derMichi

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    Cover des Buches Perry Rhodan - Das größte Abenteuer9783596701469

    Bewertung zu "Perry Rhodan - Das größte Abenteuer" von Andreas Eschbach

    Perry Rhodan - Das größte Abenteuer
    derMichivor 12 Stunden
    genial bis schwierig

    Der Umfang dieses Romans gibt einen ersten Eindruck über die Ausmaße des Erzähluniversums. Andreas Eschbach gibt sich tatsächlich Mühe, diese Vorgeschichte von Perry Rhodans erster Mission so ausführlich und glaubwürdig wie möglich zu schildern und gleichzeitig zahlreiche Querverbindungen zu den späteren Ereignissen der Serie und den Eigenschaften seines Helden zu ziehen. Was von kritischen Stimmen in der Heftromanserie teils als unglaubwürdig oder übertrieben aufgefasst wurde, wird hier mit biografischen Details begründet, deren Facetten eine beeindruckende Rechercheleistung belegen.

    Damit ist das Prequel allerdings nicht - wie wohl teilweise beabsichtigt - hauptsächlich für Neueinsteiger in die Reihe geeignet. Neben vielen gut eingeflochtenen Auszügen der Zeitgeschichte von Perry Rhodans Geburt 1936 bis in die 1970er Jahren gibt Eschbach durch die Erzählung seines fiktiven Chronisten Homer G. Adams immer wieder Ausblicke in die spätere Wahrnehmung Rhodans. Für den unvorbereiteten Leser kann das unschlüssig wirken, denn die Ereignisse, die dazu führen, finden erst sehr viel später im Buch statt.

    Nach einer kurzen Einführung zu Rhodans unerlaubter Annexion eines Gebiets auf der Erde beginnt die eigentliche Vorgeschichte erst. Wo das Ganze hinsteuert kann man nur mit einer gewissen Grundkenntnis und vager Interpretation des Prologs verstehen, die angerissene Rahmenhandlung gerät teilweise für mehrere hundert Seiten aus dem Fokus. Die Biografie von Perry Rhodan wird anhand einzelner aneinandergereihter Episoden erzählt, denn sein Leben ist hier das eigentliche Abenteuer. Gefährliche Missionen wie während des Koreakrieges und bei (wiederum hervorragend recherchierten) Testflügen mit diversen Flugzeugen werden trotz kurzer Spannungsbögen verhältnismäßig schnell und häufig auch gnädig aufgelöst. Großartig viel passiert Rhodan nie, schließlich soll er später noch unsterblich werden.

    Vorkenntnisse oder wenigstens eine Grundakzeptanz für den mythologischen Überbau der Rhodan-Reihe ist also unerlässlich, wenn man diesen Band als Einstieg wählt. Für Fans dürfte der Roman ein Geschenk sein, schon weil die zahlreichen Details der Zeitgeschichte (Begegung mit Martin Luther King, Malcolm X, John F. Kennedy u.v.m.) eine glaubhafte alternative Realität schaffen. Der eigentliche SciFi-Anteil spielt erst im letzten Fünftel des Wälzers eine Rolle, dafür geht es dann Schlag auf Schlag. Wer so lange warten kann, wird spätestens dann seinen Spaß haben.

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    Cover des Buches Der Mann, der Sherlock Holmes tötete9783847900382

    Bewertung zu "Der Mann, der Sherlock Holmes tötete" von Graham Moore

    Der Mann, der Sherlock Holmes tötete
    derMichivor 10 Tagen
    vergnügliche Lektüre für Insider

    Auch wenn es die beiden zu lösenden Fälle durchaus in sich haben - sie sind nicht die eigentliche Stärke dieses Romans. Am meisten Freude hat man damit, wenn man das Werk Conan Doyles und die verschrobenen Empfindlichkeiten der Hardcore-Fans schon kennen und lieben gelernt hat. Entsprechend gefüllt mit Verweisen und Anspielungen sind die in der Gegenwart spielenden Szenen, denn der zugehörige Mord findet ausgerechnet während eines Treffens von Holmes-Experten (den "Baker Street Irregulars") statt.

    Viktorianische Krimiatmosphäre kommt vor allem im um 1900 spielenden Teil auf, der zugleich dafür sorgt, dass die erste Hälfte des Buchs keine Parodie auf das Genre wird. Im letzten Drittel liegt der Schwerpunkt sogar hauptsächlich dort, was dem Buch aber nicht schadet. Arthur Conan Doyle kann als Ermittler wider Willen durchaus überzeugen, auch wenn er sich vielfach mit dem Unmut seiner Leser über den vorzeitigen Tod von Sherlock Holmes konfrontiert sieht. Die Begegnung mit seinen überaus empörten Lesern gehört zu den witzigsten Momenten dieses Handlungsstrangs, der für alle Fans der Epoche trotzdem genug ernstes Material à la "Ripper Street" liefert. Überraschende Auflösung inklusive sowie gut recherchierte Details über die Sufragetten-Proteste dieser Zeit.

    Der Wechsel zwischen Früh- und Postmoderne verleiht beiden Mordfällen den nötigen Schwung, denn so will man gleich das nächste Kapitel lesen. Ein passendes Zitat aus den Werken Doyles oder Bram Stokers (letzterer ermittelt in der Vergangenheit gemeinsam mit diesem) gibt vor jedem Kapitel einen Ausblick in dessen Stimmung und suggeriert damit gleichzeitig, wie es vielleicht zu diesem oder jenem Phänomen in den entsprechenden Büchern gekommen sein könnte. Der von Doyle untersuchte Mordfall ist zwar fiktiv, doch Scotland Yard ließ sich tatsächlich hin und wieder von dem Schriftsteller beraten.

    Graham Moore (Oscar-Gewinner für das Drehbuch zu "Imitation Game") hat hier einen rundum spannenden, unterhaltsamen Krimi geschrieben, den man schon aufgrund seiner vielfältigen Anspielungen und Querverweise gerne zweimal liest. Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass eingefleischte Fans des Meisterdetektivs und Kenner der viktorianischen britischen Literatur ihn vermutlich am meisten zu schätzen wissen werden.

    Originaltitel: "The Sherlockian"
    Bonusmaterial: Stadtpläne von London 1900 und 2010

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    Cover des Buches Sherlock Holmes, Sisi und das Erbe des Karl Marx9783954414154

    Bewertung zu "Sherlock Holmes, Sisi und das Erbe des Karl Marx" von Klaus-Peter Walter

    Sherlock Holmes, Sisi und das Erbe des Karl Marx
    derMichivor 14 Tagen
    gerade noch gerettet

    Es hätte schlimmer kommen können. Anstatt einen banalen Marx-Gedenk-Roman zu schreiben oder eine nachträgliche Apologie zu den Thesen des Sozialismus-Erfinders vorzulegen, lässt Krimi-Experte Klaus-Peter Walter seinen Holmes erst einmal als gründlichen Skeptiker der Arbeiterbewegung auftreten. Entsprechend Überzeugungskraft braucht es vonseiten Friedrich Engels', der sich wie alle anderen Klienten auch Holmes deduktiven Methoden stellen muss.

    Die Gefahr einer romantischen Verklärung von Karl Marx und seinen Zeitgenossen besteht also weniger, der Autor widersteht sogar (entgegen dem Wunsch des Verlegers, wie das Nachwort belegt) der Versuchung, unbedingt eine Begegnung von Holmes und Marx zu erzwingen und so ein ungleiches Duell dieser zwei gegensätzlichen Denker zu provozieren. Die Episoden rund um Sisi passen dagegen nicht immer zu der ansonsten stilvoll erzählten Geschichte, bei der immerhin während der Ermittlungen in England echtes Holmes-Feeling aufkommt. Nur wenn Walter zu lange im historischen Lokalkolorit der k.u.k.-Monarchie schwelgt, fragt man sich zu Recht, wo die Geschichte eigentlich hin will.

    Holmes' Begegnung mit dem Detektiv Dagobert Trostler ist ein nettes Gimmick für Fans fast vergessener Krimi-Klassiker. Dessen von Balduin Groller verfasste Abenteuer brachten dem Ermittler den Beinamen "österreichischer Sherlock Holmes" ein, hier schließt sich also gewissermaßen ein Kreis. Ach ja, da war ja auch noch Karl Marx. Diesen Faden nimmt der Autor nach ein paar Exkursen doch wieder auf, um die Ermittlungen schließlich in einem einigermaßen actionreichen Finale münden zu lassen, bei dem ausgerechnet Sisi die entscheidende Rolle spielt.

    Ist das noch ein "echter" Holmes? Bei Pastiches ist die Frage ohnehin schwer zu beantworten. Dieser Roman enthält viele gute Ideen, will am Ende aber zu viel. Der eigentliche Fall gerät zugunsten zeitgeschichtlicher Details und literarischer Exkurse immer wieder aus dem Fokus, auch wenn der Epilog alles so sinn- und stilvoll abschließt, wie die Geschichte begonnen hat.

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    Cover des Buches Offline - Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle.9783596705580

    Bewertung zu "Offline - Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle." von Arno Strobel

    Offline - Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle.
    derMichivor einem Monat
    musste das sein?

    Konstellation und Schauplatz sind Klassiker: das abgelegene Horror-Hotel in den Bergen ("Shining"), ein heftiger Schneesturm, der unsere Helden vom Rest der Welt abschneidet ("Shining") und eine flott geschriebene Handlung, in der ein Sadist zum Feind wird ("Shining", Larsson, Mankell, Fitzek ...). Man muss sich nur erst durch die einführenden Kapitel kämpfen, in denen alle Figuren mehr oder weniger vorgestellt werden, dann ist es bis zur ersten Blutttat nicht mehr weit. Und die hat es in sich.

    Was der Täter mit seinen Opfern macht, deutet auf eine spannende Verbindung zum Prolog und dem allgemeinen Handy-Wahn hin und tatsächlich wird dieser Handlungsstrang immer wieder mal aufgegriffen. Zu selten allerdings. Das Cover deutet eher einen Tech-Thriller über die Abgründe der mobilen Technik an, im Prinzip versucht sich Arno Strobel hier aber an einer uninspirierten Mischung aus Motiven von Stephen King und Sebastian Fitzek. Letzterer wird als Popkultur-Zitat oder Hommage sogar wörtlich gegrüßt:

    "Jenny hörte dem Gespräch nur mit einem Ohr zu, denn ihr Verstand weigerte sich, die Tatsache zu akzeptieren, dass das keine Unterhaltung aus einem Krimi von Klaus-Peter Wolf oder einem Psychothriller von Sebastian Fitzek war [...] (S. 126)"

    Der Rest der Handlung bedient sich allerdings klischeehafter Reaktionen (Wutausbrüche, Vereinzelung als Gefahr) und abgegriffener, einseitiger Charaktere: die starke Frau mit der sanften Seite, der zu Unrecht beschuldigte Stalker, der ungepflegte Computernerd, der dominante Ehemann und der Ex-Bundeswehr-Soldat. Die einzige Überraschung liegt in der tatsächlichen Identität des Täters; angesichts der zahlreichen gewollten Cliffhanger und anstrengend hinausgezögerten Spannungsmomente wirkt das dann aber ziemlich an den Haaren herbeigezogen.

    Wären jetzt noch die Dialoge clever gelöst und die Gefühlswelten der Beteiligten detaillierter geschildert, dann könnte man mit mancher Schwäche leben. Letztlich scheint alles nur ein Mittel zum Zweck zu sein, um möglichst schnell zum Ende zu kommen. Das muss man dem Buch lassen, es hat kaum Längen, nur wenn die gerade noch am Leben befindlichen Opfer mal wieder endlose Dinnere DIaloge führen, deren Ausgang man sich schon denken kann. Das ist es fast eine Erlösung, dass das Ende so kurz ausfällt. Kein Epilog, kein Einblick in die möglichen Veränderungen der Figuren, nur eine Blende auf Schwarz nach Auflösung der Verbrechenssserie.

    Unterm Strich ein flott getexteter Thriller, der Liebhabern des Genres absolut nichts Neues bietet. Schnell gelesen und genau so schnell weggelegt und vergessen. Schade, angesichts dieses Themas, das noch viel mehr hergeben hätte.

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    Cover des Buches Vernichtung9783453271005

    Bewertung zu "Vernichtung" von David Lagercrantz

    Vernichtung
    derMichivor 2 Monaten
    als Thriller okay, als Millenium-Band mau

    Lagercrantz ist nicht Larsson, das wissen wir schon. Trotzdem ist auch in diesem Buch fast alles da, was die klassischen Millenium-Romane ausmacht: politische Intrigen, Lisbeths Kampf gegen die Unterdrückung anderer Frauen, brutale Geheimdienste, sensationelle Enthüllungen und vieles mehr. Gleichzeitig ist der Abschluss in Sachen Story und Seitenzahl deutlich schlanker als seine Vorgänger, denn Stieg Larsson kam fast nie mit weniger als 700 Seiten aus. Klingt nach einem zügigen Abschluss, damit es der Autor hinter sich hat.

    Tatsächlich verspürt man trotz der verwickelten Geschichte zumindest in der Beschreibung von Lisbeths Aktivitäten eine gewisse Lustlosigkeit. Was sie hier tut, ist absolut nichts Neues. Wir erfahren, dass ihre Figur neben schier unstillbarem Rachedurst auch weiterhin menschliche Regungen und unbedingten Einsatz für "ihren Blomkvist" zeigt (wenn's in den Kram passt), aber selbst das ist in dieser Buchreihe schon Routine. Das Techtelmechtel mit einer gedemütigten anderen Frau und der anschließende Vergeltungsschlag bringen die Geschichte kaum weiter und fügen der Figur Salander nichts hinzu.

    Was Mikael Blomkvists Untersuchungen im Fall des plötzlich mitten in Stockholm aufgetauchten Sherpas angeht, darf man sich immerhin auf eine routinierte und anfangs kaum durchschaubare Thrillerhandlung freuen, die immerhin für flüssige Unterhaltung sorgt. Mit dem Fehlschlag auf dem Mount Everest tut sich David Lagercrantz offenbar einen persönlichen Gefallen, denn nach ersten Arbeiten als Journalist war seine Biografie über den schwedischen Everest-Bezwinger Göran Kropp einer seiner ersten Buch-Erfolge. Lagercrantz und Larsson haben ihre Wurzeln beide im Journalismus, bevor sie sich Romanen zuwandten, also kann man die Wahl des neuen Autors grundsätzlich nachvollziehen.

    Darüber hinaus ist das Buch für einen Millenium-Band leider regelrecht gewöhnlich. Gerade die Stieg Larssons Romane auszeichnende Gesellschaftskritik fehlt hier fast völlig. Eher sind es Einzelfälle und Verschwörungen hochrangiger Geheimdienstler, die nur für sich stehen. Trollfabriken, Klatschblätter und Hasskampagnen, auf die mancher blauäugig hereinfällt, sind an zwei Stellen kurz Thema, vertieft wird davon jedoch nichts. Am Ende gibt's nochmal ein anständig packendes Finale, das leider viel zu schnell wieder vorbei ist.

    Originaltitel: "Hon som måste dö"

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    Cover des Buches Die goldenen Jahre des Franz Tausend9783896676177

    Bewertung zu "Die goldenen Jahre des Franz Tausend" von Titus Müller

    Die goldenen Jahre des Franz Tausend
    derMichivor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Packendes Porträt einer brodelnden Epoche.
    mehr als "nur" Historienroman

    Thomas Mann, Carl von Ossietzky und ein Gesellschaftsporträt der "Goldenen Zwanziger": Das klingt zunächst nach verkopftem Intellektuellenroman für die gehobene Feuilleton-Leserschaft, während der Klappentext wiederum einen Neuzeit-Historienroman im Fahrwasser von Ken Follett und Jan Guillou verheißt. Zum Glück stimmt beides nicht. Während der krimiartige Handlungsstrang um Heinrich Ahrndt und seine politischen Ermittlungen für die Zugänglichkeit des Buchs sorgt, liefert Müller in den Szenen mit den beiden Schriftstellern eine Liebeserklärung an die deutsche Literatur ab, für die es kurz vor dem Dritten Reich um alles ging.

    Eine Zeit in der nichts unpolitisch sein konnte, sein durfte. Jedes Verhalten wird als Unterstützung von wahlweise Kommunismus oder Nationalismus gewertet, also bemüht sich jeder, im Zweifelsfall möglichst auf der richtigen Seite zu stehen. Eine spannende Ausgangssituation, die vor allem der titelgebende Franz Tausend für die unverschämtesten Betrügereien ausnutzt. Kaum zu glauben, dass ein windiger Geselle mit ausgerechnet diesem Namen existiert haben soll, aber der Anhang des Romans und die eigene Recherche bestätigen: ja, so war es! Das Goldmachen war nur der Gipfel, daneben betrog Tausend mit gefälschten Schecks, umlackierten Geigen und anderen chemischen Unmöglichkeiten.

    Dass gerade die Nazis und diverse wohlhabende Bürger aus ihrem Umfeld ihn zum Goldesel machen wollten, liefert einen wiederum wahren aber fast schon lachhaften Gegenentwurf zu den Gewaltmaßnahmen der Machtergreifung, die in den letzten Kapiteln Thema ist. So spannt Titus Müller den Bogen von den frühen Zwanzigern bis zur Nobelpreis-Kampagne für von Ossietzky und deren überraschendem Ergebnis. Vereinzelt hätte man sich noch eine Vertiefung mancher Figuren gewünscht, gerade Franz Tausend verschwindet nach einiger Zeit bis kurz vor dem Ende aus der Handlung, was dem Roman insgesamt aber nur wenig schadet.

    Mit seinem für dieses Genre relativ knappen Umfang ist er trotzdem dicht vollgepackt mit spannender Handlung, historischen Ereignissen und exzellent recherchierten biografischen Notizen zu Thomas Mann und Carl von Ossietzky. Gerade das Porträt des ewigen Selbstzweiflers Thomas Mann, der es noch zu Lebzeiten zu Ruhm und Preisen brachte und sich zuweilen als Hochstapler sah, dürfte viele Erfahrungen anderer Autoren widerspiegeln, die sich schon im "ernsthaften" Literaturbetrieb ausprobiert haben. Während Mann heute als literarisches Nationalheiligtum gilt, stand er selbst einst im Schatten des "heimlichen Kaisers" Gerhart Hauptmann.

    Gerade der Bezug zur großen Literatur ist hier ähnlich großartig herausgearbeitet wie in Uwe Tellkamps wuchtigem Ost-Epos "Der Turm", nur ist "Die goldenen Jahre des Franz Tausend" deutlich angenehmer zu lesen. Insgesamt eine hochinteressante Mischung verschiedenster Aspekte und ein damit einzigartiger Blick auf eine brodelnde Epoche, der sich von vielen gewöhnlicheren Werken abhebt.

    Bonusmaterial: Anhang mit historischem Hintergrund und Literaturverzeichnis

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    Cover des Buches Teufelskrone9783785726600

    Bewertung zu "Teufelskrone" von Rebecca Gablé

    Teufelskrone
    derMichivor 2 Monaten
    nicht der beste und trotzdem großartig

    Es sind vor allem die zahlreichen Geschichten rund um Robin Hood, die Prinz John in der Öffentlichkeit ein negatives Image beschert haben. Die edlen Taten des Helden in Strumpfhosen wurden ab dem 16. Jahrhundert erzählerisch ins 12. bis 13. Jahrhundert verlegt und stempelten John zum Buhmann, der das Landvolk unterdrückt und die glorreiche Rückkehr seines edlen Bruders Richard Löwenherz verhindert haben soll. Die historischen Fakten sind, wie so oft, deutlich komplexer. Deshalb ist das größte Verdienst dieses Romans das ausführliche Porträt der widersprüchlichen Person Prinz John, die seine Untergebenen vor manche Herausforderung stellt.

    In Waringham ist dagegen alles beim Alten: Wie in so vielen Romanen dieser Serie dreht sich die Handlung um einen jungen Nachwuchs-Edelmann, der beim König als Knappe dient, dort zunächst viel einstecken muss, eine verbotene Liebe pflegt, einen Lieblingsfeind hat und mindestens einmal dazu geneigt ist die Seiten zu wechseln. Zusätzlich müssen Verluste erduldet und das Vermächtnis der Vorfahren irgendwie fortgeführt werden; ihre besondere Beziehung zu Pferden werden die Waringhams auch in diesem Buch nicht los.

    Damit ist ausgerechnet die Hauptfigur Yvain eine der am wenigsten aufregenden Figuren in "Teufelskrone", doch Prinz (und später König) John und das abenteuerliche, wenn auch viel zu knapp erzählte Schicksal von Yvains Bruder Guillaume entschädigen für alles. Rebecca Gablé versteht es, dem umstrittenen Herrscher ein Gesicht zu geben und glaubwürdig zu zeigen, dass er es mit seinem Charisma durchaus verstand, die Menschen in seinem Umfeld gleichermaßen zu begeistern und abzustoßen. Ein gewisses brutales Verbrechen, das John wirklich begangen haben soll und bei dem Yvain als unfreiwilliger Helfer auftritt, traut man dem König genau so zu wie den geradzu kumpelhaften Umgang mit seinen engsten Vertrauten.

    Darüber hinaus machen die vielfältigen Details und die vor allem zum Ende hin immer packendere Handlung das Lesen selbst dann zum Vergnügen, wenn die Dinge in Waringham ihren allzu gewohnten Gang gehen oder größere Zeiträume mal eben großzügig übersprungen werden. Wo andere Romanautoren ihren Stoff häufiger mit Vermutungen oder schlichten Erfindungen unterfüttern um bloß keinen zu langweilen, liefert die Autorin selbst für Exkurse jenseits der Haupthandlung noch akribisch recherchierte Szenen und Ereignisse. Die Lektüre des Anhangs wird ausdrücklich empfohlen, um sich der Glaubwürdigkeit dieser faszinierenden Details zu versichern.

    Das und die zugängliche Schreibe der verdienten Veteranin des deutschen Historienromans machen dieses Buch zwar nicht zu ihrem Besten, doch Gablé ist den meisten Mitbewerbern schon deshalb überlegen, weil sie einmal mehr der Versuchung widersteht, moderne Figuren in alte Zeiten zu verpflanzen, damit auch bloß jeder merkt, wie schlimm das alles damals war. Im Gegenteil: Gerade weil Yvain, John und alle anderen mit ihrem Verhalten beim heutigen Leser auch mal anecken dürfen, gelingt es erst richtig in die Verhangenheit einzutauchen. Ein größeres Kompliment gibt es in diesem Genre nicht.

    Bonusmaterial: Landkarten, Stammbaum des Hauses Plantagenet

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    Cover des Buches Das große Buch der Eisenbahn9783613715561

    Bewertung zu "Das große Buch der Eisenbahn" von Heinrich Petersen

    Das große Buch der Eisenbahn
    derMichivor 2 Monaten
    Eisenbahngeschichte rückwärts erzählt

    Vorab: Das Buch ist wirklich groß. Mit 24 x 27 cm wird dem Bücherregal einiges geboten, es sieht auf den ersten Blick also ganz nach klassischem Bildband aus. Beim ersten Durchblättern halten sich Texte und Bilder jeglicher Formate in etwa die Waage, dazwischen immer wieder übersichtliche Tabellen und Grafiken.

    Einzigartig ist das Buch durch den Ansatz, die Eisenbahngeschichte rückwärts zu erzählen. Petersen beginnt mit Shinkansen und ICE, bis man im letzten Drittel bei den ersten Dampflokomotiven landet. Doch nach Invicta, Rocket, Adler und Saxonia geht es noch weiter: In jetzt doch wieder chronologischer Reihenfolge werden die übrigen Traktionsarten, vor allem Diesel- und E-Loks, vorgestellt. Weitere Kapitel befassen sich mit bahntechnischen Grundlagen wie Gleisen, Oberleitungen, Signalen und Bahnübergängen.

    Die Lektüre ist also äußerst abwechslungsreich, zumal längere Textpassagen immer von passenden, oft auch seltenen Bildern begleitet werden und immer wieder Übersichten mit den für die jeweilige Epoche typischen Zügen enthalten sind. Trotzdem gerät das Buch nicht zum tausendsten Sammelband mit "Lokbaureihen, die jeder kennen muss", sondern enthält auch etliche wenig beachtete Fahrzeuge aus aller Welt. Im Kapitel "Typenkunde der Hochgeschwindigkeitszüge" finden sich etwa nicht nur ICE und TGV sondern auch alle wichtigen Bauarten des Shinkansen. Diese ausführliche globale Perspektive fehlt vielen anderen Eisenbahnbüchern.

    Wer dieses reichhaltige Kompendium von vorne bis hinten durchschmökert wird jedoch auf einige unschöne Fehler stoßen, etwa wenn wiederholt Kommas an der falschen Stelle sitzen, Bildunterschriften doppelt vorkommen (S. 32/33), aus dem Testgelände plötzlich ein "Textgelände" wird (S. 20), unpassende Wörter mitten in Sätzen auftauchen oder der exakt gleiche Sachverhalt an zwei direkt aufeinanderfolgenden Stellen fast identisch nochmal erklärt wird (S. 26-29). Auch Überschriften sind von Fehlern nicht ausgenommen.

    Ingesamt trübt das grobe Korrektorat die Freude zum Glück nur unwesentlich. "Das große Buch der Eisenbahn" eignet sich aufgrund seiner Vielfalt, von technischen und geschichtlichen bis hin zu kulturellen Aspekten des Bahnwesens, besonders für Hobby-Neulinge oder Eisenbahnfans, die schon gefühlt jedes Buch über ihr Lieblingsthema im Regal stehen haben.

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    Cover des Buches Lost Cars9783964530486

    Bewertung zu "Lost Cars" von Uwe Sülflohn

    Lost Cars
    derMichivor 2 Monaten
    Altmetall vom Feinsten

    "Lost Cars" ist gleichermaßen Bild- wie Erzählband. Die Autoren beschreiben neben den durchweg gelungenen atmosphärischen Aufnahmen verschiedenster Autowracks die Geschichte hinter den Bildern. Fotos und Texte ermöglichen eine Reise durch die Geschichte der Automobilität und der engen Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Denn während manche Schätze in freier Wildbahn verrotten, werden andere wie sakrale Objekte in Garagen oder Scheunen eingelagert; Auto-Mumien gewissermaßen.

    In anderen Fällen kann nur spekuliert werden, wie die Fahrzeuge an zum Teil ungewöhnliche Orte gelangt sind. Warum steht ein zerlöcherter BMW auf dem Golfplatz? Wer stapelt zwei halbe Käfer aufeinander? Was macht ein VW Scirocco im Schweinestall? Und wie kann man eingekeilt zwischen zwei Bäumen parken? Diese viele andere Fundorte dokumentieren die Fotografen nicht nur, sondern erschaffen stimmungsvolle Nachtaufnahmen mit künstlerisch ausgeleuchteten Szenen, die weit über den Niveau ähnlicher Bildbände liegen.

    Die Autoren machen keinen Hehl daraus, dass man sich beim Fotografieren von Fahrzeugwracks wie bei anderen Lost Places häufig in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Deshalb gibt es zu den meisten Fundorten keine Angaben, nur einigermaßen bekannte Orte wie zum Beispiel den schwedischen Autofriedhof Båstnäs kann man mit etwas Online-Hilfe identifizieren. Egal, denn das macht den Charme und Seltenheitswert der Aufnahmen aus, die häufig auch (mit Genehmigung) auf Privatgrundstücken stattfanden. Dazu wird manche aufschlussreiche Geschichte erzählt, welche die vielfältigen Persönlichkeiten hinter den gehorteten Autoschätzen vorstellt.

    Selbst wenn man kein Auto-Narr ist, hat der Band viel zu bieten. Die geheimnisvolle Stimmung der Bilder rückt die Fahrzeugruinen in ein ganz besonderes (Kunst)Licht, das Fans gelungener Fotokunst genauso erfreut wie Liebhaber längst vergessener Fahrzeugtypen und passionierte Urban Explorer. Und sie inspirieren dazu, nicht nur nach alten Gebäuden, sondern auch anderen verfallenden Zeugnissen menschlicher Eroberungswut nachzuspüren.

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    Cover des Buches Könige der Finsternis9783453318878

    Bewertung zu "Könige der Finsternis" von Nicholas Eames

    Könige der Finsternis
    derMichivor 2 Monaten
    für Fans von SAPKOWSKI und ABERCROMBIE

    Die klassische Queste geht schnell ihren gewohnten Gang. Gleichzeitig kann man sich noch über unterhaltsame Details freuen, dann anfangs sind die Ex-Söldner mit wenig mehr als Butterbroten und Wollsocken "bewaffnet" und selbst das wird ihnen bald genommen. Die Erklärungen über die Vergangenheit der Söldnertruppe verknüpft Eames geschickt mit der Suche nach den übrigen Mitgliedern, man muss also keine allzu langatmigen Erzählpassagen jenseits der Haupthandlung befürchten.

    Überhaupt ist "Könige der Finsternis" angenehm geradlinig erzählt, ohne jemals anspruchslos zu werden. Fans von Andrzej Sapkowski ("Der Hexer") und Joe Abercrombie (die "Klingen"- und "Königs"-Romane) dürfen sich auf eine einzigartige Mischung ganz unterschiedlicher Helden freuen sowie auf ein Best Of so ziemlich jeder Kreatur, die das Genre jemals hervorgebracht hat. Zusätzlich erfindet der Autor neue Rassen, wie die Druine - eine Art Elben mit "Hasenohren" (!) - oder die Daevas - eine Art finstere Engel, die ein überragendes Talent als Kopfgeldjäger an den Tag legen.

    Im Klappentext vergleicht ein Pressezitat die Geschichte mit den Büchern von Terry Pratchett und George R.R. Martin, tatsächlich hat das Buch mit beiden herzlich wenig zu tun. Der Umgang mit den klassischen Fantasymotiven ist zwar stellenweise ironisch-liebevoll, gleichzeitig geraten aber nicht einmal die schrägsten Hauptfiguren zur billigen Lachnummer. Clay, Gabriel, Matrick, Moog und Ganelon sind ausgereifte, gut durchdachte Figuren, deren Ängste und Nöte der Geschichte zuweilen mehr Tiefe verleihen, als man es angesichts der Übertreibungen an anderer Stelle annehmen würde.

    Ein Großteil der Handlung vergeht mit der Suche nach dem Rest der Truppe (dem sich nach und nach noch ein untoter Barde und ein zweiköpfiger Riese anschließen), weshalb die gemeinsame Mission nach einer Handvoll Abenteuer recht schnell zu Ende ist. Immerhin gerät damit die finale Schlacht nicht länger als nötig und man darf sich bis dahin auf gelungene Running Gags und amüsante Passagen freuen, in denen Ereignisse auch mal aus ungewöhnlich Perspektiven (nach)erzählt werden.

    Auch angenehm: Der Roman steht trotz mittlerweile angekündigtem Spin Off ("Die schwarze Schar") für sich, anstatt mit einem monströsen Cliffhanger zu gefühlt sieben Fortsetzungen überzuleiten. Deshalb eignet sich "Könige der Finsternis" ideal als kurzweilige und doch lohnende Fantasylektüre für alle, die nicht die zehnte mehrbändige Saga im Regal brauchen.

    Originaltitel: "Kings of the Wyld"
    Bonusmaterial: Interview mit dem Autor

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