cicero

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    Cover des Buches The Federalist Papers (ISBN: 9781607961185)

    Bewertung zu "The Federalist Papers" von Alexander Hamilton

    The Federalist Papers
    cicerovor 7 Jahren
    Kurzmeinung: Klassiker des demokratischen Denkens - moderner als die Gegenwart!
    Klassiker des demokratischen Denkens - moderner als die Gegenwart!

    Jeder weiß, dass die Verfassung der USA ein Musterbild für einen demokratischen Staat ist, und ein Musterbild für einen Bundesstaat noch dazu. Aber warum eigentlich? Was sind die Ideen hinter den teilweise seltsam anmutenden Regelungen dieser Verfassung? Diese Frage wird nicht von der Verfassung selbst beantwortet, sondern von den sogenannten "Federalist Papers", einer Reihe von Zeitungsartikeln von 1787/88, die das Volk des Staates New York davon überzeugen sollten, der vorgeschlagenen Verfassung zuzustimmen. Dieser Klassiker der politischen Philosohie ist auch heute noch lesenswert, weil er Weisheit und Einsicht des Lesers fördert, und weil er zu kritischem Nachdenken über die eigene, heutige Staatsverfassung herausfordert.

    Wenn man die eigene Verfassung oder die derzeitige Verfassung der Europäischen Union mit den Ideen der US-Verfassung vergleicht, überkommt einen nicht selten der Zorn über so viel Unsinn und interessegeleiteten Polit-Traditionalismus in Europa, und der Neid auf so viel Klugheit und 200jährige Modernität in Amerika. Fast möchte man zum Revolutionär werden ...

    Zum Inhalt:

    Die "Federalist Papers" sprechen die US-Verfassung thematisch Punkt für Punkt durch: Sinn des Bundesstaates, Zuständigkeiten von Bund und Einzelstaaten, Gewaltenteilung (Armee, Steuern, etc.), Zusammensetzung und Befugnisse von: Repräsentantenhaus, Senat, Präsident, Justiz. Da es sich um Zeitungsartikel handelt, gibt es manche Wiederholung und kein ganz allzu systematisches Inhaltsschema, aber für ein über 200 Jahre altes Buch liest es sich immer noch recht modern.

    Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Verfassungswirklichkeit hinter der geschriebenen Verfassung diskutiert wird. Häufig entwickeln sich Dinge nämlich ganz anders, als sie beabsichtigt waren. Eine Regelung wird vielleicht nie genutzt, weil sie Nachteile mit sich bringt, eine andere Regelung wird anders genutzt, als gedacht. Die Balance zwischen den drei Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative kommt in Schieflage und eine Gewalt dominiert die beiden anderen Gewalten: Was mit guter Absicht in einer Verfassung geregelt wurde, kann trotzdem schiefgehen, weil es an der Wirklichkeit vorbeigeht.

    Um dies zu erkennen, benötigt man Menschenkenntnis, Lebenserfahrung, Geschichtswissen und eine gesunde Skepsis. Das ist hier reichlich zu finden und man kann viel davon lernen. So heißt es z.B. in Nr. 71: "It is a just observation, that the people commonly intend the public good. This often applies to their very errors. But their good sense would despise the adulator who should pretend that they always reason right about the means of promoting it."

    Manchmal ist es besser, die Verfassungsorgane blockieren sich gegenseitig: Besser, ein gutes Gesetz wird abgelehnt, als dass ein schlechtes Gesetz angenommen wird. Andererseits wenden sich die Federalist Papers auch gegen eine zu große Skepsis und rät zur Akzeptanz von kleineren Übeln, um die Verfassung funktionsfähig zu halten. Besser, die Exekutive ist in einer starken Hand, als in der Hand eines Kollektivs, das vielleicht informell von einer Person beherrscht wird, und man nicht mehr weiß, welches Mitglied des Kollektvs man verantwortlich machen soll.

    Die Gewaltenteilung wird hier ebenfalls anders diskutiert, als man es gemeinhin kennt. Die Gewalten sollen zwar getrennt voneinander sein, aber es werden ganz gezielt und mit voller Absicht diverse Überschneidungen der Gewalten in die Verfassung eingebaut. Der Sinn dahinter ist, dass sich die Gewalten gegenseitig in Schach halten können, um auf diese Weise ihre Trennung auch machttechnisch abzusichern. Denn nur weil es auf dem Papier steht, ist die Trennung der Gewalten noch lange nicht gesichert.

    Die bundesstaatliche Ebene darf sich nicht auf den guten Willen der Einzelstaaten verlassen, dass diese einmal gemachte Zusagen schon einhalten werden - sie werden es nicht, und dann ist der Streit zwischen den Einzelstaaten da: "There is, perhaps, nothing more likely to disturb the tranquillity of nations than their being bound to mutual contributions for any common object that does not yield an equal and coincident benefit. For it is an observation, as true as it is trite, that there is nothing men differ so readily about as the payment of money." (Nr. 7). - Der Bundesstaat muss vielmehr unabhängig von der Zustimmung der Einzelstaaten handlungsfähig sein, indem er z.B. eigene Beamte hat und eigene Steuern direkt beim Bürger eintreibt. Die Einzelstaaten und der Bundesstaat wirtschaften völlig unabhängig voneinander. Dann können Gerechtigkeits- und Verteilungsprobleme gar nicht erst entstehen.

    Antike:

    Es ist hochinteressant zu sehen, wie die "Federalist Papers" das antike Erbe aufgreifen! Anders als man meinen könnte, wird nicht - praktisch überhaupt nicht! - auf die politische Philosophie der Antike zurückgegriffen. Was Platon, Aristoteles und Cicero über Demokratie und gemischte Verfassung, den Kreislauf der Staatsformen und die Vorzüge der römischen Republik geschrieben haben, wird nirgendwo als Argument herangezogen.

    Den Grund erfährt man in Nr. 14 im Rahmen einer Lobrede auf das amerikanische politische Denken: "But why is the experiment of an extended republic to be rejected, merely because it may comprise what is new? Is it not the glory of the people of America, that, whilst they have paid a decent regard to the opinions of former times and other nations, they have not suffered a blind veneration for antiquity, for custom, or for names, to overrule the suggestions of their own good sense, the knowledge of their own situation, and the lessons of their own experience?" - Nicht weil irgendeine Autorität einst irgend etwas sagte, sondern nur wenn es vernünftige Argumente gibt, soll etwas gelten. Obwohl dies auf den ersten Blick nach einer Ablehnung der Antike aussieht, ist es in Wahrheit die genaue Nachahmung des antiken Denkens. Denn wie Platon argumentieren sie ohne Gehorsam gegenüber Autoritäten und nur nach ihrer Vernunft.

    In einem weiteren Punkt kommt eine Ähnlichkeit zu Platon zum Ausdruck: Die "Federalist Papers" argumentieren ständig gegen die Argumente der Verfassungsgegner. Diese kommen zwar nicht zu Wort, aber dennoch gewinnen die "Federalist Papers" dadurch einen deutlich dialogischen Charakter. Man hat an manchen Stellen das Gefühl, wie wenn Sokrates mit einem Sophisten spräche und dessen Ansichten zerlege, bis nichts mehr davon übrig ist.

    Dass die Autoren der "Federalist Papers" die antike politische Philosophie sehr wohl kannten, kommt an einigen wenigen Stellen zum Ausdruck. So heißt es in Nr. 49: "But a nation of philosophers is as little to be expected as the philosophical race of kings whished for by Plato." - In Nr. 51 heißt es: "But what is government itself, but the greatest of all reflections on human nature?" und: "Justice is the end of government." ("end"=Ziel) - Damit ist eine teils zustimmende Kenntnis von Platons politischer Philosophie klar belegt.

    In expliziter Form kommt die Antike auf eine ganz andere Weise massiv zum Tragen: Nicht die Philosophen und ihre politischen Theorien, sondern die antiken Geschichtsschreiber und ihre Berichte über Zustände und Ereignisse in den antiken Staaten werden exzessiv als Beispiele in den "Federalist Papers" herangezogen! Schon immer haben die Staatsphilosophen auf der Grundlage realer historischer Ereignisse argumentiert, und das geschieht natürlich auch hier. Einige wenige Beispiele mögen sein: Die Frage, ob ein Flächenstaat eine Demokratie sein kann; die Macht eines Einzelnen über eine Volksversammlung; das Amt des Dikators in der römischen Republik. Folgende Zitate aus Nr. 63 seien noch angeführt: "... that the position concerning the ignorance of the ancient governments on the subject of representation, is by no means precisely true in the latitude commonly given to it." und: "What bitter anguish would not the people of Athens have often escaped if their government had contained so provident a safeguard against the tyranny of their own passions?" und: "... that history informs us of no long-lived republic which had not a senate. Sparta, Rome, and Carthage are, in fact, the only states to whom that character can be applied."

    Man darf auch nicht vergessen, dass hinter praktisch allen Ideen der US-Verfassung antike Ideen wie z.B. die Gewaltenteilung stehen, die über verschiedene Autoren wie z.B. Montesquieu weiterentwickelt wurden, so dass der antike Hintergrund nur indirekt erschließbar ist.

    Nicht zuletzt ist die Wahl des Autoren-Pseudonyms "Publius" in Anlehnung an den römischen Konsul Publius Valerius Publicola ein unabweisbarer Bezug zur Antike. Die Anti-Föderalisten nannten sich hingegen "Cato" oder "Brutus": Der geistige Streit fand ganz auf antiker Bühne statt.

    Sonstiges:

    Das Thema "Parteien" wird überhaupt nicht angesprochen. Diese spielen heute eine große Rolle, kommen aber nicht vor, was schade ist. - Die Frage, ob die Bürger denn überhaupt demokratisch gesinnt sind, wird ebenfalls nicht gestellt. Davon wird einfach ausgegangen. Immer wieder werden Sätze eingestreut wie dieser: "the people of this country, enlightened as they are with regard to the nature, and interested, as the great body of them are, in the effects of good government" (Nr. 37). Wir nehmen die Botschaft mit: Die Qualität einer Demokratie entscheidet sich auch an der Aufgeklärtheit und demokratischen Gesinnung und Anteilnahme ihrer Bürger.

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    Cover des Buches Die Geschichte der legendären Länder und Städte (ISBN: 9783446243828)

    Bewertung zu "Die Geschichte der legendären Länder und Städte" von Umberto Eco

    Die Geschichte der legendären Länder und Städte
    cicerovor 7 Jahren
    Kurzmeinung: Ein schönes, anregendes, aber auch durchdachtes Buch!
    Ein schönes, anregendes, aber auch durchdachtes Buch!

    Umberto Eco hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, das sich neben ähnlichen, bereits existierenden Werken, vollauf sehen lasen kann (z.B. "Atlas der legendären Länder" oder "Atlas der fiktiven Orte"). Sehr gelungen ist die Auswahl der Bilder: Man sieht einiges, was man so noch nicht kannte. Auch ästhetisch ein wirklich schönes Buch! Sehr gelungen aber auch die inhaltliche Aufbereitung.

    Am Beispiel Atlantis sieht man deutlich, dass Umberto Eco nicht einfach abgeschrieben hat, was andere schon tausendfach wiederkäuten. Vielmehr hat Umberto Eco auch bei diesem umstrittenen Thema eine eigene, überzeugende Linie gefunden.

    Im einzelnen zu diesem Beispiel: Die Historie der verschiedenen Atlantis-Lokationen ist bei Eco nicht wie so oft eine dräuende Klimax mit dem Nationalsozialismus als Kulminationspunkt (Zeigefinger!), sondern eine Reise durch die Geschichte, mit dem Nationalsozialismus als einer Station von mehreren. Auch Olof Rudbeck ist bei Eco kein durchgeknallter "Barock-Nazi", sondern ein seriöser Barock-Gelehrter, der sich eben irrte. Ein Umberto Eco weiß so etwas natürlich historisch richtig einzuordnen. Im Video zum Buch wird der Bezug von Hyperboräa (erstaunlicherweise nicht: Atlantis) zum Holocaust dann doch etwas zu eng dargestellt; wie wenn man zum Nationalsozialisten würde, wenn man sich mit dem antiken Hyperboräa (bzw. Atlantis) beschäftigt ... nun ja, es ist nur das Video, deshalb: Schwamm drüber.

    Verlassen wir das leidig-fruchtlose NS-Thema und kommen wir zum eigentlichen Thema Atlantis: Schon im "Foucaultschen Pendel" war Eco beim Thema Atlantis wohltuend zurückhaltend - das kommt auch hier zum Tragen. Die Atlantis-Karte des Barock-Gelehrten Athanasius Kircher wird korrekt als "Lage"-Karte bezeichnet, und nicht als Karte, die angeblich das genaue Aussehen von Atlantis wiedergeben wollte. Auch wiederholt Umberto Eco nicht die unsägliche Mär, dass Aristoteles das Atlantis des Platon explizit für eine Erfindung gehalten habe (vgl. zur Aufklärung dieses verbreiteten Irrtums: Franke: Aristoteles und Atlantis, 2012). Ebenfalls unendlich viel gelehriger als der sonst übliche Unsinn ist der Satz: "Wahrheitsbeteuerungen klingen seit Lukians Wahren Geschichten wie ein Fiktionssignal" (S. 438) - sehr richtig: Seit Lukian, aber eben noch nicht zur Zeit Platons! Schade ist, dass nur eine stark gekürzte Übersetzung der Atlantis-Dialoge beigefügt ist. Übrigens handelt es sich um die durchaus gute Übersetzung von Hieronymus Müller von 1857, während das Register behauptet, es sei die Übersetzung von Schleiermacher (eigentlich: Susemihl!) - Schwamm drüber, jedes Buch hat seine Fehler.

    Fazit:

    Wie am Beispiel Atlantis abgelesen werden kann, bekommt der Leser hier echte Qualität geboten! Das ist nicht einfach eine copy-paste-Zusammenstellung von Bildern und Texten, auf die der Name "Umberto Eco" draufgepappt wurde, das ist wirklich der universal gelehrte Umberto Eco, der seine Bildung anhand der verschiedensten legendären Orte in Wort und Bild breit und bunt vor den Augen des Lesers auffächert.

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    Cover des Buches Griechische Denker (ISBN: 9783111781037)

    Bewertung zu "Griechische Denker" von Theodor Gomperz

    Griechische Denker
    cicerovor 7 Jahren
    Aufklärung über die Aufklärung anhand der griechischen Aufklärung

    Das Werk

    Obwohl Gomperz' dreibändiges Werk über die "Griechischen Denker" in den Jahren 1896-1909 veröffentlich wurde, ist es dennoch erstaunlich modern: Der Grund dafür ist, dass der Verfasser politisch-weltanschaulich ein klassischer Liberaler war, der auch mit den neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit bestens vertraut war, die bis heute die Grundlage unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes bilden: Evolutionstheorie, Psychologie, Religionskritik, Ethnologie, Ökonomie, Atomphysik und Astrophysik, bis hin zu den Gedanken, dass hinter den Atomen noch kleinere Teilchen stehen könnten oder dass es im Weltraum noch andere Planeten mit Leben geben müsste. Teilweise stand der Autor mit den Vordenkern der Moderne in persönlichem Kontakt, etwa mit Sigmund Freud oder dem Physiker Ernst Mach. Aber auch unter historisch-kritischen Gesichtspunkten ist Gomperz immer noch modern genug: Eine gläubige Verklärung der Antike findet sich bei ihm nicht, auch wenn er noch nicht jede Hinterfragung kennt, von der wir heute, 100 Jahre später, wissen.

    Das Werk nimmt mit seiner Eindringtiefe in den behandelten Stoff eine Mittelstellung zwischen kurzer Einführung und tiefgehender Einzelabhandlung ein. Dadurch kann Gomperz etwas bieten, was es heute so nicht mehr gibt: Neben der Behandlung der großen und bekannten Denker wie Demokrit, Platon oder Aristoteles, geht Gomperz einerseits auch auf viele "kleinere" Denker ein, von denen man sonst eher selten liest, so z.B. die Megariker, die Kyrenaiker und die Kyniker, oder Theophrast und Straton. Andererseits kann Gomperz so viel besser die Entwicklungszusammenhänge zwischen den Denkern aufzeigen, so z.B. die Einteilung der Vorsokratiker in die Ionischen Naturphilosophen, die Eleaten und spätere komplexere Denker, oder die Entstehung der Stoiker und Epikureer aus den Kynikern und Kyrenaikern, über die man nur selten liest. Gomperz breitet den ganzen Horizont vor seinen Lesern aus: Nicht nur Philosophen im engeren Sinne, sondern das ganze geistige Umfeld wird erfasst: Er beginnt mit Religion und Mythos, und vergisst nicht den wesentlichen Einfluss von Dichtern und Geschichtsschreibern. Gleichzeitig verliert sich Gomperz aber auch nicht in Teilproblemen, wie dies Spezialabhandlungen tun. Gomperz geht teilweise recht tief, bleibt dabei aber doch immer klar.

    Gomperz bringt die Dinge auf den Punkt, und zwar ihren eigenen Punkt. Wo andere eher beschreiben als erklären, oder ihre moderne Ideologie in der antiken Philosophie wieder entdecken wollen, dort ist Gomperz ein Meister in der Kunst, den entscheidenden Punkt, die innere Motivation, die tiefere Triebkraft herauszuarbeiten, die hinter den antiken Entwicklungen steht. So erst werden Inhalte und Entwicklungen der antiken Philosophie wirklich verständlich.

    Wer Gomperz lesen will, muss vor allem Geduld und Konzentration mitbringen. Pausen empfehlen sich. Notizen ebenfalls. Man wird später auch immer wieder noch einmal nachlesen, was Gomperz sagte, und dabei immer noch neues entdecken. Man hätte sich eine bessere Gliederung des Stoffes in einer Hierarchie von Unterkapiteln wünschen können, um dadurch einenn besseren Überblick und eine mnemotechnisch nützliche Wissensordnung zu haben. Besonders ungünstig ist die Kapiteleinteilung im dritten Band, aber auch im ersten Band ist z.B. das Kapitel über Demokrit und die Atomlehre ungünstig gehalten. Die Sätze sind manchmal etwas verwickelt und altertümlich, hier hilft lautes Lesen.

    Der Inhalt

    Das Hauptthema der Antike ist natürlich der Prozess der Aufklärung und die Gewordenheit unserer heutigen geistigen Welt. Gomperz weiß noch ganz genau, warum die Beschäftigung mit der Antike so wichtig ist, während der Zeitgeist uns weismachen will, die Antike sei von gestern.

    Gomperz legt aber nicht nur die Entwicklung der Aufklärung in der Antike dar, sondern zeigt ständig die Zusammenhänge und Parallelen zur modernen Aufklärung und Wissenschaft auf. Er erklärt anhand der Antike die aufklärerischen Prinzipien von philosophischem und wissenschaftlichem Denken im Allgemeinen, so dass der der Leser nicht nur die Schritte der Aufklärung der griechischen Denker kennenlernt, sondern auch selbst Schritt für Schritt aufgeklärt wird.

    Man kann mit Fug und Recht sagen: Bei Gomperz lernt man das Denken selbst. Dazu gehört nicht nur exakte Berechnung und konsequente Logik, sondern vor allem auch die Fähigkeit der richtigen Einschätzung. Die Kunst des Abwägens. Das Maß der Erkenntnis. Das richtige Interpretieren anhand von Indizien. Man lernt auch, wie Dinge sich entwickeln, und dass vieles nur schrittweise voran geht, dass auch Irrwege nützlich sein können, usw.

    Aus heutiger Sicht ist Gomperz erfrischend vernünftig und unideologisch. Die Lektüre dieser 100 Jahre alten Abhandlung ist eine wahre Labsal für die vom Zeitgeist geplagte Vernunft. Gomperz hat in vielen Punkten den richtigen, differenzierten Ansatz, er trifft an den entscheidenden Weggabelungen der Erkenntnis die richtigen Entscheidungen, während ein irriger Zeitgeist die falschen Abzweigungen nimmt und eine schiefe Ideologie entwickelt.

    Die Sophisten werden von Gomperz korrekt als eine Stufe des Fortschreitens der Aufklärung gesehen; man darf dabei nur nicht vergessen, dass Sokrates die nächste, höhere Stufe ist: Nach der De-konstruktion kommt die Re-konstruktion. - Bei Platon ist Gomperz ungewöhnlich kritisch: Fast schon respektlos kritisiert er Platon als einen Denker des Absoluten, der in seiner absoluten Präzision oft genug absolut falsch lag. Auch wenn Gomperz hier nicht immer Platons Genialität voll erfasst hat, so ist sein respektlos kritischer Ansatz berechtigt und anregend. - Platon wird bei Gomperz einseitig Demokratie-kritisch und Tyrannen-freundlich gesehen. Hier und in anderen Punkten erliegt Gomperz dem Geist seiner Zeit. - Aristoteles erscheint bei Gomperz als ein Ausbund an Inkonsequenz und kompromisslerischem Pragmatismus. Was für die Philosophie im engeren Sinne eher fragwürdig ist, hat sich für Politik und Wissenschaft jedoch als Segen erwiesen: Hier hat Aristoteles mehr Erfolge bewirkt als Platon. Im letzten dürften sich beide Ansätze jedoch in der Mitte treffen, zumal Platon in den Nomoi bereits den Weg hin zu mehr Pragmatismus zu gehen begonnen hatte, und Aristoteles nicht zufällig ein Schüler Platons war. Diese Erkenntnis deutet sich bei Gomperz an, wird jedoch nicht in dieser Klarheit formuliert.

    Der Autor

    Erschreckend ist es zu lesen, wie Gomperz kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Auffassung vertritt, die Staaten Europas seien auf einem guten Wege des Friedens, der Freiheit und des Wohlstandes, und würden immer enger zusammenrücken; Krieg sei undenkbar geworden. Im Sinne des "Zauberberges" von Thomas Mann ist Gomperz ein wahrer "Settembrini", ein durchaus sympathischer aber vielleicht doch allzu optimistischer klassischer Liberaler mit etwas zu wenig Einfühlungsvermögen in das "absolute" Denken Platons. Da es aber besser so als andersherum ist, verzeiht man ihm diese Schwäche gern.

    Wer ein vernünftiges, rundes, schönes, klares, erhellendes, bildungsbürgerliches, vollständiges, gutes, menschenfreundliches Buch über die antiken Denker lesen möchte, das nicht angekränkelt ist von den Irrtümern unserer Zeit, sondern wesentliche und richtige zeitlose Einsichten als Basis für eigenes Weiterdenken vermittelt, der ist mit den "Griechischen Denkern" von Gomperz bestens bedient. Sicher eines der Bücher, die man gelesen haben sollte.

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    Cover des Buches Give Me Back My Legions! (ISBN: 9780312605544)

    Bewertung zu "Give Me Back My Legions!" von Harry Turtledove

    Give Me Back My Legions!
    cicerovor 7 Jahren
    Kurzmeinung: Disappointing.
    Disappointing

    The novel "Give me back my legions" by Harry Turtledove is disappointing. The author concentrates on the psychology of the two main characters Varus and Arminius, which starts to repeat after a while. Besides this the author forgets a lot of other important things. For example I would have liked to see how Arminius managed to bring together the different Germanic tribes to common action. From a historical or novellist point of view the book is less than moderate. The novel ends with emperor Augustus reducing his plans to conquer Germany, but the fate of Arminius (murdered) and his wife and child (captured) is not part of the novel. Why? This is an integral part of this part of history! Just another disappointment.

    What was more interesting is the description how different cultures cannot cope with each other and fall into systematic misunderstandings on each other without escape. This could teach us something. Funny was Varus' statement that Germans and Jews are the most stubborn peoples in the Roman empire.

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    Cover des Buches The Father of Us All (ISBN: 9781608191659)

    Bewertung zu "The Father of Us All" von Victor Davis Hanson

    The Father of Us All
    cicerovor 7 Jahren
    Rezension zu "The Father of Us All: War and History, Ancient and Modern" von Victor Davis Hanson

    Understanding the Logic of War on the basis of our Ancient Heritage
    .
    Victor Davis Hanson's book "The Father of Us All" is one of those books explaining an important aspect of our present world in a timeless and groundbreaking manner, so that this book can be recommeded to everybody. On the basis of our ancient heritage he examines the development of war and discovers basic insights into the logic of war. With these insights it is much easier to understand what is really going on in this world concerning all those troubling wars and conflicts instead of following mainstream media opinions or weird conspiracy theories.
    .
    Especially everybody who tries to oppose the "logic of war" should learn first how this logic works before deciding to oppose it. Because: Logic cannot be overturned - you only can use it in the right or wrong way. If you try to overturn something that cannot be overturned the result will be unpredictable and mostly unwanted. So first, you have to understand how the "logic of war" works. Then you will know how to make and keep peace. Victor Davis Hanson supports you in this.

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    Cover des Buches On Persephone's Island (ISBN: 9780679764144)

    Bewertung zu "On Persephone's Island" von Mary Taylor Simeti

    On Persephone's Island
    cicerovor 8 Jahren
    Rezension zu "On Persephone's Island: A Sicilian Journal (Vintage Departures)" von Mary Taylor Simeti

    Ingenious description of life and customs on Sicily
    .
    As a young student from New York Mary Taylor Simeti came to Sicily, fell in love, married and lived her life on the island as an expatriate. This means she is the double-role of an insider and an outsider and thus the perfect reporter on atmosphere, life and customs on Sicily, far better than any journalist traveling around for some months.
    .
    The book is organized following the seasons of the year thus showing the close relationship of life on Sicily to nature. Farming, plants, flowers, climate, public holidays and harvesting are important parts of her life. But the author also writes about her husband's family and how she integrated step-by-step into the Sicilian society. Greek mythology does not play a central role but it is interesting to see how the author makes practical use of otherwise only academically treated myths. Life with the silent presence of the Mafia is a topic as well as customs like Easter processions and the widely unknown virgineddu. As an American the author wonders how Sicilians organize themselves, such as concerning her children's school or how to get entrance to a historical building on a military site.
    .
    The book covers the time of the 1970s and 1980s and shows many features of the time: The author came to Sicily to support Danilo Dolci driven by a somewhat romantic social idealism, then we read again and again how she marched in demonstrations against American missiles on Sicily, or against the Mafia, or to protect a natural reserve. The author declares to be glad that anti-communism lost its strength. Old fotographs on the Web site of her winery "Bosco Falconeria" show the typical beards and clothings of leftist students around 1968. From today's point of view (2013) this does not seem so political any more but rather like folklore of these times in a certain social milieu. All in all Mary Taylor Simeti did not strive for communism but lived a good life as owner of several houses in Palermo and Alcamo and of course the farm Bosco Falconeria near Palermo, and she lets us readers take part in the sufferings and rewards of such a Sicilian life. Thank you!

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    Cover des Buches The Curse of Troy (ISBN: B00AYSTSSS)

    Bewertung zu "The Curse of Troy" von Luciana Cavallaro

    The Curse of Troy
    cicerovor 8 Jahren
    Rezension zu "The Curse of Troy" von Luciana Cavallaro

    Fate of a woman in a patriarchal society
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    With patriarchal societies it is always the same, be it an archaic Greek, an Arabic, an Indian or any other patriarchal society: Women are moved like chess pieces among men, and love is not expected to happen. Women are never asked, always used, and what they really want is not allowed. Such is the fate of Helen who was made responsible for the Trojan War and the fall of Troy. In her own words the story tells much differently.
    .
    Interesting the author's attempt to describe the process of separation of truth and myth by the introduction of a first historian into the story. Not fully convincing is that he is a fully-developed historian from the beginning; would have been better to see him developing step by step the concept of writing history, and then at the end to realize that he created something new: Writing of History.
    .
    Not fully convincing is the author's try to weave in Ranke-Graves' romantic idea of an ancient matriarchy which gave way to patriarchy. Besides the fact that it is not true, such a cultural change cannot come about so quickly, and what young Helen likes is simply girlish: Dancing, Jewelry, etc. Furthermore, the reasons of war are rarely simply man's greed.
    .
    When reading this short story quite another plot came to me: Why not depicting Helen as the "bad guy" who plotted it all? Maybe she made Theseus "raping" her in order to gain the social prestige of being deflowered by such a famous man? Maybe she charmingly made her father marry her with Menelaos because he is the brother of powerful Agamemnon? Maybe she intentionally seduced poor Paris in order to bring war about Troy and to capture all the wealth for herself, then letting her sister kill Agamemnon, afterwards? So, she being left as the true ruler and winner? Women can be so cunning and plotting, don't they have us men all in their hands?

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    Cover des Buches Aphrodite's Curse: A Short Story (ISBN: B0092FVJPO)

    Bewertung zu "Aphrodite's Curse: A Short Story" von Luciana Cavallaro

    Aphrodite's Curse: A Short Story
    cicerovor 8 Jahren
    Rezension zu "Aphrodite's Curse: A Short Story" von Luciana Cavallaro

    Farewell letter concentrating the myths of Minos and Theseus in a nutshell
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    In a farewell letter princess Phaedra, daughter of king Minos and wife of Theseus, tells the story how it came that she had to poison herself and thus dying away while writing this letter. Along the way of her account all the known and lesser known myths around Minos and Theseus are told and combined to a greater story culminating in Phaedra's end. The enrichment and refinement of the myths into living stories is done well. The language is pleasent and the story unfolds (mostly) dramatically reasonable. It is an easy read providing an agreeable access to the classical traditions.

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    Cover des Buches Der Philosoph und der Diktator (ISBN: 9783257211597)

    Bewertung zu "Der Philosoph und der Diktator" von Ludwig Marcuse

    Der Philosoph und der Diktator
    cicerovor 8 Jahren
    Rezension zu "Der Philosoph und der Diktator" von Ludwig Marcuse

    Ewige Wahrheiten von Macht und Geist / Verfehlt aber Platons Genialität
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    Der Philosoph Ludwig Marcuse zeichnet Schritt für Schritt die Ereignisse nach, die Platon in Syrakus auf Sizilien mit den Tyrannen Dionysios I. bzw. II. zusammengeführt haben, und zeigt, wie Geist und Macht exemplarisch aneinander gerieten. Marcuse geht es dabei allerdings nicht um historische Genauigkeit und die Philosophie Platons, sondern Marcuse benutzt das Geschehen vor allem, um einige "ewige Wahrheiten" aufzuzeigen. Das Ergebnis ist immer noch historisch erstaunlich genau, aber Platon und dessen Philosophie wird deutlich verfehlt.
    .
    Platon ist für Marcuse nur der exemplarische Vertreter eines allzu simplen utopischen Denkens. Er wird reduziert auf einen stubengelehrten Revolutionär, der durch persönlich erlittenes Unrecht und von Klassengegensätzen getrieben würde. Marcuse unterliegt dem Irrtum, Platon leichthin mit Karl Marx gleichsetzen zu können, weshalb er Platon auch den "ersten großen Marxisten" nennt und als rücksichtslosen Diktator im Geiste sieht. Der Unterschied des platonischen Idealstaates zur naiven Utopie entgeht Marcuse, und das Umdenken Platons nach dem Scheitern des Experimentes wird bei Marcuse lediglich als Resignation und als Kontrollsucht aus Altersstarrsinn gedeutet, statt darin den wertvollen Gedanken der Abkehr vom naiven Idealismus zu erkennen. Am Ende begrüßt Marcuse sogar utopische Experimente, denn gerade sie hätten die Menschheit seiner Meinung nach vorangebracht - da fragt man sich, wieviel Marcuse bei all seiner trockenen Nüchternheit der Betrachung wirklich vom Geschehen verstanden hat?
    .
    Marcuses ungeniertes, praktisches, psychologisierendes Hinterfragen der allzu menschlichen Motivationen der Protagonisten liefert manchen wertvollen Hinweis auf das historische Geschehen, andererseits verwirrt Marcuse den Leser mit einem sprunghaften Stil, der vieles nur anreißt und Widersprüche unaufgelöst nebeneinander stehen lässt. Marcuse, der der "Lebensphilosophie" zugerechnet wird, schreibt etwas sperrig und spröde, verdient aber gerade dafür eine gewisse Sympathie, weil er dadurch auch anregend und unkonventionell ist. Alles in allem eine einerseits interessante, anregende, teilweise erhellende und aufklärende Lektüre, die andererseits aber mit Vorsicht zu genießen ist.
    .
    Obwohl es gleich an mehreren Stellen des Büchleins äußerst nahe gelegen hätte, auf Platons Atlantiserzählung zu sprechen zu kommen, bleibt diese konsequent unerwähnt. Marcuse weiß sie offenbar nicht ins Geschehen einzuordnen, da er Platons Philosophie im Kern nicht verstanden hat. Immerhin hat Marcuse richtig erkannt, dass der eigentlich utopische Text Platons - sofern die Bezeichnung Utopie bei Platon überhaupt erlaubt ist - in Platons Politeia zu sehen ist.

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    Cover des Buches Das Foucaultsche Pendel (ISBN: 9783423211109)

    Bewertung zu "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco

    Das Foucaultsche Pendel
    cicerovor 8 Jahren
    Rezension zu "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco

    Gescheiterte literarische Verarbeitung verschwörungstheoretischen Denkens
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    Zentrales Thema des Romans "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco ist die Leichtgläubigkeit von Verschwörungstheoretikern für Geheimgesellschaften und die von diesen gehüteten oder gesuchten oder enthüllten Geheimnisse. Geheimgesellschaften sind hier z.B. Templer, Rosenkreuzer, Jesuiten, Freimaurer. Geheimnisse sind hier z.B. der Gral, der Stein der Weisen, die Kabbala, Magie oder pseudo-wissenschaftliche Theorien wie Pyramidengeheimnisse, Hohlwelt und Erdströme. Diese Thematik wird anhand eines Lektoren-Trios in einem Mailänder Verlag entfaltet: Immer wieder kommen sie mit verrückten Autoren in Kontakt, die ihnen Manuskripte voller Verschwörungstheorien unterbreiten.
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    Das Buch beginnt mit einer furiosen Einleitung, in der der Autor etwas zuviel mit gebildeten Assoziationen brilliert; eine Stilart, die wohl für italienische oder französische Literatur typisch ist. Die ganze erste Hälfte des Buches besteht anschließend darin, in kaum zusammenhängenden Ereignissen die verschiedensten Geheimgesellschaften und Geheimnisse kennen zu lernen, und auch eine Reihe obskurer, typischer Charaktere einzuführen. Dazu entführt der Autor den Leser auch kurz nach Brasilien zu synkretistischen Kulten. Zu lange ist nicht erkennbar, wohin das alles führen soll.
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    Die zweite Hälfte des Buches besteht darin, dass die drei Lektoren alle diese Geheimgesellschaften und Geheimnisse aus Spaß nach der Methode der Leichtgläubigkeit der Verschwörungstheoretiker zu einem großen Ganzen verknüpfen: Ausgehend vom Verbot der Templer im Mittelalter würden seitdem verschiedene Abspaltungen der Templer unter verschiedenen Namen der verloren gegangenen Karte zu dem verloren gegangenen Geheimnis der Templer nachjagen: Über Francis Bacon und dessen wissenschaftlicher Utopie "Neu-Atlantis", Athanasius Kircher, der Synarchie von Agartha, bis hin zu Freimaurern und den "Protokollen der Weisen von Zion". Die ganze bekannte Geschichte wird nach diesem Muster umgedeutet. Als einer der Lektoren diesen "großen Plan" einem Verschwörungstheoretiker erzählt und behauptet, er habe das Rätsel der Karte gelöst, wird aus der Phantasie Wirklichkeit: Die leichtgläubigen Verschwörungstheoretiker nehmen den aus Spaß ersonnenen "großen Plan" ernst, sehen sich selbst als die Erben der angeblichen templerischen Gruppierungen, und versuchen, das vermeintliche Geheimnis der Karte zu erpressen.
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    Das Ende des Buches ist enttäuschend: Das große Finale in Paris ist frustrierend, weil nur destruktiv. Das eigentliche Geheimnis enthüllt der Autor erst einige Kapitel später: Dass es keine Geheimnisse gibt, und dass es Momente des Glücks im Leben gibt, die man erst hinterher als solche erkennt. So wahr es auch ist: Für ein Werk dieses Autors und bei diesem Thema hätte man sich etwas mehr erwartet; auch die Erkenntnis, dass das verschwörungstheoretische Denken unausrottbar ist, ist nicht sehr originell.
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    Zudem gibt es gegen Ende noch ein Kapitel, in dem etwas trocken versucht wird, in aller Kürze eine theoretische Grundlage für die Leichtgläubigkeit von Verschwörungstheoretikern nachzureichen (Kapitel 118, S. 795 ff.): (a) Die Verschwörungstheorie als Ersatz für den Glauben an Gott, als Erklärungsmuster. (b) Zentral ist das analogische, zu schnelle Schließen. (c) Je mehr Verschwörungstheoretiker einen Analogieschluss bekräftigt haben, desto leichter wird er geglaubt. (d) Verschwörungstheoretiker wollen überall Pläne und Zusammenhänge sehen und greifen Anregungen begierig auf. (e) Verschwörungstheoretiker kompensieren eigenes Versagen mit der Idee, dass sie Opfer einer großen Verschwörung wären. (f) Je mehr man etwas bestreitet, desto mehr wird es geglaubt. (g) Ein Geheimnis ist nur so lange interessant, wie es geheim ist, also darf es nie enthüllt werden bzw. der Inhalt zählt in Wahrheit gar nicht. - Entgegengehalten werden zwei Neins: (1) Das Bekenntnis der eigenen Unwissenheit. (2) Die Ablehnung, Verschwörungstheoretiker mit einer Erfindung zufrieden zu stellen.
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    Das Experiment, das der Autor mit diesem Buch versucht, ist interessant, aber letztlich gescheitert: Es ist der Versuch, die Leichtgläubigkeit von Verschwörungstheoretikern literarisch vorzuführen. Das scheitert aus zwei Gründen: (1) Wo das Buch literarisch ist, scheitert es, weil die Wirklichkeit die Satire leider überholt, und weil Argumente gegen Fiktionen auf nicht-fiktionaler Ebene eher überzeugen würden. (2) Wo das Buch sachlich eine theoretische Grundlage geben will, ist es zu trocken für ein literarisches Werk, und zu knapp für ein sachliches Werk. Neben dem erwähnten Theoriekapitel fiel dies auch bei der Besprechung der "Protokolle der Weisen von Zion" auf: Der Autor will hier so intensiv aufklären, dass es nicht mehr literarisch wirkt. Es mangelt auch an sauberen Definitionen und Abgrenzungen: Insbesondere Pseudowissenschaft kann im Zusammenspiel mit wissenschaftlichen Irrtümern zum Verwechseln nahe an echter Wissenschaft liegen und ist ein Problem für sich, das eigentlich nicht in das Schema dieses Buches passt.
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    Fazit: Ein interessanter, sympathischer, literarisch anspruchsvoller Versuch, mit vielen gelungenen Stücken und Ideen und getragen von guten Intentionen, aber ein Versuch, der dem Thema aus fundamentalen Gründen nicht gerecht werden konnte.
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    Das Buch bearbeitet eine ganze Reihe von Nebenthemen:
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    Das Elend des Verlagswesen im Allgemeinen und das Unwesen der Zuschussverlage im Besonderen. Der Verlag der drei Lektoren ist zweigeteilt: Ein Verlag für die seriösen Werke, und ein Zuschussverlag im selben Haus, an den man die Verschwörungstheoretiker weiter vermittelt. Charakterstudien von Menschen, die teuer dafür bezahlen, dass ihr Buch gedruckt wird.
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    Die Zeit und der Geist von 1968. Treffen in Studentenkneipen, theoretische Diskussionen, Demonstrationen und Terrorismus. Dann der Wandel der 68er zu Esoterikern und Bürgerlichen, die ihre Ideale verraten bzw. auf esoterischer Ebene fortführen, wo sich deren Irrationalität umso deutlicher entlarvt.
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    Partisanen und Mitläufer der Faschisten in Italien am Ende des Zweiten Weltkrieges: Der Autor zeigt menschliches Verständnis für Mitläufer, was ein Klischee durchbricht, schweigt aber über die Verbrechen der Partisanen.
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    Atlantis wird zwar etwa dreimal kurz erwähnt, ist für den Autor aber praktisch immer nur eines von vielen Elementen in längeren Aufzählungen verschwörungstheoretischer Ideen. Dass Atlantis ursprünglich von Platon erwähnt wurde und dort einen seriösen Zweck hatte (ob erfunden oder nicht), bleibt im Gegensatz zu anderen Verschwörungstheorien unaufgeklärt. Ein möglicher Ort für das untergegangene Atlantis wird nicht angegeben. Die Seite 581 geht noch am ausführlichsten auf Atlantis ein: Dort ist Atlantis kein Ursprungs- sondern eher ein Durchgangsort der Menschheit, ein Glied in der esoterisch-pseudo-wissenschaftlichen Kette von Pangäa, Mu, Atlantis, Ägypten und den Kelten. Diese Darstellung von Atlantis entspricht dem Ansatz dieses Buches: Esoterische Verschwörungstheorien stehen im Mittelpunkt, das Problem der Pseudowissenschaft und wissenschaftlicher Irrtümer hingegen bleibt weitgehend unbeleuchtet.

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