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dr_y_schauch

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Rezensionen und Bewertungen

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    Cover des Buches Q (ISBN: 9783596704538)

    Bewertung zu "Q" von Christina Dalcher

    Q
    dr_y_schauchvor 19 Tagen
    Kurzmeinung: Eine Dystopie, die schaurig nah an der Realität ist.
    Fesselnde Lektüre, schaurig realitätsnah

    Die Vereinigten Staaten in einer nicht allzu fernen Zukunft: Eigentlich hat Elena keinen Grund zur Klage. Sie liebt ihren Beruf als Lehrerin, ihr Mann ist als Regierungsmitarbeiter überaus erfolgreich, die ältere Tochter Anne bringt Bestnoten nach Hause. Allein die jüngere Tochter Freddie tut sich etwas schwerer. Mit der Schule. Mit dem Leben. Das wäre im Grunde genommen kein Problem, wenn … ja, wenn es da nicht die „Kampagne für wertvollere Familien“ gäbe, eine Art Bildungs- und Sozialprogramm, bei dem jedem Menschen sein persönlicher „Q“-Wert zugeordnet wird, errechnet anhand der individuellen akademischen Leistung sowie dem sozialen Status. Allmonatlich werden die Leistungen in Tests überprüft: Wer besteht, bleibt auf seiner Schule, auf seinem Posten, in seinem Beruf, wer versagt, rutscht automatisch eine Kategorie tiefer. Und alle scheinen damit gut leben zu können – nun ja, zumindest alle, die einen hohen Q-Wert aufzuweisen haben.

    Als Freddie eines Tages tatsächlich ihren Test nicht besteht und auf ein Internat der untersten Kategorie muss – Besuche sind während der gesamten Schulzeit verboten, selbstverständlich zum „Besten“ der Kinder –, kann Elena nicht länger die Augen vor der Grausamkeit dieses Systems verschließen. Und so setzt sie alles daran, ihre kleine Tochter zurückzubekommen – auch wenn das bedeutet, sich mit dem System selbst anzulegen.

    Wie schon in ihrem Vorgängerroman „Vox“ entwirft Christina Dalcher in „Q“ eine Dystopie, die – wie jede überzeugende Dystopie – in mancherlei Hinsicht schaurig nah an der Wirklichkeit ist: Dass Entwicklungschancen von Kindern in nicht unerheblichem Maße von ihrem sozialen Milieu abhängen, dass, wer einmal „unten“ ist, nur schwer wieder hochkommt, ist in vielen Teilen der Welt die Realität. Christine Dalcher spinnt diese Realität weiter: Mittels des weit verbreiteten Narrativs, dass jede*r etwas erreichen kann, wenn er*sie sich nur ordentlich ins Zeug legt, Einsatzbereitschaft und Leistungswillen zeigt, legt sie schonungslos verbrämte Mechanismen offen, in denen man nur allzu sehr die Wirklichkeit widergespiegelt sieht. 

    Ich habe „Q“ förmlich verschlugen, von der ersten Seite an hat mich die Story in ihren Bann gezogen. Auch wenn die Figuren bisweilen etwas stereotyp anmuten und wenngleich ich mit dem Ende etwas gefremdelt habe (es war mir persönlich in jeglicher Hinsicht etwas zu dick aufgetragen), kann ich die Lektüre nur empfehlen! 

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    Cover des Buches Neben wem du erwachst (ISBN: 9783455012293)

    Bewertung zu "Neben wem du erwachst" von Gytha Lodge

    Neben wem du erwachst
    dr_y_schauchvor 19 Tagen
    Kurzmeinung: Solide Krimiunterhaltung.
    Spannende Unterhaltung

    Es ist ein Alptraum, den Louise erlebt – nur dass sie nicht schläft, sondern soeben erwacht ist. Neben einem Mann. Einem ihr gänzlich unbekannten Mann. Und vor allem: einem toten Mann. An die vergangene Nacht hat sie – wieder einmal – allenfalls bruchstückhafte Erinnerungen, denn sie hat – wieder einmal – zu viel getrunken. Ihr Versuch, den Leichnam loszuwerden, gelingt ihr nur höchst unzureichend. Schnell gerät sie ins Visier der Ermittler und beschließt, dem tödlichen Rätsel selbst auf den Grund zu gehen. Was ist in jener schicksalshaften Nacht geschehen? Was hat ihre beste Freundin damit zu tun? War ihr Mann Niall tatsächlich, wie er behauptet, auf Geschäftsreise? Und wem kann sie überhaupt noch trauen?

    „Neben wem du erwachst“ (aus dem Englischen von Sepp Leeb und Kristian Lutze) ist das, was ich einen soliden Krimi nenne: Auf verschiedenen Zeitebenen und unterschiedlichen Erzählperspektiven erzählt, zieht er seine Leser*innen rasch in seinen Bann. Mit jeder Seite werden die Lebenshintergründe, Umstände und zwischenmenschlichen Beziehungen undurchsichtiger und zwielichtiger, und früher oder später verdächtigt man als Leser*in wirklich jede einzelne Figur. Das ideale Buch, um sich in einer spannenden – gleichwohl nicht allzu fordernden – Lektüre zu verlieren, perfekt für einen Lesenachmittag mit Tee und Wolldecke auf dem Sofa!

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    Cover des Buches Die Puppenspielerin (ISBN: 9783520756015)

    Bewertung zu "Die Puppenspielerin" von Sibylle Schleicher

    Die Puppenspielerin
    dr_y_schauchvor einem Monat
    Kurzmeinung: Herzzerreißend und wunderschön zugleich. Ein besondere Geschichte zweier - vermeintlich - unzertrennlichen Schwestern.
    Bittersüß

    „Noch hat sie alle Chancen der Welt, bis zum letzten Atemzug.“ (100)

    Die Zwillingsschwestern Sarah und Sophie sind auf das Engste miteinander verbunden. Lieben einander, verstehen sich blind, haben sich auch als längst erwachsene Frauen mit eigenen Familien und alltäglichen Pflichten ihre eigene, nur ihnen beiden zugängliche Welt kindlicher Phantasie bewahrt, sorgsam gehütet in ihrer gemeinsamen Leidenschaft, dem Puppenspiel. Die eine ersinnt Geschichten voller Zauber, die andere fertigt die Puppen, zusammen erwecken sie ihre verträumten Erzählungen zum Leben. Bis die Realität auf das denkbar Grausamste in ihr Leben einbricht. 

    Bei Sarah wird Lupus erythematodes diagnostiziert, der körperliche Verfall setzt beinahe augenblicklich ein. Krankenhausaufenthalte und Phasen daheim wechseln einander ab, so rasch, dass die Gefühle kaum damit Schritt halten können. Angst und Hoffnung, Sorge und Freude, das Herz wärmende Erinnerungen und die Seele gefrierende Arztvisiten bestimmen fortan das Leben Sophies wie aller Familienmitglieder. Und niemand weiß, wie lang …

    Ich habe selten einen Roman gelesen, in dem ein so bedrückendes Thema so einfühlsam und erschütternd und gleichzeitig so warmherzig und heiter in Worte gefasst wurde. Sibylle Schleichers Ich-Erzählerin Sophie nimmt ihre Leser*innen mit auf eine Reise, die vom ersten Schritt an von dunklen Wolken überschattet ist, und doch bricht sich immer wieder ein unbeugsamer Sonnenstrahl durch das tiefe Grau. Wer je einen geliebten Menschen während einer schweren Krankheit begleitet hat, wird sich in jeder Zeile, in jedem Wort, in jedem einzelnen Gefühl wiederfinden: im Schock und in der Ungläubigkeit, der Ohnmacht und Wut, aber auch in der schier unversiegbaren Hoffnung und Liebe und dem unbändigen Wunsch, ein Wunder zu bewirken. „Die Puppenspielerin“ ist kein Buch, das man verschlingen, sondern eines, das man wohldosiert auf sich wirken lassen sollte – um der Geschichte dieser beiden Zwillingsschwestern den Raum zu geben, den sie verdient. Wenn es das Adjektiv „bittersüß“ nicht schon gäbe – für diesen Roman müsste man es erfinden. 

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    Cover des Buches Das Meer von Mississippi (ISBN: 9783453272859)

    Bewertung zu "Das Meer von Mississippi" von Beth Ann Fennelly

    Das Meer von Mississippi
    dr_y_schauchvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein atmosphärischer, fesselnder Roman mit leisen Zwischentönen und historischem Hintergrund. Episch!
    Atmosphärisch und fesselnd

    „Dixie Clay dachte darüber nach, dass sie alle den Klang des Nichtregens vergessen hatten oder den Geruch von Nichtgestank.“ (S. 48)

    Nach monatelangen, schier endlos scheinenden Regengüssen, die unzählige vereinzelte Überflutungen verursachten, trat der Mississippi im Frühling 1927 endgültig über seine Ufer. Die eh unzureichenden Dämme brachen und eine Flut, man möchte sagen: beinahe biblischen Ausmaßes ergoss sich über das Mississippi-Delta. Unzählige Menschen verloren ihre Häuser und ihre Heimat, ihre Familien – und das eigene Leben.

    Vor dieser historischen Folie spielt die Geschichte von Dixie Clay und Ted Ingersoll im fiktiven Städtchen Hobnob. Dixie ist die beste Schwarzbrennerin weit und breit (ihr „Black Lightning“ ist legendär), verhaftet in einer lieblos gewordenen Ehe und seit dem Tod ihres Babys ihrer einstigen Lebensfreude beraubt. Ingersoll ist ein ehemaliger Soldat, einst im Waisenhaus aufgewachsen, charakterfest – und nunmehr Prohibitionsagent. Sein Auftrag: Er soll gemeinsam mit seinem Chef zwei seit Wochen vermisste Kollegen ausfindig machen. Deren letzter bekannter Aufenthaltsort ist … Hobnob. Anstelle der verschwundenen Agenten trifft Ingersoll auf den Schauplatz eines Verbrechens, ein elternloses Baby – und Dixie …

    „Das Meer von Mississippi“ von Beth Ann Fennelly und Tom Franklin (aus dem Amerikanischen von Eva Bonné) ist ein außerordentlich atmosphärischer Roman, der mich sowohl inhaltlich als auch sprachlich gefangen nahm. Ich habe den immerwährenden Regen gehört, die stets etwas klamme Kleidung, die Stiefel, die gar nicht mehr trocknen wollen, beinahe körperlich spüren können. Dabei gelingt es dem Autorenduo vortrefflich, die unterschiedlichsten Töne anzuschlagen, die sich erstaunlich harmonisch zu einem harmonischen Gesamtwerk fügen. Da ist die unerbittliche Wildheit der entfesselten Natur und die verzweifelte Härte der um ihr Überleben kämpfenden Menschen und zugleich eine schmerzliche Zärtlichkeit der Zuneigung und Fürsorge, der Liebe und Sehnsucht. Episch!

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    Cover des Buches Die Enkelin (ISBN: 9783257071818)

    Bewertung zu "Die Enkelin" von Bernhard Schlink

    Die Enkelin
    dr_y_schauchvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Überaus feinsinnige Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte und der Gegenwart.
    Feinsinnig

    Birgit ist tot. Unfall? Freitod? Diese Frage wird sich wohl nie abschließend beantworten lassen. Natürlich hat Kaspar schon seit Langem gespürt, dass es Birgit nicht gut geht. Ihr besorgniserregender Alkoholkonsum. Ihre unzähligen Vorhaben, die sie letzten Endes doch irgendwann wieder aufgegeben hat. Wie ihr Romanprojekt zum Beispiel. Gab es das überhaupt? Oder war Birgits Rückzug in ihre Schreibstube nichts weiter als ein Vorwand, ungestört trinken zu können?

    Als Kaspar sich in der Lage sieht, Birgits Unterlagen durchzusehen, beginnt er zu begreifen, was seine Frau ihre gesamte Ehe hindurch belastet hat: Kurz bevor sie, die ostdeutsche Studentin, zu Kaspar in den Westen floh, hat sei ein Kind bekommen. Eine Tochter, von deren weiterem Schicksal Birgit nichts wusste, eine Tochter, die Birgit nur allzu gern wiedergesehen hätte, doch dazu fehlte ihr der Mut, fehlte die Kraft. 

    Tatsächlich macht Kaspar die verschollene Tochter seiner Frau ausfindig, eine ehemals gewalttätige, drogenabhängige Rechtsradikale, die nunmehr mit Mann und Tochter in einer sogenannten völkischen Gemeinschaft auf dem Land lebt. Vorsichtig nähert sich Kaspar der Familie, vor allem Birgits Enkelin Sigrun, an, baut behutsam eine Beziehung zu dem jungen Mädchen auf, das in einem ihm fremden, seine Werte ablehnenden Kosmos aufwächst, lädt sie zu sich nach Berlin ein, präsentiert ihr fast beiläufig eine andere Lebenswelt. Und fragt sich, ob und wie lange das gut gehen kann …

    Was soll ich sagen? Wenn es darum geht, die jüngere und jüngste deutsche Geschichte sowie die Gegenwart auf feinsinnige, intelligente und gleichzeitig unterhaltsam-fesselnde Weise zu literarisieren, dann ist Bernhard Schlink, man kann es nicht anders sagen, eine sichere Bank. Und dies gilt in besonderer Weise auch für seinen neuesten Roman „Die Enkelin“. Der besondere Reiz – ich möchte fast sagen: Zauber – von Schlinks Erzählkunst liegt in seiner Unaufgeregtheit, seiner feinen Beobachtungsgabe, seinem Blick für Details und kleine Facetten und nicht zuletzt in seiner Begabung, vielschichtige Figuren zu zeichnen. Wie in allen seinen Romanen gibt es auch in „Die Enkelin“ kein Schwarz und Weiß, kein eindeutiges Gut und Böse, keine einfachen oder gar vereinfachenden Antworten auf große Fragen, ebenso wenig gibt es ein fadenscheiniges Happyend – aber einen Schimmer von Hoffnung. Ganz große Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Das Buch der vergessenen Artisten (ISBN: 9783734107481)

    Bewertung zu "Das Buch der vergessenen Artisten" von Vera Buck

    Das Buch der vergessenen Artisten
    dr_y_schauchvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Unterhaltsam, ohne den ernsten Hintergrund aus dem Blick zu verlieren.
    Unterhaltsam, ohne den Ernst aus dem Blick zu verlieren

    Langweiler 1902. Das Dorf macht seinem Namen alle Ehre. Das findet zumindest der fünfzehnjährige, sensible Mathis, der nicht nur unter den Schikanen seines Vaters und seiner älteren Brüder, sondern auch an einer Bohnenallergie leidet – miserable Zukunftsaussichten für den jüngsten Spross einer Bohnenbauerfamilie. Das ändert sich schlagartig, als er auf einem Jahrmarkt Meister Bo und dessen Attraktion, einen Röntgenapparat, sieht. Für Mathis steht fest: Genau das will er auch! Weg von Langweiler, hinaus in die weite Welt – oder wenigstens das, was er sich darunter vorstellt – von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen und vor allem: den Röntgenapparat bedienen.

    Berlin, 1935. Nach mehr als 30 aufregenden Jahren als Schausteller ist Mathis in einer Wohnwagensiedlung in Berlin gestrandet, gemeinsam mit seiner Freundin, der „Kraftfrau“ Meta, und deren gehandicaptem Bruder. Die Zeiten sind denkbar düster für Artisten, Gaukler, Schausteller und alle, die nicht den neuen, menschenverachtenden Normen entsprechen. Die Aufträge werden rarer, die Lebenssituation zusehends prekärer, und immer öfter „verschwindet“ einer ihrer Nachbarn über Nacht, verschwindet aus ihrer Gemeinschaft, ihrem Leben – und irgendwann aus dem Gedächtnis. In dieser immer bedrohlicheren Situation beschließt Mathis, einen langgehegten Plan in die Tat umzusetzen: Er wird ein Buch schreiben, ein Buch über all jene, die schon verschwunden sind, an die man sich kaum noch erinnert – das Buch der vergessenen Artisten. Doch das ist ein gefährliches Unterfangen …

    Mit seinen mehr als 750 Seiten ist „Das Buch der vergessenen Artisten“ ein wahrer Wälzer – indes einer, dessen Umfang man während der Lektüre kaum merkt, so fesselnd ist die auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichte des Schaustellers Mathis. Vera Buck nimmt sich belletristisch – will sagen: unterhaltsam, ja beinahe leichtfüßig – eines dunklen Kapitels deutscher Geschichte an, ohne dabei den ernsten Hintergrund je aus den Augen zu verlieren oder ihn gar zu banalisieren. So gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit auf eine von den Nationalsozialisten verfolgte Personengruppe zu lenken, deren Schicksal vermutlich vielen nicht allzu präsent sein dürfte. „Das Buch der vergessenen Artisten“ entführt seine Leser*innen in eine andere Zeit, eine andere Welt, und vor allem bewirkt es genau das, was sein Titel verheißt: Es erinnert an all die vergessenen Artisten. Für mich das perfekte Buch für lange Winterabende – und ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für all jene, die gerne historische Romane lesen.

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    Cover des Buches Der rote Raum (ISBN: 9783462001631)

    Bewertung zu "Der rote Raum" von Voosen | Danielsson

    Der rote Raum
    dr_y_schauchvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Vielschichtig und spannend, gleichwohl mit einer etwas arg konstruierten Auflösung.
    Spannend und vielschichtig

    Er ist, gelinde gesagt, bizarr, der Anblick, der sich Kommissarin Ingrid Nyström bietet: In einem luxuriösen Wohngebäude wird der grotesk zugerichtete Leichnam eines alleinstehenden, zurückgezogen lebenden Informatikers gefunden. Dem Mann wurde das Herz entnommen und an dessen Stelle ein Stück seltenen Gesteins nicht-irdischen Ursprungs in den Brustkorb gelegt. Wie sich bald herausstellt, entkamen er und sein Bruder als Kinder nur knapp dem erweiterten Suizid seiner Eltern. Hat sein Bruder, der von dem traumatischen Erlebnis schwere geistige und seelische Schäden davongetragen hat und nun als kauziger Einsiedler im heruntergekommenen Elternhaus lebt, etwas mit dem Mord zu tun?

    Zur gleichen Zeit verschlägt es Stina Forss, die nach dem letzten gemeinsamen Fall mit Ingrid nach Stockholm gezogen ist, nach Kiruna. Ein ebenso unbeliebter wie brutaler Automechaniker ist tot in seiner Werkstatt aufgefunden worden, begraben unter einer zusammengebrochenen Hebebühne. Die Werkstatt war von innen abgeschlossen, alle Fenster zu, von Fremdeinwirkung keine Spur – allem Anschein nach ein Unfall – wäre da nicht die fehlende Leber des Toten.

    Hängen die beiden Fälle zusammen? Läuft ein psychopathischer Serienkiller durchs mittsommerliche Schweden, der seinen – gar willkürlich ausgewählten? – Opfern die Organe entnimmt, um – ja, was eigentlich? – damit zu tun? Ingrid und Stina beginnen, fieberhaft zu ermitteln: erstmals ohne einander und überdies mit ihren eigenen inneren Dämonen kämpfend. 

     

    „Der rote Raum“ ist der neunte Band der Krimireihe um die beiden Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss – und, wie ich zugeben muss, mein erster. (Allerdings, so viel sei schon jetzt gesagt, nicht mein letzter!) Dem Autorenehepaar Voosen/Danielsson gelingt es vortrefflich, die kontrastreiche Atmosphäre zwischen dem sommerlichen, beschaulichen Småland einerseits und dem nordschwedischen Industriestandort Kiruna sowie den bizarren, verstörenden Begleitumständen der Mordfälle andererseits heraufzubeschwören, die in einem reizvollen Spannungsverhältnis zueinanderstehen. Zudem geben sie ihren Figuren den nötigen Raum, um ihren jeweiligen Charakter greifbar zu machen, ohne sich dabei in Details, Redundanzen oder Überflüssigem zu verlieren. Was mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen hat, war die Einbettung der Handlung in einen, nennen wir es, gesellschaftlich-schwedischen Zusammenhang: So wird Stina in Kiruna mit der Situation der Samen, ihrem geringen sozialen Status und den Vorurteilen und Diskriminierungen, denen sie sich oftmals ausgesetzt sehen, konfrontiert. Überhaupt wirkt der Roman in vielerlei Hinsicht sehr gut recherchiert, sodass ich neben der spannenden Story auch erstaunlich viele Denk- und Wissensimpulse erhielt, die übe reine gewöhnliche Krimilektüre weit hinausgehen. Mein einziger Wermutstropfen ist das Ende: Die Auflösung ist ohne jeden Zweifel überraschend und kreativ, wirkt dadurch aber leider auch etwas arg konstruiert. Nichtsdestotrotz bietet „Der rote Raum“ beste Krimiunterhaltung – und ich freue mich schon darauf, die übrigen Bände zu lesen.

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    Cover des Buches Frau Shibatas geniale Idee (ISBN: 9783455012590)

    Bewertung zu "Frau Shibatas geniale Idee" von Emi Yagi

    Frau Shibatas geniale Idee
    dr_y_schauchvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Eine interessante Grundidee und ein ebenso leichtfüßiges wie eindringliches Bild der japanischen Gesellschaft aus Sicht einer jungen Frau.
    Unterhaltsam, doch auch beklemmend

    Frau Shibata hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Frau Shibata verfügt über Berufserfahrung. Frau Shibata ist in keinerlei Hinsicht weniger qualifiziert, weniger erfahren, weniger belastbar als ihre – männlichen – Kollegen in der Verwaltung der Papierfabrik, in der sie arbeitet. Und doch ist es stets Frau Shibata, die unliebsame, lästige, anspruchslose Tätigkeiten in der Abteilung ausführen muss. Einzig, weil sie eine Frau ist. Als ihr eines Tages wieder einmal ein solcher Handlangerjob aufgetragen wird, platzt Frau Shibata – natürlich ganz leise und unbemerkt – der Kragen und ihr kommt die titelgebende geniale Idee: Frau Shibata weigert sich. Allerdings nicht als Akt offener Rebellion, sondern mittels einer Finte: Frau Shibata behauptet, schwanger zu sein. Und plötzlich gestaltet sich ihr Berufsleben vollkommen anders: Auf Frau Shibatas „Umstände“ wird Rücksicht genommen, die Aufgaben werden anders verteilt, Überstunden nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt. Da die Lüge nun einmal in der Welt ist, zieht Frau Shibata ihre vermeintliche Schwangerschaft gnadenlos durch, geht zur Schwangerschaftsgymnastik, findet unter den werdenden Müttern dort sogar Freundinnen. Plötzlich sieht sich die oftmals etwas einsame, von den meisten übersehene Frau Shibata in einer für sie gänzlich neuen Situation. Und eines ist klar: An ein Aussteigen oder gar Enthüllen der wahren Umstände ist nicht mehr zu denken, und Frau Shibata beginnt selbst an ihre Schwangerschaft zu glauben …

    Die Grundidee von Emi Yagis Roman „Frau Shibatas geniale Idee“ (aus dem Japanischen von Luise Steggewetz) ist zweifellos äußerst reizvoll: Eine bis dato unauffällige junge Frau greift zu einer List, die nur ihr als Frau möglich ist, um sich im männlich dominierten Berufsumfeld zu behaupten, und ist dabei unbeirrbar. Emi Yagi erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin auf eine hinreißend unaufgeregte und gleichzeitig eindringliche Art, die mich rasch in ihren Bann gezogen hat. Dabei gelingt es ihr, die patriarchalen Strukturen der japanischen Gesellschaft, ja die japanische Kultur ebenso subtil wie trocken zu charakterisieren. All das bereitete mir ein außerordentliches Lesevergnügen. Und doch las ich den Roman mit einer gewissen unterschwelligen Beklemmung ob des, sagen wir’s ehrlich, eigentlich unfassbaren Tricks, zu dem ihre Protagonistin greifen muss, um sich den Respekt zu verschaffen, den jeder Mensch verdient, um endlich als Person, als Mitarbeiterin, als Frau wahrgenommen, ernst genommen, für voll genommen zu werden. Das hatte für mich nur wenig mit dem diesem Roman vielerorts attestierten Feminismus zu tun, im Gegenteil. Desungeachtet ist „Frau Shibatas geniale Idee“ eine interessante Lektüre, die ihren Leser*innen nicht nur sehr gut unterhält, sondern auch auf betont leichtfüßige Art ein vielschichtiges, vielen vermutlich wenig vertrautes Gesellschaftssystem porträtiert.

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    Cover des Buches Bilder meiner besten Freundin (ISBN: 9783455011944)

    Bewertung zu "Bilder meiner besten Freundin" von Silvia Avallone

    Bilder meiner besten Freundin
    dr_y_schauchvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Eine überraschend nachdenkliche Geschichte über die Freundschaft zweier ungleicher junger Frauen.
    Bezaubernd und überraschend nachdenklich

    „Jedes Mädchen ist vernarrt in seine beste Freundin im Gymnasium und verliert sie dann, wenn es älter wird. Das ist ein unumgänglicher Prozess. Niemand hat jemals ein existenzielles Drama daraus gemacht.“ (Pos. 6217)

    Es gibt diese Freundschaften, wie man sie nur ein einziges Mal in seinem Leben hat: diese eine Person, diese eine Freundin, die einem näher steht, die mehr über einen weiß als jeder andere Mensch, der man blind vertraut – auch wenn sich gelegentlich leise Zweifel an der Loyalität und Zuneigung einschleichen.

    Eine solche Freundin hat die damals fünfzehnjährige Elisa in der gleichaltrigen Klassenkameradin Beatrice gefunden. Dabei könnten die beiden Mädchen unterschiedlicher nicht sein: hier die verträumte, literaturversessene Eli mit der labilen Mutter, dem willensschwachen Bruder und dem bemühten, aber hilflosen Vater, dort die glamouröse, wunderschöne Beatrice aus einer der angesehensten Familien des Ortes, die überdies auf Bestreben ihrer Mutter eine Karriere als Model anstrebt. Bis es zu einem abrupten Bruch dieser scheint’s einzigartigen, unverbrüchlichen Freundschaft kommt. Sollte Eli sich die ganze Zeit in ihrer Freundin getäuscht haben?

    Zwanzig Jahre später haben die beiden Frauen nach wie vor keinerlei Kontakt zueinander. Elisa ist alleinerziehende Mutter und muss jeden Cent dreimal umdrehen, Bea ist ein gefeierter internationaler Star, dessen traumgleiches Leben man täglich in den sozialen Medien verfolgen kann. Bis Bea erneut spurlos verschwindet und ausgerechnet Eli diejenige sein soll, die dem Verschwinden ihrer einstmals besten Freundin nachgeht.

    Ich war anfänglich etwas unsicher, ob „Bilder meiner besten Freundin“ das Richtige für mich ist – oder ob ich nicht zehn, fünfzehn Jahre zu alt bin, um mich in die Geschichte der zwei ungleichen Freundinnen einzufinden. Dass mich der Roman indes rasch gefangen nahm, ist zum einen der wunderbaren Sprache Avallones (aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn), den nachdenklichen, teils philosophisch anmutenden Betrachtungen der jugendlichen wie der erwachsenen Ich-Erzählerin Elisa zu verdanken, und zum anderen der Erzählung an sich: Eine besondere Freundschaft ist eine besondere Freundschaft, unabhängig vom Alter derer, die sie erleben, das wurde mir während der Lektüre klar. Und so fand ich mich erstaunlich oft in Elisa wieder, in ihren Gedanken und Gefühlen, ihren Ansichten und Zweifeln. Einen besonderen Reiz machte für mich der wunderbare Lokalkolorit des Romans, der in einer nicht näher bezeichneten italienischen Stadt am Meer spielt. Alles in allem war „Bilder meiner besten Freundin“ für mich eine bezaubernde Lektüre.

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    Cover des Buches Die nicht sterben (ISBN: 9783328108535)

    Bewertung zu "Die nicht sterben" von Dana Grigorcea

    Die nicht sterben
    dr_y_schauchvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Ein in vielerlei Hinsicht phantastisches Leseerlebnis
    Buchstäblich phantastisch

    „Nun will ich Ihnen aber die blutrünstige Geschichte erzählen, die sich in B. zugetragen hat; ich rufe ihn als Zeugen auf, meinen Vorfahren Vlad den Pfähler, dessen Blut in meinen Adern fließt.“ (33)

    Es hat sich viel, sehr viel verändert, seit die namenlose Ich-Erzählerin das letzte Mal in B. gewesen ist, jenem kleinen Ferienort bei Transsylvanien, in der sie als Kind ihre Sommerferien verbrachte. Was ihr einst malerisch und idyllisch erschien, ist nun heruntergekommen, vernachlässigt, irgendwie geschrumpft. Die meisten jungen Menschen haben das Städtchen verlassen, suchen ihr Glück in verheißungsvolleren Ländern Europas.

    Doch plötzlich rückt B. in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit: In der Familiengruft der Erzählerin wird das Grab Vlads des Pfählers entdeckt, jenes sagenumwobenen Fürsten – und ihres Vorfahren, darauf ein grausam zugerichteter Leichnam. Der ebenso findige wie windige Bürgermeister wittert die Chance, damit B. zu seinem alten Glanz zu verhelfen: Ein „Dracula-Park“ soll neuen Aufschwung in die Gemeinde bringen. Während er nach Investoren sucht und in fiebrige Geschäftigkeit verfällt, geht in der Erzählerin eine merkwürdige Veränderung vor sich, die mit einem bizarren nächtlichen Besuch ihren Anfang nimmt. Sollte die Vampirlegende ihres Ahnen doch mehr sein als nur eine gespenstische Fantasie?

    Dana Grigorceas „Die nicht sterben“ bietet ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Meisterhaft verwebt die Autorin die Legenden einer längst vergangenen Zeit mit der jüngeren Geschichte Rumäniens und deren Folgen für die Gegenwart. Durch die poetische Sprache, den suggestive Erzählstil und die Vermischung unterschiedlicher Zeit- und Wahrnehmungsebenen scheint die Erzählung der Realität enthoben zu sein. Sie entzieht sich jeder Zeit- und Genrezuschreibung, ist teils Phantasmagorie und erinnert damit im besten Sinne an klassische Schauergeschichten, in denen unvermutet das Unerklärliche die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerrt; gleichzeitig bildet sie das nur allzu realistische gesellschaftliche Porträt eines postkommunistischen Staates mit seiner ganz eigenen Form des „Vampirismus“ ab.

    Ganz große Leseempfehlung!

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