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dr_y_schauch

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Rezensionen und Bewertungen

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    Cover des Buches Die Enkelin (ISBN: 9783257071818)

    Bewertung zu "Die Enkelin" von Bernhard Schlink

    Die Enkelin
    dr_y_schauchvor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Überaus feinsinnige Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte und der Gegenwart.
    Feinsinnig

    Birgit ist tot. Unfall? Freitod? Diese Frage wird sich wohl nie abschließend beantworten lassen. Natürlich hat Kaspar schon seit Langem gespürt, dass es Birgit nicht gut geht. Ihr besorgniserregender Alkoholkonsum. Ihre unzähligen Vorhaben, die sie letzten Endes doch irgendwann wieder aufgegeben hat. Wie ihr Romanprojekt zum Beispiel. Gab es das überhaupt? Oder war Birgits Rückzug in ihre Schreibstube nichts weiter als ein Vorwand, ungestört trinken zu können?

    Als Kaspar sich in der Lage sieht, Birgits Unterlagen durchzusehen, beginnt er zu begreifen, was seine Frau ihre gesamte Ehe hindurch belastet hat: Kurz bevor sie, die ostdeutsche Studentin, zu Kaspar in den Westen floh, hat sei ein Kind bekommen. Eine Tochter, von deren weiterem Schicksal Birgit nichts wusste, eine Tochter, die Birgit nur allzu gern wiedergesehen hätte, doch dazu fehlte ihr der Mut, fehlte die Kraft. 

    Tatsächlich macht Kaspar die verschollene Tochter seiner Frau ausfindig, eine ehemals gewalttätige, drogenabhängige Rechtsradikale, die nunmehr mit Mann und Tochter in einer sogenannten völkischen Gemeinschaft auf dem Land lebt. Vorsichtig nähert sich Kaspar der Familie, vor allem Birgits Enkelin Sigrun, an, baut behutsam eine Beziehung zu dem jungen Mädchen auf, das in einem ihm fremden, seine Werte ablehnenden Kosmos aufwächst, lädt sie zu sich nach Berlin ein, präsentiert ihr fast beiläufig eine andere Lebenswelt. Und fragt sich, ob und wie lange das gut gehen kann …

    Was soll ich sagen? Wenn es darum geht, die jüngere und jüngste deutsche Geschichte sowie die Gegenwart auf feinsinnige, intelligente und gleichzeitig unterhaltsam-fesselnde Weise zu literarisieren, dann ist Bernhard Schlink, man kann es nicht anders sagen, eine sichere Bank. Und dies gilt in besonderer Weise auch für seinen neuesten Roman „Die Enkelin“. Der besondere Reiz – ich möchte fast sagen: Zauber – von Schlinks Erzählkunst liegt in seiner Unaufgeregtheit, seiner feinen Beobachtungsgabe, seinem Blick für Details und kleine Facetten und nicht zuletzt in seiner Begabung, vielschichtige Figuren zu zeichnen. Wie in allen seinen Romanen gibt es auch in „Die Enkelin“ kein Schwarz und Weiß, kein eindeutiges Gut und Böse, keine einfachen oder gar vereinfachenden Antworten auf große Fragen, ebenso wenig gibt es ein fadenscheiniges Happyend – aber einen Schimmer von Hoffnung. Ganz große Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Das Buch der vergessenen Artisten (ISBN: 9783734107481)

    Bewertung zu "Das Buch der vergessenen Artisten" von Vera Buck

    Das Buch der vergessenen Artisten
    dr_y_schauchvor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Unterhaltsam, ohne den ernsten Hintergrund aus dem Blick zu verlieren.
    Unterhaltsam, ohne den Ernst aus dem Blick zu verlieren

    Langweiler 1902. Das Dorf macht seinem Namen alle Ehre. Das findet zumindest der fünfzehnjährige, sensible Mathis, der nicht nur unter den Schikanen seines Vaters und seiner älteren Brüder, sondern auch an einer Bohnenallergie leidet – miserable Zukunftsaussichten für den jüngsten Spross einer Bohnenbauerfamilie. Das ändert sich schlagartig, als er auf einem Jahrmarkt Meister Bo und dessen Attraktion, einen Röntgenapparat, sieht. Für Mathis steht fest: Genau das will er auch! Weg von Langweiler, hinaus in die weite Welt – oder wenigstens das, was er sich darunter vorstellt – von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen und vor allem: den Röntgenapparat bedienen.

    Berlin, 1935. Nach mehr als 30 aufregenden Jahren als Schausteller ist Mathis in einer Wohnwagensiedlung in Berlin gestrandet, gemeinsam mit seiner Freundin, der „Kraftfrau“ Meta, und deren gehandicaptem Bruder. Die Zeiten sind denkbar düster für Artisten, Gaukler, Schausteller und alle, die nicht den neuen, menschenverachtenden Normen entsprechen. Die Aufträge werden rarer, die Lebenssituation zusehends prekärer, und immer öfter „verschwindet“ einer ihrer Nachbarn über Nacht, verschwindet aus ihrer Gemeinschaft, ihrem Leben – und irgendwann aus dem Gedächtnis. In dieser immer bedrohlicheren Situation beschließt Mathis, einen langgehegten Plan in die Tat umzusetzen: Er wird ein Buch schreiben, ein Buch über all jene, die schon verschwunden sind, an die man sich kaum noch erinnert – das Buch der vergessenen Artisten. Doch das ist ein gefährliches Unterfangen …

    Mit seinen mehr als 750 Seiten ist „Das Buch der vergessenen Artisten“ ein wahrer Wälzer – indes einer, dessen Umfang man während der Lektüre kaum merkt, so fesselnd ist die auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichte des Schaustellers Mathis. Vera Buck nimmt sich belletristisch – will sagen: unterhaltsam, ja beinahe leichtfüßig – eines dunklen Kapitels deutscher Geschichte an, ohne dabei den ernsten Hintergrund je aus den Augen zu verlieren oder ihn gar zu banalisieren. So gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit auf eine von den Nationalsozialisten verfolgte Personengruppe zu lenken, deren Schicksal vermutlich vielen nicht allzu präsent sein dürfte. „Das Buch der vergessenen Artisten“ entführt seine Leser*innen in eine andere Zeit, eine andere Welt, und vor allem bewirkt es genau das, was sein Titel verheißt: Es erinnert an all die vergessenen Artisten. Für mich das perfekte Buch für lange Winterabende – und ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für all jene, die gerne historische Romane lesen.

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    Cover des Buches Der rote Raum (ISBN: 9783462001631)

    Bewertung zu "Der rote Raum" von Voosen | Danielsson

    Der rote Raum
    dr_y_schauchvor 21 Tagen
    Kurzmeinung: Vielschichtig und spannend, gleichwohl mit einer etwas arg konstruierten Auflösung.
    Spannend und vielschichtig

    Er ist, gelinde gesagt, bizarr, der Anblick, der sich Kommissarin Ingrid Nyström bietet: In einem luxuriösen Wohngebäude wird der grotesk zugerichtete Leichnam eines alleinstehenden, zurückgezogen lebenden Informatikers gefunden. Dem Mann wurde das Herz entnommen und an dessen Stelle ein Stück seltenen Gesteins nicht-irdischen Ursprungs in den Brustkorb gelegt. Wie sich bald herausstellt, entkamen er und sein Bruder als Kinder nur knapp dem erweiterten Suizid seiner Eltern. Hat sein Bruder, der von dem traumatischen Erlebnis schwere geistige und seelische Schäden davongetragen hat und nun als kauziger Einsiedler im heruntergekommenen Elternhaus lebt, etwas mit dem Mord zu tun?

    Zur gleichen Zeit verschlägt es Stina Forss, die nach dem letzten gemeinsamen Fall mit Ingrid nach Stockholm gezogen ist, nach Kiruna. Ein ebenso unbeliebter wie brutaler Automechaniker ist tot in seiner Werkstatt aufgefunden worden, begraben unter einer zusammengebrochenen Hebebühne. Die Werkstatt war von innen abgeschlossen, alle Fenster zu, von Fremdeinwirkung keine Spur – allem Anschein nach ein Unfall – wäre da nicht die fehlende Leber des Toten.

    Hängen die beiden Fälle zusammen? Läuft ein psychopathischer Serienkiller durchs mittsommerliche Schweden, der seinen – gar willkürlich ausgewählten? – Opfern die Organe entnimmt, um – ja, was eigentlich? – damit zu tun? Ingrid und Stina beginnen, fieberhaft zu ermitteln: erstmals ohne einander und überdies mit ihren eigenen inneren Dämonen kämpfend. 

     

    „Der rote Raum“ ist der neunte Band der Krimireihe um die beiden Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss – und, wie ich zugeben muss, mein erster. (Allerdings, so viel sei schon jetzt gesagt, nicht mein letzter!) Dem Autorenehepaar Voosen/Danielsson gelingt es vortrefflich, die kontrastreiche Atmosphäre zwischen dem sommerlichen, beschaulichen Småland einerseits und dem nordschwedischen Industriestandort Kiruna sowie den bizarren, verstörenden Begleitumständen der Mordfälle andererseits heraufzubeschwören, die in einem reizvollen Spannungsverhältnis zueinanderstehen. Zudem geben sie ihren Figuren den nötigen Raum, um ihren jeweiligen Charakter greifbar zu machen, ohne sich dabei in Details, Redundanzen oder Überflüssigem zu verlieren. Was mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen hat, war die Einbettung der Handlung in einen, nennen wir es, gesellschaftlich-schwedischen Zusammenhang: So wird Stina in Kiruna mit der Situation der Samen, ihrem geringen sozialen Status und den Vorurteilen und Diskriminierungen, denen sie sich oftmals ausgesetzt sehen, konfrontiert. Überhaupt wirkt der Roman in vielerlei Hinsicht sehr gut recherchiert, sodass ich neben der spannenden Story auch erstaunlich viele Denk- und Wissensimpulse erhielt, die übe reine gewöhnliche Krimilektüre weit hinausgehen. Mein einziger Wermutstropfen ist das Ende: Die Auflösung ist ohne jeden Zweifel überraschend und kreativ, wirkt dadurch aber leider auch etwas arg konstruiert. Nichtsdestotrotz bietet „Der rote Raum“ beste Krimiunterhaltung – und ich freue mich schon darauf, die übrigen Bände zu lesen.

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    Cover des Buches Frau Shibatas geniale Idee (ISBN: 9783455012590)

    Bewertung zu "Frau Shibatas geniale Idee" von Emi Yagi

    Frau Shibatas geniale Idee
    dr_y_schauchvor 21 Tagen
    Kurzmeinung: Eine interessante Grundidee und ein ebenso leichtfüßiges wie eindringliches Bild der japanischen Gesellschaft aus Sicht einer jungen Frau.
    Unterhaltsam, doch auch beklemmend

    Frau Shibata hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Frau Shibata verfügt über Berufserfahrung. Frau Shibata ist in keinerlei Hinsicht weniger qualifiziert, weniger erfahren, weniger belastbar als ihre – männlichen – Kollegen in der Verwaltung der Papierfabrik, in der sie arbeitet. Und doch ist es stets Frau Shibata, die unliebsame, lästige, anspruchslose Tätigkeiten in der Abteilung ausführen muss. Einzig, weil sie eine Frau ist. Als ihr eines Tages wieder einmal ein solcher Handlangerjob aufgetragen wird, platzt Frau Shibata – natürlich ganz leise und unbemerkt – der Kragen und ihr kommt die titelgebende geniale Idee: Frau Shibata weigert sich. Allerdings nicht als Akt offener Rebellion, sondern mittels einer Finte: Frau Shibata behauptet, schwanger zu sein. Und plötzlich gestaltet sich ihr Berufsleben vollkommen anders: Auf Frau Shibatas „Umstände“ wird Rücksicht genommen, die Aufgaben werden anders verteilt, Überstunden nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt. Da die Lüge nun einmal in der Welt ist, zieht Frau Shibata ihre vermeintliche Schwangerschaft gnadenlos durch, geht zur Schwangerschaftsgymnastik, findet unter den werdenden Müttern dort sogar Freundinnen. Plötzlich sieht sich die oftmals etwas einsame, von den meisten übersehene Frau Shibata in einer für sie gänzlich neuen Situation. Und eines ist klar: An ein Aussteigen oder gar Enthüllen der wahren Umstände ist nicht mehr zu denken, und Frau Shibata beginnt selbst an ihre Schwangerschaft zu glauben …

    Die Grundidee von Emi Yagis Roman „Frau Shibatas geniale Idee“ (aus dem Japanischen von Luise Steggewetz) ist zweifellos äußerst reizvoll: Eine bis dato unauffällige junge Frau greift zu einer List, die nur ihr als Frau möglich ist, um sich im männlich dominierten Berufsumfeld zu behaupten, und ist dabei unbeirrbar. Emi Yagi erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin auf eine hinreißend unaufgeregte und gleichzeitig eindringliche Art, die mich rasch in ihren Bann gezogen hat. Dabei gelingt es ihr, die patriarchalen Strukturen der japanischen Gesellschaft, ja die japanische Kultur ebenso subtil wie trocken zu charakterisieren. All das bereitete mir ein außerordentliches Lesevergnügen. Und doch las ich den Roman mit einer gewissen unterschwelligen Beklemmung ob des, sagen wir’s ehrlich, eigentlich unfassbaren Tricks, zu dem ihre Protagonistin greifen muss, um sich den Respekt zu verschaffen, den jeder Mensch verdient, um endlich als Person, als Mitarbeiterin, als Frau wahrgenommen, ernst genommen, für voll genommen zu werden. Das hatte für mich nur wenig mit dem diesem Roman vielerorts attestierten Feminismus zu tun, im Gegenteil. Desungeachtet ist „Frau Shibatas geniale Idee“ eine interessante Lektüre, die ihren Leser*innen nicht nur sehr gut unterhält, sondern auch auf betont leichtfüßige Art ein vielschichtiges, vielen vermutlich wenig vertrautes Gesellschaftssystem porträtiert.

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    Cover des Buches Bilder meiner besten Freundin (ISBN: 9783455011944)

    Bewertung zu "Bilder meiner besten Freundin" von Silvia Avallone

    Bilder meiner besten Freundin
    dr_y_schauchvor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine überraschend nachdenkliche Geschichte über die Freundschaft zweier ungleicher junger Frauen.
    Bezaubernd und überraschend nachdenklich

    „Jedes Mädchen ist vernarrt in seine beste Freundin im Gymnasium und verliert sie dann, wenn es älter wird. Das ist ein unumgänglicher Prozess. Niemand hat jemals ein existenzielles Drama daraus gemacht.“ (Pos. 6217)

    Es gibt diese Freundschaften, wie man sie nur ein einziges Mal in seinem Leben hat: diese eine Person, diese eine Freundin, die einem näher steht, die mehr über einen weiß als jeder andere Mensch, der man blind vertraut – auch wenn sich gelegentlich leise Zweifel an der Loyalität und Zuneigung einschleichen.

    Eine solche Freundin hat die damals fünfzehnjährige Elisa in der gleichaltrigen Klassenkameradin Beatrice gefunden. Dabei könnten die beiden Mädchen unterschiedlicher nicht sein: hier die verträumte, literaturversessene Eli mit der labilen Mutter, dem willensschwachen Bruder und dem bemühten, aber hilflosen Vater, dort die glamouröse, wunderschöne Beatrice aus einer der angesehensten Familien des Ortes, die überdies auf Bestreben ihrer Mutter eine Karriere als Model anstrebt. Bis es zu einem abrupten Bruch dieser scheint’s einzigartigen, unverbrüchlichen Freundschaft kommt. Sollte Eli sich die ganze Zeit in ihrer Freundin getäuscht haben?

    Zwanzig Jahre später haben die beiden Frauen nach wie vor keinerlei Kontakt zueinander. Elisa ist alleinerziehende Mutter und muss jeden Cent dreimal umdrehen, Bea ist ein gefeierter internationaler Star, dessen traumgleiches Leben man täglich in den sozialen Medien verfolgen kann. Bis Bea erneut spurlos verschwindet und ausgerechnet Eli diejenige sein soll, die dem Verschwinden ihrer einstmals besten Freundin nachgeht.

    Ich war anfänglich etwas unsicher, ob „Bilder meiner besten Freundin“ das Richtige für mich ist – oder ob ich nicht zehn, fünfzehn Jahre zu alt bin, um mich in die Geschichte der zwei ungleichen Freundinnen einzufinden. Dass mich der Roman indes rasch gefangen nahm, ist zum einen der wunderbaren Sprache Avallones (aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn), den nachdenklichen, teils philosophisch anmutenden Betrachtungen der jugendlichen wie der erwachsenen Ich-Erzählerin Elisa zu verdanken, und zum anderen der Erzählung an sich: Eine besondere Freundschaft ist eine besondere Freundschaft, unabhängig vom Alter derer, die sie erleben, das wurde mir während der Lektüre klar. Und so fand ich mich erstaunlich oft in Elisa wieder, in ihren Gedanken und Gefühlen, ihren Ansichten und Zweifeln. Einen besonderen Reiz machte für mich der wunderbare Lokalkolorit des Romans, der in einer nicht näher bezeichneten italienischen Stadt am Meer spielt. Alles in allem war „Bilder meiner besten Freundin“ für mich eine bezaubernde Lektüre.

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    Cover des Buches Die nicht sterben (ISBN: 9783328108535)

    Bewertung zu "Die nicht sterben" von Dana Grigorcea

    Die nicht sterben
    dr_y_schauchvor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein in vielerlei Hinsicht phantastisches Leseerlebnis
    Buchstäblich phantastisch

    „Nun will ich Ihnen aber die blutrünstige Geschichte erzählen, die sich in B. zugetragen hat; ich rufe ihn als Zeugen auf, meinen Vorfahren Vlad den Pfähler, dessen Blut in meinen Adern fließt.“ (33)

    Es hat sich viel, sehr viel verändert, seit die namenlose Ich-Erzählerin das letzte Mal in B. gewesen ist, jenem kleinen Ferienort bei Transsylvanien, in der sie als Kind ihre Sommerferien verbrachte. Was ihr einst malerisch und idyllisch erschien, ist nun heruntergekommen, vernachlässigt, irgendwie geschrumpft. Die meisten jungen Menschen haben das Städtchen verlassen, suchen ihr Glück in verheißungsvolleren Ländern Europas.

    Doch plötzlich rückt B. in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit: In der Familiengruft der Erzählerin wird das Grab Vlads des Pfählers entdeckt, jenes sagenumwobenen Fürsten – und ihres Vorfahren, darauf ein grausam zugerichteter Leichnam. Der ebenso findige wie windige Bürgermeister wittert die Chance, damit B. zu seinem alten Glanz zu verhelfen: Ein „Dracula-Park“ soll neuen Aufschwung in die Gemeinde bringen. Während er nach Investoren sucht und in fiebrige Geschäftigkeit verfällt, geht in der Erzählerin eine merkwürdige Veränderung vor sich, die mit einem bizarren nächtlichen Besuch ihren Anfang nimmt. Sollte die Vampirlegende ihres Ahnen doch mehr sein als nur eine gespenstische Fantasie?

    Dana Grigorceas „Die nicht sterben“ bietet ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Meisterhaft verwebt die Autorin die Legenden einer längst vergangenen Zeit mit der jüngeren Geschichte Rumäniens und deren Folgen für die Gegenwart. Durch die poetische Sprache, den suggestive Erzählstil und die Vermischung unterschiedlicher Zeit- und Wahrnehmungsebenen scheint die Erzählung der Realität enthoben zu sein. Sie entzieht sich jeder Zeit- und Genrezuschreibung, ist teils Phantasmagorie und erinnert damit im besten Sinne an klassische Schauergeschichten, in denen unvermutet das Unerklärliche die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerrt; gleichzeitig bildet sie das nur allzu realistische gesellschaftliche Porträt eines postkommunistischen Staates mit seiner ganz eigenen Form des „Vampirismus“ ab.

    Ganz große Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Eis. Kalt. Tot. (ISBN: 9783839200247)

    Bewertung zu "Eis. Kalt. Tot." von Anne Nordby

    Eis. Kalt. Tot.
    dr_y_schauchvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Spannende und durchaus lehrreiche Unterhaltung, perfekt für den Winter.
    Spannend, atmosphärisch und horizonterweiternd

    Also, so hat Jesper sich seinen Start in Kopenhagen nicht vorgestellt, wahrlich nicht. Es ist arschkalt, die Großstadt unübersichtlich, die neu bezogene Wohnung karg und der Warmwasserboiler kaputt. Seine Kolleginnen und Kollegen bei der Kopenhagener Mordkommission reagieren gelinde gesagt verhalten auf den Neuen aus der Provinz, und dann wird er zu einem Mordfall hinzugezogen, der so rätselhaft wie bestialisch ist: Der verstümmelte Leichnam ist einem sogenannten Tupilak nachempfunden, einer chimärenartigen Sagengestalt der grönländischen Mythologie. Gemeinsam mit der faszinierenden Super-Recognizerin Marit und der kratzbürstigen Ermittlungsleiterin Kirsten versucht Jesper, den Mord aufzuklären, der indes nicht der einzige seiner Art bleiben soll. Und der schier ungeahnte Dimensionen erahnen lässt – Dimensionen, die sich als geradezu lebensgefährlich erweisen.

    Anne Nørdbys Thriller „Eis. Kalt. Tot“ bietet nicht nur beste und vor allem spannende Unterhaltung, sondern überdies einen echten Erkenntnisgewinn. Wer – wie ich – bislang nicht den Hauch einer Ahnung von der faszinierenden Mythologie der Inuit hatte, wird – ebenfalls wie ich – am Ende der Lektüre seinen Wissenshorizont erweitert haben. Was mir ebenso gut gefallen hat, sind die Atmosphäre sowie die Figurenzeichnung: Das eisig kalte Kopenhagen dringt durch jede Zeile und lässt unabhängig von der tatsächlichen Temperatur bibbern und frösteln. Die Figuren sind auf angenehme Art sperrig und facettenreich. Sie wollen nicht „gefallen“, sie sind nicht eindimensional. Und sie sind – auch das ist hervorzuheben – im Erzählkontext quasi gleichwertig: Es gibt nicht „die eine“ Hauptfigur, die von Nebenfiguren flankiert wird. Vielmehr gibt Anne Nørdby jedem und jeder Einzelnen Raum, lässt sie gleichsam auf der Bühne mal in den Vorder-, dann wieder in den Hintergrund treten. 

    Ein gelungener Thriller, den ich sehr gern weiterempfehle! (Wobei ich anregen möchte, mit der Lektüre vielleicht bis zum Winter zu warten. Dann dürfte der atmosphärische Effekt noch deutlicher zutage treten.)

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    Cover des Buches I get a bird (ISBN: 9783866486829)

    Bewertung zu "I get a bird" von Anne von Canal

    I get a bird
    dr_y_schauchvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Eine Art "Gut gegen Nordwind" für Erwachsene.
    Berührend, poetisch, komisch

    Er ist Busfahrer. Sie ist Zukunftsforscherin und Fahrradkurierin.

    Eines Tages findet Johan in der Telefonzelle in seiner Wendeschleife, von der aus er jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit eine gewisse siebelstellige Nummer anruft, Janas Agenda. Wie kann jemand seine Agenda, dieses „Sammelbuch aller Nachlässigkeiten und Ideen“, in einer Telefonzelle vergessen?! Aufgrund eines unvorhergesehenen Vorkommnisses schickt er Jana die Agenda erst Monate später – für Jana indes zu spät – zu. 

    Aus diesem gewissenhaften Akt eines ehrlichen Finders entspinnt sich eine Korrespondenz, ja: Brieffreundschaft zwischen den beiden Fremden, die schon nach kurzer Zeit gar nicht mehr so fremd sind. Die Distanz und das Medium erlauben Jana und Johan einen Raum, in dem beide – jede/r auf seine Art versehrt – sich auf ungeahnte Weise öffnen und ihre Geschichte erzählen können.

    „Wir sind die Geschichten, die wir von uns erzählen! Jede Familie wird von ihren Geschichten, Legenden zusammengehalten, wie ein Mauerwerk vom Efeu, auch wenn es im Innern völlig marode ist […].“ (Pos. 454)

    Zwei Jahre lang schrieben sich Anne von Canal und Heikko Deutschmann in den Rollen der Jana und des Johan. Die einzige initiale Absprache war der Anfang: Er findet etwas, was sie verloren hat. Dabei herausgekommen ist ein zarter und berührender, poetischer und bisweilen auch komischer Briefroman zweier Menschen, die ihre Verletzungen teils sichtbar, teils unsichtbar tragen und ertragen, die sich irgendwie am Leben abschinden und strampeln, ohne die Hoffnung zu verlieren oder gar unterzugehen. Eine Art „Gut gegen Nordwind“ für Erwachsene. Große Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Die verschwundenen Studentinnen (ISBN: 9783426282151)

    Bewertung zu "Die verschwundenen Studentinnen" von Alex Michaelides

    Die verschwundenen Studentinnen
    dr_y_schauchvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Leider, leider weder "Psycho" noch "Thriller".
    Eine gute Grundidee, eine mäßige Umsetzung

    Die Psychotherapeutin Mariana hat den Tod ihres Mannes noch nicht verwunden, als ihr schon neue Sorgen ins Haus stehen: Eine Kommilitonin ihrer Nichte Zoe ist ermordet worden, möglicherweise schwebt auch Zoe in Gefahr. Mariana eilt nach Cambridge, um ihr beizustehen – und nach dem Mörder zu suchen. Denn es soll nicht bei diesem einen Todesfall bleiben. Bald schon weckt der rätselhafte Literaturprofessor Edward Fosca Marianas Interesse, oder vielmehr: ihr Misstrauen. Denn alle toten Studentinnen waren in seinem Seminar, standen ihm, wie man sagt, recht nahe. Sollte er einen antiken Kult wiederbelebt haben, der Menschenopfer fordert? Mariana setzt alles daran, die Morde aufzuklären, um Zoe zu beschützen. Und bringt sich dabei selbst in höchste Gefahr.

    Ach, er klang so vielversprechend, dieser Roman: ein atmosphärischer Schauplatz, ein enigmatischer Kult, eine gebrochene Hauptfigur, die eine Mission verfolgt. Und tatsächlich hat das seine Momente, vor allem bei den literarischen Anspielungen, die ich mit großem Genuss gelesen habe. Doch leider, leider erschöpft sich die Qualität dieses „Psychothrillers“ – der bedauerlicherweise weder in Sachen „Psycho“ noch in Sachen „Thriller“ seine Genrebezeichnung verdient – darin. Die Sprache ist eher schlicht, an vielen Stellen geradezu unbeholfen und wird dem akademischen Ambiente nicht ansatzweise gerecht. Besonders lästig war in diesem Kontext der inflationäre Gebrauch von Parenthesen; hier hätte ein etwas intensiveres Lektorat dem Text sicherlich gutgetan. Doch auch die Story und ihre Protagonistin wollten mich nicht überzeugen: Die Geschichte verliert sich, insbesondere am Anfang, in allzu vielen Details (Marianas Kindheits- und Jugendgeschichte), die man sehr gut hätte straffen können, um nicht zu sagen: müssen. Und auch Mariana selbst ist, ich kann es nicht einfach sagen, eine entsetzliche Nervensäge. Weder sind ihre Verdächtigungen, Thesen und Schlussfolgerungen nachvollziehbar, noch vermag sie als Psychologin zu überzeugen, im Gegenteil. Alles in allem war es für mich eine enttäuschende Lektüre. Deshalb: leider keine Leseempfehlung.

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    Cover des Buches 2001 (ISBN: 9783446271067)

    Bewertung zu "2001" von Angela Lehner

    2001
    dr_y_schauchvor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Subtil, pointiert, herzergreifend - für mich ein Highlight in diesem Lesejahr.
    Ein literarisches Highlight

    „Meine Zukunft, denke ich, immer reden alle von dieser Zukunft und behaupten, es wäre meine. Aber ich bin mir sicher, dass das gelogen ist.“ (S. 133)

    Mit den Zukunftsaussichten ist es wahrlich nicht weit hier, hier im Tal, einem kleinen Touristenort, der außerhalb der Saison in Trostlosigkeit versinkt. Erst recht, seit die Milchfabrik geschlossen wurde, in der die Väter ihre vermeintlich sicheren Arbeitsplätze an die Söhne vererbten. Und umso mehr, wenn man wie die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin Julia, das „asoziale Verliererkind ohne Eltern“,  in der örtlichen Hauptschule zur „Restmüll“-Klasse gehört (dort landet man, „wenn man kein Italienisch kann und schlecht im Sichbewegen ist“, und dort muss man letztlich „nichts Besonderes mehr leisten, außer existieren, aber auch das ist manchmal schwer“). 

    Dass Julia nicht verzweifelt, liegt vor allem an ihrem älteren Bruder und ihrer „Crew“. Hier hält man zusammen, hier frühstückt man gemeinsam an der Straßenecke die letzte Zigarette vor dem Unterricht, hier sind alle gleich – zumindest bis zu diesem fatalen Abschlussjahr und jenem überzogenen Geschichtsprojekt, das weniger der Bildung der Klasse, als vielmehr der Profilierung des ambitionierten Lehrers dient. Plötzlich scheint ein Immer-weiter-So nicht mehr möglich zu sein – auch wenn Julia das nicht wahrhaben will …

    Man könnte „2001“, den frisch bei Hanser Berlin erschienen Roman von Angela Lehner, als Porträt einer nicht ganz so fernen Vergangenheit und als Schilderung einer weitestgehend perspektivlosen Dorfjugend  betrachten. Dann würde man aus „2001“ vermutlich eine alles in allem harmlose, wenn nicht sogar belanglose, dennoch durchaus unterhaltsame Geschichte mit einer schnoddrigen, vielleicht auch nervigen Protagonistin herauslesen. Könnte man.

    Man kann sich aber auch – und dazu möchte ich bei der Lektüre unbedingt raten – auf ebendiese Protagonistin einlassen, ihr zuhören, zwischen ihren Zeilen lesen, ihren Beobachtungen folgen. Und man liest die herzzerreißende Geschichte einer nahezu chancenlosen Heranwachsenden, die sich durchs Leben und den Alltag schlägt, ohne zu merken, dass sie sich durchschlägt – sie kennt es ja nicht anders. Die schon früh gelernt hat, dass man mit seinen Ressourcen haushalten muss, „und am besten haushalten kann man eben mit Bolognese und Emmentalerbrot“. Die ihre Schuhe trägt, bis sie buchstäblich auseinanderfallen – aber, ja nun, so geht es ja nicht nur ihr. Die ihren Bruder über alles liebt und nicht verstehen kann, warum der sich letztlich selbst mehr lieben muss als sie, um nicht unterzugehen im Tal. Die durchaus große Träume hat, auch wenn man ihr sagt, dass der Fame nicht ihr Weg sei und sie in der Realität ankommen müsse. Und die neben allen Alltagshindernissen wie jeder Teenie über Teenie-Kram nachdenkt wie zum Beispiel den ersten Kuss. 

    Angela Lehner schildert ihre Protagonistin und deren Lebensumstände so eindringlich und subtil, dass sich mir so manches Mal das Herz vor Mitgefühl zusammenzog. Sie erklärt und erläutert nicht, sondern lässt ihre Ich-Erzählerin beobachten und erzählen. Dabei sind es die scheinbaren Nebensächlichkeiten, wie beiläufig hingeworfen, die das Teenagerleben in diesem Milieu auf beinahe unheimliche Art lebendig werden lassen: Ein Rezept an der Kühlschranktür. Blutflecken auf den Socken. Ein hastig angerührter Fertig-Cappuccino auf dem Couchtisch. TV-Geräusche aus dem Wohnzimmer. 

    Angela Lehner hat mich mit ihrem Erstlingsroman „Vater unser“ schon begeistert (der Protagonistin Eva wollte ich Suppe kochen); mit „2001“ hat sie sich in meinen Augen noch gesteigert. Und Julia würde ich nicht nur bekochen, ich würde sie adoptieren.

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