cosima73

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    Cover des Buches Die Villa am Meer (ISBN: 9783442485956)

    Bewertung zu "Die Villa am Meer" von Micaela Jary

    Die Villa am Meer
    cosima73vor 3 Jahren
    Lebenslügen und ewige Liebe

    Katharina liebt Joachim, es ist die ganz grosse Liebe. Als dieser jedoch für zwei Jahre in den See sticht, um seine beruflichen Chancen für später besser zu machen, weiss Katharina, dass sie nicht zur Seefahrerfrau taugt, dass sie sich vor Sehnsucht verzehren wird. Ein Jahr nach Joachims Abfahrt tritt sie mit Olaf Borcherts, einem älteren, erfolgreichen Unternehmer, der sein Vermögen mit Strandkörben gemacht hat, vor den Traualtar. Er ist zwar nicht die grosse Liebe, verspricht aber ein sicheres Leben und Halt. Das muss sie sich bei aufkommenden Zweifeln selber immer wieder sagen.

    Es war ein zweiter Abschied von Joachim. Diesmal noch endgültiger als der Brief, den sie ihm geschrieben und dem sie das wunderschöne Gesangbuchbeigelegt hatte. Tränen stiegen in ihr hoch.

    Die Ehe erweist sich immer mehr als Gefängnis. Nicht nur trauert sie ihrer grossen Liebe Joachim nach, auch sonst stösst sie an Grenzen: Sie würde gerne selber als Geschäftsfrau etwas bewirken und nicht nur den Stoff für die Strandkörbe ihres Mannes aussuchen, doch das ist in der Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts noch nicht gerne gesehen. Dass sie bei ihren Bestrebungen ausgerechnet auf Joachim zählen kann, macht die Situation nicht einfacher.

    Beurteilung
    Villa am Meer ist eine Familiensage, ein historischer Roman und die Geschichte des Strandkorbs in einem. Zwar soll der Roman ausdrücklich nicht als Sachbuch über den Strandkorb, sondern als fiktive Geschichte verstanden werden, trotzdem wirkt das hier geschilderte sehr authentisch.

    Micaela Jary erzählt in einer eingängigen, leicht lesbaren, flüssigen Sprache die Geschichte einer Frau, die auf ihre grosse Liebe verzichtet, um ein Leben in gesicherten Bahnen zu führen. Es ist die Geschichte einer Frau, die alles daran gibt, trotz dieser schwierigen Voraussetzung glücklich zu sein mit ihrem Mann, die ihren Mann unterstützt, aber auch selber Ambitionen hat und damit aneckt.

    Entstanden ist ein Roman, der durch einen stimmigen Plot, plastische Figuren und einen authentischen Schauplatz – der aufstrebende wilhelminische Urlaubsort Warnemünde an der deutschen Ostseeküste – besticht. Ein wunderbares Buch für den Sommerurlaub am Strand oder zu Hause im Liegestuhl.

    Fazit:
    Ein stimmiger Plot mit plastischen Figuren und einer flüssigen Sprache, ein Roman, der zugleich Familiensaga wie auch historischer Roman ist und die Geschichte einer Liebe, die überdauert, auch wenn sie nicht gelebt werden kann. Sehr empfehlenswert.

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    Cover des Buches Unsere Seelen bei Nacht (ISBN: 9783257069860)

    Bewertung zu "Unsere Seelen bei Nacht" von Kent Haruf

    Unsere Seelen bei Nacht
    cosima73vor 3 Jahren
    Ein wunderbar berührendes Buch

    Addie Moore und Louis Waters leben im kleinen Städtchen Holt, nur wenige Häuser voneinander, trotzdem kennen sie sich nur oberflächlich. Beide sind allein, ihre Partner sind verstorben, die Kinder längst ausgezogen. Eines Tages klingelt Addie bei Louis und stellt ihm eine ungewöhnliche Frage: Ob er nicht ab und an für die Nacht zu ihr käme, damit sie einfach im Dunkeln nebeneinander liegen, reden und dann nicht allein einschlafen könnten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Kent Haruf ist mit Unsere Seelen bei Nacht eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die auf Kitsch und Romantik vollständig verzichtet und durch ihre stille Ehrlichkeit und Tiefe besticht. Die Geschichte zweier Menschen, die sich ihr Leben erzählen und all die Werte leben, die eine gute Beziehung ausmachen, geht zu Herzen. Erzählt wird die Geschichte im Aufsatzstil, in einer einfachen und eingängigen Sprache. Der Leser fühlt sich immer mittendrin, so unmittelbar und authentisch wird das Leben dieser beiden Menschen vermittelt.

    Unsere Seelen bei Nacht ist die Geschichte einer späten Liebe, es ist aber auch eine Geschichte darüber, was Beziehungen ausmacht, eine Geschichte über die Fehler, die man in Beziehungen macht, eine Geschichte über das Leben. Der Mensch ist nie allein, er wird immer von anderen Menschen beeinflusst und in seinem Handeln geprägt oder gesteuert. Auch wenn sich Addie anfänglich vornimmt, nichts darauf zu geben, was andere denken, so muss sie doch lernen, dass das nicht ganz so leicht ist – irgendwann wird sie vor die Wahl gestellt und muss sich entscheiden.

    Fazit:
    Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, einnehmendes Buch über die Liebe, das Leben und darüber, was Menschen prägt und sie leitet. Sehr empfehlenswert.

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    Cover des Buches Die Judenbuche (ISBN: 9783038200376)

    Bewertung zu "Die Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff

    Die Judenbuche
    cosima73vor 3 Jahren
    Mörderjagd auf dem Dorfe

    Friedrich Mergel startet alles andere als gut ins Leben: Der Vater ein Säufer, die Mutter zwar herzensgut, nach dem Tod ihres Mannes aber mit allem überfordert und mausarm, lernt er schon früh die Härte des Lebens kennen. Durch seinen Onkel wird er zudem in unlautere Machenschaften verwickelt. Bei dieser Vorgeschichte ist es kaum verwunderlich, dass der Verdacht auf ihn fällt, als die Leiche des ermordeten Juden Aaron gefunden wird, zumal dieser ihn kurz zuvor auf einer öffentlichen Feier blossgestellt hat.

    Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff ist 1842 im Cotta’schen Morgenblatt für gebildete Leser erschienen und porträtiert eindrücklich das Leben auf dem Lande im 19. Jahrhundert.

    Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermassen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung.

    Auf anschauliche Weise erfährt man von den Intrigen und Machenschaften der kleinen Ganoven sowie von den Verurteilungen derer, die den allgemeinen Ansprüchen nach einem guten und richtigen Leben nicht genügen.

    Die hier vorliegende Ausgabe aus dem Dörlemann Verlag ist durch ein Nachwort der Autorin Droste-Hülshoff sowie einen kleinen Lebenslauf derselben ergänzt und besticht durch seine liebevolle und hochwertige Gestaltung.

    Fazit:
    Eine kurzweilige, kriminalistisch anmutende Novelle aus dem 19. Jahrhundert liebevoll neu aufgelegt. Sehr empfehlenswert!

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    Cover des Buches Alt? (ISBN: 9783630875446)

    Bewertung zu "Alt?" von Franz Hohler

    Alt?
    cosima73vor 3 Jahren
    Einsichten beim Älterwerden

    Nachdem Franz Hohler vor 30 Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlichte mit dem Titel Vierzig vorbei, wendet er sich nun – aus gegebenem Anlass wohl – dem Thema zu, welches in der Prosa-Literatur eher ein Tabu ist: dem Älterwerden. Die Dichter befassen sich mehr damit.

    Ob gereimt oder in lyrischer Prosa, immer bringt bringt Hohler die Dinge auf den Punkt. Die Verse erscheinen, als ob sie ihm einfach aus der Feder geflossen wären, so locker und leicht lesen sie sich, lassen sie sich laut vorlesen. Mal schaut Franz Hohler genau hin, nennt die Dinge beim Namen, mal verpackt er sie in Bilder, die dem so gern gemiedenen Thema Würde und Schönheit geben.

    Da wirbeln sie
    braun und vertrocknet
    über die Dächer
    drehen sich tanzend
    […]

    Zwar ist das Bild des welkenden Blattes nicht neu, viele Dichter haben es verwendet, um das Alter zu beschreiben, trotzdem wirkt es nicht verbraucht oder zu herkömmlich. Eine wunderbare Melancholie zieht sich durch die Gedichte, nicht ohne dabei den Witz zu vergessen. Fragen werden gestellt und geschaut, was sein könnte, hätte sein können und noch ist. Das alles passiert in verschiedenen Sprachen: Deutsch, Französisch, Mundart, Englisch und sogar Altgriechisch – Ein wunderbares Potpourri.

    Fazit:
    Melancholie nicht ohne Heiterkeit, offengelegte und auf den Punkt gebrachte Einsichten zum Älterwerden, Tiefgang in Versform – ein wunderbares Buch. Absolute Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Fegefeuer (ISBN: 9783630875217)

    Bewertung zu "Fegefeuer" von Norbert Hummelt

    Fegefeuer
    cosima73vor 3 Jahren
    Dem eigenen Leben auf der Spur

    In seinem neusten Gedichtband ist Norbert Hummelt auf der Reise in seine eigene Vergangenheit. Er durchforstet seine Träume und verhaftet sie in den Realitäten seines Herkunftsortes, er sucht Stellen auf, an denen er als Kind gespielt hat, nimmt Kontakt zu seinem toten Vater auf und wandelt auf den Pfaden vergangener Lieben.

    mein leben war zur hälfte schon vorüber
    da ging ich einmal durch den dunklen wald
    fand den rechten weg so bald nicht wieder.
    […]

    Da es keine verbindlichen Regeln gibt für die Lyrik, ist ein Lyriker in der Pflicht, sein eigenes Regelwerk zu schaffen, sich seine Theorie, wie (s)ein Gedicht zu sein habe, aufzubauen. Wenn man die Entwicklung von Norbert Hummelt sieht, zeigen sich seine selber gesetzten Regeln, sein Anspruch an Dichtung deutlich. Immer aber stellt er die Form in die Pflicht des Inhalts, nie ist etwas einfach beliebig gesetzt, egal ob es sich dabei um Satzzeichen, Gross- oder Kleinschreibung oder auch metrisches Mass handelt.

    Stilistisch ist Norbert Hummelt schon lange auf dem Weg der Loslösung des Verses von der Länge der Zeilen. Das Ziel, möglichst gleichlange Zeilen zu bilden, um so einen visuelles Ebenmass zu erzeugen, zeigt sich im vorliegenden Band deutlich. Dass es sich trotz des wie Blocksatz erscheinenden Schriftbildes keinesfalls um Prosa handelt, merkt man spätestens beim lauten Lesen: Wie Musik fliessen die Verse und zeigen: Da hat einer am Rhythmus gefeilt, bis nichts mehr stockte oder holperte – es sei denn, der Inhalt fordert es.

    Fazit:
    Sprache, die zu Musik wird, Gedichte, die dem Leben nachspüren. Ein wunderbares Buch und eine absolute Leseempfehlung.

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    Cover des Buches Frische Gedichte (ISBN: 9783956141690)

    Bewertung zu "Frische Gedichte" von F.W. Bernstein

    Frische Gedichte
    cosima73vor 3 Jahren
    Munter in die Welt gedichtet

    Wunderbar satirisch, mit Witz und Humor dichtet sich Bernstein im vorliegenden Gedichtband durch die Welt. Egal, ob es sich um Tiere, das alltägliche Leben, Politik oder Musik handelt, er findet die richtigen Worte und verpackt sie in muntere Reime. Dabei versteigt er sich nie in die Tiefen des zu plakativen Witzes oder gar der Gassenhauer. Stilsicher spielt er die Klaviatur des gepflegten Humors, lässt den Leser schmunzeln.

    So nimm denn, Freund, dir dieses Büchlein vor
    und überprüfe Inhalt, Ton und Form.
    Und wenn’s der Worte wert ist, dann besprich es
    als etwas Gutes oder Wunderliches.
    […]

    Die Gedichte überzeugen durch einen gekonnten Aufbau, durch zu Musik gewordener Sprache und Rhythmus. Die Frischen Gedichte sind ein Spätwerk, das von Munterkeit nur so strotzt und eines sicher tut: Gute Laune verbreiten.

    Fazit:
    Humor, Rhythmus und tiefgründige Munterkeit mit satirischem Einschlag. Absolute Leseempfehlung.

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    Cover des Buches Ein Festtag (ISBN: 9783423281102)

    Bewertung zu "Ein Festtag" von Graham Swift

    Ein Festtag
    cosima73vor 3 Jahren
    Dichtung und Wahrheit

    Jane, eine Waise, arbeitet als Dienstmädchen bei einer reichen Familie. Dass sie daneben eine Beziehung zu Paul hat, dem Sohn einer mit ihren Arbeitgebern befreundeten, ebenso wohlhabenden Familie, ist ihr Geheimnis. Sie wird es nie jemandem erzählen. Am 30. März 1924 wird sie das letzte Mal mit Paul zusammen sein, denn Paul heiratet bald standesgemäss. Es ist nochmals eine Chance, für eine kurze Zeit ein Glück zu geniessen, das nachher blosse Erinnerung ist. Danach wird alles anders sein. Wie sehr, ahnt sie mittags um 12 noch nicht, erst gegen Abend ist ihr klar: Es wird nie mehr sein, wie es mal war.

    Graham Swift schreibt in einer wunderbar flüssigen, klaren, poetischen Sprache über die Geschichte der jungen Jane, die allein in der Welt, sich ihren Ort darin sucht. Jane ist belesen, tiefgründig. Sie hat ein Faible für Wörter, hinterfragt diese – was läge näher, als dass sie später Schriftstellerin wird? Mit 90 blickt Jane auf ihr Leben zurück und erzählt ihre Geschichte.

    Ein Festtag ist ein Buch über die Gesellschaftsverhältnisse im England der 20er Jahre, ein Buch über Literatur, das Schreiben, Wörter. Es ist ein Buch über die Liebe und ein Buch über den Weg einer Frau, die sich ihren Weg von ganz unten nach ganz oben erarbeitet hat. Es ist ein Buch über Geheimnisse und Geschichten, ein Buch darüber, wo Dichtung anfängt und Wahrheit aufhört – und umgekehrt. Es ist ein wunderbares Buch!

    Fazit:
    Ein wunderbar berührendes, tiefgründiges, poetisches Buch über eine junge Waise, die als alte Schriftstellerin über ihr Leben erzählt. Absolute Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Die Hatz (ISBN: 9783492310475)

    Bewertung zu "Die Hatz" von J.M. Peace

    Die Hatz
    cosima73vor 3 Jahren
    Hasch mich...

    Nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund besucht Sammi ihre Freundin Candy, die beiden planen einen Mädelsabend. Als Sammi früher als ihre Freundin zurück in die Wohnung will, bietet sich der Barkeeper hilfsbereit an, sie hinzufahren. Diese Hilfe hätte Sammi besser nicht angenommen, denn auf der Fahrt betäubt er sie und setzt sie in der Folge im Australischen Busch aus – die Jagd hat begonnen. Schafft es Sammi, selber Polizistin, ihrem Verfolger zu entkommen und was unternimmt die Polizei, um den Verbrecher, der schon mehrere Frauen auf dieselbe Weise gejagt und umgebracht hat, zu fangen? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

    Die Hatz ist ein Thriller, der seine Spannung daraus zieht, ob die Polizei schnell genug zur Hilfe kommt und wie es Sammi gelingt, ihren Verfolger abzuhängen. Ein stimmiger Plot, authentische Figuren und geschickt gesetzte Cliffhanger sorgen für ein rasantes Lesevergnügen.

    Der Thriller verfolgt keine sozialkritischen Themen, verzichtet auf psychologische Erkenntnisse und zielt nur darauf, zu unterhalten. Genau das richtige für einen Sonntag auf dem Liegestuhl oder als Lektüre am Strand.

    Fazit
    Eine spannende, gut aufgebaute und stimmig erzählte Verfolgungsjagt. Empfehlenswert.



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    Cover des Buches Thomas & Mary (ISBN: 9783956141782)

    Bewertung zu "Thomas & Mary" von Tim Parks

    Thomas & Mary
    cosima73vor 4 Jahren
    Wenn die Liebe langsam weicht...

    Thomas und Mary sind seit 30 Jahren verheiratet. Sie leben ihr Leben in einer Routine, die sich über die Jahre gebildet hat. Das wirklich Verbindende sind wohl die Kinder, welche aber nun gross sind – die Tochter ist schon ausgezogen. An ihrer Stelle zieht ein Hund ein. Es ist mit ihm wie mit allem: Es ist nicht ganz klar, ob er der Ehe von Thomas und Mary eher zu- oder abträglich ist. Die beiden reden schon lange nicht mehr miteinander, was aber gar nicht neu zu sein scheint.

    Tatsächlich ging es, wenn sie zusammen waren, oft darum, über ihre gemeinsamen Bekannten herzuziehen, was vielleicht der Grund ist, warum aus diesen Bekannten keine gemeinsamen Freunde wurden.

    Beurteilung
    Thomas & Mary ist ein Buch über eine Ehe. Es ist eine Ehe, wie es vermutlich viele gibt, eine Ehe, die nicht durch spezielle Eskapaden, Ausbrüche oder Dramen daherkommt – und doch nicht wirklich eine Beziehung ist. Das Buch ist mehrheitlich aus Thomas’ Sicht geschrieben. Er reiht Erinnerungen aneinander, nicht chronologisch, einfach so, wie sie ihm in den Sinn kommen. So entsteht aus vielen kleinen Stücken langsam ein Bild. Es ist das Bild von vielen kleinen Lügen, Verletzungen, Verurteilungen.

    Gezeichnet wird das ganz normale alltägliche Leben zweier Menschen, die sich selber in einer Beziehung gefangen haben und beständig an den Mauern arbeiten. Sie reden nicht miteinander, sondern eher aneinander vorbei. Sie haben die eingefahrenen Muster zweier Menschen, die über Jahre daran gearbeitet haben, sie zu entwickeln, und die diese nun meisterhaft beherrschen. Sichtbar werden sie an Bemerkungen, Gesten, Verhaltensweisen.

    All das erzählt Tim Parks in einer einfachen, gut lesbaren Sprache, die fast mündlich anmutet – was in dem Fall gut passt, sind es doch Thomas’ Gedanken, denen wir meist folgen. So greift die Form den Inhalt auf und macht diesen noch authentischer.

    Als Leser sitzt man vor dem Buch und fragt sich immer mehr: Kann das so weiter gehen? Kommen sie da nochmals raus? Und wenn ja: Wie? Tim Parks ist es gelungen, zu zeigen, dass es eigentlich keinen Schuldigen gibt in dieser Geschichte. Es ist das Miteinander, das langsam weniger wird. Es sind die Gräben, die tiefer werden durch ausbleibende Zärtlichkeiten, mangelndes Interesse, fehlendes Miteinander. So ist eine eigentlich stille, tiefe Geschichte entstanden, die aber bei alledem leicht erzählt wird. Das ist grosse Erzählkunst.

    Fazit:
    Ein authentisches, menschliches und sprachlich stimmig erzähltes Buch über die eingefahrenen Muster einer langjährigen Ehe. Empfehlenswert.



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    Cover des Buches Eine englische Ehe (ISBN: 9783492057912)

    Bewertung zu "Eine englische Ehe" von Claire Fuller

    Eine englische Ehe
    cosima73vor 4 Jahren
    Was bleibt, wenn einer geht

    Ingrid, eine junge Literaturstudentin aus London, weiss, was sie will: Unabhängig sein, die Welt bereisen, Schriftstellerin werden. Diese Pläne sind bald vergessen, als sie sich in den älteren, attraktiven und sehr umschwärmten Literaturprofessor Gil Coleman verliebt. Spätestens als Ingrid schwanger ist, weiss sie, dass ihr Leben eine andere Bahn einschlagen wird.

    Das Leben wird nicht leicht für Ingrid. Geldsorgen und ein untreuer Ehemann plagen sie. Meist ist sie mit zwei Kindern, Nan und Flora, allein in einem kleinen Ort an der englischen Küste. Weil der Schlaf ausbleibt, schreibt sie Gil Briefe, die sie in den Büchern der Bibliothek versteckt – und irgendwann verschwindet sie.

    Die drei Zurückgebliebenen gehen unterschiedlich mit dem Verlust um. Nan, die ältere Tochter übernimmt tatkräftig die Mutterrolle, Flora und ihr Vater Gil pendeln zwischen der Hoffnung, dass Ingrid zurückkommt, und der Verzweiflung, dass sie tot sein könnte, hin und her.

    Beurteilung
    Eines der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Claire Fuller erzählt die Geschichte einer Familie einerseits aus der Sicht Ingrids durch ihre Briefe an Gil, andererseits aus Floras Sicht. So wird nach und nach das ganze Leben der vier aufgerollt und man sieht als Leser, wie alles kam, wie es heute, zum Zeitpunkt der aktuellen Handlung, ist.

    Obwohl man wenig über die Äusserlichkeiten der einzelnen Figuren erfährt, werden sie durch ihre Handlungen, ihre Gedanken, plastisch und fast fühlbar. Man wird als Leser mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, lebt sie mit, will nicht mehr aus der Welt des Buches austreten, obwohl man zunehmend versteht, wieso Ingrid es durchaus wollte.

    Eine englische Ehe ist die Geschichte einer Frau, die im falschen Leben gefangen ist und ausbrechen will. Es ist die Geschichte einer Liebe, die voller Hoffnung begann, wohl nie endete, und doch an einen Ort gelangte, an dem sie nie hätte ankommen sollen. Es ist die Geschichte zweier Mädchen, die mit der ganzen Situation überfordert waren und sind, und die ihren Weg, damit umzugehen, suchen mussten. Es ist aber auch eine Geschichte übers Schreiben

    Geheime Wahrheiten[…] sind das Lebensblut des Schriftstellers. Eure Erinnerungen und eure eigenen Geheimnisse. Vergesst Handlungen, Charaktere, Struktur; wenn ihr euch Schriftsteller nennen wollt, müsst ihr die Hand bis zum Handgelenk ins Trübe stecken, bis zum Ellbogen, zur Schulter, und die dunkelsten, intimsten Wahrheiten hervorzerren.

    und über Bücher:

    Ein Buch wird erst lebendig, wenn es mit dem Leser kommuniziert. Was passiert denn eurer Meinung nach in den Lücken, mit den unausgesprochenen Dingen, mit dem, was ihr ausgelassen habt? Der Leser füllt all das mit seiner eigenen Fantasie.

    Claire Fuller ist ein sehr lebendiges Buch gelungen. Es gelingt ihr, durch die verschiedenen Erzählperspektiven die Spannung hochzuhalten. Es gelingt ihr, Charaktere zu schaffen, mit denen man sich identifizieren kann, in die man sich hineinversetzen kann. Man sieht die Schauplätze vor sich, riecht das Gras, hört das Meer beim Lesen. Man lebt die Geschichte mit und wenn man die letzte Seite beendet hat, fällt der Abschied schwer.

    Fazit:
    Ein wunderbares Buch: Tief, lebendig, mitreissend, wunderbar erzählt. Ein Buch, das berührt und bereichert. Eine absolute Leseempfehlung.

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