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    Cover des Buches Geschlossene Gesellschaft (ISBN: 9783499157691)

    Bewertung zu "Geschlossene Gesellschaft" von Jean-Paul Sartre

    Geschlossene Gesellschaft
    nana_what_elsevor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Wir sehen in uns, was andere uns sehen lassen. Jean-Paul Sartres Stück ist ein intensives Lesevergnügen!
    "Geschlossene Gesellschaft" von Jean-Paul Sartre



    … die Hölle, das sind die anderen.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 59


    Das sagt der Verlag: Geschlossene Gesellschaft: Drei Personen, die im Leben einander nie begegnet sind, werden nach ihrem Tod für alle Ewigkeit in einem Hotelzimmer zusammen sein. Das ist die Hölle.


    Aufmachen! Aufmachen! Ich nehme alles hin: Beinschrauben, Zangen, flüssiges Blei, Halseisen, alles, was brennt, alles, was quält, ich will richtig leiden. Lieber hundert Stiche, lieber Peitsche, Vitriol als dieses abstrakte Leiden, dieses Schattenleiden, das einen streift, das einen streichelt und das niemals richtig weh tut.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seiten 54-55


    Persönlicher Leseeindruck: L’enfer, c’est les autres. Die Hölle, das sind die anderen. Auch, wenn ich mir als Agnostikerin mit Tendenz zu Wurschtigkeit/Frust gegenüber religiösen Themen nicht viele Gedanken darüber mache, was auf uns zukommt, wenn wir erstmal über die Regenbogenbrücke gegangen sind, den Löffel abgegeben, das Zeitliche gesegnet, ins Gras gebissen und schlussendlich die Radieschen von unten betrachtet haben, hat den nie-müden Ungustl in mir dieses Zitat immer auf verdrehte Weise angesprochen. Als Österreicher/in bekommt man das misanthrope Grantler-Gen ja praktisch frei Haus mitgeliefert und deshalb schien’s – nachdem mir diese eine Zeile immer wieder in der Zeitung, in Podcasts, Träumen und dem Kaffeesatz unterkam und ich mich irgendwann beim Sehen der Nachrichten dabei erwischt habe, wie ich sie passiv-aggressiv wie ein Mantra vor mich hinmurmelte – quasi meine heilige Pflicht zu sein, den Text, aus dem diese weisen Worte stammen, mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Scherz beiseite. Ich wollte mich schon seit Ewigkeiten etwas genauer mit Sartre befassen und wann ließe sich ein Text mit dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ wohl besser lesen als während einer globalen Quarantäne?


    Wir nämlich machen die Augenlider auf und zu. Zwinkern nannte man das. Ein kleiner schwarzer Blitz, Vorhang zu, Vorhang auf: Das war die Unterbrechung. Das Auge wird feucht, die Welt verschwindet. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erholsam das war. Viertausend Pausen in einer Stunde. Viertausend kleine Fluchten.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seiten 13-14




    Das Stück kommt erwartungsgemäß mit sehr überschaubarem Personal aus: Inés, Estelle und Garcin sind die verblichenen ProtagonistInnen, die nach und nach von einem höflich-distanzierten Kellner in das Hotelzimmer geführt werden, welches die wiederum recht kleine, aber außergewöhnliche Bühne für die gesamte Handlung darstellt.


    Kurz, es fehlt hier jemand: der Folterknecht.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 28


    Ein fensterloser Raum, drei verschiedenfarbige Sofas – hellblau, spinatgrün und bordeauxrot, eine Büste, keine Spiegel, eine verschlossene Tür samt Klingel, die nicht funktioniert. Das Zimmer enthält praktisch nichts, was Zerstreuung bieten könnte. Wie trostlos und qualvoll eine Ewigkeit in solch kargem Umfeld ist, geht den drei Verdammten jedoch nicht gleich auf: Denn zunächst warten sie noch getrieben und verzweifelt auf das Erscheinen eines Folterknechts. Den jedoch scheint es nicht zu geben; Inès, Estelle und Garcin sind einander fortan die einzige Gesellschaft und langsam kommt die höllische Ménage-à-trois zu der Erkenntnis:

    Die Hölle, das sind die anderen. Nicht, wegen der Gräueltaten, die sie begehen oder weil das ewige Aufeinanderhocken, von dem es kein Entrinnen gibt, irgendwann unerträglich wird. Sondern deshalb, weil wir uns nur erkennen, wenn andere Augen uns sehen. Das Bild, das andere von uns haben, ist der Rahmen, in dem wir unser Leben leben und erleiden, ein Gefängnis zu Lebzeiten und danach.


    Man stirbt immer zu früh – oder zu spät. Und nun liegt das Leben da, abgeschlossen; der Strich ist gezogen, fehlt nur noch die Summe. Du bist nichts andres als dein Leben.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 57



    Ist man, wenn man von anderen nicht wahrgenommen wird? Kann man etwas anderes sein, als das, was die anderen in einem sehen?

    Besonders schön finde ich, dass in der Rowohlt Ausgabe das gesprochene Vorwort zur Schallplattenaufnahme abgedruckt ist, in der Sartre mit Missinterpretationen aufräumt: „Man glaubte, ich wolle damit sagen, dass unsere Beziehungen zu andren immer vergiftet sind, dass es immer teuflische Beziehungen sind. Es ist aber etwas ganz anderes, was ich sagen will. Ich will sagen, wenn die Beziehungen zu andern verquer, vertrackt sind, dann kann der andre nur die Hölle sein. Warum? Weil die andren im Grunde das Wichtigste in uns selbst sind für unsere eigene Kenntnis von uns selbst. Wenn wir über uns nachdenken, wenn wir versuchen, uns zu erkennen, benutzen wir im Grunde Kenntnisse, die die andern über uns schon haben. Wir beurteilen uns mit den Mitteln, die die andern haben, uns zu unserer Beurteilung gegeben haben. Was ich auch über mich sage, immer spielt das Urteil anderer hinein. Was ich auch in mir fühle, das Urteil andrer spielt hinein, Das bedeutet, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von andren. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle.“ (Seite 61)


    Wir sind in der Hölle, meine Kleine, es kommt nie ein Versehen vor,

    und die Leute werden niemals für nichts verdammt.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 27


    Fazit: Wir sehen in uns, was andere uns sehen lassen. Jean-Paul Sartres Stück ist ein kurzweiliges und intensives Lesevergnügen mit viel Tiefgang und einer Botschaft, die nie aktueller war als heute.


    Geschlossene Gesellschaft von Jean Paul Sartre. Stück in einem Akt.

    Originaltitel: Huis clos | Übersetzung: Traugott König | Taschenbuch, 75 Seiten

    Rowohlt Taschenbuch | ISBN: 978-3-499-15769-1

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    Cover des Buches Im Namen der Liebe (ISBN: 9783518457054)

    Bewertung zu "Im Namen der Liebe" von Peter Turrini

    Im Namen der Liebe
    nana_what_elsevor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Für mich war der im Suhrkamp Verlag erschienene Gedichtband Turrinis ein durchwachsenes Leseerlebnis.
    "Im Namen der Liebe" von Peter Turrini


    Solange die Existenz
    und die Lage 
    des Paradieses 
    nicht geklärt sind 
    halte ich mich 
    an dich.
    Aus: Im Namen der Liebe von Peter Turrini, Seite 27


    Das verrät der Klappentext: Am Anfang steht das Glück der jungen Liebe. Es folgen die ersten Trübungen. Sie steigern sich über Betrug und Lüge bis zum Kampf, führen in die Verzweiflung, fast in den Irrsinn und enden doch schließlich in der Versöhnung der Liebenden. In seinem Gedichtband schreibt Peter Turrini in einem Ton, der von sanfter Heiterkeit bis zu kühler Ironie, von sachlicher Ernsthaftigkeit bis hin zu schamloser Offenheit reicht, von der Entwicklung einer Liebe. [Textrecht: Suhrkamp]


    Persönlicher Leseeindruck: Der Band – so heißt es in den einführenden Worten – enthält Gedichte, die sich mit allen Phasen des Liebens und Geliebt-Werdens beschäftigen, wobei schon hier latent das Memento Mori mitschwingt. Denn dass die Liebe ein Phänomen mit eher geringer Halbwertszeit und eine emotionale Möbiusschleife ist, deren Höhen zugleich ihre Tiefen sind, scheint innerste Überzeugung des Autors – oder zumindest Programm des dünnen Bändchens zu sein.


    Wenn du gehst, will ich alles:
    Das Geflüster.
    Die Entdeckung.
    Die Hingabe.
    Die Raserei.
    Den Schrei.
    Das Aufatmen.
    Das Verweilen.
    Den Halbschlaf.
    Zeit.
    Wenn du bleibst, will ich nichts.
    Aus: Im Namen der Liebe von Peter Turrini, Seite 41


    Während einige der Gedichte auf der Zunge und im Herzen wie Schokoladeneis in der Sonne zergehen, manche Zeilen immer wieder gelesen werden wollen und dabei vollendet einfach sind, driften einige schnell und massiv ins Obszöne ab, wirken sprachlich lieblos und unausgegoren, leben von Vulgarität und Bildern, die mit Liebe so viel zu tun haben, wie ein Fisch mit dem Fliegen.

    Einen Großteil der Texte würden wohl nur noch Menschen, die ein noch zynischeres Verhältnis zur Zweisamkeit als ich haben, noch als Liebesgedichte bezeichnen. Und die würden wohl nicht zu einem Gedichtband mit dem Titel Im Namen der Liebe greifen. Soweit meine Spekulation.

    Vermutlich wäre an dieser Stelle sogar eine Triggerwarnung angebracht:

    Selbstverletzung und -zerstörung haben nichts mit Liebe zu tun. Eifersucht hat nichts mit Liebe zu tun. Ignoranz und Gewalt haben nichts mit Liebe zu tun. Auch wenn sie angeblich im Namen der Liebe geschehen.


    Die Wahrheit ist:
    Ich bin unfähig
    zu lieben.
    Ich kann nur nicht genug
    von dieser Unfähigkeit kriegen.
    Aus: Im Namen der Liebe von Peter Turrini, Seite 111


    Fazit: Für mich war der im Suhrkamp Verlag erschienene Gedichtband Turrinis ein durchwachsenes Leseerlebnis.


    Im Namen der Liebe von Peter Turrini
    Taschenbuch, 125 Seiten | Suhrkamp Verlag 2005 | ISBN: 978-3-518-45705-4 


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    Cover des Buches Der Ozean am Ende der Straße (ISBN: 9783404173853)

    Bewertung zu "Der Ozean am Ende der Straße" von Neil Gaiman

    Der Ozean am Ende der Straße
    nana_what_elsevor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Der Grusel, der sich durch diesen Roman zieht, ist schaurig-schön, von der leisen Sorte.
    "Der Ozean am Ende der Straße" von Neil Gaiman


    „Wenn ich in meinem Buch las, hatte ich vor nichts Angst.“
    Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 74

    Das sagt der Verlag: Anlässlich einer Beerdigung kehrt ein Mann mittleren Alters in seinen Heimatort zurück. Das Haus, in dem er aufwuchs, steht längst nicht mehr, doch es zieht ihn zu der Farm am Ende der Straße. Hier lebte früher Lettie Hempstock mit ihrer Mutter und Großmutter. Der Mann hat seit Jahrzehnten nicht mehr an die außergewöhnliche Lettie gedacht. Doch nun kehren die Erinnerungen wieder zurück: an den Ententeich, der angeblich ein Ozean sein soll.

    Ich sehne mich nicht nach meiner Kindheit, aber ich sehne mich nach der Freude, die ich früher an kleinen Dingen fand, selbst wenn weit wichtigere Dinge im Argen lagen. Ich hatte keine Macht über die Welt, in der ich lebte, ich konnte nicht vor Dingen oder Menschen oder Augenblicken fliehen, die mir wehtaten; aber ich freute mich über die Dinge, die mich glücklich machten.

    Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 199

    Persönlicher Leseeindruck: Als ich klein war, lebte ich mit meiner Familie in einer kleinen Wohnung in deren Gang die alte Hammondorgel meines Vaters stand. Das Pedal der Orgel war in einer Aussparung angebracht, die wie ein kleines schwarzes Loch im Instrument klaffte. Meinen Schwestern und mir diente das schwarze Loch in der Elektro-Orgel als gut getarntes Versteck  für Edelsteine und unbezahlbare Kostbarkeiten und Schätze (Dabei handelte es sich im Wesentlichen um Murmeln in jeder Form und Farbe und Kaugummis aus dem Automaten um die Ecke, die 10 Groschen (!) kosteten und bei Nicht-Kennern ebenfalls als  Murmeln durchgingen. Jedenfalls eine Zeit lang.).

    Irgendwann träumte ich, ich könnte durch das Loch ins Innere der Hammond kriechen und dort würde sich mir Narnia-like eine ganz neue Welt auftun. Am nächsten Morgen kraxelte ich aus dem Stockbett, schlich in den Gang und war überzeugt davon, ab sofort regelmäßig von dem neu entdeckten Portal Gebrauch machen und eine völlig neue Welt hinter dem Klavier erkunden zu können.

    Der langen Rede kurzer Sinn? Auch wenn das mit dem Erkunden der Welt hinter der Hammondorgel – soweit ich mich entsinne (?) – nicht geklappt hat, erinnere ich mich noch genau an dieses Gefühl aufgeregter und absoluter Gewissheit, dass bei uns zwischen Wohnzimmer und Bad etwas Magisches im Gange war. Meistens bin ich zu sehr damit beschäftigt so zu tun, als wäre ich erwachsen und dann vergesse ich, dass ich eine geheime Abkürzung in eine Parallelwelt kenne. Aber in den Momenten, in dem das Erwachsene-Imitieren (Tarnen und Täuschen!) mich nicht völlig einnimmt und die Magie im Keim erstickt, bin ich noch immer überzeugt davon, dass hinter dem Klavier meines Papas das Abenteuer zu Hause ist. Dieses Gefühl in Worte gepackt: Das ist der Stoff, aus dem „Der Ozean am Ende der Straße“ gemacht ist.

    „In jener Nacht, in jenem Haus, träumte ich seltsame Dinge. Ich wachte in der Finsternis auf und wusste nur: Mir hatte ein Traum solche Angst eingejagt, dass ich aufwachen oder sterben musste.“
    Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 143





    Von bösen Zaubern, wackeren Weggefährten, den albtraumhaft-gesichtslosen Schrecken der Nacht, vom Vergessen und Erinnern, den leider realen – aber nicht minder unglaublichen – Grässlichkeiten des Alltags und der Magie mancher Orte, die sich oft nur Kindern offenbart, handelt „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman – ein Stück Fantasyliteratur, das ich zum Außergewöhnlichsten zähle, was ich in den letzten Jahren aus dem Genre in die Hände bekommen habe.


    „Es ist wirklich schwer, etwas aus der Zeit herauszuschneiden. Man muss darauf achten, dass die Ränder genau übereinanderliegen, und nicht mal Gramma kriegt das immer hin. Jetzt wäre das außerdem noch viel komplizierter. Was du da in deinem Herzen hast, das ist real. Ich glaube, nicht mal Gramma könnte das rausschneiden, ohne dir ernstlich zu schaden. Schließlich brauchst du dein Herz.“

    Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 202


    Die Rahmenhandlung beschreibt die Rückkehr eines Mannes zu dem Ort, an dem er seine Kindheit verbracht hat. Eine unsichtbare Kraft zieht ihn zum Grundstück der Hempstocks, wo früher seine Freundin Lettie mit ihrer Mutter und ihrer kratzbürstig-gutmütigen Grandma lebte. Dort, auf der Bank beim Ententeich kommen nach und nach die Erinnerungen wieder an einen Sommer, in dem die Zeit verloren ging, unheimliche Gestalten ihr Unwesen trieben und Lettie den kleinen Teich zu einem Ozean werden ließ, der in einen Eimer passte.

    All das wird retrospektiv aus der Sicht des siebenjährigen Protagonisten erzählt, welcher auf kindlich-ehrliche und nicht selten etwas makabre und witzige Weise auf die Dinge blickt und so den Leser ganz unmittelbar und ungefiltert am Geschehen und seinem Empfinden teilhaben lässt. Gerade weil mit Kinderaugen auf die rätselhaften Ereignisse jenes Sommers geblickt wird, lädt die Lektüre zum Mitfiebern und -bangen, aber auch zum Schmunzeln ein.


    „Wir saßen nebeneinander auf der alten Holzbank und schwiegen. Ich dachte über Erwachsene nach. Ob das wohl stimmte: Waren sie wirklich alle Kinder in erwachsenen Körpern, wie Kinderbücher, die sich in dicken, langweiligen Büchern versteckten? In Büchern ohne Bilder und Gespräche?“

    Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 150


    „Der Ozean am Ende der Straße“ hat das mulmig aufgeregte Gefühl, das ich als kleines Kind hatte, wenn ich an die unbekannte Welt hinter der Orgel dachte, mich das gruselige Jesus-Bild im Wohnzimmer meiner Oma mit den Augen zu verfolgen schien oder nachts über mir die Balken knarzten und ich heilfroh über das kleine Nachtlichtlein neben meinem Bett war, auf herausragende Weise eingefangen und in die außergewöhnliche Geschichte eines Sommers gepackt, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen, Unmögliches möglich und Freundschaft zur magischen Geheimwaffe wird. Poetisch gestrickter Schauer vom Feinsten.


    „Ich wollte dieses Gestern wiederhaben, unbedingt.“

    Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 143



    Was der Fantasie des jungen Protagonisten entspringt, Resultat kindlicher coping mechanisms ist oder tatsächlich eine Begegnung der dritten Art bleibt schlussendlich weitgehend offen und dem Leser überlassen. Gerade dieser Spagat zwischen übersinnlichem und realem Spuk, der den Gedanken Bewegungsfreiraum lässt, verleiht diesem Roman unterschwellig brodelnde Spannung, etliche Schockmomente und jede Menge Witz.

    Die schließende Klammer der Rahmenhandlung ist ausgefuchst und brillant gelöst. Das größte literarische Kunststück, das ein_e SchriftstellerIn vollbringen kann, ist es – in my humble opinion – dem Leser Fragen mitzugeben, die keine Lücken, sondern restlose Begeisterung und ein Fünkchen Neugier hinterlassen und einladen, die Geschichte als Drehbuch fürs Kopfkino weiterzuschreiben. Und das ist hier auf unvergleichliche Weise gelungen.


    „Ich erzähle dir jetzt etwas Wichtiges. Erwachsene sehen im Inneren auch nicht wie Erwachsene aus. Äußerlich sind sie groß und gedankenlos, und sie wissen immer, was sie tun. Im Inneren sehen sie allerdings aus wie früher. Wie zu der Zeit, als sie in deinem Alter waren. In Wirklichkeit gibt es gar keine Erwachsenen. Nicht einen auf der ganzen weiten Welt.“ Sie dachte einen Moment lang nach. Dann lächelte sie. „Außer Gramma natürlich.“  

    Aus: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman, Seite 150


    Fazit: Der Grusel, der sich durch diesen Roman zieht, ist schaurig-schön, von der leisen Sorte. Der Schrecken lauert zwar immer zwischen den Zeilen, wird aber nie splatterhaft und ist auch nicht übertrieben actiongeladen, sondern beinahe poetisch.


    Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman

    Originaltitel: The Ocean at the End of the Lane | Übersetzung: Hannes Riffel

    Gebundene Ausgabe, 240 Seiten | Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG | ISBN: 978-3-8479-0579-0

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    Cover des Buches We Were Liars (ISBN: 9781524764586)

    Bewertung zu "We Were Liars" von E. Lockhart

    We Were Liars
    nana_what_elsevor 9 Monaten
    Kurzmeinung: We were liars ist lyrische Prosa, traumhaft schön und unglaublich traurig.
    "We were liars" von E. Lockhart


    She is sugar, curiosity, and rain.

    Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 8


    So wenig verrät der Klappentext: We are liars. We are beautiful and privileged. We are cracked and broken. A tale of love and romance. A tale of tragedy. Which are lies? Which is truth? You decide. [Textrecht: Hot Key Books] 

    Persönlicher Leseeindruck: In We were liars erzählt E. Lockhart von einer besonderen Liebe, vom Geheimnis einer in Schweigen gehüllten Familie, von Rebellion, vom Vergessen und Vermissen. 

    Auf etwas mehr als 200 Seiten entfaltet sich – erzählt aus der Perspektive der jugendlichen Protagonistin Cadence – die Geschichte der gut betuchten Familie Sinclair, die jeden Sommer gemeinsam auf einer Privatinsel unweit von Massachusetts verbringt. Drei Generationen treffen dort aufeinander: In den vier Villen, die sich auf der Insel befinden, wohnen Cadences Großeltern, ihre eigene Familie und die Familien der beiden Schwestern ihrer Mutter. Dabei nutzen vor allem die älteren Generationen die Zeit auf der Insel nicht nur, um sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und in den salzigen Fluten zu planschen; sie schwimmen vor allem auch im Geld, um das sie sich unaufhörlich streiten. Währenddessen verbringt Cadence die Sommertage vor allem mit ihrem Cousin Johnny, ihrer flamboyanten Cousine Mirren und dem klugen, sanften Gat – dem Neffen des Lebenspartners ihrer Tante, der aus Südasien und ärmlichen Verhältnissen kommt. Die Liars – so werden Cady, Gat, Johnny und Mirren genannt – sind unzertrennlich, bis an einem Sommerabend Schreckliches geschieht und nichts mehr ist, wie es war. 

    Gleich zu Beginn des Romans erhält der Leser einen Hinweis darauf, dass Tragisches geschehen ist: „My story starts before the accident.“ Besagter Unfall liegt zum Zeitpunkt, in dem die Erzählung einsetzt, also bereits in der Vergangenheit; was aber genau geschehen ist, hängt lange nur wie eine böse Ahnung, wie ein Damoklesschwert im Nebel über der Handlung. Erst auf den letzten Seiten wird das Geheimnis gelüftet, was geschehen ist, was Familie und Freunde Cadence seit ihrem Unfall vor zwei Sommern, an den sie jede Erinnerung verloren hat, verschweigen. Gerade als man sich als Leser in Sicherheit wiegt und glaubt, zu durchschauen, was vor sich geht, legt die Handlung eine Vollbremsung und anschließende 180°-Wende hin. Vollkommen unvorhersehbar, absolut zerstörerisch, brillant umgesetzt. 


    We stay like that, enfolded in each other’s arms, for a minute or two, 

    and it feels like the universe is reorganizing itself. 

    Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 130

    Lockharts Roman ist ein Kaleidoskop aus Coming of Age, Familientragödie, Charakterstudie, Generationen- und Liebesroman, berührt dabei Themen wie Rassismus, familiäre Kontrolle und Abhängigkeit, elitärer Snobismus und Traumatisierung – ohne dabei überladen zu wirken. Vielmehr lässt Lockhart durch die außergewöhnliche Sprache und die perfekt aufeinander abgestimmten Handlungsstränge eine Sogwirkung entstehen, die mich immer wieder nach Luft schnappen ließ, nur um dann noch tiefer in diese wundervoll-tragische Geschichte eintauchen zu wollen. 


    We were liars durchspielt die ganze Bandbreite an Emotionen: Verwirrung, abgrundtiefe Trauer, schmetterlingleichte Verliebtheit, Erleichterung, unbändiger Zorn. Die durchleben jedoch nicht nur die jungen ProtagonistInnen Mirren, Johnny, Cady und Gat, sondern auch der Leser wird diesem Gefühlssturm gnadenlos ausgesetzt. Jedoch nicht nur die packende Handlung reißt mit; vor allem wie erzählt wird – in Farben und Düften, Erinnerungen und leisen Hoffnungen, mal ganz leise, dann brüllend laut –, ist der Grund dafür, dass man gebannt an den Buchstaben hängt wie an den Lippen eines begnadeten Geschichtenerzählers. 

    I took the pen out of his hand – he always read with a pen – and wrote Gat on the back of his left, and Cadence on the back of his right. He took the pen from me. Wrote Gat on the back of my left, and Cadence on the back of my right. I am not talking about fate. I don’t believe in destiny or soul mates or the supernatural. I just mean we understood each other. All the way. 

    Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 14


    Man inhaliert die Zeilen förmlich; einige tun weh, manche sind tröstend wie eine Tasse warmer Kakao nach einem zermürbenden Tag, viele sind purer Sonnenschein. Als würde man ein über 200 Seiten langes Gedicht lesen, das die Seele streichelt und gleichermaßen an ihr zerrt, schnörkellos, aber poetisch. 

    We were liars ist lyrische Prosa, die sprachlich überzeugt, von einer gelungenen Mischung aus character- und plot-driven Elementen lebt und Themen Raum gibt, die vielleicht ungemütlich sind, deren Thematisierung aber gerade deshalb umso wichtiger ist. 

    It tasted like salt and failure.

    Aus: We were liars von E. Lockhart, Seite 5 


    Fazit: Solltet ihr irgendwann in die (wenn auch zugegeben eher unwahrscheinliche) Lage kommen, auf eine einsame Insel zu reisen und nur ein einziges Buch mitnehmen zu dürfen: Es sollte dieses sein. 

    We were liars von E. Lockhart

    Taschenbuch, 227 Seiten, Englisch | Hot Key Books | ISBN: 978-1-4714-0398-9


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    Cover des Buches Anleitung zum Unglücklichsein (ISBN: 9783492273541)

    Bewertung zu "Anleitung zum Unglücklichsein" von Paul Watzlawick

    Anleitung zum Unglücklichsein
    nana_what_elsevor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Sollte man gelesen haben!
    "Anleitung zum Unglücklichsein" von Paul Watzlawick

    Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen. 

    Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 10


    Das verrät der Klappentext: Watzlawicks Anleitungen nicht zu befolgen ist der erste Schritt zum Glück. Paul Watzlawick hat mit seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ einen Millionen-Bestseller geschrieben – was nur den Schluss zulässt, dass Leiden ungeheuer schön sein muss. Anders als die gängigen „Glücksanleitungen“ führen Watzlawicks Geschichten uns vor Augen, was wir täglich gegen unser mögliches Glück tun. Nach der Lektüre werden auch sie begreifen, warum Sie den Nachbarn, den Sie um einen Hammer baten, am liebsten erschlagen würden. (Textrechte: Piper Verlag)


    Unter einer Straßenlaterne steht ein Betrunkener und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: „Meinen Schlüssel.“ Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.“ 

    Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 27


    Persönlicher Leseeindruck: "Die Zahl derer, die sich ihr eigenes Unglück nach bestem Wissen und Gewissen selbst zurechtzimmern, mag verhältnismäßig groß scheinen. Unendlich größer aber ist die Zahl derer, die auch auf diesem Gebiet auf Rat und Hilfe angewiesen sind. Ihnen sind die folgenden Seiten als Einführung und Leitfaden gewidmet." (Seite 13) Schon nach den ersten einleitenden Zeilen weiß der geneigte Leser: Er hält etwas besonderes in Händen. Nicht den drölfzigtausendsten Selbstoptimierungs-Ladenhüter, keinen step-by-step Guide der mit Garantieversprechen zum ultimativen Glück führt, kein Selflove-Experiment, das sich verkehrter Psychologie bedient. 

    Paul Watzlawick hat tatsächlich eine Anleitung zum Unglücklichsein geschrieben. Punkt. Wer befolgt, was in den Zeilen dieses Büchleins durchgespielt wird (und viele von uns tun dies bewusst oder unbewusst tagtäglich), wird damit dauerbeschäftigt sein, sich ausgiebig und immer wieder aufs Neue in seinem Leid zu suhlen, aus winzigkleinen Mückchen überlebensgroße Elefanten zu konstruieren und Unmengen an Energie auf Dinge zu ver(sch)wenden, die vor langer Zeit und/oder nie geschehen und streng genommen unwichtig und/oder einfach nicht zu ändern sind. 

    Selten wird einem auf so schonungslose Art, aber dennoch mit frechem Augenzwinkern der Spiegel vorgehalten. Warum einfach das momentane Glück akzeptieren und genießen, wenn man stattdessen den Teufel in tausend Farben und Formen an die Wand malen kann? Warum im Hier und Jetzt leben, wo in der Vergangenheit doch so viele unverzeihliche Kränkungen stattgefunden haben und in der Zukunft viele weitere potenzielle Katastrophen lauern, über die man sich in Endlosschleifen den Kopf zerbrechen kann? 

    „Anleitung zum Unglücklichsein“ führt dem Leser durch einen von Ironie und herrlichem Witz lebenden Perspektivenwechsel vor Augen, warum wir nicht nur unseres Glückes, sondern auch unseres eigenen Unglückes Schmied sind und die wichtigsten Schritte in ein möglichst leid- und jammervolles Leben einfacher getan sind, als man denkt. 


    Machen wir uns nichts vor: Was oder wo wären wir ohne unsere Unglücklichkeit? 

    Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 12


    In kurz(weilig)en Kapiteln, die humoristische Anekdoten sowie Ausflüge in die Geschichte und Literatur bieten, werden die schier unendlichen Möglichkeiten, Trübsinn, Verdruss und Kränkung Einzug in die eigenen vier Wände und das Oberstübchen zu gewähren, ausgebreitet. 

    Man nehme ein paar selbst gepanschte Worst-Case-Prophezeiungen, die sich zwangsläufig selbst erfüllen, mische sie mit dem Gedanken, dass früher alles besser war und verziere das Ganze mit ein paar Trotzreaktionen auf rationalen, gut gemeinten Rat. Das Rezept führt zwar zu einem etwas bitteren Ergebnis, ist aber zu 100% gelingsicher. 

    Über Gegenstände – Knoblauch inbegriffen – läßt sich ziemlich leicht sprechen – aber über Liebe? Versuchen Sie es nur einmal ernsthaft. Noch sicherer, als die Erklärung eines Witzes dessen Humor abtötet, führt das Palavern über die scheinbar selbstverständlichsten Formen menschlicher Beziehungen fast garantiert in immer größere Probleme.

    Aus: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick, Seite 80


    Dass die „Anleitung zum Unglücklichsein“ gerade aus der Feder eines österreichischen Autors stammt, kann eigentlich kein Zufall sein. Denn im Land von „The Sound of Music“ ist nicht nur das Jodeln, sondern auch das Jammern schon lange inoffizielle olympische Disziplin. (Jawohl. Jetzt nörgle ich hier doch glatt herum, dass zu viel gejammert wird. Meta-Sudern, sozusagen. Ihr seht – bei all der hiesigen Semperei – habe ich die Anleitung zum Unglücklichsein schon ganz und gar verinnerlicht.) 


    Sprachlich vollendet. Inhaltlich der Brüller. Was so gut unterhält, dabei ganz nebenbei auch noch eine Menge Wissen vermittelt und ohne erhobenen Zeigefinger für ein wenig Selbstreflexion sorgt, verdient das Prädikat Lesenswert! allemal. 


    Fazit: Sollte man gelesen haben. Die Lektüre beschert heitere Lesestunden, und auch wenn sie vielleicht nicht nachhaltig glücklich macht, so öffnet sie dem ein oder anderen vielleicht doch die Augen dafür, dass er nicht derart unglücklich und vom Pech verfolgt ist, wie gedacht und oft genug bejammert. 


    Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick 

    Taschenbuch, 144 Seiten, Deutsch | Piper Verlag | ISBN: 978-3-492-24316-2

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    Cover des Buches The Catcher in the Rye (ISBN: 9783526523710)

    Bewertung zu "The Catcher in the Rye" von J. D. Salinger

    The Catcher in the Rye
    nana_what_elsevor einem Jahr
    Kurzmeinung: The Catcher in the Rye ist – wenn zur rechten Zeit gelesen – ein Augenöffner, aber in jedem Fall ein überzeitliches literarisches Juwel.
    The Catcher in the Rye von J. D. Salinger


    What really knocks me out is a book that, when you’re all done reading it, you wish the author that wrote it was a terrific friend of yours and you could call him up on the phone whenever you felt like it. That doesn’t happen much, though.
    Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 19


    Das schreibt der Verlag:  The hero-narrator of The Catcher in the Rye is an ancient child of sixteen, a native New Yorker named Holden Caulfield... 

    One of the greatest American novels of all time, The Catcher in the Rye is a classic coming-of-age story: an elegy to teenage alienation, capturing the deeply human need for connection and the bewildering sense of loss as we leave childhood behind. (Textrecht: Penguin) 


    I swear to God I’m a madman.
    Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 145


    Persönlicher Leseeindruck: Schon vor einigen Monaten habe ich den Fänger im Roggen gelesen und obwohl ich mich immer wieder hingesetzt habe mit dem Vorsatz euch davon zu erzählen – es kam einfach nichts Brauchbares dabei heraus. Irgendwie wollte sich dieser Text nicht einfach auf ein paar Sätze zusammenfassen lassen, fehlten mir die Worte, zu beschreiben, was er in mir ausgelöst hat, war stets das Gefühl da: Ich kann diesem Roman mit einer Besprechung nur einen Bärendienst erweisen. Denn auf den Punkt zu bringen, wie sehr mich das Wechselspiel aus Witz und Tragik, Aktualität und Aus-der-Zeit-gefallen-Sein, sprachlicher Raffinesse und flapsigem Slang amüsiert, getriggert und fasziniert hat, ist schier unmöglich. 

    Was ich euch sagen kann, ist Folgendes: Dieser über 70 Jahre alte Roman hat mich mit voller Wucht und vollkommen unvorbereitet erwischt. 


    I’d never yell ‘Good luck!’ at anybody. It sounds terrible, when you think about it.
    Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 16


    Holden Caulfield ist eine der vieldimensionalsten literarischen Figuren, mit denen ich es je zu tun hatte, selten hatte ich das Gefühl mich derart in einer Figur wiederzuentdecken und das obwohl die Schnittmenge unserer Biografien kleiner-gleich null ist. Seine Geschichte, von der wir retrospektiv – fast stream-of-consciousness-artig – aus seiner Sicht nur drei Tage miterleben, ist die einer unaufhörlichen Achterbahnfahrt, eine Geschichte des unsagbaren Verlusts, des jugendlichen Aufstands, einer beinahe schmerzlichen Lethargie. 

    Wie Holden von seinem Leben erzählt, mit dieser spitzbübischen vermeintlichen Wurschtigkeit, und dabei so kindlich und gleichzeitig so unendlich vom Leben gezeichnet wirkt, ging mir unglaublich unter die Haut. Seite um Seite durchläuft man als Leser an der Seite von Holden ein Wechselbad der Gefühle. 

    J.D. Salingers The Catcher in the Rye ist eine berührende, temporeiche, aber vor allem von der Liebe zum Detail lebende coming-of-age Geschichte, die längst als moderner Klassiker gilt. 


    That’s the thing about girls. Every time they do something pretty, even if they’re not much to look at, or even if they’re sort of stupid, you fall half in love with them, and then you never know where the hell you are. Girls. Jesus Christ, they can drive you crazy. They really can.
    Aus: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, Seite 79


    Fazit: Holden, I feel you. Die Welt ist verlogen und traurig und unpackbar schön und manchmal ist es ein wirkliches Kunststück nicht umzukippen, beim Versuch, das Hässliche und das Gute in der Waage zu halten. The Catcher in the Rye ist – wenn zur rechten Zeit gelesen – ein Augenöffner, aber in jedem Fall ein überzeitliches literarisches Juwel.

    The Catcher in the Rye von J.D. Salinger
    Taschenbuch| 240 Seiten, Englisch | Penguin Books | ISBN: 978-0241950425

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    Cover des Buches To Kill a Kingdom (ISBN: 9781471407406)

    Bewertung zu "To Kill a Kingdom" von Alexandra Christo

    To Kill a Kingdom
    nana_what_elsevor einem Jahr
    Kurzmeinung: An dieses Buch bin ich leider mit viel zu hohen Erwartungen rangegangen. Trotzdem ein kurzweiliges, wenn auch seichtes Lesevergnügen.
    To kill a kingdom von Alexandra Christo


    „Everything is muted and as Lira swoops her blade down on mine once more, I let it all fall away. My mission, my kingdom. The world. They exist somewhere other than in this moment, and now there is only this. Me, my ship, and a girl with oceans in her eyes.“
    aus: To Kill A Kingdom von Alexandra Christo, Seite 198, Zitatrecht: Hot Key Books


    Klappentext: I have a heart for every year I've been alive. There are seventeen hidden in the sand of my bedroom. Ever so often, I claw through the shingle just to check they're still there. Buried deep and bloody.

    Princess Lira is siren royalty and revered across the sea until she is cursed into humanity by the ruthless Sea Queen. Now Lira must deliver the heart of the infamous siren killer or remain human forever.

    Prince Elian is heir to the most powerful kingdom in the world, and captain to a deadly crew of siren hunters. When he rescues a drowning woman from the ocean, she promises to help him destroy sirenkind for good. But he has no way of knowing whether he can trust her ...


    Persönlicher Leseeindruck: Liebe ich Märchenadaptionen? Ja. Bin ich ein klitzekleines bisschen pingelig, wenn es um die Umsetzung geht? Definitiv. Bin ich vielleicht ein wenig verwöhnt von grandiosen Märchenadaptionen wie Broms düsterem „Der Kinderdieb“? Mit Sicherheit. Sitzt die Messlatte deshalb verteufelt hoch? Vielleicht.

    Ihr ahnt es vermutlich bereits: „To Kill A Kingdom“ von Alexandra Christo hat Erwartungen geschürt, die es nicht gehalten hat. Seeungeheuer, Schwerter, tiefblauer Ozean: So kommt schon das – zugegeben gelungene – Cover des Buches daher und verspricht damit eine schaurig-mysteriöse Version des Meerjungfrauenstoffs.

    Obwohl ich als Kind mit den blumigen Disney-Märchenversionen aufgewachsen bin und die Lieder daraus noch immer lauthals unter der Dusche singe, freue ich mich immer besonders, wenn AutorInnen es wagen, den altbekannten Stoffen dunkle Noten und unerwartete Twists zu verpassen, die nicht unweigerlich auf das „…and they lived happily ever after“ zusteuern.

    Und Lira wird uns tatsächlich nicht (oder zumindest nicht nur) als trällernde Meerjungfrau mit Wallemähne vorgestellt, sondern bereits auf den ersten Seiten als herzlos-tödliche Sirene mit einer etwas morbiden Vorliebe für royale Herzen. Zwar versucht Christo dem Plot durch Einblick in die Familienbande Liras eine weitere Dimension zu verleihen und ihre Entwicklung hin zur männermordenden Prinzessin nachzuzeichnen, wirklichen Tiefgang bekommt die Story dadurch aber leider auch nicht.



    „Is that what it means to be human?
    Pushing someone else out of danger and throwing yourself in?“
    aus: To Kill A Kingdom von Alexandra Christo, Seite 231, Zitatrecht: Hot Key Books


    Einige spannende Settings und interessante Figuren lassen zwischendurch immer wieder Hoffnung aufkommen, von einer kreativen Umsetzung der Stoffvorlage kann man im Endeffekt aber leider nicht sprechen. Schlussendlich bleibt es bei einer grotesken Vermanschung der griechischen Sirenenmythologie mit dem, was man in Disneys Arielle zu sehen bekommt (stellenweise sogar 1:1); im wahrsten Sinne des Wortes tödlicher Kitsch, könnte man sagen.

    Zugute halten muss man Christo die schöne Leichtigkeit und Bildhaftigkeit ihres Schreibstils, die die Story zu einer kurzweiligen, wenn auch nicht nachhallenden Lektüre machen.

    Fazit:  Wer von „To Kill A Kingdom“ ein spannendes Abenteuermärchen auf hoher See erwartet, muss leider feststellen, dass auch dieses Schiff der 0815-Route folgt und letztendlich unelegant strandet.

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    Cover des Buches One Of Us Is Lying (ISBN: 9780141375632)

    Bewertung zu "One Of Us Is Lying" von Karen M. McManus

    One Of Us Is Lying
    nana_what_elsevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Long story short: Ausgeklügelter Plot, gelungene Twists, vielversprechendes Setting: all das versinkt am Ende knietief im Kitsch.
    One of us is lying von Karen M. McManus


    „I’m starting to realize there are some things you can’t undo, no matter how good your intentions are.“
    aus: One of us is lying von Karen M. McManus, Seite 340. Textrechte: Penguin Books


    Klappentext: Five students walk into detention. Only four leave alive.

    Yale hopeful Bronwyn has never publicly broken a rule.  Sports star Cooper only knows what he‘s doing in the baseball diamond. Bad boy Nate is one misstep away from a life of crime. Prom queen Addy is holding together the cracks of her perfect life. And outsider Simon, creator of the notorious gossip app at Bayview High, won’t ever talk about any of them again. He dies 24 hours before he could post their deepest secrets online. Investigators conclude it’s no accident. All oft hem are suspects.

    Everyone has secrets, right? What really matters is how far you’ll go to protect them.


    Persönlicher Leseeindruck: Pretty Little Liars trifft auf Gossip Girl. Wer die beiden Serien kennt, weiß, dass die Atmosphäre in beiden Stories zwar stets gespannt ist wie ein Pfitschipfeil und das Setting auch eines ist, mit dem sich Jugendliche sicher gut identifizieren können, der Plot aber schnell ins absolut Unglaubwürdige abdriftet. Und genau das ist auch in One of us is lying von Karen M. McManus passiert.

    Intrigen, Mobbing und Mitläufertum gibt es wohl in jeder Schule auf die ein oder andere Weise. Da wird gepetzt, getuschelt, ausgeschlossen, fremdgeknutscht und bei Tests gemogelt. Dass die Schule ein einziger Tatort ist, darauf können sich viele wohl einigen. Im Schulkontext können scheinbar harmlose Streiche und kleine Fauxpas zu persönlichen Katastrophen werden. Absolut nachvollziehbar und gerade das macht das Setting vor allem für eine jugendliche Leserschaft sicher auch besonders interessant.

    Aber ob SchülerInnen in der Lage sind, perfekte Verbrechen zu planen und zu begehen und ausgereiftere Spürnasen besitzen als Sherlock Holmes und Monk zusammen? So wird es einem zumindest vermittelt, denn wer nicht gerade mehrfach vorbestrafter Drogendealer ist, ist zumindest autodidaktischer Hacker oder ein Genie im Verborgenen.



    Die Umsetzung der Idee war für meinen Geschmack zu übertrieben und wirkte dadurch wenig authentisch – das ändert aber nichts daran, dass ich die Idee dahinter nach wie vor wirklich gut finde. Das Figurenpersonal ist gut durchdacht, ebenso wie die einzelnen mit den ProtagonistInnen verbundenen Handlungsstränge, die den Leser lange in die Irre führen, in unerwartete Twists münden und mehrere gelungene Spannungsbögen erzeugen.

    Spoiler Alert: Neben der stellenweisen Übertriebenheit, die der Story viel an Glaubwürdigkeit raubt und mein Lesevergnügen stellenweise trübte, ist für mich auch das Thema Selbstmord in Jugendbüchern immer ein kritisches, vor allem dann, wenn auf das Opfer kaum bis gar nicht eingegangen wird und das Motiv für den geschilderten Suizid obendrein auch noch Rache ist.

    Fazit: Long story short: Der ausgeklügelte Plot samt gelungener Twists und das vielversprechende Setting konnten mich leider nicht ganz über den Umstand hinwegtrösten, dass der Roman gegen Ende hin knietief im Kitsch versank und immer wieder weit über das Ziel hinausschoss. Muss ein Jugendthriller 100% glaubwürdig sein? Vermutlich nicht. Sollte sich das Erzählte zumindest noch im Rahmen des Vorstellbaren bewegen? Irgendwie schon. Aber wer es gern dick aufgetragen mag, ist mit „One of us is lying“ sicher bestens unterhalten und gut bedient.

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    Cover des Buches The Wizard of Oz (ISBN: 9780142427507)

    Bewertung zu "The Wizard of Oz" von L. Frank Baum

    The Wizard of Oz
    nana_what_elsevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eines der schönsten Märchen aller Zeiten. The Wizard of Oz ist voller herzerwärmender Momente, Sprachwitz und einzigartiger Figuren.
    The Wizard of Oz von L. Frank Baum


    „All the same,“ said the Scarecrow, „I shall ask for brains instead of a heart;  for a fool would not know what to do with a heart if he had one.“
    aus: The Wizard of Oz von L. Frank Baum. Textrecht: Puffin Books, Seite 41.

    Klappentext: Dorothy’s life is turned upside down when a tornado whisks her and her dog, Toto, from Kansas to the magical land of Oz. To get back home, she must follow a yellow brick road to find the Wizard in the Emerald City. But the Wicked Witch oft he West lies in wait. Will Dorothy ever find her way home?


    „Oh, I see,“ said the Tin Woodman. „But, after all, brains are not the best things in the world.“
    „Have you any?“ inquired the Scarecrow.
    „No, my head is quite empty,“ answered the Woodman; „but once I had brains, and a heart also; so, having tried them both, I should rather have a heart.“
    aus: The Wizard of Oz von L. Frank Baum. Textrecht: Puffin Books, Seite 38.


    Persönlicher Leseeindruck: Eine vage Ahnung von der Handlung und den schrulligen Figuren von „Der Zauberer von Oz“ hatte ich aufgrund tausender Anspielungen in Filmen, in einigen meiner Lieblingslieder (check out: The Blues, Mary – Brian Fallon) und natürlich durch das Musical „Wicked“ schon lange. WIE unglaublich schön und facettenreich dieser zauberhafte Text allerdings tatsächlich ist, wie lange er nachhallt und welch schöne Botschaften er einem mit auf den Weg gibt … – davon hatte ich bis vor kurzem keine Ahnung.

    Die Geschichte von Dorothy, die mit ihrem treuen Hund Toto bei ihrer Tante und ihrem Onkel in Kansas wohnt, beginnt damit, dass eines Tages ein Tornado durchs Land braust, ihr Haus – mitsamt der kleinen Dorothy und Toto – mit sich reißt und nach Oz trägt, wo es prompt auf der Wicked Witch of the East landet! Nachdem sie unwissentlich die böse Hexe platt gemacht und die Munchkins damit von ihrer Knechtschaft befreit hat, beginnt ihre abenteuerliche Reise zur Emerald City, wo sie den Wizard of Oz treffen will, da er –  so sind sich die Munchkins und die gute Hexe des Nordens sicher – der einzige ist, der Dorothy helfen kann, zurück nach Kansas zu kommen.

    Am Weg zur Emerald City trifft Dorothy auf die Vogelscheuche, die sich nichts sehnlicher wünscht als mehr als bloß Stroh im Kopf zu haben, den Tin Woodman, der – vollkommen aus Blech – nur den einen Wunsch hat, wieder ein schlagendes, liebendes Herz zu haben und auf den feigen Löwen, dessen größter Herzenswunsch es ist, keine Angst mehr zu haben und endlich mutig zu sein. Sie alle schließen sich Dorothy auf dem Weg zur Emerald City an, in der Hoffnung, dass der über die Grenzen aller Lande hinweg bekannte, großartige Zauberer von Oz ihnen ihre Wünsche erfüllt. Dabei müssen sie viele Abenteuer bestehen und ihre Freundschaft wird oft auf harte Proben gestellt.

    Schon bald zeigt sich dem Leser aber – auch wenn die Figuren nicht imstande sind es zu erkennen – dass sie alle die Eigenschaften, die sie sich am meisten ersehnen, bereits in sich tragen: So verhält sich der Löwe stets heldenhaft und tapfer, wenn es darum geht, seine Freunde zu beschützen, der Blechmann ist ein feinfühliger und äußerst liebenswerter, stets auf die Gefühle anderer bedachter Begleiter und die liebe Vogelscheuche hat die schlausten Einfälle.





    ‚You people with hearts,‘ he said, ‚have something to guide you, and need never do wrong; but I have no heart, and so I must be very careful.‘
    aus: The Wizard of Oz von L. Frank Baum. Textrecht: Puffin Books, Seite 49.


    Besonders schön ist, dass auf diese Weise ganz leise und versteckt mutmachende und schöne Botschaften in dem modernen Märchen Platz finden. Ganz ohne ein plakatives „Und die Moral von der Geschicht…“, ganz ohne Donnerwetter und großes Tamtam. Auf kindlich-naive, herrlich ehrliche Weise werden wichtige, ja beinahe schon existentialistisch-philosophische Themen diskutiert, dass einem das Herz aufgeht. Da wird die Dialektik zwischen Verstand und Gefühl angerissen, dem Heimatgefühl nachgespürt, Loyalität verhandelt ohne große Parolen zu schwingen.

    Die Bildhaftigkeit der Sprache und ihr Witz machen das Märchen zu einem vergnüglichen und kurzweiligen Lesegenuss.

    Während sich dieses herzige, mit schwarz-weißen Illustrationen zauberhaft aufgehübschte Märchen sicherlich hervorragend zum Vorlesen und Selbstlesen für junge Leser eignet (kurze Kapitelchen, entzückende Illustrationen, einfache Sprache!) , sollte man auch als bibliophiler Mensch mit etwas mehr Jahren auf dem Buckel zu dem Büchlein greifen, sich nicht vom Label „Märchen“ oder kindlichen Aufmachungen abschrecken lassen und in diese kunterbunt- fantastische Welt der Munchkins und Winkies, der Hammerköpfe und der Porzellanleute, der Hexen und Zauberer eintauchen.

    L. Frank Baum hat mit „The Wizard of Oz“ ein zeitloses Stück Weltliteratur geschaffen, dessen Magie Leser über Generationen hinweg verzaubert hat – und auch in Zukunft wird, dessen bin ich felsenfest überzeugt.

    Besonders hervorzuheben ist auch die wunderschöne Aufmachung der Puffin Chalk-Ausgabe – angefangen vom kreativen Coverdesign von Dana Tanamachi, über die bereits erwähnten Illustrationen im Buch bis hin zum wirklich außergewöhnlichen, rauen Buchschnitt, der das Buch zusätzlich veredelt.

    Fazit: Eines der schönsten Märchen aller Zeiten. The Wizard of Oz ist voller herzerwärmender Momente, Sprachwitz, einzigartiger Figuren und wird von einem so kreativen Ideenreichtum und einer derart eindrücklichen Bildgewalt getragen, dass das Leseerlebnis nach Zuklappen des Büchleins noch lange nachhallt und einem dabei ein Lächeln auf die Lippen zaubert.



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    Cover des Buches Animal Farm (ISBN: B0092KVWOM)

    Bewertung zu "Animal Farm" von George Orwell

    Animal Farm
    nana_what_elsevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Animal Farm ist ein kurzer Text, aber einer, der es in sich hat.
    Animal Farm von George Orwell


    „ALL ANIMALS ARE EQUAL. BUT SOME ANIMALS ARE MORE EQUAL THAN OTHERS.“
    aus: Animal Farm von George Orwell. Textrechte: Penguin, Seite 90.


    Klappentext: Mr. Jones of Manor Farm is so lazy and drunken that one day he forgets to feed his livestock. The ensuing rebellion under the leadership of the pigs Napoleon and Snowball leads to the animals taking over the farm. Vowing to eliminate the terrible inequities of the farmyard, the renamed Animal Farm is organized to benefit all who walk on four legs. But as time passes, the ideals of the rebellion are corrupted, then forgotten. And something new and unexpected emerges …

    Animal Farm – the history of a revolution that went wrong – is George Orwell’s brilliant satire on the corrupting influence of power.


    Persönlicher Leseeindruck: Ich weiß nicht, ob es Pech ist oder ein riesengroßes Glück, dass ich Animal Farm nicht als Schullektüre vorgesetzt bekam. Einerseits wünschte ich mir, ich hätte diese Büchlein schon vor Jahren gelesen, andererseits bin ich froh darüber, dass ich es ganz für mich lesen und wirken lassen durfte.


    Auf Manor Farm werden die fleißigen Tiere ausgebeutet, unterdrückt, vernachlässigt. Als der Farmer Jones eines Tages im Suff schließlich sogar vergisst, seine geschundenen Tiere zu füttern, ist für diese klar: So geht es nicht weiter, es ist Zeit zu handeln. Sie stehen solidarisch zusammen und organisieren sich, um Jones zu vertreiben und die Farm zu übernehmen, um in Zukunft selbst die Früchte ihrer harten Arbeit zu ernten und die Fesseln der Unterdrückung ein für allemal zu sprengen.

    Die Regeln ihrer Gemeinschaft gründen auf Gleichheit, Solidarität und Fairness. Während ihre Revolution zu Beginn erfolgreich zu sein scheint, beginnen die Schweine immer und immer mehr die Charakterzüge ihrer einstigen Unterdrücker anzunehmen, werden immer „menschlicher“, immer skrupelloser und treten das Gebot der Gleichheit schließlich mit Füßen.

    Schließlich kommt es, wie es kommen muss – die Revolution frisst ihre eigenen Kinder.


    „Now, comrades, what is the nature of this life of ours? Let us face it, our lives are miserable, laborious and short. We are born, we are given just so much food as will keep the breath in our bodies, and those of us who are capable of it are forced to work to the last atom of our strength; and the very instant that our usefulness has come to an end we are slaughtered with hideous cruelty. […] The life of an animal is misery and slavery: that is the plain truth.“
    aus: Animal Farm von George Orwell. Textrechte: Penguin, Seite 3.


    Bereits 1945 erschienen, hat der Text bis heute nichts an seiner Aktualität eingebüßt, im Gegenteil: Er veranschaulicht auf einzigartige Weise das sich stete Wiederholen revolutionärer Akte, die von Hoffnung auf eine bessere Zukunft befeuert und Solidarität getragen zunächst Erfolg versprechen, sich jedoch in ihr Gegenteil verkehren und schlussendlich in Despotismus enden.

    Während des Lesens wird man – trotz der Einfachheit der Sprache – beinahe erschlagen von den Lesarten, die der Text anbietet und den Eindrücken, die damit einhergehen.

    Die berühmteste Interpretation der Fabel ist sicher jene, dass Animal Farm als Parabel für die Geschichte der Sowjetunion gelesen werden kann – von der Unterdrückung der Bürger hin zu Revolutionen, zur Entwicklung des Kommunismus und dem Einmünden aller hoffnungsfrohen Bestrebungen in eine paranoide Gewaltherrschaft, deren Gesicht Stalin war. Spannend sind dabei die Zuordnungen der Figuren zu historischen Persönlichkeiten, Gesellschaftsschichten oder Ereignissen, die teilweise bereits durch die sprechenden Namen der Vierbeiner angedeutet werden.

    Animal Farm ist jedoch unglaublich vielschichtig und verhandelt auf verschiedenen Diskursebenen Fragen der Moral und Ethik. Da schwingen Fragen mit über die Unantastbarkeit der (Menschen-)Würde, den Wert des Einzelnen in einer Gesellschaft, in der das Konzept der Gleichheit zweckinstrumentalisiert wird, über Freiheit und sehr reale aber dystopisch wirkendeWirtschafts- und Regierungssysteme.

    Sprache und Struktur der Fabel sind einfach gestrickt, ihre Komplexität wird erst deutlich, wenn man beginnt, die Allegorien aufzudröseln, den Entstehungskontext unter die Lupe zu nehmen und den Text auch in seiner Aktualität wirken zu lassen.

    Für mich bot der Text nicht nur aufgrund seiner politischen Aufgeladenheit jede Menge Denkstoff. Auch die implizit verhandelte Dialektik von Tierischem und Menschlichem beschäftigte mich noch lange. Unterstellt man jemandem „unmenschlich“ zu handeln, so attestiert man ihm meist ein Fehlen von Empathie und moralischer Geleitetheit. Dass in dem Buch dieses Konzept immer und immer wieder verkehrt wird, das Tierische für Würde, das Menschliche für Korrumpierbarkeit steht – so verlieren die Schweine peu à peu all ihre Integrität, in dem sie sich nach und nach menschliche Charakterzüge und Handlungsweisen aneignen – lädt gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Selbstüberhöhung des Menschen über Flora und Fauna (zum Glück, endlich!) international diskutiert wird, zu noch ein wenig mehr Selbstreflexion ein.


    „The creatures outside looked from pig to man, and from man to pig, and from pig to man again: but already it was impossible to say which was which.“
    aus: Animal Farm von George Orwell. Textrechte: Penguin, Seite 95.


    Als Manko dieser Penguin-Ausgabe sei noch kurz erwähnt, dass in ihr das Vorwort, das bereits 1945 der Zensur zum Opfer fiel (ironisch, da in ihm die Pressefreiheit verhandelt wird), nicht abgedruckt ist.

    Fazit: Animal Farm ist ein kurzer Text, aber einer, der es in sich hat. Die Fabel vereint so viele Bedeutungsschichten und lässt im Spannungsfeld ihrer Historizität und Aktualität so viele Lesarten zu, dass es sich lohnt, sie auch ein zweites oder drittes Mal zu lesen: Genügend zu entdecken gibt es auf jeden Fall.

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