70 Jahre Atomwirtschaft, wobei der Autor auch widersprüchlichen Aussagen Raum gibt. Fast befremdlich wirkt die Feststellung, moderne Kraftwerke für die zivile Nutzung seien "sicher - oder zumindest weit weniger gefährlich als häufig angenommen". Deshalb sieht er das sich abzeichnende Ende des Atomzeitalters weniger aus sicherheitstechnischen Bedenken notwendig, sondern als Resultat eines jahrzehntelangen Vertrauensverlustes durch katastrophale Fehl- und Desinformation bei durchweg durch menschliches Versagen entstandenen Unfällen.

    Dem gegenüber stehen gewaltige Entsorgungsprobleme, die nicht nur immense Kosten verursachen, sondern auch und vor allem Zeit erfordern. In Fukushima werden die Aufräumarbeiten mindestens weitere 40 Jahre dauern, in Tschernobyl (und anderswo) werden es 100 Jahre sein. Dann wäre da das immer noch nicht gelöste Problem der Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen, allen voran die sichere Verwahrung von Plutonium, jenes Bombenmaterials, das (hoffentlich) nicht mehr gebraucht wird.

    Eine Spitzenposition nimmt, man höre und staune, Großbritannien ein, dort oben im Norden, wo ein "nuklearer Alptraum" lagert. In Sellafield werden bis zur vollständigen Räumung des Geländes weitere 100 Jahre veranschlagt sowie 153 Milliarden Dollar Kosten. Doch wohin mit 240 strahlenverseuchten Gebäuden und vor allem wohin mit dem zitierten Plutonium?

    Die weiteren Zahlenspiele und Hochrechnungen, welche die Atomindustrie zu Fall bringen werden, sind alles andere als beruhigend, ob man nun der Kernenergie grundsätzlich positiv gegenübersteht oder nicht. Information und lückenlose Aufklärung sind ein Weg. Die Übersicht dazu liefert Fred Pearce und belegt seine jahrelangen Recherchen mit einem knapp 40seitigen Glossar, Quellen- und Stichwortverzeichnis.

     

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    Cover des Buches Draussen9783550081811

    Bewertung zu "Draussen" von Volker Klüpfel

    Draussen
    Thomas_Lawallvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Mäßig spannender Kriminalroman.
    Übersichtlich konstruiert ...

    Stephan nimmt seine Aufgabe als Survivaltrainer ernst. Hin und wieder zu ernst, denn mit seinen Aktionen schießt er immer öfter über das Ziel hinaus. Dabei meint er es, zumindest aus seiner Sicht, gut und will lediglich auf den Ernstfall vorbereiten.

    Mitunter versucht er aber dieses Ziel mit extrem unkonventionellen Mitteln zu erreichen. Dazu gehören nächtliche Überfälle auf die Teilnehmer seiner Kurse ebenso wie eine drastische Darstellung im Zusammenhang mit in freier Wildbahn eventuell notwendigem Operieren offener Fleischwunden, wobei er sich mit dieser Aktion, auch in seiner "Familie", handfesten Ärger einhandelt.

    Doch nicht nur im Survivalcamp sowie auf dem angrenzenden Campingplatz gibt es Probleme, sondern auch im Innenausschuss des deutschen Bundestages. Es dreht sich um die Studie der Mitarbeiter des "Büro für Technikfolgenabschätzung", die sich mit den Auswirkungen eines möglichen Blackouts befassen.

    Derweil sieht sich die Belegschaft der Notaufnahme einer brandenburgischen Kreisklinik mit ganz anderen Ereignissen konfrontiert. Eine verletzte Person wird unter mysteriösen Umständen ins Krankenhaus "eingeliefert".

    Ebenso mysteriös sind die Probleme eines Journalisten, der sich andernorts mit einer aufsehenerregenden Entdeckung beschäftigt. Er allein ist jener Verschwörungstheorie auf die Spur gekommen, die größtes Aufsehen erregen würde ...

    Wie das alles zusammenhängt? Nun, das ist die Aufgabe von "Draußen", dem aktuellen Roman des nicht ganz unbekannten Autorenduos Klüpfel/Kobr. Es hat sich inzwischen längst herumgesprochen, dass ein gewisser Kommissar aus einer sehr südlichen Stadt Deutschland hier nichts zu melden hat. Was soll er auch in Brandenburg und Umgebung?

    Und das ist verdammt gut so, denn unpassender könnte diese Figur in den hier dargestellten Zusammenhängen gar nicht sein. In "Draußen" herrscht ein völlig anderer Ton. Keine Spur mehr von lausbubenhafter Situationskomik, denn jetzt wird es ernst. Kann so ein "Stilbruch" gelingen?

    Die beiden Autoren haben erst gar nicht versucht, einmal etwas anderes zu wagen, sie haben es einfach gemacht! Das Wagnis, die geordneten Schienen eines Qualitätsproduktes zu verlassen, wobei ja das eine das andere nicht ausschließt, ist gelungen, doch zu viel erwarten darf man leider nicht.

    Die ganze Story wirkt, nicht nur am Ende, insgesamt etwas dünn und allzu konstruiert. Es wird erzählt und erzählt und es passiert dies und jenes, aber eine tiefergehende Charakterisierung der handelnden Personen und ihrer Motive bleibt aus. Einen Schwerpunkt bildet Aktion und der sich ständig wiederholende Streit zwischen Stephan und seinen Ziehkindern Cheyenne und Joshua, der die Geschichte dehnt und schon deshalb schnell nervt.

    Sicherlich wollte man Fans der anderen Reihe nicht mit einem knallharten Thriller vor den Kopf stoßen und hatte sich deswegen auf ein übersichtliches Strickmuster geeinigt. Eingefleischten Thrillerfans wird das sicher keine Begeisterungsstürme entlocken, insgesamt kann das Buch jedoch durchaus einen Platz im Regal der moderat-spannenden Unterhaltungslektüre beanspruchen.

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    Cover des Buches Eisfuchs9783956143533

    Bewertung zu "Eisfuchs" von Tanya Tagaq

    Eisfuchs
    Thomas_Lawallvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ebenso bildgewaltige wie anspruchsvolle Vergangenheitsbewältigung.
    Bis die Angst wegrennt ...

    Als elfjähriges Mädchen treibt sie sich mit ihren Freunden herum. Sie wird wieder zu spät nach Hause kommen. Die Sonne scheint, doch es ist bereits zwei Stunden nach Mitternacht. In Nunavut zeigen sich Tages- und Jahreszeiten in anderem Licht. Das namenlose Mädchen wird es bitter bereuen. Schon ahnt sie die "donnernden Schritte" ihres Vaters.

    Sie nimmt es in Kauf, denn die begrenzte Zeit, die ihnen noch bis zum Beginn der Pubertät bleibt, wollen sie in "prickelnder Freiheit und Neugier zelebrieren".

    "Im Jungsein schwelgen, wünschen, es würde nie enden."

    Die Witterung im Norden Kanadas, am Rande des Eismeers, ist so extrem wie die Geschichte, die uns die Sängerin und Komponistin Tanya Tagaq vorstellt. Die üblichen eingängigen Erzählstrukturen streift sie nur am Rande und tastet sich mit zunehmender Intensität in die Unendlichkeit einer Art poetischer Mystik.

    Die Kinder erschaffen sich Freiräume, bevor sie ihnen, teils gewaltsam, genommen werden. Einer davon ist jenes heruntergekommene "Schutzhaus".
    Keiner macht Vorschriften und "niemand trinkt". Noch ist Zeit für sinnlose Albernheiten und ein ausgelassenes, grundloses Lachen.

    Immer mehr vermischt sich die graue Alltäglichkeit mit phantastischen Fluchten in die Mysterien der Inuit, die in dieser Geschichte als Sinnbild für den Verlust ihrer Traditionen und der kulturellen Umwälzungen stehen. Längst ist nichts mehr, wie es war, und am Horizont droht bereits die Gewissheit, dass es keinen Weg zurück gibt.

    Wer sich je mit Tanya Tagaqs Musik beschäftigt hat, wird ahnen, wie ihr literarisches Debüt klingen mag. Sanfte Klänge, die mitunter sogar eine, wenn auch kurze, Harmonie streifen, steigern sich in eine vermeintlich unkontrollierte, disharmonische Ambivalenz und archaische Vehemenz. Die Fähigkeit, ein literarisches Pendant zu finden, mag ganz und gar nicht selbstverständlich, ja fast unmöglich sein.

    "Ich bin ein Blitz. Ich gehöre hierher, in diese Welt, in der nichts existiert."

    Umso mehr verwundert es, wie berauschend es sein kann, das Unmögliche zu lesen. Hin- und hergerissen verschlingt man Worte und Sätze, die man so noch nie gehört und nicht für möglich gehalten hätte. Schwer zu verkraften sind maßlose Ignoranz und menschliche Grausamkeit, auch wenn sie nur angedeutet werden.

    Im Elternhaus wird ebenso schranken- wie pausenlos gefeiert, was sich im Großen und Ganzen auf den ungezügelten Genuss von alkoholischen Getränken beschränkt. Gewalttätige Auseinandersetzungen sind nur eine der katastrophalen, sich fast zwangsläufig ergebenden Folgen. Weitaus schlimmer wird es, wenn sich dunkle Gestalten nachts in Mädchenzimmer schleichen.

    Es hat triftige Gründe, wenn Tanya Tagaq ihren Erstling den "verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas, und den Überlebenden der Residential Schools" widmet. So bekommen dann auch die religiösen Umerzieher ordentlich eingeschenkt.

    "Wie können die Christen sagen, wir seien in Sünde geboren?"

    "Eisfuchs" erzählt von der Odyssee einer heranwachsenden Frau, ihren notwendigen Fluchten und von der bildgewaltigen Verarbeitung ihres Martyriums.

    "Die Angst lernt, vor mir wegzurennen ..."

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