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killmonotony

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    Cover des Buches Identitti (ISBN: 9783446269217)

    Bewertung zu "Identitti" von Mithu M. Sanyal

    Identitti
    killmonotonyvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Brandaktuelle Themen in anspruchsvollem Gewand
    Identitti

    Dieses Buch durfte ich im Rahmen einer Leserunde lesen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag!

    Nivedita ist vom Skandal um die Whiteness ihrer Professorin absolut erschüttert. Niemand hat der jungen Frau bisher ihre Identität erklären können und #SaraswatiGate führt dazu, dass Nivedita alles über den Kopf hinaus wächst. Was ist Identität? Ist man bspw. indisch, weil die Eltern in Indien geboren sind, man selbst aber nicht? Ist man indisch, wenn man in dieses Land ausgewandert ist und dort 20 Jahre lebt? Oder was macht "Indischsein" aus? Die Grenzen scheinen zu verschwimmen, es gibt kein wahr oder falsch, Saraswati scheint durch ihre "Transformation" (wenn man das so nennen kann) alle bereits fließenden Grenzen noch weiter zu verschleiern und bezeichnet sich selbst als Transrace - analog zu Transgender. Doch kann es sowas überhaupt geben? Die Internetgemeinde, deren Diskurs im Laufe des Buches immer wieder verfolgt wird, ist sich uneinig, und die hitzig diskutierenden Charaktere ebenfalls. 

    Über Klappentext und Plot muss ich eigentlich keine weiteren Worte mehr verlieren, da ich das Gefühl habe, dass jeder und sein Hund dieses Buch bereits gelesen haben - und das natürlich aus gutem Grund! Mithu Sanyal legt hier einen anspruchsvollen, diskussionsreichen Roman zum Thema Gender und race vor, bei dem ich mit meiner pandemiebedingten Konzentrationsspanne leider nicht immer hinterher kam. Dennoch wurde mir eines innerhalb weniger Seiten klar: Ich weiß nichts über diese Themen, rein gar nichts. Themen, die unglaublich viele Menschen betreffen und die an mir als weißer, priveligierter Frau scheinbar sang- und klanglos vorbeigezogen sind - da kam "Identitti" gerade zur rechten Zeit.

    Jedoch verfiel "Identitti" für meine Verhältnisse zu wenig in die Kategorie "Roman" und mehr in die Sparte "Talkrunde", denn viel Handlung gibt es nicht, sondern größtenteils hitzige Diskussionen, bei denen mit Begriffen um sich geworfen wurde, die ich mangels eines Glossars während der Lektüre googeln musste - der Tod für jeden Menschen, der ohnehin mit der Konzentration darum würfeln muss, noch zehn weitere Seiten zu lesen. Mithu Sanyals erster Roman braucht also auf jeden Fall die ungeteilte Aufmerksamkeit der Leser*innen. 

    Leider habe ich mich irgendwann ein wenig durch die Seiten gequält, weil ich den Debatten nicht mehr folgen konnte, habe aber auf jeden Fall viel gelernt und muss auf jeden Fall in das ein oder andere Werk reinschauen, das die Autorin am Ende in einer großen Literaturliste empfiehlt.

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    Cover des Buches Die Krone der Schöpfung (ISBN: 9783751800068)

    Bewertung zu "Die Krone der Schöpfung" von Lola Randl

    Die Krone der Schöpfung
    killmonotonyvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Ein verrücktes Buch über das Leben kurz vor und mitten in der ersten Corona-Welle.
    Die Pandemie aus der Ego-Perspektive

    Dies ist jetzt also schon das dritte Buch über die Pandemie, das ich lese. In den vergangenen Monaten habe ich "Corona" (Martin Meyer) sowie "Als die Welt stehen blieb" (Maja Lunde) gelesen - keines von beiden war jedoch so verrückt wie Lola Randls "Die Krone der Schöpfung". Die namenlose Ich-Erzählerin wohnt in einem kleinen Örtchen Deutschlands und bemerkt inmitten von Berichterstattungschaos und neuen Hygiene-Regelungen, dass sie wohl infiziert ist. Doch anstatt vorsichtshalber Rücksicht zu nehmen, turnt sie weiterhin durch die Gegend, als wäre nichts - das macht sie sofort zu einer klaren Unsympathin. Doch dieses Urteil kann ich nur unter Einschränkungen treffen, denn sie berichtet von ihren Recherchen zu einer Serie, die sie gerade schreibt, von Parasiten, die ihren Wirt so besetzen, dass sie Kontrolle über dessen Körper übernehmen können. Geschieht auch dies mit unserer Erzählerin?

    In fragmentartigen Abschnitten berichtet die Protagonistin vom Alltag in ihrer Familie und in ihrem Kopf unmittelbar bevor und während der ersten Corona-Welle. Mit dem Erzählstil muss man sich anfreunden können, ebenso wie mit den hin- und herspringenden Thematiken, die die Erzählerin bespricht. Und zwischendrin gibts natürlich auch den Entwurf der Zombie-Serie zu lesen, der aber meiner Meinung nach mehr Lückenfüller als wertvolle Ergänzung zum Roman ist. 

    Wenn man sich an die besondere Erzählweise gewöhnt hat, kann man die Irrungen und Wirrungen der Erzählerin mit Spannung verfolgen und mag sich gar nicht ausmalen, was sie (oder das Virus, das sie steuert?) noch alles tun wird. Titel und Cover nehmen noch mal deutlich Bezug auf das Geschehen - man kommt dahinter, sobald man das Buch - zugegeben etwas erschöpft - zugeschlagen hat. 

    "... Natürlich weiß ich, dass es der Virus ist, der möchte, dass ich jemand Fremden küsse, weil den Mann und den Liebhaber hat es ja schon angesteckt. Ich weiß nicht, ob ich dem Virus den Wunsch erfüllen kann. [...] Und da wurde mir plötzlich klar, wie sehr das Virus mich eigentlich braucht. Dass es nur durch mich überhaupt leben kann. Wenn ich sterbe, sirbt das Virus auch."


    Ein besonderes Buch, das mit seiner speziellen Covergestaltung und seinem tollen Format sicherlich in der Buchhandlung sofort ins Auge fällt.

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    Cover des Buches Die Verwandelten (ISBN: 9783835336056)

    Bewertung zu "Die Verwandelten" von Thomas Brussig

    Die Verwandelten
    killmonotonyvor 10 Monaten
    Waschbärgate!

    Dieses Buch klang verrückt, also wollte ich unbedingt meine Nase hineinstecken. Leider hat die Geschichte nach einem starken und mitreißenden Anfang immer weiter abgebaut, sodass ich stellenweise sogar versucht war, den Titel abzubrechen. Doch zurück zum Anfang! Es geht um eine irrwitzige Geschichte: Fibi und Aram, zwei Prä-Teens, wollen möglichst viele Klicks für ihre Lifehack-Youtube-Videos. Untereinander stacheln sie sich immer wieder gegenseitig zu Mutproben an, bis Fibi dann googelte "Wie kann man sich in einen Waschbären verwandeln?". Nach der kuriosen Anleitung (die den Besuch einer Waschanlage beinhaltet) standen also tatsächlich zwei ziemlich saubere Waschbären in der Autowaschanlage. Völlig überrascht, dass die Verwandlung geglückt ist, sind Fibi und Aram zunächst überfordert, wie sie dies ihren Familien beibringen sollen. Doch als die beiden ihren Familien als sprechende Waschbären entgegentreten, sind diese alles andere als geschockt, sondern nehmen diesen "Schicksalsschlag" vermeintlich gelassen hin. Und so auch die Menschen in Bräsenfelde, dem Wohnort von Aram und Fibi, und auch darüber hinaus. Schnell wird klar, dass man mit den sprechenden Waschbären (bzw. dem sprechenden Waschbär, Singular, denn Aram weigert sich, mit jemand anderem als Fibi zu sprechen) doch eine Menge Geld scheffeln könnte. Interviews! Fotoshootings! Reality Shows! Und so beginnt Fibi mit dem raketenhaften Aufstieg eines Shooting Stars...

    Soweit die Handlung. Bereits hier stört mich leider sehr, dass alle Welt völlig cool damit zu sein scheint, dass sich zwei junge Menschen in Waschbären verwandelt haben. Klar gibt es kritische Nachfragen seitens der Familie, aber alle nehmen dies doch irgendwie viel zu gut und viel zu schnell auf.

    Thomas Brussig schafft es allerdings, dass dieser Negativpunkt durch seine tolle Erzählweise fast in Vergessenheit gerät. Gerade die ersten Kapitel aus Fibis und Arams Sicht sowie der der Familien waren packend geschrieben und haben zum Weiterlesen ermuntert. Die Perspektive sprang von Kapitel zu Kapitel. Was auch grundsätzlich gut ist, da wir so viele verschiedene Eindrücke erhalten, aber nach und nach wurde mir der Auswahl der Charaktere, die gerade erzählen, zu beliebig. Denn ja, die Sichtweise aus dem direkten Umfeld der beiden Waschbären-Kinder interessiert mich natürlich, aber der Alltag der Programmdirektorin bei dem Sender, bei dem Fibi unter Vertrag genommen wird, weniger. Mäßig relevanten Personen wurde meiner Meinung nach viel zu viel Raum gegeben. Und leider schlaucht die Geschichte, so gut sie auch konstruiert sein mag, ab knapp 100 Seiten doch sehr, denn plötzlich dreht sich alles um Rechteverwertung und Medienrummel und nicht mehr um den Alltag als Mensch im Waschbär, wovon ich gerne mehr gelesen hätte.

    Mein Fazit: Obwohl ich vor dieser Leserunde noch nichts von dem Roman gehört hatte, hatte ich doch ein wenig auf ein spaßiges Buch gehofft, das spannend über zwei Waschbär gewordene Pre-Teens erzählt. Doch der viel zu starke Fokus auf den Randfiguren, die nichts bis wenig zur Story beitragen, und denen jeweils trotzdem Kapitel von ca. 30 Seiten gewidmet sind, fand ich mühselig, sodass mir der Lesespaß doch leider etwas abhanden gekommen ist.

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    Cover des Buches Kepler62 - Buch 1: Die Einladung (ISBN: 9783440166123)

    Bewertung zu "Kepler62 - Buch 1: Die Einladung" von Timo Parvela

    Kepler62 - Buch 1: Die Einladung
    killmonotonyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Toll illustriert und spannend erzählt – Kepler62 ist der gelungene Auftakt zu einer neuen Kinderbuchreihe!
    Kepler62, Die Einladung

    Kepler62 ist der Auftakt zu einer neuen Kinderbuchreihe von den Autoren Bj∅rn Sortland und Timo Parvela sowie dem Illustrator Pasi Pitkänen. Die Reihe spielt in einer Zukunft, die vielleicht gar nicht so weit weg ist, wie wir denken. Die Brüder Ari und Joni leben alleine mit ihrer Mutter, die aber nie zuhause ist, da sie auf der Suche nach einer Arbeit und nach Lebensmitteln ist. Die Ressourcen der Erde sind mittlerweile knapper denn je und Supermärkte, die Obst verkaufen, sind nur etwas für die ganz Reichen. Eines Tages versucht Ari, das heiß begehrte Videospiel Kepler62 zu stehlen und wird erwischt. Daheim angekommen, seine Laune am Boden, wartet Joni bereits auf ihn – in den Händen eine Flasche Cola, die sich wirklich niemand mehr leisten kann, und das Spiel! Eine fremde Frau hat ihm beides auf der Straße in die Hand gedrückt und ist dann wieder verschwunden. Verwundert und ein wenig überrumpelt starten die beiden Jungs das Spiel und planen schon eine lange Zocksession ein – denn alle Welt spricht über Kepler62 und das Geheimnis, das sich um das, was nach Level 99 kommt, rankt. Ari und Joni spielen und spielen und erreichen tatsächlich das letzte Level – doch werden sie es schaffen, das Rätsel zu lösen?

    »Ach Joni, du bist noch zu klein, um zu wissen, was hier los ist. Aber ich merke es schon länger. Unser Leben ist ein Gefängnis. Nur, dass die Gitterstäbe unsichtbar sind.«

    Bücher mit Geschichten in der Art von Kepler62 gibt es bereits einige, habe ich das Gefühl. Als ich den Klappentext zum ersten Mal las, musste ich direkt an Ready Player One denken. Doch Kepler62 ist anders, denn es geht nicht darum, dass die Menschen in der Zukunft sich mehr und mehr in virtuelle Welten flüchten, sondern die Erde verlassen möchten. Wer sich mit Weltraumforschung beschäftigt, weiß vielleicht, dass 2013 das Sonnensystem um Kepler-62 entdeckt wurde, der ein wenig kleiner ist als unsere Sonne. Und zwei der Planeten, die um Kepler-62 kreisen, nämlich Kepler-62e und Kepler-62f, sind möglicherweise erdähnlich. Ein Grund mehr, die Nase in Kepler62: Die Einladung zu stecken. Denn vielleicht können wir in einem der Folgebände (es wird noch zwei geben, soweit ich weiß) die Reise zum Kepler-Sonnensystem mitverfolgen. Und das dürfte durchaus spannend werden!

    Das erste Buch von Kepler62 konnte mich jedenfalls trotz des kindgerecht sehr schnellen Erzähltempos begeistern, das mich stellenweise richtiggehend überrumpelt hat und ich nochmal zurückblättern musste. Die Illustrationen von Pasi Pitkänen haben toll zu der Geschichte gepasst und das Geschehen schön visualisiert. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es mit Joni und Ari weitergeht und freue mich schon auf Band 2, der schon bald erscheint!

    Fazit: Ein tolles Kinderbuch, das auch für die “Großen” geeignet ist. Schöne Illustrationen lassen uns in die Welt von Ari und Joni eintauchen und die gesamte Geschichte macht super neugierig auf die Folgebände.

    https://kimonobooks.de/buecher/rezension/kepler62-die-einladung/

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    Cover des Buches Das Ting (ISBN: 9783423230063)

    Bewertung zu "Das Ting" von Artur Dziuk

    Das Ting
    killmonotonyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Eine gelungene Zukunftsvision über unseren Selbstoptimierungswahn und die schöne Welt der Start-ups – beklemmend!
    PERFEKTE ENTSCHEIDUNGEN & GRUSELIGE TECHNIK: DZIUKS »DAS TING«

    Auf dieses Buch freue ich mich schon seit einer ganzen Weile und habe es nun im Rahmen einer Lovelybooks Leserunde gelesen. Das Erste, was ich nach der Lektüre und beim Verfassen dieser Zeilen sagen muss, ist dass der Klappentext vielleicht ein wenig irreführend ist. Es gibt zu keiner Zeit User außer den vier Gründern und die Geschichte erreicht nicht den Punkt der Marktreife, wo das Ting tatsächlich auf die Welt losgelassen wird. Aber Schluss mit der Haarspalterei, denn “Das Ting” von Artur Dziuk hat mich mit seiner Geschichte so begeistert, dass ich es Samstagabend begonnen habe und sonntags erst mit dem Lesen aufhören konnte, als ich den Buchdeckel zugeklappt habe. Aber mal von Anfang an: Linus und Adam arbeiteten bereits im Studium am Ting – einer App, die verschiedenste Nutzerdaten erhebt und verwendet, um Empfehlungen zu geben, wie man sich in einer bestimmten Situation entscheiden oder verhalten soll, also bspw. Obst essen, wenn dem Körper Vitamine fehlen, oder einen wichtigen Termin abzusagen. Adam stiehlt Linus’ Idee für seine eigene Masterarbeit, doch Jahre später raufen die Beiden sich wieder zusammen, um das Ting groß zu machen. Fehlen nur noch Coder und Geldgeber und die Sache dürfte in trockenen Tüchern sein. Doch obwohl sie in Niu und Kasper zwei fähige Mitgründer rekrutieren, gibt es noch einige Hürden zu meistern, bevor das Ting auf den Markt gebracht werden kann. Und um zu gewährleisten, dass das Ting keine gesetzeswidrigen oder anderweitig moralisch verwerflichen Empfehlungen ausspricht, testen die Gründer das Optimierungs-Tool zunächst selbst – und halten in einem Zusatzvertrag fest, dass sie jeder Empfehlung Folge leisten werden, egal wie absurd sie auch sein mag. Adam wird so genötigt, einen “alten Köter” auf der Straße zu küssen, und Linus soll nichts weiter als seine langjährige Beziehung beenden.

    Was zu Beginn recht harmlos oder witzig klingt (zumindest für Adams Teil), wird für Linus schnell zum Alptraum: Soll er seine Beziehung wirklich beenden und dem Ting wie vereinbart sein Leben ausliefern oder bricht er den Zusatzvertrag und verliert seine Unternehmensanteile? Und auch Niu und Kasper haben zu kämpfen, zwar nicht mit dem Ting, aber mit ihren eigenen Problemen: Niu hat “vor dem Ting” nach strikten Tagesabläufen gelebt, jeder Tag sah bei ihr gleich aus und mit Menschen umgehen vermied sie, so weit sie das konnte. Kann das Ting ihr helfen, ein “perfekter Mensch” zu werden, ganz treu dem Motto des Start-ups?


    Mensch sein heißt Entscheidungen treffen. Perfekte Entscheidungen treffen heißt, ein perfekter Mensch zu sein. Das Ting macht dich zum perfekten Menschen.


    Kasper hingegen ist nicht in sich und selbsterlegten Strukturen gefangen, sondern in seiner Familie. Sein Großvater gründete einst Strindholm Consulting, das Unternehmen, bei dem sich Linus zu Beginn des Buches bewirbt und für das auch Adam tätig war. Kasper arbeitete bis zur Gründung des Start-ups als Assistent des Geschäftsführers (sein Vater), mit dem Gedanken daran, bald aufzurücken und selbst das Familienunternehmen zu leiten. Doch sein Vater ist noch nicht darüber hinweg, dass Kasper seine letzte Gründung gegen die Wand gefahren hat – und das setzt Kasper zu. Er ist von Anfang an kritisch gegenüber dem Ting eingestellt und ist auch gegen das Genetik-Update, das später verbaut werden soll, damit die User potenzielle Erbkrankheiten frühzeitig behandeln lassen können. Generell sind einige Aspekte des Tings fragwürdig: Zu Beginn des Buchs erhält der Nutzer noch eine Push-Nachricht auf das Handy, sobald das Ting eine neue Empfehlung bereithält, was natürlich ziemlich unpraktisch ist. Mein erster Gedanke wäre ein Armband mit Sensoren, ähnlich der Fitness-Bänder, die es bereits heute gibt. Doch Artur Dziuk treibt seine Zukunftsvision auf die Spitze, indem das Ting eine Komponente erhält, mit der die User die Empfehlungen direkt in ihren Kopf bekommen – quasi als “Bauchgefühl”, das mit der eigenen Stimme einen Gedanken formuliert. Später gehen die Entwickler noch weiter und rücken das Ting in den Hintergrund, indem es nur noch unterbewusst wahrgenommen wird, man also nicht mehr den eigenen Gedanken von einer Empfehlung unterscheiden kann. Das soll das Ganze intuitiver und natürlicher machen. Bis zu den Push-Nachrichten über Gesundheitsupdates war ich noch voll dabei, aber wirkliche Lebenshilfe – und das direkt in meinen Gedanken? Sehr gruselig!

    Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/buecher/rezension/perfekte-entscheidungen-gruselige-technik-dziuks-das-ting

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    Cover des Buches Otto (ISBN: 9783462052572)

    Bewertung zu "Otto" von Dana von Suffrin

    Otto
    killmonotonyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Irgendwie durchwachsen. Da hatte ich mir mehr erhofft.
    "Otto"

              "Otto" von Dana von Suffrin konnte mich mit dem verrückten Cover und der sehr ansprechenden Leseprobe für sich gewinnen. Es geht um Otto, den Familientyrann, der im Krankenhaus liegt, und dessen zwei Töchter, die sich aufopferungsvoll um ihn kümmern, ihr eigenes Privatleben für seine Pflege zurückstecken und für ihn alles stehen und liegen lassen. So weit, so gut. Wir lernen unsere Protagonistin Timne kennen, eine der beiden Töchter, sowie ihr Privatleben - bzw. das, was davon noch übrig ist. Wir lernen ein Stück weit die jüdischen Gepflogenheiten kennen und das ist auch alles interessant. Bis sich Otto dann irgendwann wünscht, dass seine Familiengeschichte niedergeschrieben wird. Von da an verschwindet der eigentliche Roman und es beginnt ein unsortiertes, kurioses Aneinanderreihen von Familiengeschichten und Anekdoten. Ab hier hat mir "Otto" dann auch leider nicht mehr zugesagt. Die Stellen, an denen die Erzählerin wieder ins Jetzt gesprungen ist, haben mir vom zweiten Teil dann noch am besten gefallen; die Art, wie Otto mit seinen Töchtern umspringt, wie er sie mit "schönen Bitten" und lieb gemeinten "Empfehlungen" manipuliert, und die ein oder andere doch ganz amüsante Episode waren kleine Highlights, die das Buch etwas abgerundet haben, aber dennoch einen merkwürdig schalen Nachgeschmack hinterlassen haben. Die Charaktere blieben allesamt ein wenig blass und fad, mit Ausnahme natürlich des Patriarchs dieser verrückten Familie.

    Lieblingszitat: "Das Leben ist so schwer, wenn es aufhört, und so schön, wenn es anfängt."
            

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    Cover des Buches Rainbirds (ISBN: 9783851794236)

    Bewertung zu "Rainbirds" von Clarissa Goenawan

    Rainbirds
    killmonotonyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein poetischer Roman über die Suche nach Wahrheit – wunderschön erzählt und ein absolutes Highlight!
    RAINBIRDS

    Zugegeben, als ich den Klappentext von Clarissa Goenawans “Rainbirds”, das als Liebesgeschichte promoted wird, das erste Mal gelesen habe, dachte ich mir “Klingt ja ganz nett”. Ich bin kein Fan von Liebesgeschichten und dementsprechend groß war die Angst vor einer Enttäuschung, doch als ich neulich dann endlich zu diesem Buch gegriffen habe, konnte ich es kaum aus der Hand legen, so hat es mich berührt und begeistert! Da muss ich doch ein kleines Grüßchen an die liebe Katharina senden, die mir dieses Buch bereits auf der letzjährigen Buchmesse vorgestellt hat. ♥ Was für ein Volltreffer! Doch nun ein paar Worte zum Inhalt: Es geht um den jungen Ren, der nach Akakawa reist – die Stadt, in der seine Schwester Keiko bis zuletzt gelebt hat. Bis sie ermordet wurde. Für ihn bricht eine Welt zusammen, denn seine gutmütige Schwester könnte sich doch niemandem zum Feind machen. Also bemüht er sich, herauszufinden, was genau passiert ist, und lernt dabei Seiten von Keiko kennen, die er so nicht erwartet hätte und die nicht ins Bild von der ehrgeizigen, introvertierten und fürsorglichen Schwester passen…

    Zuerst war noch alles wie gewohnt. Ich telefonierte mit meiner Schwester. […] Sie stellte Frage um Frage, doch in meiner Ungeduld, das Gespräch hinter mich zu bringen, gab ich nur einsilbige Antworten. Aber dann zerfiel sie vor meinen Augen und wurde zu Asche.

    Clarissa Goenawans “Rainbirds” konnte mich direkt mit den ersten Zeilen abholen, sodass ich bis zur letzten Seite an ihren Lippen (bzw. Buchstaben) hing. Ren, der eigentlich nur Keikos Angelegenheiten regeln wollte, verirrt sich immer tiefer in einem Wald aus Geschichten über seine Schwester, die er anscheinend nie wirklich gekannt hat – zumindest nicht mehr, seit sie überstürzt aus dem Elternhaus ausgezogen ist. Während Rens Mutter dies mit einem kalten “Du bist mein einziges Kind” abtut, hält er selbst einen zumindest mehr oder weniger regelmäßigen Telefonkontakt mit Keiko aufrecht. Dass sie nun so plötzlich aus seinem Leben verschwand, kann er nicht verkraften. Angekommen in Akakawa scheinen sich die Zufälle um Ren auch zu häufen und bringen ihn mit einigen Personen zusammen, die seine Schwester kannten. Die Autorin spinnt durch die knapp 370 Seiten einen Faden, der sich immer weiter zuzieht, bis wir uns ein Bild von den tatsächlichen Ereignissen machen können. Der Weg dahin ist glücklicherweise kein klassisches Whodunit (wir befinden uns ja immer noch in einem Roman), aber einige Krimi-Elemente blitzen hier und dort hervor, was “Rainbirds” zu einer kuriosen Genre-Mischung macht. Teils Liebesgeschichte, teils Krimi und teils Thriller, treiben wir als Leser durch den Roman und staunen beim Anblick dieser poetischen Sprache und der kulturellen Elemente, die uns Japan näher bringen, und Grübeln über diese ausgearbeiteten, sehr realistischen Charaktere – wer hätte Keiko Schlechtes wünschen können, wer vermag es, einer so jungen Frau gewaltsam das Leben zu nehmen? Es bleibt bis zum Ende spannend – nicht im konventionellen Sinn, denn Clarissa Goenawan zeichnet eine sehr ruhige, leise Erzählsprache aus, die einen verzaubert und die Seiten sich wie von selbst umblättern.

    Fazit: Wie ihr vielleicht herauslesen konntet, bin ich schwer angetan von diesem Buch und hoffe darauf, sehr bald wieder etwas von ihr lesen zu dürfen. Den Thiele Verlag kannte ich bis zu diesem Roman tatsächlich noch nicht, werde aber nun mit Argusaugen das Herbstprogramm anschauen und bin gespannt, ob ich noch so eine Perle von Literatur entdecken kann. Für jeden, der asiatische Literatur an sich mag, ist “Rainbirds” von Clarissa Goenawan auf jeden Fall zu empfehlen, aber auch Bücherwürmern, die noch keine größeren Berührungspunkte mit Literatur aus Fernost haben, kann ich diesen Roman ans Herz legen.

    Mehr unter: https://killmonotony.de/buecher/rezension/eine-perle-rainbirds-von-clarissa-goenawan

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    Cover des Buches Die Magischen Sechs - Mr Vernons Zauberladen (ISBN: 9783505141881)

    Bewertung zu "Die Magischen Sechs - Mr Vernons Zauberladen" von Neil Patrick Harris

    Die Magischen Sechs - Mr Vernons Zauberladen
    killmonotonyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein bezauberndes Kinderbuchdebüt aus der Feder vom wohl vielseitigsten Mann Hollywoods – toll erzählt und klasse aufgemacht!
    Die Magischen 6

    Bereits im Februar bei der Pressemesse in Frankfurt ist mir dieses hübsch gestaltete Buch von Neil Patrick Harris aufgefallen und konnte mich mit einem sehr sympathischen Klappentext und der Aussicht auf echte Zaubertricks überzeugen, sodass es kurze Zeit später bei mir einziehen durfte. Direkt nach seiner Ankunft habe ich es in einem Rutsch verschlungen, sodass es mir schon ein wenig peinlich ist, dass ich erst jetzt dazu komme, es zu besprechen. Aber wie sagt man so schön? Gut Ding will Weile haben!  Im ersten Band der neuen Kinderbuchreihe “Die Magischen 6” geht es geht also um den jungen Carter, der Reißaus nimmt von seinem betrügerischen Onkel und in die nächstgelegene Stadt, Mineral Wells, flüchtet. Dort trifft er auf einem Jahrmarkt auf sehr dubiose Gestalten, aber auch auf Mr. Vernon – der ein noch größerer Zauberer zu sein scheint als er selbst. Und so lernt er dessen Tochter, Leila, und ihre Freunde kennen. Misstrauisch, wie Carter nun mal leider ist – das Leben bei seinem Onkel hat ihm nicht gut getan – tut er sich zunächst schwer, Vertrauen zu seinen neuen Freunden zu fassen. Doch als er von dem fiesesten Coup der Jahrmarkt-Betrüger erfährt, schmieden er, Leila, Theo, Ridley, Olly und Izzy einen Plan, um den Bösewichten das Handwerk zu legen und ihre gemeinen Machenschaften ans Tageslicht zu bringen.

    Glaubst du an Magie? Hallo, du da! Ja, ich rede mit dir. Und? Glaubst du an Magie? Wenn du dem Jungen aus diesem Buch auch nur ein kleines bisschen ähnelst, ist die Antwort wahrscheinlich Nein. Aber ich versichere dir, es gibt sie. Wirklich. Sie ist überall um uns herum.

    Klingt gut? Liest sich auch gut! Ich bin ja ein riesiger Fan der Bücher von Pseudonymous Bosch (“Der Name dieses Buches ist ein Geheimnis” usw.) und liebe es, wenn Erzähler in Büchern die vierte Wand brechen und sich direkt an den Leser wenden. Gleiches macht auch Neil Patrick Harris. Den Erzähler seiner Geschichte mit seiner besonderen Art zu erzählen und der großen Prise Humor hatte ich die ganze Zeit über als Count Olaf von Lemony Snicket im Kopf.  Harris schafft es nicht nur, auf eine wahnsinnig kurzweilige Art und Weise zu erzählen (was kann dieser Mann eigentlich nicht?), sondern schafft es auch, die ohnehin schon wunderbare Geschichte durch einige Einschübe aufzupeppen, in denen der Leser Zaubertricks lernen kann! Zu allem Überfluss lernen wir auch nicht nur etwas über Zauberei und Illusionen, sondern auch über Chiffren und Codes. Und ja, der Autor bricht mit seinem Erzähler nicht nur die vierte Wand – er packt auch einige Rätsel in sein Buch. So war ich nach der Lektüre noch einige Zeit später noch mit dem Knobeln beschäftigt und “Mr. Vernons Zauberladen” hat mich nicht nur emotional mitgerissen, sondern auch noch meine grauen Zellen in Anspruch genommen.

    Weiterlesen: https://killmonotony.de/buecher/rezension/neil-patrick-harris-die-magischen-6-mr-vernons-zauberladen

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    Cover des Buches Lanny (ISBN: 9783036957937)

    Bewertung zu "Lanny" von Max Porter

    Lanny
    killmonotonyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Genial, sprachgewaltig und ein echtes Must-Read – der zweite Streich des Wortmagiers ist da!
    LANNY

    2018 machte Max Porter mit seinem Debütroman “Trauer ist das Ding mit Federn” ganz schön Furore in meiner Bubble – einigen war der Stil jedoch zu derb, zu zerhackstückelt, für wieder andere (mich eingeschlossen) war Porters dünner Roman ein Feuerwerk, ein frischer Wind in der festgefahrenen Belletristik, die ich um diese Zeit herum gelesen habe. Porters Debüt handelte von den ältesten Themen der Zeit: Liebe und Tod. Nun ist letzten Monat Max Porters neuer Roman “Lanny” erschienen, der erneut ein fulminantes Erzähltempo vorlegt und als wahres Fest zwischen den ganzen Neuerscheinungen heraussticht. Und ebenso wie sein Vorgänger die grundlegenden Themen der Menschheit anspricht. Doch von vorne: Es geht um den titelgebenden Lanny, ein schrulliger, sprachbegabter Junge, der sich ständig im Singsang mit sich selbst und der Natur befindet und furchtlos die höchsten Bäume erklimmt. Lannys Mum, die Krimiautorin ist, kommt die wunderbare Idee, dass Lanny doch bei dem 80-jährigen Pete, dem eigenbrötlerischen Künstler des Dorfs, doch ein paar Stunden Kunstunterricht nehmen könnte. Aus dieser zunächst merkwürdig anmutenden Idee – kam Pete doch in das Dorf, um sich zurückzuziehen – entsteht eine unerwartete Freundschaft zwischen ihm und Lanny. Die beiden sind gut füreinander und Lanny lernt nicht nur das grundlegende Kunsthandwerk, sondern auch einiges über das Leben – Pete hat schließlich bereits einige Jährchen hinter sich. Doch spätestens, als Lanny plötzlich verschwindet, wird gemunkelt, diese Freundschaft wäre unnatürlich; ein vermeintlich Schuldiger ist schnell gefunden.

    Ich denke an mein schlafendes Baby nebenan. Oder vielleicht schläft Lanny gar nicht. Vielleicht tanzt er im Garten mit Elben oder Kobolden. Wir nehmen an, dass er wie jedes normale Kind schläft, aber er ist kein normales Kind, er ist Lanny Greentree, unser kleines Enigma.

    Obwohl “Lanny” sich von Max Porters erstem Roman von der Geschichte her unterscheidet, greift der Autor hier wieder zu bereits bekannten Themen und setzt sie mit seiner bewährten, wunderbaren Schreibtechnik um. Leser werden sich an die Trennung der verschiedenen Perspektiven bzw. Bewusstseinsströme von “Trauer ist das Ding mit Federn” erinnern, an die Erzählstimme eines Kindes und die oftmals explizite Sprache, die abstoßende Dinge beschreibt (»[…] dann schrumpft er, schlitzt sich mit einer rostigen Dosenlasche einen Mund, saugt eine nasse Haut aus saurem Mulch und saftigen Würmern an«). Die elterliche Liebe, der Wunsch, zu beschützen, all das findet sich in “Lanny” wieder. Sogar die Rolle der Krähe, die in Porters Debüt über die Familie wacht, bekommt ihren Auftritt in “Lanny”: als Altvater Schuppenwurz, dem nicht so freundlichen Wald- und Dorfgeist, der unter/über/in “seinem” Dorf alles hört, sieht und schmeckt, was sich dort so abspielt. Altvater Schuppenwurz lässt den Leser all die Gesprächsfetzen des Dorfes hören, das nach außen ganz friedlich wirkt, im Inneren jedoch den üblichen Tratsch und die Hetzereien liefert. Der Bewusstseinsstrom von Schuppenwurz wird im Buch auf eine besondere Art und Weise dargestellt, die beim Durchblättern sofort ins Auge fällt: Die Gedanken- und Sprachfetzen ordnen sich keinem geradlinigen Satz- und Layoutzwang unter, sondern wabern durch den Raum. Im weiteren Verlauf der Geschichte erfahren wir außerdem, dass Altvater Schuppenwurz, der auch als Totpapa Schuppenwurz bezeichnet wird, überall ist und dass es grausige Geschichten gibt von Leuten, die ihn gesehen haben wollen.

    Folge nur brav und bete recht fromm, dass dich Totpapa Schuppenwurz nicht holen kommt.

    Weiterlesen: https://killmonotony.de/buecher/rezension/max-porter-lanny

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    Cover des Buches Die Menschenfabrik (ISBN: 9783455005813)

    Bewertung zu "Die Menschenfabrik" von Oskar Panizza

    Die Menschenfabrik
    killmonotonyvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein absoluter Klassiker, der aktueller ist denn je, im neuen Gewand.
    Die Menschenfabrik

    Bereits 2016 erschien bei Hoffmann & Campe eine äußerst schicke Neuauflage eines echten dystopischen Klassikers: “Die Maschine steht still” von E. M. Forster. Jetzt ist eine weitere Noelle in dieser schicken Aufmachung erschienen und da wurde ich doch direkt neugierig: Oskar Panizzas “Die Menschenfabrik” ist bereits vor knapp 130 Jahren erschienen und widmet sich Künstlicher Intelligenz, der (titelgebenden) Herstellung und Zucht von Menschen und den Schrecken der Technisierung, eingebettet in eine leicht gruselige Geschichte: Unser namenloser Protagonist verläuft sich bei einer Wanderung und sucht Unterschlupf für die Nacht, da es unmerklich doch ein wenig spät geworden ist. Glücklicherweise ist da ein großes Fabrikgebäude, er klingelt und wird prompt von einem “kleinen schwarzen Männchen” in Empfang genommen, das ihm nicht nur Unterschlupf gewährt, sondern ihn auch willig durch die Fabrik führt – bei der es sich seiner Aussage zufolge um eine Menschenfabrik handelt. Unser Protagonist glaubt, er habe sich verhört und überlegt im Geiste, wie das Gesagte verstanden werden könnte. Doch ehe er zu einem Schluss kommt, beginnt die Führung und er kommt aus dem Staunen und Erschrecken gar nicht mehr heraus.

    Da ich nun keinen Grund hatte, anzunehmen, daß in diesem merkwürdigen Haus andere grammatikalische Regeln herrschen als in den übrigen deutschen Landen, so verstand ich unter »Menschenfabrik« eine Fabrik, in der Menschen fabriziert werden.

    Der namenlose Protagonist versteht nicht, wozu in dieser Fabrik Menschen hergestellt werden sollen, werden diese doch täglich “zu Hunderten” kostenlos geboren. Dass es dabei tatsächlich einen logischen, wirtschaftlichen Hintergrund geben könnte, widerstrebt ihm sehr. Und dass gar Menschen verschiedener Hautfarben in der Fabrik hergestellt werden, da diese “jetzt sehr beliebt” sind, empört ihn noch mehr. Unser Protagonist wendet sich in seiner Wut und seinem Zorn dabei oft an den Leser selbst, was ich stilistisch sehr gelungen finde. Auch lässt er sich bei der Führung nicht nur berieseln in Gedanken an einen warmen Platz zum Schlafen, sondern empört sich lautstark über die “Machenschaften”, die in der Fabrik ihren Lauf nehmen.

    Panizzas “Menschenfabrik” wirft dabei verschiedenste Thematiken auf, von Religion über Kapitalismus bis hin zu Kritik am Zeitgeschehen. Besonders die Religion spielt in der Novelle eine wichtige Rolle, denn das “kleine schwarze Männchen”, das zugleich der Direktor der Fabrik ist, backt die Menschen aus Lehm – da ist der Vergleich zur Bibel nicht weit hergeholt. Den so entstandenen Lehmgolems fehlt es an Intelligenz und ihre Daseinsberechtigung liegt nur in der Bespaßung der Menschen, die sie kaufen.

    »Tun Ihre Menschen denken?« — »Nein!«

    Fazit: Diese Novelle ist aktueller denn je, denn Begriffe wie Gewinnmaximierung sind uns natürlich nicht fremd. Auch künstlich erschaffene Lebewesen, wenn auch nicht unbedingt Menschen, sind heutzutage längst möglich – zumindest in der Theorie! Oskar Panizza hat also bereits 1890 ersonnen, wie es einmal sein könnte, in dieser dunklen Zukunft, und dabei unerwartet ins Ziel getroffen. Ein wunderbar zu lesender Klassiker, der toll gealtert ist und in seiner neuen Aufmachung mächtig was hermacht im Regal.

    Mehr unter: https://killmonotony.de/buecher/rezension/oskar-panizza-die-menschenfabrik

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