rallus

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    Cover des Buches Glück. (ISBN: 9783548680453)

    Bewertung zu "Glück." von Will Ferguson

    Glück.
    rallusvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Dauerglück? Lieber nicht! Ein Buchhöhepunkt eines Jahres
    Glück

    Schon seit jeher ist die Menschheit auf der Suche. Auf der Suche nach Wissen, nach Reichtum, nach neuem Boden, Gelehrtheit und auf der Suche nach Glück. Geld, Gold, viel Sex oder Macht bedeuten nichts, wenn man nicht auch glücklich ist. Viele Philosophen haben sich den Kopf zerbrochen, wie dieses doch so flüchtige Gefühl dauerhaft herzustellen ist. Ratgeber beschäftigen sich mit der Suche nach Glück und der Erfüllung des menschlichen Lebens. Herr Rossi ist auch auf der Suche. Jeder hat sicherlich ein eigenes Verständnis von Glück. An einem heißen Sommertag mag ein kühles Eis ein Glücksgefühl hervorzaubern, an einem kalten Wintertag ein heißer Grog.

    Doch was wäre es nicht schön, immerdar glücklich zu sein? Wäre dies nicht erstrebenswert? Dann müssten wir uns nicht mehr mit den alltäglichen Sorgen und Nöten herumquälen. Ein Leben in Glückseligkeit. Was wundert, ist, dass in unserer kapitalistischen westlichen Gesellschaft sich nicht schon jemand das Glück hat patentieren lassen. Hier nun ist eine herrlich überbordernde, nie in ihrer satirischen Lust nachlassende Parodie auf diese ewige Suche.

    Edwin Vincent de Valu ist bei einem mittelgroßen Verlag als Lektor beschäftigt, verheiratet mit einer perfekten, schönen Frau, kämpft er sich Tag für Tag durch die Flut der unverlangt eingereichten Manuskripte. Zusammen mit ihm kämpft seine Kollegin May, die heimlich in ihn verliebt ist. Bissig und ironisch beschreibt Ferguson die Arbeit im Verlag, wobei mir die Standard-Ablehnungsschreiben nicht weit von der Realität entfernt vorkamen. Der Redakteur ist ein Alt-Hippie, der versucht den Verlag immer aktuell zu halten. Aktuell sind Ratgeber in Mode. Ratgeber über alles mögliche, warum nicht auch über Schweinebauch?!  "'Unorthodoxes Denken, Edwin, daran hapert es. Unorthodoxes Denken. Frauen, Schweinebauch: ist doch ganz klar, Edwin. Ich möchte, dass sie einen Gesundheits- und Diät - Ratgeber zusammenstellen, der Frauen zeigt, wie sie mit Schweinefleisch abnehmen können. Es wird eine ganz neue Theorie werden. Wir können sie das 'Schweinefleisch-Paradox' nennen'. Eine Stille trat ein. Eine lang anhaltende Stille. So lange, dass es schon mehr eine Epoche als eine Stille war. Kontinente driften. Gletscher krochen Bergflanken hinunter." Eines Tages bekommt Edwin ein Manuskript namens 'Was der Berg mich lehrte' von einem unbekannten Tupak Soiree geschrieben. Verziert mit Gänseblümchen. Mit dem Gedanken: schon wieder ein Lebenshilferatgeber (STÖHN), wirft Edwin diesen in den Mülleimer. Auf dem darauffolgenden wöchentlichen Planungstreffen für das nächste Herbstprogramm erwähnt Edwin, mangels eigener Masse, dieses Buch als das nächste große Ding. An seinem Platz zurückgekommen, stellt er fest, dass der Mülleimer geleert ist. Die tagelange Suche, selbst auf der städtischen Müllkippe, ergibt kein Resultat. Verzweiflung erfasst Edwin. Das Manuskript bekommt er wenig später von dem nun glückseligen, ehemaligen Hausmeister in die Hand gedrückt. Und das Buch dann aufgelegt und unlektoriert, wird ein Knüller. Es verwandelt die Menschheit in eine gleichförmige, glückselige Masse. Außer Edwin. Ist das endlich das Ziel, wovon jeder geträumt hat? Edwin ist skeptisch.

     

    "May, alles um uns bricht zusammen. Alles. Ich rede hier von der Gesellschaft, dem Land, der Wirtschaft. Es ist das Ende des Lebens, das wir kennen. Und Warum? Wegen Tupak Soiree und seiner Computer-generierten Formel für das menschliche Glück. Du hast gesagt: 'Na und, dann werden die Menschen eben glücklich. Was ist so schlimm daran?' May, unser ganzes Land basiert auf den menschlichen Schwächen, auf schlechten Angewohnheiten und Unsicherheiten. Mode. Fast Food, Sportwagen, Technik-Schnickschnack. Sexspielzeug. Diätzentren. Haarpflegesalons für Männer. Kontaktanzeigen. Religiöse Sekten. Profisport-Teams - lauter Ersatzbefriedigungen. Friseursalons. Unser gesamtes Land beruht auf Selbstzweifel und Unzufriedenheit. Männliche Midlife-Crisis. Konsumrausch. Überleg dir doch mal, was passieren würde, wenn die Menschen je wirklich glücklich wären. Wirklich zufrieden mit ihrem Leben. Es wäre katastrophal. Das gesamte Land, seine ganze Maschinerie würde zum Stillstand kommen."

    Für Edwin ist die Glückseligkeit nicht das Ziel, er braucht Leidenschaft, die lodert und versengt. Wem kommt nun nicht der bayrische Engel in den Sinn, der gelangweilt auf seiner Wolke sitzt und Halleluja in den Himmel kräht. Das kann es nicht sein! Doch die Woge hat das Land schon erfasst und die Industrien die auf den Frust der Menschen aufgebaut sind, kommen zum Erliegen. Edwin kämpft gegen diese Gleichförmigkeit. Tupak Soiree sondert seinen geistigen Dünnpfiff in Late-Night-Shows ab. Dieser Mann muss weg, dann kann die Menschheit wieder leiden. Er will die Traurigkeit hervorholen.

    Ab jetzt müsst ihr Edwin auf seinem Weg selber folgen. Es entwickeln sich noch die eine und andere Überraschung, bis das Buch endet. Lasst euch gesagt sein, dass dieses Buch wirklich glücklich macht. Ihr werdet schmunzeln, lauthals lachen und vielleicht sogar die eine oder andere Träne vergießen. Nicht nur, dass das Buch durchgehend gut, zynisch, witzig und mit einem kleinen Schuss Philosophie gesegnet ist. Nein, auch die handelnden Nebenfiguren sind herrlich in Szene gesetzt. Der Alt-Hippie als Redakteur, die getretene Katze, der geschasste Autor. Wunderbar, ergötzlich in Klischees getaucht und über die Geschichte gegossen. Ja selbst das Autofahren wird zu einem sprachlichen Genuss.

    "Edwin Vincent de Valu trieb den Wagen seiner Frau hauptsächlich mit seinen Flüchen an. Er beschimpfte und verfluchte das saft-und kraftlose, kleine, zweitürige Heckklappenmodell, malträtierte die Kupplung und fuhr ruckelnd und zuckelnd durch die Wohnstraßen von South Central Boulevard. Bald hatte er sein Reservoir an Hasstiraden ausgeschöpft und ging dazu über, wahllos Fußgänger, Haustiere und ab und an einen Busch oder Strauch zu beschimpfen."

    Ein Buch das Monty Python bestimmt gerne verfilmt hätten. Ein schönes, glücklich machendes Buch. Aber glückselig werdet ihr davon zum Glück nicht. Da hat Edwin und Will Ferguson etwas dagegen zu setzen. Natürlich ein Highlight meines Lesejahres 2018.

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    Cover des Buches Rudolf Steiner (ISBN: 9783421044730)

    Bewertung zu "Rudolf Steiner" von Miriam Gebhardt

    Rudolf Steiner
    rallusvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Sehr schöne und ausführliche Biografie von dem 'Erfinder' der Walldorfschule
    Ein Seelensuchender

    Als meine Kinder noch im Kindergarten waren, stellte sich uns die Frage, wohin mit dem Nachwuchs, wenn es in die Schule gehen soll. Da in unserer Nähe eine Waldorfschule war, kamen wir überhaupt erst auf die Idee nach einer Alternative für die staatliche Schule zu suchen. Nach einigen Informationsabenden an den Schulen und Diskussionen mit befreundeten Eltern, entschieden wir uns gegen die Waldorfschule. Zugegebenermaßen hauptsächlich, weil mir die Idee des Einflusses in das tägliche eigene Leben und das Verbot des Fernsehers (auch für die Eltern) nicht gefiel. Andere mögen es für profan halten, aber mir war der Tatort am Sonntag wichtiger, als eine mir etwas esoterisch erscheinende Idee der Kindererziehung. Die Schule hatte für mich auch etwas Sektenhaftes an sich, und gegen Sekten und die damit verbundenen Eingriffe in meine persönliche Freiheit zu leben, hatte ich schon immer eine innere Abneigung.

    Ein befreundetes Elternpaar schickte ihre zwei Jungen auf die Waldorfgrundschule und während meine Mädchen lesen und schreiben lernten, lernten die beiden Jungs Buntstifte mit den Zehen zu halten und Zahlen zu malen. Sie konnten in fünf Fremdsprachen die Zahlen von eins bis zwanzig malen; zusammenrechnen konnten sie sie aber nicht. Man mag jetzt davon halten, was man will, ich fand in dem Moment die staatliche Art der Schule griffiger. Erst viel später habe ich mich intensiver mit der Anthroposophie beschäftigt. Hier nun liegt eine Biografie des Begründers Rudolf Steiner vor, die vieles der anthroposophischen Gedankenwelt beleuchtet. Für mich persönlich ist die Entscheidung der Schulwahl meiner Kinder aus heutiger Sicht betrachtet, immer noch die bessere gewesen.

     

    Wer war Rudolf Steiner? Was für ein Mensch war er? Wie kam er zu seinen noch heute aktuellen Ideen im Bereich der Architektur, Kunst, soziales Leben und der Landwirtschaft. Marken wie Weleda und das Demeter-Konzept gingen aus dem von ihm gegründeten anthroposophischen Gedanken hervor. Die Waldorfpädagogik mit Schulen und Kindergärten überall auf der Welt, sind auch Kinder seines facettenreichen Ideenreichtums. Über den Mensch Rudolf Steiner ist wenig bekannt, Miriam Gebhardt hat es sich in dem vorliegenden Buch zur Aufgabe gemacht, die dünne Faktenlage zusammenzutragen und anhand von Weggenossen und Frauen (ganz wichtig!) im Leben Rudolf Steiners, ein Gesamtbild zu erstellen.

    Steiner (*27.Februar 1861) wuchs als Kind eines Eisenbahners in Österreich auf. Sein Vater zog von Berufs wegen viel um und war selten zu Hause, die Aufmerksamkeit seiner Mutter richtete sich bald auf seinen fünf Jahre jüngeren, gehörlos geborenen Bruder. Steiner sollte in seiner Schulzeit seinen Halt weniger im sozialen Umfeld oder in Freundschaften finden, seine Lebenskoordinaten suchte er in abstrakten Formen im geliebten Mathematikunterricht.

    "Dabei hatten Ordnung, Regelhaftigkeit und Klarheit einen großen Stellenwert; Eigenschaften, die man in all seinen späteren Arbeiten als Anthroposoph wiedererkennen kann, ganz besonders in seinen Architekturvisionen."

    Nach Schule und Universität, an der er die fehlenden sozialen Interaktionen der Schulzeit nachholte, führten Steiners weitere Wege nach Weimar, wo er an einer Goethegesamtausgabe arbeitete und Anna Eunike kennenlernte, die 1899 seine erste Frau wurde. Steiners damalige Hinwendung zum Okkultismus, die mit eine der Grundlagen des Anthroposophismus ist, muss im Sinne der damaligen Zeit verstanden werden. In Zeiten aufkommender Technik und nachlassender "Normierungskraft der Kirche über die individuelle Lebensführung" wurde der Okkultismus zu einer starken gesellschaftlich akzeptierten Strömung. Gestärkt durch diese spirituelle Sicht der Dinge gelang es Steiner ,den anthroposophischen Gedanken auf Grundlage der idealistischen Philosophie aufzubauen. Auch ein "Versuch, das Metaphysische vor der Verbannung ins Spekulative zu schützen. Es ging um den Status des Nichtmateriellen, um Gott und Seele in Zeichen der Eisenbahn." 

    Auf Steiners Weg begleiteten ihn viele Frauen, die empfänglicher für seine spirituellen Ideen waren. Diese Frauen die auch über den Status seiner persönlichen Assistentinnen durchaus zweimal zu seiner Ehefrau wurden, kamen aber wohl nie in den Genuss der fleischlichen Liebe, die Steiner Zeit seines Lebens ablehnte. Steiner genügte die Seelenverwandtschaft, leibliche Kinder hatte er deswegen auch nie.

    Steiner entwickelte gerade in seinen Reden eine ungeahnte Stahlkraft, die seine Zuhörer in den Bann zog. Seine Inhalte waren dabei nicht so wichtig, vielmehr verhielt "er sich sehr situativ und schöpfte zu bestimmten Momenten an bestimmten Orten seine Verhaltensoptionen aus."  Er kam dabei "einem in bestimmten Kreisen der Gesellschaft verbreiteten Bedürfnis nach, den hergebrachten linearen bürgerlichen Lebensentwurf zu überwinden."

    Trotz der großen Überzeugungskraft Steiners bei seinen Reden, sahen doch prominente Kritiker, wie der Zeitzeuge Kurt Tucholsky bei einer Rede vom 3.Juli 1924, Steiners Inhaltlosigkeit. "Wenns mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen - das 'Seelisch-Geistige', das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt - und er hantierte mit Riesenbegriffen." so kritisch Tucholsky. Doch dies hinderte nicht den Siegeszug der Anthroposophie in den nächsten Jahren.

    Gestärkt auch durch den Zulauf der adligen finanzstarken Fürsprecher baute Steiner in Dornach das Goetheanum auf, ein anthroposophisches Kongresszentrum, das nach einem Brand 1922 doppelt so groß wieder aufgebaut wurde. Dort starb Steiner auch am 30. März 1925 und ist ebenda begraben. Seine gegründete Waldorfpädagogik und die Namen Demeter und Weleda haben den zweiten Weltkrieg überdauert.

    Miriam Gebhardt führt die verschiedenen Lebensstadionen Steiners geschickt mit den wichtigen historischen Daten zusammen, was ich mir von einer Biographie erhoffe und erwarte. Dabei geht sie auch auf die Vorwürfe ein, die öfter an die Waldorfpädagogik angetragen werden. Der Antisemitismus, den man Steiner vielerorts vorwirft, ist größtenteils auch aus dem Kontext der Zeit geboren. Der erstarkende Nationalismus in Deutschland, den Steiner intuitiv in seine Lehren einbaute, ist nicht Teil eines von ihm wirklich praktizierten Hasses gegen andere Völker, wie des jüdischen. Man mag Steiner trotzdem die sicherlich etwas naive Gedankenlosigkeit bei der Aufnahme des Rassenbildes in seinen Lehren vorwerfen. Die Waldorfpädagogik punktet nicht durch Differenzierung und Pluralismus, gibt den Schülern aber einen starken sozialen Rückhalt. Ehemalige Waldorfschüler finden sich auch deswegen hauptsächlich im sozialen Bereich und als Künstler wieder.

    Miriam Gebhardt hat hier eine starke, objektive Autobiographie geschrieben, die mir sehr viel Hintergrundwissen der damaligen Zeit vermittelt und die Anthroposophiebewegung stark beleuchtet. Diese ist durch Steiners Tod und seine Kinderlosigkeit auf dem Stand von 1925 geblieben, sie ist sehr stark an seine Person und seine ausdrucksstarke Persönlichkeit gebunden. Alleine die Fülle der Daten und Erlebnisse in Steiners Leben macht es wert, dieses Buch zu lesen, das im Ton angenehm wissenschaftlich, aber doch im Stil flüssig geschrieben ist.

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    Cover des Buches Der Gedankenspieler (ISBN: 9783462051773)

    Bewertung zu "Der Gedankenspieler" von Peter Härtling

    Der Gedankenspieler
    rallusvor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Ein letzter bewegender Roman eines großen deutschen Schriftstellers
    Alter, Einsamkeit und Freundschaft

    Älter werden wir alle. Manche stemmen sich mit Macht gegen das Alter. Die Einen ignorieren es und sind bei jedem Geburtstag 39+, die Anderen vertiefen sich in die Ertüchtigung des schlaffen Fleisches (seid gewiss die Schwerkraft siegt!), manch einer sucht sogar die Schönheitschirurgen auf. (Eine sehr amüsante Serie zu diesem Thema ist Nip/Tuck - unbedingt sehen, dort werden alle Klischees auf das böseste erfüllt) Doch gegen das Altern an sich ist kein Kraut gewachsen und vor lauter Jugendwahn sollte jeder aufpassen, nicht älter zu werden ohne das Leben zu vergessen.

    Peter Härtling ist letztes Jahr am 10.Juli in Rüsselsheim gestorben. Er war ein bekannter und beliebter deutscher Schriftsteller, seit 1966 Mitglied des PEN-Zentrums der BRD und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Den Hauptteil seines literarischen Werkes widmete er der Lyrik, Essays und Prosa. Beeindruckt hat er mich durch sein, bei Kiepenheuer & Witsch erschienenes Buch, Verdi. Eine etwas andere Biografie über den bekannten italienischen Komponisten.

    In seinem letzten, hier vorliegenden, Werk geht es autobiographischer zu. Johannes Wenger ist ein über achtzigjähriger alleinstehender Architekt. Er stürzt und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Nicht die Umstände von der fiktiven, liebevoll 'Hannes' genannten, Romanfigur im Vergleich zu Härtling, sind es, die autobiographisch wirken. Es sind das Alter, das Sinnieren, 'Gedankenspielen' und die Nähe des Todes. Peter Härtling hat sein letztes Werk nicht mehr auf dem Buchmarkt erlebt. Er starb vor der Veröffentlichung des Buches.

    Nach seinem Sturz ist Johannes Wenger auf Pflege und den Rollstuhl angewiesen. Der etwas knurrige Wenger muss sich nun in den Zeitplan der PflegerInnen fügen. Er, der jahrelang alles selbst erledigen konnte, sein Singledasein gepflegt und sich daran gewöhnt hat, ist nicht nur auf die Hilfe von fremden Menschen angewiesen, er muss diese auch in seiner Wohnung ertragen. Dabei nicht die Würde zu verlieren, auch davon handelt dieses Buch.

    "Wenger gab auf. Verzeih, Mailänder, ich benehme mich wie ein Kind. Mailänder machte Anstalten das Zimmer zu verlassen. Nicht wie ein Kind. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und lachte in sich hinein. Wie ein anspruchsvoller, verwöhnter Greis. Wie einer, der immer für sich sein wollte, Wert darauf legte, die Frage nach Angehörigen mit 'Keine' zu beantworten. So ist es doch. Wenger sank in sich zusammen."

    Mailänder ist sein Hausarzt, sein einziger Vertrauter, Freunde hat Wenger nicht. In seiner jahrelangen Arbeit als Architekt hat er sich Reputation verschafft und Kollegen, aber Frauen, ein eigenes Haus zum Leben oder Freunde kamen darin nur temporär vor. Als ihm Mailänder eröffnet, dass er eine Frau mit Kind kennen gelernt hat, lernt er diese zögernd kennen. Karola und Katharina, die quirlige Achtjährige, öffnen ihm langsam das Herz und er fährt zusammen mit ihnen nach Rügen ans Meer. Hier zeigt sich ihm schmerzhaft die Abhängigkeit in die er geraten ist.

    "Du bist so schweigsam, Hannes. Ich hör euch zu. Ich habe nicht den Eindruck. Ich beneide euch um Rügen, das Meer, die Brücke von Binz, den runden Platz von Putbus, ja um den Wind, den hohen Himmel und die schnellen Faserwolken. Mailänder sah erst ihn, dann Karola an: Da spricht ein Sehnsüchtiger. Ein Rollstuhlfahrer."

     

    Härtlings letzter Roman ist eine ruhiger und unspektakuläre Geschichte eines einsamen alten Mannes, der sich den Widrigkeiten des letzten Teils seines Lebens stellt. Er tut dies ohne Bitternis oder misanthropische Anflüge, das Menschenbild Härtlings schimmert in der Figur Wengers. Auch der Autor war in seinen letzten Lebensjahren an den Rollstuhl und die Dialyse angewiesen. Trotz aller Knurrigkeit setzt sich Wenger mit den ihn umgebenden Personen auseinander und die Begegnung mit der Freundin Karolas lässt ihn kurz sein Herz öffnen.

    Peter Härtling hat eine unglaublich effektive Art zu schreiben, kein Wort ist zu viel oder zu wenig. Dabei entwickelt sich vor dem Leser das sanfte und positive Menschenbild des Autors. Dieses ist von einer wohligen Wärme und letztendlich Zufriedenheit über das gelebte Leben. Sein letzter Roman bewegt und hat mir das Herz gewärmt. Die Welt hat einen großen deutschen Schriftsteller verloren.

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    Cover des Buches Hello Kitty muss sterben (ISBN: 9783630873398)

    Bewertung zu "Hello Kitty muss sterben" von Angela S. Choi

    Hello Kitty muss sterben
    rallusvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Böses, sarkastisches, zynisches Buch über die Probleme von chinesichen Frauen in Amerika
    Hai, Papa

    Einwanderer traditionsreicher Kulturen haben es schwer, besonders in Amerika. In Amerika ist alles möglich, sagt man, dabei ist dies doch das spießigste Land der Welt. Andererseits kann es nicht mit einer jahrtausendalten Kultur aufwarten wie z.B. China. Und in China ist der Aberglaube weit verbreitet. Getragene Kleidung an einer Beerdigung muss verbrannt werden, sonst bringt sie dem Träger Unglück. Dieser Aberglauben wird in das gelobte Land mit übernommen und Traditionen der Heimat werden weiter gelebt.

    Schon der erste Satz: „Es fing alles mit meinem fehlenden Jungfernhäutchen an.“ weckt des Lesers Interesse. Fiona Yu, eine intelligente Juristin, die mit beiden Beinen im Leben steht, hat das Problem, in ihrem Elternhaus zu wohnen und ihre sehr traditionellen Eltern förmlich an der Backe kleben zu haben. Selbst noch Jungfrau, zeigt sie kein gesondertes Interesse am männlichen Geschlecht. In der Eingangsszene versucht sie sich mit einem Dildo die Jungfräulichkeit zu nehmen, stellt aber mit Entsetzen fest, dass sie kein Jungfernhäutchen mehr hat.

    Bei der Konsultation mit einem Schönheitschirurgen, der sich auf die Wiederherstellung von Jungfernhäutchen spezialisiert hat, trifft sie auf einen alten Schulfreund. Er hilft ihr zwar nicht das Jungfernhäutchen wieder herzustellen, hat aber sehr kreative Tipps gegen die unliebsamen Verabredungen mit den chinesischen Männern, die ihre Eltern für sie verabreden.

    Knallig bunt kommt dieses rasante Buch daher. Die Kitschfigur Kitty als Totenkopf und das pinke Outfit des Titels zeigt dem Leser, wohin diese durchgeknallte Geschichte hin läuft. Fiona Yu ist zwar eine in den Traditionen Chinas aufgewachsene Frau, hat aber auch eine typisch amerikanische Art Frau zu sein und auf Mode und Schmuck zu achten. Dies äußert sich vermehrt in den Darstellungen der Personen, die sie sieht. Als allererstes wird genauestens Farbe, Modell und Firma der Kleidung beschrieben, als würde dies tiefergehende Rückschlüsse auf den Charakter der tragenden Person zulassen.

    Die Tradition und Sprache wird zuweilen spaßig von ihr umschrieben. Ihr andauerndes ‚Hai Papa‘, bei väterlichem Rat umschreibt sie etwas bitter:

    „Das kantonesische Wort für ‚ja‘ ist ‚hai‘, wenn man die Tonhöhe senkt. Das kantonesische Wort für ‚Fotze‘ ist ‚hai‘, wenn man die Tonhöhe hebt. Wer da behauptet, Mandarin wäre eine bessere Sprache als Kantonesisch, sollte einen Sinn für die subtilen Feinheiten von Tonhöhe, Flexion und Intonation entwickeln, die ‚ja‘ wie ‚Fotze‘ klingen lassen können.“

    Überhaupt Männer. Mit denen hat sie die eine oder andere Erfahrung gemacht. Den richtigen oder wenigstens einen ihren Ansprüchen gerechten, hat sie in der Zeit nie gefunden.

    „Eddie war in der vierten Klasse in mich verknallt. Im Gegensatz zu anderen Jungen, die den Objekten ihrer Zuneigung Schmuck aus dem Kaugummiautomaten schenkten, schenkte er mir ein paar Ohren. Zwei kleine rosafarbene Fleischtellerchen, die zuvor Sammie, dem Hamster aus dem Sachkundekurs, gehört hatten. Ich konnte sie nicht tragen. Sie hatten keine Ohrstecker. Sie führten lediglich dazu, dass mein Schreibtisch stank.“

    Und Fiona Yu ist eben nicht die nette, unterwürfige und gehorsame Frau, die sich chinesische Männer wünschen, ganz im Gegenteil. Der Schulfreund, den sie bei dem Wunsch ihre Unschuld chirurgisch wieder hergestellt zu bekommen, näher kennenlernt, entpuppt sich als eine Art ‚Dexter‘, der die Erde vom menschlichen Schund befreien möchte. Ein in der Tat lobenswertes, aber doch zum Scheitern verurteiltes Ziel.

    So changiert dieses Buch zwischen der Kritik am American Way of Life, ein wenig Kriminalistik – ohne dort in die Tiefe zu gehen – aber hauptsächlich von den Sprüchen der Fiona Yu. Das ist sehr trashig und auch wirklich lustig, für mich auf die Dauer etwas ermüdend, auch wenn solche schönen sinnigen Sprüche im Buch vorkommen:

    „Es gibt eine menschliche Fähigkeit, die sich meinem Verständnis bis heute entzieht: wie es ihnen gelingt, ihrem Schmerz eine gewisse Schönheit abzuringen oder ihn sogar so lange zu unterdrücken, bis er in Freude umschlägt. Das ist widernatürlich. Aber ich habe es immer wieder erlebt.“ 

    Ein netter Happen für den Strandurlaub, besonders durch die Farbe und das Cover des Buches immer wieder gerne in die Hand genommen.

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    Cover des Buches Sixty to Go (ISBN: 9783932338632)

    Bewertung zu "Sixty to Go" von Ruth Landshoff-Yorck

    Sixty to Go
    rallusvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Schöne rasante Geschichte aus den 40er Jahren im besetzten Frankreich
    Sixty to go

    10. Juli 1940. Ganz Frankreich ist besetzt? Nein, das Vichy Regime löst nach dem Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich die Dritte Französische Republik ab. Es herrscht eine verräterische Ruhe in Frankreich. Die provisorische französische Regierung ist nur auf dem Papier souverän, die nach Frankreich geflüchteten Juden müssen sich nach einer neuen Bleibe umschauen. Besonders in den Küstenregionen blüht der Menschenschmuggel. Überfahrten nach Amerika, dem verheißenen Land, sind begehrt. Die Cote d’Azur ist ein Sammelsurium von Geheimagenten, Spitzeln und Menschen die sich die Notlage der Flüchtenden zu Nutze machen. Es gibt auch Gruppen, die selbstlos handeln und versuchen Lücken in der Nazi-Überwachung zu finden.

    Dies ist die Geschichte einer losen Gruppe, die um Nizza agiert. Noch sechzig sind zu schaffen, Sixty to go um die Flasche feinsten Brandy zu leeren. Sechzig Menschen in Sicherheit zu bringen. Die Arbeit ist schwer, die Widerstände sind deren viele, ein Scheinleben ist aufrecht zu erhalten, Kontakte zu knüpfen – und ja nicht auffallen. Den Intriganten, den Kollaborateuren, den Nazi-Häschern. Das Anfang der 40er Jahre geschriebene Buch von Ruth Landshoff-Yorck, das 1944 im Exil der Autorin in Amerika herausgegeben wurde, liegt hier erstmals in einer deutschen Übersetzung vor. Es ist insofern beeindruckend, da zu der Zeit, als das Buch entstand, ein Ende des Krieges noch nicht in Sicht war.

    „Es war einmal eine Zeit, da war die halbe Welt verrückt geworden. Da gab es einen Verrückten, der zu großer Macht gelangte, während seine Zeitgenossen wegsahen. Ach, es war nicht so wichtig. Es dauerte nur ein paar Jahre. Und danach war alles besser als zuvor. In beiden Teilen der geretteten Welt hatten die Menschen wieder gelernt, dass man aufpassen muss, was der Nächste tut. Man muss auf seinen Nachbarn achten, denn Verantwortlichkeit ist nicht teilbar. Sie muss von allen getragen werden.“

    Und dieser Verantwortung nehmen sich die Widerstandskämpfer um Johannes Tarner und der Comtesse de Roseraye an. Es ist eine Gruppe, die aus Menschen verschiedener Nationalitäten und sozialer Klassen besteht. Einen Anführer haben sie nicht, das gemeinsame Ziel schweißt sie zusammen. In diesem Untergrundkampf geht es um ein großes Ziel, das so manches Mal Opfer fordert. Doch was ist das Schicksal eines Einzelnen in diesem Kontext?

    „Seine Augen gingen umher. Rechts ein Zug und links auch, ein paar Leute und kein Entkommen. Die beiden Männer in Zivil behielten die Papiere. Das wäre vielleicht der Zeitpunkt gewesen, den einen zu treten und den anderen zu schlagen. Aber man beherrschte sich. Man verhielt sich logisch. Man hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und die war größer als die Rettung eines einzelnen Mannes.“

    So ganz im Untergrund handeln die Antifa-Kämpfer um Tarner nicht. Geld ist zu besorgen, auch durch normale Arbeit. Kontakte zu höheren Stellen und zu einfachen Polizisten sind zu knüpfen, Bestechungsgelder zu verteilen und ja nicht zu sehr in den Vordergrund kommen.. Doch auch das Lachen soll ihnen nicht nur im Halse steckenbleiben und so gibt es auch Tänze und durchzechte Nächte.

    „Und der alte Onkel tanzte ganz ausgezeichnet und führte sich auf wie ein junger Mann. Er küsste Darlings schöne Ohren, nachdem er ihr etwas zugeflüstert hatte, das sie erröten ließ. Dann tanzte Tarner mit Esther und sie sagte: ‚Es scheint alles so unwirklich, nicht wahr? Das Leben ist nicht ernst, oder?'“

    Die Autorin versteht es gekonnt, die damalige Zeit und die Atmosphäre einzufangen, obwohl sie schon 1937 nach Amerika auswanderte und somit die Verhältnisse gar nicht aus eigenem Erleben kannte. Geschrieben ist das Buch im typischen 30er Jahre Steno-Stil, der aber meinen Genuss nicht schmälerte, nachdem ich mich an den Schreibstil gewöhnt hatte. In die Handlung flicht die Autorin auch viele historische Figuren ein, die den Roman noch näher an die Vergangenheit heranbringt. Die Figur des Amerikaners Bills ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass der Roman in Amerika zuerst erschien. Amerika verhielt sich unerträglich lange neutral und so ist auch Bill angelegt, der zwar den Widerstandskämpfern hilft, bei politischen Fragen auch gegen die Nazis eintritt, aber ansonsten eine eher undifferenzierte Haltung an den Tag legt. Die Atmosphäre der Geschichte wird noch mit vielen Originalfotos der beschriebenen Szenarien untermalt. Ein wunderschönes Buch als Zeitzeuge, im Aviva Verlag aus Berlin erschienen, der es sich mit seinem Katalog zur Aufgabe gemacht hat, gegen das Vergessen einzutreten.

    Komplettiert wird das Buch durch einen Anhang, der verwendete Begriffe im Buch erklärt und einem fundierten geschichtlichen Nachwort von Doris Hermanns, die Hintergründe der Geschichte und der Autorin beleuchtet.

    „Dies war eine wunderbare Geschichte, darüber waren sich alle einig. Sie wussten genau, dass Begebenheiten wie diese die Nazis nicht zur Strecke bringen würden. Bei weitem nicht. Aber sie halfen, die Moral bei Hitlers gefährlichsten Feinden aufrechtzuerhalten, den Menschen ohne Waffen.“

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    Cover des Buches Wer Schiffe klaut, kriegt nasse Füße (ISBN: 9783954941551)

    Bewertung zu "Wer Schiffe klaut, kriegt nasse Füße" von Rega Kerner

    Wer Schiffe klaut, kriegt nasse Füße
    rallusvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Witziges turbulentes Buch über jugendliche Ausreißer die ein Schiff ausleihen.
    Schiffsklau

    Es ist wichtig im Leben, manches Mal die Perspektiven zu ändern. Starre Blickwinkel verhindern ein flexibles Auseinandersetzen mit dem Leben, den Menschen, den Dingen. Dabei reicht es auch einfach mal, sich einem anderen Element als der Erde auszusetzen. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Und aus der Luft wirkt unser Leben so klein und das tägliche Einerlei so unwichtig. Auch auf dem Wasser wird der Blick auf die Dinge anders und so verschiebt sich auch der Blick auf das eigene Leben. Daraus kann der Einzelne nur lernen und gerade Heranwachsende benötigen und WOLLEN diese verschiedenen Sichtweisen. Zugegeben nicht alle.

    Lara und Klara sind engste Freundinnen und mit siebzehn Jahren bestrebt, neue Wege zu beschreiten. Sie werden zwar oft als Zwillinge beschrieben, aber unterschiedlicher als bei den beiden könnte ein Aufwachsen nicht sein. Klara kommt aus einer Arbeiterfamilie, die Mutter und der Vater kümmern sich mehr um den Biervorrat und den Fernseher, als um ihr Kind. Lara wächst behütet unter gefüllten Porzellantellerchen und einem immer gleich aussehenden gepflegten Vorgarten auf. Hier wird dem Kind alles geboten, doch Verständnis und Liebe sind, hier wie dort, nicht vorhanden.

    Was wundert es, dass beide spontan eines Tages ein herrenloses Schiff besteigen und … eine Tat ergibt die andere, der Motor ist gestartet und schon ist das Schiff auf dem Fluss. Von Steuern, Navigation oder Schiffs-Verkehrs-Regeln haben die beiden keine Ahnung.

    „Im Steuerhaus wedelte Karla wild mit den Armen. Was wollte sie Lara damit sagen? Oh Shit. Das seitwärts ausparkende Auto hatte, Zentimeter für Zentimeter, nun fast einen Meter zurückgelegt. Leider war dieses Auto kein Auto auf festem Boden, sondern ein Schiff in flüssigem Element. Dem konnte man nicht zu Fuß hinterher gehen! Lara war im Begriff, sich selbst stehen zu lassen. Oder die Freundin im Stich zu lassen. Oder das gerade erhörte Schiff allein zu lassen. Oder alles zugleich zu lassen. Nein! Heute wollte sie endlich einmal nichts auslassen. Und vor allem nicht stehen bleiben.“

    Karla war schon immer die aktivere, Lara ist die hübschere, weiblichere. Beide verbindet auch die Sehnsucht nach dem, was die Andere hat. Lara möchte aufsässig sein, Karla hübsch. Eine typische Freundschaft in diesem Alter. Doch nun geht die Reise los. Die NOORDJE schippert auf dem Fluss bald recht souverän, unter allen anderen Schiffen. Tatsächlich sehen die gewohnten Bauten und Landschaften vom Wasser betrachtet, anders aus.

    „Die Gallier überlebten, ihre grüne Wildnis nicht. Weite Wiesen und einsame Stege gab es nicht mehr: Die Bahnbrücke war das eiserne Tor zu menschlicher Hochkultur. Dahinter wurde sogar der Fluss eingemauert. Die Häuschen mutierten in stattliche Gebäude und rotteten sich heimtückisch zur Massenversammlung.“

    In der Folgezeit müssen die beiden so manche Hürde auf dem Fluss überwinden. Schleusen sind zu durchqueren, Schiffe zu umfahren und das Anlegen an Land will geübt sein. Irgendwann mal ist auch der Tank leer. Zum Glück tauchen ein Binnenschiffer und sein verführerischer Matrose auf, der Karla um den Verstand bringt, der aber leider nur Augen für die kurvenreiche Lara hat. So kämpfen sie sich den Fluss hinauf und erleben eine spannende Reise, auch in ihrem Inneren verändern sich die Blickwinkel.

    Doch was geschieht mit den Eltern?

    „Karlas Mutter erkannte den Blechdeckel. Der blutkrustenrot verklebte Erdbeerrand stach wie ein Dolch durch ihre Pupillen bis ins Bewusstsein. Karla aß jeden Tag Marmelade. Niemals bekam Marmelade die Gelegenheit einzutrocknen. Unbenutzte Marmelade offenbarte die ganze Tragweite der Situation. Sie wollte die Erkenntnis unter Sofakissen verstecken. Sie wollte sich selbst vollends in den Sofakissen vergraben. Nur ein Wort strampelte aus der Tiefe ihrer Sofakissen an die Oberfläche: ‚Aber… aber… aber…'“

    Auch hier passieren viele innere Veränderungen.

    Rega Kerners zweites Buch gewinnt langsam an Fahrt, die geschilderten Kämpfe der beiden Mädchen mit dem ungewohnten Schiffsumfeld ermüden anfangs etwas, da viele Wiederholungen beschrieben werden, doch mit dem Auftauchen des Binnenschifferkapitäns und der erotischen Verwicklung mit dessen Matrosen wird es für mich als Leser packender. Die Autorin hat einen schönen lyrischen Stil, spart aber nicht an direkten, deftigen Kraftausdrücken, was das Buch für mich sehr abwechslungsreich macht. Eine sehr bewegte und farbig ausgeschmückte Reise der beiden Mädchen und es bleibt abzuwarten, wie das zweite oder sogar dritte Buch der beiden Ausreißerinnen sich gestaltet.

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    Cover des Buches Robocalypse (ISBN: 9783426226001)

    Bewertung zu "Robocalypse" von Daniel H. Wilson

    Robocalypse
    rallusvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Stark nachlassene Endzeitapocalypse
    I Robot

    Künstliche Intelligenz ist seit dem Computerzeitalter zu einem viel diskutierten Thema geworden. Sogenannte KI’s bezwingen inzwischen Menschen in ihrem ureigensten, dem schöpferischen und kreativen Bereich. GO- und Schachweltmeister sind machtlos gegenüber der schnellen und riesigen Rechnerkapazität der Maschinen. Maschinen, die durchaus die notwendige Erfindungsgabe und Fantasie nicht vermissen lassen. Die Gretchenfrage ist immer: Besitzen diese Maschinen eine eigene Intelligenz, sogar eine Seele? Oder ist die schöpferische Leistung abhängig von den eingepflegten Programmen? Von den dahinterliegenden kreativen Hirnen der Menschen, die diese Programme ersonnen haben?

    Diese Frage spaltet die Menschheit und vereinzelt wenden sich religiöse Eiferer gegen diese, aus ihrer Sicht ‚gottlose‘, Entwicklung. Kann etwas Künstliches an das Geborene, Menschliche heranreichen? Wie ist der Status dieser Maschinen? Wie ist deren Wertigkeit?

    Diese Fragen haben viele Science-Fiction Autoren schon früh behandelt, am bekanntesten ist sicherlich Isaac Asimov mit seinen Robotergesetzen und dem verfilmten Buch „I, Robot“ Die schönste und witzigste Figur ist für mich der depressive Roboter Marvin, der ausgestattet mit einem Gehirn wie einer Galaxie, Kaffee servieren muss. Hier liegt nun eine Action-Thriller Geschichte von Daniel Wilson vor, die vom Aufstand der Roboter berichtet, die die Menschheit vernichten wollen.

    Das Buch beginnt mit dem Ende eines Krieges. Eine Gruppe von Menschen zerstört die Reste der aufständischen Roboter. Wie ist es dazu gekommen? In fünf Kapiteln schildert uns Daniel Wilson, den Verlauf des Aufstandes der Roboter. Das erste Kapitel beginnt mit Vorfällen, die mit den Gehilfen der Menscheit plötzlich auftreten. Putzroboter die wie aus dem Nichts Menschen angreifen. Warum ist das so? Wo liegt der Ursprung? Liegt es an der Erschaffung einer künstlichen Intelligenz, die sich Archos nennt?

    „‚Das stimmt. Die Möglichkeiten von uns Menschen sind begrenzt. Unser Leben ist kurz. Aber warum macht dich das traurig?‘ ‚Weil ihr geschaffen seid, etwas zu wollen, das euch schaden kann. Und trotzdem wollt ihr es haben. Ihr könnt nicht anders. Es liegt in eurer Natur. Und wenn ihr es endlich gefunden habt, wird es eure Welt in Brand setzen. Es wird euch zerstören.'“

    Und die Vorfälle häufen sich bis der Krieg ausbricht. Die Maschinen richten sich gegen die Menschen und töten diese zu Millionen. Nur eine kleine unbeugsame Schar Menschen rottet sich zusammen und nimmt den Krieg auf.

    Daniel Wilson erzeugt anfangs sehr viel Spannung in seinem Endzeit-Thriller. Die einzelnen Kapitel sind aus der Sichtweise verschiedener Menschen geschrieben und wirken sehr authentisch, da sich auch der Schreibstil der erzählenden Person anpasst. Doch leider geht ihm am Ende die Puste aus. Die Beschreibungen werden platter, die Kämpfe gegen die Maschinen lesen sich wie bei Warhammer, die Charakter verlieren sich in platten Attitüden und 08/15-Weisheiten. So richtig durchdacht hat er seine Geschichte anscheinend nicht.

    „‚Die Menschen brauchen Katastrophen, um etwas wirklich zu begreifen. Die Menschheit sind eine Spezies, die aus dem Kampf hervorgegangen ist und sich auch nur durch Kampf neu formen lässt.‘ ‚Wir hätten auch in Frieden miteinander leben können.‘ ‚Was soll das für ein Frieden sein, bei dem die eine Rasse herrscht und die andere dient?'“

    So fällt dieser Science-Fiction leider in die Kategorie ‚Gut-gemeint‘, aber das war ja immer schon das Gegenteil von gut. Ein insgesamt ordentliches Werk, das sicherlich Anhänger unter SF-Anfängern finden wird, doch habe ich schon so viele Science-Fiction Bücher gelesen, dass mich das nicht mehr vom Hocker reißt.

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    Cover des Buches Heimflug (ISBN: 9783716027097)

    Bewertung zu "Heimflug" von Brittani Sonnenberg

    Heimflug
    rallusvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Heimat der Heimatlosen. Ein warmes lyrisches Buch über das heimatlose Aufwachsen
    Home Leave

    Heimat ist für jeden ein anderer Begriff, ein anderes Gefühl. Ich bin seit Jahrzehnten in immerwährender Diskussion mit mir und anderen, was dieser Begriff nun darstellt.  Nun zuallererst ist für viele Heimat da, wo man aufgewachsen ist. Kindergarten, Schule der erste Kuss, das ’sich-finden‘, sich und andere entdecken. Einfach das Gefühl von Nähe, sich heimisch fühlen. „There is no place like home“, sagte schon Dorothy nach ihren aufregenden bunten Erlebnissen im Zauberer von Oz.

    Für manche bedeutet einfach nur das Kuscheltier in der Hand das Gefühl von Heimat. Ein geliebter Mensch, nahe bei einem, ist Heimat. Home is where your heart is. Und das Herz schlägt in einem selbst und genau da sollte sich jeder am meisten zu Hause fühlen. In sich.

    Doch der Weg dorthin ist sehr lang und dornenreich und so mancher findet seinen Frieden nicht mit sich und der Welt. Brittani Sonneberg hat mit dem vorliegenden Buch über in der Fremde aufwachsen, ein interessantes Thema angeschnitten. Ihr autobiografisches Buch, beschreibt die Nomaden der Moderne. Die Kinder von Eltern, die wegen ihres Arbeitsplatzes viel umziehen. Und zwar nicht nur in den Nachbarort, nein auch gleich auf einen anderen Kontinent, in eine andere Kultur.

    Kann man sich in der Fremde wohl, sich heimisch fühlen? Heimflug (Im englischen Original besser ‚Home Leave‘) beschreibt das Aufwachsen auf verschiedenen Kontinenten, die Vorteile die daraus erwachsen, aber auch dieses ständige Gefühl, nirgendwo so richtig dazu zu gehören. Das Buch ist in verschiedene Kapitel aufgeteilt, die Räume dazwischen umfassen meist Jahre. Eingefügt sind Sitzungen bei einem Familientherapeuten in drehbuchartiger Form. Durch diese Form wirkt das Buch etwas zerrissen, im Nachhinein habe ich erfahren, dass die Autorin die einzelnen Stücke nachträglich zu einem Buch zusammengefügt hat. Das macht das Lesen etwas schwierig, die Befindlichkeiten der Personen und ihre Gefühle werden aber sehr gut erfasst und dem Leser näher gebracht.

    Chris und Elise lernen sich in den Staaten kennen und heiraten. Beide möchten flüchten, vor den provinziellen Südstaaten und vor den eigenen Ängsten. Chris nimmt eine Arbeit bei einem internationalen Konzern an, der ihn quer durch die Welt führt. Deutschland, England, China oder Singapur sind die Stationen. Elise und die zwei Töchter Leah und Sophie ziehen mit ihm. Die Kulturen, Länder und Menschen ändern sich, aber die Familie, der Kern bleibt gleich. Manches Mal ist der Besuch bei den Großeltern angesagt.

    „Jedes Jahr Mitte Juni verlassen die expatriierten Frauen und Kinder von Shanghai das Land, als wäre es die rasch sinkende Titanic. Ihre Koffer stopfen sie mit Geschenken für die Angehörigen in der Heimat voll: Billigstfächer vom Straßenmarkt, sodass ihre Kleidung köstlich nach Sandelholz riecht, Pandabären aus Plüsch, knallbunte Essstäbchen für Verwandte, die ausschließlich Messer und Gabel gebrauchen und Kalender, die ‚Chinas Ehrfurchtsame Beste Klassik-Tourist-Attraktionen‘ präsentieren.“

    Ist dies nun ein Heimaturlaub oder wo ist Heimat bei den Kindern der Familie? Chris der in seiner Arbeit aufgeht, hat anscheinend seine Heimat gefunden, aber die Familie leidet doch unter den verschiedenen Wohnorten.

    „Bei Elise, Sophie und Leah löst der Heimaturlaub ein Gefühl aus, als versuchten sie mit einem Videorekorder zwei Filme zu sehen. Knapp nach der Hälfte des ersten Films werfen sie die Kassette aus und legen die zweite ein, sehen eine Weile zu und kehren dann zur ersten zurück, mitten in die Szene, die sie zuletzt angehalten haben. Diese Vorgehensweise biete den Vorteil, dass man zwei Filme nahezu gleichzeitig sehen kann. Allerdings spricht die gestückelte Anmutung gegen ein solches Filmerlebnis, ganz abgesehen davon, wie lästig es ist, sich immer wieder vom Sofa erheben zu müssen.“

    So richtig sind die Kinder nicht zu Hause, nicht im Wohnort, aber auch nicht im Heimaturlaub bei den Großeltern. Und so erwächst aus der Erfahrung der Wurzellosigkeit eine Sehnsucht nach Normalität. Freundschaften mit gleichaltrigen Nomaden-Kinder scheitern meist an der Unverbindlichkeit, die ein solches Leben nach sich zieht. Es muss viel mehr Kraft für die Bindung aufgebracht werden, die in dem Alter naturgemäß nicht vorhanden ist. In den verschiedenen Filmen verlaufen die Leben ganz anders.

    „Im amerikanischen Film haben Leahs alte Freunde alle ihren Führerschein gemacht, während sie noch kein einziges Mal hinter dem Steuer saß. Im chinesischen Film kann Leah allein durch Shanghai bummeln, beim Kauf von Orangen auf Mandarin feilschen und differenziert schildern, wie ihre Freunde die kulturellen Zwänge empfinden, je nachdem, ob es sich um brasilianische Katholiken oder koreanische Protestanten handelt. Das Einzige, was beide Filme gemeinsam haben, sind Leah, Sophie und Elise – und bis zu einem gewissen Grad auch Chris.“

    Doch an das Leben gewöhnen sich die Kinder, es entsteht eine Art Fernweh.

    Bei unserer Rückkehr in die Staaten sind wir fünf Kilo leichter, von Bettwanzen zerstochen und befremdlich still, weil wir so viele Wochen lang mit niemandem gesprochen haben. Unsere Rucksäcke riechen nach grünem Tee/Bushaltestellen/Meer. Und als wir unsere Sachen im strahlend sauberen Heim unserer Eltern in die Waschmaschine schmeißen, erkennen wir: Wir sehnen uns bereits zurück, sehnen uns danach, wieder fremd zu sein.“

    Sehnt man sich immer nach dem was man nicht hat? Wie verhält man sich in der Pubertät? Wie verarbeitet jeder seine Kindheit? Was bedeutet diese Unrast für spätere Bindungen? In dem Buch gibt Brittani Sonnenberg keine Antworten, sie beschreibt in ihren kurzen Skizzen sehr empathisch die Gefühle und Verwirrtheit der Charaktere. Durch einen Schicksalsschlag wird das Gefüge der Familie noch einmal durcheinander gerüttelt. Die Psychiater Sequenzen, in Dialogform geführt, fand ich persönlich die interessantesten Stellen im Buch, eine quasi Zusammenfassung der verschiedenen Gemütslagen der Familienmitglieder. Doch Wünsche, Träume, Sehnsüchte können im späteren Leben immer noch umgesetzt werden. Das liegt dann an jedem selber, wie er die Erlebnisse der Kindheit umsetzt. Für Sophie ist der Wunsch eindeutig:

    „Natürlich wollte ich mich binden – allerdings eher in geographischer als in romantischer Hinsicht. Einfacher gesagt, wollte ich schlicht an Ort und Stelle bleiben.“

    Durch die springende Erzählweise wird dem Leser einiges aufgeladen. Zeitsprünge, Kapitel von jeweils einer anderen Person erzählt, ergeben kein homogenes Bild. Doch das was beschrieben wird, ist in sich auch zerrissen und zerfahren. Ein Buch auf das man sich einlassen muss, das mich aber mit seiner verträumten und literarischen Art positiv eingefangen hat.

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    Cover des Buches Alpha&Omega (ISBN: 9783895614736)

    Bewertung zu "Alpha&Omega" von Markus Orths

    Alpha&Omega
    rallusvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein Reigen bunter Ideen und wahnwitziger Wendungen. Ein Buch für die Insel
    It's the end of the world - and i like it

    Zurzeit bin ich ein Lesemuffel. Die Sonne und Hitze brennen mir den letzten klaren Gedanken aus dem Hirn und in vielen Gesichtern spiegelt sich mein eigener Kampf gegen die Sonne und das derzeit herrschende Klima in Deutschland wieder. Klar, wir Deutschen jammern meist über unseren derzeitigen Zustand und im Winter werden wir über den Winter jammern. Ja klar, nicht alle. Aber diese extreme und lange Hitze – nervt mich! Und das Lesen und Konzentrieren strengt an. Umso schöner ist es, ein Buch in der Hand zu haben, das einem so wirkliche Freude bereitet. Das mich den Sommer vergessen lässt und das mich so einfach und sprachgewaltig in Atem hält.

    Schon unsere Buchstoff-Mitstreiterin Thursdaynext, die das gepflegte Wort und die chaotischen Wendungen so liebt, hatte vor drei Jahren dieses Buch in alle Himmel gelobt (hier) und jetzt kam ich endlich dazu, ihrem Lob Folge zu leisten. Ich muss euch sagen, liebe Freunde, habt anfangs Geduld. Auch ich habe viele Science-Fiction-Bücher gelesen, doch so eines noch nicht! Zu Beginn war ich hoffnungslos verloren, in der für mich komplett wirren Geschichte. Nein, es wird nicht besser, aber ich hatte mich nach dem Epilog, den ihr unbedingt überstehen müsst, nicht nur daran gewöhnt, ich begann es zu genießen.

    Um was geht es?

    Das Ende der Welt steht bevor (mal wieder) und die Vernichtung droht diesmal durch einen Kometen. Elias, mit einem Quadrupelhirn ausgestattet, liest sich in einer umfassenden Bibliothek durch die Biografie von Omega, die schon einmal die Welt vor knapp 500 Jahren gerettet hat. Der Bibliothekar, eine KI, bietet ihm an bis zu Omegas Geburt in der Zeit zurückzureisen und die Gründe für die damalige Rettung der Welt zu ergründen. Haken bei der Sache ist: Diese Art der Zeitreise hat noch nie ein Mensch mit gesundem Verstand überlebt. Elias müsste 30 Jahre als Geist ohne Handlungsmöglichkeit in der Vergangenheit verbringen.

    Voilà. Wir haben einen Erzähler, der uns die Geschichte Omegas nahe bringen kann. Und ich sage euch, liebe Freunde, jetzt kommen die irrwitzigsten, ausschweifendsten, wahnsinnigsten, kalauerndsten, sprachgewaltigsten 500 Seiten Science Fiction, die ich je gelesen habe! Eine Achterbahnfahrt durch unsere Kultur, Musik, Literatur und Sex! Ja, die Episode als Bitch mit ihrem Mann auf einer einsamen Insel landet, sind die witzigsten, direktesten Beschreibungen unserer Pornokultur, die mir einfallen.  Was es alles so gibt… Aber auch mit kulturellen Verweisen geizt Markus Orths nicht:

    „‚Geh noch nicht!‘, flehte Gusto sie an.’Bleib!‘ ‚Nein‘, sagte Sabrina. ‚Ich muss los. Es ist spät. Das heißt ist früh geworden. Hörst du das nicht?‘ ‚Was denn?‘ fragte Gusto. ‚Draußen. Die Müllabfuhr!‘ ‚Es war der Nachtbus und nicht die Müllabfuhr.‘ Sabrina musste lachen. Schlagfertig war er schon, der Gusto. Damit verschwand sie. Also noch nicht endgültig. Das sollte erst später stattfinden. Zunächst verschwand sie ganz gewöhnlich.“

     

    Und das alles spielt in Freiburg im Breisgau. Sage noch mal einer von dort kommt nur der Fahrstuhlverein SC Freiburg her. Auch der spielt eine Rolle, da Kolja, der Ehemann von Bitch, ein glühender Verehrer dieses Vereines ist und Bitch zwar keinen Fußball mag, aber die Energie, wenn Kolja über eben diesen spricht. Wie Kolja in den Esoterikladen, in dem Bitch arbeitet, hereinkommt und ihr seine Liebe gesteht, ist in einem Satz auf einer Seite erzählt. Am besten die Seite atemlos jemanden vorlesen, er wird euch das Buch aus der Hand reißen (Vorsicht festhalten!) Die Absurdität, mit der Markus Orth über unser modernes Leben schreibt, findet auch seinen Anklang in diesem Buch. Die schrägen Hauptfiguren, die die Geschichte bevölkern, sind ein herrlicher Gegensatz zur ach so elenden Normalität unseres Lebens.

    „Innozenz lehnte sich zurück. Er spürte die göttliche Ruhe in sich, die anderen spürten sie auch. ‚, sagte Innozenz, ‚Die Dinge kommen und gehen. Die Kirche bleibt. Wir haben schon viele Probleme und Zweifel erfolgreich mit Nichtstun bekämpft. Die Kirche wird das machen, was sie am besten kann: die Sache aussitzen. Wir treffen uns in zwei Tagen wieder. Mit Gottes Hilfe hat sich die Sache dann bereits erledigt.'“

    Nebenbei gibt es auch noch ein paar Seiten Quantenphysik, irrwitzige Wendungen und jede Seite birgt eine Überraschung. Solche Bücher gibt es leider viel zu selten, deswegen greift euch dieses Panoptikum der Apokalypse. Wie schon Thursdaynext schrieb: Ein ‚must have für jeden Fan des literarischen Endlosschwafelsatzes‘, aber auch des Buches, das wirklich alles beinhaltet. Und, liebe Freunde des guten Geschmackes, ich übertreibe nicht! Holt es euch! Mag der Sommer auch noch so lang sein!

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    Cover des Buches Auf dass uns vergeben werde (ISBN: 9783453438170)

    Bewertung zu "Auf dass uns vergeben werde" von A. M. Homes

    Auf dass uns vergeben werde
    rallusvor 2 Jahren
    Runterziehende Desaster

    Ich hasse es! Ich hasse es Bücher nach 100 Seiten wieder hinzulegen, nicht durchgelesen, nicht fertig verarbeitet, nicht dem Schriftsteller gerecht zu werden. Besonders hasse ich das bei Büchern die so hochgelobt wurden, die Preise bekamen, die mein Beuteschema sind, die so lange in meinem SUB standen und auf die ich mich gefreut habe.

    Es gibt durchaus Gründe Bücher nicht zu Ende zu lesen. Einfach weil sie am falschen Platz, falsche Ort, falsche Zeit waren. Weil sie nicht in die Befindlichkeiten des Lesers passten. Anfänglich betrachtete ich ein abgebrochenes Buch wie ein nicht aufgegessenes Essen, ein verfehltes Ziel beim Joggen, eine Niederlage. Doch inzwischen denke ich mir, dass die Zeit mir zu schade ist, mich durch Dinge zu quälen, die mir nicht liegen. Sturheit ist ja nicht immer ein zu Charakterzug den ich unbedingt erreichen möchte. 

    Das vorliegende Buch wurde 2013 mit dem 'Women's Price for Fiction' ausgezeichnet. Und es klingt wie geschaffen für mich. Eine bitterböse Satire über die amerikanische Gesellschaft, die gerade den größten Satiriker an höchster Stelle hat, zugegeben etwas plump, aber unterhaltsam der Herr Trump. Zwar ein bescheuerter Titel, aber viele gute Rezensionen, wohlmeinende Kritiken.

    Nach den ersten 20 Seiten war ich etwas irritiert. Die Handlung überwirft sich, jede Seite passiert eine Katastrophe und aus der Sicht des Erzählers werden diese Geschehnisse vollkommen emotionslos und nüchtern geschildert. Die Welt seines Bruders zerbröckelt langsam und er, der Erzähler, hat maßgeblich Anteil daran. Die Diskrepanz zwischen dem Erzählten und der Art wie es erzählt wird, finde ich teilweise schon ziemlich krass.

    Der Schreibstil ist schon fast so, als wollte sich der Erzähler den Leser vom Hals halten. Ungerührt tappt Harry von einer Katastrophe in die nächste und zeigt keine Rührung. Nicht nur das Leben seines Bruders fällt auseinander, auch sein eigenes wird komplett umgekrempelt. Doch sind die Dialoge sehr eindimensional, der Protagonist bleibt durch seine passive Art sehr flach und der Erzählfluss seltsam eintönig.

    Was mich bewogen hat, das Buch abzubrechen war diese negative Beschreibung der Desaster die passieren, die mich so runtergezogen haben. Und so ein Buch konnte ich gerade nicht gebrauchen, leider eines der Kategorie, zur falschen Zeit am falschen Ort. 

    Nach etwas mehr als 100 Seiten kann ich jetzt natürlich keine fundierte Meinung über das Buch abgeben, eben nur meine gesammelten Eindrücke bis dahin.

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