
nana_what_else
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Bewertung zu "Brackwasser - Stille Wasser sind tief. Und manche sogar tödlich …" von Jana Stieler
nana_what_elseKurzmeinung: What a ride! Brackwasser bietet mitreißenden Thrill mit Pageturner-Qualität und Lokalkolorit.
Brackwasser von Jana Stieler
Julias Verschwinden blieb ein Rätsel, aber sie war nicht wirklich fort. Sie verfolgte mich beharrlich. Julia war immer da, wie die Grundierung auf einer Leinwand, die alle Farben darauf beeinflusst, auch wenn man sie nicht bewusst wahrnimmt. (Brackwasser von Jana Stieler, Seite 35)
Das verspricht der Klappentext: Zwei entfremdete Schwestern. Ein Grab im Wald. Und ein Geheimnis, das auch nach Jahrzehnten noch tödlich ist…
Vor über zwanzig Jahren hatte Svea sich geschworen, nie wieder in die Heimat zurückzukehren. Nach einem Sommerfest verschwand Sveas beste Freundin ohne jede Spur. Aber nun wurde ihre Leiche gefunden, tief im Wald versteckt. Für Svea steht der Schuldige fest: ihr Schwager, der damals mit ihrer Freundin zusammen war. Keiner kennt die Wälder an der Schlei so gut wie er. Svea will ihre Schwester Fenja und deren Kinder mit allen Mitteln vor dem überzeugten Prepper schützen. Doch Fenja misstraut ihr zutiefst – und Svea kann ihr nicht sagen, was in jener Nacht wirklich geschah… [Textrechte: Limes, Penguin Random House]
Doch ich gebe mich längst nicht mehr der Illusion hin, das Wissen würde den Schmerz lindern. Wissen ist Macht, so behauptet man, aber Trost habe ich darin nie gefunden. (Brackwasser von Jana Stieler, Seite 325)
Persönlicher Leseeindruck: Mit Brackwasser wagt sich die Autorin Jana Stieler erstmals in Thriller-Gefilde und erweist dem Genre, in dem sie sich lesbar wohlfühlt, ab Seite 1 alle Ehre.
Auf verschiedenen Zeitebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven entfaltet sich die Geschichte der Hinterbliebenden von Julia, die vor über zwanzig Jahren – auf bisher ungeklärte Weise – tot im salzigen Wasser der Schlei aufgefunden wurde.
Für ihre Familie, für ihren Partner, für ihre beste Freundin Svea ist seither nichts mehr, wie es einmal war: Schuldzuweisungen, verdrängte Wahrheiten und lang gehegte Verdachte vergiften das Leben aller, die Julia zurückließ. Und so werden sie auch Jahre nach der Tragödie Nacht für Nacht von der gnadenlosen Frage verfolgt: „Wer hat Julia ermordet?“ Als Svea nach dem Tod ihres Onkels in die Heimat ihrer Kindheit zurückkehrt, tritt sie damit Ereignisse los, die sie nicht nur in höchste Gefahr bringen, sondern auch der Antwort auf diese Frage näher und näher und näher …
Die gekonnte Verflechtung verschiedener Handlungsstränge lässt viele der Figuren, die allesamt keine blütenreine Weste und mehr oder minder viel auf dem Kerbholz haben, ins Zentrum des Verdachts rücken: Da ist etwa Erik, der gewalttätige Jugendfreund von Julia, der einer rechtsextremen Prepper-Gemeinde angehört, Sveas Onkel, nach dessen Tod Verstörendes zu Tage kommt, der charmante Till, der schon als Jugendlicher vergeblich für ein Mädchen schwärmte … und nicht zuletzt Svea selbst, die sich zunehmend selbst misstraut.
Der Roman wartet mit so manchem Schocker auf, kommt dabei jedoch weitgehend ohne Splatter aus und punktet vielmehr durch subtil platzierte Spannungs- und Verdachtsmomente, psychologische Tiefe und sich stetig steigernden Nervenkitzel.
Durch häufige Perspektivwechsel und Rückblenden entsteht eine spannende Dynamik, die das Gefühl vermittelt, als Leser direkt in ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel hineingezogen zu werden.
Das atmosphärisch geschilderte Setting an der Meeresbucht der Schlei, das sich mal als pittoreskes Idyll, mal als schauderhafter Albtraumort präsentiert, transportiert die Zerrissenheit der Figuren und verstärkt die Stimmung allgegenwärtiger Bedrohung meisterhaft.
Auch wenn sich das Ende von Brackwasser für mich zunächst nicht vollkommen stimmig anfühlte, muss ich sagen, dass die Auflösung wirklich ausgeklügelt und vollkommen unvorhersehbar ist. Für meinen Geschmack hätte dieser Thriller auch ruhig noch 100 Seiten mehr auf die Waage bringen können; gerne wäre ich noch viel tiefer in die einzelnen Handlungsstränge und Lebenswelten der Protagonist:innen abgetaucht.
Fazit: What a ride! Brackwasser ist ein spannender Whodunnit, der ohne klassische Detektivfigur auskommt, es aber schafft, im Laufe der Erzählung alles und jeden verdächtig erscheinen zu lassen und den Leser so bis zur letzten Seite miträtseln lässt. Brackwasser bietet mitreißenden Thrill mit Pageturner-Qualität und Lokalkolorit.
Ein herzliches Dankeschön an Jana Stieler, lovelybooks.de und den LIMES Verlag für das Rezensionsexemplar, das mir zur Verfügung gestellt wurde.
Brackwasser von Jana Stieler
Paperback/Klappenbroschur, 368 Seiten | Limes Verlag | ISBN 978-3-8090-2792-8
Kurzmeinung: Viel ungenutztes Potential, alles in allem bleibt leider ein etwas farbloser Gesamteindruck.
[Rezension] Waldinneres von Mónica Subietas
Er weinte, wie er es nicht gekonnt hatte, als er sich von seiner Familie verabschiedete. Die verdammte Würde hatte ihn daran gehindert. Die Würde war nutzlos.
[Waldinneres von Mónica Subietas, Seite 34]
Das verspricht der Klappentext: Eine Flucht vor den Nazis und ein Geheimnis, das bis in die Gegenwart reicht. Ein jüdischer Kunstsammler rettet sich mit Fluchthelfern vor den Nazis in die Schweiz, doch seine Spur verliert sich im Dickicht eines Waldes. Zurück bleibt nur sein Gehstock, darin eingerollt ein kleines Gemälde.
Siebzig Jahre später betritt Gottfried Messmer das Foyer einer Bank in Zürich. Im Schließfach seines Vaters findet er einen echten Klimt. Wie kam sein Vater an dieses Bild? Und wo ist sein wahrer Besitzer? Gottfried muss sich einem Familiengeheimnis stellen, das weit in die Geschichte seines Landes zurückreicht.
Mónica Subietas‘ bewegender Roman „Waldinneres“ erzählt von Liebe, Freundschaft und Verrat, von finsteren Zeiten und glücklichen Tagen. [Textrechte: S. Fischer Verlag]
Als junger Mensch bist du dir der Folgen deines Handelns nicht bewusst. Du weißt noch nicht, dass deine Geschichte die Summe deines Denkens und Handelns ist.
[Waldinneres von Mónica Subietas, Seite 34]
Mein persönlicher Eindruck: Ein historischer Roman, der im (österreichischen) Kunstmilieu angesiedelt ist und sowohl Kriminal- als auch Generationengeschichte in sich vereint? Klingt wie für mich geschrieben. Doch leider konnte ich mit Waldinneres nur an der Oberfläche einer Geschichte entlangspazieren, in die ich eigentlich gerne viel tiefer eingetaucht wäre.
Waldinneres von Mónica Subietas erzählt die Geschichte des – titelgebenden – Gemäldes „Waldinneres“ von Gustav Klimt; oder vielmehr die Geschichte seiner glücklosen Besitzer.
Mit Gottfried Messmer trifft man auf einen von Schicksalsschlägen gebeutelten Protagonisten, der einem trotz aller Hürden und Grausamkeiten, die ihm das Leben beschert, als beinahe unheimlich unbekümmerter Charakter, als jedermanns Freund vorgestellt wird – und für den sich dennoch erstaunlicherweise keine echte Sympathie einstellen will. Auch die anderen Figuren bleiben merkwürdig blass, sodass einem das Erzählte trotz seiner Brisanz kaum nahe geht.
Die Geschichte entfaltet sich auf zwei Zeitebenen – einmal beginnend im Jahr 1942, einmal 2009 – und zeigt so auf (oder versucht es zumindest), wie Nazi-Gräuel zu generationenübergreifendem Leid und vererbter Schuld führten. In Gestalt der Kinder und Kindeskinder (vermeintlicher) Täter und Opfer werden im Rahmen einer (zu vorhersehbaren) Kriminalhandlung Themen wie Wiedergutmachung und Vergeltung verhandelt.
Doch trotz der sorgfältigen Recherche der Autorin streift Waldinneres die wirklich interessanten, großen Themen nur sacht – fast schon fahrlässig marginalisiert werden sie, anstatt sie mutig anzupacken. Gestohlene Leben und geraubte Kunst, tradierte Schuld, vererbte Traumata, der Preis von Zivilcourage und Gier, die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges: Aus meiner Sicht wurde hier eine große Chance vertan, sich in den wichtigen Fragen festzubeißen, dort nachzubohren, wo es wehtut und Einblicke zu gewähren in bewegende, oft übersehene Aspekte der Geschichte.
Die nüchterne, schlichte Sprache, die kurzen Kapitel und nicht zuletzt die Perspektivwechsel machen den Roman zu einer „süffigen“ Lektüre. Man rauscht durch die Seiten, hat aber selten bei einem Satz das Bedürfnis, innehalten zu wollen, um ihn sich nochmals auf der Zunge zergehen zu lassen.
Gottfried bevorzugte italienische Kaffeemaschinen, weil sie ihn an Gloria erinnerten, seine erste Frau. Sie hatte ihm beigebracht, aus dem Kaffeesatz zu lesen, der in der Tasse zurückblieb. Julias Kapseln hinterließen kaum Kaffeesatz, und ohne Kaffeesatz gab es keine Zukunft, die man lesen konnte. „So weit ist es durch diese Kapseln gekommen. Es gibt keine Zukunft mehr.“ Er lachte über seine eigene Übertreibung. „Oder eine Zukunft voller Müll.“
[Waldinneres von Mónica Subietas, Seite 20]
Fazit: Obwohl durch Zeitsprünge und geschickte Vernetzungen eine durchaus spannende Handlungsdynamik entsteht und Waldinneres kurzweilige Lektüre bietet, bleibt der Gesamteindruck farblos. Zu seicht sind die Figuren, zu konstruiert wirkt das Netz, das sich von den 40ern bis in die Jetztzeit spinnt, und in dem sich beinahe alle Figuren letztlich verfangen, zu wenig Raum wird der Historie und ihrer Aufarbeitung eingeräumt.
Der nationalsozialistische Kunstraub bleibt leider eher eine blasse Folie, vor welcher sich eine unterhaltsame, wenn auch bis zuletzt profan bleibende Kriminalgeschichte entspinnt, anstatt als Handlungsmotor oder Ausgangspunkt für ein tieferes Eintauchen in unbequeme, aber beleuchtungswürdige Aspekte des Menschseins und der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu dienen.
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Waldinneres von Mónica Subietas
Originaltitel: El bosque en silencio | Übersetzung: Aus dem Spanischen übersetzt von Lisa Grüneisen | Gebundene Ausgabe, 256 Seiten | S. Fischer Verlag | ISBN 978-3-10-397083-8
Kurzmeinung: Wir sehen in uns, was andere uns sehen lassen. Jean-Paul Sartres Stück ist ein intensives Lesevergnügen!
"Geschlossene Gesellschaft" von Jean-Paul Sartre
… die Hölle, das sind die anderen.
Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 59
Das sagt der Verlag: Geschlossene Gesellschaft: Drei Personen, die im Leben einander nie begegnet sind, werden nach ihrem Tod für alle Ewigkeit in einem Hotelzimmer zusammen sein. Das ist die Hölle.
Aufmachen! Aufmachen! Ich nehme alles hin: Beinschrauben, Zangen, flüssiges Blei, Halseisen, alles, was brennt, alles, was quält, ich will richtig leiden. Lieber hundert Stiche, lieber Peitsche, Vitriol als dieses abstrakte Leiden, dieses Schattenleiden, das einen streift, das einen streichelt und das niemals richtig weh tut.
Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seiten 54-55
Persönlicher Leseeindruck: L’enfer, c’est les autres. Die Hölle, das sind die anderen. Auch, wenn ich mir als Agnostikerin mit Tendenz zu Wurschtigkeit/Frust gegenüber religiösen Themen nicht viele Gedanken darüber mache, was auf uns zukommt, wenn wir erstmal über die Regenbogenbrücke gegangen sind, den Löffel abgegeben, das Zeitliche gesegnet, ins Gras gebissen und schlussendlich die Radieschen von unten betrachtet haben, hat den nie-müden Ungustl in mir dieses Zitat immer auf verdrehte Weise angesprochen. Als Österreicher/in bekommt man das misanthrope Grantler-Gen ja praktisch frei Haus mitgeliefert und deshalb schien’s – nachdem mir diese eine Zeile immer wieder in der Zeitung, in Podcasts, Träumen und dem Kaffeesatz unterkam und ich mich irgendwann beim Sehen der Nachrichten dabei erwischt habe, wie ich sie passiv-aggressiv wie ein Mantra vor mich hinmurmelte – quasi meine heilige Pflicht zu sein, den Text, aus dem diese weisen Worte stammen, mal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Scherz beiseite. Ich wollte mich schon seit Ewigkeiten etwas genauer mit Sartre befassen und wann ließe sich ein Text mit dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ wohl besser lesen als während einer globalen Quarantäne?
Wir nämlich machen die Augenlider auf und zu. Zwinkern nannte man das. Ein kleiner schwarzer Blitz, Vorhang zu, Vorhang auf: Das war die Unterbrechung. Das Auge wird feucht, die Welt verschwindet. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erholsam das war. Viertausend Pausen in einer Stunde. Viertausend kleine Fluchten.
Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seiten 13-14
Das Stück kommt erwartungsgemäß mit sehr überschaubarem Personal aus: Inés, Estelle und Garcin sind die verblichenen ProtagonistInnen, die nach und nach von einem höflich-distanzierten Kellner in das Hotelzimmer geführt werden, welches die wiederum recht kleine, aber außergewöhnliche Bühne für die gesamte Handlung darstellt.
Kurz, es fehlt hier jemand: der Folterknecht.
Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 28
Ein fensterloser Raum, drei verschiedenfarbige Sofas – hellblau, spinatgrün und bordeauxrot, eine Büste, keine Spiegel, eine verschlossene Tür samt Klingel, die nicht funktioniert. Das Zimmer enthält praktisch nichts, was Zerstreuung bieten könnte. Wie trostlos und qualvoll eine Ewigkeit in solch kargem Umfeld ist, geht den drei Verdammten jedoch nicht gleich auf: Denn zunächst warten sie noch getrieben und verzweifelt auf das Erscheinen eines Folterknechts. Den jedoch scheint es nicht zu geben; Inès, Estelle und Garcin sind einander fortan die einzige Gesellschaft und langsam kommt die höllische Ménage-à-trois zu der Erkenntnis:
Die Hölle, das sind die anderen. Nicht, wegen der Gräueltaten, die sie begehen oder weil das ewige Aufeinanderhocken, von dem es kein Entrinnen gibt, irgendwann unerträglich wird. Sondern deshalb, weil wir uns nur erkennen, wenn andere Augen uns sehen. Das Bild, das andere von uns haben, ist der Rahmen, in dem wir unser Leben leben und erleiden, ein Gefängnis zu Lebzeiten und danach.
Man stirbt immer zu früh – oder zu spät. Und nun liegt das Leben da, abgeschlossen; der Strich ist gezogen, fehlt nur noch die Summe. Du bist nichts andres als dein Leben.
Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 57
Ist man, wenn man von anderen nicht wahrgenommen wird? Kann man etwas anderes sein, als das, was die anderen in einem sehen?
Besonders schön finde ich, dass in der Rowohlt Ausgabe das gesprochene Vorwort zur Schallplattenaufnahme abgedruckt ist, in der Sartre mit Missinterpretationen aufräumt: „Man glaubte, ich wolle damit sagen, dass unsere Beziehungen zu andren immer vergiftet sind, dass es immer teuflische Beziehungen sind. Es ist aber etwas ganz anderes, was ich sagen will. Ich will sagen, wenn die Beziehungen zu andern verquer, vertrackt sind, dann kann der andre nur die Hölle sein. Warum? Weil die andren im Grunde das Wichtigste in uns selbst sind für unsere eigene Kenntnis von uns selbst. Wenn wir über uns nachdenken, wenn wir versuchen, uns zu erkennen, benutzen wir im Grunde Kenntnisse, die die andern über uns schon haben. Wir beurteilen uns mit den Mitteln, die die andern haben, uns zu unserer Beurteilung gegeben haben. Was ich auch über mich sage, immer spielt das Urteil anderer hinein. Was ich auch in mir fühle, das Urteil andrer spielt hinein, Das bedeutet, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von andren. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle.“ (Seite 61)
Wir sind in der Hölle, meine Kleine, es kommt nie ein Versehen vor,
und die Leute werden niemals für nichts verdammt.
Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 27
Fazit: Wir sehen in uns, was andere uns sehen lassen. Jean-Paul Sartres Stück ist ein kurzweiliges und intensives Lesevergnügen mit viel Tiefgang und einer Botschaft, die nie aktueller war als heute.
Geschlossene Gesellschaft von Jean Paul Sartre. Stück in einem Akt.
Originaltitel: Huis clos | Übersetzung: Traugott König | Taschenbuch, 75 Seiten
Rowohlt Taschenbuch | ISBN: 978-3-499-15769-1
Kurzmeinung: Für mich war der im Suhrkamp Verlag erschienene Gedichtband Turrinis ein durchwachsenes Leseerlebnis.
"Im Namen der Liebe" von Peter Turrini
Solange die Existenz
und die Lage
des Paradieses
nicht geklärt sind
halte ich mich
an dich.
Aus: Im Namen der Liebe von Peter Turrini, Seite 27
Das verrät der Klappentext: Am Anfang steht das Glück der jungen Liebe. Es folgen die ersten Trübungen. Sie steigern sich über Betrug und Lüge bis zum Kampf, führen in die Verzweiflung, fast in den Irrsinn und enden doch schließlich in der Versöhnung der Liebenden. In seinem Gedichtband schreibt Peter Turrini in einem Ton, der von sanfter Heiterkeit bis zu kühler Ironie, von sachlicher Ernsthaftigkeit bis hin zu schamloser Offenheit reicht, von der Entwicklung einer Liebe. [Textrecht: Suhrkamp]
Persönlicher Leseeindruck: Der Band – so heißt es in den einführenden Worten – enthält Gedichte, die sich mit allen Phasen des Liebens und Geliebt-Werdens beschäftigen, wobei schon hier latent das Memento Mori mitschwingt. Denn dass die Liebe ein Phänomen mit eher geringer Halbwertszeit und eine emotionale Möbiusschleife ist, deren Höhen zugleich ihre Tiefen sind, scheint innerste Überzeugung des Autors – oder zumindest Programm des dünnen Bändchens zu sein.
Wenn du gehst, will ich alles:
Das Geflüster.
Die Entdeckung.
Die Hingabe.
Die Raserei.
Den Schrei.
Das Aufatmen.
Das Verweilen.
Den Halbschlaf.
Zeit.
Wenn du bleibst, will ich nichts.
Aus: Im Namen der Liebe von Peter Turrini, Seite 41
Während einige der Gedichte auf der Zunge und im Herzen wie Schokoladeneis in der Sonne zergehen, manche Zeilen immer wieder gelesen werden wollen und dabei vollendet einfach sind, driften einige schnell und massiv ins Obszöne ab, wirken sprachlich lieblos und unausgegoren, leben von Vulgarität und Bildern, die mit Liebe so viel zu tun haben, wie ein Fisch mit dem Fliegen.
Einen Großteil der Texte würden wohl nur noch Menschen, die ein noch zynischeres Verhältnis zur Zweisamkeit als ich haben, noch als Liebesgedichte bezeichnen. Und die würden wohl nicht zu einem Gedichtband mit dem Titel Im Namen der Liebe greifen. Soweit meine Spekulation.
Vermutlich wäre an dieser Stelle sogar eine Triggerwarnung angebracht:
Selbstverletzung und -zerstörung haben nichts mit Liebe zu tun. Eifersucht hat nichts mit Liebe zu tun. Ignoranz und Gewalt haben nichts mit Liebe zu tun. Auch wenn sie angeblich im Namen der Liebe geschehen.
Die Wahrheit ist:
Ich bin unfähig
zu lieben.
Ich kann nur nicht genug
von dieser Unfähigkeit kriegen.
Aus: Im Namen der Liebe von Peter Turrini, Seite 111
Fazit: Für mich war der im Suhrkamp Verlag erschienene Gedichtband Turrinis ein durchwachsenes Leseerlebnis.
Im Namen der Liebe von Peter Turrini
Taschenbuch, 125 Seiten | Suhrkamp Verlag 2005 | ISBN: 978-3-518-45705-4
Kurzmeinung: Der Grusel, der sich durch diesen Roman zieht, ist schaurig-schön, von der leisen Sorte.
"Der Ozean am Ende der Straße" von Neil Gaiman
„Wenn ich in meinem Buch las, hatte ich vor nichts Angst.“
Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 74
Das sagt der Verlag: Anlässlich einer Beerdigung kehrt ein Mann mittleren Alters in seinen Heimatort zurück. Das Haus, in dem er aufwuchs, steht längst nicht mehr, doch es zieht ihn zu der Farm am Ende der Straße. Hier lebte früher Lettie Hempstock mit ihrer Mutter und Großmutter. Der Mann hat seit Jahrzehnten nicht mehr an die außergewöhnliche Lettie gedacht. Doch nun kehren die Erinnerungen wieder zurück: an den Ententeich, der angeblich ein Ozean sein soll.
Ich sehne mich nicht nach meiner Kindheit, aber ich sehne mich nach der Freude, die ich früher an kleinen Dingen fand, selbst wenn weit wichtigere Dinge im Argen lagen. Ich hatte keine Macht über die Welt, in der ich lebte, ich konnte nicht vor Dingen oder Menschen oder Augenblicken fliehen, die mir wehtaten; aber ich freute mich über die Dinge, die mich glücklich machten.
Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 199
Persönlicher Leseeindruck: Als ich klein war, lebte ich mit meiner Familie in einer kleinen Wohnung in deren Gang die alte Hammondorgel meines Vaters stand. Das Pedal der Orgel war in einer Aussparung angebracht, die wie ein kleines schwarzes Loch im Instrument klaffte. Meinen Schwestern und mir diente das schwarze Loch in der Elektro-Orgel als gut getarntes Versteck für Edelsteine und unbezahlbare Kostbarkeiten und Schätze (Dabei handelte es sich im Wesentlichen um Murmeln in jeder Form und Farbe und Kaugummis aus dem Automaten um die Ecke, die 10 Groschen (!) kosteten und bei Nicht-Kennern ebenfalls als Murmeln durchgingen. Jedenfalls eine Zeit lang.).
Irgendwann träumte ich, ich könnte durch das Loch ins Innere der Hammond kriechen und dort würde sich mir Narnia-like eine ganz neue Welt auftun. Am nächsten Morgen kraxelte ich aus dem Stockbett, schlich in den Gang und war überzeugt davon, ab sofort regelmäßig von dem neu entdeckten Portal Gebrauch machen und eine völlig neue Welt hinter dem Klavier erkunden zu können.
Der langen Rede kurzer Sinn? Auch wenn das mit dem Erkunden der Welt hinter der Hammondorgel – soweit ich mich entsinne (?) – nicht geklappt hat, erinnere ich mich noch genau an dieses Gefühl aufgeregter und absoluter Gewissheit, dass bei uns zwischen Wohnzimmer und Bad etwas Magisches im Gange war. Meistens bin ich zu sehr damit beschäftigt so zu tun, als wäre ich erwachsen und dann vergesse ich, dass ich eine geheime Abkürzung in eine Parallelwelt kenne. Aber in den Momenten, in dem das Erwachsene-Imitieren (Tarnen und Täuschen!) mich nicht völlig einnimmt und die Magie im Keim erstickt, bin ich noch immer überzeugt davon, dass hinter dem Klavier meines Papas das Abenteuer zu Hause ist. Dieses Gefühl in Worte gepackt: Das ist der Stoff, aus dem „Der Ozean am Ende der Straße“ gemacht ist.
„In jener Nacht, in jenem Haus, träumte ich seltsame Dinge. Ich wachte in der Finsternis auf und wusste nur: Mir hatte ein Traum solche Angst eingejagt, dass ich aufwachen oder sterben musste.“
Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 143
Von bösen Zaubern, wackeren Weggefährten, den albtraumhaft-gesichtslosen Schrecken der Nacht, vom Vergessen und Erinnern, den leider realen – aber nicht minder unglaublichen – Grässlichkeiten des Alltags und der Magie mancher Orte, die sich oft nur Kindern offenbart, handelt „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman – ein Stück Fantasyliteratur, das ich zum Außergewöhnlichsten zähle, was ich in den letzten Jahren aus dem Genre in die Hände bekommen habe.
„Es ist wirklich schwer, etwas aus der Zeit herauszuschneiden. Man muss darauf achten, dass die Ränder genau übereinanderliegen, und nicht mal Gramma kriegt das immer hin. Jetzt wäre das außerdem noch viel komplizierter. Was du da in deinem Herzen hast, das ist real. Ich glaube, nicht mal Gramma könnte das rausschneiden, ohne dir ernstlich zu schaden. Schließlich brauchst du dein Herz.“
Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 202
Die Rahmenhandlung beschreibt die Rückkehr eines Mannes zu dem Ort, an dem er seine Kindheit verbracht hat. Eine unsichtbare Kraft zieht ihn zum Grundstück der Hempstocks, wo früher seine Freundin Lettie mit ihrer Mutter und ihrer kratzbürstig-gutmütigen Grandma lebte. Dort, auf der Bank beim Ententeich kommen nach und nach die Erinnerungen wieder an einen Sommer, in dem die Zeit verloren ging, unheimliche Gestalten ihr Unwesen trieben und Lettie den kleinen Teich zu einem Ozean werden ließ, der in einen Eimer passte.
All das wird retrospektiv aus der Sicht des siebenjährigen Protagonisten erzählt, welcher auf kindlich-ehrliche und nicht selten etwas makabre und witzige Weise auf die Dinge blickt und so den Leser ganz unmittelbar und ungefiltert am Geschehen und seinem Empfinden teilhaben lässt. Gerade weil mit Kinderaugen auf die rätselhaften Ereignisse jenes Sommers geblickt wird, lädt die Lektüre zum Mitfiebern und -bangen, aber auch zum Schmunzeln ein.
„Wir saßen nebeneinander auf der alten Holzbank und schwiegen. Ich dachte über Erwachsene nach. Ob das wohl stimmte: Waren sie wirklich alle Kinder in erwachsenen Körpern, wie Kinderbücher, die sich in dicken, langweiligen Büchern versteckten? In Büchern ohne Bilder und Gespräche?“
Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 150
„Der Ozean am Ende der Straße“ hat das mulmig aufgeregte Gefühl, das ich als kleines Kind hatte, wenn ich an die unbekannte Welt hinter der Orgel dachte, mich das gruselige Jesus-Bild im Wohnzimmer meiner Oma mit den Augen zu verfolgen schien oder nachts über mir die Balken knarzten und ich heilfroh über das kleine Nachtlichtlein neben meinem Bett war, auf herausragende Weise eingefangen und in die außergewöhnliche Geschichte eines Sommers gepackt, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen, Unmögliches möglich und Freundschaft zur magischen Geheimwaffe wird. Poetisch gestrickter Schauer vom Feinsten.
„Ich wollte dieses Gestern wiederhaben, unbedingt.“
Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 143
Was der Fantasie des jungen Protagonisten entspringt, Resultat kindlicher coping mechanisms ist oder tatsächlich eine Begegnung der dritten Art bleibt schlussendlich weitgehend offen und dem Leser überlassen. Gerade dieser Spagat zwischen übersinnlichem und realem Spuk, der den Gedanken Bewegungsfreiraum lässt, verleiht diesem Roman unterschwellig brodelnde Spannung, etliche Schockmomente und jede Menge Witz.
Die schließende Klammer der Rahmenhandlung ist ausgefuchst und brillant gelöst. Das größte literarische Kunststück, das ein_e SchriftstellerIn vollbringen kann, ist es – in my humble opinion – dem Leser Fragen mitzugeben, die keine Lücken, sondern restlose Begeisterung und ein Fünkchen Neugier hinterlassen und einladen, die Geschichte als Drehbuch fürs Kopfkino weiterzuschreiben. Und das ist hier auf unvergleichliche Weise gelungen.
„Ich erzähle dir jetzt etwas Wichtiges. Erwachsene sehen im Inneren auch nicht wie Erwachsene aus. Äußerlich sind sie groß und gedankenlos, und sie wissen immer, was sie tun. Im Inneren sehen sie allerdings aus wie früher. Wie zu der Zeit, als sie in deinem Alter waren. In Wirklichkeit gibt es gar keine Erwachsenen. Nicht einen auf der ganzen weiten Welt.“ Sie dachte einen Moment lang nach. Dann lächelte sie. „Außer Gramma natürlich.“
Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 150
Fazit: Der Grusel, der sich durch diesen Roman zieht, ist schaurig-schön, von der leisen Sorte. Der Schrecken lauert zwar immer zwischen den Zeilen, wird aber nie splatterhaft und ist auch nicht übertrieben actiongeladen, sondern beinahe poetisch.
Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman
Originaltitel: The Ocean at the End of the Lane | Übersetzung: Hannes Riffel
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten | Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG | ISBN: 978-3-8479-0579-0
Kurzmeinung: We were liars ist lyrische Prosa, traumhaft schön und unglaublich traurig.
"We were liars" von E. Lockhart
She is sugar, curiosity, and rain.
Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 8
So wenig verrät der Klappentext: We are liars. We are beautiful and privileged. We are cracked and broken. A tale of love and romance. A tale of tragedy. Which are lies? Which is truth? You decide. [Textrecht: Hot Key Books]
Persönlicher Leseeindruck: In We were liars erzählt E. Lockhart von einer besonderen Liebe, vom Geheimnis einer in Schweigen gehüllten Familie, von Rebellion, vom Vergessen und Vermissen.
Auf etwas mehr als 200 Seiten entfaltet sich – erzählt aus der Perspektive der jugendlichen Protagonistin Cadence – die Geschichte der gut betuchten Familie Sinclair, die jeden Sommer gemeinsam auf einer Privatinsel unweit von Massachusetts verbringt. Drei Generationen treffen dort aufeinander: In den vier Villen, die sich auf der Insel befinden, wohnen Cadences Großeltern, ihre eigene Familie und die Familien der beiden Schwestern ihrer Mutter. Dabei nutzen vor allem die älteren Generationen die Zeit auf der Insel nicht nur, um sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und in den salzigen Fluten zu planschen; sie schwimmen vor allem auch im Geld, um das sie sich unaufhörlich streiten. Währenddessen verbringt Cadence die Sommertage vor allem mit ihrem Cousin Johnny, ihrer flamboyanten Cousine Mirren und dem klugen, sanften Gat – dem Neffen des Lebenspartners ihrer Tante, der aus Südasien und ärmlichen Verhältnissen kommt. Die Liars – so werden Cady, Gat, Johnny und Mirren genannt – sind unzertrennlich, bis an einem Sommerabend Schreckliches geschieht und nichts mehr ist, wie es war.
Gleich zu Beginn des Romans erhält der Leser einen Hinweis darauf, dass Tragisches geschehen ist: „My story starts before the accident.“ Besagter Unfall liegt zum Zeitpunkt, in dem die Erzählung einsetzt, also bereits in der Vergangenheit; was aber genau geschehen ist, hängt lange nur wie eine böse Ahnung, wie ein Damoklesschwert im Nebel über der Handlung. Erst auf den letzten Seiten wird das Geheimnis gelüftet, was geschehen ist, was Familie und Freunde Cadence seit ihrem Unfall vor zwei Sommern, an den sie jede Erinnerung verloren hat, verschweigen. Gerade als man sich als Leser in Sicherheit wiegt und glaubt, zu durchschauen, was vor sich geht, legt die Handlung eine Vollbremsung und anschließende 180°-Wende hin. Vollkommen unvorhersehbar, absolut zerstörerisch, brillant umgesetzt.
Lockharts Roman ist ein Kaleidoskop aus Coming of Age, Familientragödie, Charakterstudie, Generationen- und Liebesroman, berührt dabei Themen wie Rassismus, familiäre Kontrolle und Abhängigkeit, elitärer Snobismus und Traumatisierung – ohne dabei überladen zu wirken. Vielmehr lässt Lockhart durch die außergewöhnliche Sprache und die perfekt aufeinander abgestimmten Handlungsstränge eine Sogwirkung entstehen, die mich immer wieder nach Luft schnappen ließ, nur um dann noch tiefer in diese wundervoll-tragische Geschichte eintauchen zu wollen.We stay like that, enfolded in each other’s arms, for a minute or two,
and it feels like the universe is reorganizing itself.
Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 130
We were liars durchspielt die ganze Bandbreite an Emotionen: Verwirrung, abgrundtiefe Trauer, schmetterlingleichte Verliebtheit, Erleichterung, unbändiger Zorn. Die durchleben jedoch nicht nur die jungen ProtagonistInnen Mirren, Johnny, Cady und Gat, sondern auch der Leser wird diesem Gefühlssturm gnadenlos ausgesetzt. Jedoch nicht nur die packende Handlung reißt mit; vor allem wie erzählt wird – in Farben und Düften, Erinnerungen und leisen Hoffnungen, mal ganz leise, dann brüllend laut –, ist der Grund dafür, dass man gebannt an den Buchstaben hängt wie an den Lippen eines begnadeten Geschichtenerzählers.
I took the pen out of his hand – he always read with a pen – and wrote Gat on the back of his left, and Cadence on the back of his right. He took the pen from me. Wrote Gat on the back of my left, and Cadence on the back of my right. I am not talking about fate. I don’t believe in destiny or soul mates or the supernatural. I just mean we understood each other. All the way.
Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 14
Man inhaliert die Zeilen förmlich; einige tun weh, manche sind tröstend wie eine Tasse warmer Kakao nach einem zermürbenden Tag, viele sind purer Sonnenschein. Als würde man ein über 200 Seiten langes Gedicht lesen, das die Seele streichelt und gleichermaßen an ihr zerrt, schnörkellos, aber poetisch.
We were liars ist lyrische Prosa, die sprachlich überzeugt, von einer gelungenen Mischung aus character- und plot-driven Elementen lebt und Themen Raum gibt, die vielleicht ungemütlich sind, deren Thematisierung aber gerade deshalb umso wichtiger ist.
It tasted like salt and failure.
Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 5
Fazit: Solltet ihr irgendwann in die (wenn auch zugegeben eher unwahrscheinliche) Lage kommen, auf eine einsame Insel zu reisen und nur ein einziges Buch mitnehmen zu dürfen: Es sollte dieses sein.
We were liars von E. Lockhart
Taschenbuch, 227 Seiten, Englisch | Hot Key Books | ISBN: 978-1-4714-0398-9
Kurzmeinung: Sollte man gelesen haben!
"Anleitung zum Unglücklichsein" von Paul Watzlawick
Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen.
Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 10
Das verrät der Klappentext: Watzlawicks Anleitungen nicht zu befolgen ist der erste Schritt zum Glück. Paul Watzlawick hat mit seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ einen Millionen-Bestseller geschrieben – was nur den Schluss zulässt, dass Leiden ungeheuer schön sein muss. Anders als die gängigen „Glücksanleitungen“ führen Watzlawicks Geschichten uns vor Augen, was wir täglich gegen unser mögliches Glück tun. Nach der Lektüre werden auch sie begreifen, warum Sie den Nachbarn, den Sie um einen Hammer baten, am liebsten erschlagen würden. (Textrechte: Piper Verlag)
Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: „Meinen Schlüssel.“ Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.“
Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 27
Persönlicher Leseeindruck: "Die Zahl derer, die sich ihr eigenes Unglück nach bestem Wissen und Gewissen selbst zurechtzimmern, mag verhältnismäßig groß scheinen. Unendlich größer aber ist die Zahl derer, die auch auf diesem Gebiet auf Rat und Hilfe angewiesen sind. Ihnen sind die folgenden Seiten als Einführung und Leitfaden gewidmet." (Seite 13) Schon nach den ersten einleitenden Zeilen weiß der geneigte Leser: Er hält etwas besonderes in Händen. Nicht den drölfzigtausendsten Selbstoptimierungs-Ladenhüter, keinen step-by-step Guide der mit Garantieversprechen zum ultimativen Glück führt, kein Selflove-Experiment, das sich verkehrter Psychologie bedient.
Paul Watzlawick hat tatsächlich eine Anleitung zum Unglücklichsein geschrieben. Punkt. Wer befolgt, was in den Zeilen dieses Büchleins durchgespielt wird (und viele von uns tun dies bewusst oder unbewusst tagtäglich), wird damit dauerbeschäftigt sein, sich ausgiebig und immer wieder aufs Neue in seinem Leid zu suhlen, aus winzigkleinen Mückchen überlebensgroße Elefanten zu konstruieren und Unmengen an Energie auf Dinge zu ver(sch)wenden, die vor langer Zeit und/oder nie geschehen und streng genommen unwichtig und/oder einfach nicht zu ändern sind.
Selten wird einem auf so schonungslose Art, aber dennoch mit frechem Augenzwinkern der Spiegel vorgehalten. Warum einfach das momentane Glück akzeptieren und genießen, wenn man stattdessen den Teufel in tausend Farben und Formen an die Wand malen kann? Warum im Hier und Jetzt leben, wo in der Vergangenheit doch so viele unverzeihliche Kränkungen stattgefunden haben und in der Zukunft viele weitere potenzielle Katastrophen lauern, über die man sich in Endlosschleifen den Kopf zerbrechen kann?
„Anleitung zum Unglücklichsein“ führt dem Leser durch einen von Ironie und herrlichem Witz lebenden Perspektivenwechsel vor Augen, warum wir nicht nur unseres Glückes, sondern auch unseres eigenen Unglückes Schmied sind und die wichtigsten Schritte in ein möglichst leid- und jammervolles Leben einfacher getan sind, als man denkt.
Machen wir uns nichts vor: Was oder wo wären wir ohne unsere Unglücklichkeit?
Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 12
In kurz(weilig)en Kapiteln, die humoristische Anekdoten sowie Ausflüge in die Geschichte und Literatur bieten, werden die schier unendlichen Möglichkeiten, Trübsinn, Verdruss und Kränkung Einzug in die eigenen vier Wände und das Oberstübchen zu gewähren, ausgebreitet.
Man nehme ein paar selbst gepanschte Worst-Case-Prophezeiungen, die sich zwangsläufig selbst erfüllen, mische sie mit dem Gedanken, dass früher alles besser war und verziere das Ganze mit ein paar Trotzreaktionen auf rationalen, gut gemeinten Rat. Das Rezept führt zwar zu einem etwas bitteren Ergebnis, ist aber zu 100% gelingsicher.
Über Gegenstände – Knoblauch inbegriffen – läßt sich ziemlich leicht sprechen – aber über Liebe? Versuchen Sie es nur einmal ernsthaft. Noch sicherer, als die Erklärung eines Witzes dessen Humor abtötet, führt das Palavern über die scheinbar selbstverständlichsten Formen menschlicher Beziehungen fast garantiert in immer größere Probleme.
Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 80
Dass die „Anleitung zum Unglücklichsein“ gerade aus der Feder eines österreichischen Autors stammt, kann eigentlich kein Zufall sein. Denn im Land von „The Sound of Music“ ist nicht nur das Jodeln, sondern auch das Jammern schon lange inoffizielle olympische Disziplin. (Jawohl. Jetzt nörgle ich hier doch glatt herum, dass zu viel gejammert wird. Meta-Sudern, sozusagen. Ihr seht – bei all der hiesigen Semperei – habe ich die Anleitung zum Unglücklichsein schon ganz und gar verinnerlicht.)
Sprachlich vollendet. Inhaltlich der Brüller. Was so gut unterhält, dabei ganz nebenbei auch noch eine Menge Wissen vermittelt und ohne erhobenen Zeigefinger für ein wenig Selbstreflexion sorgt, verdient das Prädikat Lesenswert! allemal.
Fazit: Sollte man gelesen haben. Die Lektüre beschert heitere Lesestunden, und auch wenn sie vielleicht nicht nachhaltig glücklich macht, so öffnet sie dem ein oder anderen vielleicht doch die Augen dafür, dass er nicht derart unglücklich und vom Pech verfolgt ist, wie gedacht und oft genug bejammert.
Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick
Taschenbuch, 144 Seiten, Deutsch | Piper Verlag | ISBN: 978-3-492-24316-2
Kurzmeinung: The Catcher in the Rye ist – wenn zur rechten Zeit gelesen – ein Augenöffner, aber in jedem Fall ein überzeitliches literarisches Juwel.
The Catcher in the Rye von J. D. Salinger
What really knocks me out is a book that, when you’re all done reading it, you wish the author that wrote it was a terrific friend of yours and you could call him up on the phone whenever you felt like it. That doesn’t happen much, though.Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 19
Das schreibt der Verlag: The hero-narrator of The Catcher in the Rye is an ancient child of sixteen, a native New Yorker named Holden Caulfield...
One of the greatest American novels of all time, The Catcher in the Rye is a classic coming-of-age story: an elegy to teenage alienation, capturing the deeply human need for connection and the bewildering sense of loss as we leave childhood behind. (Textrecht: Penguin)
I swear to God I’m a madman.Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 145
Persönlicher Leseeindruck: Schon vor einigen Monaten habe ich den Fänger im Roggen gelesen und obwohl ich mich immer wieder hingesetzt habe mit dem Vorsatz euch davon zu erzählen – es kam einfach nichts Brauchbares dabei heraus. Irgendwie wollte sich dieser Text nicht einfach auf ein paar Sätze zusammenfassen lassen, fehlten mir die Worte, zu beschreiben, was er in mir ausgelöst hat, war stets das Gefühl da: Ich kann diesem Roman mit einer Besprechung nur einen Bärendienst erweisen. Denn auf den Punkt zu bringen, wie sehr mich das Wechselspiel aus Witz und Tragik, Aktualität und Aus-der-Zeit-gefallen-Sein, sprachlicher Raffinesse und flapsigem Slang amüsiert, getriggert und fasziniert hat, ist schier unmöglich.
Was ich euch sagen kann, ist Folgendes: Dieser über 70 Jahre alte Roman hat mich mit voller Wucht und vollkommen unvorbereitet erwischt.
I’d never yell ‘Good luck!’ at anybody. It sounds terrible, when you think about it.Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 16
Holden Caulfield ist eine der vieldimensionalsten literarischen Figuren, mit denen ich es je zu tun hatte, selten hatte ich das Gefühl mich derart in einer Figur wiederzuentdecken und das obwohl die Schnittmenge unserer Biografien kleiner-gleich null ist. Seine Geschichte, von der wir retrospektiv – fast stream-of-consciousness-artig – aus seiner Sicht nur drei Tage miterleben, ist die einer unaufhörlichen Achterbahnfahrt, eine Geschichte des unsagbaren Verlusts, des jugendlichen Aufstands, einer beinahe schmerzlichen Lethargie.
Wie Holden von seinem Leben erzählt, mit dieser spitzbübischen vermeintlichen Wurschtigkeit, und dabei so kindlich und gleichzeitig so unendlich vom Leben gezeichnet wirkt, ging mir unglaublich unter die Haut. Seite um Seite durchläuft man als Leser an der Seite von Holden ein Wechselbad der Gefühle.
J.D. Salingers The Catcher in the Rye ist eine berührende, temporeiche, aber vor allem von der Liebe zum Detail lebende coming-of-age Geschichte, die längst als moderner Klassiker gilt.
That’s the thing about girls. Every time they do something pretty, even if they’re not much to look at, or even if they’re sort of stupid, you fall half in love with them, and then you never know where the hell you are. Girls. Jesus Christ, they can drive you crazy. They really can.Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 79
Fazit: Holden, I feel you. Die Welt ist verlogen und traurig und unpackbar schön und manchmal ist es ein wirkliches Kunststück nicht umzukippen, beim Versuch, das Hässliche und das Gute in der Waage zu halten. The Catcher in the Rye ist – wenn zur rechten Zeit gelesen – ein Augenöffner, aber in jedem Fall ein überzeitliches literarisches Juwel.
The Catcher in the Rye von J.D. Salinger
Taschenbuch| 240 Seiten, Englisch | Penguin Books | ISBN: 978-0241950425
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