miro76

  • Mitglied seit 21.08.2014
  • 46 Freunde
  • 430 Bücher
  • 291 Rezensionen
  • 428 Bewertungen (Ø 4.3)

Rezensionen und Bewertungen

Filtern:
  • 5 Sterne221
  • 4 Sterne132
  • 3 Sterne60
  • 2 Sterne14
  • 1 Stern1
  • Sortieren:
    Cover des Buches Das flüssige Land9783608964363

    Bewertung zu "Das flüssige Land" von Raphaela Edelbauer

    Das flüssige Land
    miro76vor 11 Stunden
    Kurzmeinung: Ein sehr schräger Ausflug in ein Dorf zwischen Wirklichkeit und Fantasie. gut geschrieben, aber doch sehr abgehoben.
    Sehr schräg!

    Ruth ist theoretische Physikerin und arbeitet an ihrer Habilitation über das Phänomen Zeit, als sie die traurige Nachricht erreicht, dass ihre beiden Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. 

    Der Wunsch der Eltern war es immer, in Groß-Einland, ihrer Heimatgemeinde beerdigt zu werden. Noch völlig durch den Wind von der Nachricht, macht sich Ruth auf den Weg. Sie weiß nur, dass sich die Gemeinde irgendwo im Gebiet des Wechsels befindet. Da der Ort in keinem Verzeichnis und auf keiner Karte zu finden ist, mäandert sie eher taumelnd durch die Gegend und hält sich an Erinnerungen aus Erzählungen.

    Tatsächlich findet Ruth diesen mysteriösen Ort. Der Zufall ist auf ihrer Seite. Mit völlig ramponiertem Auto erreicht sie den Marktplatz und wird prompt verwarnt. In Groß-Einland weht ein anderer Wind. Nur Einheimischen ist gestattet dort zu nächtigen. 

    Doch Ruth wird gebraucht, denn Groß-Einland hat ein Problem. Die Stadt zerfällt. Der Marktplatz sinkt ab, der Kirchturm neigt sich mehr als der schiefe Turm und mache Gassen sind nicht mehr passierbar, weil sich Löcher auftun, in denen Menschen verschwinden können.

    Groß-Einland steht auf einer riesigen Höhle, geschaffen von den Vorfahren in ihrer Bergbau-Gier. 

    Als Physikerin soll Ruth die Gemeinde stabilisieren. Ihr Auftraggeber ist die Gräfin, bei der alle Fäden zusammenlaufen. Der Ort ist wohl die letzte Monarchie. 

    Ruth beginnt Nachforschungen über den Ort, bezieht das Elternhaus ihrer Mutter und darf sogar noch ihre Großmutter kennenlernen, von der sie vorher nicht einmal ahnte, dass sie noch am Leben ist. 

    Alles ist irgendwie eigenartig, geheimnisvoll und verblendet in diesem Ort. Die Einwohner scheinen den Verfall nicht wahrzunehmen, oder sie ignorieren ihn einfach. Alles arbeitet daran ein großes Fest vorzubereiten, dass natürlich nur statt finden kann, wenn Ruth Erfolg hat.

    Der ganze Ort mutet sehr eigenartig an und Ruth stößt auf Geheimnisse aus der Nazizeit, die sie versucht einzuordnen. Sie meint sich etwas großem auf der Spur, doch die Wirklichkeit verläuft hier völlig anders. Was diesen Ort wirklich ausmacht, und was uns die Autorin mit dieser Geschichte mitteilen möchte, entzieht sich leider völlig meinem Vorstellungsvermögen. Ich habe „Das flüssige Land“ nicht ungern gelesen, aber alles in allem ist es mir zu schräg, zu abgefahren und ich kann keine echte Intention erkennen. 

    Ruth’s Tablettensucht könnte eine Erklärung für diese unglaubliche Reise sein, die schlussendlich endet, wo sie begonnen hat. Aber was hat sich verändert? 

    Ich bin nicht wirklich schlau aus der Lektüre geworden, aber das muss ja nicht immer sein. Ich hoffe, anderen Leser*innen ergeht es besser damit.

    Kommentare: 4
    4
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Die Spiegelreisende9783458178583

    Bewertung zu "Die Spiegelreisende" von Christelle Dabos

    Die Spiegelreisende
    miro76vor 2 Tagen
    Kurzmeinung: Etwas chaotisch, aber würdiger Abschluss. Habe mich gerne auf diese letzte Reise durch die Spiegel gemacht.
    Würdiger Abschluss

    Über den Inhalt muss hier nichts mehr verraten werden. Ophelia und Thorn kämpfen weiter gegen Gott und/oder den Anderen. Dabei erleben sie noch ganz einige Abenteuer und müssen Opfer bringen.

    Ihre Liebe stärkt sie und zusammen können sie einiges erreichen. Doch die letzte Reise oder den letzten Kampf müssen beide allein austragen.

    Beide Hauptfiguren haben sich weiterentwickelt. Ophelia findet ihre innere Stärke und Thorn beginnt sich selbst weniger zu verabscheuen. 

    Gut gefallen hat mir, wie Ophelia lernt ihre neue Familienkraft, die Krallen wirkungsvoll einzusetzen. Im Gegensatz zu Thorn hasst sie diese Kraft nicht. 

    Gut gefallen haben mir auch die Nebencharaktere - die lange bekannten: Reinecke, Gwenael und der Botschafter, aber auch die neuen Freundschaften aus Babel - Elisabeth und Oktavio.

    Der krönende Abschluss ist etwas verwirrend, aber in wie weit eine Fantasiegeschichte der Logik folgen muss, möchte ich nicht beurteilen. Das Grande Finale lässt etwas zu lange auf sich warten. Immer wieder wendet sich die Story und der Endkampf rückt wieder in die Ferne. Dennoch habe ich das Buch sehr gerne gelesen und habe mit Ophelia mitgefiebert, ob alles zu einem guten Abschluss kommt.

    Der Schluss ist härter als erwartet und völlig kitschfrei. Obwohl ich das bei dieser Geschichte auch vertragen hätte. Vielleicht bleibt aber diese kleine Detail offen, um doch noch einen fünften Band zu schreiben?

    Kommentare: 6
    11
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Vaters Wort und Mutters Liebe9783453272873

    Bewertung zu "Vaters Wort und Mutters Liebe" von Nina Wähä

    Vaters Wort und Mutters Liebe
    miro76vor 5 Tagen
    Kurzmeinung: Drama um eine 16-köpfige Familie, verkorkste Existenzen, Scheidung. Tod und Neuanfang. Interessante Lektüre!
    Eine Familiendrama

    Siri ist gute 50 Jahre alt. als sie beschließt ihrem Leben eine neue Wende zu geben. Sie hat 16 Kinder zur Welt gebracht - zwei davon sind sehr jung verstorben - und über 30 Jahre in einer lieblosen Ehe verbracht. Sie möchte noch einmal neu beginnen.

    Siri war einst ein Mädchen mit großen Träumen und Ambitionen. Sie war ein aufgewecktes, schlaues und mutiges Mädchen, das leider ohne Möglichkeiten und ohne Liebe aufgewachsen ist. Kein Wunder, dass sie die erste Gelegenheit ihr Elternhaus zu verlassen am Schopf packte. Während des Krieges hat sie den Soldaten Pentti kennengelernt und mit ihm zog sie in den Norden, nach Tornedal. 

    Vielleicht waren die beiden anfangs auch verliebt, aber beide waren unerfahren und haben nie gelernt Gefühle zu zeigen. Nach den Toden ihrer beiden Erstgeborenen ist der Funke Liebe, der die beiden verbunden hatte auch verloschen. Pentti hat sich zu einem verhärmten Vater und Bauer entwickelt, der seine Kinder in erster Linie als Arbeitskräfte sah und Siri wurde zu einer Gebährmaschine, die es nicht schafft, ihre Kinder auch nur annähernd gleich zu lieben und zu behandeln. Vielleicht ist es normal, bei so einer Schar, Lieblinge zu haben, doch Siri versucht nicht mal, das zu verbergen. 

    Ihre Kinder haben alle ihr Los zu tragen. Wenig Selbstwertgefühl, Alkoholismus, Gewalt und die Unfähigkeit zu Lieben quälen ihre Alltage. Alle versuchen auf ihren Weg sich vom Elternhaus zu befreien, doch wirklich gelingen will das nicht. Sie können ihre Herkunft nicht verleugnen. Erst muss es zu einer Tragödie kommen, alles muss zerbrechen, alle Bande müssen reißen, damit Freiheit erlangt werden kann.

    Aufgebaut ist dieser Roman wie ein Bühnenstück. Am Anfang jedes Kapitels gibt es einen kurzen Überblick, was passiert und wer vorgestellt wird - so wie eine Stimme aus dem Off. Die einzelnen Kinder bekommen Raum, schildern ihre Sicht des Lebens in dieser Familie oder lassen uns an ihrem Anteil an Wissen über die Geschehnisse teilhaben. 

    Von Anfang an durchdringt die Angst vor dem Vater die Schilderungen der Kinder. Lange fragt man sich als Leser*in, was genau die abartigen Auswüchse dieser Existenz ausmachen. Der Vater ist alles andere als ein Sympathieträger und doch, lässt uns die Autorin später über dieses Urteil nachdenken. Ihre Figuren sind hier nicht schwarz und weiß. Jeder trägt sein Schäufelchen Schuld, das alles so kommt, wie es vielleicht kommen musste. 

    Es ist keine schöne Geschichte. Die Wirklichkeit gestaltet sich hier vielschichtig und problembehaftet und wir lesen von Dingen, von denen wir lieber nicht lesen möchten. Diese Buch ist nicht immer angenehm, aber es ist auch nicht so spannend, wie es gerne sein möchte. Der Versuch Spannung aufzubauen war für mich nicht immer stimmig und manchmal habe ich ihn fast zwanghaft empfunden. Die Geschichte hätte diese künstlich aufgebaute Spannung nicht gebraucht. Es hätte ein Psychogramm einer traumatisierten Familie bleiben können, ohne die Züge eines Krimis. Dennoch habe ich diesen Roman gerne gelesen, mit den Geschwistern zum Teil auch mitgefiebert. Ihre Verschiedenheit lässt so viele Themen aufkommen, das macht das Buch sehr interessant. Den Anspruch auch spannend zu sein, hätte es für mich nicht gebraucht. 

    Kommentare: 10
    13
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Das tödliche Wort9783404209569

    Bewertung zu "Das tödliche Wort" von Genevieve Cogman

    Das tödliche Wort
    miro76vor 19 Tagen
    Kurzmeinung: Die Anlaufschwierigkeiten sind groß, aber nach 200 Seiten wird es tatsächlich wieder spannend. Für mich, das letzte dieser Reihe.
    Kommentare: 1
    )}
    Cover des Buches Der unsichtbare Garten9783453292406

    Bewertung zu "Der unsichtbare Garten" von Karine Lambert

    Der unsichtbare Garten
    miro76vor 21 Tagen
    Kurzmeinung: Ein unterhaltsamer Liebesroman mit versuchtem Tiefgang. Ein schwieriges Thema, das leider nur oberflächlich behandelt wird.
    Im Nachtgarten

    Vincent leidet an einem seltenen Gendefekt - er wird erblinden und es bleiben ihm gerade mal drei Wochen.

    Sein erster Impuls sind Überlegungen, was er noch alles sehen möchte, um schnell zu merken, dass sich das sowieso nicht ausgeht. 

    Seine Freundin verlässt ihn und er zieht sich aufs Land zurück in das Haus seines Großvaters. Dort fand er als Kind ein zuhause und dort möchte er leben. Er bringt den Garten wieder auf Vordermann bis ihn das Augenlicht ganz verlässt. 

    Der Schreck ist groß, als er aufwacht und merkt, dass er jetzt nichts mehr sieht. Er versucht sich im Haus zu orientieren, will sich Tee kochen, verbrüht sich und findet sich gar nicht mehr zurecht. Zum Glück hilft ihm die Nachbarin, die sich ebenfalls aufs Land zurückgezogen hat. 

    Und wie die Geschichte weitergeht, kann man sich jetzt eh schon denken. 

    Karin Lambert hat in diesem Roman viele Themen angeschnitten. Es geht um Freunde, die sich im Unglück abwenden, Eltern, die ihre Hilfe nicht dosieren können, Sinn und Unsinn von Alltäglichkeiten und der Suche einer neuen Tätigkeit. Natürlich wird auch der Umgang mit diesem Schicksalsschlag thematisiert. Aber bei allen Punkten bleibt die Autorin an der Oberfläche. Die Themen werden angerissen, aber nie weiter hinterfragt. Sie wagt sich nicht in der Tiefe der Krater und setzt sich nicht mit der dunklen Seite des Schmerzes auseinander. Für den Protagonisten läuft alles ziemlich glatt. Nahezu ohne Hilfe lernt er als Blinder selbständig zu sein, findet neue Freunde, einen neuen Sinn im Leben und eine neue Liebe. 

    Das ganze Happy-End wird zum Glück nicht ausführlich beschreiben. Das wäre mir definitiv zu kitschig gewesen. Es wird in einem Mini-Ausblick-Kapitel zusammengefasst. 

    Für meinen Geschmack läuft hier alles zu glatt. Das nimmt der Thematik an Gewicht. Fast scheint es, als hätte Vincent als Blinder ein wahrhaftigeres Leben. Das kann auch definitiv möglich sein, aber nicht innerhalb weniger Monate. 

    Als Unterhaltungsliteratur ist dieser Roman stimmig, aber hier wird ein Tiefgang angekündigt, den das Buch nicht bietet. Als Strandlektüre kann es aber durchaus unterhaltsam sein. 

    Kommentare: 16
    26
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Da sind wir9783423282208

    Bewertung zu "Da sind wir" von Graham Swift

    Da sind wir
    miro76vor 25 Tagen
    Kurzmeinung: Schöne Nebenerzählungen und Rückblenden, aber der Hauptteil bliebt zu wage. Das konnte mich nicht wirklich begeistern.
    Aber wohin gehen wir

    Zwei junge Männer im Rampenlicht und eine bezaubernde Frau - das kann nicht gut gehen. Der Klappentext verspricht hier eine Dreiecksgeschichte im Showmilieu der 50er Jahre. Für mich klang das verlockend.

    Doch die Dreiecksgeschichte steht hier definitiv nicht im Vordergrund. Die Beziehung zwischen Evie und Ronnie, dem Zauberer, bleibt insgesamt ziemlich blass. Er lernt sie kennen, weil er eine schillernde Bühnenassistentin braucht. Ihr Verlieben scheint hier auch eher praktischer Art und als er einige Tage die Stadt verlässt, lässt sie sich mit seinem "besten Freund" und Conferencier der Show ein. Während Ronnies Stern immer weiter aufsteigt und seine Tricks immer magischer werden, hat er seine Verlobte längst verloren und so bleibt auch ihm nichts anderes als zu verschwinden. Oder so, denn das wird hier leider nicht aufgeklärt. 

    In Rückblenden erfahren wir viel aus Ronnies Leben. Als Kind war er ein Evakuierter und hatte Glück Ersatzeltern zu finden, die seine Begabung geweckt haben. 

    Diesen Teil des Romans fand ich wunderschön und hier werden auch Ronnies Gefühle gut herausgearbeitet. Sein emotionales Bindungsdilemma kommt mehrmals zur Sprache. Doch als Erwachsener bleibt er uns Leser*innen fremd. Er wirkt kühl und abgeklärt, verrät weder seine Tricks, noch seine Emotionen. 

    Das Buch lebt von den Nebenschauplätzen, während die Haupthandlung etwas unausgegoren wirkt. Das mag natürlich beabsichtigt sein, sagt mir aber definitiv nicht zu. Das Ende kommt extrem abrupt und es wird nichts aufgelöst. Fast scheint es, als wüsste der Autor selbst nicht, was mit seiner Figur passiert ist. 

    Prinzipiell kann ich offenen Enden etwas abgewinnen. Es muss nicht immer alles bis ins letzte Detail ausformuliert sein, wir Leser*innen dürfen gefordert sein, aber hier ist definitiv zu viel offen geblieben. Dieses Buch hätte ein paar Seiten mehr vertragen. 

    Kommentare: 17
    32
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Hawaii9783446265868

    Bewertung zu "Hawaii" von Cihan Acar

    Hawaii
    miro76vor einem Monat
    Kurzmeinung: Wohin, wenn plötzlich alles wegbricht? Job, Freundin, Familie und Heimat, nichts ist mehr wie es sein sollte.
    Irrwege eines Ziellosen

    Kemal ist 21 und seine Karriere als Fußballprofi ist bereits vorbei. Er hat sich zu einem Straßenrennen verführen lassen und bei einem Unfall seinen Fuss zertrümmert. Seine glanzvolle Zukunft ist damit so schnell vorbei, wie sie begonnen hat. Was er jetzt aus seinem Leben machen soll, steht für ihn noch in den Sternen.


    Wir begleiten ihn 3 Tage lang auf seinen Streifzügen durch sein Viertel Hawaii in Heilbronn. Es ist ein sogenanntes Problemviertel, ein Migrantenviertel und auch Kemals Familie kam einst aus der Türkei. Er war ein guter Schüler, hat aber das Gymnasium nicht abgeschlossen, weil ein Fussballvertrag winkte. Jetzt hat er keine Ausbildung, keine Freundin und keine Heimat mehr, denn sein Viertel scheint ihm fremd geworden. 


    Er streift durch die Straßen, besucht eine türkische Hochzeit und eine deutsche Silberhochzeit, versucht seine Freundin zurückzuerobern und seinen Platz zu finden. Immer mehr drängt sich für ihn die Frage auf, was Heimat bedeutet und wo er diesen Platz finden könnte. 


    Als in der letzten Nacht die Unruhen zwischen Nazis und Türken eskalieren, fast er seinen Entschluss, sich auf den Weg zu machen.


    Cihan Acar nimmt uns mit auf dieser Suche nach Identität und Heimat. Wieweit hat Identität mit Herkunft zu tun? Oder mit der Berufswahl? Oder mit Familie und Freundschaften? 


    Der Protagonist kämpft mit allen diesen Fragen, die seine Person umkreisen und erkennt, dass er in Hawaii seine Antworten niemals finden wird. 


    Die Probleme der Viertels hat der Autor gut eingefangen. Ich kenne Heilbronn nicht, aber ich kenne meine Stadt und in meiner Stadt gibt es auch ein Hawaii. Ist man dort geboren, sind die Chancen automatisch schlechter, stehen nicht mehr alle Türen offen. Kein Wunder, dass sich damit nicht alle zufrieden geben wollen. Die Unruhen sich heftig hier, aber auch irgendwie nachvollziehbar beschrieben und das aktuelle Geschehen in Amerika zeigt uns, dass es jederzeit so weit kommen kann. 


    Mich konnte Kemals Geschichte fesseln und zeigt mir wieder ein Stück weit, die Probleme der zweiten Generation. Empfehlenswert!

    Kommentare: 11
    30
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Im Bauch der Königin9783832183943

    Bewertung zu "Im Bauch der Königin" von Karosh Taha

    Im Bauch der Königin
    miro76vor einem Monat
    Kurzmeinung: Aufwachsen in der Spannung zwischen deutscher und kurdischer Kultur, zwischen den Lebensweisen, zwischen den Wahrheiten.
    Zwischen zwei Lebensweisen

    Amal lebt mit ihrer Mutter und ihren kleinen Bruder in Deutschland. Der Vater hat die Familie verlassen, denn er konnte sich nicht einfinden in seine neue Rolle. In Kurdistan ist er Architekt, ein angesehener Mann. In Deutschland ist er Lagerarbeiter, der den Subtext in der Zeitung nicht versteht und dem seine Tochter bei den Hausaufgaben helfen muss.


    Amal ist ein rebellisches Mädchen. Sie ist mit den Jungs unterwegs, trägt lieber Hosen als Röcke und hat sich die Haare ganz kurz geschnitten. Sie weiß sich auch zu wehren und statt einzustecken, teilt sie lieber aus.


    Wir dürfen hier in ihre Gedankenwelt eintauchen und so sprunghaft wie Gedanken sind, kommt auch die Geschichte daher. Manchmal ist es schwierig, die Handlung in der Zeit zu verorten. Auf jeden Fall hat der Vater ein Lücke hinterlassen, die bei Amal manchmal in Aggression umschlägt.


    Mit 14 Jahren besucht sie ihren Vater und seine neue Familie im Irak und muss feststellen, dass er nicht mehr dem vermissten Bild entspricht. Sie kann ihren Vater endlich loslassen. Die Lücke kann sich schließen.


    Im 2. Teil erzählt Raffiq und jetzt wird es richtig verwirrend. Plötzlich ist er der beste Freund von Younes und nicht mehr Amal. Plötzlich ist Amal gut integriert in die Clique und nicht mehr das Mogli-Mächen ohne Freunde. 


    Ursprünglich dachte ich, die zwei Teile des Buches zeigen uns zwei Seiten der Wahrheit, aber es zeigt sich schnell, dass dem nicht so ist. Dann dachte ich kurz, wir lesen hier von einer alternativen Wirklichkeit. Vielleicht eine Wirklichkeit, in der Amals Vater die Familie nicht verlassen hat, aber auch das war es nicht. Bis kurz vor Ende dachte ich dann, es fügt sich nicht. Die Idee ist gut, aber sie geht leider nicht auf.


    Doch dann kratzt die Autorin doch noch die Kurve und die Zusammenhänge werden klar. In beiden Teilen schaffen es die Jugendlichen sich ihrer Väter zu entledigen. Väter, die sowieso nicht da waren, deren Fehlen aber Spuren hinterlassen hat. 



    Er setzt seinen Vater von seinem Rücken ab ...

    Beiden gelingt ein glückliches Leben erst nach dieser Loslösung. Und es geht hier wahrscheinlich nicht nur um den Vater, sondern auch um dessen Kultur, dessen Heimat, dessen Lebenseinstellung.


    Amals Wandlung können wir im 2. Teil lesen, für Younes bleibt die Hoffnung am Ende, aber es scheint, auch er wird sein zuhause finden.


    Im Bauch der Königin ist kein einfaches Buch. Der erste Teil liest sich etwas sperrig. Er ist sehr poetisch und folgt nicht den Regeln klassischer Erzählkunst und im ganzen Buch steckt sehr viel Subtext. Ich denke, im Arabischen ist das eine gängige Form zu erzählen. Wir Deutschsprachigen sind da viel direkter. Man muss diese Buch also langsam lesen und ein bisschen wirken lassen. Aber dann bietet es einen guten Einblick in ein Leben zwischen den Kulturen.

    Kommentare: 14
    28
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Mein Sommer mit Anja9783737100717

    Bewertung zu "Mein Sommer mit Anja" von Steffen Schroeder

    Mein Sommer mit Anja
    miro76vor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine berührende Coming-of-Age Story oder wie sich langsam Schatten in die unbeschwerte Kindheit schleichen! Berührend und spannend!
    Das Ende einer Kindheit

    Konrad ist 13 Jahre alt und lebt am Rand von München. Sein bester Freund Holger ist leicht behindert, aber die beiden entwickeln eine Freundschaft, die diese Tatsache nicht ignoriert sondern manchmal auch zu nutzen weiß. Wenn Holger seinem Freund "Spastblick" zuruft, können die zwei ordentlich Mitleid haschen.

    Die beiden leben in den Tag hinein. Sie vergnügen sich im Freibad oder in ihrem geheimen Lager hinter den Dornen. Bis sie dort eines Tages Taschen mit Kleidung und einen Schlafsack finden. 

    Die Besitzerin dieser Sachen ist Anja und sie ist aus dem Kinderheim geflohen. Aus dem Zweiergespann wird schnell eine Dreiergruppe und Anja schafft es, Holger aus sich heraus zu locken. Während die Drei den Sommer genießen, beginnt Konrad langsam zu begreifen, dass es im Leben mehr gibt als Sprünge ins kalte Nass, Wassereis und Sonnenschein. 

    Anja gibt zwar nicht viel Preis von ihrem Schicksal, aber trotzdem beginnt sich immer wieder ein Schatten über ihnen auszubreiten. Doch da hat sich Konrad längst in Anja verliebt und wünscht sich nichts mehr, als sie zu beschützen.

    Steffen Schröder hat hier einen einfühlsamen Coming-of-Age Roman vorgelegt. Er weiß, mit vorsichtigen Worten viel auszudrücken. Dieses Buch drückt nicht auf die Tränendrüse, aber zwischen den Zeilen lässt er schreckliches vermuten. 

    Der Autor füttert  uns nicht mit einer dramatischen Geschichte.. Er erzählt viel lieber von Freundschaft und von einem unvergesslichen Sommer. Auch wenn dieser nicht ewig wären kann. Er zeigt hier die Grenzen der Hilfsbereitschaft eines Kindes auf. Der Wille ist ganz klar da, aber die Möglichkeiten können sich noch nicht wirklich entfalten. Sein Protagonist ist einfach noch zu jung, um das ganze Ausmaß zu erfassen. 

    Mir gefällt gut, wie sehr das Buch dadurch aus dem Leben gegriffen ist. Der Junge wird nicht zum großen Held der Geschichte. Er bleibt ein Junge, der lernt, dass es Böses gibt in der Welt, auch wenn seine Welt noch Vorstadt ist. 

    Die Geschichte strotzt vor Leichtigkeit und zwischendurch blitzt immer wieder Schatten auf. Hier ist viel Spielraum für uns Leser*innen. Ich mag es gerne, wenn manches einfach offen bleibt und wir Leser*innen auch nicht mehr wissen, als die handelnden Figuren. 

    Mein Sommer mit Anja ist vielleicht nicht unbedingt ein Sommerroman, aber es ist eine schöne und berührende Geschichte übers Erwachsen-werden und ich empfehle sie allen, die diese Thematik mit Tiefgang mögen!


    Kommentare: 6
    23
    Teilen
    )}
    Cover des Buches Giovannis Zimmer9783423282178

    Bewertung zu "Giovannis Zimmer" von James Baldwin

    Giovannis Zimmer
    miro76vor einem Monat
    Kurzmeinung: Homosexualität in den 50er Jahren - eigentlich eine Unmöglichkeit. Bewegend und berührend!
    Eine unmögliche Liebe

    David flieht vor seiner sexuellen Ausrichtung nach Paris und erhofft sich da ein wahrhafteres Leben. Doch er kann sich selbst nicht entfliehen und so steuert er unausweichlich dem Drama entgegen.

    Seine Freundin ist für unbestimmte Zeit nach Spanien verreist, um sich Klarheit über ihre Beziehung zu verschaffen. In dieser Zeit lernt David den stürmischen und wunderschönen Giovanni kennen und irgendwie auch lieben. Doch als seine Freundin zurück kommt, verlässt er Giovanni ohne Worte des Abschieds und lässt diesen ohne Augenzwinkern ins Unglück stürzen. Denn David ist ein Zerissener, der nicht lieben kann und schlußendlich alles verliert.

    Die Vorstellung homosexuell zu sein lässt sich nicht mit Davids Vorstellung von einem guten Leben vereinbaren, denn das beinhaltet Ehe und Kinder. Er ist ein Kind seiner Zeit und in Amerika wurde Homosexualität verfolgt und mit Repressalien bestraft. Auch wenn es in Paris definitiv lockerer ist, fühlt er sich in seiner Identität trotzdem am Rand der Gesellschaft. Er möchte sein, was er nicht werden kann und geht sich dabei selbst verloren. 

    Sasha Marianna Salzmann schreibt im Nachwort: 

    Die Last der Scham wird fortan zum bestimmenden Element seines Lebens, mit ihr geht er hinaus in die Welt und richtet Grausames an.

    David schafft es nicht, diese Scham abzuwerfen und stürzt damit nicht nur sich selbst ins Unglück.

    Eigentlich ein undenkbares Buch und kaum zu glauben, dass der Autor den Mut fand es 1956 zu veröffentlichen. Allerdings geht er sehr behutsam mit seiner Leserschaft um. Es gibt keine Bettszenen zwischen den Männern. Es werden nur vorsichtige Berührungen ausgetauscht. Die Liebe blitzt zwischen den Zeilen auf, während er sich nicht scheut den Sex zwischen den Geschlechtern anschaulich zu beschreiben. Vielleicht hebt auch das die Zerrissenheit seines Protagonisten hervor.

    Das Buch ist keine leichte Kost, denn man fühlt mit dem Erzähler, der seine Gedanken und Erinnerungen an die Geschehnisse Revue passieren lässt. Und es bleibt offen, wie es mit ihm weitergehen wird. Er ist definitiv ein Leidender und er ist einer von Vielen. 

    Ich empfinde es als sehr berührend, von diesem Schicksal zu lesen, denn es gibt immer noch Menschen, die mit dieser Scham zu kämpfen haben. Alle jene, die in ländlichen und womöglich katholischen Umfeld aufgewachsen sind, müssen diese eingeimpfte Scham erst hinter sich lassen. Gelingt dies nicht, kommt es zu einem zerrissen Leben wie hier bei David. 

    Dieses Buch war seiner Zeit sicher voraus, hat aber an Aktualität noch nichts eingebüßt und zeigt auf, wie wichtig es ist, dass die Pluralität unserer Gesellschaft endlich wirklich zu Normalität wird. 

    Ein beeindruckendes Werk, nicht ganz einfach zu lesen, aber es zahlt sich aus!

    Kommentare: 9
    36
    Teilen
    )}

    Über mich

    Lieblingsgenres

    Romane, Kinderbücher, Jugendbücher, Klassiker, Fantasy

    Mitgliedschaft

    Freunde

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks