buecherwurm_in

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    Cover des Buches HERKUNFT (ISBN: 9783630874739)

    Bewertung zu "HERKUNFT" von Saša Stanišić

    HERKUNFT
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Was ist Herkunft?

    Saša Stanišić schreibt in "Herkunft" über seine ... nun ja, Herkunft. Ganz bewusst verwendet er nicht das Wort Heimat, sondern eins, das ähnlich klingt und ähnliches meint und doch so anders geframed ist. Unchronologisch erzählt er in kurzen Erinnerungen und Geschichten von seinen Eltern, seinen Großeltern und seiner Familie, er spricht von Krieg, schreibt vom Flüchten und wie er versucht, irgendwo anzukommen.


    Das Buch hat einen tollen Rhythmus, ist nicht sentimental und doch nicht nüchtern geschrieben. Stanišić beherrscht das Schreiben einfach. Dennoch habe ich lange an diesem Buch hingelesen. Es hat mich einfach nicht gepackt, nicht mitgerissen oder begeistert. Die fehlende zeitliche Chronologie führte immer wieder dazu, dass ich erst nach einigen Seiten verstand, wo wir uns eigentlich gerade befinden.
    Trotzdem ist es im Großen und Ganzen ein gutes Buch, das man am besten lesen sollte, wenn man nicht gerade auf der Suche nach den eigenen Wurzeln ist.

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    Cover des Buches Vortreffliche Frauen (ISBN: 9783832183820)

    Bewertung zu "Vortreffliche Frauen" von Barbara Pym

    Vortreffliche Frauen
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Kurzmeinung: Englisch, ironisch und manchmal fast romantisch – ein großer Klassiker, der glücklich macht und traurig und unglaublich komisch ist.
    Mildred, ü30, ledig, sucht (nicht)

    Mildred Lathbury ist Pfarrerstochter, über dreißig, ledig und das, was man im Allgemeinen wohl als graue Maus bezeichnet. Ihr Leben besteht aus ihrem Teilzeitjob in Belgravia und dem ehrenamtlichen Engagement in der Kirche. Als eines Tages das Ehepaar Napier ins Haus zieht, wird ihr Leben gehörig aufgewirbelt. Nicht nur, dass sie bei sich etwas zu viel Interesse für Ehemann Rocky entdeckt, auch die so gar nicht vortreffliche Helena entwickelt sich zum Lehrstück für Mildred. Denn es sind nicht immer die bravsten Frauen, die für ihr Verhalten mit erfüllenden Karrieren und Ehen belohnt werden …

    Barbara Pym veröffentlichte diesen Roman bereits 1952, der Dumont Verlag holt ihn mit dieser wunderschönen Neuauflage ins 21. Jahrhundert. Eine Geschichte, die zwar nicht von hohem Tempo geprägt ist, in der aber dennoch eine Menge passiert. Besonders die Entwicklung der Protagonistin ist rasant, spannend und unterhaltsam; selten hat ein bisschen Egozentrismus und Selbstbewusstsein einer Figur so gut getan wie der zuvor unendlich frommen, naiven, unauffälligen Mildred. Wie sehr die eigentlich selbstständigen und auf ihre Art emanzipierten Frauen sich für das Wohlergehen der Männer aufopfern, tut an manchen Stellen fast körperlich weh und hält uns auch heute noch einen Spiegel vor. Auffällig ist die hochkomplexe Darstellung der weiblichen Charaktere und ihrer Beziehungen, die auf recht eindimensionale männliche Figuren trifft – und damit die literarische Norm, nach der es meist andersrum ist, gehörig auf den Kopf stellt. Dass die realistischste Person, der die Welt am wenigsten vormachen kann, ausgerechnet die anglikanische Nonne Schwester Blatt ist, setzt diesem literarischen Feuerwerk nur die ironische Krone auf. Als kleines Plus gibt es außerdem jede Menge Infos und Einblicke in die anglikanische Kirche, die im Leben nicht unbedingt weiterbringen, aber trotzdem gut zu wissen sind. Ein großer Spaß, der englischer nicht sein könnte und jetzt schon zu meinen Favoriten des Jahres und Lieblingsbüchern zählt!

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    Cover des Buches "Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen." (ISBN: 9783455504149)

    Bewertung zu ""Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen."" von Michaela Karl

    "Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen."
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Dieses Buch sollte nie ohne Lippenstift gelesen werden.

    Maeve Brennan, geboren 1917 in Irland geboren, kommt mit 17 Jahren in die USA, weil ihr Vater dort irischer Gesandter wird. Nach dem College beginnt sie für Harper’s Bazaar zu schreiben und wechselt nach einigen Jahren zum New Yorker. Ähnlich wie 30 Jahre zuvor Dorothy Parker wird Brennan eine legendäre Kolumnistin mit großem Alkoholproblem und noch größeren Geldsorgen; sie geht mit den erfolgreichsten Autoren der Branche aus, wohnt in Hotels und zieht ununterbrochen um. Mit ihrem kleinen Schwarzen, der großen Sonnenbrille und ihrer zeitlebens ungebrochenen Liebe zu Katzen, wird sie regelmäßig als mögliches Vorbild für Holly Golightly gehandelt.


    Michaela Karl konnte mich bereits mit ihrer Dorothy Parker-Biografie für das New York der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und seine Schriftsteller*innen begeistern. Mit „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen“, legt sie allerdings nochmal eine Schippe Charme, Witz und Liebe zu ihrer Protagonistin drauf und schafft so eine mitreißende Erzählung eines spannenden Lebens, wenn auch mit tragischem Ende. Karl konzentriert sich immer wieder auf die Frage, ob Brennan nun als irische oder US-amerikanische Autorin gelesen werden sollte – und zeigt, dass sich nicht alle Schreibenden in solche Kategorien einordnen lassen. Bei jedem Wort spürt man beim Lesen, wie begeistert die Biografin von Maeve Brennan ist, und diese Begeisterung steckt schon auf der ersten Seite an. Einzig über die Kommasetzung, insbesondere im letzten Drittel, ließe sich streiten; mein Korrektorinnenherz stolperte jedenfalls über so manchen Satz. Abgesehen davon liefert Michaela Karl eine fesselnde Biografie über eine spannende Frau in einer ebenso spannenden Stadt. Große Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Das Leben ist eins der Härtesten (ISBN: 9783498006891)

    Bewertung zu "Das Leben ist eins der Härtesten" von Giulia Becker

    Das Leben ist eins der Härtesten
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Das Leben ist eins der Härtesten – und trotzdem wunderschön

    Seitdem Silke 1991 die Notbremse eines Regios gezogen hat, ist es in ihrem Leben nicht mehr wirklich bergauf gegangen. 27 Jahre später arbeitet sie noch immer in der Bahnhofsmission ihrer Heimatstadt Borken, wo sie sich liebevoll um Kinder, Gestrandete und Wohnungslose kümmert, bevor sie zu Hause für ihre 97-jähirge Nachbarin Frau Goebel sorgt. Die ältere Dame hat einen letzten Wunsch: Einmal nach Tropical Island in Brandenburg fahren. Und so kommt es, dass Silke ihre anstrengende, exaltierte Freundin Renate, die den Tod ihres Hundes verarbeiten muss, Willy-Martin, der vor einer Internetbekanntschaft flieht, und Frau Goebel in einen Taubentransporter lädt. Ein einzigartiger Roadtrip beginnt.


    Selten habe ich mich so sehr auf ein Debüt gefreut wie auf das von Giulia Becker. Der erste Teil des Buches enttäuschte mich anfangs jedoch ein wenig: die Figuren sind recht platt und vieles ist so überzogen, dass es mir eher gewollt als lustig erschien. Aufgrund der leichten Erzählweise und der anziehenden Story blieb ich aber dabei – und wurde letztlich dafür belohnt. Nach dem ersten Drittel schaltet die Autorin einen Gang runter, was die Konstruktion der Situationskomik betrifft, und findet so zu sehr viel tieferen, wenn auch weiterhin eher plakativen Charakteren, mit denen man sich an vielen Stellen identifizieren kann oder in denen man den ein oder anderen Charakterzug von Freund*innen wiederfindet. Becker gelingt ein herrlich spaßiger Drahtseilakt zwischen ernsten Themen, wie Tod, Einsamkeit und dem ständigen Gefühl zu versagen, und skurrilen Ereignissen, mit einer großen Prise Popkultur. Weder Becker noch ihre Figuren scheinen sich selbst allzu ernstzunehmen – und wachsen den Lesenden dadurch besonders ans Herz. Die ideale Lektüre für Momente, in denen das Gefühl aufkommt, dass es nie wieder besser wird. Denn Silke zeigt uns: Das Leben ist eins der Härtesten – und kann trotzdem wunderschön sein.

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    Cover des Buches Ihre Seite der Geschichte (ISBN: 9783492058193)

    Bewertung zu "Ihre Seite der Geschichte" von Heike Specht

    Ihre Seite der Geschichte
    buecherwurm_invor einem Jahr
    70 Jahre deutscher Geschichte – aus Sicht der First Ladies

    (Auto-)Biografien politischer Persönlichkeiten gehören zu meinen liebsten Genres, sie haben sogar ein eigenes Bücherregal. Wer sich für die einflussreichsten Personen der letzten Jahrzehnte interessiert, und nicht gezielt anderes sucht, stößt dabei auf ein Problem: Meistens geht es um Männer. Umso mehr habe ich mich über das Buch „Ihre Seite der Geschichte“ von Heike Specht gefreut, in dem sie Leben und Wirken der First Ladies in Deutschland seit 1949 untersucht. Diese Frauen, die nie gewählt wurden, das häufig gar nicht wollten und doch so viel Verantwortung tragen mussten, eint, dass sie alle versuchten, das beste aus ihrer Situation zu machen. Ob in der Villa Hammerschmidt, dem Kanzlerbungalow oder Schloss Bellevue: Die Frauen an der Seite der mächtigsten Männer des Landes prägten die Bundesrepublik und die DDR retrospektiv mehr als damals angenommen.

    Die Autorin bezieht sich dabei auf ihre ausführlichen Recherchen und viele persönliche Gespräche mit First Ladies wie Elke Büdenbender oder ihren Kindern, wie Willy Brandts Sohn Peter. Chronologisch nimmt uns Specht an die Hand und führt uns durch 70 Jahre deutscher Geschichte, sachlich und mir persönlich an manchen Stellen etwas zu unkritisch. Das mindert aber keineswegs die riesige Begeisterung, mit der ich dieses Buch gelesen habe und mit der ich seitdem ständig Funfacts über frühere First Ladies in Gespräche einfließen lasse. Wusstest du zum Beispiel, dass der moderne Werbejingle maßgeblich von der ersten First Lady Elly Heuss-Knapp mitgeprägt wurde? Oder dass bereits in den 70ern eine Frau in die Villa Hammerschmidt zog, die lange Zeit unverheiratet alleinerziehend und gleichzeitig als Ärztin vollzeit berufstätig war? Eben. Ganz große Leseempfehlung für alle Fans guter Sachbücher!

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    Cover des Buches Ja heißt ja und ... (ISBN: 9783103974621)

    Bewertung zu "Ja heißt ja und ..." von Carolin Emcke

    Ja heißt ja und ...
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Ja heißt ja und ...

    „Ja heißt ja und …“ war ursprünglich eine Lecture Performance von Carolin Emcke, die letztes Jahr auf der Berliner Schaubühne zu sehen war, und die heute als Text bei S. Fischer erscheint. In ihrem Beitrag zur #metoo-Bewegung analysiert Emcke Machtstrukturen, den Umgang mit Sexualität, Lust und Gewalt sowie die großen gesellschaftlichen Diskurslinien. Damit schafft sie auf etwas über 100 Seiten ein Büchlein, das ich allen ans Herz legen möchte, die mit sexualisierter und häuslicher Gewalt konfrontiert waren und sind, deren Körper objektifiziert wurden und werden, denen dafür die Worte fehlen, was ihnen passiert. Ein kluges, reflektiertes Buch mit beeindruckender argumentativer Stringenz.

    Besonders hervorzuheben ist auch die Umschlaggestaltung: Beim Darüberstreichen fühlt es sich an, als hätte man einen Stein in der Hand, in den der Inhalt eingemeißelt wurde. Das ist ungewohnt und schön.


    Einziger, aber großer Kritikpunkt ist an vielen Stellen die sprachliche Gestaltung. Es wird unterschiedlich gegendert, manchmal mit Sternchen, einmal mit Schrägstrich, meistens überhaupt nicht. Das ist ärgerlich, wenn es im Buch selbst doch ausdrücklich um Sichtbarkeit von Frauen und Enbys geht. Womit wir bei Kritikpunkt zwei wären: Regelmäßig wird von „Männern, Frauen und Transpersonen“ gesprochen, womit Transfrauen das Frausein, Transmännern das Mannsein abgesprochen wird und cis Personen zur Norm werden. Es stellt sich mir die Frage, ob Emcke gezielt transexklusiv schreibt oder ob es schlicht an Bewusstsein für diskriminierungsfreie Sprache fehlt. Denn Menschen, die sich nicht als Männer oder Frauen identifizieren, sind eben nicht (unbedingt) Transpersonen, sondern non-binary, auch Enbys genannt. Da der Zeichensetzung an vielen Stellen auch nochmal eine Korrektur gut täte, hoffe ich sehr, dass diese Begriffe noch einmal überarbeitet und präzisiert werden, damit die Sprache das widerspiegelt, was der Text sagt. Wer darüber hinwegsehen kann, findet aber einen wichtigen Beitrag zur Debatte, der Selbstbewusstsein im Diskurs gibt. 

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    Cover des Buches All das zu verlieren (ISBN: 9783630875538)

    Bewertung zu "All das zu verlieren" von Leïla Slimani

    All das zu verlieren
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Bitterböses Porträt über eine Narzisstin

    Ein Ehemann, der sich aufarbeitet, um die Familie zu ernähren, eine wunderschöne Wohnung im 18. Pariser Arrondissement und einen kleinen Sohn – all das hat Adèle zu verlieren. Und dennoch: Sie kann nicht anders. Sexsucht, Anorexie, Angststörungen, all das beherrscht ihre Gedanken, ihr Verhalten, ihre Person. Und so konstruiert sie über viele Jahre hinweg in fast schon liebevoller Kleinarbeit ein Doppelleben mit zweitem Laptop, geheimem Handy und einer endlos langen Liste an Affären. Bis ihre größte Angst eines Tages Wirklichkeit wird und ihr Geheimnis auffliegt – mit unerwarteten Folgen.

    Mit „All das zu verlieren“ gelingt Leïla Slimani ein bitterböses Porträt über eine durch und durch narzisstische Frau, deren viele psychische Baustellen erst nach und nach ihre wahren Ausmaße preisgeben. Während ihre Ess- und Angststörung recht lapidar daherkommen – und damit die Anpassungsfähigkeit vieler chronisch psychosomatisch Erkrankter hervorragend widerspiegeln – schlägt uns Slimani die sexuelle Besessenheit ihrer Protagonistin förmlich ins Gesicht. Mir wurde das beim Lesen teilweise zu anstrengend und an der ein oder anderen Stelle auch zu brutal. Die Entwicklungen, nachdem Adèle auffliegt, sind bedrückend, die Geschichte kippt auf eine völlig andere Weise ins Düstere, und obwohl ich das Buch immer wieder recht aufreibend fand, ergibt es in seiner Gesamtheit vollkommen Sinn, mit all seinen strapaziösen Bildern. Slimani erzeugt mit ihren Worten die gleichen Emotionen in den Lesenden wie sie die Protagonistin durchlebt: Ekel, Schmerz, Fassungslosigkeit und so viele Fragen. Einzig das Ende, das ich nicht vorweg nehmen möchte, hat mich äußerst unbefriedigt zurück gelassen – was trotzdem, irgendwie, zur Geschichte passt.

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    Cover des Buches Bella Ciao (ISBN: 9783257070620)

    Bewertung zu "Bella Ciao" von Raffaella Romagnolo

    Bella Ciao
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Bella ciao, ciao, ciao

    Um die Jahrhundertwende verlässt Giulia Masca Hals über Kopf ihr Heimatdorf Borgo di Dentro in Richtung Genua, Hafen, New York City. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kommt sie zurück, denn mit einigen Bewohner*innen hat sie noch eine Rechnung offen. Und während sie das Städtchen fast ein halbes Jahrhundert später Stück für Stück erkundet, erfahren wir mehr über alles, was dazwischen liegt: Wie aus Giulia Mrs. Masca wird, wie sie sich durch Zufälle und Glück und harte Arbeit ein erfolgreiches Leben in den USA aufbaut – aber auch, was in Borgo di Dento geschieht, wie zwei Weltkriege über das Dorf fegen, wie Tod und Verlust immer wieder erbarmungslos in die Familien brechen, wie aus Kindern Eltern oder Partisanen oder Leichen werden.


    „Bella Ciao“ – zugegeben, dieses Buch wollte ich nur aufgrund seines Titels lesen, und es hat mich nicht enttäuscht. Eindrücklich beschreibt Raffaella Romagnolo ein halbes Jahrhundert italienischer Geschichte, die durch die vielen Einzelschicksale greifbar wird wie selten zuvor. Besonders die Unerbittlichkeit des Krieges, die ganze Generationen junger Männer dahinrafft und traumatisiert, das langsame Erstarken Mussolinis sowie die Partisanenkämpfe gegen Ende des Zweiten Weltkrieges werden beklemmend, mitreißend und unglaublich nah erzählt. Trotzdem handelt die Geschichte in erster Linie von Frauen, die über die Jahre hinweg alles geben, um die Familien zusammen- und Strukturen aufrecht zu erhalten, denen Söhne, Brüder, Väter wegsterben, und die trotz allem immer weiter machen.

    Pflichtlektüre für alle, die im letzten Sommer „Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao“ gesungen haben, ohne an all jene zu denken, die für den Antifaschismus ihr Leben geopfert haben.


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    Cover des Buches Gezeitenwechsel (ISBN: 9783866482814)

    Bewertung zu "Gezeitenwechsel" von Sarah Moss

    Gezeitenwechsel
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Es ist etwas passiert ...

    „Es ist etwas passiert.“ Mit diesem satzgeworden Albtraum aller Eltern, Angehörigen und Liebenden knallt eine Zäsur in Adam Goldschmidts Leben. Das Herz seiner Tochter hat aufgehört zu schlagen, einfach so, ohne Ankündigung. Aus seinem routinierten Alltag als Hausmann und Vollzeitvater gerissen, findet er sich an ihrem Krankenhausbett wieder, an dem er verzweifelt versucht, Normalität herzustellen, für Miriam und ihr Herz, für seine jüngere Tochter Rose und für seine Frau Emma, die an 60-Stunden-Job als Ärztin und krankem Kind zu zerbrechen droht. 


    Wer einmal mit den Büchern von Sarah Moss, erschienen im mare Verlag, angefangen hat, wird nicht mehr damit aufhören können, sie zu verschlingen. Zwar ist „Gezeitenwechsel“ in seiner Erzählung nicht ganz so komplex wie beispielsweise ihr Debütroman „Schlaflos“, doch sind die Personen von selten gelesener, präzise gezeichneter Tiefe. Auch lässt Moss die Lesenden wieder an ihrem eigenen akademischen Hintergrund teilhaben – ein Charakteristikum, das sich durch ihre Bücher zieht und ihre Geschichten in einen größeren historischen Kontext setzt. Gerade im Angesicht des Todes reißt dieser die Protagonist*innen immer wieder aus den egozentrischen Perspektiven, auf die sich das menschliche Denken nun mal zumeist beschränkt. Hervorzuheben ist auch die große sprachliche Kunst, mit der Moss erzählt; all die Feinheiten, die dieses Buch so wunderschön und fesselnd machen, und die Übersetzerin Nicole Seifert exzellent ins Deutsche übertragen konnte. „Gezeitenwechsel“ macht traurig, man möchte Menschen sagen, wie sehr man sie liebt, es macht Angst vor dem Tod und gibt gleichzeitig Hoffnung und Lebensfreude. Ein wundervoller Roman darüber, wie schnell sich ein Leben ändern kann, warum wir mit dieser Ungewissheit leben müssen – und mit einem der schönsten Schlussabsätze, die ich je lesen durfte.

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    Cover des Buches Was das Leben kostet (ISBN: 9783455005141)

    Bewertung zu "Was das Leben kostet" von Deborah Levy

    Was das Leben kostet
    buecherwurm_invor einem Jahr
    Berührend, traurig, hoffnungsvoll.

    Die Ehe mit ihrem Mann erleidet Schiffbruch, ihre Mutter stirbt, und die Protagonistin muss und möchte sich neu (er-)finden. In diesen autobiografisch anmutenden Szenen erzählt Deborah Levy von Frauen, von Müttern, von Töchtern, von Künstlerinnen, von Verlust und Freiheit und vor allem von sich selbst als Frau, Mutter, Tochter, Künstlerin, die Freiheit sucht und Verlust erfährt.

    Damit gelingt Levy berührende, schmerzhaft kluge und herzzerreißend ehrliche Prosa, die ihre philosophischen und feministischen Einflüsse zu keiner Zeit leugnet. Ihre klare Sprache berührt, und die Aufarbeitung ihres eigenen Umgangs mit Verlust sowie die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter als Kind, während des Sterbens und vor allem danach haben mich zutiefst berührt. Mit konsequenter, glaubwürdiger Tiefgründigkeit gibt Levy ihren Leser*innen einen Satz nach dem nächsten an die Hand, den man in großen Lettern an Hauswände schreiben möchte, den man Freund*innen schicken, auf Instagram zitieren und der eigenen Mutter erzählen möchte. Und dabei habe ich, die ich doch erst am Anfang meines Erwachsenenlebens stehe, vermutlich nicht mal einen Bruchteil des Buches, dieser wilden und doch ruhig erzählten Reise, wenn mit Mitte 50 plötzlich noch einmal alles anders wird, wirklich aufrichtig verstanden. 

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