EIN BLICK HINTER DIE FASSADEN...
Der Geschäftsführer eines legendären Kaufhauses wird ermordet aufgefunden. Doch bis die Polizei am Tatort eintrifft, hat Leonora Bloch alle Spuren beseitigt, so diskret und gründlich, wie sie schon seit 45 Jahren als Reinigungskraft bei Dr. Bronstett jeder Form von Unordnung begegnet. Als die Ermittlungen in die Austernbar in der fünften Etage führen, ist man schon mittendrin im Mikrokosmos dieses Kaufhauses, das von der paradoxen Sehnsucht nach vergangener Pracht und erschwinglichem Luxus lebt. Und niemand scheint sich in dieser Welt, wo Glanz und Elend, Armut und Reichtum so entwaffnend aufeinandertreffen, besser auszukennen als die 73-jährige Leonora. Doch kennt sie wirklich alle Geheimnisse und welche hütet sie selbst? (Verlagsbeschreibung)
Was macht eine 73-jährige Reinigungskraft, wenn sie ihren langjährigen Arbeitgeber ermordet auffindet? Sie putzt erst einmal. Leonora Bloch beseitigt akribisch das Blut, bringt Ordnung in das Chaos und ruft erst danach die Polizei. Allein diese Szene sagt bereits viel über ihre Figur aus: Leonora handelt überlegt, pragmatisch und mit einer Selbstverständlichkeit, die gleichzeitig irritiert und neugierig macht. Dieser ebenso absurde wie konsequente Einstieg macht schnell klar, dass dies kein gewöhnlicher Kriminalroman ist.
Der Mord an Dr. Bronstett bildet zwar den Ausgangspunkt der Geschichte, doch der eigentliche Mittelpunkt ist Leonora selbst. Seit 45 Jahren arbeitet sie für den Kaufhausbesitzer und kennt dessen Welt besser, als man zunächst vermuten würde. Sie ist eine Frau, die gelernt hat, sich unsichtbar zu machen. Sie beobachtet viel, spricht wenig und bewahrt ihre Gedanken und Erinnerungen sorgfältig für sich. Gerade diese Verschlossenheit macht sie so interessant. Leonora ist weder die klassische Ermittlerin noch die typische sympathische Hauptfigur. Sie bleibt sperrig, manchmal eigenwillig und auf Distanz – doch gerade dadurch wirkt sie glaubwürdig.
Besonders spannend fand ich, wie sich nach und nach ihr eigenes Leben hinter dieser scheinbar unauffälligen Fassade zeigt. Ihre Erinnerungen an ihren verstorbenen Sohn Sebastian, ihre Einsamkeit, ihre langjährigen Beziehungen zu Menschen aus dem Kaufhaus, und ihre ganz eigene Sicht auf die Welt machen deutlich, dass hinter der "unsichtbaren“ Reinigungskraft eine Frau mit einer bewegten Vergangenheit steckt. Leonora weiß sehr viel über andere Menschen – und gleichzeitig gibt sie nur ungern etwas von sich selbst preis. Gemeinsam bilden die präsentierten Figuren ein feines Geflecht aus Beziehungen, Abhängigkeiten und unausgesprochenen Konflikten.
Gedanken, Erinnerungen und Beobachtungen Leonoras fügen sich hier allmählich zu einem Bild zusammen. Das verlangt Aufmerksamkeit, belohnt aber genaues Lesen. Die Spannung entsteht deshalb weniger durch spektakuläre Wendungen oder klassische Ermittlungsarbeit, sondern durch die Frage, was hinter den Menschen und ihren Geschichten steckt. Ein langsamer Roman, der stückchenweise das Bild der Charaktere und ihrer Lebensumstände schärft, nebenbei Spuren des Mordfalls freigibt und Einblicke in eine Welt hinter den Kulissen des berühmten Berliner Kaufhauses gewährt: der frühere Glanz und der allmähliche Verfall.
Gerade der Mikrokosmos des Kaufhauses bildet interessante Details ab: Oben die Austernbar und der erschwingliche Luxus, unten die Menschen, die dafür sorgen, dass dieser Luxus überhaupt funktioniert. Glanz und Armut, Macht und Abhängigkeit treffen hier unmittelbar aufeinander. Yael Inokai macht die sozialen Unterschiede sichtbar, ohne sie mit dem erhobenen Zeigefinger auszustellen. Dieser Gegensatz zwischen dem schönen Schein und dem, was dahinter verborgen liegt, zieht sich durch den kompletten Roman.
Ich habe dieses schmale Buch wirklich gern gelesen. Inokais Sprache ist präzise, reduziert und gleichzeitig ausgesprochen atmosphärisch. Vieles wird nicht erklärt, sondern lediglich angedeutet. Sprachlich ausgefeilt haben mich manche Sätze richtig erfreut, der schwarze Humor traf bei mir genau ins Schwarze, dabei wird nichts ins Lächerliche gezogen. Die eigenwillige Mischung aus Melancholie (Einsamkeit), Pragmatismus und Humor hat mich jedenfalls sehr angesprochen.
Wer einen temporeichen Krimi mit intensiver Polizeiarbeit und zahlreichen Wendungen erwartet, könnte hier enttäuscht sein. Für mich liegt gerade darin seine Stärke. Der Mord ist der rote Faden, doch eigentlich erzählt Yael Inokai von Menschen, die übersehen werden, von Einsamkeit und Zugehörigkeit, von Macht und Abhängigkeit und von den Geheimnissen, die jeder Mensch mit sich trägt.
Dieser Roman ist leise, eigenwillig und manchmal skurril – aber gerade dadurch entwickelt er einen ganz eigenen Sog. Ein Roman, der hinter die Fassaden blickt - hinter die Fassaden seiner Charaktere, aber auch hinter die glänzende Fassade eines berühmten Berliner Kaufhauses - und dabei zeigt, dass die interessantesten Geschichten oft dort verborgen liegen, wo man zunächst nicht hinsieht.
© Parden

































