jenvo82

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    Cover des Buches Offene See9783832181192

    Bewertung zu "Offene See" von Benjamin Myers

    Offene See
    jenvo82vor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Wer Poesie liebt ist hier vielleicht richtig, ansonsten verliert sich die Erzählung irgendwo zwischen Naturbeschreibungen.
    Die Möglichkeiten eines Lebens

    „Und das ist das Entscheidende. Ich lebte das Leben, das ich leben wollte, und das tue ich noch immer, obwohl dieses Etwas von innen an mir nagt: eine Krankheit namens Zeit.“

    Inhalt

    Robert Appleyard befindet sich auf Wanderschaft, denn mit seinen 16 Jahren und einem Krieg, der soeben vorbeigegangen ist, verspürt er eine übermächtige Sehnsucht, die Enge der Heimat und des bekannten Alltags zu verlassen. Als Sohn einer Bergarbeiterfamilie ist sein Leben im Dienst der Zeche bereits skizziert und er nutzt die Zeit, die er hat, um ans Meer zu gehen und sich die Weite der Landschaft einzuverleiben. Schon bald findet er diesen Ort, den er immer suchte, ein Fleckchen Land so idyllisch wie ruhig und ganz nah am Meer gelegen.

     Dort wohnt in einem alten Cottage eine ältere Dame, die sich freut, dass ein junger Mann plötzlich in ihrem Garten steht. Sie lädt ihn ein, zunächst auf Essen, dann auf ein paar Tage Aufenthalt und schließlich darf er bleiben. Und während Robert die Gartenarbeit übernimmt und Restaurierungsarbeiten beginnt, offenbart ihm Dulcie Piper die Geheimnisse ihres Lebens und Überzeugungen, die er so noch nie gehört hat.

     Fasziniert von dieser Frau, richtet sich Robert in dem alten Atelier von Dulcies Lebensgefährtin Romy ein, diese ist anscheinend viel zu früh verstorben und hat nur ein paar Gedichte hinterlassen, die Robert nun lesen darf. Immer näher kommt er dem Geheimnis von Romys Tod und gleichzeitig erobert er selbst einen Platz im Herzen von Dulcie, die es schon immer als ihre Aufgabe angesehen hat, junge Menschen auf den richtigen Lebensweg zu bringen …

    Meinung

    Der englische Autor Benjamin Myers beschreibt in dieser Geschichte, die Möglichkeiten eines Lebens, die sich manchmal rein zufällig ergeben und durch Menschen initiiert werden, die das Beste aus anderen herauszuholen vermögen. Dabei wählt er zwei gegensätzliche Charaktere, die sowohl durch ihr Alter als auch ihren Status und das bisherige Leben, sehr wenig Gemeinsamkeiten besitzen und die sich aus reiner Sympathie zusammenfinden und tatsächlich für den Rest ihres Lebens eine Freundschaft besiegeln. Die Grundidee des Buches klingt vielversprechend, ebenso wie die zahlreichen begeisterten Leserstimmen, die ich vor der Lektüre wahrgenommen habe und die mich letztlich dazu bewogen haben, nach genau diesem Roman zu greifen. 

    Und trotzdem bin ich im Großen und Ganzen sehr enttäuscht von diesem Buch – hier ein paar ausgewählte Punkte, die mir nachhaltig missfallen haben: Das größte Manko des Textes ist meines Erachtens seine dominante Handlungsarmut, die so träge macht und jedes Ereignis in immerwährenden, detailliert beschriebenen Tätigkeiten versinken lässt, so dass man das Gefühl hat, das hier rein gar nichts passiert. Außer vielleicht, die Natur zu beobachten, voller Genuss zu essen und handwerkliche Arbeiten auszuführen. Anfangs gefiel mir dieser stille, leise Ton noch ganz gut, aber als nach der Hälfte des Buches immer noch kein nennenswerter Plot entstand, hat mich der Text eigentlich an die Langeweile verloren.

    Der zweite Kritikpunkt, sind die beiden Hauptprotagonisten, zu denen ich überhaupt keine Bindung aufbauen konnte. Während Dulcie, die weltgewandte Frau sich zurückgezogen hat, weil sie einen schweren Schicksalsschlag verkraften musste, lässt sich Robert nur so durchs Leben treiben. Ihre Begegnung ist für mich nur eine Zufallsbekanntschaft, die zwar ihren jeweiligen Lebensweg beeinflusst, die aber auch ganz anders hätte verlaufen können. Manchmal kam mir Dulcie zu gönnerhaft vor und Robert zu unentschlossen – ihre Symbiose nachzuvollziehen fällt mir schwer, selbst nachdem die Story eine Vergangenheitshandlung bekommt, deren Auswirkungen bis in die Zukunft wirken. 

    Und der dritte Kritikpunkt ist die fehlende Aussagekraft über die reine Erzählung hinaus. Ich liebe Bücher, die einen Nachklang erzeugen, über deren Entscheidungen und Inhalte man nach dem Lesen nachdenken möchte – egal ob man die Aktionen und Beweggründe gutheißt oder nicht. Das fehlt hier leider komplett, denn die Story ist einfach geschehen, sie hätte so oder ganz anders enden können, sie ist ein Rückblick auf ein Leben mit einer dominanten Figur im Hintergrund, die ihre Fäden gezogen und den Rahmen vorgegeben hat, vielleicht ist es auch nur die Geschichte eines jungen Mannes, der mit fremder Hilfe den richtigen Weg einschlägt oder es ist die Aussöhnung einer alten Dame mit den Geistern ihrer Vergangenheit, vielleicht ist es von allem ein bisschen, vielleicht auch nicht. Ganz ehrlich, ich habe nicht das Bedürfnis mich länger damit zu beschäftigen.

    Fazit

    Ich vergebe 2,5 Lesesterne, die ich zu 3 Sternen aufrunden möchte. Das einzig wirklich Beeindruckende an diesem Text ist seine Sprache, die voller schöner Naturbeschreibungen und inniger Momentaufnahmen steckt. Die Poesie und Lyrik lebendig werden lässt, die einen Wohlklang und sogar eine innere Harmonie erzeugt und die mich letztlich dazu bewogen hat, das Buch tatsächlich zu beenden. Ich glaube, ich bin zu wenig Liebhaber der ausgereiften Schreibkunst, um einen Roman zu mögen, der sich so dominant auf schöne Worte stützt. Mir hätte „Offene See“ mit weniger Beschreibungen, mehr Emotionen und einer wichtigen, bedeutsamen Handlung wesentlich besser gefallen. Dieses Buch, ist eines der seltenen Exemplare, die von so vielen Lesern gelobt werden und bei mir einfach keine Spuren hinterlassen konnte. Sehr schade, muss ich wehmütig zugeben.

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    Cover des Buches Das Leuchten in mir9783455002737

    Bewertung zu "Das Leuchten in mir" von Grégoire Delacourt

    Das Leuchten in mir
    jenvo82vor 5 Tagen
    Kurzmeinung: Philosophische Gedanken zu einer Beziehung, die der Sehnsucht des Herzens nicht mehr folgt. Inhaltlich habe ich anderes erwartet.
    Ein Neuanfang ohne Chance auf einen Beginn

    „Die, die uns Lieben, verlassen uns, aber andere kommen.“

    Inhalt

    Für Emma, die eigentlich ein glückliches, zufriedenes Leben führt, ist die Zufallsbegegnung mit einem fremden Mann in einem Café von schicksalhafter Bedeutung, denn plötzlich weiß sie, was ihr fehlt, die Spannung, das Vergnügen, die schier unglaubliche Kraft, die durch Verlangen und Lust entsteht. Nach 18 Ehejahren hat sie sich selbst aus den Augen verloren und sieht nun die Chance gekommen, noch einmal von vorn anzufangen, aus ihren Verpflichtungen auszubrechen und sich wie eine sehr junge Frau in die Höhenflüge der Liebe zu stürzen. Sehr konsequent und ehrlich beschreitet sie diesen Weg, in dem sie sowohl ihrem Mann als auch den Kindern mitteilt, dass sie die Familie verlassen wird, um wieder glücklich sein zu können. Mit Alexandre wird ihr zweites Leben beginnen, davon geht sie aus, als sie voller Sehnsucht zum verabredeten Zeitpunkt auf ihren Geliebten wartet, doch der kommt nicht, er kann es nicht mehr …

    Meinung

    Nachdem ich mit großer Begeisterung vor einigen Jahren „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ aus der Feder des französischen Autors Gregoire Delacourt gelesen habe, wollte ich unbedingt ein weiteres Buch von ihm kennenlernen und die Thematik des Ehebruchs steckt prinzipiell so voller Emotionen, dass ich mir fast sicher war, dieses Buch zu mögen. Doch im Grunde genommen wurde meine hohe Erwartungshaltung hier kaum erfüllt, weil die eigentliche Geschichte weder das Verlassen ist noch der Beginn einer Romanze. Das was zwischen Emma und Alexandre passiert ist nur der Hauch einer Verheißung auf eine gemeinsame Zukunft voller Glück, die jedoch niemals beginnt. Natürlich können sich dann die Gedanken der Protagonisten nicht mit den Folgen beschäftigen, wenn es eigentlich gar keine gibt. Deshalb möchte ich alle warnen, die eine derartige Story erwarten – sie ist hier nicht literarisch verarbeitet worden.

    Trotzdem gelingt es dem Autor eine intensive, teils philosophische Geschichte zu Papier zu bringen, die mit Begriffen wie Wahrnehmung, Sehnsucht, Verbindlichkeit und gesundem Egoismus spielt. Es sind mehr die inneren Gedankengänge, die sich hier als zentrales Motiv entwickeln: eine Frau, die ein Resümee zieht über ihr Leben, ihre Wertvorstellungen und das Konstrukt ihrer Familie, über die glücklichen Tage der Vergangenheit, die ungewisse Zukunft und die Chance endlich wieder in der Gegenwart zu leben und sich nicht nur von schönen Erinnerungen tragen zu lassen. Und wäre der Text vielleicht dabei geblieben, dann hätten wir Freunde werden können, aber der Autor vollzieht einen weiteren Bruch, als er Emma zurück zu ihrem Mann schickt, zwar nicht als dessen Lebensgefährtin aber hinein in eine Situation voller Drama und Aussichtslosigkeit, denn Olivier kämpft bald um sein Leben, nachdem ihn der aggressive Blutkrebs erneut heimsucht. 

    Große Teile des Buches widmen sich dann den schweren Stunden mit einem Todkranken, mit dem Emma zwar ein halbes Leben geteilt hat und den sie im Inneren natürlich noch Herzenswärme entgegenbringt, den sie aber nicht mehr so liebt, wie es vielleicht sein sollte, doch daran trägt nicht die Krankheit Schuld sondern ein fremder Mann und Emmas Verlangen. Auf den gut 200 Seiten war mir das eindeutig zu viel selbstverschuldetes und auferlegtes Drama – die Geschichte an sich hat viele gute Ansätze, lebt durch zahlreiche intensive Gedanken und lässt das Porträt einer belasteten Familie lebendig werden, verfehlt aber eine grundsätzliche Aussage bezüglich der Liebesfähigkeit und der außerehelichen Motivation, die ist hier nur der Aufhänger für eine vollkommen andere Entwicklung als vermutet.

    Fazit

    Leider kann ich hier nur 3 Lesesterne vergeben, schon der Klappentext weckt falsche Erwartungen und irgendwie fehlt es der Erzählung an Realitätsnähe, weil ein Drama das nächste jagt. Hinzu kommt eine für mich schwierige Protagonistin, die zwar einerseits ihren Wusch lebt, dann aber doch wieder umkehrt, weil sie die äußeren Umstände dazu zwingen, nicht weil sie es so möchte. 

    Und letztlich ist da noch dieses Gleichnis mit der Ziege des Monsieur Seguin: weil sie auf der heimischen Wiese nicht glücklich ist, flüchtet sie in die Berge, wie bereits sechs andere Tiere vor ihr. Dort wartet der Wolf auf sie, um sie zu fressen, nach einem mehr oder minder ungleichen Kampf. Auch dies wurde ihr mitgeteilt, hat sie aber nicht davon abgehalten, es allen anderen Ziegen gleichzutun. Am nächsten Morgen ist sie tot – vielleicht ist sie in der Gewissheit gestorben, es probiert zu haben und das hat ihr gereicht, um glücklich zu sein. Welchen Preis wollen wir zahlen für den Rausch der Sinne? Das beantwortet „Das Leuchten in mir“ leider nicht. 

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    Cover des Buches Tage ohne Hunger9783832164690

    Bewertung zu "Tage ohne Hunger" von Delphine de Vigan

    Tage ohne Hunger
    jenvo82vor 14 Tagen
    Kurzmeinung: Radikaler Einblick in das Gedankengut einer Magersüchtigen, die am liebsten aus der Welt verschwinden würde. Tiefgründig und berührend.
    Nicht sterben, nur verschwinden

    „Der zweifelnde Gesichtsausdruck scheint Pflicht zu sein. Das soll sie ruhig aushalten, es kann ihr nicht schaden, ihren verblüfften und mitleidigen Blick auf ihr kränkliches Aussehen zu ertragen – ein bisschen vernünftiger Realitätssinn, angemessen verpackt, der die Dinge wieder zurechtrückt.“

    Inhalt

    Laure hat sich seelisch und emotional komplett in sich zurückgezogen, menschliche Nähe lässt sie nicht mehr zu – warum auch? Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie ihren Körper endgültig zum Schweigen, zum Verhungern gebracht hat, die Zwangseinweisung in das Krankenhaus mit künstlicher Ernährung über eine Magensonde ist eigentlich nicht das, was sie vorhatte. Doch Dr. Brunel begegnet ihr gerade noch im letzten möglichen Augenblick vor der Katastrophe und nimmt sich ihrer an. Er holt sie zurück aus dem Gedankenkarussel, bei dem jede Nahrungsaufnahme einem Verbrechen gleichkommt und jedes gewonnene Kilo ein schwerer Schicksalsschlag ist. Nun muss sie sich mit dem Gedanken arrangieren, dass sie erst wieder nach Hause kann, wenn sie die magische Gewichtsgrenze von 50 kg erreicht hat – doch bis dahin ist es ein weiter, beschwerlicher Weg …

    Meinung

    Bisher konnte mich jedes Buch der französischen Autorin Delphine de Vigan ansprechen, so dass ich beschlossen habe, mich den noch fehlenden Büchern in meiner Bibliothek zu widmen, um ihr Gesamtwerk kennenzulernen und die Thematik Magersucht kenne ich zudem noch aus eigener Perspektive, nachdem eine gute Freundin von mir in ihrer Jugend ebenfalls im Krankenhaus zwangsernährt wurde. 

    In diesem Roman begibt sich der Leser tief hinein in das Gedankengut einer gestörten Seele, für die alles Schöne aus dem Leben verschwunden ist. Der Körper selbst hat keinen Wert mehr, er ist nur Ausdruck für das andauernde Verkümmern einer Seele und auch die Krankheit selbst hat kaum etwas mit einem angestrebten Schönheitsideal zu tun, denn es geht nicht um die Kilos an sich, sondern darum, die Kontrolle zu behalten und den Zeiger der Waage mittels Willenskraft immer weiter in die Knie zu zwingen. Was zunächst harmlos mit dem profanen Wunsch beginnt etwas weniger Gewicht zu haben, steigert sich in einen Wahn bei dem die Gesundheit ebenso wie die Schönheit schon lange auf der Strecke geblieben sind.

     Laure durchläuft nun in der Gegenwart nicht nur die Schmerzen, die mit einer erzwungenen Kalorienzufuhr verbunden sind, sondern auch das Dilemma, das ihr Körper voller Dankbarkeit annimmt, was ihre Seele schon längst aufgegeben hat, die Chance auf ein mehr an Kraft und Lebensqualität. Bisher wollte Laure zwar nicht wirklich sterben (als logische Konsequenz ihrer Anorexie wäre das zwar denkbar, es gibt aber deutlich effektivere Wege), nein sie möchte aus dieser Welt verschwinden, ganz langsam, ganz bewusst und deutlich sichtbar für alle anderen – weil sie nichts mehr hält, für das es sich zu leben lohnt. 

    Erneut gelingt es der Autorin ein für mich erschütterndes Beispiel für vergeudete Lebenszeit greifbar werden zu lassen, die Ängste und Beklemmungszustände sind schonungslos, ehrlich und voller Traurigkeit. Dabei führt sie ganz allmählich die Ursachen aus dem familiären Umfeld ein, beurteilt nicht, warum es gerade dieser Leidensweg geworden ist und zeigt dennoch Möglichkeiten auf, aus dieser Endlosschleife an Hungern, Abnehmen und Verfallen herauszukommen, wenn man den Strohhalm ergreift, der sich bietet. Ein kleiner Kritikpunkt für mich: der Krankenhausalltag steht hier zentral im Mittelpunkt, die innere Arbeit, die Laure noch leisten muss, um wirklich geheilt zu werden, wird ausgeklammert. Sicherlich findet der Umstand Erwähnung, dass eine Rückkehr zu alten Verhaltensmustern nicht ausgeschlossen ist, und für Laure der Vorsatz zählt, ihr Versprechen nicht zu brechen, was sie Dr.Brunel gegeben hat: am Leben zu bleiben. Aber es hätte mir noch besser gefallen, wenn auch die Zeit danach mehr Aufmerksamkeit bekommen hätte. Selbst wenn das Ende des Buches einen erfreulichen Punkt benennt, so schenkt der Roman keine Einblicke in diese Zeit danach.

    Fazit

    Ich vergebe gute 4 Lesesterne, für einen interessanten, innigen Blickwinkel hinein in die Untiefen der menschlichen Seele, die doch so verschiedenartige Krankheitsbilder hervorrufen können. Ich weiß nicht, ob sich diese Lektüre wirklich für Betroffene eignet, für Außenstehende aber durchaus, denn die Ängste und Bedenken sind bestens greifbar und vielseitig gestrickt, so dass man nicht im Mitleid versinkt aber durchaus nachvollziehen kann, welche Mechanismen hier wirken. Was bleibt ist diese Bedrückung und innere Verzagtheit, aber auch die Hoffnung gemeinsam mit Hilfe von außen die Dämonen zu besiegen. Vielleicht hätte ich mir auch gewünscht, dass irgendwo sichtbar wird, wie viel Last dem Körper zugemutet wird, wie schwerwiegend und irreparabel manche Spätfolgen der Magersucht sind und das es nur wenig bringt, die Wochen im Krankenhaus zu überstehen, wenn man den Ursachen nicht mittels einer Therapie begegnet. Meine Freundin hat sich nie mehr von der Krankheit richtig erholen können, trotz zweier Kinder ist sie selbst mit 34 Jahren an multiplem Organversagen gestorben und rein äußerlich hat sie es nie mehr auf ein gesundes Normalgewicht gebracht.

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    Cover des Buches Da sind wir9783423282208

    Bewertung zu "Da sind wir" von Graham Swift

    Da sind wir
    jenvo82vor 17 Tagen
    Kurzmeinung: Distanziert-behäbiger Roman über zwei Freunde im Rampenlicht, die dieselbe Frau lieben. Die Story bleibt hinter meinen Erwartungen zurück.
    Die Zauberkunst war der Schuldige

    „Dann war die Saison vorbei, und das, worüber alle sprachen, war weiter nichts als das, es existierte nur in der Erinnerung derjenigen, die es gesehen hatten, mit eigenen Augen, in den wenigen Wochen des Sommers. Nach und nach würden diese Erinnerungen verblassen. Vielleicht würden die Menschen sich fragen, ob sie es wirklich gesehen hatten.“

    Inhalt

    Ronnie Dean ist Zauberer, erlernt hat er sein magisches Handwerk bei seinem Ziehvater, der ihn all die spektakulären Tricks zeigte und in ihm den Wunsch säte, selbst ein Meister der Illusion zu werden. Gemeinsam mit Jack Robbins stellt er ein unterhaltsames Sommerprogramm für die Feriengäste in Brighton auf die Beine. Direkt am Pier entführen die zwei Künstler ihr Publikum in ein buntes Reich voller Zauberei und Entertainment. Jack unterbreitet den Vorschlag, dass eine weibliche Assistentin ihr Programm noch wesentlich anziehender gestalten könnte und Ronnie sucht per Annonce die passende Partnerin für seine Kunststücke. Diese ist bald gefunden und als Evie White in ein schillerndes Kostüm schlüpft und Ronnies Zaubereien begleitet, wird das Programm ein spektakulärer Anziehungspunkt. Und auch die beiden jungen Männer verlieben sich in die schöne Evie, die bald Ronnies Verlobungsring am Finger trägt und doch mit Jack anbandelt. Der Sommer wird zeigen, wie die Geschichte verläuft …

    Meinung

    Dies war mein erster Roman aus der Feder des englischen Erfolgsautors Graham Swift, der mittlerweile zu den Stars der britischen Gegenwartsliteratur zählt und 1996 mit dem Man Booker Price ausgezeichnet wurde. Und doch konnte mich die hier erlebbar gemachte Geschichte, in weiten Teilen nicht überzeugen. Vielleicht liegt es an der unglücklichen Ausgangssituation, denn erwartet habe ich eine emotionale Dreiecksgeschichte mit starken Persönlichkeiten und diese spielt leider nur eine untergeordnete Rolle, sie verkommt fast zur Nebensächlichkeit. 

    Ganz präsent hingegen wirkt die Stimme eines übergeordneten Erzählers, der versucht auf wenigen Seiten, die Sommersaison eines Künstlertrios lebendig werden zu lassen. Dabei vollzieht er mehr Zeitsprünge als nötig gewesen wären. Im ersten Drittel des Romans steht Ronnies Kindheit im Mittelpunkt, seine ersten Kontakte mit der Zauberei, die er im Haus seiner Ziehfamilie erworben hat, auch die ursprüngliche familiäre Situation bezüglich einer alleinerziehenden Mutter und des leiblichen Vaters, der als Seefahrer nie anwesend war, bekommt einen hohen Stellenwert eingeräumt. Später dann ein kurzer Wechsel zu dem verhängnisvollen Sommer, in dem sich zwei Männer in die gleiche Frau verlieben und im letzten Teil der Rückblick auf ein gelebtes Leben aus Sicht von Evie White, die bis zuletzt zu verstehen versucht, welche Rolle Ronnie in ihrer Dreiecksbeziehung spielte und wie es ihm gelungen ist so effizient und nachhaltig aus dieser zu verschwinden – scheinbar ein Akt der Zauberei in Perfektion.

    Der Geschichte selbst mangelt es an Aussagekraft, da sie sich immer wieder zwischen ihren Figuren verflüchtigt und diese fehlende Ausrichtung macht das Lesevergnügen alsbald zu einer behäbigen Fassung einer an sich hochdramatischen Situation. Es gelingt diesem omnipotenten Erzähler einfach nicht, die Emotionen der Betroffenen spürbar zu machen und ihrer magisch-hypnotischen Wirkung gerecht zu werden. Eigentlich passiert auch nichts Schlimmes, denn die Frau hat sich gleich zu Beginn umentschieden, ist aber ohne Reue bis zum heutigen Tag ganz bewusst bei ihrer Wahl geblieben. Die kurzzeitige Liaison zwischen ihr und dem Zauberer, erscheint mir persönlich nicht der Rede wert. Sicherlich hat Evie ihren Jack nur durch Ronnie kennengelernt - aber wo bitte ist da das Problem? Keiner der Protagonisten empfindet die gemeinsame Zeit als Verschwendung, niemand beschwört das große Drama herauf und die Entwicklung verläuft in geruhsamen Bahnen. An dieser Stelle wurde leider enorm viel Potential verschenkt, so das mich letztlich auch der Flair des Buches nicht mitreißen konnte.

    Fazit

    Leider kann ich hier nur drei wohlwollende Lesesterne vergeben, da mich dieser kurze Roman kaum berühren konnte. Mein Urteil schwankt zwischen langweilig und desorientiert und ich hatte beständig das Gefühl, das „falsche“ Buch des Autors gewählt zu haben. Denn prinzipiell hat mich seine Art zu beschreiben und die Sachverhalte darzustellen überzeugt. Die Sprache und der Gesamtstil konnten meinen Lesegeschmack durchaus treffen, so dass ich den Text zwar gerne gelesen habe, ihm aber inhaltlich nichts abgewinnen konnte. Deshalb ist für mich klar: ich muss es mit einem anderen Roman von Graham Swift probieren, vielleicht hat er sich bei dieser Geschichte etwas verzettelt, sowohl in der Wirkung als auch in der Ausführung. Die Rolle des bloßen Zuschauers mag für eine Verfilmung nützlich sein, literarisch sind es eindeutig zu viele unschöne Leerstellen, die durch bunte Bilder gewinnbringend ersetzt werden könnten, nur findet man diese allerhöchstens auf dem Cover.

     

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    Cover des Buches Der Geiger9783426654446

    Bewertung zu "Der Geiger" von Mechtild Borrmann

    Der Geiger
    jenvo82vor 24 Tagen
    Kurzmeinung: Absolut anspechender Mix aus Kriminalroman, Familiengeschichte und historischen Ereignissen. Das Erzähltalent der Autorin ist spürbar.
    Die Wahrheit war eine Lüge

    „Den leeren Platz in seinem Inneren nahm etwas Neues ein, etwas Ungeheuerliches, das ihn schreckte und von dem er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, dass es seine Vorstellungen von sich selbst, von der Zivilisation und Menschenwürde unumkehrbar verändern würde.“

    Inhalt

    Vergangenheit: Der erfolgreiche Geiger Ilja Wassiljewitsch Grenko kehrt nach einem Auftritt im russischen Staatstheater nicht mehr nach Hause zurück. Seiner Frau Galina, die voller Sorge mit den beiden kleinen Söhnen auf ihn wartet, teilt man mit, dass sich ihr Mann ins Ausland abgesetzt hat und sein Versuch auch die Familie mitzunehmen, sei rechtzeitig vereitelt wurden, so dass für Galina nur noch ein Leben in der Verbannung bleibt, ob sie nun von den Plänen ihres Mannes wusste oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

    Gegenwart: Sascha Grenko, Enkel von Ilja folgt dem Hilferuf seiner Schwester Vika, die er nach dem Unfalltod der Eltern schon viele Jahre nicht mehr gesehen hat. Angeblich befindet sich ein Dokument von Wert in ihrem Besitz, welches die vergangene Familiengeschichte in ein ganz anderes Licht rücken könnte. Doch als Sascha zum Treffen mit Vika kommt, wird diese vor seinen Augen erschossen und kurz darauf befindet er sich selbst in Gefahr, denn auf dem Schreiben, welches er in einem Bankschließfach findet, verbirgt sich die Wahrheit über den Verbleib von Ilja Grenko und dieses Wissen ist nach wie vor tödlich …

    Meinung

    Die Deutsche-Krimi-Preis-Trägerin Mechtild Borrmann hat mich mit ihren Romanen und Kriminalfällen bisher nie enttäuscht, weil sie historische Fakten geschickt mit persönlichen Geschichten und spannenden Handlungen verwebt und dadurch nicht nur einen guten Unterhaltungswert schafft, sondern auch tief in die Abgründe der Vergangenheit blicken lässt und die dunklen Kapitel von damals wieder beleuchtet. Und auch dieses Buch hier reiht sich nahtlos in die Reihe meiner Lieblingsbücher ein, die man auch nach etlichen Jahren ein zweites Mal lesen kann.

    Diesmal legt die Autorin den Schwerpunkt auf die Nachkriegszeit in der russischen Metropole Moskau, hinein ins Milieu der Künstler und Gebildeten. Jener Menschengruppe, die zwar offensichtlich für die Unterhaltung und Bespaßung weiter Bevölkerungsteile zuständig ist, die jedoch den Machtinhabern ein Dorn im Auge ist, weil sie für deren politische Ziele als tickende Zeitbombe agiert und bestenfalls ausgeschaltet gehört. In wechselnden Kapiteln nähert sich das Buch dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte und den familiären Zusammenhängen an. Dabei wird der Leser in die angenehme Lage versetzt, auch die Erlebnisse des Ilja Grenkos aus erster Hand zu erfahren und damit sein persönliches Leid und das seiner Familie besser nachzuvollziehen. Ebenso präsent wirkt aber auch die Gegenwartshandlung, denn erst Sascha gelingt es, nicht nur den Verbleib der vermissten Geige seines Großvaters ausfindig zu machen, sondern auch das wahre Komplott aufzudecken, dessen Opfer all seine Familienmitglieder wurden. Denn obwohl Ilja selbstbestimmt den Tod in einem Arbeitslager wählte, auf Grund der Hoffnungslosigkeit, die ihn umgab, so haben seine Nachfahren versucht, der Wahrheit nahezukommen und mussten dass mit ihrem Leben bezahlen, da die Verantwortlichen sehr wohl ihre Schuld von damals konsequent vertuschen wollten. 

    Damit hat dieses Buch alles, was es braucht: eine spannende, klar umrissene Geschichte, eine interessante historische Hintergründigkeit und eine abenteuerliche, gefährliche Spurensuche, die das Genre Kriminalroman abdeckt. Der Text wird durch wechselnde Zeitebenen und diverse Protagonisten lebendig, besticht durch eine komprimierte Handlung, die sich nicht verzettelt und den Fokus ganz speziell auf die Familie Grenko lenkt. 

    Fazit

     Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne und freue mich jetzt schon auf ein weiteres Buch der Autorin, denn ein paar bleiben mir noch, die ich bisher nicht gelesen habe. Dieser Kriminalroman eignet sich für alle, denen es mehr auf eine erzählbare Geschichte ankommt und weniger auf blutige Aspekte. Der Tod ist hier nur die unvermeidbare Folge einer großen Vertuschungsaktion, die ihre Wurzeln in der grausamen Willkür des Regimes hat. Aspekte wie Flucht, Verbannung, unmenschliche Lebensbedingungen und der Verlust aller Hoffnung sind mindestens genauso wichtig, wie die Spurensuche eines Einzelnen und den nie versiegenden Wunsch nach Gerechtigkeit und Aufklärung. Ein tolles, empfehlenswertes Buch, welches lange nachhallt und ein Ehrenplätzchen in meinem Regal bekommt. 

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    Cover des Buches flüchtig9783552059726

    Bewertung zu "flüchtig" von Hubert Achleitner

    flüchtig
    jenvo82vor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein warmherziges Buch über ein Paar, was sich im Laufe der Zeit aus den Augen verloren hat. Selbstfindung und Rückblicke inbegriffen.
    Die Freiheit, mich loszulassen

    „Aber Brüche im Leben zweier Menschen bringen wie in der Mathematik die Dinge in ein klares Verhältnis zueinander. Mein Bruch hat dich mir nähergebracht. Du bist mir seither näher, als du es die letzten zwanzig Jahre unseres Zusammenlebens gewesen bist.“

    Inhalt

    Herwig und Maria sind schon viele Jahre verheiratet, doch im Grunde ihres Herzens haben sich die gemeinsamen Ziele mit den Jahren immer mehr verflüchtigt. Während Maria Sport bis zur totalen Erschöpfung betreibt, führt Herwig ein aufregendes Doppelleben mit einer 30 Jahre jüngeren Frau, die ihm all das schenkt, was er bei Maria nicht mehr bekommt. Glücklich ist keiner der beiden, weder mit der gemeinsam verbrachten Zeit, noch mit dem Leben an sich. Die verpassten Chancen, die verschmähten Annäherungen, die aufgestauten Wünsche – diese Ehe steht einfach vor dem Abgrund.

     Als Maria durch Zufall von Herwigs baldiger Vaterschaft mit der jungen Geliebten erfährt, beschließt sie ihm die Freiheit zu schenken, sich von ihr loszusagen, indem sie einfach ohne irgendeine Begründung ins Auto steigt und aus seinem Leben verschwindet. Doch längst ist dem verlassenen Mann die jahrelange Bindung nicht so egal, wie angenommen. Er fällt in ein ebenso großes Loch, wie zuvor seine Frau und irgendwie muss er da wieder rauskommen, denn das Leben ist doch viel zu schön, um es einfach ohne Kampf an den Nagel zu hängen …

    Meinung

    Der Autor Hubert Achleitner, der sich bisher auf dem musikalischen Sektor zu Hause fühlte, startet mit seinem ersten Roman „flüchtig“ einen Ausflug in die literarische Schaffenskultur und schreibt eine warmherzige, ehrliche und menschennahe Geschichte über das Zerbrechen einer Partnerschaft, in der das Glück flüchtig ist und die Sehnsucht nach emotionaler Erfüllung immer mehr Wert gewinnt. Diese gut nachvollziehbare und verständliche Ausgangslage nimmt er als Anlass um sich der persönlichen Selbstfindung seiner Figuren zu widmen. Denn Maria, die nach ihrer Fehlgeburt in jungen Jahren, keine Kinder mehr bekommen konnte, hat sich mit diesem Zustand nie so wirklich auseinandergesetzt, die Kommunikation zwischen den Eheleuten ging schon lange gegen Null und dieser letzte Schritt, sich selbst von all den Verpflichtungen des Alltags loszusagen, scheint eine logische Konsequenz. 

    Der Text lebt durch seine vielen verschiedenen Perspektiven, mal ist es die einer jungen Frau, die Maria ein Stück des Weges begleitet hat, dann wieder die Überlegung der jungen Geliebten, die einer Beziehung mit Herwig und dessen Rolle als Vater nichts abgewinnen kann. Dadurch bekommt die bloße Schilderung einer Trennung und eines schmerzlichen Abschiednehmens einen gewissen Mehrwert und lässt auch die Nebenfiguren zum Teil des Ganzen werden. Nebenbei begleitet der Leser Maria auf ihrer Reise von den Bergen Österreichs hin zu dem weiten Blau vor der griechischen Küste, von ihrer traurigen Rolle als betrogene Frau hin zu einer Mittfünfzigerin, die auf der Suche nach Liebe und Glück ist. Aber auch Herwig, ein Mann der sich sein Leben so bequem wie möglich eingerichtet hat, stellt fest, dass es notwendig ist, über seinen Schatten zu springen, falls er jemals irgendetwas von seiner verschollenen Frau zurückgewinnen möchte. 

    Das Buch thematisiert deshalb auch stark die notwendigen Veränderungen innerhalb einer Paarbeziehung, um miteinander am Leben zu wachsen, bzw. zeigt es auf, dass Ignoranz und Desinteresse zu einer absolut gegenteiligen Entwicklung führen, die irgendwann zu einem willkürlichen Zeitpunkt in die scheinbare Schönheit eines leider leblosen Alltags einbricht. 

    Mein einziger wirklich geringfügiger Kritikpunkt an dieser sehr griffigen Erzählung ist der ausufernde Mittelteil, dort treffen viele Fäden zusammen, die diversen Stationen auf Marias Weg, das Leben als Mitglied eines Klosters, der Glaube an sich, die willkommene Einfachheit des Alltags für die griechischen Fischer. Stellenweise hat mich diese Schilderung gelangweilt und den Fokus nicht mehr auf Maria oder Herwig gelenkt, sondern auf die einzelnen Punkte eines Pilgerweges. Und letztlich ist es noch diese Traurigkeit, die sich ganz unterschwellig durch das ganze Buch zieht: irgendwann sind einfach zu viele gute Jahre verstrichen, die eigene kurz bemessene Lebenszeit speist sich in der zweiten Lebenshälfte vorwiegend aus Erinnerungen an die Vergangenheit. Ein Aufbruch ist zwar jederzeit möglich, doch irgendwie fehlt ihm die Orientierung, die Euphorie der Jugend und die Einsicht, dass ein rechtzeitiger Wandel mehr Wohlbefinden gebracht hätte.

    Fazit

    Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen stimmigen, sympathischen Roman der mit viel Fingerspitzengefühl die Selbstfindung konkretisiert und die vergangenen Lebensstationen in Rückblicken lebendig werden lässt. Zwei Menschen, die ihr Leben miteinander geteilt haben, müssen einsehen, dass sie schon vor vielen Jahren den Draht zueinander verloren haben und finden nun im fortgeschrittenen Alter eine Lücke für sich selbst, um eigene Träume wahr werden zu lassen. Dieser Aspekt, dass Wünsche und Sehnsüchte nur dann ihre volle Schönheit entfalten, wenn sie gelebt werden, ist gleichermaßen ein wahrer wie trauriger Punkt, den diese Geschichte in den Fokus setzt.

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    Cover des Buches Was bleibt von uns9783312010899

    Bewertung zu "Was bleibt von uns" von Golnaz Hashemzadeh Bonde

    Was bleibt von uns
    jenvo82vor einem Monat
    Kurzmeinung: Einprägsamer, bewegender Roman über den Verlust am Ende und im Laufe des Lebens - zu viele Ansätze bleiben leider stecken.
    Ein Kind von Wurzeln, nicht von Sand

    „Erst klopfte ihr Herz in mir, und jetzt klopft es an meiner Wange, und bald wird es ohne mich klopfen. Bald wird mein Herz schweigen, aber ihres wird weiterschlagen und meinen Rhythmus in sich tragen.“

    Inhalt

    Als Nahid die Diagnose Krebs bekommt und sich mit der Problematik ihres baldigen Sterbens auseinandersetzen muss, beginnt sie rückblickend eine Art Innenschau von dem, was sie in jungen Jahren bewegte, von Menschen und Taten, die ihren Weg begleitet haben, von der Bürde die eigene Familie in der Heimat zurückzulassen, um sich in der Fremde ein besseres, freieres Leben aufzubauen. 

    Gleichzeitig spürt man ihren immensen Wunsch, noch nicht zu sterben, ihre letzte verbleibende Zeit auf Erden zu nutzen und wenigstens noch einmal ihre Enkeltochter kennenzulernen, die noch im Bauch der Mutter wächst. Die Verbindung zwischen Müttern ist ihr wichtig, könnte ein Weg sein, um sich der eigenen Tochter wieder anzunähern, sich mit dem Verlust der mütterlichen Zuwendung in jungen Jahren auszusöhnen und der Chance, die Liebe an die nächste Generation weiterzugeben. Für ihr Enkelkind möchte sie noch ein wenig länger leben, selbst wenn sie der Ansicht ist, das es ihr selbst nicht gelungen ist, das Leben zu führen, welches sie sich erträumte, weil sie immer ein Kind von Sand geblieben ist, so sieht sie nun endlich die Zeit gekommen, in der ein kleiner Mensch ein Kind von Wurzeln sein kann, ohne die Angst sich nirgendwo zuhause zu fühlen.

    Meinung

    Die iranische Schriftstellerin Golnaz Hashemzadeh Bonde, wuchs selbst als ein Flüchtlingskind in Schweden auf und nimmt diesen Hintergrund als den Aufhänger in ihrem ersten Buch auf Deutsch. Allerdings geht sie noch eine Generation zurück, denn Nahid, die Hauptprotagonistin hat ihre Kindheit und Jugend noch im Iran verbracht und musste erst als junge Erwachsene mit dem eigenen Kind und Mann fliehen, um nicht in die Fänge der Staatsgewalt zu geraten. Hier beginnt ihr „zweites“ Leben in Schweden, einer Heimat für die Tochter, aber niemals für sie selbst.

    Prinzipiell hat dieses Buch alles, was ein Lieblingsbuch für mich ausmachen könnte: eine bewegende Hintergrundgeschichte, die Flucht, politische Vertreibung und den Verlust der eigenen Heimat als Schwerpunkt setzt. Eine traurige Gegenwartshandlung, die nicht nur vom baldigen Sterben überschattet wird, sondern von sämtlichen Erinnerungen, die eine Menschenseele in sich trägt. Bis hin zu einer intensiven, konzentrierten Sprache, die sich auf das Innere fokussiert und diverse Schnittpunkte auf dem Lebensweg herausgreift und mit Substanz erfüllt.

     Und dennoch gelingt es der Erzählerin nicht, mich wirklich für die Geschichte zu begeistern. Selten bekam ein Buch mit so viel Aussagekraft und sprachlicher Fülle nur eine mittelmäßige Bewertung von mir, deshalb möchte ich hier die für mich schwerwiegenden Kritikpunkte herausarbeiten, denn wenn man damit leben kann, ist die Lektüre sicherlich ein Glücksgriff für den Leser.

    Mein größtes Problem hatte ich mit der Hauptfigur selbst, die ohne Zweifel ein schweres Leben hatte und immer mit dem Verlassen und dem Verlassenwerden kämpfte, doch ihre Art, ständig sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und vorwiegend andere für den Verlauf ihres Schicksals verantwortlich zu machen, hat mir sehr missfallen. Sie erlebte körperliche Gewalt in der Ehe, aber damit kannte sie sich aus, so war es schon bei ihrer Schwester und den anderen Frauen ihrer Heimat, sie hat eine Tochter geboren, die sie als ihre wichtigste Aufgabe im Leben ansah und mit der sie doch so wenig gemeinsam hat. Die sie jetzt in der eigenen Krankheitsperiode mit Vorwürfen überhäuft, obwohl die Bitterkeit gegenüber anderen nur Ursache ihrer eigenen Lebensführung zu sein scheint. 

    Ein weiterer Kritikpunkt ist die weitläufige, mäandernde Themenvielfalt, die sich zu wenig auf eine Sache konzentriert und dadurch zerfasert und weniger kraftvoll wirkt. Angefangen bei der Flüchtlingsproblematik, hin zur Gewalt in der Ehe, weiter mit einer belasteten Mutter-Tochter-Beziehung, hinüber zur Auseinandersetzung mit einer schlimmen Krankheit, bis zum endgültigen Verlust des Lebens. Das war mir auf den 200 Seiten des Buches eindeutig zu viel des Guten. Hätte hier nur ein oder vielleicht am Rande ein zweites Thema mehr Präsenz bekommen, so wäre der Text für mich viel besser nachvollziehbar gewesen. 

    Sprachlich überzeugt dieser Roman auf ganzer Linie: kurze Kapitel, sinnvolle Zeitsprünge, reflektierende Momentaufnahmen, die sich wunderbar als Rückblick auf das Leben eignen und natürlich die intensive, kraftvolle Sprache, die ebenso klar und ausgeprägt wirkt, wie der Charakter der Protagonistin. Hin und wieder ein philosophischer Gedankengang, der zum Nachdenken anregt und ein richtig gutes, versöhnliches Ende, bei dem ich das gefunden habe, was ich mir im Vorfeld bei jeder Seite wünschte.

    Fazit

    Ich vergebe für diesen Roman, der laut Klappentext voller Freude, Leid, Liebe und Wut erzählt wird leider nur 3 Sterne. Eine zerrissene Mutterfigur, die vom Leben geprägt wurde und sich bemüht ihre Ängste unter Kontrolle zu bekommen, um es ihrer Tochter leichter zu machen, scheitert für mich in ganz vielen kleinen Punkten, ihr Resümee ist so voller Schwermut und Hadern mit all den Entwicklungen, dass ich mich am Ende gefragt habe, warum es ihr nicht gelungen ist, irgendwann in ihrem Leben für mehr Glück und Lebensfreude zu kämpfen. Hier steht für mich der Inbegriff der Stagnation im Zentrum und die Anklage gegen Gott und die Welt. Und vielleicht sind es tatsächlich die fehlenden Sympathiewerte, die mir diese Lektüre vermiest haben. Ein Buch aus dem ich gerne zwei Geschichten machen würde, mit stärkeren Nebenfiguren und mehr positiver Resonanz. 

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    Cover des Buches Glasflügel9783257071238

    Bewertung zu "Glasflügel" von Katrine Engberg

    Glasflügel
    jenvo82vor einem Monat
    Kurzmeinung: Vielfältige Kombi aus Kriminalfall und romanhafter Erzählung. Sympathische Protagonisten kämpfen sich durch die Frage nach Rache und Schuld.
    Die dunkle Vergangenheit von Sommerfuglen

    „Trauer vergiftet alles Lebende und nimmt ihm die Farbe. Trauer ist ein Nichts, das durch die Blutbahnen läuft, durch Blätter, Halme und Steine, bis nur noch die äußere Hülle von etwas zurückbleibt.“

    Inhalt

    Die erste Leiche befindet sich öffentlich zur Schau gestellt in einem Springbrunnen im Zentrum der dänischen Hauptstadt Kopenhagen – eine Frau mittleren Alters, die anscheinend mit einem mittelalterlichen Gegenstand, einem Schröpfmesser hingerichtet wurde. Und als wenig später ein weiteres Opfer mit identischen Verletzungen im Wasser gefunden wird, laufen beim Mordermittler Jeppe Kørner sämtliche Ermittlungsansätze zusammen, die nun ein mögliches Motiv für die grausame Mordserie des Täters zu Tage fördern sollen.

     Leider ist Kørner diesmal auf sich allein gestellt und bekommt nur den behäbigen Polizisten Falck zugeteilt, da seine Partnerin Anette Werner im Babyurlaub ist. Zunächst kommt er gut voran, denn die Verbindung zwischen den bisherigen Opfern ist ein mittlerweile geschlossenes Pflegeheim für psychisch gestörte Jugendliche. In Sommerfuglen, einer kleinen Einrichtung mit nur wenigen Patienen und ebenso wenigen Angestellten ist jedoch etwas schief gelaufen: Der Vater einer ehemaligen Bewohnerin, die sich in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten hat, verklagte das Heim auf falsche Behandlungsmethoden und stümperhafte psychiatrische Gutachten. Seine erfolgreichen Einwände führten schließlich zur Schließung der Heilstätte. Für Kørner ist das durchaus ein plausibler Grund, für die Ermordung der ehemaligen Angestellten, doch alle Verdächtigen haben ein Alibi und irgendein weiteres Geheimnis muss es in Sommerfuglen noch gegeben haben, denn zwei Hauptverdächtige Patienten halten sich von der Polizei fern, doch gerade ihre Aussage scheint der Schlüssel zur Lösung des Falles zu sein.

    Meinung

    Dieser Band ist bereits der dritte aus der Kørner -Werner-Reihe der dänischen Autorin Katrine Engberg, die diesmal das korrupte und überlastete Gesundheitswesen unter die Lupe nimmt und dem Leser tiefe Einblicke in die Handlungsgepflogenheiten der ausführenden Gewalt gibt. 

    Dabei legt sie wie auch schon in den Vorgängerromanen großen Wert auf eine lebensnahe, glaubwürdige Erzählung, die in erster Linie Momentaufnahmen aus dem Leben der Beteiligten einfängt und diese in einen großen, umfassenden Rahmen setzt, um so nicht nur die reine Polizeiarbeit zu beleuchten, sondern generell die Entwicklung all ihrer Figuren. Anders als in blutreichen Action-Thrillern oder akribischen Ermittlungsfällen, lebt die Geschichte hier durch eine atmosphärische, vielfältige und komplexe Hintergrundgeschichte, die neben dem Kriminalfall auch das Privatleben der Ermittler lebendig werden lässt. 

    Spannungsmomente entstehen durch wechselnde Erzählperspektiven und unvorhergesehene Wendungen. Gerade hier wird z.B. deutlich, dass sich Anette Werner in ihrer Rolle als stillende Vollzeitmutter äußerst eingeengt fühlt und sich stattdessen im Geheimen mit den Eckdaten des aktuellen Falls beschäftigt und dort ansetzt, wo andere noch nicht waren. Auch ihre Präsenz und die diversen familiären Anforderungen nehmen einen hohen Stellenwert innerhalb des Buches ein. Je tiefer man in diese Kriminalreihe eintaucht, umso mehr entsteht das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein und gemeinsam mit den Figuren eine spannende Zeit zu durchlaufen.

    Fazit

    Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen erzählenden Kriminalroman, den man am Besten in chronologischer Reihenfolge liest, weniger wegen der Mordermittlung, sondern auf Grund der Figurenzeichnung und den Zusammenhängen. Inhaltlich werden zahlreiche lose Fäden verteilt, die sich wunderbar zu einem Höhepunkt verbinden und ganz nebenbei noch zahlreiche Hintergrundinformationen liefern. Empfehlenswert ist diese Reihe für alle, die den Mix aus Roman und Krimi mögen und mehr subtile Entwicklungen als brutale Gewalt bevorzugen. Insgesamt wirken sowohl der Plot als auch die Figuren ausgereift und als Leser wird man mit jedem Fall mehr in die Geschichte involviert, definitiv eine Reihe, die ich weiterverfolgen werde. 

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    Cover des Buches Marta schläft9783423262507

    Bewertung zu "Marta schläft" von Romy Hausmann

    Marta schläft
    jenvo82vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Hochkarätiger Thriller zum Miträtseln und Staunen. Obwohl der Plot zunächst Verwirrung stiftet, kann man das Buch kaum aus der Hand legen.
    Schuld ist auch nur ein Synonym für Tod

    „So funktioniert Schuld, Laura. Du wirst sie in dir tragen wie eine unheilbare Krankheit, wie ein Geschwür, das in dir wuchert, bis es dich eines Tages komplett zerfressen hat.“

    Inhalt

    Für Nadja Kulka ist ihr Job in der Anwaltskanzlei bei Gero van Hoven der Einstieg in ein normales Leben, dort muss sie sich nicht erklären, weder das sie die Tochter einer polnischen Prostituierten ist, noch das sie mit 15 Jahren als Mörderin ebenjener eine Gefängnisstrafe absitzen musste. Ihr Onkel, der Seniorpartner in der Kanzlei, hat ihr die Anstellung besorgt, die sie in einen sozialverträglichen Alltag führen soll und weg von ihren Depressionen, Medikamenten und Panikattacken.

     Doch die Vergangenheit holt Nadja schneller ein, als ihr lieb ist - als ihre Freundin Laura, die Ehegattin von Gero van Hoven sie vollkommen verstört anruft und ihr mitteilt, dass sie ihren Liebhaber ermordet hat und nicht weiß, was sie machen soll. Nadja kennt die Mechanismen von Angst, Reue, Scham und Schuld und eilt der Freundin zu Hilfe. Doch als sie bei der Leiche zusammensitzen und ihr weiteres Vorgehen besprechen, merkt sie, wie labil ihre heile Welt wirklich ist …

    Meinung

    Nachdem ich vergangenes Jahr voller Begeisterung das Thrillerdebüt der 1981 geborenen deutschen Autorin Romy Hausmann „Liebes Kind“ gelesen hatte, war mir klar, dass ich unbedingt ihren neuesten Zapfenstreich kennenlernen musste. Meine Erwartungshaltung an die Geschichte rund um ein wildes Verwirrspiel in den Kreisen der Gerichtsbarkeit war also dementsprechend hoch. Und obwohl mir der Einstieg nicht ganz leichtgefallen ist, wurde die Handlung zunehmend schlüssiger und die Spannungsmomente potenzierten sich, so dass ich auch dieses Buch kaum noch aus der Hand legen konnte.

    Bei „Marta schläft“ beruht der Clou in erster Linie auf einem hochkomplexen Plot, den der geneigte Leser zunächst kaum versteht. Es existieren mehrere Handlungsebenen, diverse Protagonisten und scheinbar willkürliche Zeitsprünge, die es einerseits hochexplosiv wirken lassen, andererseits keiner klaren Linie folgen. 

    Die Folge davon ist ein Verwirrspiel der Extraklasse, eine mitreißende Story, eine emotionale Erzählung aus längst vergangenen Tagen und ein brisantes Geschehen in der dunklen und bösen Gegenwart. Die Autorin gestaltet ein intensives Psychogramm ihrer Hauptakteure und lässt mehrere psychisch labile bis aggressive Menschen aufeinandertreffen, die weder vor Intrigen noch gewalttätigen Spielchen, ja noch nicht einmal vor Mord zurückschrecken, um ihr selbstgewähltes Weltbild aufrecht zu erhalten. 

    Sind die Guten in Gefahr und die Bösen wirklich die Täter? Eine Frage, die sich unwillkürlich aufdrängt und im Verlauf des Thrillers sehr abwechslungsreich und voller Wendungen präsentiert wird. Denn dieser Spannungsroman bietet eine Vielfalt an möglichen Denkansätzen und lässt den Leser lange im Unklaren, eins ist er aber definitiv nicht, ein schnöder Roman mit herkömmlicher Ermittlungsarbeit und ein paar Leichen – hier steckt eine ganze Menge mehr drin.

    Besonders die prägnante Textstruktur verleiht diesem Thriller seine Dichte. Kurze Kapitel wechseln sich mit einem Briefwechsel und längeren Episoden im Rückblick ab. Dabei fasziniert es mich, wie wenig Identifikation mit den Hauptakteuren von Nöten ist, um den Text dennoch faszinierend zu finden. Hier steht man als Leser außerhalb des Geschehens, schaut zu, beobachtet, sieht sich genötigt eigene Mutmaßungen anzustellen, die möglicherweise des Rätsels Lösung sein könnten. Dieser ganz eigene, unverwechselbare Grundton, schwingt auch hier wieder mit und macht aus einer eher harmlosen Geschichte einen sehr fesselnden Spannungsroman.

    Fazit

     Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen einprägsamen Thriller, der mit einer Geschichte um Vergangenheitsbewältigung, Schuld und Reue aufwartet und durch seinen animierenden Stil unbedingt dazu auffordert, eigene Verdächtige auszumachen und den komplexen Inhalt auf eine schlüssige Story herunterzubrechen.

     Wer „Liebes Kind“ mochte, wird auch an „Marta schläft“ Gefallen finden, obwohl das Debüt noch etwas mehr Durchschlagskraft besaß, so ist es hier der vielschichtige Hintergrund, der überzeugt. Ich freue mich jetzt schon auf weiteres Lesefutter aus der Feder der Autorin, sollte die Nr. 3 ebenfalls in dieser Liga spielen, hat Romy Hausmann eine neuen Fan gewonnen, allein schon weil sich ihre Bücher ganz wunderbar vom herkömmlichen Actionthriller abheben und irgendwo auch eine Saite im Inneren des Lesers zum Klingen bringen, die normalerweise nicht angesprochen wird.

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    Cover des Buches Die wir liebten9783492059947

    Bewertung zu "Die wir liebten" von Willi Achten

    Die wir liebten
    jenvo82vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Erschütterndes Schicksal zweier Brüder in den 70er Jahren - nachdem die Familie zerbricht wartet der Drill im Heim. Lesenswert.
    Einer ist der Stärkere, der andere liebt mehr

    „Wenn es in der Rückschau ein Motto für das Leben meines Bruders und für meines gab, so war es die Erkenntnis, dass es keine Konstanz gibt im Leben und keine Verlässlichkeit in dem, was wir sind und was wir tun, und das wir andere sind, sobald wir uns aus einem anderen Blickwinkel betrachten oder betrachtet werden.“

    Inhalt

    Edgar und Roman sind fast gleichaltrige Brüder, die mit ihren Eltern, dem ortsansässigen Bäckermeister und der Lotto-Frau in einem Dorf in der Nähe von Mönchengladbach aufwachsen. Zunächst haben die beiden Jungs eine recht unbeschwerte, freie Kindheit, da beide Elternteile einen zeitintensiven Job haben und nur wenig Kontrolle ausüben und kaum Einschränkungen setzen. Der Zusammenhalt zwischen ihnen ist stark ausgeprägt, sie sind begeisterte Fußballer und ziehen in ihrer Freizeit um die Häuser.

     Erst als der Vater die Tierärztin kennenlernt, sich neu verliebt und von seiner Frau trennt, wird klar, dass die Familienstruktur fortan eine ganz andere sein wird. Die Mutter versinkt in ihrem Unglück und greift zur Flasche, der Vater kapselt sich ab und verschwindet von der Oberfläche. Roman und Edgar müssen sehen, wo sie bleiben. Als dann auch noch ihre letzte zuverlässige Vertrauensperson, ihre Großmutter dem langen Krebsleiden erliegt, überstürzen sich die Ereignisse und wenig später steht das Jugendamt vor der Tür.

     Angeblich gehören die halbwüchsigen Jungs nicht länger in die Obhut, einer zerrütteten Familie, sondern in die Erziehungsanstalt „Gnadenhof“, die dem beginnenden Sittenverfall Einhalt gebieten wird. Das Kinderheim, direkt im gleichen Ort ist ein dunkler Fleck in der Gemeinde, keiner von draußen spricht über die Geschehnisse hinter den Mauern und das stattliche Anwesen agiert äußerst autonom. Für die Brüder, die sich der Gesetzeskraft beugen müssen, wird bald klar: irgendwie muss ihnen die Flucht aus dieser Hölle gelingen, bevor die Willkür und Gewaltanwendung gegenüber den Jugendlichen eskaliert …

    Meinung

    Der 1958 am Niederrhein geborene Autor Willi Achten ersinnt in diesem Buch eine bewegend-erschütternde Familiengeschichte, die sehr betroffen macht und sich in ihrem Verlauf zu einem regelrechten Gesellschaftsporträt auswächst. Zunächst ist es ein Coming-of-Age Roman, der lebendige Bilder von einem Aufwachsen in der ländlichen Idylle der 70er Jahre in Deutschland heraufbeschwört.

     Der Zeitgeist wird lebendig, die Natur, die Streiche, die Erlebnisse einer ganz normalen Jugend und die Hoffnungen und Wünsche, die damit verbunden sind. Langsam und szenenhaft widmet er sich im Mittelteil des Buches dem Auseinanderbrechen einer Familie: dort wo früher der Bruder ein guter Kumpel war, wird er nun das letzte Fünkchen Hoffnung, in einem Auflösungsprozess, den die Teenager nicht aufhalten können. Viel zu schnell müssen sie erwachsen werden und zusehen, wie jeden Tag ein weiteres Stückchen Mauer ihrer heilen Welt zerbröckelt.

    Erst im dritten Teil des Romanes konzentriert sich die Handlung auf die Hintergründe innerhalb der Erziehungsanstalt, deren Mitarbeiter noch Jahrzehnte nach dem Wirken nationalsozialistischer Grundsätze agieren und ihre Zöglinge mit Härte und Drill bestrafen, im schlimmsten Fall sogar mit Injektionen, wenn sie nicht gefügig bleiben oder sich dem Willen der Heimleitung widersetzen.

    Der Roman schafft lebendige Bilder, beschreibt detailliert und umfassend die Lebensumstände der Protagonisten und besticht mit einer intensiven, stimmungsvollen Textstruktur, die sich aus der Erinnerung des jüngeren Bruders heraus entwickelt. Inhaltlich ist es an vielen Stellen eine harte Kost, nicht nur was die politischen Hintergründe betrifft, sondern auch die genauen Abläufe von Gewalt, Kindesmisshandlung und Machtmissbrauch. Stellenweise war mir das zu viel, die Bilder zu ausgereift, zu hart und mit wenig Spielraum für die eigene Fantasie des Lesers – vor dem inneren Auge entsteht ein Film in all seiner Klarheit und Präzession, ein Geschehen, dem man sich gedanklich nur schwer entziehen kann. 

    Fazit

    Ich vergebe gute 4 Lesesterne und empfehle das Buch all jenen Lesern, die abseits des Mainstream eine Geschichte erleben wollen, die voller Wahrheiten steckt, mit zahlreichen Ängsten agiert und mit der Überzeugung geschrieben wurde, den eigenen Wohlfühlbereich zu verlassen, um Aufklärungsarbeit zu leisten.

     Es ist ein Roman, der nachhallt, der zwar anklagt aber letztlich nicht verurteilt, der Familiengeschichte und historische Rahmenbedingungen vereint und individuell ausgestaltet, er erzählt von Menschen, die lieben, leiden und leben und immer wieder an Scheidewege gelangen, an denen sie Entscheidungen treffen müssen, oder andernfalls für sie entschieden wird. Zwei starke Protagonisten, eine beklemmende Handlung und die Einsicht, dass nicht jeder für seine Sünden bestraft wird und nicht jeder für seine Heldentaten gerühmt. Diese Geschichte wird mir in Erinnerung bleiben.

     

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