leselea

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    Cover des Buches Scham9783552059764

    Bewertung zu "Scham" von Inès Bayard

    Scham
    leseleavor 7 Tagen
    Kurzmeinung: Die Folgen einer Vergewaltigung auf dem Seziertisch. Mehr ein Buch fürs Hirn als für den Bauch. Dennoch lesenswert!
    Der Anfang vom Ende

    Es beginnt mit dem Ende. Ein Abend in einer Pariser Wohnung. Der Tisch ist gedeckt. Vater, Mutter, Kind sitzen zusammen, essen. Es ist ihr letztes Mahl. Denn Marie, die Mutter, hat Gift unter das Essen gemischt. Sie tut endlich das, was sie seit Thomas Geburt, nein schon vorher, tun wollte: Ihr Kind töten. Und da die Schlinge aus Lügen, Wut und Verzweiflung immer enger wird, beschließt sie, auch sich und ihren Mann vom Leid zu befreien. Wie konnte es zu dieser Tat kommen? Von den Gründen dieses erweiterten Suizid erzählt Inès Bayard in ihrem Roman Scham – beziehungsweise von dem Grund. Denn Marie kann den Zeitpunkt genau ausmachen, an dem ihr Leben seinen Halt und sie das Glück, das sie bis dahin gepachtet schien, verlor: Es war der Moment, in dem ihr Chef sie brutal in seinem Auto vergewaltigte.

    Ein schwieriges und relevantes Thema macht sich Bayard in ihrem Erstlingswerk zu Eigen und konstruiert darum eine erschütternde und oftmals brutale Geschichte, die das Trauma einer Vergewaltigung in all seiner Schrecklichkeit offenbart. Dabei geht sie, durchaus sehr Französisch vor: Sie legt die Folgen der Vergewaltigung auf den Seziertisch, beschreibt Maries Verhalten Stunden danach, Tage danach, Monate danach. Sie zeigt auf, wie alle Entscheidungen und Gemütsregungen ihrer Protagonistin auf diesen einen Moment zurückgeführt können, wie er nicht nur ihr Leben, sondern auch sie selbst grundlegend verändert hat. Bayard hat dabei keine Angst vor klaren Worten und drastischen Szenen: In Scham schmerzt Maries Vagina, fühlt sie sich beim Sex mit dem Ehemann wie erneut vergewaltigt, ekelt sie sich vor dem Penis ihres Sohnes, in dem sie einen zukünftigen potentiellen Täter sieht.

    Bayards Schilderungen sind eindringlich, durch die analytische Herangehensweise trotz aller Heftigkeit aber auch sehr distanziert, bisweilen sogar kühl. Scham ist für mich ein Buch, das trotz seiner explosiven Thematik, aufgrund der Schreibweise mehr den Kopf als den Bauch anspricht. Die Auseinandersetzung mit den Themen Vergewaltigung und sexuelle Gewalt findet primär auf einer intellektuellen Ebene statt – auch weil die Autorin den Roman im Laufe der knapp 220 Seiten auch um weitere feministische Debatten erweitert wie weibliche Sexualität und Mutterschaft. Überraschenderweise war mir Scham manchmal zu feministisch – und das, obwohl ich Bayards Überlegungen für treffend halte und es begrüße, ja sogar befürworte dass die oben genannten Themenkomplexe verstärkt literarisch bearbeitet werden.

    Man muss sich auf Bayards Stil einlassen und dafür braucht es – obwohl das Buch so schmal ist – doch etwas Zeit. Die Protagonistin bleibt einem fremd und irgendwie unsympathisch (überhaupt mag man kaum eine Figur in diesem Buch), ihr Verhalten häufig unerklärlich, obwohl dieser Roman sich doch um Erklärung bemüht. Und doch, gerade auf diese Weise legt Bayard den Finger an eine schmerzende Wunde: Das Opfer muss einem nicht sympathisch sein, ihr Verhalten nicht rational! Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Nicht-Vergewaltigten ist es zu unterstützen und die Tat restlos zu verteufeln! Gewalt ist Gewalt, Missbrauch ist Missbrauch, nichts kann einen Übergriff relativieren oder verständlich machen! Auch das Nicht-Sehen(-Wollen) von Maries Umfeld sollte uns eine Lehre sein: Blenden wir nicht alle die Möglichkeit aus, dass eine Vergewaltigung einem Familienmitglied oder einem guten Freund/einer guten Freundin passieren könnte? Passiert „so etwas“ nicht immer den anderen? Wir müssen als Gesellschaft insgesamt wachsamer sein, uns mehr um unsere Mitmenschen kümmern!

    Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass Scham Hirn und Herz gleichermaßen erreicht, halte ich den Roman – trotz kleiner Schwächen – insgesamt für gelungen und lesenswert. Wir brauchen mehr Bücher wie dieses, das unverhüllt von der Brutalität und den Schmerzen einer Vergewaltigung erzählt und von den Narben, die sie zurücklässt. 4 Sterne und eine Leseempfehlung!

     

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    Cover des Buches Ein komplizierter Akt der Liebe9783455006759

    Bewertung zu "Ein komplizierter Akt der Liebe" von Miriam Toews

    Ein komplizierter Akt der Liebe
    leseleavor 18 Tagen
    Kurzmeinung: Eine Geschichte von tiefer Traurigkeit und Verzweiflung, die zugleich nie die Hoffnung und den Humor verliert. Liebe ist eben kompliziert!
    "Ich träume davon, in die echte Welt zu flüchten." (S. 13)

    Die 16-jährige Nomi wächst als Mennonitin in einer kanadischen Kleinstadt auf. Der Alltag besteht aus Kirche und Arbeit, moderne Errungenschaften werden misstrauisch beäugt, wenn nicht gar ganz vermieden. Das Leben gilt der Gemeinschaft als etwas, was es durchzustehen gilt, bis der Tod die Erlösung in Form des paradiesischen Jenseits bringt. Nomis Schwester Tash hat diese eingeengte und einengende Welt nicht ertragen und schon vor Monaten die Stadt verlassen; Nomis Mutter Trudie verschwand kurz darauf. Nomi bleibt mit ihrem Vater Ray und einem Haufen Zweifel zurück: Sie sehnt sich nach Freiheit, Lebensfreude, einem aufregenden Leben in New York, gleichzeitig kann und will sie ihren Vater nicht allein lassen. Nomi beginnt, die Grenzen zu dehnen, nimmt Drogen, schwänzt die Schule, hat Sex, hinterfragt. Doch mit jedem Tag wird deutlicher, dass ein selbstbestimmtes Leben nur jenseits der Grenzen des East Village warten…

    Ich will einfach sein, wie ich bin, ich will einfach was machen, ohne zu überlegen, ob das jetzt Sünde ist oder nicht. Ich will frei sein. Ich will wissen, wie es ist, wenn einem ein anderer Mensch verzeiht […], statt mein Leben lang ängstlich überlegen zu müssen, ob ich als Mensch okay bin oder nicht, es aber erst zu erfahren, wenn ich tot bin. Ich will Güte und Menschlichkeit außerhalb eines religiösen Kontextes erleben. (S. 64f.)

    Auf die neue Taschenbuchausgabe von Miriam Toews Ein komplizierter Akt der Liebe bin ich Anfang des Jahres zufällig beim Stöbern in der Buchhandlung gestoßen. Der Roman hat mich aufgrund seiner thematischen Ausrichtung und seines humorvollen Erzähltons direkt angesprochen; zudem erinnerte er mich stark an Jeanette Wintersons Orangen sind nicht die einzige Frucht, das zu meinen Lesehighlights 2020 gehört. Und tatsächlich haben beide Bücher viele Gemeinsamkeiten, was sicherlich auch daran liegt, dass beide Autorinnen verstärkt autobiografische Elemente in ihre Geschichten einbinden.

    Ein komplizierter Akt der Liebe erzählt vom Aufwachsen in einer strengreligiösen Gemeinde und dem Abnabelungsprozess der jungen Protagonistin, der mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt und durch den Bruch ihrer Schwester und ihrer Mutter mit der Bewegung an Dynamik gewinnt. Die Erzählung, die kaum stringent ist und primär aus der Aneinanderreihung von Alltagsszenen in der Gegenwart und Erinnerungsschnipseln aus Nomis Kindheit besteht, pendelt zwischen Schilderungen des mennonitischen Lebensstils und Nomis Bemühungen, die Grenzen eben jenes Stück für Stück zu erweitern. Dabei bleibt die Geschichte jedoch immer „im Moment“ und damit sehr introspektiv: Die Strukturen, Glaubenssätze und Rituale der Mennoniten werden nur indirekt durch Nomis vereinzelte Erklärungen erfahrbar; gleichzeitig sind ihre Ausbruchsversuche spontane, gefühlsgeleitete Handlungen, denen kein konkretes Ereignis vorangehen muss. Ein komplizierter Akt der Liebe ist kein Buch, das über die Mennoniten aufklären oder gar mit ihnen abrechnen will, sondern sollte eher als literarische Auseinandersetzung mit dem eigenen religiösen Hintergrund verstanden werden.

    Dazu passt auch der Erzählton, den Toews in ihrem Roman installiert. Nomi ist trotz allem eine typische Teenagerin, ihre Stimme strotzt somit vor Rotzigkeit und Ironie. Sie nimmt wenig ernst und gleichzeitig alles viel zu sehr und mit eben dieser Haltung führt sie den Leser durch ihr Leben – oder eben durch die Impressionen, die ihr Leben in ihrem Kopf ungeordnet hinterlässt. Zugleich wohnt der Geschichte ein unheimlich große Traurigkeit und Einsamkeit inne, die man als Leser jedoch erst mit der Zeit zwischen den Zeilen entdeckt. Nomi flüchtet sich ins Abstruse und Lächerliche, um den Schmerz, den sie durch den Verlust ihrer Mutter und Schwester erfahren hat, nicht zu spüren; auch die Zerrissenheit zwischen ihren eigenen Lebensvorstellung und der Treue und Liebe, die sie ihrem Vater gegenüber empfindet, gärt nur unterschwellig. Nomi stellt sich ihren Gefühlen nicht, bis es nicht mehr anders geht – und findet dann so etwas wie Hoffnung!

    Dem Roman fehlt es ein wenig an einem roten Fanden bzw. an einem deutlich erkennbaren Entwicklungsstrang, was die Lust, zum Buch zu greifen, manchmal schmälert. Beginnt man dann jedoch wieder mit der Lektüre, zieht es einen schnell in diese merkwürdige Kleinstadt hinein. Die Sympathie für die Protagonistin ist über die knapp 300 Seiten ungebrochen und die bittersüße Atmosphäre weiß zu berühren – wenn auch eher unterschwellig. Für mich daher insgesamt ein gelungener Roman, dem ich 4 Sterne vergebe.

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    Cover des Buches Kann denn Liebe Syntax sein?9783947106325

    Bewertung zu "Kann denn Liebe Syntax sein?" von Philipp Scharrenberg

    Kann denn Liebe Syntax sein?
    leseleavor einem Monat
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    Cover des Buches Schutzzone9783518428825

    Bewertung zu "Schutzzone" von Nora Bossong

    Schutzzone
    leseleavor einem Monat
    Kurzmeinung: Interessante Gedanken über Verantwortung und Wahrheitsfindung, die jedoch in einem sperrigen Wortschwall untergehen.
    „In der Welt verloren gegangen.“ (S. 27)

    Das trifft nicht nur auf die Protagonistin von Nora Bossongs Roman Schutzzone zu, sondern leider – so muss man nach der Lektüre der knapp 330 Seiten feststellen – auf das gesamte Buch. Was sollte mir hier eigentlich erzählt werden?

    Aber von Beginn an: Die Hauptfigur Mira arbeitet in Genf für das Büro der Vereinten Nationen. Sie ist für die Verhandlungen im Zypernkonflikt zuständig, die Leute sagen ihr nach, dass sie Menschen zum Reden bringen kann. Durch Rückblenden erfahren wir, dass Mira ihre Karriere in der UN in New York begonnen hat und sie zuletzt in Burundi aktiv war, wo sie für die Aufarbeitung des Völkermordes und die Bildung einer Wahrheitskommission verantwortlich war. In Genf trifft sie Milan wieder, einen Bekannten aus Kindheitstagen, mit dem sie eine Affäre beginnt, die, wie sie von Anfang an weiß, nicht gut enden kann. So weit der Plot, so gut. Nora Bossong gliedert ihren Text in Blöcke, die unter den essentiellen Begriffen „Frieden“, „Wahrheit“, „Gerechtigkeit“, „Versöhnung“ und „Übergang“ zusammengefasst werden – Begriffe, die auch in Miras Arbeit eine zentrale Bedeutung spielen und gleichzeitig der Ausgangspunk für neue Konflikte sind, ohne dass die alten gelöst wurden.

    Tatsächlich finden sich zu diesem Spannungsverhältnis viele gute Sätze in Schutzzone. Die Rolle der UN wird durchaus kritisch hinterfragt, gleichzeitig wird deutlich, dass es keine Alternative zu ihr gibt. Spannend ist auch Bossongs Fokus auf die Entwicklung der Mitarbeiter: Jeder ist im Grunde seines Herzens ein Idealist und Weltverbesserer und muss sich mit seiner Funktion als kleines Rädchen im großen Getriebe der Welt zurechtfinden. Über die Jahre führt dies zu zweifelhaften Charakterzügen wie rigorose Selbstüberschätzung, depressive Resignation oder menschenfeindliche Gleichgültigkeit. Sicherlich überspitzt, doch Bossong trifft damit einen wahren Kern und weiß mit ihren bissigen Kommentaren durchaus zu unterhalten.

    Man könnte also sagen, Schutzzone hat alles, was ein vielversprechender Roman braucht: eine politische Thematik, an der große moralische und ethische Fragen verhandelt werden können, einen scharfen Blick auf Figuren und das Umfeld, in dem sie agieren und eine elaborierte Sprache. Doch gerade letztere ist – und ich kann selber nicht glauben, dass ich das schreibe – die große Krux des Romans! Hier ist leider alles zu sperrig, zu assoziativ und zu entrückt; die Dialoge zu bedeutungsschwanger, die Gedankenströme der Protagonistin zu pseudophilosophisch. Das ganze inhaltliche Potential geht in einem einzigen Wortschwall unter, sodass man den Kern der Geschichte nicht erfassen kann.

    Im deutschen Feuilleton wird eine solche Schreibweise ja häufig als kunstvoll und virtuos empfunden, hinter schwammigen Andeutungen lauert dann die ganz große Wahrheit, die nur für Eingeweihte zu entdecken ist. Vermutlich gehören die Jurymitglieder des Deutschen Buchpreises zu diesem illustren Kreis und konnte den Roman daher guten Gewissens 2019 auf die Longlist setzen. Der gemeine Leser bleibt hier leider außen vor und kann nichts anderes tun, als sich diesen Roman zu quälen, der von Seite zu Seite zäher und wirrer ist und mit einer enorm unmotivierten und störenden Liebesgeschichte (die ich hier dezidiert noch negativ hervorheben muss) aufwartet. Da können alle noch so interessanten Gedanken über Verantwortung und Wahrheitsfindung den Gesamteindruck nicht mehr retten. 2 Sterne und keine Leseempfehlung!

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    Cover des Buches Power9783832183691

    Bewertung zu "Power" von Verena Güntner

    Power
    leseleavor einem Monat
    Kurzmeinung: Radikal anders, bis zum Schluss weiß man nicht, was man hier gelesen hat. Eine Parabel? Eine Utopie? Eigentlich unbewertbar.
    Die Verwandlung

    Es gibt Bücher, deren Geschichten oberflächlich gesehen leicht zusammenzufassen zu sind: Ein Hund verschwindet. Ein Mädchen will helfen. Es sucht den Hund. Es sind Sommerferien. Die anderen Kinder helfen dem Mädchen bei der Suche. Die Kinder ziehen in den Wald. Sie schließen sich zu einem Rudel zusammen. Sie wollen nicht mehr zu ihren Familien zurück. Die Dorfgemeinschaft ist verzweifelt. Meistens sind es aber gerade diese Bücher, deren Inhalt besonders schwer zu fassen ist. So ist es auch der Fall bei Verena Güntners Roman Power: Denn wie soll man es deuten, wenn eine Horde Kinder, angeführt von der elfjährigen radikalen Kerzen, auf der Suche nach dem Nachbarshund Power im Wald ein surreales Trainingscamp eröffnen, um zu bellen, zu hecheln und auf allen vieren zu kriechen? Was bedeutet es, dass die Eltern dieser Kinder erst untätig, dann ohnmächtig vor dieser beinahe kafkaesken Verwandlung stehen, die die dörfliche Struktur schließlich erodieren lässt?

    Eine Antwort darauf liefert das Buch nicht, was nur einer der vielen Gründe ist, warum Power wohl keine breite Leserschaft ansprechen oder gar begeistern wird. Güntners Roman ist extrem anders: archaisch, surreal, abgedreht, verstörend. Er bedient sich bekannter Motive (Kerze mimt die Rattenfängerin im Dorf an der ehemaligen innerdeutschen Grenzte, das Verhalten der Kinder im Wald erinnert dunkel an Goldings Herr der Fliegen), spricht indirekt Themen wie Radikalisierung und Dominanz, aber auch Missbrauch, Vernachlässigung und Psychoterror an, führt das Erzählte aber nicht zu einem stringenten Ganzen zusammen. Power wirft als intelligent gemachte Parabel Fragen zu Grundsätzen des gemeinschaftlichen Miteinanders auf, lässt den Leser aber ohne eine Moral allein zurück. Die von Kerze geschaffene Gegenwelt im Wald erscheint als utopischer Gegenentwurf zur modernen Gegenwart, ist aufgrund des Konformismus und des Führerkults jedoch nicht frei von Gewalt.

    Obwohl inhaltlich kaum zu fassen, lässt sich der Roman erstaunlich leicht lesen. Die Sprache ist nüchtern und reduziert, der fast kontinuierliche Gebrauch des Präsens verankert die Geschichte fest in der Gegenwart – und auch stückweise in der Realität. Das Verhalten der Kinder, auch wenn nicht näher erklärt, erscheint plausibel, die Reaktion der Eltern wird vom Leser unhinterfragt hingenommen. Die Stimmung des Romans, irgendwo zwischen traumwandlerisch und bedrohlich angesiedelt, überträgt sich überraschenderweise sehr schnell auf den Leser, ohne dass die Geschichte einem dadurch klarer wird. Power scheint mehr ein Buch, das gefühlt, als verstanden wird, dieser Leseansatz führt aber auch nicht zu einem befriedigenderen Leseerlebnis.

    Was bleibt nun von Power und dieser Rezension? Das Buch ist in gewisser Hinsicht für mich unbewertbar. Wirklich gefallen hat es mir nicht, ob ich etwas daraus mitgenommen habe, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt immer noch nicht sagen. Gleichzeitig kann ich nicht leugnen, dass mich der Roman extrem neugierig auf die Gedankenwelt der Autorin gemacht hat und sich ein Teil von mir weitere ungewöhnliche Bücher wie dieses wünscht, die sich trauen „out of the box“ zu denken. Ich merke, dass Power in mir immer noch arbeitet und auf etwas hinzeigt, ohne dass ich es genau benennen kann. Wer auf spezielle und andersartige Romane steht und damit leben kann, dass eine Geschichte mehr Fragen aufwirft, als Antworten zu liefern, der kann bei Power getrost zugreifen. Allen anderen rate ich jedoch: Hände weg!

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    Cover des Buches Der Bonbonpalast9783036959771

    Bewertung zu "Der Bonbonpalast" von Elif Shafak

    Der Bonbonpalast
    leseleavor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Kaleidoskop von Stimmen und Schicksalen! Atmosphärische Geschichte über Istanbul, die nett dahinplätschert.
    Geschichten aus Istanbul

    Napoleon sagte eins: „Wenn es auf der Welt nur ein Land gäbe, dann wäre die Hauptstadt Istanbul.“ Nach der Lektüre von Elif Shafaks Roman Der Bonbonpalast fühlt man genau, was Napoleon mit diesem Satz ausdrücken wollte: Istanbul vereint als Melting Pot verschiedene Kulturen, Religionen und Lebensauffassungen – und vor allem die unterschiedlichsten Schicksale. „Sie suchten in Istanbul Zuflucht, bis die Stadt sie in die Flucht schlug“ (S. 68), schreibt Shafak und spricht damit von all den Menschen, die seit Jahrhunderten aufgrund der Liebe, der Familie, der Hoffnung auf einen Neuanfang, der Angst vor der Vergangenheit, der eigenen Wurzeln oder der Möglichkeit, sich in der anonymen Masse neu zu erfinden, in die Stadt drängen. Doch Istanbul ist mehr als eine gewöhnliche Stadt, sie wird die natürliche Protagonistin im Leben es jeden Einwohner. Die Stadt gibt sich großzügig, aber auch unbarmherzig; sie fordert viel und schenkt dafür Lebendigkeit. Kaum einer scheint in der Metropole glücklich sein, doch ein jeder weiß, dass er in keiner anderen Stadt leben wollte.

    So geht es auch den Bewohnern des titelgebenden Bonbonpalastes deren Leben Elif Shafak auf über 570 Seiten genau unter die Lupe nimmt. In wechselnden Kapiteln, die je einen Haushalt des Mehrfamilienhauses in den Mittelpunkt rücken, treten eine abergläubische Hausmeistergattin, ein ungleiches Zwillingspaar, ein junger Nihilist, ein geschiedener Alkoholiker, eine russische Wissenschaftlerin und noch viele weitere Figuren – allesamt schwankend zwischen originellem Typ und kauzigem Vogel – auf und lassen den Leser teilhaben am Alltag in Istanbul. Dabei entwickelt sich zwar über die Seiten ein Muster heraus, an dem sich die einzelnen Passagen orientieren, jedoch keine zusammenhängende Geschichte. Der Bonbonpalast bleibt bis zum Schluss ein Episodenroman und trägt starke Züge einer Kurzgeschichtensammlung.

    Die einzelnen Kapitel lassen sich dabei ohne Zweifel angenehm und leicht lesen, sie sprühen vor Witz, Ironie und dem ein oder anderen Seitenhieb auf die türkische Mentalität im Allgemeinen und die istanbuler im Speziellen. Zudem weiß Elif Shafak atmosphärisch zu schreiben: Ihr Text ist – wie auch in all ihren anderen Romanen – mit starken Bildern angereichert, üppig und sattmachend, als würde man sich bei türkischem Tee und Baklava wiederfinden. Doch der gewählte Aufbau wartet mit Schwierigkeiten auf, die man auch aus anderen Romanen mit ähnlicher Struktur kennt: Man entwickelt keine Beziehung zu den einzelnen Protagonisten, die einzelnen Geschichten werden so stark zerstückelt, dass die Spannungskurve flach bleibt. Somit bietet Der Bonbonpalast zwar eine nette Story und interessante Idee, kommt über diese beiden aussagelosen Labels aber nicht hinaus. Es bleibt bei einem durchschnittlichen Leseerlebnis, das nicht schmerzt, das jedoch nicht mehr vermittelt als ein paar nette Eindrücke.

    Ich persönlich fand die Lektüre vor allem im Hinblick auf einen Vergleich mit den anderen Büchern Shafaks spannend. Der Bonbonpalast erschien im Original bereits 2002 und damit deutlich vor Werken wie Der Bastard von Istanbul (2006) und Ehre (2012), durch die die Autorin international bekannt wurde. In diesem früheren Werk ist sie überraschenderweise formal anspruchsvoller, dafür inhaltlich zahmer bzw. indirekter. Kritik am Religionswahn, der türkischen Politik oder gesellschaftlichen Konventionen sind zwar zwischen den Zeilen herauszulesen, nehmen aber hier nicht den Raum ein, die Shafak ihnen später in anderen Büchern ermöglicht. Wer sich aber für die Autorin interessiert und neugierig auf ihr Gesamtwerk ist, der sollte das Buch der Vollständigkeit halber unbedingt lesen. Für alle Shafak-Neulinge empfehle ich hingegen eines der späteren Werke.

     

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    Cover des Buches Biedermann und die Brandstifter9783518390450

    Bewertung zu "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch

    Biedermann und die Brandstifter
    leseleavor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Zeitloses Werk darüber, wie die Menschheit aus Bequemlichkeit und Feigheit sehenden Auges ins Verderben rennt.
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    Cover des Buches Homo faber9783518368541

    Bewertung zu "Homo faber" von Max Frisch

    Homo faber
    leseleavor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Walter Faber als Symbolfigur des modernen zerrissenen Menschen in all seiner Widersprüchlichkeit. Sprachlich leicht, formal bestechend.
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    Cover des Buches Die Bagage9783446265622

    Bewertung zu "Die Bagage" von Monika Helfer

    Die Bagage
    leseleavor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Literarische Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte. Sehr persönlich, vermutlich zu sehr, um mich als Außenstehende zu begeistern.
    Nachforschungen

    Ein schmales Büchlein von nur 160 Seiten, die sich schnell lesen lassen und deren Inhalt ebenso rasch zusammengefasst werden kann: Monika Helfer verarbeitet in ihrem Roman Die Bagage ihre eigene Familiengeschichte und konzentriert sich dabei hauptsächlich auf das Schicksal ihrer Großmutter, Maria Moosbrugger. Diese galt zur Lebzeiten als wunderschöne Frau, was sie in der dörflichen Gemeinschaft – in der sie zudem aufgrund der Armut ihrer Familie als Außenseiterin galt – verdächtig machte. Als ihr Mann Josef in den Ersten Weltkrieg zieht und Maria schwanger wird, verbreitet sich schnell das Gerücht von einem unehelichen Kind und sickert auch in das eigene Familienleben ein: Niemals wird Josef mit dem Kind – das zur Mutter der Erzählerin respektive der Autorin heranwächst – ein Wort reden oder es ansehen. Zugleich leiden Maria und ihre Kinder während des Krieges an Hunger, den zunehmenden kargen Lebensumständen und der Bedrängnis durch den Bürgermeister. Helfer forscht dieser überhaupt nicht guten alten Zeit literarisch nach und zeichnet schlaglichtartig ihre Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen.

    Die Bagage ist eins dieser Bücher, die ich zwar rational verstehen kann, mich emotional aber nicht erreichen. Ich weiß, was die Autorin mir hier erzählen will  und warum sie denkt, dass die Geschichte ihrer Familie eine Geschichte sein könnte, die von allgemeinem Interesse ist: Frauen, die aufgrund ihres Aussehens vorverurteilt werden und für schuldig erachtet werden; intelligente und fleißige Kinder, die aufgrund ihres sozialen Background immer hinter ihren Möglichkeiten bleiben werden; Familientraumata, die an alle nachfolgenden Jahrgänge weitergegeben werden, solange sich keiner traut, das Schweigen zu brechen – eine zeitlose und allgemeingültige Erzählung, bei der man beinahe vergessen kann, dass sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt. Ich meine auch, zu durchschauen, warum sie diese Geschichte so schreibt wie sie schreibt: lakonisch, verkappt, dennoch unheimlich gespreizt, mit einer markierten Syntax und einem unnötigen in die Länge ziehen kurzer Sätze. Die Suche nach den richtigen Worten für Erinnerungen, die nicht die ihren sind, für Erzählschnipsel, die sie von Verwandten aufgeschnappt hat, für die Rekonstruktion einer wahren Begebenheit, die sie als Enkelin, als dritte Generation, doch nur imaginieren kann.

    Literarisch ist Die Bagage also durchaus gekonnt, doch jenseits der Feststellung, dass die Autorin ihr Handwerk beherrscht, verfängt das Buch bei mir nicht. Monika Helfer mag es helfen, ihre Familienchronik auf diese Weise zu erzählen und ich mag ihr dieses Gefühl nicht absprechen – allein: Hätte sie veröffentlicht werden müssen? Das Leben von Maria mag tragische Momente gehabt haben, aber lassen sich diese nicht bei fast allen Menschen dieser Zeit finden? Haben wir nicht alle diesen Großvater, diese Großtante in der Familie, denen, wären sie zu einer anderen Zeit geboren, ein anderes Leben hätte offenstehen können? Mir fällt allein in meiner Familie spontan eine Handvoll ein. Vielleicht ist es dieses Gefühl, das einen Großteil der Leserschaft so begeistert, das Gefühl, dass in Die Bagage auf indirekte Weise auch die eigene Familiengeschichte literarisch festgehalten wird. Auch das mag ich niemandem absprechen – ich persönliche brauche diesen Roman aber nicht, um mir der blinden Flecken in meinem Stammbaum bewusst zu werden. So ist dieses Buch für mich ein sehr persönliches, mit dem ich als Außenstehende aber nur wenig anfangen kann – so wie es wohl auch Monika Helfer mit den Schicksalen meiner Familienmitglieder gehen würde. Mehr als ein „Hach ja, war das schlimm“ und ein „Was für ein netter Gedanke“ löste diese doch irgendwie belanglose Geschichte bei mir emotional leider nicht aus. Dass es anderen Lesern anders ergeht und das Feuilleton Monika Helfers Schreibe bejubelt, kann ich guten Mutes anerkennen.

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    Cover des Buches Das Paradies meines Nachbarn9783442758692

    Bewertung zu "Das Paradies meines Nachbarn" von Nava Ebrahimi

    Das Paradies meines Nachbarn
    leseleavor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Buch mit viel Potential, das jedoch mehr Seiten gebraucht hätte. Angenehm zu lesen, aber nicht vollends überzeugend. 3,5 Sterne.
    Simulierte Existenz

    Wenn ich ehrlich bin, hatte ich nach Lesen des Klappentextes und aufgrund des Titels mit einem Roman gerechnet, der die klassische Migrationsgeschichte vom Leben mit und zwischen zwei Kulturen erzählt – ähnlich wie es die Autorin Nava Ebrahimi schon in ihrem Erstling Sechzehn Wörter getan hat, wobei ich auch schon diesen Roman nicht als Standard empfunden habe. Umso überraschter war ich jedoch vom Setting und von den Figurenzeichnungen, die Nava Ebrahimi in ihrem zweiten Werk Das Paradies meines Nachbarn bemüht: Ali Najjar kam als ehemaliger iranischer Kindersoldat mit 14 Jahren nach Deutschland und hat sich seitdem als Produktdesigner einen Namen gemacht. Seine Welt besteht auf Formen und Flächen, aus Meetings und langen Tagen im Büro. Die Vergangenheit hat er hinter sich gelassen, bis sie eines Tages durch Ali-Reza wieder über ihn hineinbricht: Dieser verlangt ihn in Dubai zu treffen, um ihm einen Brief seiner verstorbenen Mutter übergeben zu können. In Begleitung seines Mitarbeiters Sina Khosbin macht er sich auf den Weg in die Vereinigten Arabischen Emirate: Dieser leidet sowohl an einer beruflichen als auch privaten Sinnkrise und lässt sich nur zu willig zu Ali Najjars Handlanger machen. Denn der knallharte Designchef hegt nicht die Absicht, sich das Bild, das er von sich selber erschaffen hat, durch den Schützling seiner Mutter zerstören zu lassen.

    Wer nun also, wie ich zu Beginn, die Geschichte einer Identitätskrise mit der richtigen Dosis Orientflair erwartet hat, wird bereits nach den ersten Seiten eines besseren belehrt: Nava Ebrahimi skizziert eine oberflächliche und kühle Hipsterwelt aus Glas und Metall, in der nur erfolgreich sein kann, wer wie Ali Najjar radikal denkt und bisweilen gewissenlos handelt; auch Dubai erscheint als seelenlose, sich selbst bewundernde, dabei aber ihre Wurzeln völlig vergessene Stadt, die entsprechende Menschen anlockt, jenseits der Wüstenhitze aber nichts Warmes zu bieten hat. Die Frage nach der eigenen Identität spielt zwar eine entscheidende Rolle, wird von der Autorin aber weitgehend losgelöst vom kulturellen Kontext verhandelt: Vielmehr geht es um die Geschichten, die die Figuren sich über sich selber erzählen und dadurch die Rolle in ihrem eigenen Leben festlegen – als Opfer, als Täter, als Chancenloser; als Kämpfer, als Unterdrückter, als Getriebener. Es geht zudem um die Dimensionen von Schuld und das Handlungspotential des Einzelnen, ohne dass die Autorin auf die Fragen, die sie in diesem Zusammenhang aufwirft, eindeutige Antworten gibt. Das Paradies meines Nachbarn ist ein Buch, das sich unbestimmt liest, und das, obwohl Nava Ebrahimi eine klare und eindeutige Sprache verwendet.

    Das mag so zusammengefasst nicht ansprechend wirken und doch ist die Lektüre genau das: Das Buch lässt sich angenehm lesen, die doch spezielle Atmosphäre unterhält ausgesprochen gut und die einzelnen Figuren sind spannend gezeichnet. Gefallen hat mir auch der stete Perspektivwechsel und vor allen Ebrahimis Hang dazu, Ali Najjar regelmäßig in Monologe ausbrechen zu lassen, die den anderen nicht mehr zu Wort kommen lassen: Gerade in diesen Momenten wird das Buch kritisch, emotional und wirft Gedanken auf, deren tiefere Diskussion sich lohnen würde. Leider hakt die Geschichte genau daran: Mit seinen circa 220 Seiten ist das Buch nicht nur vom Format her dünn, sondern auch vom Inhalt. Hier in mehr Seiten zu investieren, hätte wahrlich gelohnt – um den Figuren noch mehr Format zu geben (vor allem der Figur Sina), um die Handlung besser zu motivieren (auch hier erweist sich Sinas Handeln wieder als Schwachpunkt), um die Wucht, die der potentiell innewohnt, Raum zu geben, sich zu entfalten und den Leser mitzureißen. So bleibt Das Paradies meines Nachbarn leider zu sehr an der Oberfläche.

    Insgesamt ist Das Paradies meines Nachbarn ein Buch, das ich wirklich gerne gelesen habe und das durchaus ansprechend ist, über dessen Schwächen ich aber leider nicht hinwegsehen kann. Für mich bleibt Nava Ebrahimi zu sehr hinter ihren Möglichkeiten zurück – wie auch schon im Debüt. Dabei merkt man beim Lesen immer wieder, dass die Autorin interessante Geschichten zu erzählen hat und vor allem weiß, eine atmosphärisch stimmige Story zu erzählen; dagegen fehlt es der eigentlichen Handlung hingegen an einer runden Konzeption. Ich hoffe, dass der nächste Roman der Autorin endlich der ist, den ich ihr aufgrund ihres Talents durchaus zutraue: ein großer literarischer Wurf! 3,5 Sterne

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    Germanistin, Pendlerin, Netflixjunkie, Immerhungrige, Kaffeesüchtige, Kängurufan und Bücherliebhaberin; Bestes Buch im Juni 2020: Miriam Toews - Ein komplizierter Akt der Liebe
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