WolffRump

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    Cover des Buches Marionetten (ISBN: 9783843706506)

    Bewertung zu "Marionetten" von John le Carré

    Marionetten
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Spionagethriller mit den Qualitäten eines existenzialistischen Dramas

    Genre:
    Spionagethriller (mit satirischen Elementen). 


    Inhalt:
    Ein muslimischer Flüchtling aus Tschetschenien reist illegal nach Deutschland ein. Er erbt von seinem Vater ein mit über 12 Millionen Dollar Blutgeld gefülltes Schwarzkonto bei einer angesehenen Hamburger Privatbank. Deutsche, britische und amerikanische Geheimdienste werden auf den Flüchtling aufmerksam. Aufgrund seiner Herkunft und seiner Einreise mit Hilfe von Schleusern verdächtigen sie ihn, mit terroristischen Aktivitäten zu sympathisieren. Sie haben es jedoch auf einen dickeren Fisch abgesehen, einen angesehenen islamischen Gelehrten, den sie der Finanzierung von Terrororganisationen bezichtigen. Es gibt keine belastbaren Beweise, aber Indizien, die ihnen ausreichend erscheinen. Das Ziel: sie wollen den für seine gemäßigte Haltung bekannten Gelehrten in eine Situation bringen, die es ihnen ermöglicht, die Daumenschrauben anzulegen und den Verdächtigen umzudrehen, so dass er als Agent der westlichen Geheimdienste wertvolle Informationen über geplante Anschläge und deren Hintermänner liefern muss. Sie zwingen die Anwältin des Flüchtlings und den Bankier, der sein Erbe verwaltet, einen Kontakt zum Gelehrten herzustellen. Der Flüchtling, der das Geld selbst aus religiösen Gründen nicht haben will, soll bewogen werden, die Summe dem Gelehrten und den von ihm benannten wohltätigen islamischen Organisationen zu spenden, hinter denen die Geheimdienste terroristische Aktivitäten vermuten. Kurz nach der Überweisung des Geldes soll der Gelehrte entführt und umgedreht werden.


    Der Autor:
    John le Carré war in den 60er-Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, als Angehöriger eines britischen Nachrichtendienstes in Bonn und Hamburg stationiert. Zahlreiche seiner Thriller sind im Spioneagemilieu angesiedelt. Eine Kleine Stadt in Deutschland spielte in Bonn und nahm die Bonner Republik aufs Korn, der vorliegende 21. Roman von John le Carré ist in Hamburg angesiedelt, in der Zeit nach 9/11, als die Geheimdienste angesichts ihres Versagens, den Anschlag zu verhindern, jeden Verdächtigen, der auch nur halbwegs in ihr Raster passte, ihrer Verfolgung aussetzten.

    Der reale Hintergrund:
    John le Carré hat in Vorbereitung des Romans den Deutsch-Türken Murat Kurnaz interviewt, der 2001 von den USA während einer Pakistanreise nach Guantanamo verschleppt und dort mehr als vier Jahre festgehalten wurde, weil man ihn verdächtigte, ein „ungesetzlicher Kombattant“ zu sein. Obwohl die USA der BRD seine Rückführung bereits 2002 angeboten hatten, wurde dies von deutscher Seite offenbar abgelehnt. Die Koordinierungsprobleme zwischen Verfassungsschutz, BND und CIA, sowie Vorwürfe, Kurnaz sei von Bundeswehrangehörigen in Guantanamo gefoltert worden, haben zwei Untersuchungsausschüsse des Bundestages beschäftigt, ohne zu befriedigenden Erkenntnissen zu führen, u. a. , weil Unterlagen der Behörden spurlos verschwunden sind. Alle Anklagen gegen Kurnaz wurden fallengelassen. Ob er dennoch radikale politische Positionen vertritt, ist strittig. Auch die im Roman genannte Hilfsorganisation für Asylbewerber hat einen realen Hintergrund. Der tatsächliche Name der Organisation ist flucht.punkt.

    Struktur und Spannungsbogen:
    John le Carré versteht es geschickt, aus einem harmlosen Drama um einen tollpatschigen und wirren Flüchtling und seine gutwilligen Helfer einen Thriller zu machen, in dem weder der Leser noch die agierenden Figuren einen Durchblick über die wirkliche Sachlage haben. Jeder glaubt das zu sehen, was er sich in seinem Inneren wünscht, obwohl jederzeit auch das exakte Gegenteil möglich scheint. Jede Figur im Roman versucht die anderen zu manipulieren und übersieht in ihrem Eifer, das sie selbst ebenso manipuliert wird. Die Realität als Orientierungsanker gerät mehr und mehr in den Hintergrund, bis sie durch den Anschein als neue Realität vollständig ersetzt wird. Revierkämpfe, Kompetenzgerangel und persönliche Befindlichkeiten lassen den Thriller in der letzten Phase seiner Metamorphose in einer Posse oder einer Politsatire gipfeln, in der jeder guten Willens war und doch jeder kläglich versagt hat. Das Ende ist ebenso schwarz wie offen. Jeder verliert. Übrig bleibt beim Leser das ungute Gefühl, dass diese Satire eben doch nahezu genau so ablaufen könnte, so unwahrscheinlich dies dem vernunftbegabten Menschen auch erscheinen mag. Das Wenige, was aus der Welt der Geheimdienste – in der Regel zufällig (Pleiten, Pech und Pannen) oder aus plumper Unfähigkeit der beteiligten Bürokraten – bekannt wird, bestätigt diese Hypothese. Dass Guantanamo bis heute existiert, hat seinen Grund. Mangelnde Gefängniskapazitäten in den USA darf man ausschließen. Dass Carré den Roman im Epizentrum des naiven Gutmenschentums, also in Deutschland, angesiedelt hat, ist ein geschickter Schachzug. Die hiesigen Behörden und Geheimdienste wirken in ihrer provinziellen Unfähigkeit auf den ersten Blick harmlos, sie lassen sich damit allerdings auch umso leichter durch andere instrumentalisieren, z. T. mit fatalen Folgen für die Opfer. Ein weiterer kluger Zug von le Carré: er schafft keine schwarz-weiße Landschaft, in der die Welt der Flüchtlinge und Asylbewerber tugendhaft und jene der Geheimdienste verwerflich ist. Es bleibt bis zum Schluss offen, ob hinter dem Flüchtling nicht doch ein geschickter Krimineller und hinter dem gemäßigten Gelehrten nicht doch ein Terrorpate steckt. Le Carré ist als ehemaliger Praktiker nicht naiv. Diesen Fluchttunnel aus der Wirklichkeit bietet er dem menschelnden Leser nicht.

    Charaktere:
    Hier liegt die Stärke des Romans. Es ist ein zutiefst menschliches Buch, dessen Handlung hinter den Figuren zurücksteht. Das Genre Thriller trifft insofern nur bedingt zu. Alle Hauptfiguren streben nach Rettung. Gleichzeitig münden ihre (gutgemeinten) Versuche im exakten Gegenteil.

    Die Anwältin des Flüchtlings hat jüngst einen Asyl-Mandanten durch Suizid verloren. Sie sucht die Rettung von ihrer Schuld in der Rettung des Flüchtlings. Sie liest aus den wirren Verhaltensweisen des Flüchtlings - nach anfänglichem Misstrauen - immer das heraus, was ihr Wunschdenken bestätigt. Für Zweifel bleibt kein Raum. Sie will ihn retten – um jeden Preis. Und genau diesen Umstand nutzen die Geheimdienste aus.

    Den englischstämmigen Privatbankier plagt die innere Leere seines Lebens. Anfangs ganz der sich an den Konventionen seines Berufsstandes orientierende Bankier, der dem Flüchtling mit gebotenem Misstrauen begegnet, verliebt er sich alsbald in die weitaus jüngere Anwältin und erklärt sie zu seinem (einzigen) Ausweg aus der Sinnlosigkeit seines Tuns und aus seiner privaten Misere. Er ordnet sein Handeln von diesem Augenblick an ausschließlich der Frage unter, ob seine Angebetete seine Aktionen gutheißen würde oder nicht. Auch seine Abhängigkeit machen sich die Geheimdienste zunutze.

    Der Flüchtling selbst sucht seine Rettung in religiösen Idealen, die er nicht versteht und denen er folglich auch nicht gerecht werden kann, so ehrlich sein Bemühen auch sein mag. Gleichzeitig verliebt er sich in seine Anwältin, die er einerseits verklärt und bewundert, die er aufgrund seiner religiösen Überzeugungen (oder dem, was er dafür hält) als Mann allerdings übertrumpfen muss, um sich ihrer als würdig zu erweisen und der Stellung des Mannes gegnüber der Frau in der islamischen Gesellschaft gerecht zu werden. Sie legt ihm ein Verhalten nahe, das ihr der Geheimdienst nahegelegt hat, damit sie ihn retten und ihm einen deutschen Pass besorgen kann. Er folgt den Vorschlägen, um in ihrem Ansehen aufzusteigen. Erst indem er den Anweisungen der Geheimdienste Folge leistet, genügt er den Anforderungen, die sie selbst an einen Terrorverdächtigen stellen. Sein Verhalten wirkt auf seine Umwelt widerspüchlich, so dass sich jeder die ihm genehme Interpretation seines Verhaltens aussuchen kann. Die Anwältin sieht in ihm den hilflosen Gefolterten, die Geheimdienste den cleveren Kriminellen, der Bankier versucht in ihm das zu sehen, was die Anwältin in ihm sieht und der islamische Gelehrte versucht in ihm den tiefreligiösen Wohltäter zu erkennen, obwohl jede seiner Fragen eine Antwort erhält, die alle Alarmglocken in ihm schrillen lassen.

    Der deutsche Geheimdienstler, der die Operation gegen die Terrorverdächtigen leitet, startet im Roman als kampferprobter Praktiker, der eine einsame Schlacht gegen die Bürokraten der konkurrierenden deutschen Geheimdienste führt und der gleichzeitig einen operativen Treffer landen muss, um seine eigene Existenz zu rechtfertigen. Er endet als bedeutungslose Marionette, die sich zwischen Befehlen, Nichtbefehlen und möglichen Befehlen seiner Vorgesetzten verheddert, die ihren Wunsch nach Bedeutung und ihre Angst vor Verantwortung als Wortschrauben tarnen, die beliebig interpretiert werden können. Geköpft wird bei Fehlschlägen immer der Handelnde, belohnt wird im Erfolgsfall immer der Bürokrat. Schließlich wird der deutsche Geheimdienstler von denjenigen aus dem ‚Projekt’ gerammt (und das ist wörtlich zu nehmen), die die deutsche Flügellähme als Einladung begreifen, ihre eigenen Ziele umzusetzen: die CIA.

    Sprache/Duktus:
    Die Sprache ist bildreich und detailverliebt, jedoch zu keiner Zeit unangemessen im Hinblick auf die transportierten Inhalte. Die Charaktere werden sprachlich nuanciert und lebendig ausgeleuchtet. Mit Klischees wird gespielt, sie werden jedoch nicht platt gesetzt, sondern durch die Doppeldeutigkeit der Figuren immer wieder in Frage gestellt. Aber das ist eine bekannte Stärke von John le Carré, die man in seinem 21. Roman voraussetzen darf, ohne sie vertiefen zu müssen. Die Beschreibung des Settings kommt m. E. manchmal etwas zu kurz, was angesichts der Anlage des Romans aber zu verschmerzen ist. Der Text ist sprachlich nicht außergewöhnlich anspruchsvoll, keine Hochliteratur, aber für einen Unterhaltungsroman sicher in der oberen Liga. Wie viel die deutsche Übersetzung ‚vergeigt’ hat, kann ich nicht beurteilen, weil ich den Roman nur in der deutschen Übersetzung gelesen habe, was ich bei englischen Texten idR zu vermeiden versuche.

    Fazit:
    Ich würde den Roman gerne als Theaterstück realisiert sehen. Trotz des für Bildungsbürger verdächtigen Herkunftsstempels ‚Spionagethriller’ hat er alle Qualitäten eines existenzialistischen Dramas. Die Hilflosigkeit der Figuren, ihr Scheitern an der Realität und an sich selbst, ihre Ausrichtung auf ein hehres Ziel, das der Überprüfung nicht standhält, erinnern mich an Stücke von Sartre und Camus, aber insbesondere an ‚En attendant Godot’ von Beckett. Auch hier wird das Drama zur Farce, zur Gesellschaftssatire, Ideale werden betriebsblind verfolgt, Anzeichen als Beweise umgedeutet, nur um seinem Handeln einen Sinn zu geben, und um die Hoffnung nicht zu verlieren, die einen antreibt.

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    Cover des Buches Maniac - Fluch der Vergangenheit (ISBN: 9783426636541)

    Bewertung zu "Maniac - Fluch der Vergangenheit" von Douglas Preston

    Maniac - Fluch der Vergangenheit
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Spannend und inhaltlich originell

    Genre:
    Thriller

    Inhalt:
    Um von einem Skandal abzulenken, beschließt das New York Museum of Natural History in seinen Räumen eine pompöse Ausstellung zum Grab des Senef aus Ägypten durchzuführen, ein Vorhaben, das bereits in den 30er Jahren aufgrund von Todesfällen, die angeblich mit einem auf dem Grabmal liegenden Fluch zu tun hatten, abgebrochen werden musste. Das auf verschlungenen Wegen nach New York gelangte Grabmal war damals in den Kellergwölben des Museums eingemauert worden und war in Vergessenheit geraten.

    Wieder kommt es bei den Vorbereitungen zur Ausstellung zu grausamen Todesfällen unter den Mitarbeitern des Museums, die die Museumleitung jedoch nicht von ihrem Vorhaben abbringen können.

    Laura Hayward, ein Captain der New Yorker Polizei, übernimmt die Ermittlungen. Schnell stellt sich heraus, dass die Todesfälle offenbar von Mitarbeitern des Museums verübt wurden, die alle eine seltsame Gehirndeformation aufweisen. Die Ursachen bleiben im Unklaren. Parallel zu den offiziellen Ermittlungen von Captain Hayward nimmt sich eine Gruppe um den ehemaligen und derzeit unschuldig im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses einsitzenden FBI Special Agent Aloysuis Pendergast des Falles an. Sie verdächtigen Diogenes Pendergast, den wahnsinnigen Bruder des Agenten, mit den Taten in Zusammenhang zu stehen und außerdem einen Anschlag während der Eröffnungsfeierlichkeiten zu planen. Sie befreien den Agenten und versuchen gemeinsam, den Anschlag zu vereiteln und Diogenes zur Strecke zu bringen.


    Autoren:
    Douglas Preston und Lincoln Child sind ein Duo, das bereits zahlreiche Bestseller gemeinsam verfasst hat. Maniac ist Teil einer Romanreihe um Pendergast.

    Perspektive:
    IdR kapitelweise wechselnde, personale Perspektiven.

    Erzählzeit:
    Vergangenheit.

    Setting:
    Das Museum als Haupthandlungsort wird sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben. Einer der Autoren hat früher in diesem Museum gearbeitet. Die Schilderung der Örtlichkeiten ist authentisch und bildgewaltig und sicher die zentrale Stärke des Romans. An Originalität und Kopfkino-Potenzial mangelt es dem Setting nicht. Die riesigen Kellergewölbe des Museums voller seltsamer Artefakte erweisen sich als perfekte Kulisse. Selbst ohne Handlung wäre diese Reise spannend.

    Struktur und Spannungsbogen:
    Das auslösende Ereignis ist im Falle dieses Thrillers kein actionreicher Knaller (Attentat etc.), sondern ein Paket ohne Absender, das dem Museum zugestellt wird und in dem sich die zu Staub zerstoßene und zuvor entwendete Juwelensammlung des Museums befindet. Um diesen Zwischenfall vergessen zu machen, plant die Museumsleitung die Ausstellung, um die sich der Großteil der Handlung dreht. Dass der Antagonist der Absender des Paketes ist, ahnt der Leser relativ schnell, da sich alles um die geplante Ausstellung dreht und jeder halbwegs vernünftige Autor dieses Ereignis zum Zeitpunkt des zentralen Auftritts des Antagonisten wählen würde. Das tut der Spannung jedoch keinen Abbruch. Der Roman ist eine Kombination eines klassischen Whodunit-Krimis, in dem ein Kommissar ermittelt, wer für die Todesfälle im Museum verantwortlich ist und einem Verhinderungs-Thriller, in dem verschiedene Personen versuchen, einen Anschlag zu verhindern.

    Die Autoren nutzen dieses duale Potential geschickt. Zusammen mit den wechselnden Perspektiven der handelnden Personen werden immer wieder neue Twists und Spannungshochs erzeugt, die schließlich im Anschlag und einem Nachspiel münden, indem der bereits bekannte Täter gejagt wird. Selbst Sidestories, wie die Befreiung des Bruders des Antagonisten aus dem Gefängnis, sind clever gemacht, handlungsgetrieben und spannend.

    Die Autoren arbeiten ihre Storyline professionell ab, praktisch jedes Kapitel endet mit einem angemessenen Cliff Hanger, der den Leser zwingt, weiterzulesen.

    Eine Stärke des Romans ist seine inhaltliche Originalität. Sowohl das Setting als auch die perfide und intelligente Methode, mit der der Antagonist seine Opfer in den Wahnsinn treibt, sind sehr speziell.

    Der Storyaufbau und die eingesetzten Techniken sind professionell und in der Wirkung spannend, aber auch nicht wirklich ausgefallen. Die Inhalte werden dem Leser im Gedächtnis bleiben, der Aufbau ist dagegen m E etwas zu schematisch geraten.

    Charaktere:
    Hier hat der Roman für mich seine größte Schwäche. Die Autoren schaffen durch die Vielzahl der mit einer eigenen Erzählperspektive ausgestatteteten Figuren ein hohes Erzähltempo. Der negative Effekt ist, dass es zwar einen definierten Antagonisten gibt, der, wenn auch etwas spät, ausreichend Kontur erhält, dass es daneben aber mit der Polizistin, ihrem Ex, einer Kuratorin, ihrem (überflüssigen) Journalisten-Ehemann, einem Techniker, seinem Kollegen, einem fiesen FBI-Mann, einem Gefängnisdirektor nebst Mitarbeitern und A. Pendergast und seinem Mündel einfach zu viele Figuren gibt, in deren Perspektive der Leser eintaucht. Das ist overdone. Aufgrund der quantitativen Dichte wird bei einzelnen Figuren auf Klischées im Hinblick auf Rollenmodelle zurückgeriffen und die Zuordnung gut vs. böse gerät, mit Ausnahme des Antagonisten, zu eindimensional. Ein echter Protagonist, der ausreichend Identifikationspotential für den Leser aufweist, und ein Opfer, das man besser kennenlernt und um dessen Schicksal man fürchtet, hätte der Geschichte gut getan. A. Pendergast ist dieser Protagonist, er gibt aber zu viel Handlung an die Kuratorin und an die Polizistin ab, die beide dennoch eindimensional und farblos bleiben. Natürlich nimmt A. Pendergast im Höhepunkt das Heft in die Hand, aber das ist nicht genug, um die Handlung aus seiner Perspektive tier genug mitfühlen zu können.

    Besonders das Ende der Geschichte, das zuvor auf einen klassischen existentiellen Bruderkampf hinauszulaufen scheint, wird aus Sicht des Protagonisten verschenkt, er wird zum Zuschauer und bekommt außer schemenhaften Eindrücken von der Kampfszene nichts mit. Der Leser leider auch nicht, da diese Szene aus seiner Sicht geschildert wird, obwohl nur sein Mündel und der Antagonist aktiv beteiligt sind. Plötzlich ist der Antagonist weg. Verschwunden im Vulkan, den man in der Szene leider auch nicht en détail zu sehen bekommt. Ein potenziell großartiges Bild wird vergeben, man stelle sich vor, dass der Protagonist seinen eigenen Bruder in den Vulkan stürzen muss, um sein Mündel zu retten. Er wäre zugleich Sieger und Verlierer gewesen, ein tragischer Held, der dadurch an Format und Identifikationspotenzial für den Leser gewonnen hätte. Die Szene hätte sich uns unauslöschlich eingebrannt. Angesichts der Professionalität und ‚Bilderfreundlichkeit’ der Autoren bleibt das Ende für mich unverständlich. Wenn der Antagonist in einem evtl. angedachten 4. Teil der Serie wieder auftauchen soll – na gut, aber das hätte man befriedigender lösen können.

    Das Problem der mangelnden Figurentiefe haben viele Thriller, nur hier wäre es nicht nötig gewesen. Eine interessante Nebenfigur, aus der man mehr hätte machen können, ist z B das Mündel von A. Pendergast, das vom Antagonisten sehr elegant verführt wird und das ganz zum Schluss der Geschichte die dominierende protagonistische Figur wird. Sie ist seltsam, geheimnisvoll und spielt, obwohl sie einen geringen quantitativen Anteil an der Geschichte hat, qualitativ in der Liga der beiden Pendergasts. Da Maniac der dritte Titel einer Serie ist, haben die Autoren offenbar eine bessere Vertrautheit der Leser mit den Figuren vorausgesetzt. Meine Kritik bezieht sich auf die Stand-alone – Sicht von Maniac. Die Teile 1 und 2 vorausgesetzt, verändert sich der Eindruck ggf..

    Sprache/Duktus:
    Die Sprache ist, so weit man dies bei einer Übersetzung beurteilen kann, bildhaft, kraftvoll und für einen Thriller mindestens angemessen. Etwas zu klischéehaft sind eine Reihe von Methapern geraten. ‚Blut in den Adern gefrieren’ etc. kann man eleganter lösen, aber des Lesers Kopfkino wird insgesamt sehr effektiv bedient. Insbesondere die sprachliche Umsetzung des Museums-Settings ist herausragend.

    Fazit:
    Die Schwäche, die das Buch allerdings mit vielen Serien-Thrillern gemein hat, ist, dass der Roman zwar inhaltlich besticht, dass die Schreibtechnik dahinter allerdings vorhersehbar bleibt. Plotaufbau, Perspektiven, Kapitelübergänge, etwas klischéehafte Figuren und Metaphern – die Formalia des Schreibens sind für meinen Geschmack sehr professionell, aber eine Idee zu schematisch umgesetzt. Vieles wirkt drehbuchartig durchkonzipiert. Im Hinblick auf die Anforderungen mancher Verlagslektoren für Spannungsliteratur, ist der Roman ‚checklistenfreundlich’. Die Punktzahl, die dabei herauskommt ist sehr hoch, aber etwas mehr Individualität hätte ich mir angesichts des Potenzials, das Setting und Handlung bieten, gewünscht. Hinsichtlich des wichtigsten Ziels eines Thrillerautoren, fesselndes Kopfkino zu erzeugen, reüssiert das Autorenduo durch authentische Settings und eine bildhafte sprachliche Umsetzung der abwechslungsreichen und durchweg spannenden Handlung uneingeschränkt.

    Subjektive Bewertung:
    Wer spannend und inhaltlich originell unterhalten werden möchte und kenntnisreich beschriebene Settings liebt, dem sei Maniac uneingeschränkt empfohlen. Für diejenigen Leser, die sprachliche Orginalität und Virtuosität höher bewerten und mehrdimensionale und tiefe Charaktere auch in einem Thriller erwarten, gibt es bessere Lösungen.

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    Cover des Buches The Dead Room (ISBN: B0055X0OLM)

    Bewertung zu "The Dead Room" von Robert Ellis

    The Dead Room
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Sehr spannende Unterhaltung, die ein paar Kapitel Anlauf braucht

    Umfang:
    ca. 416 S. (Print Version)

    Inhalt:
    Teddy Mack, ein junger Anwalt wird von seinem Chef, dem Partner einer renommierten Kanzlei für Wirtschaftsrecht, als Verteidiger eines Mordverdächtigen eingesetzt. Der Fall scheint aussichtslos. Der Verdächtige, ein grobschlächtiger Postbote und ehemaliger Metzger, wurde blutverschmiert am Tatort gesehen, in seinem Besitz wurde die Tatwaffe gefunden, und er hat eindeutige Spuren auf der Leiche hinterlassen. Das Opfer, eine attraktive junge Frau aus einer „Old Money“-Familie in Philadelphia, wurde mit einem Messer brutal zugerichtet. Der Verdächtige gibt schließlich in einem Geständnis die Tat zu, obwohl er offensichtliche Gedächtnislücken zum Tathergang hat. Er ist psychisch stark angeschlagen.

    Der Staatsanwalt, der für den Posten des Bürgermeisters kandidieren will, nutzt den scheinbar sicheren Fall, um sich in der Öffentlichkeit zu profilieren. Der Verdächtige wird medial nach allen Regeln der Kunst vorverurteilt. Die Todesstrafe scheint sicher.

    Teddy Mack kommen erste Zweifel an der Schuld seines Mandanten, als er bei der Überprüfung seines Backgrounds feststellt, dass er ein talentierter Künstler ist, der liebevoll mit den wenigen Menschen umgeht, die ihn trotz seines Äußeren nicht meiden. Als er merkt, dass selbst sein Chef an einem Freispruch des Mandanten aus familiären Gründen nicht interessiert ist, reagiert der Anwalt mit Trotz. Sein eigener Vater war vor Jahren auf Grund eines Justizirrtums verurteilt und im Gefängnis ermordet worden. Teddy Mack gewinnt einen Juraprofessor, der dem Staatsanwalt bereits eine fehlerhafte Verurteilung zur Todesstrafe nachweisen konnte, als Partner für seinen Fall. Als weitere parallele Todesfälle in der Vergangenheit ermittelt werden, wird klar, dass man es mit einem Serienkiller zu tun hat. Ein neuer Entführungsfall, der während der Inhaftierung seines Mandanten stattfindet, erhärtet seinen Verdacht, dass seinem Mandanten die Täterschaft angehängt werden soll. Teddy Mack ermittelt einen weiteren Verdächtigen, der vom Staatsanwalt geschützt wird, weil seine Familie ihn mit Wahlkampfspenden unterstützt. Langsam tauchen immer mehr Risse in der Beweisführung der Staatsanwaltschaft auf. Auch andere Beteiligte haben Eigeninteressen, die der Wahrheitsfindung entgegenstehen.

    Dem tatsächlichen Killer, einem gefährlichen Psychopathen und Massenmörder, bleiben die Bemühungen des Anwalts nicht verborgen, wodurch dieser selbst in Gefahr gerät.

    Ort der Handlung: Philadelphia

    Perspektive:
    personale Persp., überwiegend aus der Sicht von Teddy Mack, jedoch z T auch aus Sicht anderer handelnden Personen, z. B. des Killers.

    Erzählzeit: Vergangenheit

    Struktur und Spannungsbogen:
    Die Struktur ist für einen Thriller dieser Art nicht wirklich ungewöhnlich: Underdog-Anwalt kämpft in einem aussichtslosen Fall gegen übermächtige Gegner. Spannend wird die Story vor allem durch zahlreiche Set-up’s, die erst spät aufgelöst werden und durch eine Vielzahl cleverer Twists. Nichts ist wie es scheint und selbst als die Wahrheit langsam Kontur anzunehmen scheint, stellt ein finaler Twists alles wieder in Frage. Immer wieder wird geschickt mit der persönlichen Historie des Protagonisten gespielt, die ihm einerseits hilft, den nötigen Biss für den Fall zu entwickeln, die ihn andererseits aber auch empfänglich für Manipulationen macht. Diese Vielschichtigkeit hebt das Buch über viele andere Thriller dieses Genres hinaus. Darüber hinaus ist die Geschichte ausgesprochen handlungsorientiert, ganz anders als die Mehrzahl der Justizthriller von Grisham & Co. Dass der Autor aus der Filmindustrie kommt und Ahnung von Drehbüchern und deren typischen Fallen hat, merkt man dem Buch jederzeit an. Es ist sehr professionell geschrieben.

    Eine kurzzeitige Schwäche hat das Buch nach dem actionreichen Höhepunkt. Man erwartet einen kurzen, klärenden Epilog, doch immer wieder wird ein neues Kapitel angehängt. Dass ganz am Ende nochmal ein finaler Twist kommt, versöhnt, aber einige Kapitel hätte man hier kürzen können. Dass der Wertewandel des Protagonisten und seine Reaktion auf die letzte moralische Herausforderung ganz am Ende offen gelassen wird, ist aus meiner Sicht kein Nachteil. Es regt zum Nachdenken an.

    Charaktere:
    Der Protagonist und seine wichtigsten Gegenspieler werden sehr detailliert ausgeleuchtet, wobei der Autor darauf achtet, nicht deskriptiv (langweilig!) zu werden, sondern über die Handlung die Charaktere für den Leser erschließt.

    Etwas zu kurz kommt die (unvermeidliche) Lovestory mit der Mitarbeiterin des Staatsanwalts. Daraus hätte man auf der psychologischen Ebene noch mehr machen können.

    Sprache/Duktus:
    Die Sprache ist dem Genre jederzeit angemessen. Die Sätze sind nicht pseudobarock aufgebläht, sondern reflektieren die Handlungsorientierung, dennoch ist die Sprache nicht platt. Der Wortschatz orientiert sich eher am oberen Ende des Genres. Wie die deutsche Übersetzung reüssiert, kann ich nicht beurteilen. Ich habe die Story im amerikanischen Original gelesen, was ich ohnehin nur empfehlen kann. Zu oft ruinieren die Übersetzungen das Lesevergnügen, gerade im Hinblick auf Dt.-Engl.. Die Sprachen sind grammatikalisch und verbal einfach zu unterschiedlich.

    Fazit:
    Sehr spannende Unterhaltung, die ein paar Kapitel Anlauf braucht und kurz vor Ende einen kleinen Hänger hat. Der sorgfältig ausgearbeitete Plot ist authentisch und originell. Der Protagonist macht einen Wertewandel durch, der nachvollziehbar ist und der eine soziale Aussage stützt, die einen nachdenken lässt, auch wenn es sich (nur) um einen Thriller handelt. In die Falle des todsicheren Vorurteils tappt jeder in den verschiedensten Lebenslagen. Wer damit psychologisch und medial clever spielen kann und die richtigen Knöpfe drückt, hat als Politiker, Manager oder in seinem normalen sozialen Umfeld leichtes Spiel und bestimmt, wohin die Reise geht. Die Frage „ Was ist das tatsächliche Motiv eines Menschen hinter dem offensichtlichen?“ kann man sich nicht oft genug stellen. Nur selten sind Appearance & Reality deckungsgleich. Dass das Leitthema des Thrillers jeden Leser in seinem täglichen Leben berührt (ohne dass gleich Blut fließen muss), sorgt für Empathie. Wer sich für das Thema auf etwas höherem Niveau interessiert, dem sei „Primary Colors“ ans Herz gelegt.

    Die Hauptfiguren bieten ausreichende Tiefe und Identifikationspotenzial, auch wenn das ein oder andere Klischée bedient wird (insb. im Hinblick auf den Staatsanwalt und seinen Polizisten-Gehilfen). Die private Seite des Protagonisten außerhalb der Vater-Sohn-Beziehung kommt etwas zu kurz. Vieles wird nur angerissen und dann fallengelassen. Die Hauptfiguren werden durch die Nebenfiguren insgesamt gut unterstützt.

    Der Text ist sprachlich oberer Durchschnitt (für einen Thriller), in einzelnen Passagen auch exzellent.

    Stärkster persönlicher Eindruck:
    Die Schilderung des „Dead Room“. Hier hat jemand Pate gestanden, der schon die eine oder andere Hinrichtung erleben durfte.

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    Cover des Buches Leichengift (ISBN: 9783442466276)

    Bewertung zu "Leichengift" von Robert Ellis

    Leichengift
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Actiongetriebener Thriller, der mit vielen überraschenden Twists aufwartet

    Genre:
    Thriller

    Umfang:
    ca. 352 S. (US - Print Version)

    Serie:
    ja (Lena Gamble)

    Inhalt:
    Lena Gamble wird vom Polizei-Chief von Los Angeles mit einem Mordfall betraut, der in jeder Beziehung rätselhaft ist. Das Opfer, eine junge Frau, wurde offenbar von einem erfahrenen Chirurgen zerlegt und in einer Mülltonne deponiert. Ihre Identität klärt sich erst auf, als Lena annonym der Ausweis der Toten und ein USB-Stick mit einer unscharfen Aufnahme des Täters zugeschickt wird. Nicht nur die Unauffindbarkeit des Zeugen macht Lena zu schaffen. Im Laufe der Ermittlungen wird deutlich, dass der Polizeichef, sein Adjudant und der Bezirksstaatsanwalt Lenas Arbeit konsequent hintertreiben. Lena befürchtet, dass man sie ‚abschießen’ will, weil sie sich in einer früheren Ermittlung mit den Polizeioberen angelegt hat. Zusammen mit ihrem Partner ermittelt Lena, dass der milliardenschwere Vorstand eines Pharmaunternehmens und sein Sohn in den Fall verwickelt sind und ihre Vorgesetzten alles daran setzen, ihn zu schützen. Während sie intern behindert wird, räumt der Killer einen Zeugen nach dem anderen aus dem Weg, bis nur noch der letzte unauffindbare Zeuge den Schlüssel zur Lösung des Falles in Händen hält. Ihn aufzuspüren, wird zum Wettlauf mit der Zeit und seinen Verfolgern.

    Ort der Handlung:
    Los Angeles. Das Setting wird ausreichend tief beschrieben, um der Handlung den für das Kopfkino wichtigen Wahrnehmungsrahmen zu geben. Ungewöhnlich ist die Schilderung von LA im Winter. Das nimmt der Stadt zwar viel von ihrer Ausstrahlung und Spezifik im Vergleich zu anderen Handlungsorten. Das Klischée an dieser Stelle einmal nicht zu bedienen, empfinde ich allerdings als erfrischend. Die Bedeutung der Stadt und ihres politisierten Polizeiapparates wirkt authentisch, wenn auch nicht wirklich neu. Mich erinnert das Setting sehr an die Romane von Michael Connelly, die ich nahezu alle gelesen habe. Auch Lena Gamble könnte von ihrer Einstellung und ihren Konflikten her als männliche Version des Protagonisten der Connelly Serie (Harry Bosch) durchgehen. Da Connelly als weitaus bekannterer Autor Robert Ellis Bücher in der Presse überaus positiv bewertetet hat, kann man vielleicht wirklich von einer gewissen Vorbildfunktion ausgehen.

    Perspektive:
    Personale Persp., überwiegend aus der Sicht der Protagonistin, jedoch z T auch aus Sicht anderer handelnden Personen wie dem Killer.

    Erzählzeit:
    Vergangenheit

    Struktur und Spannungsbogen:
    „The Lost Witness“ (Der deutsche Titel „Leichengift“ wurde wie üblich sinnfrei gewählt) kombiniert Elemente des klassischen Whodunit Krimis mit Thriller-Elementen. Das ist für amerikanische Spannungsromane nicht ungewöhnlich, aber es bietet natürlich mehr dramaturgische Möglichkeiten als bei reinrassigen Vertretern der beiden Genres. Ellis nutzt dieses Potenzial umfassend und routiniert.

    Ähnlich wie in seinen anderen Thrillern verwebt Ellis den aktuellen Fall der Protagonistin mit ihrer persönlichen Geschichte, in diesem Fall mit dem Mord an ihrem Bruder, der in einem vorherigen Roman der Serie thematisiert wird. Hierdurch erhält die Geschichte Empathie, man spürt, dass etwas an der Protagonistin nagt, das sie gleichzeitig antreibt und quält. Man hätte aus dieser psychologischen Konstellation allerdings deutlich mehr machen können.

    Spannend wird der Roman vor allem dadurch, dass er ausgesprochen actionreich ist und von vielen unvorhergesehenen Twists profitiert, die die Protagonistin in immer neue Konflikte und Herausforderungen stürzen. Dass sie dabei nicht nur den Serienkiller verfolgen muss, sondern gleichzeitig auch noch polizeiinterne Kämpfe ausfechtet, in denen sie die Rolle des Underdogs einnimmt, erhöht das Leidenspotenzial der Protagonistin und nimmt den Leser noch mehr für sie ein. Sie ist Opfer und Heldin zugleich. Das Stake (das, was auf dem Spiel steht) wird dadurch außerordentlich hoch angesetzt. Es geht nicht nur um die Lösung des Falls und das Stoppen des Killers, sondern immer auch um das eigene Schicksal der Protagonistin. Man fürchtet in jeder neuen Situation um sie, und das macht die Story außerordentlich spannend.

    Der Versuch, zusätzlich sozialkritische Elemente in den Plot einzuweben, ist weniger geglückt. Die Kritik an der mangelnden psychologischen Betreuung der Kriegsveteranen, die Gewissenlosigkeit von Pharmaunternehmen, die die Interessen ihrer Aktionäre über diejenigen ihrer Patienten stellen und die aussichtslose wirtschaftliche Lage der Underdogs in der Stadt des Scheins (LA), bleibt oberflächlich. Das Ganze wirkt checklistenartig abgearbeitet, auch wenn jeder genannte Problempunkt nicht nur in den USA gesellschaftlich hochrelevant ist. Sozialkritik in einen Krimi zu integrieren, ist natürlich lobenswert, da man hier große Lesergruppen erreichen kann, aber das bekommen Mankell und Le Carré besser hin, weil sie sich auf ein Thema fokussieren und ihre Krimis hinsichtlich des reinen Handlungsablaufs deutlich weniger komplex sind. Bzgl. des Pharmathemas sei an dieser Stelle nur „The Constant Gardener“ von Le Carré genannt.

    Das Ende der Story ist (wie bereits bei „The Dead Room“) nach dem Höhepunkt m E zu lang geraten. Es gibt zwar auch hier ganz am Ende einen weiteren handlungsreichen Twist, aber ein strafferes Auslaufen der Geschichte wäre dramaturgisch sinnvoller gewesen. Auch das der Killer ganz zum Schluss (und relativ motivfrei) noch einmal eingreift, um die Bestrafung des letzten Bösewichts sicherzustellen, wirkt auf mich wie ein Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, den die Dramaturgen in der antiken griechischen Tragödie einsetzten, um einer verfahrenen Situation die letzte entscheidende Wendung zu geben. Das Verfahren findet heute eher in der Politik als in der Literaur Anwendung. ;-)

    Ich habe bisher nur zwei Romane des Autors gelesen, aber es ist auffallend, dass er viele Ideen, Typisierungen, Rollenmodelle etc. wiederverwendet, obwohl The Dead Room und The Last Witness keine Serienbeziehung haben. Es heisst zwar Never change a winning team, aber das kann bei Autoren, die viel veröffentlichen, auch nach hinten losgehen. Bei zwei gelesenen Büchern ist das natürlich nur ein erster Eindruck.

    Charaktere:
    Die Protagonistin und der psychotische Killer werden detailliert ausgeleuchtet. Das reicht für die Handlung vollkommen aus. Verbesserungspotenziale gibt es dennoch.

    Protagonistin: etwas mehr Privatleben zusätzlich zur kurz angerissenen Historie hätte der Figur gut getan. Möglicherweise setzt der Autor darauf, dass der Leser den vorhergehenden Roman der Serie bereits kennt. Das naheliegende Problem, das männliche Autoren mit weiblichen Figuren haben, tritt hier weniger zu Tage, da der Autor die typisch weiblichen psychischen Elemente der Figur durch den extrem handlungsgetriebenen Ansatz umgeht. Ellis macht das durchaus clever, aber er vergibt dadurch auch das weibliche Potenzial der Figur. Lena könnte man durch Leon austauschen. Der Leser würde diesen Eingriff nicht bemerken.

    Killer: seine Medikamentenabhängigkeit gibt ihm Originalität, aber da der Auslöser seiner psychischen Probleme in seinem Kriegseinsatz liegt, hätte die Figur um typische PTBS-Symptome wie Flashbacks angereichert werden können. Ein Killer, der selbst nicht mehr unterscheiden kann, ob er sich in der Realwelt oder seiner Kriegserinnerung bewegt, wäre noch unberechenbarer herübergekommen und hätte für den Leser den Spannungseffekt, dass er selbst immer im Zweifel wäre, ob eine Tat, die er aus der personalen Perspektive des Killers miterlebt, tasächlich stattgefunden hat.

    Opfer: die Figur des „verlorenen Zeugen’ kommt in der Geschichte kaum vor, auch wenn sie das Leitmotiv ist. Die Schilderung ihrer Flucht vor den Verfolgern hätte für zusätzliche Spannung sorgen können.

    Sprache/Duktus:
    Die Sprache ist genretypisch knapp und handlungsorientiert, der Wortschatz wirkt diesmal eher durchschnittlich und etwas weniger ansprechend, als in „The Dead Room“. Zudem sind mir diesmal zu viele Klischées ins Auge gesprungen, die nicht hätten sein müssen. Der Autor scheint einen bspw. ausgesprochenen Augenfetisch zu haben. Fast alle Figuren haben blaue Augen, damit verbundene typische Adjektive wie „stechend“, „wahnsinnig“ etc., werden einfach zu oft strapaziert. Der Charakter einer Figur scheint sich hier vor allem über die Augen zu erschließen, de facto ist das Repertoire der menschlichen Körpersprache doch etwas größer. Die deutsche Übersetzung kann ich nicht beurteilen, da ich die Story im amerikanischen Original gelesen habe.

    Fazit:
    The Lost Witness / Leichengift ist ein sehr spannender und actiongetriebener Thriller, der mit vielen überraschenden Twists aufwartet. Der komplexe Plot ist sehr professionell angelegt. Der Leser erhält in nahezu jeder Szene das Look & Feel aus personaler Perspektive, wobei alle Sinne bedient werden. Das Kopfkino kommt jederzeit leicht in Gang. Die Protagonistin ist sympathisch und aktiv. Sie bietet ein gutes Identifikationspotential für den Leser, auch wenn ich mir mehr weibliche Vielschichtigkeit gewünscht hätte. Der Text ist sprachlich genretypisch, der schnellen Handlung angemessen, aber nicht wirklich originell oder anspruchsvoll. Obwohl die Handlung fesselt, werden wie bei vielen Thrillern Rollenmodelle und Klischées strapaziert. Dadurch, dass der Autor bei den zahlreichen Twists um den Höhepunkt herum die Aufladung einiger Charaktere kippen lässt, fällt dieser Aspekt allerdings hier weniger ins Gewicht. Man kann sich als Leser nie sicher sein, ob sich eine Figur letztendlich als gut oder böse herausstellen wird. Dem typischen Kunstgriff vieler Krimiautoren, die vertrauenswürdigste Nebenfigur am Ende zum Täter deklarieren, verfällt Robert Ellis nicht. Man muss bei ihm immer damit rechnen, dass seine Figuren einen doppelten Wechsel der Aufladung durchmachen. Dadurch bleibt bis zur letzten Seite immer Spannung in der Geschichte. Insgesamt ein inhaltlich kurzweiliger und fesselnder Thriller mit durchschnittlichem sprachlichem Anspruch.

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    Cover des Buches DAEMON (ISBN: 9783499256431)

    Bewertung zu "DAEMON" von Daniel Suarez

    DAEMON
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Für die Gamer Community ist der Roman ein Muss

    Genre:Cyber-Thriller

    Serie:
    ja (Darknet ist der Folgeroman)

    Inhalt:
    Mathew Sobol, ein erfolgreicher Erfinder von Multiplayer-Computerspielen, hat einen Daemon (ein im Hintergrund laufendes Programm) entwickelt, der nach seinem Tod vernetzte Computer infiziert und die Kontrolle über die Systeme und die Menschen, die sie bedienen, übernimmt. Daemon ist lernfähig (Künstliche Intelligenz) und nutzt seinen Zugang zu den im Netz abgelegten Informationen der Nutzer, um sie zu erpressen, zu manipulieren und auf die Ziele seines Erfinders einzuschwören. Dabei verwendet er die für jedermann zugänglichen Online-Spiele, um die für seine Zwecke besonders geeigneten Menschen zu identifizieren und als Handlanger für seine Zwecke einzuspannen. Daemon betrachtet die Welt als großes Computerspiel. Er agiert dabei ausschließlich nach Logikkriterien, nutzt jedoch die messbaren emotionalen Regungen der Menschen, um ihre Handlungen vorherzusagen und zu beeinflussen. Menschenleben haben für ihn nur insofern einen Zweck, als sie für ihn und seine Sache zweckdienlich sind. Die Handlanger werden ähnlich wie Sektenmitglieder durch finanzielle Zuwendungen, Schutz und Aufstiegsmöglichkeiten in der Hierarchie belohnt. Durch spezielle Brillen, wie man sie bspw. von Special Forces Soldaten heutzutage kennt, werden die Handlanger mit dem Daemon und untereinander vernetzt. Die Infiltration der Gesellschaft erfolgt parallel durch das Software-Programm und die realen Menschen, die dem Daemon dienen.

    Vertreter der Polizei und diverser Nachrichtendienste sowie ein mit Computerspielen besonders vertrauter IT-Experte versuchen, den Daemon und seine wachsende Anhängerschar zu stoppen.

    Perspektive:
    Wechselnde personale Perspektiven zahlreicher handelnder Figuren. Der Wechsel erfolgt z T auch abschnittsweise innerhalb von Kapiteln und nimmt dadurch zeitweise nahezu auktoriale Züge an. Eine Reduktion der mit einer eigenen Perspektive ausgestatteten Figuren und eine deutlichere Abgrenzung der Perspektivwechsel würde dem Leser die Identifikation mit den Charakteren erleichtern.

    Erzählzeit:
    Vergangenheit.

    Struktur und Spannungsbogen:
    Das Grundprinzip der Story entspricht derjenigen der James Bond Thriller. Jemand versucht die Weltherrschaft zu erobern, andere versuchen dies zu verhindern. Der Hauptunterschied: es gibt zwar einen zentralen Antagonisten (M. Sobol rsp. das ihn nach seinem Tod repräsentierende Programm), aber es gibt keinen herausragenden Protagonisten, sondern eine ganze Reihe gleichberechtigter Figuren.

    Die Story startet nicht mit einem Big Bang als auslösendem Ereignis, sondern mit einem scheinbar konventionellen Todesfall, der den ermittelnden Polizisten und das hinzugerufene FBI zu Mathew Sobols Softwareunternehmen führt. Dort wird nach einem weiteren Todesfall schnell klar, dass der Auslöser über das Netz gekommen sein muss.

    Während die Ermittler dem Daemon näherkommen, gewinnt dieser über das Online-Spiel, aus dem er entstanden ist, seine menschlichen Unterstützer, die er zusammen mit seinen elektronischen Mitteln gegen seine Gegner in die Schlacht führt.

    Neben den klassischen Mittel der Spannungserzeugung (Hochschaukeln der Spannung bis zum Höhepunkt: der Daemon stellt immer größere Herausforderungen an die Ermittler, scheinbare Problemlösungen und falsche Verdächtige multiplizieren die Herausforderung) webt der Autor geschickt die latente Angst der Leser davor ein, dass in der modernen Hightech-Gesellschaft jeder mit einer Vielzahl von persönlichen Informationen und Prozessen im Internet und seinen Ablegern vertreten ist, die ihn verwundbar machen, wenn die Sicherheitsmechanismen überwunden werden.

    Das Buch ist von der Anlage her eine Mischung aus einem James Bond Roman in der Hightech–Version und George Orwells 1984. Es gibt weit mehr reale Action, als man bei dieser Art Roman vermuten sollte, und das Zusammenwachsen von Spiel und Realität sowie die unterbewusste Ahnung der meisten Computernutzer, dass ihre Aktivitäten im Netz jederzeit als Bumerang in Form von Identitätsdiebstahl und anderen Nettigkeiten auf sie zurückfallen können, ergeben eine spannende Mischung.

    Charaktere:
    Mathew Sobol als Antagonist erhält vor allem indirekt, also durch das Daemon-Programm und das Computerspiel, auf dem es basiert, ein Gesicht. Trotz der starken technischen Komponente, besitzt die Figur ein hohes Spannungspotential, das geschickt ausgeschöpft wird. Leider hat er keinen gleichwertigen Gegenspieler, obwohl einige der Figuren (der Polizist, der IT-Experte und die Geheimdienst-Ermittlerin) hierfür die nötigen Grundlagen hätten. Ein starker Protagonist mit einem nachvollziehbaren Wertewandel hätte der Geschichte gut getan. So bleiben die Figuren relativ flach und bieten für den Leser nur ein begrenztes Empathiepotential.

    Sprache/Duktus:
    Die Sprache ist relativ einfach und sachlich, aber auch nicht platt oder reißerisch. Man merkt, dass der Autor nicht aus der literarischen, sondern aus der technischen Ecke kommt. Sprachliche Höhenflüge und ausgefallene Metaphern sucht man vergeblich. Aufgrund der Anlage des Romans und der besonderen Bedeutung technischer Aspekte für den Plot, ist dieses Manko allerdings vertretbar. Die Story bleibt trotzdem spannend und das Kopfkino kommt insbesondere bei der Schilderung der Spielsituationen und bei den erstaunlich guten Actionszenen auf seine Kosten. Die technischen Aspekte werden realitätsnah, mit großem Expertenwissen und trotzdem auch für mäßig versierte IT-Nutzer verständlich beschrieben.

    Fazit:
    Ein interessanter Cyber-Thriller, der vor allem von der guten Grundidee (ein bereits Verstorbener strebt die Weltherrschaft an) und von der großen technischen Kompetenz des Autors profitiert. Die Story wirkt zwar auf den ersten Blick fiktional sehr abgehoben, und dass Maschinen die Weltherrschaft übernehmen wollen, ist ein wohlbekanntes Sujet, aber die Umsetzung ist auf der Höhe der Zeit und in vielen Aspekten bedrohlich realistisch. Mit den technischen Äquivalenten unserer Sinne und des emotionalen Ausdrucks gräbt uns der Daemon auch den letzten Rest dessen ab, was uns als Individuen ausmacht und was uns in unserem Selbstverständnis über die „Maschine“ erhebt. Und das ist intelligent und spannend gemacht und regt zum Nachdenken an. Das Ende ist vergleichsweise offen gestaltet und lässt Raum für einen Folgeroman.

    Defizite hat der Roman bei der Figurenentwicklung und bei der sprachlichen Umsetzung der Bildhaftigkeit und der Emotionalität. Sie bleiben jedoch im Hinblick auf das Genre im vertretbaren Rahmen. Da Daemon der erste (und ursprünglich sogar im Eigenverlag veröffentlichte) Roman des Autors ist, gehe ich davon aus, dass die nächsten Bücher (Darknet ist der bereits erschienene Folgeroman) auch diesbezüglich gereift sind. Das Potential dafür hat Daniel Suarez ohne Zweifel.

    Ein empfehlenswertes Buch für Leser mit einer gewissen Technikaffinität. Für die Gamer Community ist der Roman ein Muss.


    Nice to know:
    Ein Daemon ist in der Computersprache nicht zu verwechseln mit dem Demon (Satan). Es handelt sich lediglich um die Bezeichnung für ein im Hintergrund laufendes Software-Programm. Historisch gesehen ist der Daemon jedoch die alte Form des Demon, aber mit einer ebenfalls anderen Bedeutung. In der Antike verstand man darunter eine Art Schutzengel. Plato führt den Daemon als das moralische Gewissen ein. Die Doppeldeutigkeit macht gerade in der letzten Szene des Romans Sinn. Ob dies von Suarez beabsichtigt war, weiß ich jedoch nicht

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    Cover des Buches Der Kollektor (ISBN: 9783548282732)

    Bewertung zu "Der Kollektor" von John Connolly

    Der Kollektor
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Ein Thriller mit einem leicht mystischen Touch

    Genre:
    (Mystery-) Thriller

    Umfang:
    ca. 470 Seiten (Print)

    Serie:
    ja (Charlie Parker)

    Inhalt:
    Der Privatdetektiv Charlie Parker wird von Rebecca Clay beauftragt, sie vor einem mysteriösen Fremden zu schützen, der sie mit Fragen nach ihrem Vater belästigt. Der Fremde stellt sich als ein ehemaliger Berufskiller heraus, der auf der Suche nach seiner Tochter ist, die vor Jahren spurlos verschwand, während er selbst im Knast saß. Daniel Clay, Rebeccas Vater, hatte das Mädchen als Kinderpsychologe betreut, kurz bevor er selbst als verschollen gemeldet und Jahre später vom Gericht für tot erklärt wurde. Da seine Leiche niemals gefunden wurde, existieren zahlreiche Gerüchte über das Schicksal des Psychologen, der ein Experte für die Behandlung sexuell missbrauchter Kinder war. Bei seinen Ermittlungen stößt Charlie Parker auf ein Netzwerk von Päderasten, die offenbar von einer einsamen Waldsiedlung aus operieren, in deren Nähe auch der Wagen von Daniel Clay gefunden wurde. Der Detektiv beschließt, vor Ort Ermittlungen anzustellen, doch nicht nur er und der besorgte Vater des verschwundenen Mädchens sind den Päderasten auf der Spur, sondern auch ein unheimlicher Fremder mit besten Verbindungen ins Reich der Toten.

    Perspektive:
    Mit wenigen Ausnahmen Ich-Erzähler (Charlie Parker). Der Leser dringt durch die Ich-Perspektive tief in die Wahrnehmungswelt des Protagonisten ein, die für den Fortgang der Story von entscheidender Bedeutung ist. Die wenigen Perspektivwechsel wirken eher verwirrend. Das gilt insbesondere für das 1. Kapitel, in dem eine Figur (ein Schausteller) eingeführt wird, die für den Plot nahezu bedeutungslos ist. Leider, denn die Figur ist interessant angelegt und macht Appetit auf mehr.

    Erzählzeit:
    Vergangenheit.

    Setting:
    Portland und das dünn besiedelte Hinterland von Maine bilden die Kulisse für die Story. Insbesondere die einsamen Wälder mit ihren hinterwäldlerischen Bewohnern unterstützen in idealer Weise die zunehmend mystische Stimmung des Romans.

    Struktur und Spannungsbogen:
    Das Thema Kindesmissbrauch hält für die meisten Leser auch ohne das fiktionale Gewand schon mehr als genug Horror-Elemente bereit. Connolly verarbeit das Thema jedoch nicht reißerisch. Er fokussiert sich nicht auf die ekelbeladene Missbrauchssituation und das Abarbeiten der gängigen Täterklischees. Die Täter sind zwar die Zielobjekte der Handlung, aber Connolly stellt die Opfer und die Auswirkung des Missbrauchs auf ihren Lebensweg in den Mittelpunkt. Auf Effekthascherei und Plattitüden wird dabei weitgehend verzichtet. Man merkt, dass sich der Autor dezidiert und unter fachlicher Anleitung mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Er zeigt neue Facetten des Themas auf und flechtet sie geschickt in die Story ein. Kein Vergleich mit der banalen Schwarz-Weiß – Logik der Schablonendenker aus den TV-Redaktionen, die Voyeurismus mit Spannung verwechseln und Klischeebefriedigung zum Credo für ihre Drehbuchautoren machen.

    Im vorliegenden Roman entsteht Spannung weniger aus der Frage, ob das Mädchen noch rechtzeitig vor seinen Peinigern gerettet werden kann – ein Aspekt, den Tatort-Autoren bis zum Erbrechen ausgewalzt hätten. Die Rettung des Opfers tritt in den Hintergrund. Sie erscheint ohnehin unmöglich, weil dem Leser die Spätfolgen des Missbrauchs jederzeit bildhaft präsent sind. Den Protagonisten und damit auch den Leser treibt vielmehr die Frage um, wie das Geflecht von Suche, Rache, Schuld und Leid mit der immer mehr durchscheinenden mystischen Schicht der Geschichte hinter der offensichtlichen Wahrnehmungswelt zusammenhängt. Überhaupt ist das Thema Wahrnehmung ein Leitmotiv, das sich durch den gesamten Plot zieht.

    Auffallend im Vergleich zu typischen Genrevertretern ist der langsame Spannungsaufbau der Story. Es gibt keinen ‚Big Bang’, der den Leser in den Plot hineinreißt. Das ist angesichts tradierter Lesegewohnheiten der Thriller-Kundschaft nicht ohne Risiko. Da es sich jedoch um eine bereits eingeführte Serie handelt, wissen Connolly-Liebhaber vermutlich, was sie erwartet.

    Charaktere:
    Charlie Parker wird als der allgegenwärtige Protagonist auch in seiner psychischen Wahrnehmungswelt detailliert ausgeleuchtet. Der Charakter bietet dem Leser ein hohes Identifikationspotential, er ist entscheidungsstark und treibt die Story kraftvoll voran. Natürlich hat er, wie im Genre mittlerweile üblich, die entsprechenden Macken und Risse in seiner Biographie. Die Trennungsquote unserer Romandetektive dürfte diejenige ihrer Entsprechungen in der Realwelt (Polizisten, Detektive etc.) mittlerweile sogar noch übertreffen. Diese Schwächen geben dem Protagonisten zwar ein größeres Empathiepotential und das notwendige Quentchen ‚menschliche Anmutung’, aber so langsam bekommen dieses Schema und seine auch in diesem Fall vollkommen einfallslose Umsetzung etwas Lächerliches. Ich kann es einfach nicht mehr lesen. Punkt. Auch hätte dem Helden m. E. etwas weniger Heldenhaftigkeit und ein Quentchen mehr Privatleben gut getan.

    Dass sein muskulöser Helfer Louis sowohl schwarz als auch schwul ist und als Sahnehäubchen auch noch einen weißen Lover hat, ist zwar der Gipfel der Political Correctness, aber es geht in einem Roman nunmal darum, originelle und trotzdem glaubwürdige Figuren zu kreieren – und kein Wahlkampfteam für die US-Demokraten.

    Viel besser gelungen sind die dunklen Charaktere, allen voran Merrick, der animalische Killer und liebende Vater und der Kollektor, eine mystifizierte Figur, die an der Schwelle zwischen Ober- und Unterwelt zu agieren scheint. Man wird die Bilder und den Geruch der beiden nicht mehr los, auch lange nachdem man den Roman beendet hat. Der englische Originaltitel ‚The Unquiet’ trifft das mystische Feeling, das der Roman verbreitet, deutlich besser als ‚Der Kollektor’. Letzterer erinnert an einen gewöhnlichen Serienkiller, der sich anhand seiner Mitbringsel an seinen Taten aufgeilt. Eine solche Figur ist der diesseitige Jenseitige in dieser Story in keiner Weise.

    Zentral für die Botschaft der Geschichte ist für mich jedoch eine andere, von den quantitativen Anteilen her viel unbedeutendere Figur. Es handelt sich um ein ehemaliges Missbrauchsopfer, das eben dieses Adjektiv aushebelt. Ein Kindesmissbrauch ist nie ehemalig, sondern (für das Opfer) immer gegenwärtig, egal wie viel Zeit vergangen ist. Andy Kellog ist ein Missbrauchsopfer, dessen asozial-aggressives Verhalten im Gefängnis in den Kontext dessen gesetzt wird, was ihm widerfahren ist. Ein unverschuldetes Kindheitserlebnis führte zu seinem sozial abweichenden Verhalten, dieses zu einer endlosen Gefängniszeit, die wiederum seine Behandlung verhinderte, wodurch sein Verhalten noch unberechenbarer wurde usw. usw.. Andy wird zum Opfer seiner Peiniger, zum Opfer der anderen Gefängnisinsassen, der Wärter und des Systems, das letztendlich das Werk der Päderasten mit bürokratischem Gleichmut vollendet. Connolly gelingt es meisterhaft, das Bild seiner Tragödie in einer einzigen Schlüsselszene in das Gedächtnis der Leser zu brennen. Man fragt sich unwillkürlich, wie viele der scheinbar arbeitsscheuen Obdachlosen und psychisch Gestörten, denen man in jeder Großstadt zu jeder Tages- und Nachtzeit begegnet, eine ähnliche Geschichte haben und wo man selbst geendet wäre, wenn ...

    Sprache/Duktus:
    Connolly verwendet eine äußerst bildreiche Sprache, die das mystische Grundthema der Story gut transportiert. Das Kopfkino des Lesers wird hervorragend unterstützt. Man liest bei Connolly in Bildern, nicht in Worten. Das sprachliche Niveau (der dt. Übersetzung) und der Detailreichtum der Beschreibungen sind für das Genre und insbesondere für eine Serie überdurchschnittlich. Mein einziger Kritikpunkt: Connolly übertreibt es mit der Anzahl der von ihm herangezogenen Metaphern etwas. Wenn man alle paar Zeilen ein neues Bild bemüht und mit stoischer Regelmäßigkeit ein Wie an das nächste reiht, dann gehen die wirklich für den Plot wichtigen Bilder unter. Ingesamt jedoch ist die sprachliche Ausgestaltung eine Stärke des Romans.

    Fazit:
    Der Kollektor ist ein Thriller mit einem leicht mystischen Touch, dessen Spannungselement stark von der düsteren Grundstimmung und den pointierten Charakteren getragen wird. Die Stärke des Buches liegt in der sprachlichen Umsetzung des Themas. Abzüge gibt es für die Ausgestaltung der positiven Charaktere, deren Tiefe nicht mit derjenigen ihrer dunklen Vettern mithalten kann. Störend ist das Dauerfeuer der Metaphern, das die wirklich wertvollen Bilder überlagert.

    Stärkste Szene:
    Das Interview mit dem Missbrauchsopfer Andy Kellog im Gefängnis.

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    Cover des Buches Der langsame Tod der Luciana B. (ISBN: 9783596182640)

    Bewertung zu "Der langsame Tod der Luciana B." von Guillermo Martínez

    Der langsame Tod der Luciana B.
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Sprachliche und philosophische Zwischentöne

    Genre:
    Krimi / Psychodrama / Parabel.
    Der Roman lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Es geht zwar auch um die Frage, ob eine Reihe von Todesfällen Mordanschläge eines Verdächtigen waren, aber dieser Aspekt ist nur der Anlass für den Autor, um sich mit existentiellen Fragestellungen auseinanderzusetzen, die sich im Spannungsfeld von Realität und Fiktion, Zufall und Vorbestimmung bewegen.

    Umfang:
    Ca. 200 Seiten (Print).

    Serie:
    Nein.

    Inhalt:
    Die hübsche Studentin Luciana B. verdient sich als Schreibkraft für den berühmten Krimiautor Koster etwas dazu. Als Koster ihr gegenüber zudringlich wird, lässt sie sich von ihrer Anwältin dazu überreden, den Schriftsteller anzuzeigen und zerstört damit unbeabsichtigt seine Familie. Als immer mehr Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld auf unnatürliche Weise zu Tode kommen, macht Luciana Koster hierfür verantwortlich. Sie ist davon überzeugt, dass der Autor einen Racheplan verfolgt und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch sie selbst und ihre jüngere Schwester Koster zum Opfer fallen. Da niemand ihren Vorwürfen Glauben schenken will, wendet sie sich in ihrer Not an einen anderen Schriftsteller, für den sie zehn Jahre zuvor ebenfalls gearbeitet hatte. Der junge Autor, der einst selbst in Luciana verliebt und auf Koster eifersüchtig war, hält Luciana zunächst für neurotisch. Als sich die seltsamen Todesfälle jedoch häufen, gerät seine Überzeugung, dass es sich lediglich um eine zufällige Verkettung von Ereignissen handelt, ins Wanken und er stellt Koster zur Rede. Koster streitet jede unmittelbare Beteiligung an den Todesfällen ab und wartet mit einer zutiefst verstörenden Erklärung auf.

    Perspektive:
    Ich-Erzähler (der von Luciana herangezogene junge Autor).

    Erzählzeit:
    Vergangenheit.

    Setting:
    Hauptsächlich Buenos Aires.

    Struktur und Spannungsbogen:
    „Man sollte nicht über das schreiben, was war, sondern über das, was gewesen sein könnte.“
    Dieses Zitat aus dem Roman formuliert präzise das Leitmotiv, an dem sich die Erwartung des Lesers ausrichtet. Der namenlose Ich-Erzähler bietet dem Leser die perfekte (weiße) Projektionsfläche, um seine wachsende Unsicherheit mit zu erleiden. Aus anfänglicher Ablehnung gegenüber den Vorwürfen von Luciana und ihren vehement vorgetragenen Ansprüchen an seine Unterstützung wird zunächst Sorge um Lucianas psychische Gesundheit, dann ein vager Zweifel , ein Verdacht, den Koster geschickt zerstreut, bis Kosters manipulative Art schließlich zur Konfrontation führt.

    Die Motive für die Unsicherheit des Autors sind vielfältig. Einige werden offen eingestanden, wie der Neid auf den berühmten Kollegen, andere werden subtil angedeutet. Die Leidenschaft Kosters für Luciana B. entwickelte sich nahezu parallel zu jener des Ich-Erzählers, bis hin zu den männlich überinterpretierten möglichen sexuellen Signalen des jungen Mädchens. Jede Anschuldigung Lucianas an Koster ist damit zugleich eine Anschuldigung an den Ich-Erzähler, was seine Objektivität im Hinblick auf die Vorwürfe in Frage stellt. Hinzu kommt, dass Luciana all ihre optischen Reize mittlerweile verloren hat. Die erotische Komponente der Motivation fällt damit auch weg. Und auch die rationale Grundeinstellung des Ich-Erzählers steht der Identifikation mit der neurotischen Luciana B. gegenüber, die jede Tatsache in ihre konstruierte Wirklichkeit einordnet, wie ein Puzzleteil in ein ex ante unverrückbar vorgegebenes Bild. Der Leser folgt dem Ich-Erzähler mit äußerster Skepsis gegenüber Luciana B. in die Geschichte.

    Je intensiver sich der Ich-Erzähler mit dem Fall und dem möglichen Täter beschäftigt, desto mehr gerät sein rationales Selbstbild ins Wanken. Wie viel Zufall ist mathematisch denkbar? Welche Bedeutung hat demgegenüber das Mögliche? Wie beeinflusst uns die Möglichkeit in unserer Wahrnehmung der Realität? Gibt es so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit im biblischen und im mathematischen Sinn? Koster eröffnet mit eingestreuten philosophischen Betrachtungen immer neue Perspektiven auf das Mögliche, die den Ich-Erzähler immer orientierungsloser zurücklassen, je mehr Hinweise zur Orientierung er bekommt. Aber auch die intellektuelle Überlegenheit Kosters, der seine Umgebung nach Belieben zu lenken scheint, bekommt Risse, als deutlich wird, dass sein Handeln mehr und mehr von der in seinem literarischen Lebenswerk selbst geschaffenen Fiktion bestimmt wird, die er schließlich als schicksalsgebend akzeptiert.

    Auch wenn die Frage der Schuld Kosters an den Sterbefällen den Leser bis zum Schluss in Atem hält, wirkt der Wunsch nach Orientierung in der zunehmenden Orientierungslosigkeit des Ich-Erzählers nicht weniger stark.

    Die Handlungsarme des Romans sind ausgereift und gut durchkomponiert. Alle Set-ups, die der Autor setzt, werden aufgenommen und sinnvoll ausgeführt.

    Defizite hat der Roman m. E. im Bereich der klassischen Spannungselemente. Die Verzweiflung von Luciana und auf seine Weise auch jene von Koster hätte man in einem zentralen Höhepunkt besser zusammenführen können. Dass Luciana am Ende aus dem Fenster springt, ist zwar im Gesamtkontext der Story glaubhaft, diese Reaktion wirkt, da weder der Erzähler noch Koster unmittelbare Zeugen sind, jedoch seltsam losgelöst und sachlich. Auch hätte man zum Ende hin aus Kosters zunehmendem Determinismus mehr Reibung und damit Spannung für den Roman entwickeln können.

    Charaktere:
    Die Charaktere stehen für Typen und Sichtweisen, die der Autor benötigt, um philosphische Gegensätze darzustellen. Sie haben Werkzeugcharakter. Während ihre psychischen Befindlichkeiten mit großer Tiefenschärfe ausgeleuchtet werden, bleibt alles, was vom Kern der Geschichte ablenken würde, im Dunkeln. Selbst die Namen sind Platzhalter. Die kindlich emotionale Luciana hat keinen Nachnamen, der scheinbar abgeklärte (erwachsene) Koster hat keinen Vornamen und der zwischen den beiden hin und her schwankende Ich-Erzähler bleibt namenlos. Die Anlage der Charaktere erinnert in mancherlei Hinsicht an Figuren in Kafkas Parabeln oder in existenzialistischen Dramen.

    Sprache/Duktus:
    Die sprachliche Ausführung ist - wie bei vielen südamerikanischen Autoren – eine zentrale Stärke des Romans. Auch wenn der Klappentext den Leser marketingfreundlich in das umsatzstarke Thrillergewässer lockt, so wird anhand der textlichen Ausführung schnell klar, dass Martinez seinen Roman sprachlich deutlich feiner justiert, als konventionelle Genreautoren. Der Roman ist sprachlich unaufgeregt, dafür transportiert Martinez feinste psychische Befindlichkeiten. Dennoch übertreibt der Autor m. E. den passiven Erzählstil. Starke innere Hilflosigkeit, die ihren Ausdruck in miterlebbarer Handlung findet, hätte dem Roman gut getan. Die vielen Rückblenden verlangsamen zusätzlich Handlung und Sprachfluss.

    Fazit:
    Wir schwanken unsicher dem Höhepunkt entgegen, der uns statt in befriedigender religiöser Erleuchtung in aufgewühlter philosophischer See zurücklässt. Freunde von Action-Thrillern werden den ‚Krimi’ enttäuscht aus der Hand legen. Wer sich für sprachliche und philosophische Zwischentöne erwärmen kann, wird gut, wenn auch unaufgeregt unterhalten.

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    Cover des Buches Die Gefürchteten (ISBN: 9783453431980)

    Bewertung zu "Die Gefürchteten" von Tom Franklin

    Die Gefürchteten
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Ein spannender Western mit inhaltlichem und sprachlichem Tiefgang

    Autor:
    Tom Franklin ist ein Literaturprofessor aus Mississippi, der unter Kritikern als vielversprechendes Talent der jüngeren amerikanischen Literatur gilt.

    Genre:
    Südstaaten-Western

    Umfang:
    ca. 400 Seiten (Print)

    Inhalt:
    Alabama, Ende des 19. Jahrhunderts. Zwei Farmerjungen überfallen in einem abgelegenen Landstrich einen wohlhabenden Kaufmann, um an das Geld für ihren ersten Bordellbesuch zu kommen. Der halbherzig ausgeführte Raub mißlingt und der Kaufmann wird unabsichtlich tödlich verletzt. Ein enger Verwandter des Opfers ruft eine Gruppe von Männern ins Leben, die sich zum Ziel setzt, den Täter zu jagen und zur Strecke zu bringen. Aus diesem Bündnis, das sich auch verpflichtet, arme Landpächter gegenüber ausbeuterischen Städtern (Grundbesitzer, Kreditgeber) zu verteidigen, entwickelt sich schließlich eine Bande, die Kaufleute und Farmer gleichermaßen überfällt und sie zwingt, sich ihrer Gemeinschaft anzuschließen. Wer sich widersetzt, wird getötet. Da niemand weiß, dass sie für den auslösenden Mord verantwortlich sind, werden auch die beiden Jugendlichen angeworben. Ein alternder Sheriff versucht, der Bande Einhalt zu gebieten, die den gesamten Bezirk terrorisiert und die Farmer in Angst und Schrecken versetzt. Als dies nicht gelingt, ruft der Richter des Ortes eine Bürgerwehr ins Leben, die er unter den Befehl eines eiskalten Killers stellt. Die Bürgerwehr kann die Bandenmitglieder stellen. Bevor ihnen dies allerdings gelingt, töten sie zahlreiche Unschuldige, die sie irrtümlich für Bandenmitglieder halten. Der Sheriff stellt sich dem lynchenden Mob und der Bande entgegen.


    Das sozialkritische Thema des Romans ist gerade in den USA auch heute noch hochaktuell. Viele kleinere Landwirte haben ihre Farmen für Bankkredite verpfändet und müssen diese an die Gläubiger abtreten, da sie die Kredite nicht mehr bedienen können. Foreclosure-Schilder (dt. 'Zwangsvollstreckung') sind nicht nur in den Agrargebieten der USA so häufig wie die Reklametafeln der Werbeindustrie. Drei Millionen Hauseigentümer haben 2011 in den USA Vollstreckungsurteile erhalten.

    Perspektive:
    Überwiegend wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren.

    Erzählzeit:
    Vergangenheit

    Setting:
    Die Geschichte spielt in einem entlegenen Landstrich in der Nähe von Alabama – den sogenannten Mitcham Beats. Die Beschreibungen der Settings sind detailliert, plastisch und wirken absolut authentisch. Der Leser kann sich sehr gut in die unterentwickelte Agrarlandschaft der Südstaaten zum Ende des 19. Jahrhunderts hinein versetzen. Das Land verlangt seinen Bewohnern alles ab und wirkt genauso gewalttätig und lebensverachtend wie die Gesellschaft aus Farmern, Knechten und kleinen Kaufleuten, die ihm das wenige abringen, was sie am Leben hält.

    Historischer Hintergrund:
    Der Roman basiert auf einem historischen Ereignis, das als The Mitcham War of Clarke County in die Geschichte der amerikanischen Südstaaten eingegangen ist. Der Konflikt zwischen wohlhabenden Städtern, die die arme Landbevölkerung ausbeuteten und Farmern, die keinen Ausweg aus ihrer Situation sahen, als sich in Banden zusammenzuschließen, nahm Ende der 1890er bürgerkriegsähnliche Ausmaße an. Gewaltausbrüche zwischen Stadtbewohnern und der Landbevölkerung von Clarke County wurden bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts verzeichnet, das Misstrauen hielt weit darüber hinaus bis in die 70er Jahre an.

    Struktur und Spannungsbogen:
    Der Autor lässt den Leser daran teilhaben, wie sich ein fehlgeschlagener Jungenstreich in einer Gesellschaft, die sich durch Misstrauen, Brutalität und grenzenlose Ausbeutung auszeichnet, fast zu einem Bürgerkrieg auswächst. Franklin versucht keinen belehrenden historischen Abriss zu zeichnen, auch wenn ihn das o. g. reale Ereignis zu seiner Geschichte inspiriert hat. Er fokussiert sich auf die sozialen Aspekte, die den für Außenstehende unfassbaren Ausbruch von Gewalt ermöglicht haben. Franklin verfolgt das Schicksal einiger weniger Menschen, die sich immer mehr in die ausufernden Konflikte verstricken, bis sich die Spannungen in einer bürgerkriegsähnlichen Eruption entfesseln. Der Höhepunkt der Geschichte ist außerordentlich gewalttätig, aber im Gegensatz zu vielen Serienthrillern, ist hier die Gewalt kein losgelöster Selbstzweck, der schockverwöhnte Leser befriedigen soll. Sie ist tief in den Figuren und ihrer Historie verankert und jederzeit glaubwürdig.

    Charaktere:
    Es gibt in dieser Geschichte keinen singulären Protagonisten oder Antagonisten. Eine besondere Bedeutung kommt jedoch der unschuldigsten Figur des Romans zu, dem sensiblen Waisenjungen Mack, der aus Nervosität seine Pistole auf einen Mann abfeuert und damit den Funken liefert, an dem sich das Drama entzündet. Die Figur ist mit großem Empathiepotential ausgestattet, ohne dabei kitschig zu wirken. Der Leser folgt in der Story weitgehend Mack durch das Grauen, das ihn aus seiner kindlichen Unschuld zerrt. Wohin er auch blickt, herrscht blanke Gewalt. Tiere werden wie selbstverständlich gequält oder getötet, Kinder werden von ihren Vätern wie Sklaven gehalten und behandelt und selbst die Natur trachtet den Menschen in Form von giftigen Tieren, Missernten und unwegsamem Gelände nach dem Leben. Gewalt ist die einzige Form der Kommunikation, sowohl gegenüber der Familie, als auch gegenüber denjenigen, die das eigene Überleben gefährden. Wer in diese Welt hineingeboren wird, ist ihr schutzlos ausgeliefert und macht sich früher oder später ihre Gesetzmäßigkeiten selbst zu eigen. Die Spirale der Gewalt scheint endlos und nur wenige versuchen ihr zu widerstehen, doch selbst sie bekommen blutige Hände und töten, um den Tod aufzuhalten. Der Sheriff, Waite, ist eine solche protagonistische Figur. Er betäubt sein Grauen mit Whiskey und verkörpert dennoch die Stimme der Vernunft. Doch seine Vernunft wird ihm in einer Gesellschaft, die nur die Sprache von Strafe und Rache kennt, als Schwäche ausgelegt. Dennoch versucht er als Einziger zu deeskalieren und die Zügel wieder in die Hand zu bekommen, um das Schlimmste zu verhindern.

    Eine weiterer wichtiger protagonistischer Charakter ist Granny, eine Witwe, die als Hebamme fast jede Figur der Story auf die Welt geholt hat und mit ansehen muss, wie die Gier das Wenige zerstört, das die Menschen in dieser lebensfeindlichen Umgebung noch zusammenhält. Sie hat Gute wie Schlechte aus dem Mutterleib auf die Welt gezerrt und war selbst bei den Waisenkindern, die sie aufgezogen hat, nicht in der Lage, ihnen den notwendigen Schutz zu gewähren. Auch sie ist kein sentimentaler Charakter, auch sie hat Blut an den Händen. Sie tötet u. a. mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit die Welpen ihrer Hündin oder fordert ihre Pflegekinder dazu auf. Antagonistischen Figuren wie den Killern Lev und Ardy sowie Tooch als Drahtzieher der Hell-at-the-Breech – Bande fällt es leicht, in diesem Klima unter dem Mantel von Phrasen Anhänger zu gewinnen und ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

    Sprache/Duktus:
    Tom Franklin verwendet eine einfach strukturierte, aber ungemein bildhafte Sprache, um den Kosmos zu entwerfen, in dem sich die Geschichte abspielt. Viele europäische Romane leiden unter dem umgekehrten Phänomen.

    Kritikpunkt: Gerade in der ersten Hälfte des Romans wirkt der Sprachrhythmus zu ruhig und abgeklärt, um die kochenden Emotionen und die Verzweiflung der protagonistischen Kräfte angemessen zu transportieren. Der Inhalt ist grausam, aber der Autor blickt über weite Strecken mit der Abgeklärtheit eines Sachbuchautors auf das Schlachtfeld, das sich vor ihm ausbreitet.

    Die Bildersprache und das hierdurch angestoßene Kopfkino sind eine Stärke des Romans, während die Beschreibung der psychischen Seite der Figuren sprachlich nicht ganz an diese hohe Qualitätsvorgabe anknüpfen kann. Es ist durchaus möglich, dass die Übersetzung den Roman Sprachkraft gekostet hat. Wenn ich das engl. Original in die Hände bekomme, kann ich hierzu mehr sagen.

    Fazit:
    ‚Die Gefürchteten’ ist ein spannender Western mit inhaltlichem und sprachlichem Tiefgang. Figuren, Setting und Handlung wirken gleichermaßen authentisch und unterstützen sich gegenseitig. Die ungeheuere Härte des Inhalts wird manchen Leser abstoßen, doch wer sich mit dem historischen Fall, an den der Roman lose anknüpft, vertraut gemacht hat oder vergleichbare Zeitzeugenberichte aus der Pionierzeit gelesen hat, wird dem Autor kaum widersprechen können. Die geschilderten Vorfälle sind in dieser Form durch eine Vielzahl von historischen Dokumenten belegt. Und abgesehen davon hilft ein kurzer Blick in die jüngere Geschichte, um uns der Illusion, dass die Lehren aus der Vergangenheit uns heute einen moralisch überlegenen Rückblick auf unsere Vorväter ermöglichen, zu berauben. Gegen die Bürgerkriege in Jugoslawien, mit ihren bis heute andauernden Nachwirkungen und Spannungen, liest sich ‚Die Gefürchteten’ vergleichsweise harmlos. Und das ist nur ein Beispiel.

    Tom Franklin zeigt in seinem Roman eindrucksvoll auf, dass ein winziger ‚Spark’ ausreicht, um in einer hinreichend ungebildeten und gewaltbereiten Gesellschaft jeden Menschen mit dem Wundbrand des Hasses zu infizieren. Wenige können viele aufhetzen und mit den fadenscheinigsten Argumenten in den Tod treiben. Es geht immer um Macht und es geht immer um Geld. Und es geht immer um beides für wenige. Wir kennen alle die Schlagworte, die im historischen oder aktuellen politischen Kontext herangezogen wurden und werden, um die einen gegen die anderen in die Schlacht zu führen. Lebensraum, Ressourcen, Rasse, Religion oder die Bedrohung durch (eingebildete) ‚Massenvernichtungswaffen’ sind nur einige dieser Begriffe, die jeden von uns auch in den nächsten tausend Jahren noch veranlassen werden, uns auf die eine oder andere Seite zu stellen und einigen wenigen in die Hand zu spielen. Insofern ist das Südstaaten-Westerndrama hochaktuell und wird es leider auch bleiben.

    Die Umsetzung des Themas ist bis auf den z. T. zu trockenen sprachlichen Ausdruck gut gelungen.

    Eine empfehlenswerte Lektüre selbst für Westernphobiker.

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    Cover des Buches Bloodland (ISBN: 9780571275441)

    Bewertung zu "Bloodland" von Alan Glynn

    Bloodland
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Langsamer Start – spannendes Finale

    Genre:
    Politthriller.

    Umfang:
    Ca. 382 Seiten (Print).

    Serie:
    Einzelne Charaktere der Story kommen auch in anderen Romanen Glynns vor (z. B. im Vorgänger Winterland).

    Inhalt:
    Jimmy Gilroy, ein junger irischer Journalist, der in der Finanzkrise seinen Job verloren hat, versucht sich mit einer Biographie über ein drei Jahre zuvor bei einem mysteriösen Hubschrauberabsturz zu Tode gekommenes Starlet über Wasser zu halten. Als er von einem befreundeten PR-Manager im Auftrag eines Mandanten gebeten wird, die Finger von der Story zu lassen, wird er misstrauisch und stellt eigene Nachforschungen an. Während eines Interviews mit dem ehemaligen irischen Staatschef erhält er den Tipp, dass nicht das Starlet, sondern ein ebenfalls beim Absturz umgekommener UN-Mitarbeiter, das Ziel des vermeintlichen Anschlags war. Er hatte während einer Konferenz erfahren, dass ein internationaler Rohstoffkonzern im Congo von einem Rebellenführer die Lizenz für den Abbau eines seltenen und für den Bau von neuartigen Waffensystemen wichtigen Metalls gekauft hat. Der Konzern verfügt über eine eigene Söldnertruppe, die nicht nur den UN-Mitarbeiter, sondern auch den irischen Ex-Premier und weitere Personen liquidiert, die seinen Geschäften gefährlich werden können. Für den Konzernchef steht nicht nur das Congo-Geschäft auf dem Spiel, sondern auch die US-Präsidentschaftskandidatur seines Bruders, der in den Congo-Deal involviert war und dessen Cover-Story aufzufliegen droht. Der Konzernchef und seine politischen Strippenzieher unternehmen alles, um den jungen Journalisten zum Schweigen zu bringen.

    Bloodland bewegt sich in einem ähnlichen inhaltlichen Fahrwasser wie sein Vorgänger Winterland und der von Hollywood verfilmte Folgeroman Limitless. Das Buch beleuchtet die Verstrickung von Wirtschaft und Politik und ihre zunehmende Loslösung von gesellschaftlichen Normen und moralischen Grundsätzen.

    Perspektive:
    Wechselnde personale Perspektiven der wichtigsten Figuren. Da sehr viele Figuren mit etwa gleichen Anteilen abgedeckt werden, geht zumindest in der ersten Hälfte der Geschichte der persönliche Touch und die Projektionsfläche für den Leser, die ein starker Protagonist in eine Handlung einbringt, verloren.

    Erzählzeit:
    Gegenwart. Hierdurch wirkt die Handlung spontan und der Leser fühlt sich jederzeit involviert.

    Setting:
    U. a. London, New York, Dem. Rep. Congo, Italien. Das Setting hat eine untergeordnete Bedeutung für den Plot. Gerade dem Congo hätte man allerdings im Hinblick auf die Bevölkerung, auf die Bedeutung der Kriegsherren und den Einfluss von Rohstoffkonzernen mehr abgewinnen können. Im Vgl. zu The Constant Gardener von Le Carré wirkt das afrikanische Setting oberflächlich. Der Einfluss der Chinesen als aktuelle polit. Entwicklung wird zwar mehrfach angesprochen, aber nur beiläufig als zusätzlicher Wettbewerbsfaktor. Lokalkolorit kommt nicht auf.

    Struktur und Spannungsbogen:
    Das von Glynn verwendete Grundmodell ‚Underdog kämpft gegen weitaus überlegende Gegner’ ist bei Politthrillern ein Standart, um Spannung zu erzeugen und dem Leser, der sich naturgemäß mit dem ‚David’ identifiziert, das notwendige Grauen abzuringen.

    Die Story stellt zu Anfang eine ganze Reihe von Ereignissen und Charakteren nebeneinander, deren Verknüpfung sich erst spät erschließt. Die erste Szene verspricht Action, indem ein vermuteter Überfall auf einen Konvoi beschrieben wird. Danach verliert der Plot abrupt an Fahrt und gleitet ins Beschreibende ab. Der Autor beleuchtet intensiv das Innenleben seiner Figuren, allerdings nicht durch aktive (sichtbare) Handlung, sondern durch den intensiven Gebrauch der indirekten Rede, durch Deskription und ausgiebige Selbstgespräche. Auch Dialoge zwischen Personen werden an vielen Stellen nur passiv aus der Sicht der jeweiligen Perspektive wiedergegeben. Das nimmt zu viel Fahrt aus der Geschichte. Man hat den Eindruck, dass der Autor sehr viele Informationen zu den zahlreichen Handlungssträngen abladen möchte und das geht durch Aufzählen natürlich schneller, als wenn man die Informationen in Handlungen oder Dialogen verkleiden muss. Das ist ohne Zweifel ökonomisch, aber nicht mitreißend. Der Leser fühlt sich eher als Beobachter, denn als Teilnehmer der Story.

    Etwa nach gut der Hälfte der Story ändert sich dieses Schema. Die inhaltlichen Zaunpfähle sind jetzt gesetzt, der Autor wirkt geradezu erleichtert und der Roman wird deutlich handlungsorientierter. Auch der Erzählanteil des Protagonisten (idR die Identifikationsfigur des Lesers) steigt deutlich an. Der Höhepunkt ist schließlich ausgesprochen spannend und aktionsgetrieben und entschädigt für die zuvor abgeforderte Geduld. Dass eine zuvor kaum eingeführte Figur das Finale entscheidet, erinnert etwas an das dramaturgische ‚Deus ex machina’ – Verfahren der griechischen Antike. Der Spannung tut der Griff in die Trickkiste an dieser Stelle keinen Abbruch, auch wenn man mit einer eingeführten Figur als Leser natürlich mehr mitleidet.

    Charaktere:
    Plus: Die Ausgestaltung der Figuren ist neben dem sehr interessanten und aufwendig konstruierten Thema die Stärke des Romans. Jede Figur wirkt authentisch und jederzeit möglich. Die Seelen- und Motivationslage der Player ist detailreich und glaubhaft. Alle Figuren der Story sind echte Originale, die in der Erinnerung des Lesers ihren Platz finden.

    Minus: Zu viele Figuren stehen gleichwertig nebeneinander. Erst ab der Hälfte der Story übernimmt der Protagonist auch quantitativ die Regie und der Leser kann sich besser in den Plot hineinversetzen.

    Sprache/Duktus: (bezieht sich auf die engl. Originalausgabe)
    Glynns Stärke ist es, die Seelenlage seiner Figuren pointiert sprachlich auszuleuchten zu können. Hierfür auch innere Monologe zu verwenden und Dialoge z T indirekt (durch den Erzählenden reflektiert) wiederzugeben, ist vertretbar. M. E. hat der Autor mit den vielen passiven Sprachkonstruktionen jedoch zu viel Geschwindigkeit aus dem Plot genommen. Mehr direkte Handlung hätte der ersten Hälfte des Romans gut getan. Es wird versucht, zu viele Informationen in den Text hineinzupressen. Nachdem die inhaltliche Basis der zugegebenermaßen komplexen Story gesetzt ist, wird auch die Sprache flotter, handlungsorientierter, mitreißender. Der Autor versteht es insbesondere im letzten Drittel, wenn die Story auf den Höhepunkt zustrebt, die Handlung auch sprachlich schnell zu machen. Die Sätze werden kürzer, die Figuren handeln mehr, als dass sie sinnieren – kurzum Handlung und Sprache sind kongruent, sie pushen einander und reißen den Leser in thrillertypischer Atemlosigkeit mit.

    Dass Glynns Sprache deutlich komplexer ist, als jene seiner amerikanischen Genre-Konkurrenten, passt insgesamt gut zur Hintersinnigkeit der aufwendig konstruierten Story.

    Fazit:
    Langsamer Start – spannendes Finale. Geduldige Leser, die detailreiche Stimmungsbeobachtungen ‚Action from the Start’ vorziehen, werden belohnt.

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    Cover des Buches Getäuscht (ISBN: 9783404160426)

    Bewertung zu "Getäuscht" von Christopher Reich

    Getäuscht
    WolffRumpvor 7 Jahren
    Einfach und actionorientiert

    Genre:
    Thriller

    Umfang:
    ca. 570 Seiten (Print)

    Serie:
    Der Roman baut auf seinem Vorgänger auf. Er bietet jedoch eine abgeschlossene Handlung.

    Inhalt:
    Der Arzt Jonathan Ransom kehrt aus Kenia nach London zurück, um an einer Konferenz teilzunehmen. Dort trifft er sich mit seiner Frau Emma, die sich auf der Flucht befindet, seit sie ein Komplott ihres ehemaligen Arbeitgebers, einem US-Geheimdienst, aufgedeckt hat. Als Jonathan Emma unbemerkt folgt, gerät er in einen Bombenanschlag, der offenbar einen russischen Politiker zum Ziel hatte. Jonathan gerät in Verdacht, als Komplize seiner Frau selbst in den Anschlag verwickelt zu sein. Er flüchtet vor der Polizei und versucht seine Frau zu finden, um seine Unschuld zu beweisen und um sie vor den Häschern des Geheimdienstes zu schützen, die sie ausschalten wollen. Je näher er Emma kommt, desto beunruhigender sind die Fakten, die Jonathan über ihre Vergangenheit erfährt. Sie ist eine vollkommen andere, als diejenige, als die sie sich während ihrer Ehe ausgegeben hatte. Als Jonathan erfährt, dass sie einen Anschlag auf ein französisches Atomkraftwerk plant, versucht er seine Frau aufzuhalten.

    Perspektive:
    Wechselnde personale Perspektiven unterschiedlicher Figuren. In kleineren Passagen sind auch auktoriale Elemente enthalten.

    Erzählzeit:
    Vergangenheit.

    Setting:
    London; unterschiedliche Orte in Frankreich und Italien.

    Struktur und Spannungsbogen:
    Das Grundmuster des Romans ist vertraut. Ein Underdog (Protag. Jonathan) kämpft gegen scheinbar überlegene Gegner. Das auslösende Ereignis ist ein Attentat, das es aufzuklären gilt. Ein zusätzliches Spannungsmoment entsteht dadurch, dass der Protagonist nicht weiß, wer seine Frau eigentlich ist. Alles, woran er geglaubt hat, bricht nach und nach zusammen, und er muss sich mit einer unbequemen Erkenntnis anfreunden. Er ist innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, seiner Frau zu helfen und der Notwendigkeit, ein verheerendes Attentat mit vielen unschuldigen Opfern zu verhindern.

    Stärken:
    Der Roman wartet mit viel Action auf und hat kaum Hänger. Die Szenen sind durchweg mitreißend gestaltet und werden dem Thriller-Anspruch voll gerecht. Formale Spannungstools werden professionell eingesetzt (Cliff Hanger etc.).

    Schwächen:
    Die Action ist gut gelungen, aber zahlreiche Szenen sind im Zusammenhang mit dem Protagonisten vollkommen unglaubwürdig.
    Beispiele (nur eine kleine Auswahl!):
    Jonathan ist ein Mediziner bei Ärzte ohne Grenzen - ein Intellektueller, dem Gewalt fremd ist. Dennoch gelingt es ihm unbewaffnet gleich mehrfach, bewaffnete Polizisten zu überwältigen, darunter auch einen ehemaligen brit. SAS-Mann (vergleichbar mit der deutschen GSG 9). Er beherrscht aber auch den Umgang mit Waffen (woher?), er schwimmt sieben Kilometer im Meer gegen die auflaufende Flut (die schneller ist als jeder Mensch) und den größten Teil davon auch noch unter Wasser (das schafft selbst ein Weltrekordtaucher nicht). Nachdem er ganz lässig einen Profikiller getötet hat, flüchtet er mit dessen Leiche im Auto auf einer kurvigen Küstenstraße vor der Polizei. Die Polizei zerschießt einen seiner Reifen, was ihn nicht daran hindert, in voller Fahrt weiter um die Kurven zu zirkeln (das würde selbst ein Profi-Rennfahrer nicht schaffen). Doch nicht genug damit: während die Polizei auch noch seine Windschutzscheibe zerschießt, schafft es unser Held während der Fahrt in Sekunden mit dem toten Beifahrer den Platz zu tauschen (was selbst bei einem stehenden Auto extrem schwierig und zeitraubend ist). Dann springt er bei 100 km/h aus dem Auto auf die Straße, rollt sich lässig ab, rennt gleich weiter und hat nur ein paar kleine Schrammen. Selbst James Bond wäre bei dieser Geschwindigkeit tot und der Kinobesucher vor Lachen selbst vom Sitz gefallen.
    Bei einer Thriller-Groteske mit Mister Bean in der Hauptrolle geht so ein Blödsinn in Ordnung, aber bei einem Thriller ist danach die Spannung weg, weil man dem Autor als Leser schlichtweg nichts mehr glaubt.

    Charaktere:
    Die Figuren wurden vom Autor offenbar schon bei einem vorherigen Roman eingeführt. Sie bleiben (deswegen) relativ oberflächlich – für einen Thriller allerdings noch in vertretbarem Rahmen. Die Verwendung von Klischées ist grenzwertig. Warum muss ein ital. Schönheitschirurg unbedingt gut aussehen, Eitel sein und Ferrari fahren und der amerikanische Geheimdienstler ein optisches und charakterliches Ekelpaket sein? Dass sein englischer Counterpart aussieht, als wäre es einem John Le Carré – Roman entsprungen, also distinguiert, blass und unauffällig, muss ich wohl nicht betonen.

    Jonathans Motivation ist halbwegs nachvollziehbar, Emma dagegen bleibt als Charakter unverständlich. Warum ist sie vom FSB zum US-Geheimdienst und dann wieder zurück gewechselt? Warum macht sie dabei mit, ein Atomkraftwerk in die Luft zu jagen, was einem Massenmord gleichkommt, wenn sie sich wegen eines harmloseren Vorfalls mit dem US-Geheimdienst anlegte? Auch ihre Beziehung zu Jonathan wirkt seltsam uninspiriert. Bzgl. dieser Figur passt vieles nicht zusammen, zumindest, wenn man den Roman ‚stand alone’ betrachtet.
    Die Ermittler Kate Ford und Graves agieren nachvollziehbar, auch wenn ihre Kompetenzen unrealistisch sind. Kate ermittelt in Frankreich und Italien so selbstverständlich wie in ihrem Heimatland. Selbstverständlich nehmen sie bewaffnet und an vorderster Front an Aktionen der ausländischen Polizei teil. Gerade in der Grande Nation ist dies ein absurder Gedanke. Die anschließenden politischen Verwicklungen würden allerdings etwas von der Euro-Krise ablenken. Wenn das die Absicht des Autors war, dann natürlich gerne (solange kein deutscher Ermittler in Athen herumballert).

    Sprache/Duktus:
    Satzbau und Wortschatz sind einfach und actionorientiert. Auf ausgefallene Metaphern zur Beschreibung von Emotionen oder Settings wird verzichtet. Die verbalen Ungereimtheiten sind zahlreich. Einige mögen auch der Übersetzung geschuldet sein. Bsp (eines von vielen): Menschen mit schlechtem Gedächtnis haben im Text kein Kleinhirn. Hm? Auch ohne Tiefenkenntnisse des menschlichen Gehirns, sollte sich herumgesprochen haben, dass jeder Mensch ein Kleinhirn besitzt. Wie gut es funktioniert, ist eine andere Frage.

    Auf einigen simplen Bildern wird unnötig herumgeritten. Bsp.: Schuhe sind bei mehreren Figuren so blank geputzt, dass man sich in ihnen spiegeln kann. Das ist ein Klischée-Bild. Einmal (max.) reicht.

    Der Text ist ohne große Anstrengung zu lesen. Mit aufwendigen Schachtelsätzen und Konjunktionen sowie ausgefallenen Wortspielen muss sich der Leser nicht ‚herumschlagen’.

    Fazit:
    ‚Getäuscht’ hat mich enttäuscht. Shame on me, aber der Steilvorlage konnte ich nicht widerstehen. Leser, die eine einfache Urlaubslektüre suchen, die actiongeladen ist und die man auch bei Umweltstörungen (nervender Ehepartner, quengelnde Kinder, Tsunamiwarnung) nebenbei lesen kann, ist mit dem Thriller gut bedient. Sprachverliebten Lesern, die zudem noch bei Logikbrüchen Magenkrämpfe bekommen, steht eine unruhige Urlaubsreise bevor.

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