letusreadsomebooks

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    Cover des Buches Das neunte Haus (ISBN: 9783426227176)

    Bewertung zu "Das neunte Haus" von Leigh Bardugo

    Das neunte Haus
    letusreadsomebooksvor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Spannend und atmosphärisch dicht, leider stellenweise ein bisschen zu viel des Guten.
    Atmosphärischer Roman mit kleinen Schwächen

    Galaxy Stern, kurz Alex, wurde an der Universität von Yale aufgenommen – weil sie Geister sehen kann. Sie wird dem Neunten Haus, Lethe, zugewiesen, welches als Vermittler zwischen den acht alten Häusern dient und deren magische Aktivitäten sowie Rituale überwacht. Was für Alex Jahre lang ein Fluch war, wird nun zu Lethes Segen, da sie die Bedrohungen als einzige Person jederzeit sehen kann. Gemeinsam mit ihrem Mentor Darlington liegt es an Alex, die „Grauen“, also die Geister, von Ritualen fernzuhalten und einen Machtmissbrauch der Studenenverbindungen zu verhindern. Als eines Tages jedoch die Leiche einer jungen Frau auf dem Campus entdeckt wird, befürchtet Alex, dass die anderen Häuser involviert sein könnten.

    Ich liebe gut geschriebene, atmosphärisch dichte Campusgeschichten, die sich mit den dunklen Machenschaften von Studentengruppen- oder Verbindungen beschäftigen (wie z.B. Takis Würgers Der Club und vor allem Donna Tartts Die geheime Geschichte). Von daher war die Prämisse von Bardugos neustem Buch natürlich sehr ansprechend für mich. Ich bin eigentlich gar nicht so die Urban Fantasy-Leserin, doch das Setting des alten, verwunschenen Yale-Campus passt einfach perfekt. Bardugo versteht es, wie auch schon in Das Lied der Krähen und dessen Nachfolger Das Gold der Krähen, eine düstere, magische Atmosphäre voller Gefahren zu kreieren, die ihre Leser in die dunklen, mysteriösen Gassen New Havens geradezu hineinzieht.

    Nach und nach entspinnt sich eine immer dichtere Geschichte. Fantasyelemente wie Zauber, Portale oder Geister treffen hier auf eine toxische Studentenkultur und traumatische biografische Hintergründe der Figuren. Das Tempo ist jedoch ziemlich gedrosselt: durch verschiedene Zeitebenen geht die Handlung nur gemächlich voran, dafür bekommen wir als Leser Yales harten Winter besonders zu spüren.

    Alex ist wundervoll unperfekt: sie passt eigentlich überhaupt nicht nach Yale, sie ist ein fluchender Ex-Junkie, hat nur wenige günstige oder abgetragene Klamotten, ist stark tätowiert und kommt in ihren Kursen kaum mit. Ihre dunkle Vergangenheit wird schon früh angedeutet, aber erst im späteren Verlauf des Romans vollständig offenbart. Auch ihr Mentor Darlington ist ein Sympathieträger, obwohl er zunächst als „Gentleman von Lethe“ sehr geschniegelt rüberkommt. Im nächsten Band werden wir hoffentlich mehr von ihm lesen können.

    Leigh Bardugos Bücher wirken oft, als könnte man verdammt gute Fantasyfilme oder -serien daraus machen. Das merkt man auf der einen Seite an den gelungenen Twists, die in Das neunte Haus genauso wie in der Krähen-Duologie aufeinander folgen, auf der anderen Seite aber auch an der sehr cineastische Action, die mir persönlich manchmal schon etwas zu viel wurde. Besonders Alex‘ Plotarmor, also ihre absolute Unsterblichkeit ungeachtet ihrer schweren Verletzungen, sowie ihre überproportional große Macht für eine „Novizin“ waren sehr prominent.

    Leigh Bardugo hat mit Das neunte Haus ein Buch über Freundschaft und Korruption, über Magie und Missbrauch, über Sucht und Hoffnung, über den Tod und das Überleben geschaffen. Der Fantasy-Roman kann atmosphärisch voll und ganz überzeugen und glänzt mit Spannung und seiner sympathisch abgefuckten Protagonistin, auch wenn diese einem lange nicht so ans Herz wächst wie die sechs Crewmitglieder aus der Krähen-Duologie. Manche Stellen wirkten mir leider etwas zu filmisch und over the top – trotzdem freue ich mich schon drauf, wieder nach Yale zurückkehren zu können, wenn der zweite Band erscheint.

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    Cover des Buches Das Ende des Bengalischen Tigers (ISBN: 9783954380374)

    Bewertung zu "Das Ende des Bengalischen Tigers" von Yoko Ogawa

    Das Ende des Bengalischen Tigers
    letusreadsomebooksvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Das Buch verknüpft elf düster-makabere Geschichten auf herausragende Weise miteinander.
    extrem atmosphärische Geschichten

    Das Ende des Bengalischen Tigers, welches in der englischen Übersetzung den kürzeren und deutlich anders anmutenden Titel Revenge trägt, vereint elf extrem atmosphärische Kurzgeschichten: eine Frau kauft in einer Bäckerei Törtchen für ihren verstorbenen Sohn zum Geburtstag, eine alte Dame hütet in ihrem Garten ein dunkles Geheimnis, eine Schriftstellerin verliert langsam den Verstand, eine Affäre endet mehr als verhängnisvoll und ein Täschner fühlt sich von dem offen liegenden Herzen einer Kundin angezogen.

    Yoko Ogawas „Roman in elf Geschichten“, wie es so schön auf dem deutschen Cover heißt, hatte für mich nichts besonders romanhaftes. Ein wenig erinnert das Konzept an David Mitchells Werke Der Wolkenatlas, Chaos oder Die Knochenuhren, da auch hier die einzelnen Erzählungen sehr gelungen miteinander verknüpft werden. Die Bäckerei aus der ersten Geschichte taucht später noch einmal auf, genauso wird die weinende Konditorin in einer späteren Erzählung zur Nebenfigur. Eine Geschichte beeinflusst die andere, alles ist, mal in geringem Maße, mal stärker, miteinander verbunden. Dass für mich kein Roman-Gefühl entstanden ist, ist allerdings überhaupt nicht negativ. Die herausragenden Kurzgeschichten ergänzen sich perfekt, durch jede folgende wird die vorher gelesene noch etwas klarer, Hintergründe werden aufgedeckt und vorschnell gewonnene Eindrücke relativiert oder gänzlich umgekehrt.

    Drei der Geschichten sind im Gegensatz zu den restlichen sehr harmlos und dienen eher als Verbindungsstücke – so auch die titelgebende Story der deutschen Ausgabe. Sie sind immer noch gut, bei ihnen fehlte mir jedoch der Überraschungseffekt, der sich bei allen anderen Geschichten einstellt. Oftmals gibt es erst auf der letzten Seite oder gar im letzten Abschnitt einer Erzählung eine grausame, makabere Wendung. Sobald man dies zum ersten Mal erlebt hat, wartet man regelrecht darauf, dass es erneut passiert. Ogawas Geschichten sind alle kühl wie der Nachtwind in einer dunklen, verlassenen Gasse, der einen erschauern lässt. Man spürt auf jeder Seite, dass das Böse gleich hinter der nächsten Ecke lauert.

    Manche der obskuren Ereignisse haben mich an Ray Bradburys Werke, insbesondere seine Kurzgeschichten, erinnert. Auch Liebhaber der Gothic Fiction dürften mit diesem Buch hier auf ihre Kosten kommen. Mich persönlich hat es sehr beeindruckt, dass Das Ende des Bengalischen Tigers von derselben Frau verfasst wurde, die auch Das Geheimnis der Eulerschen Formel schrieb. Diesen Roman las ich vor einigen Jahren und konnte ihm leider nur das Prädikat „ganz nett“ geben. Doch die harmlose, vor sich hinplätschernde Geschichte über einen Professor, dessen Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert und seine neue Haushälterin, die es sich mit ihrem Sohn zur Aufgabe gemacht hat, die harte Schale des alten Mannes zu knacken, hat nichts mit den dunklen, brutalen Kurzgeschichten gemein – glücklicherweise.

    Yoko Ogawas Stories Das Ende des Bengalischen Tigers haben mir zwar nicht das Gefühl eines Romans vermittelt, dennoch ergeben sie gemeinsam ein stimmiges Ganzes. Die elf Geschichten sind nicht nur durch ihre dunkle, mörderische und skurrile Thematik gekonnt verbunden, sondern auch durch verschiedene Figuren und Schauplätze, die immer wieder auftauchen. Durch dieses Buch konnte ich eine völlig andere, mir bisher unbekannte Seite der japanischen Autorin entdecken, die zur Zeit mit ihrem neuen Roman The Memory Police auf der Short List des International Booker Prize steht – und davon lese ich nur allzu gerne mehr!

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    Cover des Buches Kosmetik des Bösen (ISBN: 9783257234756)

    Bewertung zu "Kosmetik des Bösen" von Amélie Nothomb

    Kosmetik des Bösen
    letusreadsomebooksvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Ein kluger, unterhaltsamer und spannender Dialogroman über das Böse, das sich in uns allen verbirgt.
    In einem Rutsch durchgelesen!

    Jérôme Angust sitzt am Flughafen und wartet, denn sein Flieger hat Verspätung. Der Geschäftsreisende möchte einfach nur in Ruhe lesen, bis es endlich weiter geht, doch ein Mann, der sich als Holländer namens Textor Texel vorstellt, setzt sich zu ihm und bedrängt ihn. Da Angust ihn nicht abschütteln kann, bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem eloquenten und in der Philosophie bewanderten Herrn zuzuhören – auch, als die Themen düsterer und die Geständnisse heftiger werden.

    „Was wissen Sie denn?“
    „Sie sind Geschäftsmann. Ihre Ziele lassen sich in Geld beziffern. Das ist billig.“
    „Jedenfalls behellige ich andere nicht damit.“
    „Sicher fügen Sie irgend jemand Schaden zu.“
    „Selbst wenn das stimmen sollte – wer sind Sie, mir das vorzuwerfen?“
    „Texel. Textor Texel.“
    „Das sagten Sie bereits.“
    „Ich bin Holländer.“

    Auf den ersten dreißig Seiten dachte ich noch, dass dieses Buch ganz okay ist, aber zu Nothombs schwächeren gehören könnte – wie hätte ich da ahnen können, wie sehr ich mich irre?
    Es beginnt scheinbar harmlos mit einem Mann, der von einem Quälgeist belagert und geplagt wird – Texel ist unangenehm, aufdringlich und nervtötend, doch anfangs ahnt man sein Potenzial noch nicht. Die Dialoge sind zunächst einseitig, als Angust versucht, auszuweichen und weiter in seinem Buch zu lesen, doch Texel lässt nicht so leicht locker. Schnell entspinnt sich ein Roman, der ein einziger langer Dialog ist – und wie wahnsinnig gut Nothomb diese Form beherrscht, durfte ich bisher in verschiedenen ihrer Bücher bewundern.

    Texel mag den Geschäftsmann vielleicht mit Anekdoten aus der Kindheit langweilen, doch das, was ihm eigentlich auf der Zunge und auf dem Herzen liegt, ist deutlich härterer Tobak. (Achtung, explizite Gewaltszenen!) Aber Nothomb wäre nicht Nothomb, wenn sie die ersten Eindrücke auf sich beruhen lassen würde. Dieses Buch wird vor allem durch zwei große Twists so grandios, die einen – obwohl die Autorin vorher schon dezente Hinweise streut – ganz schön überraschen dürften.

    „Sie sind ja wahnsinnig!“
    „Finde ich nicht. Wahnsinnige sind für mich Menschen, die sich unbegreiflich verhalten. Mein Verhalten kann ich Ihnen in allen Einzelheiten erklären.“
    „Da sind Sie aber der einzige.“
    „Das genügt mir vollkommen.“

    Kosmetik des Bösen ist ein Roman über Moral und Gerechtigkeit, über Vergeltung, Gewissen, Trauma, Verdrängung und die inneren Dämonen. Es ist höchst erstaunlich, wie viele gesellschaftliche, psychologische aber auch mythologische, religiöse oder philosophische Themen die belgische Autorin in ihren schmalen Büchern unterbringen kann, ohne je ihre Leser zu langweilen. Die meisten ihrer Werke umfassen gerade einmal 100 bis 150 Seiten, doch sie nehmen so schnell an Fahrt auf, dass man es gar nicht wagt, sie aus der Hand zu legen, bis der letzte – meist völlig unerwartete Absatz – kommt.

    Es ist wirklich schwierig, über dieses Buch zu schreiben, ohne zu viel Preis zu geben, was bei Nothombs kurzer Prosa zwar oft der Fall ist, bei diesem Werk hier aber besonders zutrifft. Was sich aber ganz klar sagen lässt, ist, dass es ein böses, ein abgründiges Buch ist, ein verrücktes, ein durch und durch amüsantes, trotz der harten Thematik.

    Amélie Nothombs Roman Kosmetik des Bösen beweist wieder einmal, dass ein gutes Buch nicht unbedingt lang sein muss. Zwei skurrile Protagonisten liefern den Lesern ein absolutes Dialog-Feuerwerk, das die menschlichen Abgründe offenbart. Vor allem das Ende ist Nothomb wieder einmal ausgezeichnet gelungen – bei solchen Wendungen kann man das Buch eigentlich nur in einem Rutsch durchlesen!

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    Cover des Buches Heute ist mein letzter Tag lebendig (hoffentlich) (ISBN: 9783902844378)

    Bewertung zu "Heute ist mein letzter Tag lebendig (hoffentlich)" von Félix Francisco Casanova

    Heute ist mein letzter Tag lebendig (hoffentlich)
    letusreadsomebooksvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Opulente Sprache, rasante Wendungen, düstere Bilder und eine Fiebrigkeit und Dringlichkeit, mit der der Roman verfasst wurde!
    "Mein Verstand ist die ersoffene Kakerlake im Schleim meines Wahns."

    Bernardo ist erst fünfundzwanzig und doch schon des Lebens überdrüssig. Mehrmals versuchte er bisher, sich umzubringen, doch jeder Versuch scheiterte. Er kann einfach nicht sterben. So kämpft er sich weiter durch die Tage, erträgt eine nervtötende Verlobte und beginnt, das Lebenswerk des schwerkranken Literaten David niederzuschreiben. Doch immer mehr verliert Bernardo den Bezug zur Realität und den Verstand – die Todessehnsucht wird so groß, dass er zu ungeahnten Mitteln greift.

    "Es geht mir wirklich besser. Am Fenster verwischen Kommazeichen aus Wasser die Landschaft. Vielleicht sind es auch meine Augen, die diesen Regenvorhang um mich ziehen. Ich glaube, ich lächle, wie glücklich Sterbende es tun. Aber auch dieses Mal bringe ich meinen Tod nicht zu Ende. Ich erreiche den Gipfel des Grotesken."

    Félix Francisco Casanova schrieb neben Gedichten diesen einen Roman im Alter von neunzehn Jahren – weniger als ein Jahr später, 1976, starb er unter ungeklärten Umständen, vermutet wurde ein Gasaustritt. Dass ein so junger Autor nur kurz vor seinem Tod über einen Unsterblichen schreibt, der sich nichts sehnlicher wünscht als den Tod, scheint wie eine Laune des Schicksals. In nur 44 Tagen verfasste er dieses Buch, und das merkt man auch. Es ist hitzig, es ist fiebrig und seine wunderschöne Prosa wirkt geradezu hypnotisch.

    Casanovas Roman beginnt zunächst verwirrend. Der Leser wird im Dunkeln gelassen, was Bernardos Ausbildung, Arbeit, Familie und Freunde angeht. Die einzigen Informationen, die er erhält, sind diejenigen, die für den erzählten Moment von Bedeutung sind. So stehen vor allem Bernardos Selbstmordversuche sowie die Dreiecksbeziehung zwischen ihm, Marta und dem Schriftsteller David im Vordergrund. Begleitet wird Bernardos Alltag von wirren Träumen, Halluzinationen oder Gedanken, so ganz klar wird anfänglich nicht, wo die Realität beginnt und aufhört. Einige Passagen klingen unheimlich schön, sind allerdings schwer zu entziffern – auf mich haben sie eine große Faszination ausgeübt, ohne dass ich behaupten könnte, sie wirklich verstanden zu haben.

    "Die Stille, ein Gemisch aus Angst und Einsamkeit, ist am schwierigsten zu vergessen, trotzdem habe ich keinen Respekt vor ihr und ich schreie verzweifelt, Gewinsel eines scheußlichen Untiers, ein gezähmter Drache, der vor seinem eigenen Atem davonläuft."

    Je weiter der nur 150 Seiten kurze Roman voranschreitet, desto mehr schleicht sich der Verdacht ein, dass das Unverständnis gar nicht mein Fehler, sondern vom Autor so beabsichtigt ist. Viele Beschreibungen und Geschehnisse wirken rauschhaft, (alp)traumhaft. Das Groteske, das Bernardo schon im allerersten Absatz des Buchs nennt, zieht sich durch die gesamte Geschichte: es gibt Tiermasken und ein großes Feuer, Engel und der Teufel höchstpersönlich tauchen auf, Morde werden einfach so nebenbei begangen.

    Haben wir es hier mit magischem Realismus zu tun? Ist Bernardo wirklich unsterblich? Oder ist er einfach ein extrem unzuverlässiger Erzähler, der immer weiter in den Wahnsinn abdriftet? Diese Interpretation bleibt wohl jedem Leser selbst überlassen. Fakt ist allerdings, dass das Buch zum Ende hin deutlich temporeicher wird und mit immer mehr Wendungen auftrumpft. Nach dem allerletzten Satz bin ich immer noch verwirrt, aber auf eine positive Weise: das war ein wilder Ritt. Verrückt, düster aber auch stellenweise humorvoll offenbart Casanova die menschlichen Abgründe.

    Félix Francisco Casanova hätte einer der ganz großen spanischsprachigen Literaten werden können. Dass sein Erstling Heute ist mein letzter Tag lebendig (hoffentlich) auch sein einziger Roman bleibt, ist schade – denn die opulente Sprache, die rasanten Wendungen, die düsteren Bilder und diese Fiebrigkeit und Dringlichkeit, mit der der Roman verfasst wurde, offenbaren ein großartiges, junges Talent.

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    Cover des Buches Die Wahrheit über das Lügen (ISBN: 9783257070309)

    Bewertung zu "Die Wahrheit über das Lügen" von Benedict Wells

    Die Wahrheit über das Lügen
    letusreadsomebooksvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Benedict Wells brilliert in seinen zehn Kurzgeschichten vor allem in den außergewöhnlichen Szenarien.
    Breites Spektrum seines schriftstellerischen Könnens

    „War das alles wirklich nur Fiktion? Oder nicht doch auch ein Funken Wahrheit?“
    „Es war die Wahrheit. Die Wahrheit über das Lügen.“

    Benedict Wells, erst 35 Jahre alt und schon lange renommierter Autor von erfolgreichen Romanen und Kurzgeschichten, versammelt in diesem Büchlein zehn völlig unterschiedliche Stories aus verschiedensten Genres und Themengebieten. Zwei der Geschichten, „Die Nacht der Bücher“ sowie „Die Entstehung der Angst“, spielen im selben Kosmos wie Wells‘ Roman Vom Ende der Einsamkeit. Für mich war dieser Kurzgeschichtenband das erste Werk des Autors und ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, die Geschichten zu verstehen und großartig zu finden. Letztere der beiden bietet den Lesern von Wells‘ Roman allerdings noch tiefere Einblicke in das Seelenleben einer der Figuren.

    Von den zehn Geschichten, die Wells innerhalb von zehn Jahren verfasste, sind es vor allem die gewöhnlicheren Szenarien, die mich nicht vollends überzeugen konnten. Wobei das bei weitem nicht heißen soll, dass es schlechte Texte sind – sie sind bloß nicht so großartig wie die anderen. Zwei der Stories („Die Wanderung“ und „Richard“) waren für mich leider recht vorhersehbar, was aber nichts daran ändert, dass sie handwerklich trotzdem sehr gut geschrieben sind.

    Wells‘ Genie zeigt sich vor allem in den Kurzgeschichten, in denen er sich dem Speziellen zuwendet. So konnte mich sein Text über die männliche Muse überzeugen, die einer erfolglosen Schriftstellerin mit einem Kuss die langersehnten Eingebungen schenken soll, sich dann aber rettungslos verliebt. Ebenfalls außergewöhnlich und außergewöhnlich gut fand ich „Ping Pong“, eine Geschichte über eine Entführung und das Tischtennisspielen, die mich an Murakami und Kafka erinnerte und einen extrem starken Sog entwickelte. „Die Nacht der Bücher“ scheint wiederum angelehnt an Walter Moers – ein ähnlich fantasievolles Setting, bloß mit viel mehr bissigem Humor, als sich die Bücher klassischer Autoren eines Nachts in der Bibliothek gegenseitig niedermachen und aus den Regalen schmeißen.

    Ein wahres Erlebnis ist auch die längste sowie titelgebende Geschichte des Bandes, „Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen“. Hier begleiten wir einen glücklosen Drehbuchautor in Hollywood, der in der Zeit zurückgereist ist, um in den Siebzigerjahren George Lucas die Idee für Star Wars zu stehlen, um so selbst zum erfolgreichsten Filmemacher aller Zeiten zu werden. Die Idee und die Umsetzung sind einfach grandios gelungen – mir fällt keine einzige Kurzgeschichte ein, die sich hiermit vergleichen ließe.

    Es ist bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit sich Benedict Wells zwischen verschiedenen Genres und Tonalitäten bewegt. Keine Geschichte ähnelt der anderen, sie zeigen ein breites Spektrum seines schriftstellerischen Könnens. Mal zynisch, mal berührend, mal alltäglich und mal völlig abgefahren bereitet der Erzählband Die Wahrheit über das Lügen eine unglaubliche Freude beim Lesen, auch wenn nicht alle Stories dasselbe hohe Niveau halten können. Auf alle Fälle hat mich das Buch sehr neugierig auf den Autor gemacht, von dem ich in Zukunft sicher noch das ein oder andere Buch lesen werde.

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    Cover des Buches Was man sät (ISBN: 9783518428979)

    Bewertung zu "Was man sät" von Marieke Lucas Rijneveld

    Was man sät
    letusreadsomebooksvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Beeindruckendes Debüt, das allerdings auch ganz schön verstört.
    Geht tief unter die Haut

    Als die zwölfjährige Jas vor Weihnachten bemerkt, dass ihr Vater ihr Kaninchen mästet, betet sie zu Gott, er solle lieber ihren Bruder als das Kaninchen zu sich holen. Noch am selben Tag ertrinkt ihr Bruder. Für die Familie steht fest, dass es eine Strafe Gottes ist und jeder macht sich selbst Vorwürfe. Gemeinsam mit ihrem Bruder Obbe und ihrer Schwester Hanna verliert sich Jas immer mehr in einer Welt von selbst auferlegten Regeln und Spielen.

    Der Debütroman Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld geht tief unter die Haut. Er ist von großer Anziehungskraft und gleichzeitig genauso abstoßend. Alles beginnt nur zwei Tage vor Weihnachten, als der älteste Sohn der Familie, Matthies, beim Schlittschuhfahren ertrinkt. Mit ihren drei Geschwistern wächst Jas irgendwo in der niederländischen Provinz auf einem Bauernhof auf. Die Familie ist Teil einer orthodoxen calvinistischen Gemeinde. Der Tod des Bruders verändert das Leben der anderen Familienmitglieder grundlegend.

    Fast scheint es, als würden die Eltern Jas und ihre beiden noch lebenden Geschwister nach dem Tod vergessen. Während der Vater sich den ganzen Tag nur noch um die Kühe kümmert, hört die Mutter auf zu essen. Überall ist der Tote weiterhin präsent: mit dem Kleiderhaken, der immer frei bleiben muss und dem Stuhl, der nicht benutzt wird, aber weiterhin am Küchentisch steht. Unbeachtet von den Eltern verlieren sich die drei Kinder in Spielen und Ritualen, die seltsame Züge annehmen. Jas zieht ihre Jacke nicht mehr aus und so kann niemand bemerken, dass sie sich eine Heftzwecke in den Bauchnabel gestochen hat. Gleichzeitig fungiert sie als Ich-Erzählerin, die die Leser in diese seltsame Welt hineinzieht, in der sich immer mehr Abgründe offenbaren und einem die Luft zum Atmen nehmen. Mit einem poetischen Blick lässt Rijneveld die Zwölfjährige erzählen und in der Sprache offenbart sich immer wieder ihre kindliche Sicht auf ihre Familie und das Geschehen um sie herum.

    Zusätzlich zur Trauer setzten die drei Geschwister sich mit den körperlichen Veränderungen auseinander, die durch ihr Heranwachsen hervorgerufen werden. Doch alles ist mit Schuld und Scham verbunden. Überall lauern die Bibelzitate der Eltern. So bahnt sich die aufkommende Sexualität nur in gewaltsamen Ausbrüchen ihren Weg, wie etwa mit einer Besamungsspritze im Kuhstall. Die Eltern leben nur nach dem Weltbild ihrer Gemeinde, das sich vor allem in Restriktionen äußert, und sind den Kindern weder Hilfe noch versuchen sie, sie zu unterstützen. Eine gemeinsame Trauer um das verlorene Kind oder den verlorenen Bruder findet zu keinem Zeitpunkt statt. Jeder bleibt mit seinen Gefühlen allein. Als Alternative plant Jas in Gedanken mit ihrer Schwester die Flucht aus dem Dorf, dort, „auf der anderen Seite“ würde ihnen vielleicht geholfen werden.

    Neben den poetischen Bildern schreibt die Autorin sehr direkt. Jas plagen massive Darmprobleme, die immer wieder zur Sprache kommen, auch die Gewalt und die sexualisierten Spiele sind mit schmerzhafter Drastik geschildert. So nimmt der Roman stellenweise verstörende Züge an. Wer glaubt, dass es doch besser werden muss, wird enttäuscht. Es geht immer noch schlimmer, noch kälter und noch verzweifelter. Einige dieser Schilderungen sind so beiläufig, dass es fast schon schmerzt, wie alltäglich sie für das zwölfjährige Mädchen geworden sind und sie auch in ihrem eigenen Verhalten nichts Außergewöhnliches bemerkt. Die Kinder leben wie in einer eigenen Welt, in der sie selbst die Gesetze bestimmen und es von außen keine Kontrolle mehr gibt – was zu immer mehr Gewalt und Schmerz führt.

    Mit Was man sät hat Marieke Lucas Rijneveld keinen erbaulichen oder angenehmen Roman geschrieben. Und so geht es bis zum unausweichlichen Ende. Dabei entwickelt sich ein immer stärkerer Sog beim Lesen, der einen in diese unheilvolle und kranke Familienwelt hineinzieht. Ein Buch voller Abgründe, das sowohl faszinierend als auch bedrückend ist. Wer die Härte der Geschehnisse aushalten kann, wird mit einem außergewöhnlichen Buch belohnt.

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    Cover des Buches Auf Erden sind wir kurz grandios (ISBN: 9783446263895)

    Bewertung zu "Auf Erden sind wir kurz grandios" von Ocean Vuong

    Auf Erden sind wir kurz grandios
    letusreadsomebooksvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Sprachlich beeindruckendes Debüt, das seinen Titel nur allzu wörtlich nimmt: es ist genau das, wirklich ganz schön grandios.
    Poetisch, experimentell, berührend

    Das Buch ist zwar als Roman benannt, ist formell gesehen aber ein Brief, den Vuong an seine Mutter schreibt, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil, diese ihn als Analphabetin mit spärlichen Englischkenntnissen nicht lesen kann. Fragmentarisch und assoziativ folgt der junge vietnamesisch-amerikanische Schriftsteller seinen Erinnerungen an seine Kindheit, entfremdet und von anderen Schülern ausgegrenzt, sprach- und machtlos, während seine Mutter Rose sich in den Nagelstudios körperlich zugrunde schuftet und seine Großmutter, Lan, versucht mit ihrem Kriegstrauma zu leben, zu überleben.

    "I didn’t know that the war was still inside you, that there was a war to begin with, that once it enters you it never leaves – but merely echoes, a sound forming the face of your own son. Boom."

    Sprunghaft begleiten wir Vuong zurück zu seiner ersten großen Liebe, einem amerikanischen Jungen mit einem unberechenbaren, trinkenden Vater, aber auch an den Küchentisch, an dem seine Großmutter Lan ihm Geschichten aus Vietnam erzählt, vom Krieg, von Soldaten, die Affenhirne verspeisen, von ihrer Flucht ihren Töchtern Rose und Mai. Gewalt und Liebe liegen hier immer eng beieinander, genauso wie Schrecken und Schönheit. Rose schlägt ihren Sohn, doch sie opfert sich auch für ihn auf, versucht, ihm das bestmögliche Leben zu bieten. Der Ich-Erzähler, der von allen Little Dog genannt wird, ist nicht in den USA Zuhause, hat aber auch keinen spürbaren Bezug zu seinem Geburtsland Vietnam. Er lebt in einem heruntergekommenen Vorort, in dem lilafarben leuchtende Blumen der einzige Klecks Schönheit zwischen Beton und Stacheldrahtzäunen darstellen. Er wird von anderen ausgelacht und verprügelt, weil er sich nicht traut, Englisch zu sprechen, weil er ein rosa Fahrrad fährt und weil er auf Jungs steht. Er verliert seine Freunde, die er irgendwann findet, nach und nach an die Drogen. Und dennoch ist da irgendetwas, das ihn antreibt, weiterzumachen, zu leben, und den Blick weg von den toxischen Beziehungen, weg vom Rassismus zu wenden: denn wo Gewalt ist, ist auch Liebe, wo Dunkelheit ist, ist auch Licht.

    Es ist gleichzeitig zutiefst berührend und eine unglaubliche Freude, Vuongs Spiel mit der Sprache und seine Erfindung von kreativen Sprachbildern zu beobachten: „We were exchanging truths, I realized, which is to say, we were cutting one another“, „Sometimes, when I’m careless, I believe the wound is also the place where the skin reencounters itself, asking of each end, where have you been?“, „When the rain starts, the glass warps them, so that only their shades, colors, like impressionist paintings, remain“, „[…]where the house sits, so grey the rain almost claims it, rubbing its edges into weather“, „A person beside a person inside a life. That’s called a parataxis. That’s called the future.“ Wer vergessen haben sollte, warum er Literatur liebt, warum er Sprache liebt, wird auf so gut wie jeder Seite von Vuong daran erinnert.

    Hier sei ganz ausdrücklich empfohlen, das Buch im englischsprachigen Original zu lesen, sofern möglich. Die deutsche Übersetzung scheint auch gelungen zu sein, aber gerade bei Romanen, die sprachlich überzeugen und so lyrisch sind wie dieser hier, fühlt sich die Lektüre des Originals noch einmal anders an. An manchen Stellen lakonisch, an anderen roh und verletzlich, oftmals imposant-poetisch und kraftvoll lässt Vuong seine Wurzeln als Dichter durchscheinen.

    Auf Erden sind wir kurz grandios ist experimentell, ist berührend, ist eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und Familiengeschichte, gleichsam aber auch ein kritisches Abbild unserer Gesellschaft und nicht zuletzt die Suche nach der eigenen Stimme, der eigenen Identität.

    "Do you remember the happiest day of your life? What about the saddest? Do you ever wonder if sadness and happiness can be combined, to make a deep purple feeling, not good, not bad, but remarkable simply because you didn’t have to live on one side or the other?"

    Ocean Vuong, der schon für seine Lyrik mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde, hat mit seinem Debütroman Auf Erden sind wir kurz grandios ein, wie der Titel schon verrät, grandioses Werk über Identität, Heimat, Familie, Gewalt, Erinnerungen und Liebe geschaffen. Am liebsten möchte man sich in seine poetische Prosa einwickeln wie in eine Decke. Und nie mehr darunter hervorkommen.

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    Cover des Buches Gespräche mit Freunden (ISBN: 9783442719662)

    Bewertung zu "Gespräche mit Freunden" von Sally Rooney

    Gespräche mit Freunden
    letusreadsomebooksvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Sally Rooney rettet ihren Debütroman nach zwei Dritteln gerade so aus der Mittelmäßigkeit.
    Braucht seine Zeit, um seine Besonderheit zu entfalten

    Frances und ihre Ex-Freundin Bobbi lernen das Ehepaar Melissa und Nick kennen, die als Fotojournalistin und Schauspieler arbeiten. Sie treffen sich bei Kulturveranstaltungen, zum Essen und führen Gespräche über Politik, Freundschaft, Kunst und Sex. Frances fühlt sich immer stärker zum verheirateten Nick hingezogen, während Bobbi von Melissa fasziniert ist.

    Die Figuren in Sally Rooneys Debütroman Gespräche mit Freunden sind eher jung. Während die Ich-Erzählerin Frances und Bobbi erst 21 Jahre alt sind, ist das Ehepaar Nick und Melissa Mitte dreißig. Die einen studieren noch, die anderen arbeiten als Fotografin bzw. als Schauspieler. Was Frances von den anderen dreien unterscheidet, ist, dass sie nicht Teil einer besser situierten Mittelschicht ist, aus ärmeren Verhältnissen stammt und auf Jobs angewiesen ist, um ihr Studium zu finanzieren. Die Handlung dreht sich vor allem um diese vier Figuren, zwischen denen ein Geflecht aus Beziehungen entsteht, die zwischen Zuneigung und Abneigungen schwanken.

    Der Roman braucht allerdings, bis er seine Besonderheit entfalten kann. Zunächst stehen das Kennenlernen und erste Gespräche an. Heimliche Affären, Freundschaft, Enttäuschungen – nichts wirkliches Außergewöhnliches. Ein besonderer Punkt ist die Beziehung zwischen Bobbi und Frances, die in ihrer Schulzeit offen ein Paar waren und nach der Trennung immer noch eine tiefe Freundschaft verbindet. Ob die Liebesbeziehung wirklich von beiden Seiten beendet ist, lässt die Autorin immer wieder in Schwebe, zumal sie doch mehr Geheimnisse voreinander haben, als zunächst vermutet. Beide haben große Probleme, offen über ihre Gefühle zu sprechen und durchdringen das Konzept der Beziehung und Liebe eher intellektuell. Für Frances ändert sich ihr Leben durch das Kennenlernen von Nick. Zu Beginn scheint die Affäre problemlos zu funktionieren, allerdings sind die Vorstellungen über den weiteren Verlauf unterschiedlich. Durch die beidseitige Unfähigkeit ehrlich und offen miteinander zu sprechen, wird die Problematik weiter verschärft. Während alle Figuren sich als beziehungserfahren ausgeben, fehlen ihnen doch die Worte, wenn es wirklich draufankommt. Bis zum Ende bleiben hier Fragen nach den gegenseitig zugefügten Verletzungen offen, die auch immer wieder zu Konflikten und neuen Kränkungen führen.

    Es fällt schwer, den genauen Punkt zu greifen, an dem mich der Roman nicht mehr losgelassen hat. Vermutlich mit Frances Rückkehr aus einem Urlaub. Damit gehen zusätzlich Veränderungen in ihrem Leben einher, die ihre Gesundheit, ihre schriftstellerische Karriere und ihr Verhältnis zu den anderen Figuren betreffen. Vieles davon ist mit Auseinandersetzungen verbunden, die Frances Leben beeinflussen. So ist sie gezwungen, ihr bisheriges Verhalten zu reflektieren, was sie zu einer Neubetrachtung ihrer Entscheidungen bewegt. Hier erlangt der Roman an Tiefe und Komplexität. Der Titel ist durchaus ernst zu nehmen, denn ein großer Teil des Buches sind wirklich Gespräche, die viel um Liebe, Beziehung, Sex und Begehren kreisen. Dennoch sorgen sie nicht für Klärung, sondern scheinen sie eher wie ein Spiel, in dem verschleiert und wohl überlegt gehandelt wird.

    Geschrieben ist der Roman ausschließlich aus der Sicht von Frances, wobei die Autorin einen reduzierten Stil verwendet, der sich oft eher im Vagen bewegt. So heißt es etwa von Nick, dass er ein schönes Gesicht habe, warum genau, erfährt der Leser jedoch nicht. Gleiches gilt für die Gedichte, die von Frances und Bobbi vorgelesen werden, deren genauen Worte der Leser nicht erfährt. Es dreht sich so vor allem um das Innenleben von Frances, ihre Gedanken und ihre Gefühle – die Äußerlichkeiten sind dem untergeordnet. Dennoch werden bestimmte Details hervorgehoben, die von der Autorin präzise beschrieben werden.

    Mit einer wirklichen Bewertung von Gespräche mit Freunden tue ich mich sehr schwer. Gerade das letzte Drittel mit seinen Wendungen, die auch bei Frances eine Veränderung bewirken, ist auch dank des klaren Stils der Autorin mehr als „nur“ ein weiterer Roman über Beziehungen und Sex. Dem Weg dahin geht jedoch das Außergewöhnliche ab und manches macht einen eher gewollt intellektuellen Eindruck, ohne wirklich Tiefe zu erlangen.

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    Cover des Buches Fuchs 8 (ISBN: 9783630876207)

    Bewertung zu "Fuchs 8" von George Saunders

    Fuchs 8
    letusreadsomebooksvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Ein absolut hinreißendes Buch, das Leser jeden Alters begeistern dürfte. Originell und wunderbar illustriert.
    Originelle Idee und ein liebenswürdiger Protagonist

    Fuchs 8, ein Tagträumer seinesgleichen, der die Menschensprache erlernt hat, versucht, seiner Gruppe zu helfen. In dem Waldstück, in dem sie leben, rücken plötzlich LKWs an, um eine Shopping-Mall zu errichten. Die Füchse werden ihrer Nahrung und ihrer Heimat beraubt, werden immer schwächer und verlieren all ihre Hoffnung. Doch Fuchs 8 gibt nicht auf und macht sich mit seinem besten Freund, Fuchs 7, auf den Weg zur Mall, um Essen für ihre Gruppe aufzutreiben und vielleicht auch einen neuen Lebensraum zu finden. Dabei läuft leider nicht alles rund, denn die Menschen sind lange nicht so freundlich und voller Liebe, wie Fuchs 8 gedacht hatte…

    "Stellt sich raus was das Geroisch war is die Mänschenstimme wi si Wörter macht. Di hörten sich super an! Di hörten sich an wi schöne Musik! Ich hörte mir dise Musikwörter an bis di Sonne unterging und dann plözzlich dachte ich holla Fuks 8 du verrükkte Nus wenn di Sonne unterget wird di Welt dunkel huschhusch nach Hause sons is Gefar!"

    George Saunders, der mit Lincoln im Bardo den Man Booker Prize 2017 gewann, hat mit Fuchs 8 ein wirklich außergewöhnliches kleines Büchlein geschaffen. Es wirft einen Blick auf die Welt der Menschen aus der Perspektive eines Außenstehenden – eines Fuchses. Fuchs 8 zeigt uns auf amüsante, teils aber auch kritische und schockierende Art, ähnlich wie das Alien in Matt Haigs Ich und die Menschen, was wir längst nicht mehr sehen können: wie seltsam wir uns verhalten, im guten wie im schlechten Sinne, wie wir miteinander und mit unserer Umwelt umgehen, wie egoistisch und zerstörerisch wir sein können. Optisch begleitet wird die 56 Seiten lange Geschichte von einer wunderschönen Covergestaltung und herrlichen Illustrationen von Chelsea Cardinal, die auch schon das Cover für Saunders‘ Roman Lincoln im Bardo erarbeitete.

    Saunders Umgang mit der Sprache ist hier wunderbar kreativ. Er lässt Fuchs 8 so sprechen, wie er es von den Menschen durch Zuhören, Beobachten und Mitlesen gelernt hat, mit falscher Rechtschreibung und Grammatik, fehlenden Vokabeln und Slangwörtern. Das fand ich am Anfang zunächst ein wenig anstrengend, weil man doch langsamer lesen muss und manchmal länger braucht, um die Bedeutung eines Wortes zu entschlüsseln. Doch man gewöhnt sich schnell daran und hat sogar Spaß, wenn man seinen inneren Germanisten mal für eine Stunde ausschalten kann. Hier gilt ein besonderes Lob an die herausragende Übersetzung von Frank Heibert! Fuchs 8 schreibt wie ein Kind nach Gehör und wirkt auch manchmal kindlich naiv, wenn er an das Gute im Menschen und an die Liebe glaubt.


    George Saunders‘ Fuchs 8 ist wirklich herzerwärmend, aber nie kitschig, es ist durchaus witzig, hat aber auch seine traurigen Momente (und wie!). Es ist ein Buch für Leser jeden Alters, das vor allem mit seiner originellen Umsetzung und seinem unglaublich liebenswürdigen Protagonisten punkten kann. Die Moral von der Geschichte, die am Ende folgt, ist vielleicht etwas simpel und nicht die überzeugendste, dafür bietet das Büchlein durchgehend Raum zum Nachdenken – über das eigene Verhalten, über die Spezies Mensch und den Umgang miteinander sowie mit der Natur.

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    Cover des Buches Der Revolver (ISBN: 9783257070613)

    Bewertung zu "Der Revolver" von Fuminori Nakamura

    Der Revolver
    letusreadsomebooksvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Faszinierend abgeklärter Roman über die Besessenheit eines jungen Mannes von seiner Schusswaffe.
    Hypnotisch und voller Twists

    Nishikawa, ein unscheinbarer Student, findet eines Abends im strömenden Regen eine Leiche. War es Mord? Oder Suizid? Obwohl er weiß, dass er den Tatort verfälscht und so nicht nur in die Ermittlungen eingreift, sondern auch zu einem potenziellen Verdächtigen wird, nimmt Nishikawa den Revolver an sich, die neben der Leiche liegt – er ist einfach zu verführerisch. Früher hat er sich nie für Waffen interessiert, doch nun wird nach und nach sein Lebensalltag von seinem Fundstück bestimmt. Je länger er den Revolver besitzt, desto größer wird sein Verlangen, ihn auch abzufeuern.

    Nishikawa berichtet abgeklärt, aber dennoch obsessiv von seinem Fund und was dieser mit ihm anstellt. Der Gedanke, den Revolver zu benutzen, lässt ihn nicht mehr los. Sein ganzes Leben richtet er nun nach dieser Waffe aus: jeglicher Gedanke an die in seiner Wohnung versteckte Tatwaffe beflügelt ihn und reißt ihn zu Handlungen hin, die ihm sonst eher fremd waren. Anstatt sich Sorgen über diese Entwicklung zu machen, fühlt sich Nishikawa befreit – endlich kann er aus seinem tristen Leben ausbrechen, ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich ihm, das Leben wirkt wie ein einziges großes Abenteuer.

    Startet der Roman zunächst noch ruhig und fast unscheinbar angesichts des spektakulären Fundes, nimmt er im Laufe immer mehr Tempo auf. Je länger Nishikawa den Revolver besitzt und je intensiver dieser Besitz von seinem Willen ergreift, desto hypnotischer wirkt die eigentlich schnörkellose, schlichte Prosa Nakamuras, übrigens wieder großartig übersetzt von Thomas Eggenberg.

    "Eines Tages würde ich den Revolver benutzen. Daran zweifelte ich keine Sekunde mehr. Im Besitz eines Revolvers zu sein bedeutete, dass jeder Tag von der Möglichkeit seines Gebrauchs aufgeladen war, bis irgendwann der richtige Zeitpunkt gekommen sein würde, um abzudrücken. Diese Gewissheit rückte die ferne Zukunft in greifbare Nähe, als besäße sie ein Eigenleben, das den ersten Schuss herbeizwingen würde. Und wenn nun die Zukunft schon entschieden war, sollte sie doch bitte bald Wirklichkeit werden. Der Wunsch nahm mich gefangen, raubte mir fast den Verstand."

    Nakamura entwirft ein äußerst spannendes Charakterportät seines Protagonisten, das sich mit der Frage nach dem Bösen und der Auswirkung von Macht auf das moderne Individuum auseinandersetzt. Hat Nishikawa schon immer eine dunkle Seite in sich getragen, die erst durch den Besitz der Waffe freigelegt wurde? Oder ist es einzig und allein die Macht über Leben und Tod, die ihm der Revolver vermittelt, welche ihn langsam aber sicher verrückt werden lässt? Ebenfalls wird das Konzept des freien Willens beleuchtet, wenn Nishikawa versucht, seinem Schicksal als Mörder zu entkommen und gegen den Gedanken ankämpft, dass der Besitz einer Waffe auch automatisch in ihrem Gebrauch enden muss. Auch wenn der Protagonist zu keiner Zeit wirklich sympathisch wirkt, ist man als Leser doch gebannt von seiner Entwicklung und seinem inneren Kampf und möchte bis zum letzten Kapitel endlich wissen, ob er den Revolver nun benutzt oder nicht – und dieses Ende kommt in der Tat überraschend und spektakulär.

    Fuminori Nakamuras Roman Der Revolver ist das Debüt des japanischen Noir-Autors, welches nun, sieben Jahre später, ins Deutsche übersetzt wurde. Auch wenn es für mich nicht an Nakamuras herausragendes Werk Die Maske herankommt, hat es mir dennoch unheimlich gut gefallen. Die immer stärker werdende Obsession des Protagonisten Nishikawa und das damit einhergehende steigende Tempo entfalten eine geradezu hypnotische Wirkung, die in einem exzellent ausgearbeiteten Finale à la Kanae Minato gipfeln.

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