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Wortmagie

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    Cover des Buches The Rest of Us Just Live Here (ISBN: 9780062415639)

    Bewertung zu "The Rest of Us Just Live Here" von Patrick Ness

    The Rest of Us Just Live Here
    Wortmagievor 13 Stunden
    Wir können nicht alle Auserwählt sein - aber wir können alle Held_innen sein

    Wie ihr wisst, liebe ich die Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen“. Obwohl das letzte große Abenteuer der Vampirjägerin vor mittlerweile fast 20 Jahren ausgestrahlt wurde, begeistert mich ihre Geschichte bis heute und ich zähle die sieben (ursprünglichen) Staffeln zu einem der wichtigsten popkulturellen Einflüsse in meinem Leben. Eines habe ich mich trotz aller Leidenschaft allerdings immer gefragt: Was ist „Buffy“ bitte für ein komischer Name? Ungewöhnliche Namen wie dieser sind typisch für das Young Adult – Genre. Oder kennt ihr Menschen, die Katniss heißen? Der Autor Patrick Ness findet diese Eigenheit ebenfalls amüsant. Er fragte sich, warum wir ständig mit den Geschichten der Buffys, Katnisses, Hazels und so weiter konfrontiert werden, aber selten mit der Geschichte eines Mike. Die Antwort ist einfach: Weil jemand, der Mike heißt, wahrscheinlich nicht Auserwählt ist. Dass dieser nicht-auserwählte Mike dennoch ein Held sein kann, zeigt Ness in seinem Roman „The Rest of Us Just Live Here“.

    Mikey und seine Freund_innen werden niemals die Welt retten. Sie gehören nicht zu den Indie-Kids mit ihren hippen Namen und dramatischen Abenteuern. Sie kämpfen nicht gegen Unsterbliche und werden nie die Apokalypse verhindern. Es können eben nicht alle Auserwählt sein. Doch das bedeutet nicht, dass sie ihr Leben im Schatten der Indie-Kids und der bevorstehende Schulabschluss nicht vor Herausforderungen stellen würde. Normal zu sein, ist für Mikeys Clique Abenteuer genug. Manchmal ist ihr Alltag Heldentat genug. Manchmal reicht es, in ihrer eigenen kleinen Ecke des Universums ihr Bestes zu geben. Nicht für die Menschheit – füreinander.

    Vor der Lektüre von „The Rest of Us Just Live Here” habe ich mir auf Goodreads angesehen, was andere Leser_innen von diesem unkonventionellen Jugendroman halten. Ich wollte sicher sein, dass es genau das Buch ist, das sich mein Bauch gerade wünscht. Dabei stieß ich auf eine Rezension, die kritisierte, dass die Geschichte keine Handlung hätte. Diese Einschätzung stimmte mich erst recht neugierig, weshalb sie meinen Entschluss, „The Rest of Us Just Live Here“ zu lesen, endgültig besiegelte. Nach der Lektüre möchte ich auf diese Rezension reagieren: Ich glaube, wer meint, das Buch hätte keine Handlung, hat es leider missverstanden. Zugegeben, Patrick Ness konfrontiert sein Publikum weder mit einer vor Spannung berstenden Weltrettungsmission noch fabuliert er spektakuläre Situationen, die in einem extravaganten Showdown gipfeln. Action ist rar gesät und die Figuren sind bis auf eine Ausnahme durchschnittliche Teenager, die kurz vor dem Schulabschluss stehen. Aber genau darum geht es. Das beliebte Motiv der Auserwählten spielt sich in „The Rest of Us Just Live Here“ ausschließlich im Hintergrund ab. Stattdessen fokussiert der Roman diejenigen, die in einer Serie wie „Buffy“ lediglich als Statist_innen auftreten und angesichts all der Verrücktheiten um sie herum nur versuchen, zu überleben und nicht als Kollateralschaden zu enden. Patrick Ness dreht den Spieß um und verschiebt die Gewichtung. Die Erlebnisse der Auserwählten Indie-Kids werden pro Kapitel in einem kurzen Absatz zusammengefasst, während das Scheinwerferlicht auf Mikey und seine Freund_innen gerichtet bleibt. Faszinierend ist, dass sie trotz ihrer extrem unterschiedlichen Erfahrungen eine Empfindung verbindet: Machtlosigkeit. In dieser Emotion sehe ich das zentrale Thema von „The Rest of Us Just Live Here“. Ob man nun gezwungen ist, gegen Unsterbliche zu kämpfen wie die Indie-Kids oder buchstäblich unter pathologischen Zwängen leidet wie Mikey; ob man den Plänen der Eltern ausgeliefert ist wie Mikeys Freundin Henna oder seinem eigenen Schicksal wie sein Freund Jared, das Gefühl, machtlos zu sein, kein Kontrolle zu haben, begleitet zahlreiche Jugendliche. Der Unterschied zwischen den Auserwählten und Mikeys Clique besteht darin, dass letztere Möglichkeiten finden, die Machtlosigkeit zu überwinden, sich zu empowern, zu emanzipieren. Sie müssen sich „nur“ dazu entscheiden. Diese Wahl haben die Indie-Kids nicht, weil sie ihre Rollen erfüllen müssen, soll die Welt weiter existieren. Ness demonstriert demnach subtil, dass der Status des_der Auserwählten nicht erstrebenswert ist und Heldenhaftigkeit auch in kleinen Gesten, kleinen Schritten, kleinen Alltagsszenen sichtbar wird. Diese Herangehensweise erlaubt es ihm, einfühlsam all das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen zu beleuchten. Ich war von diesem Ansatz tief berührt und ich stimme ihm zu: Sogar das scheinbar unbedeutendste Leben ist aufregend, dramatisch, tragisch, schockierend und amüsant genug. Mehr braucht es nicht.

    Meiner Meinung nach ist „The Rest of Us Just Live Here“ ein typischer Patrick Ness: Es ist sensibel, tiefgründig, humorvoll und sehr bewegend, wenn man sich der Geschichte öffnet und sich nicht von Erwartungen blenden lässt. Ich bedauere es, dass die Botschaft dieses bezaubernden Romans offenbar nicht bei allen Leser_innen ankommt. Ich kann nachvollziehen, dass einige davon irritiert sind, wie wenig aufregend oder sensationsfixiert das Buch ist und das Gefühl haben, es gäbe keine Handlung, aber glaubt mir, sie ist da. Sie ist anders, als wir es gewohnt sind – scheuer, nicht immer eindeutig oder klar umrissen. Eben wie das Leben selbst. „The Rest of Us Just Live Here“ handelt von den vielen Heldentaten, die jede_r von uns jeden Tag vollbringt. Manchmal bedeutet das nur, morgens aufzustehen. Manchmal bedeutet es, für Freund_innen Opfer zu bringen. Manchmal bedeutet es, die Person, in die man heimlich verliebt ist, zu küssen. Ich glaube, dass das Buch durch die Betonung des Bedeutsamen in der Normalität zahlreiche Identifikationskontexte bietet. Ich konnte mich mit Mikey und seiner selbstgewählten Familie identifizieren, habe intensiv mit ihnen gefühlt, weil ich mich in ihnen wiedererkannt habe. Wir sind nicht Auserwählt. Aber wir alle können Held_innen sein.

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    Cover des Buches The Last Time I Lied: A Novel (ISBN: 9781524743079)

    Bewertung zu "The Last Time I Lied: A Novel" von Riley Sager

    The Last Time I Lied: A Novel
    Wortmagievor 2 Tagen
    Cover des Buches Gods of Jade and Shadow (ISBN: 9781529402643)

    Bewertung zu "Gods of Jade and Shadow" von Silvia Moreno-Garcia

    Gods of Jade and Shadow
    Wortmagievor 5 Tagen
    Cover des Buches Die Werwölfe (ISBN: 9783453533165)

    Bewertung zu "Die Werwölfe" von Christoph Hardebusch

    Die Werwölfe
    Wortmagievor 5 Tagen
    Wieso geht es nicht ohne Vampire?

    Christoph Hardebusch durchlief eine mehr als typische Entwicklung vom Fantasyleser zum Fantasyautor. Nachdem er studiert und einige Zeit als freier Texter in der Werbebranche gearbeitet hatte, gelang es ihm 2005, eine Agentur von seinem literarischen Talent zu überzeugen. Kurz darauf erschien sein Debüt „Die Trolle“ – obwohl ihm die Troll-Szene in „Der kleine Hobbit“ als Kind zu gruselig war. Es folgte die „Sturmwelten“-Trilogie, erneut ein Werk der High Fantasy. Dass Hardebusch auch andere Interessen und einen Abschluss in Geschichte hat, zeigte sich erstmals 2009. Sein damals veröffentlichter Einzelband „Die Werwölfe“ verknüpft den Werwolfmythos mit einer aufregenden historischen Epoche und faszinierenden historischen Persönlichkeiten.

    Conte Ercole Viviani möchte seinen Sohn Niccolo in das Familiengeschäft einführen. Der junge Italiener ist von dieser Aussicht jedoch nicht begeistert. Lieber möchte er seine Tage mit Literatur verbringen und davon träumen, ein gefeierter Schriftsteller zu werden. Lediglich ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt ihm. Bevor er sein Erbe antritt, schickt ihn sein Vater auf eine ausgedehnte Europareise. Die erste Station seiner Grand Tour ist das pittoreske Genf. An den Ufern des malerischen Schweizer Sees wird er 1816 in die Gesellschaft eingeführt. Als er eine Einladung in die berüchtigte Villa Diodati erhält, kann er sein Glück kaum fassen, denn dort residiert der Dichter Lord Byron, den Niccolo zutiefst verehrt. Nächtelang diskutiert er über Poesie und Liebe, über Okkultes und Wissenschaft. Aber Lord Byron umgibt ein Geheimnis, das Niccolos Leben für immer verändert. Gejagt von der katholischen Inquisition muss er herausfinden, was es bedeutet, eine Bestie zu sein, die nur in Legenden existieren sollte: Ein Werwolf.

    Warum kommen Bücher über Werwölfe eigentlich selten ohne Vampire aus? Ich hatte sehr gehofft, dass „Die Werwölfe“ die Idee einer lykanthropischen Geheimgesellschaft verfolgt, die sich in das Zeitgeschehen einmischt, aber am Ende sind es doch wieder die Blutsauger_innen, die die europäische Politik und in diesem Fall die katholische Kirche beeinflussen. Wieder einmal stehlen sie den Gestaltwandler_innen die Show, sowohl inhaltlich als auch mythologisch. Während Christoph Hardebusch den zentralen Vampir seiner Handlung sehr prominent inszeniert und recht detailliert illustriert, wie Vampirismus seiner Vorstellung nach funktioniert, bleibt die Lykanthropie in seiner alternativen historischen Realität erstaunlich vage. Erstaunlich, da das Buch ja nun mal „Die Werwölfe“ heißt. Tatsächlich präsentiert der Autor überwiegend alte Legenden, über die der Protagonist Niccolo im Rahmen seiner Recherchen stolpert. Er klärt jedoch nie auf, ob diese Legenden wahr sind oder nicht. Dem gegenüber stehen ein paar spärliche Fakten und Niccolos Erfahrungen mit Lord Byron und dessen berühmter Entourage. Ich fand es großartig, dass Hardebusch diesen illustren Zirkel in seinen Roman integrierte. Einerseits passt die kulturhistorische Epoche der Romantik mit ihrer Konzentration auf Leidenschaft und Düsteres hervorragend zum Werwolfmotiv. In diesem Umbruchklima von Tradition zu Moderne einen antiken Aberglauben zu untersuchen, erschien mir sehr aufregend. Andererseits hat es mir großen Spaß bereitet, mir auszumalen, dass Persönlichkeiten wie Byron und Mary Shelley, die zu ihrer Zeit als ausgesprochen verrucht, ja, skandalös galten, ein mystisches Geheimnis hüteten. Ich bedauerte fast, dass ich der Entstehung von „Frankenstein“ nicht beiwohnte – vermutlich hätte dieser Ausflug allerdings zu sehr von Niccolo abgelenkt, der von seinen berühmten Nebenfiguren natürlich nicht überstrahlt werden durfte. Das vermeidet Hardebusch erfolgreich, ein stabiles Profil von Niccolos Charakter konnte ich trotzdem nicht anfertigen. „Die Werwölfe“ umspannt etwa acht Jahre und ist in zwei große Abschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt wirkte auf mich kleinteilig und stellenweise arg langgezogen; der zweite Abschnitt hingegen involviert Zeitsprünge, die manchmal Monate oder sogar Jahre ausklammern. Einige dieser Sprünge fand ich schade, andere gerechtfertigt, aber ein Aspekt ist mir in beiden Abschnitten aufgefallen: Niccolo wird von der Handlung erfasst und von ihr getrieben, er verfügt selten über Kontrolle. Dadurch ist es schwierig, seine Persönlichkeit zuverlässig einzuschätzen. Die Hälfte des Romans befindet er sich auf der Flucht vor der Inquisition – genauer, einer Inquisitorin. Dieses Detail ist meiner Meinung nach in jeder Hinsicht unrealistisch. Eine Frau in der katholischen Inquisition? Das klingt in meinen Ohren undenkbar. Außerdem handelt sie die meiste Zeit allein. Hardebusch deutet zwar an, dass ihre Jagd „von oben“ sanktioniert ist, doch was sich dahinter verbirgt, erläutert er nicht. Daher wirkt sie wie eine durchgeknallte, obsessive Einzeltäterin und nicht wie die ausführende Hand einer Verschwörung. Meinem Empfinden nach verschenkte Hardebusch hier am meisten Potential für „Die Werwölfe“, denn die katholische Kirche als Ganzes zu involvieren, hätte seinem Roman einen spannenden Twist verliehen.

    „Die Werwölfe“ überzeugte mich eher durch historische als durch fantastische Elemente. Für die Werwolfliteratur ist dieser Roman meiner Meinung nach eine durchschnittliche Ergänzung, die man lesen kann, aber nicht muss. Weder präsentiert Christoph Hardebusch ein originelles Konzept für Lykanthropie noch ist die Geschichte außergewöhnlich. Die Handlung ist zu sehr von Einzelakteur_innen abhängig und bietet zu wenig Überraschungen. Ich fand das Lesen angenehm und unterhaltsam, kann jedoch nicht behaupten, dass das Buch starken Eindruck bei mir hinterließ. Tatsächlich grübele ich seit der Lektüre primär über den Stellenwert von Vampiren in Werwolferzählungen nach – das ist wohl nicht der Effekt, den ein Roman mit dem Titel „Die Werwölfe“ haben sollte.

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    Cover des Buches Reaper's Gale (ISBN: 9780553813166)

    Bewertung zu "Reaper's Gale" von Steven Erikson

    Reaper's Gale
    Wortmagievor 8 Tagen
    Cover des Buches Half the Blood of Brooklyn (ISBN: 9781441753205)

    Bewertung zu "Half the Blood of Brooklyn" von Charlie Huston

    Half the Blood of Brooklyn
    Wortmagievor 12 Tagen
    Eine grenzüberschreitende Liebesgeschichte

    Charlie Huston ist vor allem für zwei Werke bekannt: Seine „Joe Pitt“-Reihe und die „Hank Thompson“-Trilogie. Interessanterweise entstanden beide Serien parallel. Der erste Band von „Hank Thompson“, „Caught Stealing“, erschien 2004; der erste Band von „Joe Pitt“, „Already Dead“ (auf Deutsch „Stadt aus Blut“), 2005. Tatsächlich entwickelte Huston seinen Vampyr Joe Pitt, weil er zuvor Hank Thompson zum Leben erweckte. Er wollte über eine Figur schreiben, die nicht zufällig mit Ärger konfrontiert wird wie Hank, sondern gezielt nach Ärger sucht, einen knallharten Typen. Das ist ihm mit Joe definitiv gelungen – sollten noch Zweifel daran bestanden haben, räumt der dritte Band „Half the Blood of Brooklyn“ diese aus.

    Manhattan ist eine kleine Insel. Zu klein, um alle Vampyre zu ernähren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Die Clans wissen, dass Expansion notwendig ist: Mehr Territorium, mehr Leute, mehr Macht. Es werden bereits Gespräche mit Clans aus Brooklyn geführt. Vor einigen Monaten wäre Joe Pitt das noch egal gewesen. Jetzt ist er allerdings wieder Mitglied der Society. Sein Boss Terry versorgt ihn mit Geld und Blut – ein Privileg, das nicht alle Vampyre genießen. Viele sind auf andere Quellen angewiesen. Als Joe über die Leiche eines jüdischen Süßigkeitenverkäufers stolpert, der in seinem Hinterzimmer mit Blut handelte, ahnt er, dass etwas faul ist. Candy Man Solomon wurde brutal hingerichtet, sein Blutvorrat vergiftet. Er war nicht infiziert, also wieso sollte ihn jemand wie einen Vampyr ermorden? Während Joe über das Motiv grübelt, schickt ihn Terry nach Brooklyn, um dort einen Clanvertreter abzuholen. Es sollte ein schneller, unkomplizierter Auftrag werden. Aber jenseits der Brücke spielt man nach anderen Regeln und die einzig gültige Währung ist Blut …

    Es wäre sehr einfach, „Half the Blood of Brooklyn“ auf die massiven Gewaltdarstellungen zu reduzieren. Wie bereits die beiden Vorgänger ist es ein Buch extremer Härte und Kompromisslosigkeit. Je nach Nervenkostüm ist dieser dritte Band wahrscheinlich noch einen Zacken heftiger, weil Charlie Huston darin wirklich Grenzen überschreitet. Meiner Meinung nach tut er das nicht leichtfertig oder aus pervers-sadistischer Freude heraus, sondern sehr bewusst und zielgerichtet, aber dadurch sind diese Szenen natürlich nicht verdaulicher. Wesen, die so schnell nichts umbringt, können eben sehr viel Schaden einstecken – das ist nicht schön anzusehen und ich kann nicht leugnen, dass sich die Reihe „Joe Pitt“ mittlerweile mühelos als Horrorliteratur qualifiziert. Der Trick besteht darin, während der Lektüre an diesen Exzessen vorbeizusehen. Es ist nicht leicht, all das Blut, all die Brutalität zu ignorieren, doch diese Fähigkeit zu selektiver Ignoranz ist entscheidend, um zu erkennen, was für eine faszinierende Geschichte Charlie Huston erzählt. „Half the Blood of Brooklyn“ ist ein Roman voller elektrisierender Widersprüche und Gegensätze. Die politische Situation zwischen den Vampyrclans in Manhattan spitzt sich stetig weiter zu. Terry prophezeit, dass Krieg bevorsteht und ich denke, damit hat er Recht. Die Lage ist so aufgeladen, dass die Clans bereits beginnen, ihre Kräfte zu sammeln und eine vorteilhafte Position zu forcieren. Daher auch die Idee, nach Brooklyn zu expandieren. Ich fand die Erweiterung des Settings höchst interessant, weil mir nie in den Sinn kam, wie die Vampyrpopulation außerhalb Manhattans lebt und Huston die Gelegenheit nutzt, um zu demonstrieren, wie zivilisiert es auf der Insel im Verhältnis zugeht. Ja, trotz der kaum verhohlenen Spannungen zwischen den Clans, was jenseits der Brooklyn Bridge abgeht, ist noch mal ein ganz anderes Kaliber. Wenige der munteren Gesell_innen, die Joe dort trifft, haben Lust, sich den Regeln und Gesetzen der Clans aus Manhattan zu beugen. Er selbst will das eigentlich auch nicht, allerdings konnte er einerseits als Unabhängiger kaum überleben und andererseits fühlt er sich für Evie verantwortlich. Evie ist Joes Freundin. Ha, nach meinen Beschreibungen dachtet ihr, Joe sei nicht fähig, zu lieben? Falsch. Joe liebt Evie sehr, doch leider ist sie schwerkrank und liegt im Sterben. Er könnte ihren Tod verhindern. Er könnte sie infizieren. Der komplexe, mehrstufige Gewissenskonflikt, der sich aus dieser Möglichkeit für Joe ableitet und ihn bis nach Brooklyn verfolgt, war der Grund dafür, dass ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, an seinen emotionalen Mauern vorbeizukommen. Obwohl Huston seinen Erzählstil möglicherweise noch spröder und abweisender inszenierte, hatte ich den Eindruck, dass Joes Gefühle so roh und drängend sind, dass er sie nicht mehr vor mir verbergen konnte. Das erste Mal hatte ich den Eindruck, hinter seine harte Schale zu schauen – und das nur, weil „Half the Blood of Brooklyn“ im Kern etwas gänzlich Unerwartetes ist: Es ist eine Liebesgeschichte.

    Jeder Band der „Joe Pitt“-Reihe ist unbequem. Weder Schreib- oder Erzählstil noch der Inhalt laden dazu ein, zu entspannen. Wer Joe begleitet, darf nicht auf eine kuschlig-warme Wohlfühllektüre hoffen, sondern muss darauf gefasst sein, mit Extremen konfrontiert zu werden. Im dritten Band „Half the Blood of Brooklyn“ lotet Charlie Huston die Grenzen des Akzeptablen neu aus. Er geht noch einen Schritt weiter, tanzt am Abgrund entlang und bewahrt seine Geschichte allein durch die intensive Darstellung der Emotionen seines verschlossenen Protagonisten davor, zu tief in der Spirale der Gewalt zu versinken. Es imponiert mir sehr, dass ihm diese Balance gelingt und ich während der Lektüre nie das Gefühl hatte, dass er Brutalität um ihrer selbst willen einsetzt. Wären seine Bücher etwas zugänglicher, könnte ich sie höher bewerten. Doch ob zugänglich oder nicht, ich werde Joe bis zum Ende treu bleiben, weil mich Charlie Huston mit spannenden Gedanken wie dem folgenden belohnt: Angenommen, es gäbe ein Heilmittel für das Vyrus – würden die Clans eine Heilung überhaupt zulassen?

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    Cover des Buches Die Geisterkönigin (ISBN: 9783764532116)

    Bewertung zu "Die Geisterkönigin" von Sarah Beth Durst

    Die Geisterkönigin
    Wortmagievor 21 Tagen
    So viel Talent – aber so wenig Selbstvertrauen

    Die Inspiration für die High Fantasy – Trilogie „The Queens of Renthia“ war ein Unfall. Buchstäblich. Vor einigen Jahren nahm die Autorin Sarah Beth Durst an einem Schreib-Retreat teil. Sie war gerade angekommen und auf dem Weg zu ihrer Unterkunft, einer kleinen Hütte im Wald. Verzaubert bestaunte sie die Natur, sah hoch in die Baumwipfel und achtete nicht auf ihre Füße. Sie stolperte, fiel hin und schlug sich die Lippe auf. Als sie später durch ihr Fenster den Wald betrachtete, den Geschmack ihres Blutes noch auf der Zunge, traf sie die Idee für ihr nächstes Buch wie ein Blitzschlag: Blutgierige Naturgeister! Im Finale „The Queen of Sorrow“ (bzw. „Die Geisterkönigin“) beendet Durst die Geschichte, die mit dieser schmerzhaften Erleuchtung begann.

    Daleina wusste, dass der Ehrgeiz ihrer alten Freundin Merecot grenzenlos ist. Dennoch traf es sie hart, dass Merecot bereit war, ihre jahrelange Freundschaft für ihre Ziele zu opfern. Allein das beherzte Eingreifen von Naelin rettete Aratay vor Merecots Ambitionen. Jetzt regieren Daleina und Naelin Seite an Seite. Gemeinsam gelang es ihnen, die Kontrolle über die Elementare zurückzugewinnen. Erstmals seit langer Zeit herrscht in Aratay wieder Frieden. Doch als Naelins Kinder von Elementaren aus Semo entführt werden, setzen ihr Zorn und ihre Verzweiflung alles aufs Spiel, was sie erreichten. Sie ist überzeugt, dass Merecot für die Entführung verantwortlich ist. Der Konflikt zwischen den Königinnen droht zu eskalieren. Ein Krieg scheint unausweichlich. Aber Daleina zweifelt. Dieser allzu offensichtliche Schachzug passt nicht zu Merecot. Schon bald erfährt Naelin, wie Recht Daleina hat. Merecot verfolgt Pläne, die größer sind als Semo und Aratay. Können Daleina und Naelin ihr trauen? Ist sie die Hoffnung, auf die ganz Renthia wartet – oder stürzt sie die Welt ins Verderben?

    Fehlender Mut ist eine Eigenschaft, die mich bei Autor_innen immer wieder besonders frustriert. „The Queen of Sorrow“ ist die furchtsame kleine Schwester der Geschichte, die dieses Finale eigentlich hätte werden können und müssen. Es ist eine Kompromisslösung, mit der Sarah Beth Durst sowohl hinter ihrem Talent als auch hinter dem Potential ihrer Trilogie zurückblieb. Die Lektüre stimmte mich äußerst unzufrieden; ich war beinahe versucht, lediglich zwei Sterne zu vergeben. Seit Jahren beklage ich mich über Schriftsteller_innen, die sich nicht an das Gebot der Bescheidenheit halten, doch mindestens genauso zermürbend finde ich diejenigen, die falsche Bescheidenheit an den Tag legen. Sarah Beth Durst gehört zur zweiten Kategorie. Ich konnte die größere, epischere, signifikantere Geschichte, die im Schatten von „The Queen of Sorrow“ lauerte, sehen, riechen, fühlen und schmecken – aber Durst öffnete die Tür zu dieser Geschichte immer nur einen Spalt. Es war, als schrecke sie vor dem, was sie durch diesen Spalt entdeckte, zurück und sei dennoch davon fasziniert. Sie kokettiert mit der Idee dieser Geschichte, ohne den Mut aufzubringen, sich ihr zu stellen und sie in aller Konsequenz umzusetzen. Daher empfand ich viele Szenen in diesem Finale als irritierend, denn stets, wenn ich glaubte, jetzt würde sie die Tür endlich weit aufreißen, machte sie einen Rückzieher und traf Entscheidungen für den Handlungsverlauf, die ich nicht nachvollziehen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich davor fürchtete, Aratay zu verlassen. Oh, natürlich spielt ein Teil von „The Queen of Sorrow“ in Semo und wir erleben auch kurze Stippvisiten in die anderen Königreiche von Renthia sowie in das Ungezähmte Land, doch diese Besuche sind wenig mehr als isolierte Momentaufnahmen, die kaum etwas über die unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften der Welt verraten. Ich fand das traurig, weil ich sicher bin, dass Renthia im Kopf der Autorin detailliert und voll ausschattiert existiert. Hätte sie den Schritt gewagt, Semo und die weiteren Reiche ausführlicher vorzustellen, hätte sie sie allerdings in ihre Geschichte integrieren müssen und ich denke, das hat sie sich einfach nicht getraut, was zu bedauerlichen Lücken führte. Ähnlich verhält es sich mit dem nebulösen Schöpfungsmythos von Renthia, der eng mit den Ereignissen des dritten Bandes verknüpft ist. Meiner Meinung nach hätte sich aus diesem eine sehr elegante Lösung für den grundlegenden Konflikt der Trilogie mit den Elementaren ergeben, dafür hätte Durst jedoch ebenfalls den Fokus öffnen und auf Renthia als Ganzes eingehen müssen. Das wollte sie ganz offensichtlich nicht, wodurch „The Queen of Sorrow“ nicht das monumentale Finale darstellt, das ich mir erhofft hatte. Diese Entwicklung erscheint mir unglaublich schade, weil ich mich am Anfang der Trilogie sehr im Einklang mit Durst wähnte, doch je weiter die Geschichte fortschritt, desto weniger befanden wir uns auf einer Wellenlänge.

    Ich war nach der Lektüre sehr enttäuscht von „The Queen of Sorrow“. Viel enttäuschter, als es die Qualität des Buches eigentlich rechtfertigen würde. Darauf möchte ich abschließend noch einmal hinweisen: Ja, ich habe in dieser Rezension viel gejammert, doch das liegt nicht daran, dass ich gar keinen Spaß mit dem Finale der „The Queens of Renthia“-Trilogie hatte, sondern daran, dass es mich wirklich fuchst, dass eine so talentierte und mit einer reichen Vorstellungskraft gesegnete Autorin wie Sarah Beth Durst ihren eigenen Fähigkeiten nicht vertraute. Es ärgert mich, weil ich felsenfest überzeugt bin, dass sie es besser kann. Ich weiß einfach, dass sie es besser kann. Und weil ich weiß, dass sie es besser kann, werde ich trotz meiner Enttäuschung den Einzelband „The Deepest Blue“ lesen. Dieser spielt ebenfalls in Renthia, ist inhaltlich jedoch nicht mit „The Queens of Renthia“ verbunden. Ich denke, Durst hat eine Menge über Renthia zu sagen, das sie nicht in die Trilogie aufnahm, weil sie fürchtete, die Kontrolle über ihre Geschichte zu verlieren. Vielleicht konnte sie diese Angst im Rahmen eines Einzelbandes ablegen. Ich wünsche es ihr von Herzen.

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    Cover des Buches The Reluctant Queen: Book Two of The Queens of Renthia (ISBN: 9780062413352)

    Bewertung zu "The Reluctant Queen: Book Two of The Queens of Renthia" von Sarah Beth Durst

    The Reluctant Queen: Book Two of The Queens of Renthia
    Wortmagievor 22 Tagen
    Lieber ein bisschen Ärger als völlige Gleichgültigkeit

    Als Sarah Beth Durst begann, „The Queens of Renthia“ zu schreiben, verfasste sie zuerst 90 Seiten einer Geschichte, in der eine Königin in Gefahr ist und auf die Hilfe einer mächtigen Waldfrau hofft, die sich allerdings weigert, ihre Kräfte einzusetzen. Solltet ihr euch wundern, dass dieser Plot nicht der Handlung des ersten Bandes „The Queen of Blood“ entspricht, habt ihr Recht. Es ist die Handlung des zweiten Bandes „The Reluctant Queen“. Durst schickte ihre 90 Seiten an ihre Agentin, die das Manuskript an ihren Herausgeber David Pomerico weiterleitete. Er schlug ihr vor, daraus den zweiten Band zu machen. Durst war von seinem Vorschlag begeistert. Deshalb ist „The Reluctant Queen“ die Fortsetzung, obwohl die Trilogie mit der Idee für diesen Band geboren wurde.

    Der Preis, den Daleina für die Krone zahlte, war zu hoch. Die schreckliche Tragödie ihrer Krönung wird sie für immer verfolgen und belastet ihre Regentschaft von Aratay. Das Volk nennt sie hinter ihrem Rücken die Blutkönigin. Schwerer als Trauer und Schuld wiegt für Daleina jedoch das Wissen, dass ihr Reich den Elementaren schutzlos ausgeliefert ist, sollte ihr etwas zustoßen. Sie braucht eine Nachfolgerin. Dringender, als öffentlich bekannt ist. Denn Daleina hütet ein furchtbares Geheimnis: Sie stirbt. Schon bald. Verzweifelt entsendet sie ihren Champion und Mentor Ven in die entlegensten Gebiete ihres Reiches, um unentdeckte und übersehene Talente ausfindig zu machen. Dort, in einem kleinen Dorf tief im Wald, begegnet er Naelin. Naelins Kräfte übersteigen alles, was Ven je in einer Kandidatin erlebt hat. Die junge Mutter könnte Aratays Rettung sein. Dem steht nur eines im Wege: Naelin würde lieber sterben, als Königin zu werden.

    Sarah Beth Durst verfolgte mit der Etablierung einer zweiten Hauptfigur in „The Reluctant Queen“ ein ganz spezifisches Ziel: Sie wollte das Motiv der widerwilligen Heldin untersuchen. Deshalb entschied sie, Naelin mit gewaltigen Kräften auszustatten, ihr jedoch einen legitimen Grund zu geben, diese Kräfte zu verleugnen und abzulehnen. Sie wollte herausfinden, wie sich ihre Weigerung auf die Geschichte auswirkte. Ich kann euch verraten, wie sich dieser Aufbau ihrer Figur auf mich auswirkte: Ich hatte enorme Schwierigkeiten, mich mit Naelin zu identifizieren und Sympathie für sie zu entwickeln. Sie ging mir nachhaltig auf die Nerven, weil ich ihre Argumentation, ihre Macht nicht für das Wohl ihrer bezaubernden Heimat Aratay einzusetzen, nur ansatzweise nachvollziehen konnte. Ich möchte nicht offenbaren, warum Naelin sich so sehr dagegen sträubt, Königin zu sein, aber meiner Meinung nach nimmt sie in „The Reluctant Queen“ eine viel zu enge Perspektive ein. Sie denkt nicht an das große Ganze, sondern nur an ihre private Situation und tut sich wahnsinnig schwer damit, zu begreifen, dass der Schutz ihres Landes eine Lösung für all ihre Sorgen impliziert. „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ – diese Weisheit trifft nicht ausschließlich auf Spiderman Peter Parker zu, sondern auch auf Naelin und es irritierte mich, dass sie sich ihrer Verantwortung zu entziehen versucht. Deshalb hatte ich mit dem zweiten Band von „The Queens of Renthia“ längst nicht so viel Spaß wie mit dem ersten „The Queen of Blood“, obwohl ich Sarah Beth Dursts Umsetzung des grundlegenden Motivs respektiere. Leider fielen mir während der Lektüre der Fortsetzung allerdings auch Kritikpunkte auf, die nicht mit meinen persönlichen, emotionalen Problemen mit Naelin zu erklären sind. Die gesamte Besetzung der Geschichte ist ermüdend einseitig gestaltet. Die überwältigende Mehrheit der Figuren wird von ehrenwerten Motivationen angetrieben; sie treffen Entscheidungen, weil sie glauben, das Beste zu tun. Selbst Verhaltensweisen, die man als verwerflich betrachten könnte, erhalten früher oder später einen honorablen Beweggrund, was mich einfach langweilte. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist die zwielichtige Kräuterhexe Garnah, deren erfrischendes Auftauchen mir bewusst machte, wie berechenbar anständig alle um sie herum sind, wodurch sogar die Handlungslinie einer Verschwörung reizlos und zahm geriet. Dass „The Reluctant Queen“ trotz dieses Überschusses an Gutmenschen funktioniert, liegt natürlich an den Elementaren, die durch ihre menschenfeindliche Gesinnung die Rolle der antagonistischen Partei ausfüllen. Ich war sehr enttäuscht, dass ich so gut wie nichts Neues über die Naturgeister erfuhr und Aratay weiterhin als geografischer Fokus dient. Ein Teil von mir hatte sogar gehofft, dass „The Reluctant Queen“ gar nicht in Aratay spielt. Ich hätte gern mehr von Renthia gesehen und mir gewünscht, dass Durst ihr Worldbuilding mit den Elementaren als zentralem Aspekt konsequent ausbaut. Vielleicht war es nicht förderlich, dass „The Reluctant Queen“ im Kern vor „The Queen of Blood“ entstand.

    Ich bin begeistert davon, dass „The Queens of Renthia“ eine äußerst feminine High Fantasy – Trilogie ist und Sarah Beth Durst viele essenzielle Themen aus einer entschieden weiblichen Perspektive behandelt. Als Feministin weiß ich es zu schätzen, dass sie zur Sichtbarkeit von Frauen im Genre beiträgt, ohne sich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Als Leserin reicht mir ihre gelungene Repräsentation dennoch nicht ganz aus. „The Reluctant Queen“ ist ein gutes Buch, aber es wäre ein besseres Buch geworden, wenn Durst variabler mit den Motivationen ihrer Figuren gespielt und das Worldbuilding zielstrebiger vorangetrieben hätte. Die Tatsache, dass ich mit Naelin nicht zurechtkam, werfe ich ihr hingegen nicht vor, weil ich denke, dass die Wirkung ihrer Protagonistin wesentlich von den Glaubenssätzen der Leser_innen abhängt und ich außerdem nicht leugnen kann, dass sie in mir eine starke emotionale Reaktion auslöste. Vielleicht wollte Durst genau das erreichen, indem sie Naelins Position so streitbar gestaltete – lieber ein bisschen Ärger als völlige Gleichgültigkeit.

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    Cover des Buches The Dream Thieves (ISBN: 9781407136622)

    Bewertung zu "The Dream Thieves" von Maggie Stiefvater

    The Dream Thieves
    Wortmagievor 22 Tagen
    Cover des Buches Fenster zum Tod (ISBN: 9783426213568)

    Bewertung zu "Fenster zum Tod" von Linwood Barclay

    Fenster zum Tod
    Wortmagievor einem Monat
    Halbgare Suppe

    Die deutsche Ausgabe von „Fenster zum Tod“ von Linwood Barclay wirbt damit, dass der Thriller „ein virtuoses Remake“ des Filmklassikers „Fenster zum Hof“ von Alfred Hitchcock ist. Diese Einordnung ist ein wenig übertrieben. Tatsächlich erklärte der in Kanada lebende Autor in einem Interview, dass die Idee für seinen Roman durch den Hund eines Freundes entstand. Die Parallelen zu Hitchcocks Streifen fielen ihm erst auf, als er mit dem Schreiben bereits begonnen hatte. Dieser Hund (er hieß Winston) wurde zufällig von einem Google Street View – Auto fotografiert, während er aus dem Fenster seines Heims schaute. Noch Jahre später war er online zu sehen. Das brachte Barclay zum Nachdenken: Was, wenn das Auto statt eines Hundes etwas wesentlich Böseres festgehalten hätte?

    Nach dem plötzlichen Unfalltod seines Vaters ist der 37-jährige Ray Kilbridge für alles verantwortlich. Er muss die Beerdigung organisieren, er muss entscheiden, was mit dem Haus geschehen soll und er muss für seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Thomas sorgen. Thomas leidet an Schizophrenie und ist nicht fähig, selbstständig einen Haushalt zu führen, weil er seiner speziellen Obsession nicht entkommen kann: Er ist besessen von Stadtkarten. Tag für Tag sitzt er Stunde um Stunde vor seinem Computer und schreitet virtuell die Straßen großer Städte ab. Bei einem dieser Streifzüge entdeckt er etwas Beunruhigendes. Die Kamera hat einen Mord festgehalten. Thomas ist außer sich, doch Ray ist nicht sicher, ob er ihm glauben kann. Hat sein Bruder tatsächlich ein Verbrechen beobachtet oder spielte ihm seine Krankheit einen Streich? Und wie sollen sie die Polizei überzeugen, zu ermitteln? Sie haben keinerlei Beweise, denn das Bild, das Thomas gesehen haben will, ist verschwunden …

    Für manche Bücher ist es wirklich nicht von Vorteil, dass ich mir so gut wie immer die Zeit nehme, ausführlich über meine Leseerfahrungen nachzudenken. Als ich meine Notizen zu „Fenster zum Tod“ verfasste, war mein vorherrschendes Gefühl Langeweile. Ich fand den Thriller lahm, kritisierte diverse Punkte, die meiner Ansicht nach dafür verantwortlich waren und beließ es dabei. Nun sitze ich schon eine Weile an dieser Rezension und stelle fest, dass ich wütend darüber bin, dass mich „Fenster zum Tod“ nicht fesselte. Ich bin wütend, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass Linwood Barclay halbherzig vorgegangen ist. Hätte er sich etwas mehr angestrengt, tiefere Recherchen betrieben, andere Entscheidungen getroffen, hätte er mich mühelos begeistern können. Hat er aber nicht und ich kann nicht nachvollziehen, wieso er sich nicht zusammenreißen konnte, um das Maximum aus seiner Geschichte herauszuholen. Er baut seinen Kriminalfall auf zwei Säulen auf: Einerseits präsentiert er das Dilemma, was zu tun ist, wenn man ein Verbrechen im Internet beobachtet; andererseits stellt er einen Hauptcharakter mit einer außergewöhnlichen Wahrnehmung vor, der stets als unzuverlässiger Zeuge gilt. Die Frage, wie man sich verhalten sollte, wenn man online mit Kriminalität konfrontiert wird, lässt „Fenster zum Tod“ unbeantwortet. Barclay untersucht nicht, wie Ermittlungsbehörden mit Verbrechen umgehen, die im digitalen Raum dokumentiert werden, er beschreibt nicht, wie Zeug_innen solcher Verbrechen reagieren sollten, sondern zeigt einen Fall, der so speziell ist, dass er keinerlei Ableitungen zulässt und dadurch auch keinen Erkenntniszuwachs bietet. Als Thriller muss „Fenster zum Tod“ allerdings keinen Bildungsauftrag erfüllen und ich finde es überhaupt nicht verwerflich, dass dieser Fall so speziell ist, gleichwohl ich glaube, dass hier Potenzial verschenkt wurde, weil das Thema brandaktuell und relevant ist. Es ärgert mich hingegen, dass Barclay offenbar entweder nicht den Mut oder nicht die Muße hatte, sich voll und ganz auf die höchst spezifische, vertrackte Situation des an Schizophrenie leidenden Thomas einzulassen. Statt Thomas als Ich-Erzähler zu etablieren und seine unkonventionelle Erlebenswelt in den Mittelpunkt zu stellen, setzt er auf das sichere Pferd und gesteht lediglich seinem Bruder Ray eine Ich-Perspektive zu. Ausgerechnet Ray. Ray, der Langweiler, der komplett überfordert mit Thomas ist, obwohl er mit ihm aufwuchs und die Schizophrenie in ihrer Kindheit diagnostiziert wurde. Ich verstehe es nicht. Thomas ist mit Abstand die interessanteste Figur in „Fenster zum Tod“, wieso bemühte sich Barclay nicht um maximale Nähe, wieso durfte ich nie in seine Gedanken eintauchen? Darüber hinaus verzichtet er darauf, sein Krankheitsbild einzuordnen, was ich als sehr problematisch empfand. Weder erklärt er Thomas‘ Symptome noch thematisiert er, dass Schizophrenie heutzutage therapierbar ist und Betroffene häufig ein ganz normales Leben führen können. Er schafft einen Kontext, in dem Thomas stigmatisiert wird und erlaubt ihm nicht mal, sich zu wehren und seine Sicht auf die Welt und die Ereignisse darzulegen.

    Ich empfand „Fenster zum Tod“ als halbgare, dünne Suppe. Ich weiß nicht, warum sich Linwood Barclay offenbar nicht überwinden konnte, einen Schritt weiterzugehen und entweder Thomas zweifelsfrei als zentrale Figur zu inszenieren oder sich völlig auf die Thematik des digital bezeugten Verbrechens zu konzentrieren. Vielleicht hat er nicht ausreichend recherchiert, vielleicht erkannte er diese Möglichkeiten nicht. Ich glaube hingegen nicht, dass ihm die schriftstellerischen Fähigkeiten fehlten. Nein, ich bin ganz sicher, Linwood Barclay hätte „Fenster zum Tod“ mitreißend und bedeutsam gestalten können. Deshalb fand ich die Lektüre enttäuschend, denn statt diesen extra Schritt zu gehen, beschränkte er sich auf einen banalen Thriller, der durch unnötige Nebenhandlungsstränge von den Kernaspekten ablenkt und nicht das Tempo oder den Nervenkitzel entwickelt, die ich erwartet hatte. Schade, dass Barclay meine Erwartungen nicht erfüllte. Schade, dass er sein Talent so wenig ausschöpfte.

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