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bstbsalat

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Cover des Buches Blood and Steel (ISBN: 9783426566862)

Bewertung zu "Blood and Steel" von Helen Scheuerer

bstbsalat
Nicht perfekt, aber nah dran!

Hui, hat mich dieses Buch überrascht!

Ich hatte Blood and Steel überhaupt nicht auf dem Schirm, bevor ein NetGalley-Newsletter in den Posteingang flatterte. Joa, klingt ganz interessant, dachte ich mir. Das Cover sah irgendwie unfertig aus, wie ein nicht beendeter Entwurf (zu diesem Thema kommt bald ein eigener Artikel), aber der Inhalt schien genau nach meinem Geschmack zu sein. Kann man ja mal ausprobieren. Und jetzt, 2 Tage später, ist das Buch durchgelesen und ich habe ein paar Stunden Schlaf verloren, weil ich einfach nicht mittendrin abbrechen konnte.

Es ist nicht perfekt, dieses Szenario aus Menschen, Monstern und Magie. Manches ist etwas zu dick aufgetragen oder ein kleines bisschen zu vorhersehbar. Aber es gibt viele Elemente, die mir richtig gut gefallen und super umgesetzt sind, und auch bemerkenswert viele Wendungen, die für mich tatsächlich überraschend kamen.

Feminismus ist ein sehr grundlegender Bestandteil der Handlung: Es gab eine Prophezeiung, nach der Frauen keine Waffen mehr tragen, geschweige denn wie früher zu Kriegerinnen ausgebildet werden dürfen. Freiheiten wie eigene Entscheidungen zu treffen wurden den Mädchen und Frauen weitestgehend entzogen. Die Männer – besonders die, die Krieger werden wollen – fanden Gefallen an diesem Machtverhältnis und tun nun alles dafür, dass sich daran nichts mehr ändert. Und dann spaziert eine junge (erwachsene, das finde ich wichtig für die „spicy“ Szenen) Frau herein, die seit Jahren heimlich mit einem Dolch trainiert, den sie eigentlich gar nicht haben dürfte, und mit einer Mischung aus Hochmut, Sturheit und Naivität verlangt, ausgebildet zu werden. Nicht zur Alchemistin wie ihre Schwester, sondern zur Kriegerin.

Ich habe eine Schwäche für Frauenfiguren in Büchern, die nicht auf den Mund gefallen sind und die wissen, was sie wollen. Deshalb mag ich die Reihe um Mercy Thompson von Patricia Briggs oder die Guild Codex-Reihen von Annette Marie so gern.

In Blood and Steel ist Thea aber angenehmerweise nicht die einzige Frau, die sich trotz dieses extrem patriarchalischen und für sie lebensfeindlichen Umfelds zu behaupten weiß. Auch ihre Schwester, Freundinnen und ihre Vorgesetzte halten mal mehr, mal weniger heimlich gegen diese Strukturen an. Wegen dieses Grundverständnisses von „unsere Welt wird von Männern regiert, aber das ist nicht unbedingt gut, es war längst nicht immer so und das kann sich auch wieder ändern“ hat es mir großen Spaß gemacht, Blood and Steel zu lesen.

Denn es wurde kein massiver Fokus auf romantisierte Details gelegt, die in mittelalterlich angehauchter Fantasy viel zu gern gerechtfertigt werden mit „das war damals eben so“ (In einer Fantasy-Welt? Bitte.), „Frauen können das einfach nicht“ oder „ja, ist nicht schön, aber das gehört irgendwie dazu“, wie wir sie in Game of Thrones zum Beispiel zu Genüge gesehen haben. Keine übertriebene und unnötige Nacktheit von Frauen, keine scheinbar selbstverständliche Aufgabenverteilung, ohne dass die betroffene Frau innerlich oder auch lauthals protestiert, keine Grenzüberschreitungen ohne zumindest eine Andeutung von Konsequenzen.

Stattdessen haben wir Verwundbarkeit auf allen Seiten, auch mal sensible Männer, Frauen, denen der Kragen platzt, und Männer, die den Kopf gewaschen bekommen, wenn sie sich unmöglich verhalten. Und das beste? Trotz alledem dreht sich Blood and Steel um starke Krieger, deren Muskeln bewundert, und starke Frauen, die für das geschätzt werden, was in ihren Köpfen passiert und nicht (nur) für ihre Körper. Es geht doch! (Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Es geht doch, wenn eine Frau schreibt.)

Blood and Steel wird beworben als „spicy Romantasy“. Spicy könnte man meiner Meinung nach weglassen, denn es gibt nur eine einzige explizite Szene. Dieses Label zu verwenden sorgt nur dafür, dass die eine Hälfte des Zielpublikums mehr erwartet und dann enttäuscht werden könnte, und die andere Hälfte das Buch gar nicht erst in die Hand nimmt, in der Erwartung, mit mehr Sex als erwünscht konfrontiert zu werden.

Was Blood and Steel stattdessen hat, ist eine tolle Slow Burn Romance mit jeder Menge Spannung: Will they, won’t they? Wie lange wird es bis dahin dauern? Wer macht den ersten Schritt? Und so viele kleine Momente, kleine Berührungen, die den Charakteren tagelang in Erinnerung bleiben und hinterfragt werden. Diese Spannung ist genau das, was den Reiz für mich ausmacht, und deshalb trifft Blood and Steel den Nagel genau auf den Kopf.

Auch andere Tropes werden bedient, die der Verlag ganz korrekt auflistet: Enemies to Lovers, Found Family, Who did this to you? und Forbidden Love. Besonders der Moment, in dem buchstäblich „Who did this to you?!“ (auf Deutsch: „Wer hat dir das angetan?!“) gefragt wird, ist sehr gut gelungen und bescherte mir Gänsehaut und ein breites Grinsen voller Vorfreude!

Die Idee, dass Dämonen in eine Welt einfallen und die Menschen händeringend versuchen, einen scheinbar ausweglosen Krieg doch noch in die richtige Richtung zu lenken, ist nicht neu. Spontan fallen mir hierzu die Dämonentochter-Reihe von Jennifer L. Armentrout, Ein Käfig aus Rache und Blut von Laura Labas oder Kingdoms of Smoke von Sally Green ein. Auch die Aufteilung der Königreiche (und teilweise ihre Namen, das war schon etwas auffällig nah an beispielsweise Fourth Wing von Rebecca Yarros) und einige Charaktere kamen mir bekannt vor. Einer erinnerte mich mehr als einmal an Gabriel aus Jay Kristoffs Das Reich der Vampire.

Trotz all dieser kaum verschleierten Ähnlichkeiten zu anderen Büchern ist Blood and Steel keine einfache Kopie. Ja, das Buch erfindet das Rad nicht neu, aber durch dieses starke Basiselement um Frauenrechte, auf dem alles andere aufbaut – das Worldbuilding genau wie die Charakterentwicklung -, ist es eben doch eine ganz eigene Geschichte. Es macht eben einen großen Unterschied, wenn ganz offen gezeigt wird, dass ein großer Teil der Bevölkerung zwar kämpfen könnte und es zum Teil auch unbedingt will, aber dem bewusst ein Riegel vorgeschoben wird – einfach nur, weil es Frauen sind. Dass Männer dem eigenen Überleben ganz bewusst Stolpersteine in den Weg legen, nur um an der Macht zu bleiben.

Ich hatte vorher 3 Bücher aus dem neuen Imprint Bramble von Droemer Knaur gelesen und alle waren okay: Nicht total schlecht, aber auch nicht überwältigend gut. Deshalb war ich vorsichtig skeptisch, als mir auffiel, aus welchem Verlag Blood and Steel stammt. Ich muss gestehen, dass ich innerlich schon fast mit Bramble abgeschlossen hatte, obwohl ich vorab so große Hoffnungen hatte – das Programm las sich wie für mich persönlich gemacht. Die Umsetzung war bei allen 3 Büchern das Problem für mich: sie waren inhaltlich interessant, doch das WIE hat mich zu sehr gestört, um wirklich Gefallen an den anderen Büchern zu finden.

Aber Blood and Steel lässt mich wieder auf richtig gute Bücher aus diesem Imprint hoffen – und das sagt wahrscheinlich mehr aus als der ganze Rest meiner Rezension. 🙂

Kurzmeinung: Gut, aber nicht außergewöhnlich - mit vermeidbaren Sprachfehlern
Gut, aber nicht außergewöhnlich - mit vermeidbaren Sprachfehlern

Zwischen all der Fantasy der letzten Monate brauchte ich mal wieder einfache, klassische Romance – da kam Play with Fire gerade recht. Ich hatte keine großen Erwartungen an diese lesbische Liebesgeschichte und mir war gar nicht nach einer einzigartigen besonderen Story, es sollte einfach nur eine entspannte, leichte Feierabendlektüre werden. Und genau das ist dieses Buch auch.


Es dauerte nicht lange, da fühlte sich Play with Fire an, als würde ich ein paar Folgen der Serie Chicago Fire schauen. Wer die Serie nicht kennt: Sie dreht sich um eine Feuerwehrwache in Chicago und eine ihrer Mannschaften, wobei die Einsätze gezeigt werden, aber eben auch das persönliche Leben des Teams eine wichtige Rolle spielt. Gemeindeveranstaltungen, der private Einsatz gegen Ungerechtigkeiten und auch das Beginnen und Enden von Beziehungen stehen im Fokus, sodass die Feuerwehr eher zur Kulisse wird, in der die Menschen zueinander finden.


Dasselbe passiert in Play with Fire. Amy ist durch verschiedene Verletzungen so viel krankgeschrieben, dass sie kaum arbeitet und die Feuerwehr eher am Rande erwähnt wird. Insgesamt ist sie nur bei zwei bis drei Einsätzen dabei. Stattdessen fokussiert sich die Handlung auf die frischen Gefühle zwischen den beiden Frauen. Dazu kommen Themen wie PTSD, Stalking, Krach zwischen Freundinnen und – Überraschung! – risikoreiche Berufe und ihre Auswirkungen auf Beziehungen.


Das gefällt mir einerseits gut, denn durch solche Details werden aus eindimensionalen Figuren komplexe Charaktere, über die ich gern lese. Andererseits fand ich das in Play with Fire zu oberflächlich umgesetzt. Nehmen wir als Beispiel mal Amy, die taffe Feuerwehrfrau.


Über Amy erfahren wir nur, dass sie einen gewalttätigen Exfreund hat, ihren Job liebt und neben ihrer besten Freundin und ihrer Cousine eine tolle Beziehung zu ihrem Bruder hat, der aber weit weg lebt, während ihre Mutter zwar vor Ort ist, zu ihr aber eine gewisse Distanz besteht. Sie hat wiederkehrende Albträume, deren Herkunft später aufgeklärt wird, und wird durch ihre Beziehungen zu anderen Menschen charakterisiert.


Was sie in ihrer Freizeit macht, ihre Hobbys, ihre Charakterzüge – das meiste davon bleibt bis zum Ende unbekannt. Kurz gesagt: Ich weiß, wer Amy ist, wenn andere Menschen da sind. Aber wer ist sie, wenn sie allein ist? Sie bleibt mir fremd, obwohl ich sie doch fast 300 Seiten lang durch emotionale Achterbahnfahrten begleitet habe.


Die Beziehung zwischen Jade und Amy war ging mir an ein paar Stellen zu schnell, in anderen Momenten war es genau richtig. Sehr gut gefallen hat mir, wie oft eine potenziell unnötig dramatische Szene durch klare Kommunikation gerettet wurde. Anstatt sich anzuschweigen oder ein Problem in sich hineinzufressen, neigen beide Frauen dazu – manchmal angestoßen von ihrer jeweils besten Freundin – einfach miteinander zu reden und die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu benennen. Das zu lesen war eine richtig angenehme Abwechslung zu beispielsweise den K-Dramen, die ich momentan sehr gern schaue, die aber oft extreme Missverständnisse und schlechte Kommunikation beinhalten.


Was mich leider immer wieder aus dem sonst sehr flüssigen Lesen herausgerissen hat, waren Komma- und Rechtschreibfehler. Öfter als mir lieb ist gab es auch Doppelungen wie diese aus Kapitel 17 (33 %): „Da ich genug Zeit habe, fahre ich einfach etwas eher los und bringe sie ihr vorbei. Ein Blick auf die Uhr, sagt mir, dass ich etwas eher losfahren sollte.“ Mir ist bestimmt auch nicht alles aufgefallen, ich habe ja nicht bewusst versucht, Fehler zu finden. Aber es waren genug Stellen, um mich etwas zu nerven und mich an Schreibweisen aus mittelmäßiger Fanfiction zu erinnern.


Nicht, dass Fanfiction automatisch schlecht wäre oder das Durchrutschen solcher Fehler eine Geschichte inhaltlich schlecht machen würden! Ich erwarte einfach ein anderes sprachliches Niveau von einem Buch, das ein Lektorat durchlaufen hat und in einem Verlag erschienen ist.


Fazit


Während Play with Fire mich inhaltlich also durchaus abholen konnte und ich gedanklich immer wieder Parallelen zur Serie Chicago Fire gezogen habe – nicht, weil dort dasselbe passiert wäre, sondern weil beide Geschichten dasselbe Gefühl auslösen -, bin ich auf sprachlicher Ebene immer wieder gestolpert. Insgesamt ist Play with Fire deshalb eine nette Feierabendunterhaltung für mich. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.









Cover des Buches We hunt the Flame (ISBN: 9783426449561)

Bewertung zu "We hunt the Flame" von Hafsah Faizal

bstbsalat
Extrem zäh

Epische Fantasy, ein magisches Abenteuer, Slow Burn Romance und das Ganze in einer Welt, die von der arabischen Kultur inspiriert ist? Sign me up! Leider habe ich wirklich sehr viel Geduld gebraucht, um bei We hunt the Flame am Ball zu bleiben, und richtig überzeugen konnte mich die Story auch nicht. 


Wie bei vielen charakterbasierten Geschichten beginnt die Handlung langsam, mit dem alltäglichen Leben der Figuren, die wir kennenlernen sollen. Aber es häuften sich zunehmend Charaktere (besonders Nasirs "bester Feind" Altair hat es mir angetan) mit leider nur oberflächlichen Hintergrundgeschichten, während einfach noch nichts passiert ist. Ich war zwischendurch ziemlich verwirrt, dass ich schon fast die Hälfte des Buches erreicht hatte, ohne, dass sich wirklich etwas Nennenswertes abgespielt hätte. Und auch die zweite Hälfte war echt zäh, obwohl es dann hoch her ging und eine Actionszene auf die nächste folgte. 


Das Worldbuilding ist einerseits gut, mit poetischer Sprache geschrieben, sodass ich beim Lesen und auch jetzt noch beim Schreiben der Rezension Bilder von einigen Stellen vor Augen habe, als hätte ich eine Filmszene gesehen. Es hat mir auch ganz gut gefallen, dass manche Aspekte der Welt erst nach und nach ans Licht kommen. Ich hatte allerdings große Schwierigkeiten dabei, dem Inhalt zu folgen, weil meine Gedanken aufgrund des langsamen Tempos und des manchmal umständlichen Schreibstils so oft abschweiften. Ich bin mehrfach einige Seiten zurückgesprungen, um eine Szene oder in einem Fall sogar ein ganzes Kapitel noch einmal zu lesen, weil ich nicht mehr wusste, wie die Figuren in eine Situation geraten waren oder wer gerade anwesend ist. Ich hatte also Bilder im Kopf, besonders im letzten Teil auf der eigentümlichen Insel Sharr, aber wer warum wo war und wer wie was aus welchen Gründen tat, das ist irgendwie undurchsichtig geblieben. 


Gut gefallen hat mir, dass bestimmte arabische Begriffe und Namen nicht übersetzt wurden und man diese, wenn man wollte, im Glossar nachschlagen musste (das war beim eBook natürlich etwas umständlich, aber anhand des Inhaltsverzeichnisses möglich). Wenn man das aber nicht prüfen wollte, konnte man trotzdem alles aus dem Zusammenhang interpretieren. Auch die feministischen Ansätze, mit denen Zafira und ihr Familien- und Freundeskreis das frauenverachtende System ihres Kalifats nicht nur hinterfragen, sondern auch heimlich dagegen angehen, hat mir gefallen. Da hätte es meiner Meinung nach noch mehr geben können als nur Zafiras geheime Identität als Jägerin und die damit zusammenhängenden Szenen, in denen ihr zum Beispiel Unterstützung und Respekt ausgesprochen werden. 


Außerdem wurde We hunt the Flame zwar als Slow Burn Romance beworben, aber die Liebesgeschichte spielt eigentlich überhaupt keine Rolle. Ja, Zafira und Nasir entwickeln schon sehr früh Interesse aneinander, geben diesem jedoch kaum bis gar nicht nach. Was für mich den Reiz bei Slow Burn ausmacht, ist eine ständig präsente unterschwellige Spannung, die mit der Zeit zunimmt, und die Frage, wann wohl jemand den ersten Schritt unternimmt, und wer das sein wird. Hier habe ich mich stattdessen gefragt, ob da überhaupt ernsthaftes Interesse besteht, das über Freundschaft oder Neugier hinausgeht. Das ist ja auch erst einmal nichts Schlechtes, nicht jeder Roman und nicht jede Fantasy braucht unbedingt eine Liebesgeschichte. Ich habe aufgrund des Marketings einfach etwas anderes erwartet.


Apropos Erwartungen. Von einem Buch, das laut Verlag vom Times Magazine auf die Liste der "100 besten Fantasy-Bücher aller Zeiten" gesetzt wurde, habe ich mehr erwartet. Ja, die Sprache ist poetisch, die Welt recht interessant und die Charaktere sind ein Paradebeispiel für Persönlichkeitsentwicklung. Aber es hätten mehr Details sein müssen, mehr spannende Handlungselemente und irgendwie auch mehr Story, um mich mitreißen zu können. Dass man erst 50-65 Prozent des Buches durchhalten muss, bevor es annähernd spannend wird, macht es mir sehr schwer, We hunt the Flame zu mögen. 


Ich habe We hunt the Flame innerhalb von etwa eineinhalb Wochen gelesen, habe mich oft abends motivieren müssen, noch einmal ein paar Kapitel zu lesen. Zwischendurch habe ich ein anderes komplettes Buch innerhalb weniger Stunden inhaliert, weil dort die Handlung einfach schneller voranging und es dadurch sehr viel einfacher war, konzentriert und interessiert zu bleiben. In diesem direkten Vergleich steht We hunt the Flame wirklich nicht besonders gut da, allerdings sind diese beiden Bücher inhaltlich völlig verschieden (das andere war Urban Fantasy). Deshalb stelle ich diesen Vergleich ausschließlich in Bezug auf den Schreibstil an. 


Gegen Ende gibt es Andeutungen, dass sich die Fortsetzung, mit dem diese Dilogie abgeschlossen wird, mehr mit Altair und vielleicht mit Zafiras bester Freundin beschäftigen wird - ob als Paar oder separat wird nicht benannt, das ist hier nur meine Interpretation. Aus dem Klappentext zu Band 2 geht allerdings nichts dergleichen hervor. 


Fazit


So oder so, ich werde die Fortsetzung sehr wahrscheinlich nicht lesen. Ich habe mich auf die arabisch inspirierte Welt gefreut und mir hat gefallen, dass es mal nicht um Werwölfe und Vampire geht, sondern es stattdessen beispielsweise Ifrits gibt und diese nicht romantisiert, sondern als Monster behandelt werden. Aber dass das Buch so langsam und zäh ist, dass so wenig passiert und es so lange dauert, bis die Handlung auch nur im Geringsten in Gang kommt, lässt mich leider eher negativ auf We hunt the Flame zurückblicken.

Cover des Buches Von Norden rollt ein Donner (ISBN: 9783406837364)

Bewertung zu "Von Norden rollt ein Donner" von Markus Thielemann

bstbsalat
Kurzmeinung: Viel Heimatgefühl und berechtigte Gesellschaftskritik - aber dann wollte der Autor wohl zu viel?
Viel Heimatgefühl und berechtigte Gesellschaftskritik - aber dann wollte der Autor wohl zu viel?

Von Norden rollt ein Donner: Ein Buch, das mir irgendwie schwer im Magen liegt. Ich habe die Leseprobe zur Zeit der Frankfurter Buchmesse 2024 gelesen und ich fand sie nicht schlecht. Aber das Buch hat sich nach einigen Kapiteln in eine Richtung entwickelt, die mir nicht recht gefallen will. 


Einerseits hat es mir großen Spaß gemacht, die detailreichen Beschreibungen der Heidegegend zu lesen, in der ich selbst groß geworden bin. Namen von Orten, von Geschäften, Sitten und Gebräuche und die Wortwahl der Erzählstimme haben viele Erinnerungen geweckt - nicht nur gute, aber Erinnerungen. Es werden viele Probleme mal mehr, mal weniger deutlich angesprochen - dazu später mehr -, die mich an meine Zeit in der Heimat zurückdenken lassen. Andererseits gibt es Elemente in der Erzählweise und auch in der Handlung selbst, aus denen ich irgendwie nicht schlau werde. Je weiter ich las, desto weniger verstand ich, was das Buch mir sagen möchte, und nach dem Epilog war ich einfach nur noch verwirrt. Vielleicht will das Buch zu viel?


Es geht gut los, mit dem jungen Schäfer Jannes, der zunehmend das Gefühl bekommt, mit seiner Berufswahl eine falsche Entscheidung getroffen zu haben und festzustecken, obwohl ihm sein Alltag in der Natur und mit den Tieren eigentlich ganz gut gefällt. Der sich um seine alternden Eltern und deren Gesundheitsprobleme sorgt, während er seine in die Stadt gezogenen Freunde und das gemeinsame Besäufnis vermisst. Der in Politikverdrossenheit abzurutschen droht und als Vermittler zwischen seinem im Eigensinn festgefahrenen Großvater und seinem optimistischeren, aber etwas zu verbissenen und gesundheitlich angeschlagenen Vater dient, während er nur spät realisiert, wie sehr seine Mutter doch den Laden am laufen hält - sowohl den Schäferhof, als auch die Familie. 


Es geht um Landflucht der "jungen Leute", um Unsichtbarkeit der eigenen Probleme gegenüber der Politik und das starke Gefühl von Machtlosigkeit auch Krankheiten gegenüber, es geht um die Rückkehr des Wolfes und um Anzeichen von Radikalisierung und Extremen im Zusammenhang mit Tradition und Rückschrittlichkeit. Es geht um die Kriegsgeschichte der Region. So weit, so verständlich und gut. 


Aber dann gibt es zunehmend Elemente, die mir das Lesen phasenweise vermiest haben. Ich störe mich nicht an der Erwähnung von regionaler Geschichte im Zusammenhang mit den Schrecken des Nationalsozialismus, mit dem nahegelegenen Konzentrationslager Bergen-Belsen oder den Fragen nach Verantwortung und Schuld, die junge Menschen gern ihren Großeltern stellen würden, die aber gern ignoriert, totgeschwiegen oder unwahr beantwortet werden. Es ist wichtig, solche Themen aufzuarbeiten, und das nicht nur in Sachbüchern. Auch die Schwierigkeiten innerhalb der Familie, mit mentaler Gesundheit, mit dem Abnehmen der körperlichen Fähigkeiten und dem schleichenden Verschieben von Verantwortlichkeiten - das sind wichtige Dinge, über die man sprechen sollte. Was mich stört ist ein einzelnes Kernelement, das grundlegend beeinflusst, WIE Thielemann diese Themen erzählt. 


Der nächste Abschnitt beinhaltet kleinere Spoiler. Danach geht es wieder spoilerfrei weiter. 




Die Krankheit der Großmutter (ich lese ihre Symptome als Demenz, weil mich viele Beschreibungen an die Erkrankung eines eigenen Familienmitglieds erinnern, ich kann allerdings auch falsch liegen) wird als Wahnsinn beschrieben. Jannes, die Hauptfigur, beginnt selbst aus dem Nichts zu halluzinieren. Er scheint sich an etwas zu erinnern, woran er sich nicht erinnern dürfte; an etwas, das lange vor seiner Geburt passiert ist. Er stückelt sich die Vergangenheit aus diesen Halluzinationen zusammen, die übrigens nie erklärt werden. Am Ende gibt es eine große Offenbarung, mit der scheinbar alles abgeschlossen werden soll, aber für mich bleibt viel zu viel offen. Woher kommen Jannes Aussetzer? Hat er einmal etwas gehört oder gesehen, sodass er quasi sein Langzeitgedächtnis anzapft und Informationen ausgräbt, die einfach nur lange vergessen waren? Anders ergibt es für mich keinen Sinn, aber es wird nicht aufgelöst. 




Ab hier ist meine Rezension wieder spoilerfrei!


Manche Szenen lesen sich wie ein Horrorfilm. Es hat mir nicht gefallen, diese Momente zu verfolgen, aber ich ziehe meinen Hut vor dem Autor und seinem Handwerk, denn die Übergänge sind fließend und mit den kurzen Sätzen, in denen der ganze Roman geschrieben ist, ist da durchgehend eine gewisse Spannung und Hektik trotz der Langsamkeit und Einfachheit des Großteils des Buches. Der Schnack, den die Figuren sprechen und denken und leben, war ziemlich nah an dem, was ich als Alltag und Lebensrealität daheim kenne. Der Ton ist also ziemlich gut getroffen und nicht so aufgetragen, wie es leider oft der Fall ist, wenn jemand über die Heide und ihre Menschen schreibt. 


Das Gesamtbild ist wirklich sehr stimmig und ich glaube, wenn der Autor dabei geblieben wäre, dann hätte mir Von Norden rollt ein Donner sehr viel besser gefallen: Einfache Menschen mit einem einfachen Leben, einem harten Beruf und vielen Hindernissen, die sie nicht selten der Raffgier von Politikern zu verdanken haben; Radikalisierung und Gewaltbereitschaft aus Machtlosigkeit und Nostalgie; Vergangenheitsbewältigung durch Schweigen, während man gleichzeitig auf andere Aspekte der Vergangenheit das Scheinwerferlicht richtet; Kontrollverlust durch Krankheit und Alter und die Machtlosigkeit, der eigenen Familie dabei zuschauen zu müssen; Selbstzweifel und Sorge vor dem Urteil anderer; die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne; und schließlich die Rückkehr des Wolfes und der Probleme, die er für diese einfachen Menschen und ihre Viehbetriebe mit sich bringt - es gibt so vieles, was hier gut erzählt oder zumindest angekratzt wird. Warum nun dieses eine Element, das oben im Spoilerabsatz konkret benannt wird, unbedingt nötig war: Ich weiß es wirklich nicht. 


Jannes hätte die Informationen, die er auf die oben beschriebene Weise erhält, auch anderweitig finden können. Es gibt sogar eine Szene, in der er eine alte Zeitung in einem Fotoalbum findet. Warum diese Art von Entdeckung der Vergangenheit nicht ausbauen? Warum musste der Autor Jannes Suche nach Erklärungen auf diese Weise darstellen? Es ergibt für mich keinen Sinn. Ja, natürlich macht dieses Element die Handlung spannend. Wie ich schon sagte, ich hatte stellenweise wirklich Horror-Vibes. Aber war das wirklich nötig, um diese Geschichte zu erzählen? Ich habe ständig versucht herauszufinden, ob es nun rational erklärbar ist oder ob wir es mit etwas Übernatürlichem zu tun haben. Und die fehlende Auflösung, woher das alles kam, ärgert mich wirklich. Genauso, dass es wieder verschwindet, so schnell wie es aufgetaucht ist - wieder ohne Erklärung. 


Ihr merkt, diese eine Sache, die ich nicht ohne Spoiler benennen kann, hat mich enorm gestört. Sie ist auch eigentlich das einzige, was mich richtig ärgert. Ja, der knappe und sprunghafte Schreibstil, der trotzdem voller Details und genauer Beschreibungen steckt, ist nicht unbedingt das, was ich gern und viel lese. Aber es passt zur Geschichte und zur Region. Beispielsweise die Beschreibungen der Schützenvereinsscheiben an der Hausfassade der ehemaligen Schützenkönige; die Fahrtroute über Kreuzungen und Landstraßen durch kahle Kiefernwälder; die gegenseitige Abneigung zwischen Forstwirten und Jägern; ein selbst gemaltes Plakat für die gemeinschaftliche Erniedrigung eines unverheirateten Dreißigjährigen durch Fegen; das Gefühl von undichten Regenstiefeln im Matsch - ich habe so viele eigene Eindrücke allein in der Sprache und den Beschreibungen des Autors wiedererkannt, und diese Szenen habe ich sehr gern gelesen. Wenn es nur dabei geblieben wäre ...


Es gefällt mir, dass in Von Norden rollt ein Donner die karge Heidelandschaft und ihre ebenso direkten Menschen nicht romantisiert werden. Der Verlag nennt das Buch bewusst einen Anti-Heimatroman (obwohl ich das gar nicht unbedingt so unterschreiben würde). Hermann Löns wird zusammen mit seinem Mythos kritisiert, Traditionen infrage gestellt, das immer gleiche Gerede und Prahlerei werden als solche bezeichnet und ja, auch die Beteiligung der Menschen aus der Heimat an Kriegsgräueln wird nicht schöngeredet, ganz im Gegenteil. 


Und doch fühlte es sich an wie nach Hause kommen, Von Norden rollt ein Donner zu lesen. 


Fazit


Ich bin froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und nach langer Zeit mal wieder einen Roman gelesen habe, der im deutschen Feuilleton gut ankam (normalerweise ist das ein Signal dafür, dass es mir unmöglich gefallen kann). Ich hatte Freude daran, literarisch in meiner Heimat und Kindheit unterwegs zu sein. Es hat mir gefallen, wie viele verschiedene Probleme, die gern unter einer dicken Schicht Idylle verborgen werden, hier zutage traten. Aber dann wollte der Autor ein bisschen zu viel, und dieses "zu viel" hat für mich viele der positiven Bestandteile so negativ beeinflusst, dass ich insgesamt mit einem mulmigen Gefühl auf Von Norden rollt ein Donner zurückblicke. 

Vielleicht muss ich es noch einmal lesen um zu verstehen, was der Autor sagen möchte; jetzt, da ich weiß, wie die Geschichte ausgeht. Ein gutes Buch muss für mich jedoch auch nach einem einzigen Lese-Durchgang bestehen können, und das sehe ich hier leider nicht.

Kurzmeinung: Gute Unterhaltung, etwas zu lang gestreckt
Gute Unterhaltung, etwas zu lang gestreckt

Ich wollte dieses Buch so sehr mögen! Leider trifft es nicht ganz meinen Geschmack. Es gibt ein paar Szenen, die mir richtig, richtig gut gefallen haben und mir auch die Tränen in die Augen treiben konnten, aber als Ganzes betrachtet ist You are my Hurricane leider nur guter Durchschnitt für mich. 


Das liegt einerseits an der Schreibweise, dazu später mehr. Wichtiger und in diesem Zusammenhang noch störender war für mich jedoch die fehlende Nachvollziehbarkeit der Chemie zwischen den beiden Hauptcharakteren. Es war, als wäre von jetzt auf gleich ein Schalter umgelegt worden und für "sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf" oder "ich liebe dich" gab es aus meiner Perspektive kaum eine Grundlage. Mir hat gefehlt, die sich langsam aufbauende Zuneigung zu sehen oder zumindest nach dem ersten Zusammenstoß einen allmählichen Wechsel von Feindschaft über Waffenstillstand zu Freundschaft. Nein, stattdessen fing Maeve schon beim ersten richtigen Treffen, bei dem sie eigentlich noch panisch und sauer ist, ohne erkenntlichen Grund bei jeder Kleinigkeit an zu kichern und fängt an zu verstehen, warum alle Frauen des Colleges auf Carter stehen, obwohl vorher ihr temperamentvolles und aufgebrachtes Verhalten Carter gegenüber beschrieben wurde.


Maeve hätte eigentlich eine meiner Lieblingsfiguren werden können, da ich mich oft auf die Seite der unterschätzten stillen Mädchen schlage, die in eine ungewohnte Situation stolpern und über sich hinauswachsen (müssen). Aber trotz des Traumas, das sie auf der High School erlitten und bis heute mit sich getragen hat, das ihren gesamten Alltag bestimmt und ihr besondere Verhaltensweisen antrainiert hat - trotz alledem findet sie sich enorm schnell in ihrer neuen Realität mit Carter an ihrer Seite und im Rampenlicht der Uni zurecht. Ich meine, schön, dass es ihr nach ein, zwei Panikattacken so leicht fällt, aber realitätsnah ist das meiner Meinung nach nicht unbedingt. 


Gefühlt von einem Kapitel aufs nächste switcht Maeves Grundeinstellung von "oh Gott, es darf von mir keine Spur im Internet geben und niemand am College soll auch nur wissen, dass ich existiere, sonst breche ich panisch in Tränen aus" hin zu "ja, ich lasse mich auf einer Footballmannschaft-Verbindungsparty volllaufen, tanze mit dem begehrtesten Typen der Uni vor aller Augen und lasse mich für große Ansprachen auf einen Beerpong-Tisch ziehen, bevor ich einer Social-Media-Kampagne zustimme, die mich ins Rampenlicht befördern wird". 


Carter dagegen hat es mir sehr viel mehr angetan - und das ist eine Seltenheit, denn die männlichen Hauptfiguren in Sport-Romances sind selten so richtig mein Fall. Am liebsten mag ich jedoch Isaac und Oliver, was mich dagegen wenig überrascht. Das Beste-Freunde-Paar, sozusagen die zweite Reihe hinter dem Hauptpaar, ist oft eines meiner Favoriten. 


Aber zurück zum Schreibstil, mit dem ich mich bis zum Ende nicht recht anfreunden konnte. Besonders gestört haben mich die vielen Wiederholungen (du bist mein Hurricane hier, er hat mich umgeworfen wie ein Hurricane da, zur Abwechslung gab es auch mal ein "wie ein Wirbelsturm", sie war mein Hurricane (ausnahmsweise in der Vergangenheitsform), die Football-Mannschaft heißt Hurricanes, und zum Ende hin gibt es dann tatsächlich auch einen echten Sturm, den unser Hauptpaar - natürlich - im Station der Hurricanes verbringen, - ich könnte diese Liste noch eine ganze Weile weiter fortsetzen). Irgendwann haben es auch die unaufmerksamsten Leser:innen verstanden, dass der Titel des Buches aufgegriffen wird... 


Schwach fand ich auch einige Momente, die scheinbar als überraschende Wendungen geplant, aber sehr vorhersehbar umgesetzt waren. Zum Beispiel ist die Person, die die Klatschseite der Uni betreibt, wie in der Serie Gossip Girl ein Geheimnis - aber als dieses endlich gelüftet wird, wird es total unspektakulär in zwei Sätzen abgehandelt, weil man es schon früh erahnen konnte. Oder es gibt plot holes, wie zum Beispiel die Sache mit Carters Vater: obwohl sein Vater eine solche Legende in dem Sport war, in dem Carter jetzt selbst aktiv ist, erkennt niemand seiner Teamkameraden den älteren Mann auf ihrem Sofa als einen der eigenen Kindheitshelden? 


Insgesamt habe ich mich von You are my Hurricane nicht schlecht unterhalten gefühlt, allerdings gab es so einige Durchhänger sowohl auf inhaltlicher als auch auf stilistischer Ebene, die mir die Freude am Lesen etwas vermiest haben. Ich glaube, 100 Seiten weniger hätten dieser College-Romance gut getan. 


Ein letzter Satz zum Cover: Das passt ziemlich gut, denn Carter schleppt Maeve tatsächlich öfter mal über seine Schulter geworfen herum. Meistens übrigens gegen ihren Willen.

Cover des Buches Das Reich der Verdammten (ISBN: 9783596700424)

Bewertung zu "Das Reich der Verdammten" von Jay Kristoff

bstbsalat
Kurzmeinung: Interessante Fortsetzung, aber viel zu zäh und langsam erzählt
Interessante Fortsetzung, aber viel zu zäh und langsam erzählt

Genau wie in Band 1 ist die Welt von Gabriel de Leon und seinen Verbündeten von Gewalt, Schmerz und Verzweiflung geprägt. Es gibt ab und zu kleine, zarte Hoffnungsmomente, die uns nur wenige Kapitel später wieder schmerzlich entrissen werden. Der Untertitel "A Tale of Pain and Hope" passt also wie die Faust aufs Auge. Auch der Titel selbst, Das Reich der Verdammten, findet seine Berechtigung, denn Gabriel muss anscheinend immer wieder aufs Neue lernen, dass die Herrschaft eben nicht mehr bei den Menschen liegt, sondern dass die Verdammten und Vampire das Sagen und damit einen gewaltigen Machtvorteil haben. 


Diors Entwicklung hat mir gut gefallen. Sie wächst oft über sich selbst hinaus, übernimmt Verantwortung und hilft, wo sie nur kann. Gabriel wird mir dagegen immer unsympathischer, und ich bin fast überzeugt, dass der Autor genau das erreichen wollte. Phoebe mausert sich zu einer Favoritin und überraschend steigt auch die Person, die im Klappentext Liathe genannt wird, in meiner Achtung. Und sogar der Chronist, der diese ganze Geschichte in Form einer Rahmenerzählung niederschreibt und einhakt, wenn sein Interviewpartner zu sehr abschweift oder Details auslässt, wird in diesem zweiten Band der Trilogie zu einer interessanten Figur, dessen Rolle mich mehr und mehr interessiert. 


Jay Kristoff ist gut darin, Sympathien zu Personen aufzubauen, die dann kurz darauf niedergemetzelt werden, oder Hoffnung zu erzeugen, damit der niederschmetternde Verlust nur noch furchtbarer erscheint. Verrat wird in dieser Geschichte spärlich, aber umso herzzerreißender eingesetzt. Vor diesem Autor und seinem handwerklichen Geschick muss man daher wirklich den Hut ziehen. 


Aber wie auch schon im ersten Teil hat es meine Lesefreude enorm beeinträchtigt, wie lang Das Reich der Verdammten wurde (und dass, obwohl ich eigentlich sehr gern sehr lange Bücher lese). Ich habe nicht nur das Buch gelesen, sondern zwischenzeitlich sogar das Hörbuch (mit erhöhter Geschwindigkeit) gehört, um möglichst viel Zeit auch unterwegs oder bei Tätigkeiten, die nur meine Hände, nicht aber meinen Kopf erforderten, mit dieser Geschichte zu verbringen und endlich in der Handlung voranzukommen. Ich kann, ebenfalls wie in meiner Rezension zum ersten Band, nicht einmal über Leerlauf klagen, der durch die schiere Länge des Buches entstanden wäre, denn es passiert ja immer etwas. Bis auf einige Szenen voller Begehren und Körperlichkeit, die man sich auch hätte sparen oder deren Anzahl man zumindest hätte reduzieren können, gab es nichts, was ich wirklich überflüssig fand. 


Und trotzdem ist diese Geschichte viel zu oft zäh und langsam, weshalb ich selten mehr als nur ein paar Kapitel am Stück lesen konnte, ohne die Lust zu verlieren. 


Rückblickend habe ich vor dem Schreiben dieses Beitrags versucht aufzuzählen, welche wichtigen Etappen Gabriel, Dior und ihre wechselnden Gefährten in diesem Band geschafft haben - und es fiel mir schwer, mich an alle zu erinnern, so sehr gingen sie unter in dem immer gleichen Gemetzel, in Schlachten, vulgären Ausschweifungen und alkoholisierten Gewaltfantasien des arroganten Erzählers. Ja, das entspricht dem Charakter des Antihelden, unserer Hauptfigur. Ja, es gehört auch generell irgendwie zu Kristoffs Büchern. Aber es hat mich noch nie so sehr genervt wie hier. 


Die Szenen, die mir am besten gefallen haben, die mir am lebendigsten in Erinnerungen geblieben sind, waren diejenigen, in denen die Handlung überraschte, zum Beispiel durch die Offenbarung eines furchtbaren Verrats oder die Erkenntnis, einen grauenhaften Fehler begangen zu haben. Viel häufiger kam diese angenehme Überraschung aber durch kurzweilige Unterbrechungen des altbekannten Musters: Momente des Vertrauens, das Entdecken fremder Kulturen, die Erkenntnis von unerwarteten Verbündeten, das Aufdecken eines neuen Geheimnisses. 


Natürlich gibt es auch hier wieder einen fiesen Cliffhanger, weshalb ich neugierig bin, was nun wirklich die Wahrheit ist, wer auf wessen Seite steht, welche Geheimnisse und Intrigen noch unaufgedeckt geblieben sind. Aber ich fürchte, mit dieser Fortsetzung hat Kristoff meinen persönlichen Geduldsfaden etwas überspannt. Vielleicht wird es mir reichen, eine Zusammenfassung von Band 3 oder die Rezensionen anderer Lesenden zu verfolgen, um mit dieser Trilogie abzuschließen. Ob ich zum Erscheinen des finalen Bandes noch einmal 1000 Seiten voller Gewalt und Düsternis lesen möchte, nur um mich an immer weniger Lichtblick-Momenten entlang zum Ende zu hangeln, bezweifle ich.

Cover des Buches Children of Blood and Bone (ISBN: 9783596712168)

Bewertung zu "Children of Blood and Bone" von Tomi Adeyemi

bstbsalat
Kurzmeinung: Zornig und magisch - aber der Schreibstil holt mich nicht ganz ab
Zornig und magisch - aber der Schreibstil holt mich nicht ganz ab

Wieder einmal frage ich mich rückblickend, was mich so lange davon abgehalten hat, ein Buch zu lesen. Children of Blood and Bone steht seit Jahren auf meiner "unbedingt irgendwann lesen"-Liste und als es bei NetGalley angeboten wurde, habe ich nicht lange überlegt. Umso länger lag es dann einfach da, weil bei mir die Luft raus war und ich mich lieber mit klarem Kopf in eine neue Geschichte stürze als mich in Momenten der Leseflaute durch ein Buch zu quälen - denn dann kann es mir eigentlich gar nicht gefallen. Nun habe ich innerhalb einer Woche diesen ersten Band der Trilogie verschlungen und bin sehr neugierig, wie es mit Zélie, ihren Begleiter*innen und der Magie weitergeht. 


Ich hatte eine gewaltige (und gewalttätige) Geschichte erwartet, voller Mut und Abenteuer und vor allem voller Zorn. Zorn auf die Welt, die Machtungleichheiten nicht nur ermöglicht, sondern geradezu fördert; Zorn auf die Unterdrücker und die Grenzen der eigenen Fähigkeiten. Dazu eine kleine Prise Romance und eine große Prise Magie. Dieses Mal wurden meine Erwartungen genau getroffen, aber um eine fantastische Welt ergänzt. 


Zélie war mir sofort sympathisch, blieb es aber nicht durchgehend. Manchmal trifft sie Entscheidungen oder lässt durch ihre inneren Monologe Einblicke in Gedankengänge zu, die mir unlogisch erscheinen und die oft auch Konsequenzen haben. Aber hey, sie ist ein Teenager. Dass ich aus meiner Perspektive anders denke als sie, das ist wohl kaum verwunderlich. Am meisten gestört hat mich an Zélie, dass sie immer wieder an sich zweifelt, was ihr aber von vielen Menschen mal mehr, mal weniger metaphorisch eingeprügelt wurde. Es wäre schön gewesen, wenn sie diesen angelernten "Makel" mit der Zeit ablegen würde. Ich hoffe, das tut sie in den Fortsetzungen. Zélie ist ein junges Mädchen der untersten Gesellschaftsklasse, dass sogar zum eigenen Bruder eine riesige Distanz auf Ebene der Wertschätzung und Anerkennung empfindet. Sie fühlt sich von so gut wie allen Menschen verraten und verfolgt, was von der Realität gar nicht so weit entfernt ist. 


Amari ist für mich eine angenehmere Protagonistin gewesen. Sie kommt direkt aus dem Palast, hat in Wohlstand gelebt, was aber in ihrem Fall gleichbedeutend mit einem goldenen Käfig und Einsamkeit ist. Amari fühlt sich mit ihrer Dienerin verbundener als mit ihrer eigenen Familie und nutzt eine flüchtige Chance, um diesem Leben zu entkommen - und um genau für die eine Sache zu kämpfen, die ihr eigener Vater mit Mord und Genozid unterdrückt. Dabei wächst sie immer wieder über sich selbst hinaus und legt dabei eine spürbare Entwicklung hin. Im Vergleich zu Zélie, die am Ende innerlich noch etwa genauso aussieht wie am Anfang - "nur" ein bisschen traumatisierter -, ist Amari quasi ein neuer Mensch. Das zu verfolgen war richtig toll. 


Inan, der einzige männliche Protagonist, aus dessen Perspektive einige Kapitel erzählen, ist meiner Meinung nach im Vergleich mit den Mädchen eine komplexere Figur: Zélie ist zornig, verletzt und auf Rache, später auch auf ein größeres Ganzes aus. Amari ist kurz davor gebrochen zu werden und flieht ins Exil, bevor sie ihre gesamte Haltung auf Rebellion und Angriff ausrichtet. Und ihr Bruder Inan? Er ist der treue Soldat, der gute Sohn des grausamen Königs, der die Lehren seines Vaters gehorsam umsetzt und an dessen Wahrheit glaubt. Der Krieger, dem der Boden unter den Füßen wegbricht, als seine Augen für die Realität geöffnet werden und er ins Zweifeln gerät. Der versucht, eine neue, eigene Wahrheit zu finden, eine Seite zu wählen und der immer wieder von äußeren Einflüssen in verschiedene Richtungen gelenkt wird. Man könnte Inan als wankelmütig beschreiben und würde damit nicht falsch liegen. Wenn man aber berücksichtigt, wie blind er lange Zeit gewesen ist für die Ereignisse außerhalb des Palasts und wie sehr ihn die hasserfüllten Worte seines Vaters ausfüllten, wie sehr er danach strebte, dessen Anforderungen gerecht zu werden, dann verändert und entwickelt sich Inan im Verlauf der Geschichte am meisten. Und doch bleibt Amari meine Favoritin.


Besonders wird diese bekannte Geschichte von Macht, Unterdrückung und Rebellion durch die Magie. Gewährt durch Götter, erweckt durch Beschwörungen und anhaltenden Glauben und vernichtet - zumindest vorübergehend - durch einen machtgierigen Sterblichen. Viele Elemente dieser Magie sind mit Kulturen verknüpft, die mir fremd sind und damit eine ganz eigene Welt in meinem Kopf entstehen ließen. Soweit ich herausfinden konnte, hat sich die Autorin von westafrikanischen Mythen inspirieren lassen und direkte Bezüge auf die Kultur der Yoruba eingesetzt, zum Beispiel in der Sprache der Magiebeschwörungen. Ich konnte schon viele verschiedene Magie- und Glaubenssysteme in den unterschiedlichsten Büchern kennenlernen: Children of Blood and Bone ist in dieser Masse für mich, für den Moment, einzigartig. (Zugegeben, ich habe bisher wenig gelesen, das sich auf afrikanische Kulturen bezieht. Dieses Buch verdeutlicht für mich, dass sich daran etwas ändern sollte.)


Children of Blood and Bone hat glasklare Messages zum Thema Rassismus und Colorismus, die allerspätestens im Nachwort der Autorin deutlich werden sollten. Dort verbindet sie einzelne Storyelemente mit Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA, mit der Black Lives Matter Bewegung, und benennt konkrete Schwarze Opfer dieser Gewalt. 


Obwohl mir die Geschichte richtig gut gefällt und ich große Freude daran hatte, den Figuren bei ihrer Entwicklung zuzuschauen, stört mich leider genau das etwas: Ich blieb Zuschauerin. Es fühlte sich nicht wirklich an, als ob ich Zélie, Amari, Tzain und Inan begleite, sondern als ob ich im Nachhinein ihre Geschichte erzählt bekomme. Das kann natürlich auch damit zu tun haben, dass ich Weiß bin und die Figuren Schwarz sind. Ich führe es aber vielmehr auf die Erzählweise zurück, die mich trotz aller Emotionalität doch etwas auf Distanz hielt. Manchmal waren die Details zu ausschweifend, sodass ich auch mal eine Seite zurückblättern musste, um den roten Faden wieder aufzugreifen. Manchmal passierte etwas mit einer Figur und es war mir total egal, weil ich vorher nicht genug Zeit mit ihr verbracht hatte, um sie besser kennenzulernen und Nähe aufzubauen. Manchmal ging es dann wieder so schnell, dass ich das Gefühl hatte, etwas Wichtiges übersprungen zu haben.  


Fazit

Insgesamt ist Children of Blood and Bone genau wie ich erwartet habe und mehr: Zornig. Hoffnungsvoll. Magisch. Mystisch. Rebellisch. Es hat mir gut gefallen, den drei Held*innen auf ihrer Reise zu folgen und Einblicke in diese Fantasy-Version der Yoruba-Kultur zu erhalten. Leider hat mich der Schreibstil unterwegs öfter kurz verloren. Ich bin deshalb sehr gespannt, wie die Geschichte weitergeht und schließlich endet, aber bis zum Lesen der Fortsetzung wird wohl erneut etwas Zeit vergehen.

Cover des Buches Junge sein … (ISBN: 9783949545849)

Bewertung zu "Junge sein …" von Karim Ouaffi

bstbsalat
Kurzmeinung: Endlich einmal gute Aufklärung für Jungs - aber sprachlich anspruchsvoll für das empfohlene Alter.
Endlich einmal gute Aufklärung für Jungs - aber sprachlich anspruchsvoll für das empfohlene Alter

Es gibt so viele Bücher, die jungen Frauen und Mädchen erklären, wie sie sich an das Patriarchat anpassen können, und gleichzeitig verdeutlichen, dass sie das eigentlich nicht müssten - aber Bücher, die jungen Männern und Jungs erklären, wie sie verhindern können, selbst zur Gefahr für Mädchen und Frauen zu werden, sehe ich viel zu selten. Besonders solche, die die Welt nicht einfach schwarz-weiß malen. Deshalb war es gar keine Frage, OB ich "Junge sein ..." lesen würde, sondern WANN. Ich habe einen zwölfjährigen Neffen, dem ich gern dabei helfen möchte, ein respektvoller und toleranter junger Mann zu werden, und hatte vor dem Lesen die Hoffnung, mit diesem Buch einen neuen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu schaffen. 


Comics


Kurz gesagt wurden meine Erwartungen allesamt getroffen. Vom Zeichenstil bin ich persönlich kein großer Fan, aber das ist für mich kein Hindernis, um das Buch als solches gut zu finden. Die Grundidee, komplexe Themen wie Trauer, toxische Männlichkeit, Feminismus, Patriarchat, Privilegien, Sexualität, Gewalt, Sucht nach Pornografie und noch viel mehr in kurzen Comics darzustellen, die den Alltag der jungen Lesenden abbilden und diese Geschichten dann mit Sachkapiteln zu vervollständigen - das gefällt mir richtig gut. Positiv aufgefallen ist mir auch, dass diese Geschichten von denselben Charakteren handeln: Zwar ändern sich die Hauptfiguren und damit die jeweilige Erzählperspektive, aber die Gruppe, die Schulklasse bleibt gleich. Neben all den individuellen Problemen und Gedanken wird damit auch in den Fokus gerückt, dass man eben nicht weiß, was beim Gegenüber gerade so los ist und man entsprechend respektvoll miteinander umgehen sollte - und dass eine Person tausend Dinge auf einmal beschäftigen können. 


Sachkapitel


Während viel Gewalt thematisiert wird - körperliche, aber vor allem auch Mobbing - war mir das Sachkapitel, das auf den Comic mit einem trans* Jungen als Hauptperson folgte, etwas zu kurz bzw. oberflächlich in Bezug auf dieses Thema. Darin geht es um Feminismus, Frauenbewegungen, positive Männlichkeit und geschlechtsspezifische Gewalt, aber "trans* sein" kam nur als Randnotiz vor. Das finde ich sehr schade, weil gerade trans* Personen aktuell eine so vulnerable Gruppe darstellen und hier eine Chance verpasst wurde, die jüngeren Generationen darüber aufzuklären, was der Begriff "trans*" eigentlich bedeutet und warum trans+ Personen solcher Hetze ausgesetzt werden. Der Comic selbst zeigt das Mobbing, mit dem die Hauptfigur täglich konfrontiert wird.


Die Sachkapitel finde ich davon abgesehen inhaltlich überwiegend großartig - genau wie die Tatsache, dass die Zahlen, die darin genannt werden, am Ende des Buches mit Quellenangaben verknüpft werden. Es wird auf sexuellen Konsens eingegangen und auf Vergewaltigung ("Nein heißt Nein, und kein Ja heißt auch Nein."), auf die Verharmlosung (männlicher) Gewalt (wobei konkrete Adressen für Hilfesuchende genannt werden), darauf, dass Pornos unrealistische Erwartungen erzeugen und darauf, dass natürlich auch Männer weinen dürfen, es sogar sollten, und dass Gefühle nicht durch Gewalt ausgedrückt werden dürfen. Die Illustrationen lockern diese Kapitel gut auf, sodass sie trotz der großen Informationsflut nicht überwältigend sind. Auch die farbige Codierung der Kapitel, passend zum jeweils zugehörigen Comic, gefällt mir gut. Es wird sehr viel sehr wichtiges Wissen vermittelt und dabei überwiegend großes Fingerspitzengefühl bewiesen.


Sprache und Zielgruppe


Worüber ich beim Lesen aber konstant gegrübelt habe, ist die Zielgruppe von "Jungs sein ...". Laut VLB-Tix und den gängigen Onlineshops richtet sich das Buch an Dreizehnjährige. Auf der Verlagsseite finde ich keine Information darüber - vielleicht hat man sich bewusst dagegen entschieden. Ich selbst stehe dieser Einordnung nämlich etwas zwiegespalten gegenüber, denn: Einerseits finde ich 13 Jahre ziemlich spät, um Jungs zu erklären, dass sie andere nicht mobben oder schlagen sollen, dass sie weinen dürfen und das sie ein Nein unbedingt zu akzeptieren haben. Gleichzeitig verwendet "Junge sein ..." so viele Fachbegriffe oder "erwachsene" Formulierungen, dass wahrscheinlich selbst Sechzehnjährige an einigen Stellen erst einmal recherchieren müssen. Es wird zwar viel erklärt, aber trotzdem ist das Level der Sprache ziemlich hoch.


Ein Beispiel aus dem Kapitel zum sexuellen Konsens (S. 130): "Bedränge die andere Person niemals! Wenn die Person gerade viel zu tun hat, mit Freund*innen oder mit ihrer Arbeit beschäftigt ist, ist es womöglich nicht der beste Zeitpunkt, ihr deine Gefühle zu gestehen. Du musst ihre Privatsphäre respektieren. Wenn die Person dir zugehört hat, aber kein Interesse an dir hat, ist das zwar enttäuschend, aber ihre Entscheidung. Es ist sehr wichtig, das zu akzeptieren und sie nicht weiter zu bedrängen. In diesem Zusammenhang müssen wir unbedingt über Konsens (auch: Einvernehmen) sprechen."


Was ist "Privatsphäre"? Was ist "Konsens" oder "Einvernehmen"? Und, vielleicht am wichtigsten an dieser Stelle: Wie wird "bedrängen" definiert? Mir ist das klar. Ich bin alt genug, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wenn ich mir aber vorstelle, dass eine Person, die wahrscheinlich in die siebte oder achte Klasse geht, mit diesem Buch gerade erst richtig lernt, ein Nein als solches zu akzeptieren (was ich, wie gesagt, sehr spät finde), dann fehlt es hier an weiteren Erklärungen. Zum Beispiel, dass ein Nein zu akzeptieren bedeutet, bei einer Ablehnung nicht beleidigend zu werden und vielleicht auch heißt, dass man von der anderen Person weggehen sollte. Oder was genau in die Privatsphäre fällt. Was genau Einvernehmlichkeit heißt und wie sie ausgedrückt werden kann - nicht nur, was NICHT Konsens ist. Ich sehe so oft Männer, die nicht merken, dass sie gerade jemanden belästigen, weil sie ein vollkommen anderes Verständnis von "bedrängen" haben als ihr Gegenüber. Wie sollen Jungs denn lernen, wo die Grenzen verlaufen, wenn selbst aufklärende Bücher wie dieses, die so vieles richtig machen, diese nicht erklären und benennen? 


Erst vor wenigen Tagen habe ich ein Video gesehen, in dem eine Mutter mit ihrem weiblichen Kleinkind spielerisch den Unterschied zwischen "good touch" und "bad touch" übt, damit dieses im Fall der Fälle ein Problem erkennt, sich wehren und es vor allem als solches benennen kann. Eine extrem frühe Form von Unterricht in body autonomy und Selbstverteidigung. Wenn Mädchen in einem Alter, in dem sie kaum ganz Sätze formulieren können, verstehen können, was eine freundliche Berührung ist und was "bedrängen" (auch, wenn sie den Kontext noch nicht kennen), dann darf man Jungs mit 13 Jahren auch zutrauen, diese Unterschiede zu lernen, ohne verwaschene allgemeine Formulierungen zu verwenden oder sich komplett auf anschließende Gespräche mit Erwachsenen zu verlassen. So werden Vergewaltigungen zwar in mehreren Sachkapiteln erwähnt, aber ausgerechnet auf der Seite über sexuellen Konsens nicht explizit als zu vermeidende Grenzüberschreitung benannt. Stattdessen ist dort von "überreden" und "beharren" die Rede.


Möglicherweise schaue ich bei Formulierungen und Wortwahl etwas präziser hin als andere, weil ich eine Sprachwissenschaft studiert habe und weiß, welche Möglichkeiten es gibt. Meiner Meinung nach hätte man manches schlicht etwas ausführlicher erklären können, um Missverständnisse zu vermeiden oder etwas besser zur Zielgruppe passend formulieren können. Es ist für mich nicht möglich zu beurteilen, ob diese Schwierigkeit durch die Übersetzung aus dem Französischen entstanden ist oder ob es im Original genauso ist. Ein paar Seiten mehr Platz für vollständigere Erklärungen hätten "Junge sein ..." vielleicht gut getan, und ob das Buch nun 178 Seiten oder 199 Seiten hat, das macht kaum einen Unterschied. 


Anschlusskommunikation


Aus diesen Gründen kommt "Junge sein ..." wie alle anderen Aufklärungsbücher, die ich bisher kennengelernt habe, nicht ohne Anschlusskommunikation aus. Das bedeutet, dass die Jugendlichen nach dem Lesen des Buches neue Fragen haben werden, die beantwortet werden sollten - und das im Idealfall nicht von Männern im Internet, sondern von Personen aus ihrem persönlichen Umfeld. Viele der hier angesprochenen Themen sind gewaltvoll und auch, wenn das Buch Selbstzweifel und Sorgen mindern möchte, so bietet "Junge sein ..." einfach nicht genug Raum, um das wirklich umfassend zu tun. Es wird vieles angestoßen und die Gedanken werden in Richtung eines gesunden Selbstbildes gelenkt. Ohne weiterführende Gespräche wird der gewünschte Lerneffekt aber meiner Meinung nach kaum im vollen Umfang zu erreichen sein. 


Fazit


"Junge sein ..." ist extrem aktuell, beinhaltet viel Fingerspitzengefühl bei Themen wie Emotionalität und Selbstbewusstsein und spricht viele weitere wichtige Dinge an. Meiner Meinung nach hätte man noch sorgfältiger erklären und stellenweise weniger komplizierte Vokabeln verwenden können (oder die Fachbegriffe etwas besser erklären). Die Comics als Einleitung in ein neues Sachkapitel haben super funktioniert, auch wenn mir persönlich der Zeichenstil nicht so gut gefällt. Da "Junge sein ..." Teil einer Reihe von Büchern ist, die sich mit verschiedenen Problemen von Kindern beschäftigt (zum Beispiel Fluchterfahrungen oder Körperlichkeit von Mädchen), werde ich mir diesen Verlag bzw. diese Reihe mal genauer anschauen. 


Ich hatte ja eingangs meinen Neffen erwähnt und dass ich gehofft hatte, mit "Junge sein ..." ein Buch gefunden zu haben, das ihm die richtige Richtung weisen kann, wenn er mit mir oder anderen Erwachsenen nach dem Lesen darüber spricht und seine Fragen stellen kann. Ich glaube, das ist tatsächlich der Fall, und freue mich auf den Erscheinungstermin.

Cover des Buches Evas Mann (ISBN: 9783985680528)

Bewertung zu "Evas Mann" von Gayl Jones

bstbsalat
Zermürbend

Oh boy. Evas Mann ist wirklich nichts, was man mal eben zwischendurch liest. Trotz der nicht einmal 200 Seiten habe ich viele Wochen gebraucht, um diese Geschichte zu lesen, zu verstehen, zu verarbeiten und dann Worte für diese Rezension zu finden.

Das Buch enthält anfangs eine Triggerwarnung, die ich aus naheliegenden Gründen hier zitiere:


Der vorliegende Roman erschien erstmals 1976 in den USA. Er enthält explizite Darstellungen von körperlicher, mentaler und sexualisierter Gewalt. Die Autorin bedient sich einer zeithistorischen Umgangssprache, die rassistische oder diskriminierende Ausdrücke gebraucht. Verlag und Übersetzerin haben entschieden, diese dem Ausgangstext gemäß ohne Kennzeichnung wiederzugeben.


In meiner Rezension beziehe ich mich konkret auf einige dieser Gewaltszenen.


Schreibstil und Sprache

Evas Mann ist eines dieser Bücher, die mich im Nachhinein wünschen lassen, ich hätte mich nicht nur vom Klappentext überzeugen lassen, sondern auch die Leseprobe gelesen. Ich hatte ja keine Ahnung, was ich unter der „zeithistorischen Umgangssprache“ zu verstehen hatte – und auch diesen Hinweis bekam ich erst nach Öffnen des Buches in der oben zitierten Triggerwarnung. Es ist schwer zu sagen, ob ich mich gegen das Lesen entschieden hätte, wenn ich vorab den Schreibstil gekannt hätte. Angenehm zu lesen war dieser nämlich absolut nicht. Aber das soll er wohl auch nicht sein: Sich durch die mal längeren, mal kürzeren Kapitel durchzubeißen, dranzubleiben und sprachliche Stolpersteine zu überwinden ist nach meiner Interpretation ein gewollter Teil der Lektüre.

Ich persönlich mag Bücher, sowohl Romane als auch Sachbücher, die sich einfach so herunterlesen lassen. In der Uni habe ich genug Fachtexte durcharbeiten müssen, um die Leichtigkeit eines flüssigen Schreibstils ohne unnötig komplizierte Vokabeln und sperrig konstruierte Sprachgebilde schätzen zu lernen. Evas Mann ist deshalb für mich ein merkwürdiges „Sowohl-Als auch“, denn: Die Sätze sind kurz, die Sprache einfach, der Satzbau nicht zu kompliziert. Und doch war der Text für mich stellenweise extrem zäh.

Das hängt zum größten Teil mit der oft vulgären Umgangssprache zusammen. Der rationale Teil meines Gehirns versteht, warum man sich dafür entschieden hat, aber ein anderer Teil, der einfach das Buch lesen wollte, um der Geschichte zu folgen, der hat sich etwas darüber geärgert. Im Vergleich zu deutschen Jugendbüchern, deren erwachsene Autoren (bewusst nicht gegendert, es sind meiner Erfahrung nach meistens Männer) betont Wörter und Formulierungen aus der Jugendsprache verwenden, um „hip“ oder möglichst authentisch zu wirken, womit sie leider eher das Gegenteil erreichen – in diesem Vergleich steht Evas Mann ziemlich gut da.

Aus meiner sehr deutschen, sehr weißen Laien-Perspektive aus der heutigen Zeit kann ich natürlich schwer die Authentizität der hier dargestellten Umgangssprache unter Schwarzen Menschen in den Südstaaten der USA in den 1960ern und 70ern beurteilen. Basierend auf allen Filmen, Dokus, Wissensfetzen über diese Zeit und diese Region, die ich bisher kenne, würde ich es trotzdem als passend beschreiben. Passend, aber eben mühsam zu lesen.

Wie im Klappentext erwähnt kreisen Evas Gedanken während ihrer Inhaftierung im Rückblick um die Männer, die ihr Schreckliches angetan haben. Das „kreisen“ ist wörtlich zu nehmen: Es wird zwar im Großen und Ganzen chronologisch erzählt, dabei jedoch immer wieder in kurzen Absätzen eine frühere Erzählung aufgegriffen oder ein einschneidender Moment wiederholt. Es gab auch Vorausgriffe auf spätere Ereignisse. Durch diese vielen, oft sehr kurzen Absätze war nicht immer erkennbar, in welcher Phase von Evas Leben man sich eigentlich gerade befindet, und erst in den kurzen Rückblick-Abschnitten späterer Kapitel fällt ein Schlüsselwort, das eine zeitliche Einordnung eines viel früher erwähnten Moments erlaubt.

Ich bekam dadurch ein, zwei Mal das Gefühl, einer persönlich erzählten Geschichte zu lauschen: „Und dann ist mir das passiert. Weißt du noch, ich hatte ja vorhin diese Person erwähnt – die wird jetzt wichtig. Damals hatte diese Person das hier gemacht, und jetzt hat sie sich so verhalten. Und dieser andere Typ? Der kommt erst später vor, aber merk‘ dir schon mal, dass ich ihn in diesem Zusammenhang erwähnt habe.“

Inhalt

Die Triggerwarnung eingangs erwähnt Gewalt in vielen Formen. Das würde ich doppelt unterstreichen und am liebsten ein Leuchtreklameschild danebenstellen! Einen so gewaltvollen Text habe ich lange nicht gelesen – und das sage ich, nachdem Die Furien. Frauen, Rache und Gerechtigkeit erst wenige Wochen her ist. Evas Leben ist von Anfang an durchzogen von Grenzüberschreitungen, körperlicher und sehr viel psychischer Gewalt. Meist an ihr selbst, oft gegenüber ihrer Familie, meist sind Frauen die Opfer. Es sind Menschen, die ihr sehr nahestehen und vollkommen Fremde. Eva existiert, also ist ihr Körper zum Benutzen da.

Um ein Beispiel zu nennen, das ich so gerne aus meiner Erinnerung streichen würde: ein Nachbarsjunge, einige Jahre älter als Eva und nicht ihr Freund, befummelt sie noch als Kind im Treppenhaus. Das reicht ihm aber nicht. Er stochert mit dem Plastikstiel eines Lutschers in ihrer Vagina herum, sodass sie noch am nächsten Tag blutet. Und er will das wiederholen. Das ist Evas erste Erfahrung mit intimer Gewalt.

Oder ein anderes Beispiel: Der Freund ihrer Mutter legt sich selbst Evas Hand in den Schritt, als sie ihre Hausaufgaben macht. Sie flieht in die Küche zu ihrer Mutter und erzählt ihr zwar nichts davon, aber macht ihr Unbehagen deutlich. Er interpretiert das als „du wolltest es doch auch und es geht dir bestimmt ebenso wenig wie mir aus dem Kopf“ und macht Wochen später noch weitere Versuche.

Die Frauen in Evas Leben haben ähnliche Erfahrungen gemacht und können ihr kaum helfen. Sie versuchen es zwar einige Male erfolgreich, das kleine Mädchen und später die junge Frau aus Gefahrensituationen zu retten oder ihr Tipps zu geben, wie sie reagieren sollte, was vermieden werden muss, aber auch das ist nur eingeschränkt möglich, weil diese Schwarzen Frauen selbst so eingeschränkt sind und bedroht werden.

Bei all der körperlichen Gewalt, die teilweise extrem explizit beschrieben wird, macht mir die psychische Ebene am meisten zu schaffen. Die absolute Hilflosigkeit. Die Unmöglichkeit, sich selbst auszudrücken, ohne missverstanden zu werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der Männer und Jungs die teilweise um Jahrzehnte jüngere Eva als Besitz betrachten und entsprechend behandeln (wollen). Die Machtlosigkeit der Polizei gegenüber, die Unmöglichkeit der Verteidigung. Und wieder, das Gefühl, allein dazustehen und einfach nur hilflos zu sein. Das Gefühl, nach den Regeln anderer spielen zu müssen, sich selbst zu verraten, jeglichen Drang zur Verteidigung aufgeben zu müssen, um schlicht zu überleben. Dieses Gefühl durchzieht das gesamte Buch und ja, da stimme ich dem Verlag zu: „Diesen Roman vergisst man nicht.“

Mehr

Gut gefallen hat mir das Nachwort der Übersetzerin, in dem einige kulturelle Bezüge und wiederkehrende Motive erklärt werden. Beim Lesen war es mir selbst gar nicht so sehr aufgefallen, aber rückblickend konnte ich durchaus erkennen, dass Blicke und Augen eine große Rolle spielen: unter ständiger Beobachtung stehen, mit Blicken ausgezogen werden, der Ausdruck in den eigenen Augen wird als Interesse fehlinterpretiert. Vielleicht wirbt der Verlag auch deshalb mit dem Bezug auf den Medusa-Mythos? Auch genannte Songs oder Künstler:innen werden kontextualisiert. Das hat mir ein umfassenderes Bild der Geschichte gegeben.

Der Titel Evas Mann lässt mich grübeln. Die Hauptfigur Eva wird zwar genannt, aber eigentlich steht der Mann, den sie getötet hat, im Vordergrund. Stellvertretend für all die anderen Männer, die versucht haben, Eva klein zu machen. Es geht immer um den Mann, nicht um die Frau. Auch die Geschichte selbst hat einen enormen Fokus auf die Männer. Ich hatte ja erwähnt, dass die Frauen Eva nur bedingt helfen können. Wenn Evas Mann Hoffnung machen wollte, dann würde es mehr Szenen unter Frauen geben oder mehr Momente, in denen Frauen und Mädchen Hilfe bekommen. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen sehe ich Evas Mann eher als düsteres Abbild einer grausamen Realität und weniger als Darstellung eines möglichen Auswegs.

Fazit

Für mich ist Evas Mann eine zermürbende und unfassbar bedrückende Geschichte einer Frau, die auf alle nur erdenklichen Weisen gebrochen wurde und irgendwann die Reißleine zieht – nur um weiterhin als Objekt und nicht als Person betrachtet zu werden, die eigene Entscheidungen treffen, geschweige denn sich wehren kann oder vielmehr darf. Das Lesen hat mir keine Freude bereitet und ich wurde nicht unterhalten, aber das ist auch nicht Ziel des Buches. Evas Mann will aufrütteln, will schon die kleinen Übergriffe aufzeigen und verurteilt die männlich-weiß orientierte Gesellschaftsstruktur, durch die all die großen Übergriffe und Gewalttaten erst möglich werden.

Und dass seit dem ersten Erscheinen im Jahr 1976 dieses Buch immer noch so aktuell ist, die Probleme immer noch dieselben sind, Männer wie die, denen Eva begegnet, immer noch mit viel zu viel durchkommen – das ist leider nicht erschreckend, sondern schrecklich.

Cover des Buches Immortal Longings (ISBN: 9783608966268)

Bewertung zu "Immortal Longings" von Chloe Gong

bstbsalat
Viel Potenzial, schlecht erzählt

Immortal Longings … Innerhalb kurzer Zeit ist dieses wieder ein Buch, mit dem ich nicht richtig warm geworden bin. Ich hatte mich nach dem Lesen des Klappentextes gefreut ein neues Buch mit Hunger-Games-Feeling zu lesen, was hier mit chinesischen Elementen verknüpft werden sollte. Dazu eine Liebesgeschichte, die scheinbar sogar den Tod überlisten würde – das Buch heißt ja wohl nicht umsonst Immortal Longings: meine Erwartungen waren groß. 


Meine Enttäuschung war es leider auch. Denn ich habe über die ersten 30 Prozent des Buches hinweg kaum verstanden, was vor sich geht. Es gab viele ausschweifende Beschreibungen der Städte, des Königshauses und der Qi-Magie, die aber doch keine Magie, sondern Geburtsrecht ist, und nichts davon kam emotional irgendwie an mich heran. Wir starten mit dem Kronprinzen August und wechseln immer wieder die Perspektiven zwischen ihm, der Hauptfigur Calla (für mich ist sie die Hauptfigur, weil wir in ihrem Kopf am meisten Zeit verbringen) und Anton, einer weiteren wichtigen Person für die Handlung und Callas Love Interest.


Dabei erfahren wir nur von Calla genug, um mit der Zeit Nähe und ein gewisses Verständnis für sie herzustellen. Die beiden Männer bleiben fremd und beinahe anonym. Zwischendurch gibt es auch kurze Abstecher in andere Blickwinkel, deren Sinn sich für mich weder beim Lesen noch jetzt beim Schreiben der Rezension erschließt: Ja, die Personen haben Namen und spielen eine gewisse Rolle, aber ist es so wichtig, eine halbe Seite aus ihrem Blickwinkel zu lesen, dass ich dafür den Handlungsfluss meiner Hauptfigur unterbreche?


Und obwohl Calla nicht ganz so undurchsichtig ist wie die Männer, bleibt sie für mich sehr oberflächlich. Sie hat nur zwei wirkliche Bezugspersonen, die ihr aber nicht wirklich ebenbürtig sind und es deshalb infrage gestellt werden kann, wie familiär die Beziehung wirklich ist; sie lässt sich scheinbar ausschließlich von dem unerklärten Drang leiten, etwas Gutes für ihr Königreich zu erreichen, wobei ihr alle Mittel (und Morde) recht sind; sie hat einfach keinerlei Tiefgang.


Es gibt kurz vor Ende von Immortal Longings eine rückblickend erzählte Szene aus ihrer Kindheit, die ihre Motivation zu begründen versucht, aber das reicht für mich nicht aus, um ihr Verhalten zu erklären oder ihr als Charakter irgendwie mehr Facetten zu verleihen. Erst recht nicht so spät in der Geschichte.




Die Spiele selbst sind so, wie ich sie erwartet hatte: brutal, teilweise unnötig detailliert beschrieben und vom Kapitalismus gesteuert: entweder, weil die Kämpfenden keine andere Möglichkeit als die Teilnahme haben, um Schulden oder andere finanzielle Probleme zu lösen, oder weil sie gierig auf Macht und Reichtum sind. Die genauen Beschreibungen haben mich meistens gestört, weil sie schlicht zu lang wurden und die eigentlich atemberaubend schnellen Kampfszenen zu langsam und zäh machten; gleichzeitig haben sie mir ein stabiles Kopfkino verpasst. Hierin hat mich Immortal Longings manchmal an den Film 300 erinnert, mit seinen comichaft in Zeitlupe durchs Bild fliegenden Blutspritzern.


Interessant war das Springen zwischen Körpern mithilfe des eigenen Qi, der Lebensessenz, wodurch man oft nicht wusste, wer da eigentlich vor einem steht. Das war das einzige Element, das für mich wirklich Spannung erzeugt hat und einzigartig für diese Geschichte ist.


Mich hätte interessiert, wie die Pläne der unterschiedlichen Rebell:innen konkret aussehen, welche die nächsten Schritte nach „der König ist tot“ sein sollen. Während offenbar viele verschiedene Parteien mit dem aktuellen System und vor allem dem regierenden König so unzufrieden sind, dass sie jeweils ihre eigenen Putschversuche planen und umzusetzen beginnen, wird die angestrebte Zukunft nicht ein einziges Mal deutlich geplant. An Callas Stelle – und an der von jeder anderen beteiligten Person – würde ich zumindest wissen wollen, was mein Ziel ist; worauf ich hinarbeite und wen ich unterstütze. Aber Calla ist geblendet von der Aussicht, den König endlich tot zu sehen, und hinterfragt überhaupt nichts, während die anderen Figuren nicht durchblicken lassen, was sie eigentlich erreichen wollen.


Das war beim Lesen sehr frustrierend. Irgendwann hatte ich mir ein grobes Bild davon gemacht, wie gedrängt, dreckig und düster die Stadt ist, wie sehr sie sich von den Randprovinzen des Reiches unterscheidet und wie das Herrschaftssystem ungefähr aussehen müsste, und dann wurde ein neues Element beschrieben, das nicht in dieses Bild passen wollte. Die Autorin hat so viel Zeit damit verbracht, die Umgebung und die Kämpfe zu beschreiben, dass meiner Meinung nach das Erklären der Zusammenhänge in den Hintergrund rückte.


Zugegeben: Ich habe zwischen einzelnen Kapiteln das Lesen von Immortal Longings oft wochenlang pausiert, weil mich die Geschichte einfach nicht packen konnte und es mich, ganz direkt gesagt, auch nicht interessierte, wie es weiterging. Meine Verständnisschwierigkeiten hängen also bestimmt auch zum Teil damit zusammen, dass mir der Schreibstil nicht zusagte. Ich hing nicht an den Charakteren. Besonders schlimm war der Einstieg und erst nach etwa der Hälfte des Buches (als verschiedene Hintergründe angedeutet und zum Teil erklärt wurden) wurde ich wieder so neugierig wie beim Lesen des Klappentextes. Diese Spannung ging aber leider oft und schnell wegen des ausschweifenden Schreibstils wieder verloren.


Die Liebesgeschichte kam für mich sehr überraschend. Es fühlte sich an, als hätte ich etwas nicht mitbekommen; als hätte ich etwas überlesen in dem Versuch, die Zusammenhänge der verschiedenen Komplotte zu verstehen, oder als hätte ich in einer der langen Lesepausen ein Detail aus einem früheren Kapitel vergessen, und plötzlich wurde aus einem Funken der Anziehung ein erster Kuss und dann innerhalb kürzester Zeit ein Liebesgeständnis. Die im Klappentext von Immortal Longings als „leidenschaftliche, alles verzehrende Verbindung“ beschriebene Beziehung wirkte auf mich sehr körperlich, kurz und substanzlos.


Ich hätte es vorgezogen, wenn man auf diese romantische Liebe verzichtet und stattdessen eine platonische Freundschaft gewählt hätte. Calla sehnte sich nach Verbundenheit und Verständnis; Anton hat eigentlich schon jemanden, den er lieben kann. Für Callas finalen Konflikt – Liebe oder Königreich – verstehe ich, warum sich die Autorin für diesen Weg entschieden hat. Es wäre aber nicht weniger dramatisch oder bedeutsam gewesen, dafür in meinen Augen aber logischer, wenn Calla zwischen Königreich und der einen Person, die sie wirklich versteht und als den Menschen mag, der sie ist, entscheiden müsste.


Fazit


Kurzgefasst verschwimmt Immortal Longings für mich zu einer Masse aus detaillierten Kampfbeschreibungen, zu ausführlichen Stadtbeschreibungen, nicht ganz ausgereiften Intrigenbeschreibungen und viel zu wenig Charakter- und Motivationsbeschreibung. Ich konnte keine Nähe zu den Hauptfiguren aufbauen, sodass mir der eine oder andere schwere Schlag für unsere Held:innen total egal war. Es fiel mir schwer, am Ball zu bleiben und überhaupt über das erste Viertel des Buches hinauszukommen. Am Ende wurde ich vom Cliffhanger überrascht: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es eine Fortsetzung geben würde, und werde sie wohl auch nicht lesen. Trotz alledem sehe ich großes Potenzial in der Geschichte von Immortal Longings selbst – nur die Art und Weise, wie sie erzählt wird, sagt mir so gar nicht zu.

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