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dietrich_pukas

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    Cover des Buches ICH BIN ICH (ISBN: 9783934969919)

    Bewertung zu "ICH BIN ICH" von Margarete Friebe

    ICH BIN ICH
    dietrich_pukasvor einem Jahr
    BEWUSSTSEINS-EVOLUTION UND ICH-ENTWICKLUNG

     Margarete Friebe: ICH BIN ICH

    Vom egositischen Alltags-Ich zum hohen geistigen Ich 

    Paderborn 2019 

    Rezension von Dietrich Pukas (07.06.2020) 

     Margarete Friebe ist Psychopädagogin und Inhaberin des Alpha-Instituts Adligenswil/Luzern sowie Gründerin der Schweizerischen Friedensstiftung „International White Cross“. Sie forscht seit 40 Jahren auf dem Gebiet der Tiefenpsychologie und spirituellen Philosophie, ist Autorin etlicher Bücher auf diesen Gebieten und betreibt seit 1973 eine umfangreiche internationale Lehrtätigkeit zur tiefenpsychologischen Management-Schulung. 

    Im vorliegenden Werk lässt sie uns an ihrem persönlichen Weg der schwierigen Suche nach dem wahren Sinn unseres Lebens anschaulich und bewegend teilhaben. Aus ihrer leidvollen, trostlosen, vereinsamten Kindheit während des 2. Weltkrieges heraus interessiert sie sich bereits als Sechzehnjährige für die eigentliche Bedeutung unseres Daseins und will wissen, was unsere Welt im Innern zusammenhält sowie im Tiefen und Ganzen zu bieten hat. Den mühevollen Erkundungs- und Erkenntnisprozess vom „egoistischen Alltags-Ich zum hohen geistigen Ich“ beginnt sie in dem Buch zur fundierten Aufklärung und schrittweisen Führung der Leserschaft ans göttliche Ziel mit den mystischen Erlebnissen und Weisheiten der großen geistigen Lehrer der Antike. Indes schildert sie nur wesentliche Gedanken und Einsichten zum Kampf des Menschen um Dasein und Humanität, zur Persönlichkeits- und Seelenentwicklung in den Philosophien der altindischen, altpersischen, altägyptischen Denker. Beispielhaft sei hier auf die 7 „hermetischen Prinzipien“ verwiesen, die den Schüler auffordern „Beherrscher seiner Gedanken, Emotionen und Taten“ zu werden. Nach dem „Gesetz des Geistes“ ist alles real Existierende aus dem Geist oder der Idee geschaffen worden, auch der Mensch als Vorstellung des Ur-Schöpfers. Das konkret Vorhandene setzt also die Existenz des Immateriellen voraus und beweist diese. Nach dem „Gesetz der Entsprechung“ entspricht das Äußere strukturell dem Inneren, das Gegenständliche dem Geistigen, der Makrokosmos dem Mikrokosmos „Mensch“. Das „Gesetz der Schwingung“ sagt aus, dass alles Schwingung ist: das Atom wie jeder Gedanke, der sich qualitativ als informatives Schwingungsfeld fortpflanzt, zu einem bestimmten Gemütszustand führt und die Seele berührt. Alles schwingt und ist mit Allem verbunden. Gleiche Wellenlänge wirkt verstärkend und kann zur Tat anstoßen. Das „Gesetzt der Polarität“ besagt, das alles polar und als solches zur Bewegung zwischen positivem und negativem Pol notwendig ist. Auch die innere geistig-seelische Entwicklung erfolgt im Spannungsfeld zwischen gut und böse, Gott und Teufel (Luzifer), während der Mensch als individuelles, frei denkendes Ich-Wesen in der Mitte zwischen Beidem lebt. Das „Gesetz des Rhythmus“ lässt das Pendel der Polarität schwingen, sodass es keinen Stillstand gibt. Alles ist im Wandel von einer Stufe zur anderen. Dementsprechend soll man loslassen können, Blockaden auflösen und guten Fortschritt ermöglichen. Das „Gesetz der Kausalität“ bedeutet, dass es keine Wirkung ohne Ursache geben kann, wonach der Zufall nur ein Begriff für eine nicht erkannte Ursache ist. Also soll man nichts dem Zufall überlassen, sondern Fälle durch selbstbestimmtes Denken eigenverantwortlich entscheiden. Das verweist auf das „Gesetz des Geschlechts“, wonach sich jeder als individuelles Wesen begründen und behaupten soll, wenngleich männliche und weibliche Seinsformen in der menschlichen Seele „in befruchtender Harmonie miteinander wirken“ sollen. In diesem Zusammenhang plädiert Margarete Friebe für eine tiefe Herzens- und umfassende Friedensbildung auf der Grundlage dienender Liebe, wodurch Gier, Brutalität, Terror und Kriege überwunden werden sollen. 

    So haben bereits die antiken Lehrmeister das Denken Margarete Friebes bereichert und beflügelt, wie sie eindrucksvoll und beispielhaft im Einzelnen schildert. Jedoch die entscheidende Bewusstsein-Erweiterung hat sie durch die christlichen Mystiker erfahren, die sie zum „Repräsentanten der personifizierten Ur-Liebe“ führten, nämlich zur „Ur-Lehre des Christus“ gelangen ließen. Sie berichtet die Herzenserlebnisse mit Gott begnadeter Persönlichkeiten wie Meister Eckehart, Jakob Böhme, Theresia von Avila, Emanuel Swedenborg und insbesondere die Auseinandersetzung um die göttliche Dreieinheit aus Vater, Sohn, Heiligem Geist zu einem persönlichen, wesenhaften Gott als „Urform des Menschen, die im Kleinsten und Größten lebt und alles mit seiner Liebe durchdringt“. So gewann sie die Überzeugung, dass „ein Gott existent ist, der nicht anonym, unfassbar in der Unendlichkeit ausgedehnt lebt, sondern ein durchaus erlebbarer Gott ist“. Und sie fühlte in ihrem Gemüt „die lebendige Anwesenheit Gottes“, fand aber auch in einem Psychotherapeuten und Theologen keinen Gesprächspartner für ein Wissen mit Herzenstiefe und Erkenntnissen, die zur „allumfassenden Liebe“ führen. Da empfand sie es als segensvolle Gnade, dass sie die umfangreichen Schriften von Jakob Lorber (Gesamtwerk in 25 Bänden, Bietigheim ab 1877 ff.) kennen und lieben lernen konnte. So bekennt sie pathetisch: „Alle meine mitunter noch auftauchenden Zweifel haben sich aufgelöst; das Tor zur Ur-Kraft und Ur-Liebe im Herzen öffnet sich immer ein wenig mehr und zeigt mir den Weg zum hohen göttlichen Ur-Ich, der eine segensreiche Bewusstseins-Evolution aufzeigt, an der alle Anteil haben, die mit gutem Willen sich strebend hinauf entwickeln wollen auf der Stufenleiter des Ichs – vom egoistischen zum hohen geistigen –, das die Hochzeit mit dem Ur-Ich krönend besiegelt.“ Das galt als neue Offenbarung des einzigartigen Sinns menschlichen Lebens auf Erden: Es gibt einen Gott der Liebe, der alle Menschen zu seliger Vollendung und zum ewigen Sein führen will. „Erkennet und liebet ihn über alles, und liebet ihn um seinetwillen auch alle eure Mitgeschöpfe!“ Lorber (1800-1864) wurde zum überzeugenden Verkünder dieser Botschaft, indem er seine Lebensstellung als Kapellmeister ausschlug und einer inneren Stimme folgte, die ihm wie die Stimme Jesu Gottesworte kundtat und ihn zum unermüdlichen Schreiben durch höchste Eingebung veranlasste. Und Margarete Friebe fand in seinem großartigen Weltbild die Bestätigung ihrer eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die in der Erkenntnis gipfelten, dass Gott selbst mit seiner unendlichen Liebe, Weisheit und Allmacht im Herzen und in der Seele eines jeden Menschen lebt und es als höchstes Ziel menschlichen Seins gilt, das angeborene embryonale, egoistische Ich im Lebensalltag zu überwinden und nach dem Ebenbild Gottes zum hohen geistigen Ich zu entfalten. 

    Nach diesem Schlüsselerlebnis macht sich Margarete Friebe ans Werk und an ihre Lebensaufgabe, die Mitmenschen durch Wissensvermittlung, Aufklärung, herzlicher Zuwendung und Nächstenliebe, großer Ausdauer und Geduld auf die Stufenleiter der Bewusstseins-Evolution zu führen und in Erlangung des hohen geistigen Ichs mit Gott zu verbinden. Dazu untersucht sie im vorliegenden Buch den Ursprung des egoistischen Ichs und setzt sich zunächst mit den negativen Eigenschaften des Menschen anhand des schändlichen Treibens auf Erden von Luzifer als dem Ur-Teufel und Gegenspieler Gottes auseinander. Luzifer als der höchste von Gott geschaffene „Lichtgeist“ sollte im göttlichen Auftrag schöpferisch tätig sein und nach dem Willen Gottes Universen und Wesen erschaffen. Diese Aufgabe erfüllte er eine Zeitlang, bis er auf die Idee kam, seine verliehene Macht über Gott hinaus zu steigern und für eigene Zwecke zu nutzen. Diese eigensüchtige Überheblichkeit wurde mit seinem Fall in die materielle Welt und der Zersplitterung seiner Macht auf der Erde geahndet. Diesem Schicksal folgte ebenfalls der erste irdische Ur-Mensch Adam wegen seines luziferischen Verhaltens des Ungehorsams, wodurch der Egoismus geboren wurde. Zwischen diesen beiden Polen, der finsteren luziferischen Kraft und der edlen göttlichen Macht, lebt der Mensch als individuelles Wesen mit seinem Hang zum Egoismus und seinem denkenden Ich mit dem Willen zur freien Entscheidung zwischen beiden Seiten. Zudem ausgestattet mit dem „geistigen Organ“ des Gewissens, das bei schlechten Gedanken und Taten die Seele mit bedrückenden Gefühlen belastet und bei guten, mitmenschlichen Absichten und Handlungen ein seelisches Wohlgefühl erzeugt. In diesem Sinne machen die unreflektierten modernen Lebensumstände und Auswirkungen der oberflächlichen Massenkommunikation sowie die Gier nach Macht und materiellem Wohlstand heute viele Menschen zu Sklaven Luzifers. Margarete Friebe berichtet von der Bekanntschaft mit zahlreichen Personen während ihrer 40-jährigen Lehrtätigkeit, die sich als Gefangene ihrer Begierden, Abhängigkeiten und Schwächen fühlen und diese sehnsüchtig loswerden wollen. Sie setzt dagegen eine Begegnung in Güte und Warmherzigkeit, Nächstenliebe, geistig-seelische Herzensbildung, aufbauende, positiv-hilfreiche Gedanken, die das Gefühl der Steigerung des Guten in der Seele bewirken. Aber das egoistische Ich soll nicht verteufelt, sondern als erziehbare Teilpersönlichkeit mit einer ganzheitlichen Bildung für Geist, Seele und Körper verstanden und höher entwickelt werden, was die Autorin unter Einbeziehung der 7 hermetischen Gesetze und persönlicher Beispiele ausführlich erläutert. 

    So kommen wir zum Herzstück des Werkes, aus dem die Leserschaft nach meiner Auffassung unmittelbar für die Sinnerfüllung des eigenen Lebens lernen und Konsequenzen ziehen kann. Da ist zum Einen das Kapitel über „die zu erringenden notwendigen Eigenschaften zur höheren Bewusstseinsbildung“. Im gesamten Lorber-Werk finden sich die 7 Eigenschaften Gottes, die wir Menschen in uns tragen und im Rahmen unserer Möglichkeiten im Alltag praktizieren sollen. Die erste Eigenschaft Gottes ist die LIEBE, durch die alles entstanden ist und die allem Geschaffenen das Leben eingehaucht hat, denn die göttliche Liebe ist das Leben selbst. Durch die täglich betriebene Nächstenliebe können wir immer liebesfähiger werden, besonders wenn wir nicht nur Freunde lieben, sondern uns auch der Unsympathischen, Schwachen, Hilfsbedürftigen annehmen. Um dem Unliebsamen ebenfalls Mitgefühl und Verständnis entgegen zu bringen, sollte man sich bewusst machen, dass er unwissentlich seinen negativen Teilpersönlichkeiten ausgeliefert ist. Außerdem müssen wir unseren Blick für die Not des Anderen schärfen und wir dürfen nicht gleich verzagen, wenn er auf unsere Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht wie erwartet reagiert. Wir müssen beharrlich lernen, nicht enttäuscht zu sein, indem wir uns selbst dahin erziehen, ein aufrichtiges Interesse am Wohl unserer Mitmenschen zu haben. Gottes Liebe wirkt nur zusammen mit seiner WEISHEIT als zweiter Eigenschaft, die das Wunder der Schöpfung hervorgebracht hat. Alles Geschaffene widerspiegelt seine Weisheit, nicht nur das nahezu unerschöpfliche menschliche Denken und der Erfindergeist, sondern ebenfalls der weisheitsvolle Instinkt der Tiere. Die Leistung, eine lebende Ameise zu erschaffen, ist gewaltiger, als eine Saturnrakete für den Flug ins All herzustellen. Denn der Mensch kann nicht die Natur, sondern nur Totes erzeugen (von der wiederum gottbasierten Fortpflanzung abgesehen). Es kommt auf das harmonische Zusammenwirken von Weisheit und Liebe an, besondrs in der Kindererziehung. Liebe ohne vernünftige Grenzen wird zur verhätschelnden „Affenliebe“ und Weisheit ohne Liebe bleibt kalt oder hochmütig. Als dritte göttliche Eigenschaft gilt der gute WILLE zur Tat, der den Geist und das eigenständige Ich antreibt, damit Fortschritt und überhaupt etwas entsteht. Ohne starken Willen gibt es keine Weiterbildung und keine Überwindung der Laster und negativen Teilpersönlichkeiten, auch keine Höherentwicklung auf der Stufenleiter der Bewusstseins-Evolution. Die göttliche ORDNUNG erweist sich als vierte Eigenschaft, die die gesamte Schöpfung durchzieht und gleichfalls unserem Denken, Wollen und Handeln die Richtung weisen sollte. Wir benötigen einen zielorientierten Weg für unseren Willen, um etwas Sinnvolles zu produzieren, eigene Ideen zu verwirklichen und selbstbestimmt unsere Persönlichkeit zu entwickeln, jedoch Chaos zu vermeiden und Katastrophen zu überwinden. Als fünfte göttliche Eigenschaft fungiert der ERNST, der uns motiviert, dass wir uns nicht gleichgültig, unverbindlich, oberflächlich verhalten, sondern mit standhaftem Willen unsere guten Absichten und Vorsätze umsetzen und unsere gewonnenen Erkenntnisse konsequent anwenden und beharrlich weiter verfolgen. Darin werden wir von der sechsten göttlichen Eigenschaft der GEDULD unterstützt. Sie benötigen wir, um dem verbreiteten Stress und der zermürbenden Hetze gelassen zu begegnen, damit wertvolle Ideenflüsse und Vorhaben nicht unterbrochen oder blockiert, zu früh aufgegeben werden oder gar in Fehlentscheidungen enden. Mit Langmut müssen wir unsere Schwächen und Fehler erkennen wollen und besonnen nach dem jeweils Besseren streben, gleichsam geduldig Verständnis und Mitgefühl für das Fehlverhalten der Anderen entwickeln und zur Vergebung und Versöhnung bereit werden. Damit sind wir bei der siebten göttlichen Eigenschaft der BARMHERZIGKEIT angelangt, die wie die Liebe all die anderen aufgeführten Eigenschaften durchdringt. Wo sie fehlt, kann das grenzenlose Ertragen und Gedulden ins extreme Nichtstun ausarten und zur Katastrophe führen. Vor allem sollte die Barmherzigkeit kein schädliches Verhalten rechtfertigen oder gar verstärken, sondern in Güte und Harmonie mit den anderen Basiseigenschaften zum Seelenfrieden beitragen und zur Entfaltung des hohen geistigen Ichs wirken. 

    Diesen sieben Basiseigenschaften, die zusammen das Wesen Gottes repräsentieren und als Schöpfungsprinzip und höchstes Ur-Ich in jedem Menschen angelegt und zur Verwirklichung im Leben aufgegeben sind, stehen nach dem Gesetz der Polarität den sieben luziferischen Hauptleidenschaften als Hemmnisse zum Erringen des hohen geistigen Ichs gegenüber. Es handelt sich um die niedrigen Eigenschaften des egoistischen Alltags-Ichs des Menschen, nämlich „Hochmut, Herrschgier, eifersüchtigster Neid, tödlicher Geiz, unversöhnlicher Hass, Verrat, Mord“. Margarete Friebe setzt sich mit ihnen differenziert auseinander und liefert persönliche Ratschläge zur jeweiligen Selbstbeobachtung und zum Abbau-Training etwa mit Verzichtübungen. Denn das egoistische Ich will vieles im Übermaß und macht den Menschen zur Marionette seiner Gier und Unersättlichkeit, beraubt ihn seiner inneren Würde, entmenschlicht ihn. Allerdings sei hier angemerkt, dass ein gesunder Egoismus bis zu einem gewissen Grade durchaus überlebenswichtig ist und notwendig zur Daseinsbewältigung auf der Erde in dieser materiellen Welt gehört. Daneben und darüber darf man jedoch nicht den lohnenden, wichtigen Lebenskampf um die sinnerfüllende Bewusstseins-Erweiterung zum hohen geistigen Ich vernachlässigen; angesichts der abträglichen modernen Zivilisation gilt es eher im Gegenteil, sie nach besten Einsichten und Kräften zu forcieren. Jedenfalls werden wir – jeder nach seiner Herkunft, seinem sozialen Umfeld, seinen individuellen Maßen und Möglichkeiten – am Ende unseres irdischen Lebensweges in unterschiedlichen Situationen, mit einem verschiedenen Entwicklungszustand unseres hohen geistigen Ichs ankommen. Das wissen wir, daran gibt es keinen ernsthaften Zweifel. Aber es stellen sich mehr oder weniger vehement die Fragen aller Fragen: Was bedeutet mein irdischer Tod? Gibt es nach dem leiblichen Verfall für mich nur das Nichts oder eine Weiterexistenzchance im Jenseits? Habe ich eine unsterbliche Seele? Was passiert mit meinem hohen geistigen Ich auf dem erreichten Niveau? Kann ich auf einen gütigen Gott vertrauen oder muss ich eine strafende Macht befürchten? 

    Für Margarete Friebe stellen sich diese Fragen in ihrer Konzeption und verinnerlichten Weltauffassung gar nicht (mehr?). Denn nach ihrer Überzeugung geht es im Jenseits für jeden Menschen auf der Polaritätsleiter der Bewusstseins-Evolution stufenweise weiter, so ähnlich wie auf Erden, bis das hohe geistige Ich des Menschen vollendet ist und in der glückseligen Hochzeit mit Gott vereinigt wird, das heißt mit dem göttlichen Ur-Ich, seiner Ur-Liebe, Ur-Weisheit, seinem Ur-Willen, gar mit dem Herzen Gottes, das in Jesus Christus als dem geistigen Ur-Menschen inkarniert ist. Um dies der Leserschaft anschaulich, aufgelockert-lebendig zu vermitteln, hat Margarete Friebe dramaturgisch sehr geschickt, ein ausführliches, eindringliches Zwiegespräch zwischen dem zweifelnden, fragenden Alltags-Ich (AI) sowie dem weise antwortenden Hohen Geistigen Ich (HGI) als umfangreiches Schlusskapitel ins lesenswerte Buch gesetzt. Gläubige, besonders überzeugte Christen müssten davon begeistert sein. Ich als rationaler Neukantianer, der ich der logischen Philosophie Immanuel Kants anhänge, empfehle es jedem zur Lektüre, der Fragen nach der Sinnfindung unseres Lebens hat und sich für die geistig-seelischen Grundlagen der menschlichen Existenz in dieser Welt interessiert. 

    Zu Letzterem will ich abschließend noch einen Kommentar von meinem nüchternen Standpunkt aus abgeben. Nach meiner Logik sollte man für eine kritische Beurteilung beachten, dass die gegenständlich-materielle Welt und der geistig-seelische Bereich zwei verschiedene Seinsqualitäten nach dem Gesetz der Polarität sind. Das bedeutet, dass das Wissen da aufhört, wo der Glaube anfängt und umgekehrt. Demnach kann man annehmen, dass z. B. die berichteten Gotteserlebnisse der Mystiker wie auch ähnliche Nahtoderfahrungen in heutiger Zeit wahr sind, d. h. als Inhalte ihres hirnbasierten Bewusstseins tatsächlich so erlebt wurden. Aber das sind Diesseitserfahrungen und keine Aussagen über das Jenseits, seine Existenz und Beschaffenheit. So muss es sich ebenfalls mit der Grenzüberschreitung Margarete Friebes von der konkreten Wissensvermittlung im Diesseits zur Schilderung der Glaubensinhalte im Jenseits verhalten wie der Annahme der Stufenleiter zur Bewusstseins-Evolution oder der Hochzeit des hochgeistig-menschlichen mit dem göttlichen Ich. Sie mag es noch so überzeugend real empfinden und man darf darauf für sich hoffen und Trost spüren, jedoch bleibt es letztlich spekulativ. Einer ihrer Ratschläge lautet: „Rede täglich mit deinem göttlichen Vater in dir. Stell Ihn dir wirklich als höchstes Ur-Ich in ätherisch feinstofflich menschlicher Gestalt vor.“ Wohl dem, dessen Glaube und Fantasie das hergeben! Nach dem Kausalitätsgesetz von Ursache und Wirkung ist Gott als allmächtiger und allgegenwärtiger Schöpfer dieser Welt als logisch notwendige Zielvoraussetzung anzunehmen. Und wir wissen, dass es hinter der grobstofflichen Gegenstandswelt einen feinstofflichen Atom- und Quantenbereich gibt, in dem alles miteinander verbunden ist, den wir jedoch nicht mit unseren natürlichen Sinnen, sondern nur mit technischen Hilfsmitteln wahrnehmen können; trotzdem ist das immer noch diesseitiges Wissensgebiet. Die Hirnforscher können nachweisen, dass unsere Gedanken auf neuronalen Hirnströmen beruhen, jedoch können sie nicht erklären, wie diese ins Geistige umgewandelt werden und woraus diese andere Sphäre besteht. So setze ich Gott als abstraktes Schöpfungsprinzip in mir voraus und bete als solchem zu ihm. Dass man sich als gewissenhafter, guter, hilfsbereiter Mitmensch im Leben bewährt und sich für eine humane, friedvolle Daseinsgestaltung einsetzt, ist uns allen als verantwortungsvolle Bürger nach dem Gebot der Menschenrechte ohnehin aufgegeben. 

     

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    Cover des Buches Das Café am Rande der Welt (ISBN: 9783423209694)

    Bewertung zu "Das Café am Rande der Welt" von John Strelecky

    Das Café am Rande der Welt
    dietrich_pukasvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Gestresster Manager wird im "Cafe der Fragen" auf einfühlsame Weise zu einer sinnvollen Lebensführung umgestimmt.
    Zur Besinnung kommen und sein Leben sinnvoll gestalten

    John Strelecky:

    Das Café am Rande der Welt
    Eine Erzählung über den Sinn des Lebens
    41. Aufl. 2018 München (dtv)
    Rezension von Dietrich Pukas (16.07.2019)

    Da das Buch als internationaler Bestseller in 34 Sprachen ausgewiesen ist und ich gerne dem Sinn des Lebens nachspüre, reizte mich der kuriose Titel zum Lesen und ich erhoffte mir, durch eine angenehme Lektüre der Erzählung etwas Interessantes zu dem bedeutsamen Thema zu erfahren.

    Ungewöhnlich gestaltet sich die Geschichte allemal, wird doch ein kleines Café im Nirgendwo der Welt zum Wendepunkt im Leben des gestressten Managers John. Eigentlich will dieser auf seiner Urlaubsfahrt direkt von der Büroetage an die Meeresküste von Hawaii in dem einsamen Café nur eine kurze Rast einlegen, weil er die Orientierung verloren hat, um einem unabsehbar langwierigen Stau zu entkommen. Aber er entdeckt neben dem Menü des Tages drei Fragen, die ihn in den Bann ziehen: „Warum bist du hier? Hast du Angst vor dem Tod? Führst du ein erfülltes Leben?“ Von Neugier gepackt, will er das Geheimnis lüften und begibt sich erwartungsvoll in das „Café der Fragen“, wie ein Neon erhelltes Schild in der eingetretenen Dunkelheit verkündet.

    Während er des nachts bis zum Morgengrauen genussvoll ein einmalig opulentes Frühstück vertilgt, leisten ihm die Serviererin Casey, der Koch und Cafébesitzer Mike sowie deren Freundin Anne als Gast abwechselnd Gesellschaft und klären ihn in einfühlsamen, intensiven Gesprächen und mit trefflichen Beispielen aus dem Lebensalltag bis hin zum weisen Verhalten einer grünen Meeresschildkröte über die ungewöhnliche Komposition der drei Fragen und den implizierten  Sinn des Lebens auf. Dies geschieht nach und nach äußerst geschickt in einzelnen Gesprächsansätzen, wobei John im nachhaltigen Frage-Antwort-Spiel die entscheidenden Erkenntnisse selbst gewinnt und dadurch tief beeindruckt in seiner bisherigen Lebenseinstellung umgeprägt wird. Er begreift, weshalb er hier ist und lebt, warum wir Angst vor dem Tod haben und wie wir sie in einem erfüllten Leben überwinden können. Er findet mit Hilfe seiner klugen, erfahrenen Gesprächspartner seinen ZDE „Zweck der Existenz“ heraus und entwickelt seinen persönlichen Plan zur schrittweisen Veränderung seiner bislang zu wenig reflektierten Lebensweise, die ihn – von Werbung und Konsum verführt und auf der Jagd nach Geld und beruflichem Erfolg – vom eigentlichen Ziel seines Daseins abgehalten hat: nämlich im Leben vor allem das zu tun, was Spaß macht und der eigenen Bestimmung entspricht sowie im positiven Erleben das Glück herauszufordern und verblendeten Menschen mit der eigenen Begeisterung auf den richtigen Weg zu helfen, wie es die freundlichen, abgeklärten Vorbilder im „Café der Fragen“ tun.

    Um den grundlegenden, ernsthaften Wahrheitsgehalt seiner netten, ja liebenswürdigen Erzählung über das ungewöhnliche Erlebnis im Café am Rande der Welt zu unterstreichen, schildert Strelecky zunächst in einem eher nüchtern gehaltenen Vorwort die Orientierungslosigkeit und Ausgangssituation des durch das Leben hetzenden Protagonisten. Und in gleicher Absicht schließt er seine fantasievolle Geschichte mit einem Epilog ab, der betont, wie der Erzähler in realistischen Schritten allmählich und pragmatisch sein Leben umgestaltet und nicht mehr zu seinem früheren Dasein hinter dem Tor der Erkenntnis zurückkehren will. Und es ist zu hoffen, dass das viel gelesene Buch mit seiner wichtigen Botschaft die Menschen erreicht und zum Umdenken animiert. 

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    Cover des Buches Eine Villa zum Verlieben (ISBN: 9783426517109)

    Bewertung zu "Eine Villa zum Verlieben" von Gabriella Engelmann

    Eine Villa zum Verlieben
    dietrich_pukasvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Drei unterschiedliche Frauen werden in alter Villa Freundinnen für's Leben.
    Typisch menschlich - doch spannend

    Gabriella Engelmann

    Eine Villa zum Verlieben – Roman

    Taschenbuch Neuausgabe, München 2015 (Knaur)

    Rezension von Dietrich Pukas vom 01.01.2019

     “Warmherzig , liebevoll und romantisch“ lautet das Motto auf der Cover-Rückseite und man kann dem als Leitspruch zustimmen. Jedoch handelt es sich um einen ungewöhnlichen Liebesromen, der sich auf verschlungenen Pfaden voller Lebendigkeit, Abwechslung und Überraschungen auf seinen abschließenden Höhepunkt zu bewegt und für die entzündete und brennende Fantasie der Leser/-innen bis zum Schluss genügend offen lässt, das eigene Denken anregt und die Adressaten hautnah ins Geschehen einbezieht. Denn die Probleme, Verhaltensweisen, Überlegungen, Zweifel, Ärgernisse, Enttäuschungen, das Zaudern, Zögern, Verzagen und Versagen ebenso wie die Glücksmomente, die Euphorie und Sehnsucht, das Erträumen von Herrlichkeiten, der Eifer, das stürmische Vorwärtsdrängen, Erfolg und Erfüllung sind uns vertraut, weil wir sie aus unserem eigenen Alltag kennen, miterleben, erhoffen, jauchzend und bangend nachvollziehen können – aus persönlicher Anschauung und der Kommunikation oder Auseinandersetzung mit unseren Mitmenschen.

    Wie ist all das möglich – mit einer „Villa zum Verlieben“ im Zentrum, wie der Titel verheißt? Nun, das schöne Domizil steht im noblen Hamburger Stadtteil Eimsbüttel in der Nähe der Außenalster, bezieht sich auf authentische Lokalitäten sowie auf fantasievolle Traumorte. Hier werden drei recht unterschiedliche wohnungssuchende Frauen zusammengeführt, die nur Eines gemeinsam zu haben scheinen: ihre Begeisterung für die alte Stadtvilla im Herzen Hamburgs. Stella ist eine ehrgeizige Architektin, die aus feudalen Verhältnissen stammt und hoch hinaus will, aber mit ihrem verheirateten Liebhaber nicht ins Reine findet. Leonie ist nach einer enttäuschenden Jugendliebe in die Großstadt gekommen und arbeitet in einem Reisebüro, wo sie großen Zoff mit ihrer Chefin hat und zermürbend gemobbt wird; sie sehnt sich nach einem eigenen harmonischen Familienleben. Nina ist zerütteten elterlichen Familenverhältnissen entflohen, hat zudem eine gescheiterte Liebesbeziehung hinter sich; sie ist eine leidenschaftliche Gärtnerin und wirkt erfolgreich in einem renommierten Blumenladen, muss sich jedoch wegen Geschäftsaufgabe beruflich umorientieren und sorgt sich also um ihre berufliche Zukunft. Alle drei sind um die Vierzig, haben einschlägige Lebenserfahrungen und typisch menschliche Schwierigkeiten. Sie ziehen in die preisgünstigen drei Zweizimmer-Wohnungen der renovierungsbedürftigen Villa ein mit dem Vorsatz, jede auf ihre eigentümliche Art ein neues, besseres, zufriedeneres Leben zu beginnen.

    Geschickt gelingt es der Autorin Gabriella Engelmann, die ungünstige Ausgangslage, die unterschiedlichen Lebenseinstellungen, Tagesabläufe, Charaktere, Verhaltensweisen der Frauen, ihre Animositäten und Sympathien, Zerwürfnisse und Versöhnungen, fortwährend auch innerhalb der einzelnen Kapitel alternierend, zu verknüpfen, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig sein mag, aber zwecks damit verbundener Spannungssteigerung gerne zu akzeptieren ist.  Im Laufe der Tagesereignisse werden aus den Kontrahentinnen – temporäre Rückfälle in die Separation eingeschlossen – drei Freundinnen für das Leben geschmiedet, die sich helfen, voneinander lernen, sich ergänzen, verändern und ein gemeinsames zukunftsfähiges Dasein in der Villa mit dem parkähnlichen Garten entwickeln. Dabei erweist sich als originell und überraschend, wie sie ihre beruflichen Probleme lösen, sich bei der Partnerfindung unterstützen, eine ungewollte Schwangerschaft meistern, ihre verzwickten Aufgaben mit Bravour bewältigen zum Vergnügen der Leser/-innen, die ahnungsvoll gerne der gelungenen Inszenierung folgen werden. 

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    Cover des Buches Vermessung der Ewigkeit (ISBN: 9783453703292)

    Bewertung zu "Vermessung der Ewigkeit" von Eben Alexander

    Vermessung der Ewigkeit
    dietrich_pukasvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Fortsetzung und Vertiefung der Konsequenzen aus der einmaligen Nahtoderfahrung des Dr.med. Alexander in "Blick in die Ewigkeit"
    Interessante Erforschung des Jenseits und der Ewigkeit

    Eben Alexander mit Ptolemy Tompkins:
    Vermessung der Ewigkeit –
    7 fundamentale Erkenntnisse über das Leben nach dem Tod
    Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Juliane Molitor

    3. Aufl. München 2017

    Rezension von Dietrich Pukas vom 24.06.2018

    Das Buch stellt die Fortsetzung und Vertiefung der Konsequenzen aus der einmaligen Nahtoderfahrung des Gehirnchirurgen Dr. med. Eben Alexanders dar, die er in seinem Weltbestseller „Blick in die Ewigkeit“ anschaulich geschildert hat. Eine schwere bakterielle Meningitis hatte ihn 2008 für sieben Tage in ein tiefes Koma gestürzt und sein Bewusstsein völlig ausgeschaltet. Währenddessen erlebte er als sein wahres oder spirituelles Selbst eine fantastische, aber wirklich anmutende Reise ins Jenseits zu Gott im himmlischen Reich der Ewigkeit. Wie durch ein medizinisches Wunder kehrte er ins Leben zurück und wurde vollständig gesund, sodass er seitdem als aktueller Botschafter Gottes mit leidenschaftlichem Engagement den Menschen auf der Erde Hoffnung und Zuversicht spendet. Aufgrund einer ganzheitlichen Verbindung von Wissenschaft, Spiritualität und persönlicher Erfahrung erforscht er nun unser irdisches Leben im großen Rahmen der Geschichte und der spirituellen Entwicklung des Universums und ergründet die Unsterblichkeit unserer Seele als Bestandteil eines universalen Bewusstseins, wobei ihn eine Vielzahl betroffener Informanten und Helfer unterstützt hat und fördert.

    Aus der Fülle dessen, was er alles an spirituellem Wissen hinter und

    Jedenfalls können wir am Ende rational und emotional begründet an die Unsterblichkeit unserer Seele glauben und auf ein in Gott gefügtes Jenseits hoffen (vgl. ausführlicher D. Pukas: Philosophie zwischen Wissbarkeit und Glaube 2018). über unserer konkreten, irdischen, in Zeit und Raum bestimmten Welt zusammen getragen hat und vor uns ausbreitet, greife ich einige schlüsselwortartige Aspekte auf. In der Einleitung setzt er sich auf vielfältige Weise mit dem Begriff der Realität auseinander, dass der Mensch nur zum Teil als Körper aus Erde gemacht ist, die Materie aus chemischen Elementen besteht und die chemische Struktur des Lebens auf Kohlenstoff basiert. Zudem findet ein ständiger Austausch der Elemente und eine Erneuerung der Körperzellen statt. Die also „handfeste“ Materie der uns umgebenden physischen Welt befindet sich im chemischen Wandel und laufend im Fluss. Demgegenüber präsentiert sich der „himmlische Teil des menschlichen Wesens“, nämlich unsere unsterbliche Seele durchaus als beständig und existent. „Liebe, Schönheit, Herzensgüte und Freundschaft“ seien „so real wie Regen, Butter, Holz, Stein, Plutonium, die Ringe des Saturn oder Salpeter“. Früher zweifelten die Menschen nicht daran, dass die spirituelle Welt real ist und Alexander zitiert den Quantenphysiker Max Blanck, der als Urgrund der Materie einen intelligenten Geist annahm. Die quantenmechanischen Experimente auf subatomarer Ebene sind auf unsere Vorstellungskraft und das Bewusstsein angewiesen, sodass Physik und Hirnforschung ein unabhängig vorhandenes Bewusstsein als Basis von allem, was ist, akzeptieren müssten. Daraus folgt die zentrale Bedeutung des Bewusstseins sowie die Einstufung des Menschen als spirituelle Wesen mit Seelen, die in einer geistigen Welt existieren, und als materielle Wesen mit Körper und Gehirn, die in einer materiellen Welt leben. So sollten wir uns der Wahrheit öffnen, die unsere Vorfahren noch kannten: „Es gibt eine größere Welt hinter der, die wir Tag für Tag um uns herum wahrnehmen.“ Nach Alexanders Verheißung erweist sich diese Welt liebevoller, als wir uns es vorstellen können, und tief in uns sollten wir nach der Erinnerung daran suchen, wobei uns das Buch leiten soll.

    Im Rückgriff auf die großen vorchristlichen Denker Platon und Aristoteles sowie die Mysterienreligionen legt Alexander anschaulich dar, welches Wissen über die jenseitigen Welten bereits die Menschen der Antike hatten, und er fordert von den modernen Wissenschaften, dass sie daran anknüpfen sollten, um die universale Welt heute umfassend zu deuten. Er bezieht sich dabei auch auf sein Nahtoderlebnis, das als eine Art moderne Mysterieninitiation seine einst verengte Weltsicht als Hirnchirurg gewaltig verändert und für übersinnlichen Input geöffnet hat. So wurde er wie Andere ein „Eingeweihter“ und Bewohner zweier Welten und widmet sich der Mission, neue Eingeweihte oder Anhänger für ein höheres Weltverständnis zu gewinnen, in dem der Geist des Mystikers Platon und der des Realisten Aristoteles zusammen kommen einschließlich innovativer Methoden und Wege dorthin. Unter Bezugnahme auf Natur- und Geisteswissenschaftlicher wie Newton und Descartes führt er uns von der körperlichen Sehkraft in der äußeren, materiellen Welt unter die Oberfläche zum spirituellen Sehen in der inneren Sphäre des Geistes, der Seele und des universalen Bewusstseins. Das Aufregende für mich ist dabei, dass er seit seiner Nahtoderfahrung den Mystikern darin zustimmt, dass das „Himmelreich“ nichts Abstraktes, kein Wunschdenken oder keine Traumlandschaft ist, sondern dass es dort Objekte gibt wie Bäume, Felder, Menschen, Tiere, sogar Städte, Seen, Flüsse, Meere, Gewitterregen. Allerdings funktionieren diese Dinge nicht nach unseren irdischen Regeln, sondern nach den „Gesetzen der himmlischen Physik“. Sie sind ultra-real: „viel zu real, um real zu sein“, alles ist eins und hängt zusammen, ist ohne grundlegende Trennung; Raum, Zeit und Bewegung gehen in den spirituellen Modus über. Indes sei gewiss, dass wir dort landen und hingehören, wo uns die Liebe in uns und als „Essenz des Himmels“ leitet. Und wir sind gut beraten, Liebe, Mitgefühl, Vergebung, Ehrlichkeit bereits im Diesseits walten zu lassen, denn die Liebe (die Gott ist) besteht in beiden Seinsbereichen und bleibt uns erhalten.

    Im Gesamtzusammenhang hält Alexander ein Plädoyer für den Glauben, weil er die Gläubigen stark macht, insofern er eine feste Zuversicht auf das ist, was man erhofft. Wissenschaft bzw. Wissen und Glaube sind als beide Arten von Weltverständnis eng miteinander verflochten und haben unsere Kultur geformt. Wissen setzt den Glauben voraus, um die Welt verstehen zu können. Denn wir müssen glauben, dass sie einen Sinn hat und für dieses Verständnis offen ist, was die unabdingbare Glaubenskomponente hinter jeder Art von Wissenschaft ist und den geistigen Bereich als real erweist. Und der Mensch ist mehr als die einfache irdische Person, er muss bereit sein zu sterben, um das größere Wesen der himmlischen Person zu werden. Das können nicht die empirische Psychologie und Hirnforschung ergründen, dazu sind wissenschaftliche Befragungen nach mystischen Erfahrungen und Erleuchtungserlebnissen angebracht. Damit könnte begriffen werden, dass „unsere Odyssee durch die Materie“ kein Test ist, sondern die Evolution des Kosmos selbst mit uns als Hoffnungsträger Gottes. Jedenfalls liegt es in der Verantwortung der Wissenschaftler, kein Wissen zu unterdrücken, wie heikel es auch sei. Wissenschaft, Religion und Spiritualität müssen als Partner betrachtet werden und als solche agieren, damit das Universum ganzheitlich erschlossen, auch das Leid auf der Welt als Drama der irdischen Existenz relativiert und überwunden werden kann, indem wir die Fesseln des Lebens in der linearen Zeit sprengen und uns (wieder) zu dem multidimensionalen Wesen entfalten, das wir im Kern immer sind und in früheren bzw. östlichen Religionen übereinstimmend als Teil Gottes in uns selbst angesehen wurde und das Göttliche zum Zentrum aller Gipfel und Mittelpunkte macht.

    In seinem Schlusswort des Buches hat mich Alexander auch noch mit einer unerwarteten Überraschung verblüfft. Er stellt den Sinnspruch voran: Wer das Geheimnis des Klanges enträtselt, der kennt das Mysterium des gesamten Universums. Wie wir von seinem Nahtodereignis wissen, „bildeten Musik, Klang und Schwingungen Schlüssel für den Zugang zum gesamten Spektrum der geistigen Reiche“ – von der „kreisenden Melodie aus reinem weißem Licht“ bis hin zu den Engelschören und schließlich zu Om, der Gottheit des Urklanges (in der hinduistischen Tradition). Dieses Erlebnis mit dem Om als dem Ursprung von allem Existierenden hat Alexander zur Klangforschung geführt, wo ihm mit dem Einsatz von Musik und Manipulationen von Klangfrequenzen ein ungewöhnlicher Ausflug in tief transzendente Bewusstseinszustände ermöglicht wurde. So wollte er die Informationsarbeit seines Neokortex im Gehirn neutralisieren, um die großartige Bewusstseinserweiterung während seiner Jenseitsreise nachzuahmen, indem er seine Gehirnwellen mit bestimmten Frequenzen synchronisierte. Und es gelang seit 2011, mit Hilfe ausgeklügelter Techniken von erfahrenen Klangspzezialisten und Audio-Komponisten das Gehirn in wachem Zustand von außen durch elektrisches Stimulieren so zu beeinflussen – da im subatomaren Bereich alles Schwingung ist –, dass ihm wie auch Anderen vorübergehend in Klang gestützten Meditationen tiefgründige, spirituelle Erlebnisse wie aus seinem Koma-Geschehen zuteil wurden. Und was zudem erstaunlich ist, die Klangforscher griffen zur Gestaltung ihrer Verfahren auf archaeoakustische Untersuchungen, nämlich das Studium der akustischen Eigenschaften alter Kultstätten zurück. Man hat festgestellt, dass etwa die Große Pyramide von Gizeh in Ägypten und die prächtigen mittelalterlichen Kathedralen auf der Welt wie Notre-Dame de Chartres so gebaut wurden, dass ihre Gebäudestruktur bestimmte Klänge verstärkt. Orgelmusik und Chorgesänge bescherten den Gottesdienstbesuchern in Resonanz mit der besonderen Akustik erhebende spirituelle Erlebnisse, die sie dem Göttlichen nahe sein ließen. Alexanders Schlussappell: Wir sollen unsere Achtsamkeit kultivieren und die Tiefe sowie wahre Natur unseres Bewusstseins, unsere persönliche Verbindung zu allem, was ist, selbst erforschen. Seien wir dazu bereit, mit Alexanders Büchern können wir den Einstieg wagen! Jedenfalls können wir am Ende rational und emotional begründet an die Unsterblichkeit unserer Seele glauben und auf ein in Gott gefügtes Jenseits hoffen (vgl. ausführlicher D. Pukas: Philosophie zwischen Wissbarkeit und Glaube 2018).

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    Cover des Buches Gestatten: Hochsensibel: Wie hochsensible Menschen den Alltag meistern (ISBN: 9781981797615)

    Bewertung zu "Gestatten: Hochsensibel: Wie hochsensible Menschen den Alltag meistern" von Jasmin Schindler

    Gestatten: Hochsensibel: Wie hochsensible Menschen den Alltag meistern
    dietrich_pukasvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: 12 Strategien zur Problemlösung besonders für Hochsensible, jedoch auch für alle Menschen, da die Übergänge fließend sind
    Sich selbst und andere Menschen besser verstehen und behandeln

    Sich selbst und die anderen Menschen besser verstehen und behandeln

    Jasmin Schindler: Gestatten: Hochsensibel. Wie hochsensible Menschen den Alltag meistern 1.Auflage 2017 (www.healthyhabits.de)

    Rezension von Dietrich Pukas 23.03.2018


    Im Unterschied zu meinen üblichen Rezensier-Gepflogenheiten sowie der Thematik und direkten Ansprache im vorliegenden Werk angemessen, halte ich meine Buchbesprechung recht persönlich. Im Zusammenhang mit Patrick Hundts „ausgezuckert“-Veröffentlichung bei Healthy Habbits bin ich als Diabetiker auf Jasmins Thema „hochsensible Menschen“ (HSPs) aufmerksam geworden. Das weckte mein Interesse, weil ich mich bislang schon für ziemlich introvertiert und sensibel hielt und mich feinfühliger wähnte als die Mitmenschen ringsum. Also wollte ich erfahren, wie HSPs sind, was sie umtreibt, ob ich dazu gehöre und was ich von ihnen lernen könnte. Nach der angenehmen, aufschlussreichen Lektküre muss ich sagen: Es ist eine gute Fügung, dass ich an das ungewöhnliche Werk geraten bin, dadurch mein Wissen erweitern, meine Umgebung noch bewusster wahrnehmen und mein Leben bereichern kann. In diesem Sinne möchte ich dazu beitragen, dass auch Andere davon profitieren mögen.

    Jasmin Schindler, keine professionelle Psychologin oder Therapeutin, sagt: „Es ist ein Buch von HSPs für HSPs“, insofern sie anhand zahlreicher authentischer Erfahrungsberichte von Hochsensiblen vor allem anderen Betroffenen helfen will, sich wieder zu erkennen und verstanden zu fühlen, damit sie sich das Leben leichter machen und sich weiterentwickeln können. Denn hochsensible Menschen plagen sich infolge ihrer feinfühligen Veranlagung mit etlichen Problemen, die „Normalos“ als solche nicht empfinden, nicht kennen und erkennen, nicht berücksichtigen, sodass sich die HSPs von ihnen nicht verstanden sehen und vielfach abgeschreckt werden. Jasmin zeigt ihnen, dass sie als Betroffene oft mit den gleichen Schwierigkeiten hadern, gegen Reizüberflutung und Abgrenzung kämpfen oder in ihrem „Gedankenkarussell“ gefangen sind. Das führt allzu häufig zu Selbstzweifeln bis hin zum Verzweifeln, auch zum Allein-Gelassen-Sein mit seiner zartbesaiteten Eigenart, schließlich zur inneren Leere und Ausgezehrtheit. Aber die besonders empfindsamen Eigenschaften erweisen sich nicht nur als Schwäche, sondern bergen auch Stärken zur Selbstbehauptung durch den fein erspürten und geschickten Umgang mit Gleichgesinnten und den Anderen. Aufgrund ihrer breiten Recherchen unter aktiven HSPs bis in die USA und ihrer eigenen erschöpfenden Erfahrung hat Jasmin zwölf hilfreiche Strategien entwickelt, die zum Abschirmen vor Gefährdungen zum und Aufladen der „Akkus“ animieren, andererseits zum Überwinden der Bequemlichkeit sowie zur Entfaltung der Persönlichkeit ermutigen.

    Die von Jasmin in Bezug auf die zwölf Gewohnheiten von HSPs ermittelten und geschilderten Probleme und Komplikationen kenne ich durchaus aus eigener Anschauung und persönlichem Erleben, ich verstehe auch ihre Zuspitzung ins Extreme in den Beispielfällen und besonderen Lebensläufen der HSPs und kann die Strategien zu ihrer Bewältigung im Alltag rational nachvollziehen. Das betrifft als Erstes den Grundsatz, die eigene Hochsensibilität zu akzeptieren, die im detaillierten Wahrnehmen und tiefen Verarbeiten von Reizen sowie intensiven Empfinden und Erleben der Umwelt besteht. Also sollte man über das typische Grübeln, Analysieren, Zweifeln zur Selbstanerkennung und zum Selbstwertgefühl finden, indem man den Wunsch nach Normalität relativiert und sich um den Kontakt mit Gleichgesinnten bemüht. Des Weiteren gilt es, sich auf seine Stärken zu konzentrieren, wenngleich man die Schwächen nicht ausblenden, sondern positiv wenden bzw. umdeuten sollte. Die charakteristische und gute Eigenart, sich zu vertiefen, darf weder in Verzettelung noch Erschöpfung ausarten, sondern ist in gezielter Konzentration zu effektiven und zufrieden stellenden Ergebnissen umzusetzen. Sinnvolle Ratschläge zum „Aufräumen als Reinigungsprozess“ sowie „Ausmisten gegen Reizüberflutung“ schließen sich konsequent an. Unter der Überschrift „Input reduzieren“ folgen Empfehlungen zum geeigneten, schonenden Umgang mit der digitalen Umgebung: Einschränkung des Nachrichtenkonsums, Mediendiät, dosiertes Telefonieren, E-Mail-Reduktion, Apps löschen, Einsatz sozialer Medien, Lärmschutz, Erholungsphasen. In der heutigen hektischen Zeit und stressigen Arbeitswelt ist es für die Hochsensiblen, die meist auf Dauerempfang eingestellt sind und zur Perfektion neigen, besonders wichtig, mit ihrer Energie zu haushalten und den verdichteten Arbeitsmodus mit den vielfältigen Möglichkeiten aktiver Entspannung und gesunder, ganzheitlicher Lebensführung (Trio: Essen, Bewegung, Schlaf) erträglich zu gestalten. Die weiteren Strategien erstrecken sich auf Vorschläge zum „Kopf abschalten“ (Atmung, Entspannung, Meditation), „Sich mit Gleichgesinnten umgeben“ (HSP-Gruppen, Facebook, spezialisierte Blogs und Foren), „Nicht gefallen wollen“ (Nein sagen, Sucht nach Lob und Anerkennung widerstehen), „Sich abgrenzen“ (von eigenen Ansprüchen, anderen Menschen, Leid, effektiver Altruismus), „Seine Komfortzone ausdehnen“ (Bequemlichkeit überwinden, Gewöhnung überprüfen, Neues erproben), „Mehr spielen“ (Burn-out vermeiden, Lockerlassen, kreatives Gestalten).

    Wie Jasmin treffend feststellt, gelten die Ratschläge zwar im Besonderen zur Problemlösung für die Hochsensiblen, betreffen im Grunde jedoch mehr oder weniger relevant alle Menschen, da Hochsensibilität ein weites Feld mit fließenden Übergängen darstellt, sich nicht messen und nicht von normaler bzw. weit verbreiteter feinfühliger Veranlagung abgrenzen lässt. So kann ich mich selbst hier auch nicht eindeutig zu ordnen. Ich bin ein sehr nachdenklicher Mensch, denke über vieles und etliches recht vertieft nach, habe mich mit zahlreichen Wissenschaften befasst und ein großes Themenspektrum schreibend bearbeitet. Mein breites rationales Interesse schließt emotionales Engagement und Elemente hoher Erregung ein, lässt mich Glücksmomente intensiv erleben und bei Schicksalsschlägen in niederschmetternder Trauer versinken, was ich sicherlich als hochsensibel strukturiert verbuchen kann. Aber bei mir „heilt die Zeit alle Wunden“, bevor Dauerschäden entstehen. Zwar vergisst man das Unglück oder ungerechte Ereignis nicht, jedoch tut es bald nicht mehr weh und hemmt nicht die persönliche Entwicklung. Der Grundstein für diese Abhärtung gegen die Unbill des Lebens wurde bereits in meiner Kindheit und Jugend in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit gelegt, während mein ererbter Diabetes mir seit über 30 Jahren eine disziplinierte Lebensweise abfordert, wenn ich gesund und ohne Folgeschäden bleiben will; er ist nicht abzuschüttelnde Plage und Messstation für den Emotionspegel zugleich. Auf diese Weise hat meine Sozialisationsgeschichte eine abstumpfende Wirkung auf mein Gemüt gehabt und hält meine allzu sensible Ausprägung im Zaume, vielleicht als eine Art latente natürliche Überlebensstrategie. Meine Technikbegeisterung habe ich übrigens mit meiner Naturverbundenheit – wie ich meine – in ein ausbalanciertes, verträgliches Verhältnis gebracht, z. B. Ressourcen-Schonung durch Reparieren kaputter Gegenstände und Einrichtungen oder Verminderung des noch zu wenig erforschten Elektrosmogs, der die Kommunikation der Körperzellen stört und unbeachtet die Gesundheit beeinträchtigt.

    Jedenfalls hat mich die Buchlektüre zum Nachsinnen über mein Dasein gebracht und ich gewahre Veränderungsbedarf zur Verbesserung der Verständigung mit meinen Mitmenschen. Möglicherweise kann ich mit meinen hinzu gewonnenen Einsichten jetzt eher Leute mit hochsensiblen Antennen in meinem unmittelbaren Umfeld ausmachen und mit ihnen Kontakt aufnehmen und pflegen. Deshalb hoffe ich und wünsche, dass der Buchtitel nicht die weniger Sensiblen ablenkt, sondern deren Neugier weckt und ihnen ebenfalls zu wertvollen Erkenntnissen verhelfen kann.

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    Cover des Buches Blick in die Ewigkeit (ISBN: 9783453703124)

    Bewertung zu "Blick in die Ewigkeit" von Eben Alexander

    Blick in die Ewigkeit
    dietrich_pukasvor 4 Jahren
    Kurzmeinung: An Dauer, Ausmaß, Intensität bislang unübertroffene Nahtoderfahrung und faszinierendste Jeinseitsoffenbarung aller Zeiten
    Faszinierendste Nahtoderfahrung und intensivste Jenseitsoffenbarung aller Zeiten


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    Cover des Buches Ausgezuckert (ISBN: 9781514203767)

    Bewertung zu "Ausgezuckert" von Patrick Hundt

    Ausgezuckert
    dietrich_pukasvor 4 Jahren
    Kurzmeinung: pragmatische Strategie zur Einschränkung des schädlichen Zuckerkonsums
    Die Zuckersucht nachhaltig bewältigen

    Die Zuckersucht nachhaltig überwinden

     

    Patrick Hundt: Ausgezuckert – Wie du vom Zucker loskommst

    2. akt. erw. Aufl. 2016 (www.healthy habits.de)

    Rezension von Dietrich Pukas 20.11.2017

     

    Aufgrund seiner „zuckrigen Vorgeschichte“, d. h. seiner leidvollen Erfahrungen mit einem nahezu ungezügelten Zuckerkonsum seit seiner Kindheit und Jugend hat Patrick Hundt eine brauchbare Strategie entwickelt, wie man seine langfristig angeeignete Zuckersucht infolge der verführerischen Umgebung und angestammten Gewohnheiten nachhaltig und ohne Überanstrengung überwinden kann. Dazu setzt er auf unsere Vernunft und erläutert die Wissensgrundlagen, um uns die Problematik zielgerichtet bewusst zu machen, uns zu überzeugen und zu motivieren, damit wir uns die verfestigten gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen abgewöhnen und durch neue bessere ersetzen können.

     

    So öffnet er uns die Augen über den Zucker in Früchten und Fertigware, indem er die Funktionen von Glucose und Fructose sowie Ballaststoffen in unseren Lebensmiteln darstellt. In diesem Zusammenhang schärft er unseren Blick für die Nährwerttabellen auf den Verpackungen der Produkte im Supermarkt. Denn wir verzehren in der Regel viel mehr Zucker, als uns bewusst ist, weil wir die in unserer Nahrung versteckten zuckerähnlichen Stoffe nicht erkennen, jedoch verringern oder vermeiden müssten, da sie werbewirksam mit Begriffen wie „weniger süß, reduzierter Zuckergehalt, zuckerarm, zuckerfrei“ verschleiert werden. Daran knüpft Hundt Erklärungen, wie Zucker im Körper aus Glucose und Fructose Fett macht, die Insulinresistenz fördert und die Fettverbrennung behindert, als Folge Kranheiten verursacht und Diabetes sich zur lawinenartigen Volkskrankheit ausbreiten lässt.

     

    Als besonders schlimm erweist sich, dass Zucker süchtig macht, insofern er im Gehirn die gleichen Aktivitätsmuster wie Drogen erzeugt, wobei Gene und eigene Lebensgeschichte eine Rolle spielen. Wer sich früh im Leben an Süßes gewöhnt, spürt weiterhin ein Verlangen danach, oft mit steigender Tendenz. Ein erhöhter Insulinspiegel stoppt das Sättigungssignal und verführt uns zum Weiteressen, was durch unsere „zuckerhaltige Umgebung“ begünstigt wird. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gibt Hundt die Hoffnung auf ein schnelles Umdenken verloren, aber im individuellen Bereich macht er sich um so mehr für eine Veränderung stark, indem er engagiert für eine Umsteuerung unserer Gewohnheiten eintritt. Er zeigt wiederholt an Beispielen im täglichen Leben, wie wir Widerstände gegen schlechte Gewohnheiten aufbauen und Widerstände gegen gute Gewohnheiten senken müssen. Dazu gilt es, Ausdauerqualitäten zu entwickeln, indem wir mit Hilfe unseres Verstandes und Denkens die Ernährung umstellen, die Auslösereize unserer Laster erkennen, pragmatische Vereinbarungen mit uns selbst treffen, Aufgaben festlegen, Fortschritte messbar machen, uns Belohnungen schaffen. Am eigenen Vorbild unterbreitet uns Hundt in sieben Schritten praktische und selbst erprobte Vorschläge, wie wir vernünftige Konsumgewohnheiten gestalten und einen maßvollen Umgang mit Zucker einschließlich Berücksichtigung des sozialen Umfeldes sowie Bewältigung von Entzugserscheinungen pflegen können.

     

    Hinweise zu einem „Anti-Zucker-Kurs“ als E-Mail-Kurs bei „Healthy Habits“, zuckerfreien Rezepten oder einer Rückmelde-Möglichkeit unter „zucker@healthyhabits.de“ runden das lesenswerte und nützliche Buch ab, das nicht nur Diabetikern, sondern allen gesundheitsbewussten Menschen wärmstens zu empfehlen ist.

     

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    Cover des Buches Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? (ISBN: 9783451610462)

    Bewertung zu "Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?" von Markolf H. Niemz

    Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?
    dietrich_pukasvor 4 Jahren
    Kurzmeinung: Sinnfindung menschlichen Lebens im Diesseits, Jenseits und in der Ewigkeit durch die unsterbliche Seele als Inbegriff von Liebe und Wissen
    Ganzheitliche Theorie des Jenseits und der Ewigkeit

    Markolf H. Niemz

    Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?

    Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit

    2. Aufl. Freiburg i. Brsg. 2011 (Kreuz)

     

    In einer Theorie ganzheitlichen Denkens greift der Physiker Markolf H. Niemz auf Erkenntnisse der Naturwissenschaft, Sterbeforschung und Religion zurück, um die letzten Fragen unserer Existenz nach Unsterblichkeit, Jenseits, Ewigkeit, Gott schlüssig zu erklären.

     

    Dazu setzt er bei der Natur an und konstatiert:

    Irgendetwas bewirkt, dass überall im Kosmos Naturgesetze gelten wie Energie = Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat (E = m c2 ). Dies hat nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip eine Quelle, einen Urgrund übergeordneter Vernunft, was Niemz Gott nennt, den man sich jedoch nicht als ein Beziehungswesen personal vorstellen muss, sondern abstrakt als Schöpfungs-Prinzip – als Schöpfer und Schöpfung zugleich – auffassen kann.

    In der Natur gibt es zudem Zufälle wie z. B. genetische Mutationen. Sie sind für eine freie Entfaltung nötig und erweisen das Leben als ein Spiel, bei dem das Erschaffen von Liebe und Wissen eine entscheidende Bedeutung hat.

    Zur Natur gehören Lebewesen wie Pflanze, Tier, Mensch. Jedes Lebewesen kann fühlen und lernen, was Niemz als „Sinn des Lebens“ definiert. Sogar beim Sterben als Teil des Lebens können wir noch fühlen und lernen und Nahtoderfahrene erlebten schon eine eigene Lebensrückschau als Himmel oder Hölle.

    In der Natur sind absolute Werte wie Liebe und Wissen wichtig, welche gefühlt und gelernt werden und die Seele ausmachen. Die Liebe erweist sich als absolut, wenn sie z. B. aus dem Liebenden und Geliebten ein Ganzes gestaltet.

    In der Natur kommt der Tod vor. Nahtoderfahrene berichten oft von einem Flug ins Licht, das immerhin im Diesseits und Jenseits gleichermaßen vorhanden ist. Die Perspektive des Lichts sieht Niemz als Ewigkeit an, weil für das Licht jede räumliche und zeitliche Distanz den Wert null hat. Dort sindq ohne Nacheinander keine Entwicklung und kein Leben nach dem Tod möglich. Beim Sterben könnte die Seele sozusagen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden, um ins Licht einzutauchen, während die Summe aller Seelen das Jenseits darstelle, in dem alle Liebe und alles Wissen im Licht gespeichert seien.

     

    Nach Niemz´ Theorie muss Gott allerdings keine Wunder vollbringen, um das Böse und Katastrophale in der Welt gütig abzuwenden, wie es vom Allmächtigen nach der sogenannten Theodizee-These erwartet wird. Denn nach den Berichten von Nahtoderfahrenen existiere über das Ich des einzelnen Menschen hinaus etwas viel Wertvolleres, nämlich seine im Leben verwirklichte Liebe und sein erworbenes Wissen, welche als Seele mit dem Tod ins Licht eintauchen und vereint mit den anderen Seelen das Jenseits in Ewigkeit füllen. In die Ausdifferenzierung seiner Argumentationskette bezieht Niemz sowohl die Evolutionstheorie als auch die Relativitätstheorie und Quantentheorie ein. Die wichtigste Botschaft aus der Evolutionstheorie (Charles Darwin) lautet: Das Leben ist ein Wechselspiel mit Regeln und Zufällen; alle Lebewesen brauchen sich gegenseitig, um die Entwicklung voran zu bringen und das Gesamtwerk entstehen zu lassen. Die relevante Erkenntnis aus der Relativitätstheorie (Albert Einstein) ist, dass absoluter Raum (umrandeter Weltraum) und absolute Zeit (begrenzte Weltzeit) Illusionen sind und nur verschiedene räumliche und zeitliche Distanzen existieren, die von der jeweiligen Perspektive abhängen, ein Gegenüber von Menschen ermöglichen und zum Beziehungsaufbau genutzt werden sollten. Die Quantentheorie (Werner Heisenberg) trägt zu einem zeitgemäßen Weltbild die Einsicht bei, dass Alles mit Allem zusammenhängt, die gesamte Materie einschließlich Körper durch Quanten oder kleinste Energieeinheiten zusammen gehalten wird, sodass wir in unserem tiefsten Innern gar keine Individuen, sondern etwas miteinander Verbundenes, nämlich eine Ganzheit sind. Daraus ergibt sich nach Niemz die Lebensweisheit: Anderen zu helfen bedeutet sich selbst zu beschenken, andere zu übervorteilen sich selbst zu schaden.

     

    Für die Wissenschaft resultiert daraus, dass sie alles einbeziehen und allumfassend sein sollte, weshalb Niemz für seine Theorie noch die wesentlichen Botschaften aus Sterbeforschung und Theologie bzw. Religionen heranzieht. Die Sterbeforschung untersucht die Erlebnisse klinisch Toter, die vor dem endgültigen Aussetzen aller Organfunktionen wieder ins Leben zurück gekehrt sind und übereinstimmend von folgenden Nahtoderfahrungen als Ablaufphasen berichteten:

    Gefühl des Entspanntseins, Friedens, großer Harmonie;

    Außerkörperliche Erfahrung durch Vision, den Körper zu verlassen;

    Flug durch einen dunklen Raum, Tunnel, Höhle, Tal;

    Begegnung mit einem hellen Licht von magischer Anziehungskraft;

    Jenseitskontakte mit Verstorbenen, Rückschau auf das vorbei ziehende eigene Leben.

    Der Zeitpunkt der Wiederbelebung bricht mit der Rückkehr in den eigenen Körper – oft bewusst und schmerzhaft erlebt – jede Nahtoderfahrung früher oder später ab. Wer bis zur letzten Phase vorgedrungen ist, empfand meist die Liebe und das Wissen als die höchsten Werte des Lebens, woraus Niemz die Folgerung zieht, dass Fühlen und Lernen den Sinn des Lebens ausmachen und man sie zu Lebzeiten pflegen sollte. Diese Bewusstseinserweiterung Sterbender hält Niemz nicht für „visuelle Wahrnehmung“, sondern er nimmt an, dass sich das Bewusstsein durch die Ausbreitung der Seele ins Licht (vielleicht masselos mit Lichtgeschwindigkeit) erweitert. Dass die Seele noch nicht experimentell nachgewiesen ist, sieht Niemz nicht als Gegenbeweis für ihre Existenz und nicht als Widerlegung seiner Theorie an.

     

    Hinsichtlich seiner Analyse der Weltreligionen stellt Niemz fest, dass seine Definition der Begriffe für Gott, Seele, Jenseits, Ewigkeit eine „logische Schnittmenge“ der religiösen Kernaussagen darstellt, was auch für den hohen Stellenwert der Liebe und des Wissens bzw. der Erleuchtung bei den Religionen zutrifft und seine Theorie stützt. Das mag zwar tröstlich sein, jedoch erweist sich die naturwissenschaftliche Fundierung des abstrakten Gottes als Schöpfungsprinzip und die Abkehr vom personalen Gott durch den Naturbegriff als Regeln und Zufälle eher als schmerzliche Erkenntnis. Ähnlich ambivalent stellt sich die an sich positive Wertgerichtetheit der Entwicklung des Lebens und der materiellen Welt einschließlich Evolution heraus. Wenn wir nämlich der Definition der Ewigkeit als Perspektive des Lichts beipflichten, aus der jede Distanz den Wert null hat, dann kann es keine Entwicklung und kein Leben nach dem Tod geben, weil der Körper sterblich und endlich ist, während sich das Licht physikalisch gesehen mitten unter uns in der Gegenwart und gleichfalls in der Ewigkeit befindet. Ebenfalls kann man sich Niemz‘ Auffassung vorstellen, dass Fühlen und Lernen den Sinn des Lebens ausmachen und die Seele in gefühlter Liebe und gelerntem Wissen besteht. Schwieriger nachvollziehbar und dem Glauben aufgegeben dürfte es sein, dass die immaterielle Seele mit dem Tod ins Licht und ins Jenseits einfließt und dort mit aller gefühlten Liebe und jedem gelernten Wissen durchdrungen sowie allen Seelen vereint ewiglich im Licht gespeichert werde.

     

    Zwar führt Niemz hier als Argument ferne Erinnerungen von Nahtoderfahrenen an nicht selbst erlebte, nicht mit eigenem Wissen belegte, jedoch echte Ereignisse auf. Aber m. E. ist einzuwenden, dass die klinisch Toten noch nicht die Grenzüberschreitung ins Jenseits wirklich vollzogen haben und Mediziner die Nahtoderfahrungen als ein letztes, außerordentliches Aufbäumen des Körpers und der Sinne auslegen, weshalb es doch Diesseitserfahrungen sind, möglicherweise im tiefsten Innern der Quanten-Sphäre, wo alles miteinander zusammen hängt. Jenseitserfahrungen als mitteilbare Bewusstseinsinhalte erscheinen mir einstweilen utopisch; jedenfalls ist ungeklärt, wie die Seele ohne Masse auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden oder sonst wie ins Licht eintreten kann. Der umgekehrte Weg, Botschaften aus dem Jenseits in sinnliche Wahrnehmungen zu transformieren, erweist sich gleichermaßen unbekannt. Bleibt da mehr als nur die Hoffnung auf ein Jenseits voller Liebe und Weisheit? Alle Mal erscheint es faszinierend und spannend, sich dem sprachlich ansprechenden sowie mit Gedanken-Experimenten zur Sinnestäuschung, Grafiken und Bildern illustrierten Buch hinzugeben.

     

    Mit dem Autor kann man unter markolf.niemz@herder.de zur Diskussion in Kontakt treten.

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    Cover des Buches Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie (ISBN: 9783150192955)

    Bewertung zu "Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie" von Holm Tetens

    Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie
    dietrich_pukasvor 5 Jahren
    Kurzmeinung: Naturalismus und Theismus werden logisch-begrifflich verglichen und kritisch bewertet.
    Naturalismus und Theismus im Widerstreit

    Holm Tetens: Gott denken

    Ein Versuch über rationale Theologie

    Stuttgart 2015 (Reclam UB 19295)

    Rezension vom 17.10.2016

     

    Holm Tetens, Philosophie-Professor an der Freien Universität Berlin, unternimmt entgegen dem Trend moderner Philosophie zur naturalistischen Metaphysik den Versuch, Gott rational zu denken, indem er einen kritischen Vergleich von Naturalismus und Theismus bzw. theistischer Ideologie auf der logisch-begrifflichen Argumenationsebene durchführt, um dem verbreiteten materialistischen Denken in heutiger Zeit sozusagen auf Augenhöhe zu begegnen.

     

    Die Kernthese des Naturalismus lautet: Die materielle Welt der konkreten Dinge und Ereignisse stellt die einzige und eigentliche Wirklichkeit dar, wie sie von den Erfahrungs- und besonders Naturwissenschaften treffend beschrieben wird. Danach sind auch wir Menschen nichts Anderes als ein Stück kompliziert organisierter Materie, existieren nur als körperhafte Wesen und funktionieren nach Naturgesetzen. Nach der Emergenz-Theorie, dass aus dem bislang Vorhandenen durchaus unerwartet und unvorhergesehen etwas qualitativ Neuartiges entstehen kann, wird vorausgesetzt, das Mentale emergiere aus dem Physischen, also unser Bewusstsein entspringe der höher entwickelten Materie. Wie dies geschieht, kann zwar wissenschaftlich empirisch heute noch nicht nachgewiesen werden, weil bisher nur eine winzige Probe des Universums in einer zu kurzen Zeitspanne seiner Existenz zur Verfügung steht, aber die ungeheuere Leistungsfähigkeit der kollektiven menschlichen Inelligenz wird das wie jede existenzielle Frage, auch auf welche Weise der Prozess der Kosmogenese ohne Gott als allmächtigen Akteur in Gang gesetzt werden konnte und einst beendet wird, im Laufe der Zeit schlüssig erklären können. Mit dem leiblichen Tod löst sich unser Geist als angenommenes Körpersubstrat einschließlich Selbstwertgefühl total auf; die Seele erweise sich nur als Metapher in einer gottlosen Welt, in der wir neben anderen, unerkannten Welten zufällig leben (vgl. Atkins 2013). Die Erwartung des endgültigen Aus der menschlichen und universalen Existenz ruft fundamentale Angst, Frustration, Resignation, Panik hervor. Die daraus resultierende Aussichtslosigkeit, tief empfundene Ungerechtigkeit und Sinnlosigkeit provozieren rücksichtslosen Egoismus und die Hinwendung zum Bösen; Ausdruck dafür ist die Philosophie des Absurden von Jean Paul Sartre.

     

    Demgegenüber lautet die von Tetens vertretene Kernthese des Theismus: Gott existiert als allmächtiger Schöpfer der Welt in der Qualität eines unendlichen vernünftigen Ich-Subjekts und schafft uns Menschen als endliche geistige Ich-Subjekte. Er will unbedingt unser Heil, indes ist der Fortschritt der Welt mit dem Menschen als Gestalter prinzipiell offen und Gott muss das Böse, Leid und Tod zulassen, damit sich das Gute durchsetzen kann und schließlich durch  Auferstehung der Toten, höchstes Gericht, Vergebung und Versöhnung der Menschen  in einer neuen, besseren Welt Gnade und Gerechtigkeit walten können. Teilhard de Chardin setzt für diese letzte Entwicklungsphase des Kosmos und der Menschheitsgeschichte den Begriff der Christogenese oder „Einmütigung“, nämlich der gottgewollten Einswerdung, christlichen Verbrüderung aller Menschen. Indes können wir in unserer Begrenzheit Gott in seiner Transzendenz nicht direkt erkennen und als Wirklichkeit beweisen, jedoch können wir ihn als ernst zu nehmende Möglichkeit rational denken und mit seiner überragenden Rolle als allmächtiger Schöpfer der Welt und seiner Bedeutung für unser Leben argumentieren. Wir können seine Macht und Fähigkeiten definieren und er kann durch uns in der Erfahrungswelt indirekt gegenwärtig sein. So können wir auf ihn hoffen, ihn in unserer Not anrufen, loben, fürchten, eine Beziehung zu ihm aufbauen, unterhalten, abbrechen, was unsere Haltung und unser Handeln im Leben maßgeblich beeinflussen kann. Der Gottgläubige vertraut auf den gerechten, barmherzigen Gott, der grundsätzlich unser Heil will, er akzeptiert ihn als Richter und Erlöser, selbst wenn er ihn nicht versteht und zum Verzweifeln neigt. Allerdings lässt sich dieser tiefe Gottesglaube nicht durch den Verstand erzwingen, er muss als Gnade oder Geschenk Gottes – wodurch auch immer – jeweils selbst erfahren und verinnerlicht werden. Wem und wievielen dies jemals zuteil wird, bleibt freilich offen.

     

    Beide Denkansätze offenbaren Probleme und Chancen. Hinsichtlich der naturalistischen Kernthese erweist sich als unbefriedigend und höchst unwahrscheinlich, dass die empirischen Wissenschaften irgendwann den Ursprung der Welt aus dem absoluten Nichts schlüssig nachweisen können, da aus einer Voraussetzung logisch nur folgen kann, was sie impliziert. Damit wird gleichfalls die Emergenz des Mentalen aus dem Physischen ad absurdum geführt. So konnte nach Richard David Precht die Hirnforschung bisher nicht ermitteln, wie sich die Hirnströme in Denken verwandeln. Außerdem ist nicht erklärbar, warum es in einer rein materiellen Welt erlebnisfähige und selbstreflexive Ich-Subjekte gibt. Demgegenüber erweist sich die Kernthese des Theismus als argumentative Stärke, insofern die Zielvoraussetzung Gottes als Schöpfer der Welt und der Menschen als geistige Ich-Subjekte theoretisch gewährleistet, dass sich die Kosmogenese in einem unendlichen Prozess und in der Gerichtetheit auf den höchsten (göttlichen) Wert widerspruchsfrei entwickeln kann. Die Überzeugung, dass ein vernünftiger, gerechter, gütiger Gott unser Schicksal letztlich zum Guten wenden wird, schafft Zuversicht für ein sinnvolles Leben, spornt zu christlicher Daseinsbewältigung an und hilft auch, die Unzulänglichkeiten und das Leid in Gegenwart und Diesseits, die allzu oft als Gottesgegenbeweise empfunden werden, eher zu ertragen.

     

    Doch sei Tetens bevorzugter Position entgegen gehalten: Ebenfalls die Anhänger des Naturalismus und die Atheisten müssen nicht verzagen und das Leben in der vorfindlich unvollkommenen Welt verdammen. Da kein Mensch als selbstreflexives Wesen absoluter Nihilist ist, resultiert aus der Konzentration auf das Diesseits ohne göttliche Geborgenheit durchaus die Übernahme hoher Eigenverantwortung, weil es darauf ankommt, aus seinem begrenzten Dasein in dieser Realität selbst das Beste zu machen. Sei es, dass wir durch Fortpflanzung und Vererbung, Familiengründung, Aufzucht von Nachkommen Spuren unseres Menschseins über den leibhaftigen Tod hinaus setzen. Oder sei es, dass wir durch soziale Taten, geistige Werke, geniale Erfindungen Erfüllung finden und Manche gar Großes leisten und fast unsterblichen Ruhm erlangen. Gottgläubigkeit erweist sich nicht als notwendige oder ausschließliche Bedingung zur Verwirklichung der Menschenrechte sowie der Weltverbesserung für ein brüderliches und friedliches Zusammenleben aller Menschen in Einklang mit der Natur, also als optimale Annäherung an die Zielsetzung, die wir als Christogenese postuliert haben. Und die Glaubens hemmende Wiederauferstehungsthese kann gekontert werden, nämlich mit Immanuel Kants nüchterner Feststellung, dass wir berechtigt sind, an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben.

     

    Beide metaphysischen Kernthesen sind durch die Argumentation weder bewiesen noch widerlegt, sondern nur als theoretische Möglichkeit begründet, naturalistische und theistische Weltdeutung logisch-begrifflich mit einander zu vergleichen und abzuwägen. Sowohl das naturalistische als auch das theistische Szenario können sich durch die reale Entwicklung der Welt als falsch oder richtig erweisen. Von beiden Positionen aus kann man indes die Fragen nach dem Sinn unseres Daseins stellen und die Erfahrungen und Erkenntnisse interpretieren. Und man kann im Einzelnen unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen. Wichtig wäre, dass möglichst viele – gleich  welcher Gesinnung – das Buch lesen und sich dem als wertvoll erkannten, humanen, welterhaltenden Ziel stellen.

     

    Weiter führende Literatur:

    Peter Atkins: Über das Sein. Ein Naturwissenschaftler erforscht die großen Fragen der Existenz, Stuttgart 2013 (Reclam 20273);

    Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? München 2007 (Goldmann 15528);

    Dietrich Pukas: Die Logik in der Welt – Ansätze zur Weiterentwicklung des Neukantianismus, Frankfurt/M. 1978 (Haag+Herchen);

     

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    Cover des Buches Wer liebt... vergibt: Eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art (ISBN: B015G2HX74)

    Bewertung zu "Wer liebt... vergibt: Eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art" von Frieda Lamberti

    Wer liebt... vergibt: Eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art
    dietrich_pukasvor 5 Jahren

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