sabatayn76

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    Cover des Buches Psychopharmakotherapie und Empowerment: Ein Trainingsprogramm zum selbstständigen Medikamentenmanagement (better care)9783884149379

    Bewertung zu "Psychopharmakotherapie und Empowerment: Ein Trainingsprogramm zum selbstständigen Medikamentenmanagement (better care)" von Uwe Schirmer

    Psychopharmakotherapie und Empowerment: Ein Trainingsprogramm zum selbstständigen Medikamentenmanagement (better care)
    sabatayn76vor einem Tag
    '[...] nur mehr ein weiteres Element in der Begleitung und Behandlung [...].'

    ‚Der Ausweg aus einer zu hohen oder zu langen Nutzung von Psychopharmaka liegt im psychosozialen Raum, in unserer Mitmenschlichkeit. Dann aber haben Psychopharmaka nicht mehr den zentralen Stellenwert in der Begleitung und Behandlung, den sie in den letzten Jahrzehnten innehatten. Dann sind sie nur mehr ein weiteres Element in der Begleitung und Behandlung, das weit überwiegend nur vorübergehend im Rahmen von Krisen für einige Zeit eingesetzt wird. Sie sind keine Wunderpillen mehr, sondern psychoaktive Substanzen mit Vor- und Nachteilen, mit erwünschten und unerwünschten Anwendungswirkungen, mit kurzzeitigen und langfristigen Effekten. Oftmals überwiegen bei ihnen langfristig die negativen Effekte, wohingegen sie kurzfristig meistens durchaus positive Wirkungen haben.‘ (Seite 48)

    Bevor Uwe Bernd Schirmer detailliert auf das Medikamententrainingsprogramm mit Grundlagen und der genauen Durchführung eingeht, widmet er sich in seinem Buch ‚Psychopharmakotherapie und Empowerment‘ der Frage, ob Betroffene Psychopharmaka einnehmen sollten oder nicht. Hierfür lässt er Betroffene zu Wort kommen, die von Nebenwirkungen, Folgeschäden, fehlender Unterstützung beim Absetzen, aber auch von Symptomfreiheit durch Antipsychotika berichten.

    Der Behandler Jann E. Schlimme, von dem ich bereits ‚Die abklingende Psychose‘ und ‚Medikamentenreduktion und Genesung von Psychosen‘ gelesen habe, gibt zudem Einblicke in die Wirkungsweise von Psychopharmaka, stellt verschiedene Substanzklassen vor, bietet Informationen zur Studienlage bezüglich Wirksamkeit und Schädlichkeit, macht die Auswirkungen auf die Neurobiologie deutlich und spricht sich für krisengebundene Nutzung, Intervalltherapie und kontrollierte Dosisreduktion aus.

    Des Weiteren geht Schirmer näher auf Therapietreue, Gründe für Non-Adhärenz sowie auf partizipative Entscheidungsfindung ein, bevor er die vier Stufen des Medikamententrainingsprogramms vorstellt.

    Besonders gefallen hat mir an ‚Psychopharmakotherapie und Empowerment‘, wie wertschätzend das Buch geschrieben ist, dass Schirmer persönliche Erfahrungen von Betroffenen mit fachlichen Informationen und Ergebnissen von Studien verbindet und so die ganze Bandbreite der Psychopharmakotherapie abdeckt.

    Schirmer stellt das Trainingsprogramm sehr genau und übersichtlich sowie auf sehr verständliche Weise vor, so dass man sich als Behandler (aber auch als Betroffener) ganz problemlos an seinen Ausführungen entlanghangeln kann. Er macht zudem sehr deutlich, warum das Thema so wichtig ist, wieso eine medikamentöse Behandlung nicht die alleinige Entscheidung eines Psychiaters sein darf, sondern warum die Aufklärung über Nebenwirkungen, der Konsens mit dem Betroffenen, das Anhören von Problemen und das Finden von Alternativen so essentiell sind.

    Ich finde es wunderbar, dass es mittlerweile solche Bücher gibt und immer mehr Behandler eine echte Zusammenarbeit mit Betroffenen schätzen. Gleichzeitig macht es mich traurig, wie lange diese Entwicklung gedauert hat und dass es unzählige Betroffene gibt, die davon nicht mehr profitieren können.

    ‚Mit den ‚Wahnvorstellungen‘, die ich mithilfe der Neuroleptika nun nicht mehr wahrnehme, sind auch alle anderen Gedanken und Assoziationen oder kreativen Regungen verschwunden. Natürlich auch die Einfälle, Eingebungen und das ‚Sehen‘ von Zusammenhängen, die ich vermutlich nicht sehen soll, weil sie ‚als psychotische Symptome‘ bekämpft werden müssen.‘ (Seite 17)

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    Cover des Buches Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien9783898066167

    Bewertung zu "Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien" von Eugen Bleuler

    Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien
    sabatayn76vor einem Tag
    '[...] die Zerreißung oder die Spaltung der psychischen Funktionen [...]'

    ‚In Interesse der Diskussion möchte ich nochmals hervorheben, daß es sich bei der Kraepelin‘schen Dementia praecox weder um eine notwendige Dementia, noch um eine notwendige Praecoxitas handelt. Aus diesem Grunde und weil man von dem Ausdruck Dementia praecox keine adjektivischen und substantivischen Weiterbildungen machen kann, erlaube ich mir, hier das Wort Schizophrenie zur Bezeichnung des Kraepelin‘schen Begriffes zu benützen. Ich glaube nämlich, daß die Zerreißung oder die Spaltung der psychischen Funktionen ein hervorragendes Symptom der ganzen Gruppe sei [...]‘ (Seite V)

    Einerseits kann man Eugen Bleuler dankbar sein, dass er 1908 vorschlug, den ebenso entsetzlichen wie falschen Begriff der ‚Dementia praecox‘ mit dem Begriff der ‚Schizophrenie‘ zu ersetzen. Andererseits hat sein Begriff ‚Schizophrenie‘ dafür gesorgt, dass die Krankheit häufig missverstanden wird, die Allgemeinbevölkerung eine inkorrekte Vorstellung von den Symptomen einer Schizophrenie hat, und die Erkrankung oft mit der Dissoziativen Identitätsstörung verwechselt wird. Einen richtig großen Gefallen hat er Betroffenen letztendlich also nicht getan.

    Ich beschäftige mich schon seit 25 Jahren mit der Schizophrenie, und ich habe unzählige Bücher zum Thema gelesen. Nun könnte man natürlich fragen, wieso ich ein Buch lese, das vor 109 Jahren erstmals veröffentlicht wurde, wo doch seitdem Unmengen an Büchern erschienen sind, die neueste Forschungsergebnisse und Behandlungsmöglichkeiten enthalten. Die Antwort ist einfach: Niemand hat die Schizophrenie je wieder in diesem Detail und mit dieser unglaublichen Beobachtungsgabe beschrieben wie Bleuler zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und zudem findet man in seiner Publikation ‚Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien‘ gewissermaßen Krankheitsbeschreibungen in Reinform und ein Bild der Schizophrenie, die man durch die Entdeckung der Antipsychotika in den 1950er Jahren und die exzessive Medikation von Menschen mit Schizophrenie heute gar nicht mehr beobachten könnte, selbst wenn man dies wollte.

    Einfach zu lesen ist Bleulers Jahrhundertwerk nicht. Dies liegt zum einen an der bisweilen antiquierten, umständlichen Sprache und am eher altmodischen Reprint-Layout des Buches, zum anderen aber auch an der Tatsache, dass man beim Lesen manchmal schlucken muss, weil einige seiner Schilderungen heute eindeutig unter ‚menschenverachtend‘, ‚respektlos‘ und ‚abwertend‘ laufen würden.

    In Bezug auf Bleulers psychopathologische Ausführungen ist das Buch jedoch einzigartig, spannend, lehrreich, aufklärend, wertvoll und schlichtweg beeindruckend. Bleuler bietet hier faszinierende Einblicke in die Schizophrenie, beschreibt beobachtete Phänomene sehr genau, führt viele Beispiele an, erklärt Grundsymptome und akzessorische Symptome, Untergruppen, Verlauf, Häufigkeit, Ursachen, Therapie etc.

    ‚Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien‘ ist nicht nur eine Glanzleistung der Beobachtung von Psychopathologie, sondern auch ein Zeitdokument, und das Buch zeigt letztendlich, wie viel sich in 100 Jahren im Bereich der Erforschung und Behandlung der Schizophrenie getan hat, dass wir viele Dinge aber immer noch nicht besser wissen als vor 100 Jahren und dass sich an der Stigmatisierung der Schizophrenie seither erschreckend wenig getan hat.

    ‚Die Assoziationstätigkeit wird also oft nur durch Bruchstücke von Ideen und Begriffen bestimmt; schon dadurch bekommt sie neben dem Inkorrekten etwas Bizarres, für den Gesunden Unerwartetes; oft auch hört sie mitten in einem Gedanken, oder wenn sie auf einen anderen Gedanken übergehen sollte, plötzlich auf, wenigstens so weit sie bewußt ist (Sperrung); statt der Fortsetzung tauchen dann manchmal neue Ideen auf, die weder das Bewusstsein des Patienten selbst noch der Beobachter in Zusammenhang mit dem früheren Gedankeninhalt bringen kann.‘ (Seite 6)

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    Cover des Buches Suizidalität und Suizidprävention bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen9783608400199

    Bewertung zu "Suizidalität und Suizidprävention bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen" von Johanna Gerngroß

    Suizidalität und Suizidprävention bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
    sabatayn76vor 4 Tagen
    ‚Laut WHO (2000) sind nach einem Suizid durchschnittlich mindestens sechs Personen direkt betroffen.'

    ‚Laut WHO (2000) sind nach einem Suizid durchschnittlich mindestens sechs Personen direkt betroffen. Hauptsächlich belastet sind dabei natürlich in erster Linie Familienangehörige und Freunde. [...] Nicht zu vergessen sind die Augenzeugen des Suizids, die beispielsweise den Sprung aus großer Höhe beobachtet haben.‘ (Seite 251)

    ‚Suizidalität und Suizidprävention bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen‘ deckt eine ungeheure Bandbreite an Themen ab, die mit Suizid und Suizidalität in Verbindung stehen: z.B. bestimmte Aspekte der Suizidprävention, Prävalenz, Suizidmethoden, Begrifflichkeiten, protektive und Risikofaktoren, Warnsignale, Werther-Effekt, rechtliche Informationen, Hilfe bei akuter Suizidalität, Ursachen und Behandlung von Suizidalität, Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen sowie im höheren Lebensalter, Suizid am Arbeitsplatz, chronische Suizidalität sowie Postvention (z.B. Belastungs- und Trauerreaktionen, Scham und Schuldgefühle, Begleitung von Hinterbliebenen).

    Die Autoren erwähnen in ihrem Buch gängige Informationen zum Thema Suizidalität, aber auch Aspekte, die in Sach- und Fachbüchern oft nicht abgehandelt werden, weswegen mich das Buch besonders interessiert hat. Ich habe mich schon intensiv mit Suizid und Suizidalität beschäftigt, aber gerade das Kapitel zur Postvention, aber auch die Ausführungen zu Suizid am Arbeitsplatz und zu chronischer Suizidalität fand ich sehr spannend und ansprechend, da es sich hierbei um Themen handelt, die in Publikationen zum Thema häufig nicht thematisiert werden.

    Ich empfand das Buch als ein wenig umständlich geschrieben und sprachlich nicht so eingängig wie beispielsweise die Bücher von Tobias Teismann und Wolfram Dorrmann. Auch der starke Fokus auf tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hat mir nicht so gut gefallen, da ich verhaltenstherapeutisch arbeite und damit vor allem das Kapitel ‚Hilfe bei akuter Suizidalität‘ für meine Arbeit als klinische Psychologin nahezu unbrauchbar war. Nichtsdestotrotz empfand ich das Buch über weite Strecken als extrem lehrreich und hilfreich.

    Dass die Autoren aus der Tiefenpsychologie kommen, merkt man aber nicht nur an ihrem starken Fokus auf tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, sondern auch daran, dass Elemente aus der Verhaltenstherapie nicht immer korrekt wiedergegeben wurden, z.B. die falsche Erklärung, was C-/ bedeutet (Seite 99). Da ich mich selbst sehr intensiv mit der Schizophrenie befasst habe, ist mir zudem aufgefallen, dass die Autoren die Doppelbindungstheorie als mögliche Ursache für Schizophrenie benennen (Seite 75). Allerdings ist es so, dass eine Rolle von Doppelbindungen bei der Schizophrenie empirisch nicht bestätigt werden konnte, so dass das Lehrbuch diesbezüglich nicht up-to-date ist.

    Trotz meiner Kritikpunkte kann ich ‚Suizidalität und Suizidprävention bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen‘ empfehlen - auch für Verhaltenstherapeuten! -, da das Buch viel Input zum Thema bietet und auch weniger häufig beschriebene Aspekte von Suizid und Suizidalität näher beleuchtet.

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    Cover des Buches Wo ich mich finde9783498001100

    Bewertung zu "Wo ich mich finde" von Jhumpa Lahiri

    Wo ich mich finde
    sabatayn76vor 4 Tagen
    'Mich erinnert all das nur an Verlust, Verrat, Enttäuschung.'

    ‚Jede bittere Wendung meines Lebens fand im Frühling statt. Jeder schwere Schlag. Das ist der Grund, warum mich das helle Grün der Bäume, die ersten Pfirsiche auf dem Markt betrüben, genauso wie die ausgestellten Röcke, die die Frauen in meinem Viertel zu tragen beginnen. Mich erinnert all das nur an Verlust, Verrat, Enttäuschung. Ich kann es nicht leiden, zu erwachen und unausweichlich nach vorne getrieben zu werden.‘ (Seite 17)

    Die namenlose Ich-Erzählerin lebt in einer namenlosen italienischen Stadt. Ihr Leben ist geprägt von Routinen: immergleiche Wege, die sie läuft, immergleiche Restaurants, die sie besucht und wo sie die immergleichen Menschen beobachtet. Sie lebt ein Leben ohne viele Höhen und Tiefen, sie hat sich mit ihrem Alleinsein größtenteils arrangiert, aber leidet auch unter ihrem Einzelgängertum.

    Ich lese viel seltener Autorinnen als Autoren, aber Jhumpa Lahiri steht ganz oben auf der Liste meiner Lieblingsschriftsteller, so dass ich alles von ihr gelesen habe, das auf Deutsch veröffentlicht wurde, und dass ich jedem neuen Buch von ihr entgegenfiebere.

    Ich empfand ‚Wo ich mich finde‘ als ganz anders als die früheren Romane und Erzählungen der US-amerikanischen Autorin indischer Abstammung - zum einen wegen des Handlungsortes Italien statt USA und Indien, zum anderen aufgrund der Tatsache, dass es keine echte Handlung gibt.

    Statt eines handlungsreichen Plots präsentiert uns Lahiri die Geschichte eines Lebens mit Sehnsüchten und Verlusten, Leidenschaften und Routinen, indem sie episodenhaft von Begegnungen und Beobachtungen erzählt. Viel passiert dabei nicht, der Fokus liegt eher auf den alltäglichen Momenten, auf dem Blick der Protagonistin auf ihre Umgebung, auf ihren Umgang mit anderen.

    ‚Wo ich mich finde‘ liest sich aufgrund der Kürze des Romans, der knappen Kapitel und der klaren Sprache schnell, ist sprachlich aber genauso anspruchsvoll, wie man das von Lahiri kennt und erwartet.

    Mich hat der Roman sehr oft an Elena Ferrante erinnert - wegen des Handlungsortes und des Fokus‘ auf die Sicht einer Frau, aber auch sprachlich und stilistisch. Alles in allem hat mir ‚Wo ich mich finde‘ gut gefallen, aber ganz übergesprungen ist der Funke dennoch nicht, und ich muss sagen, dass ich zu früheren Werken Lahiris besser Zugang gefunden habe.

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    Cover des Buches Für mich soll es Neurosen regnen9783442758296

    Bewertung zu "Für mich soll es Neurosen regnen" von Peter Wittkamp

    Für mich soll es Neurosen regnen
    sabatayn76vor 4 Tagen
    ‚Gefühl der Angst, obwohl man erkennt, dass alles an dieser Angst irrational ist.‘

    ‚Gefühl der Angst, obwohl man erkennt, dass alles an dieser Angst irrational ist.‘ (Seite 44)

    Die ersten Zwangshandlungen (ein Waschzwang) traten bei Peter Wittkamp - Autor, Werber, Gagschreiber - in seiner Jugend auf, doch verschwanden dann wieder. Zwanzig Jahre später kehren sie zurück, diesmal als eine ganze Palette an Zwängen, v.a. als Kontrollzwang und als magisches Denken.

    In ‚Für mich soll es Neurosen regnen‘ erzählt Wittkamp von seinen Zwängen, wie sein Alltag aussieht, was er gegen die Zwänge tagtäglich tut und wie schwer das ist.

    Er erklärt an seinen eigenen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, was ein Zwang ist, wie sich Zwänge entwickeln, was eine Zwangsstörung genau ausmacht, was kurz- und langfristige Konsequenzen von Zwangshandlungen und Zwangsgedanken sind, und wie man sie wieder los werden kann. Zudem macht er deutlich, was Spleens und Schrullen von einer Zwangsstörung unterscheidet, erzählt von Psychotherapie und Psychiatrie, bietet persönliche Tipps, was gegen Zwänge helfen kann.

    Ich bin ‚vom Fach‘, habe aber noch keine praktische Erfahrung mit der psychotherapeutischen Behandlung von Zwängen. Ich kenne den theoretischen Hintergrund aber recht gut und finde, dass es Wittkamp sehr gut gelungen ist, diesen auch für Laien verständlich zu machen. Ganz besonders gefallen hat mir, dass Wittkamp sehr gut erklärt, was Zwänge genau sind und warum es so schwer ist, Zwangshandlungen und Zwangsgedanken einfach zu unterlassen, wieso dies so starke Ängste auslöst.

    Wittkamp zeigt aber auch auf sehr anschauliche Weise, wie stark Zwänge den Alltag dominieren und das Leben verändern, wie sehr sie zermürben und wie ein Teufelskreis aus Zwang und Angst entsteht und aufrechterhalten wird.

    ‚Für mich soll es Neurosen regnen‘ ist amüsant und selbstironisch, aber auch tragisch. Ich fand die Lektüre einerseits unterhaltsam, weil Wittkamp einfach zu unterhalten weiß, aber ich fand es auch gut und wichtig, dass er so ausführlich über Zwänge informiert und die Verzweiflung der Betroffenen zeigt, denn Zwänge werden immer noch gerne als schrulliges, lustiges Verhalten abgetan, das von der Allgemeinbevölkerung nicht recht ernst genommen wird. Wittkamp wird diesem Aspekt gerecht und klärt so auch Nicht-Betroffene über die oft wenig einfühlbare Thematik auf, so dass er mit seinem Buch eine dringend notwendige Aufklärungsarbeit leistet.

    ‚Jedes Ding hat drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische.‘ (Seite 100, Zitat von Karl Valentin)

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    Cover des Buches Die Paprikantin9783548268606

    Bewertung zu "Die Paprikantin" von Lysann Heller

    Die Paprikantin
    sabatayn76vor 6 Tagen
    ‚Der Ungar an sich neigt zu Gefühlsausbrüchen, auch wenn er in Rumänien lebt.‘

    ‚Der Ungar an sich neigt zu Gefühlsausbrüchen, auch wenn er in Rumänien lebt.‘ (Seite 193)

    Lysann Heller war als Kind zwei Mal mit ihren Eltern in Ungarn, und nach ihrem Studium entschließt sie sich, ins Land zurückzukehren und ein Praktikum bei der deutschsprachigen ‚Budapester Zeitung‘ zu absolvieren.

    In ‚Die Paprikantin‘ erzählt sie von den Stolpersteinen der ungarischen Sprache und der ungarischen Mentalität, aber auch vom Eingewöhnen in Budapest und von ihrem ersten Job als Journalistin.

    Heller geht unter anderem auf Themen wie Franz Liszt und Tony Curtis, ‚Paris des Ostens‘ und ‚rotten beauty‘, Terézia Mora und György Dalos, Fahrrad und U-Bahn, Donaumonarchie und Habsburger, Vertrag von Trianon und Alkoholismus, Kleidungsstil und Zeitgefühl, Obdachlose und Rentner, Kontinentalklima und Winterschlaf, Pfeilkreuzler und Judentum, Namenstag und Familie, Pörkölt und Pálinka, Kaffeehäuser und Komplimente, Religion und Mystik, Balaton und Rumänien, Roma und Ferienlager ein.

    Mir hat ‚Die Paprikantin‘ gut gefallen, denn Heller vermittelt hier viel Wissen über Ungarn und seine Bewohner und schafft es zudem, den Leser durchweg zu unterhalten.

    Selbstverständlich finden sich im Buch unzählige Stereotypen, aber das ist nun einmal so bei Büchern, die ein Land auf sehr überspitzte Weise vorstellen (wie z.B. auch bei den Fettnäpfchenführern von Conbook).

    Zusammen mit der ‚Gebrauchsanweisung für Budapest und Ungarn‘ ist ‚Die Paprikantin‘ eine tolle Einführung ins Land, bietet eine gelungene Vorbereitung auf eine Reise und macht neugierig.

    Das Buch ist schon ein wenig in die Jahre gekommen, erschien bereits 2008. Ich persönlich fand das trotzdem nicht schlimm, weil viele Aspekte angesprochen werden, die sich so schnell nicht ändern, auch wenn aktuelle Entwicklungen dadurch natürlich außen vor bleiben.

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    Cover des Buches Grenzenlos emotional9783867391641

    Bewertung zu "Grenzenlos emotional" von Martine Hoffmann

    Grenzenlos emotional
    sabatayn76vor 13 Tagen
    ‚Alle Menschen sind zugleich einzig-artig und eigen-artig.'

    ‚Alle Menschen sind zugleich einzig-artig und eigen-artig. Jeder und jede hat seine ganz eigene individuelle Art und Weise, sich mit sich selbst und seiner Umwelt auseinanderzusetzen.‘ (Seite 14)

    Martine Hoffmann und Gilles Michaux fassen in ihrem Ratgeber ‚Grenzenlos emotional‘ zusammen, was man über emotionale Instabilität bzw. Borderline-Persönlichkeitsstörung wissen sollte.

    Hoffmann und Michaux erzählen z.B. von der historischen Entwicklung des Begriffs ‚Borderline‘, erwähnen Symptome, führen die einzelnen diagnostischen Kriterien näher aus, erklären endokrinologische, hirnanatomische und physiologische Zusammenhänge, berichten von speziellen Lernerfahrungen, von Empathiefähigkeit, von Beziehungsmustern und - natürlich - von Emotionsregulation.

    Außerdem erfährt man im Buch mehr über EMDR und dialektisch-behaviorale Therapie, Kommunikation, Entspannungstechniken, Selbstverletzung, Suizidalität und Skills.

    Am Ende des Buches finden sich zudem ein ‚Schnellkurs für Angehörige, Partnerinnen und Partner‘ sowie eine Auflistung und Beschreibung von Mythen und Fakten zur Borderline-Persönlichkeitsstörung.

    Laut der Autoren ist das Buch sowohl für Betroffene als auch für Angehörige, Freunde und Fachleute geeignet, und ich kann mich diesem Statement voll und ganz anschließen.

    Ich habe durch mein Psychologie-Studium, meine lange Forschungstätigkeit (teilweise im Bereich der Borderline-Persönlichkeitsstörung) und meine Arbeit als klinische Psychologin theoretisches und praktisches Vorwissen im Bereich der Borderline-Persönlichkeitsstörung, aber ich bin keine Expertin in diesem Bereich. In ‚Grenzenlos emotional‘ war mir vieles bereits bekannt und vertraut, aber ich habe auch sehr viel dazugelernt, das ich nicht nur spannend fand, sondern das mir auch konkret bei meiner täglichen Arbeit in der Klinik weiterhilft.

    Die Autoren erklären auf sehr verständliche Weise, was man über Borderline-Persönlichkeitsstörung und emotionale Instabilität wissen sollte, und sie sind in ihren Ausführungen stets wertschätzend und entpathologisieren bestimmte Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken.

    Ich finde den wertschätzenden Ansatz von Hoffmann und Michaux wichtig und das Buch sehr informativ, so dass ich es sehr gerne empfehle. Vor allem meinen eigenen Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung bzw. Schwierigkeiten im Bereich der Emotionsregulation werde ich das Buch in Zukunft gerne ans Herz legen, weil ich respektvolle, lehrreiche, verständliche Ratgeber für einzelne psychische Erkrankungen extrem wichtig und unterstützenswert finde.

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    Cover des Buches Im Unterland9783328106517

    Bewertung zu "Im Unterland" von Robert Macfarlane

    Im Unterland
    sabatayn76vor 14 Tagen
    ‚Und stets sind es die drei gleichen Aufgaben, die das Unterland für alle Kulturen und Epochen erfüllt'

    ‚Und stets sind es die drei gleichen Aufgaben, die das Unterland für alle Kulturen und Epochen erfüllt: Es soll Kostbares schützen, Wertvolles hervorbringen, Schädliches entsorgen.‘ (Seite 16)

    Der Naturschriftsteller Robert Macfarlane ist fasziniert vom Unterland, von der Welt unter unseren Füßen. Er erzählt in seinem Buch von Aveline‘s Hole mit 10.000 Jahre alten menschlichen Leichen von Erwachsenen, Kindern und Kleinkindern sowie den Überresten mehrerer Tiere, von Dunkler Materie und Anthropozän, wood wide web und Kommunikation zwischen Bäumen, der Stadt unter der Stadt Paris und Beinhäusern, Hades und Karst, Höhlenmalerei und Mahlstrom, Ölfeldern und Bergbau, Gletschern und Kalbung, Kalevala und Atommüll.

    In poetischer Sprache berichtet Macfarlane von einer Welt, die den meisten Lesern wahrscheinlich eher weniger bekannt ist, taucht ab in tiefste Tiefen und in längst vergangene Epochen. Dabei gelingt es ihm, ein sehr breit gefächertes Themenfeld zu bearbeiten und dem Leser verschiedene Facetten des Unterlandes nahe zu bringen.

    Seine Texte sind oft stimmungsvoll und informativ, fesselnd erzählt, aber bisweilen auch ein wenig langatmig, so dass mich nicht jedes Kapitel begeistern konnte und ich bisweilen quergelesen habe.

    Einige Kapitel sind jedoch sehr gelungen, und stets spürt man Macfarlanes Faszination fürs Thema und die ausgiebige Recherche des Autors.

    Letztendlich hat mich ‚Im Unterland‘ zwar stellenweise begeistern können, aber unterm Strich eher etwas enttäuscht, weil ich durch den weitschweifigen Schreibstil nicht so gebannt gelesen habe, wie ich mir das gewünscht und wie ich das aufgrund des spannenden Themas erwartet hatte.

    ‚Wir sind zu den Toten oft liebevoller als zu den Lebenden, obwohl die Lebenden unsere Liebe viel mehr brauchen.‘ (Seite 39)

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    Cover des Buches Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung9783863911966

    Bewertung zu "Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung" von Julius Fischer

    Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung
    sabatayn76vor 13 Tagen
    'Es sind einfach alle außer mir Idioten.‘

    ‚Ich schreie alle an. Um mich abzureagieren. Natürlich nur, wenn ich alleine bin. Und natürlich nie ohne Grund. Es sind einfach alle außer mir Idioten.‘ (Seite 27)

    Julius Fischer hasst Menschen. Und er hat allen Grund hierfür, denn den Mann, der ihm im Zug gegenübersitzt und unfassbar laut und langsam Möhren knabbert, den kann man nur hassen. Gleiches gilt für Peggy aus Dresden, die ihn beim Poetry Slam schlägt, obwohl sie Gedichte wie aus einem Küchenkalender vorträgt.

    Fischer hasst auch Leute, die Sprachnachrichten verschicken. Er hat da einen Freund, der das mit Vorliebe macht, und als Rache schickt ihm Fischer Nachrichten, bei denen er extra schlecht zu verstehen ist oder erst nach einer vollen Minute das Sprechen beginnt.

    Ich gehöre ziemlich sicher nicht zur Gruppe der Misanthropen, und schon durch meine Berufswahl bin ich dafür prädestiniert, keine Menschenhasserin zu sein (zumindest sollte das so sein, finde ich). Aber der Titel hat mich trotzdem (oder gerade deshalb) angesprochen, denn ich mag schwarzen, bitterbösen Humor, der auch gerne mal über die Stränge schlagen darf.

    Ich bin durch die Lektüre von ‚Ich hasse Menschen‘ ganz auf meine (Kicher-) Kosten gekommen, denn das Buch ist witzig, aber auch gesellschaftskritisch.

    Fischer hat mich mit seinem schmalen Buch perfekt unterhalten und zum Lachen gebracht, so dass ich mich schon sehr auf die Fortsetzung - ‚Ich hasse Menschen. Eine Stadtflucht‘ - freue, die im September 2020 erscheint.

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    Cover des Buches Die Glut9783899039610

    Bewertung zu "Die Glut" von Sándor Márai

    Die Glut
    sabatayn76vor 16 Tagen
    ‚Doch im Grunde unseres Daseins lag vielleicht der Sinn aller unserer Handlungen in der Bindung [...].'

    ‚Doch im Grunde unseres Daseins lag vielleicht der Sinn aller unserer Handlungen in der Bindung, die uns an jemanden fesselte.‘ (Seite 216 der gebundenen Ausgabe von Piper, 2000)

    ‚Die Glut‘ spielt im Jahre 1941 auf einem Jagdschloss am Rande der Karpaten. Hier wurde der General Henrik geboren, hier hat er sein Leben verbracht. Auf dieses Leben blickt er nun zurück, während er auf seinen Jugendfreund Konrád wartet, mit dem er seit vier Jahrzehnten keinen Kontakt hatte.

    Henrik und Konrád verband über Jahre hinweg eine enge Freundschaft, die gesellschaftliche Grenzen überschritt: Henrik stammt aus einer reichen Familie des Hochadels, Konrád ist der Sohn eines verarmten Barons.

    Doch eines Tages kam es zu einem Zwischenfall, der dazu führte, dass Konrád das Land verließ und Henrik nie wieder ein Wort mit seiner Frau Krisztina wechselte: Auf einer Jagd legte Konrád mit dem Gewehr auf Henrik an.

    Jahrzehntelang versuchte Henrik, die Ereignisse und Konráds Verhalten zu verstehen und zu erklären, den Treuebruch nachzuvollziehen. Nun ist für Henrik die Zeit der Abrechnung gekommen, und als Konrád schließlich auf dem Jagdschloss eintrifft, erzählt Henrik in einem langen Monolog von seinem Leben, seiner Freundschaft zu Konrád, seiner Liebe zu Krisztina, dem Verrat an ihm, von seinem Leiden und seiner Erklärung für die Ereignisse.

    Bereits 1942 hat Sándor Márai seinen Roman ‚Die Glut‘ (im ungarischen Original mit dem schönen Titel ‚A gyertyák csonkig égnek‘, d.h. ‚Die Kerzen brennen bis zum Stumpf‘) in Ungarn veröffentlicht. Auf Deutsch wurde der Roman 1950 in der Übersetzung von Eugen Görcz publiziert und in der Übersetzung von Christina Viragh Ende der 1990er posthum neu herausgegeben.

    Mit der Neuübersetzung und Neuausgabe Ende der 1990er Jahre erfuhr Márai, der 1948 seine ungarische Heimat verließ, fortan im Exil lebte und sich 1989 suizidierte, eine regelrechte Renaissance im deutschsprachigen Raum.

    Auch für mich war ‚Die Glut‘ derjenige Roman, der mich ins Werk Márais einführte und durch den ich Márai in den Kreis meiner Lieblingsautoren aufgenommen habe.

    ‚Die Glut‘ ist nicht nur ein meisterhaft konstruierter und sprachlich anspruchsvoller Roman, sondern hat mich vor vielen Jahren beim ersten Lesen sehr berührt und auch beim Hören des Hörbuchs begeistert und bewegt.

    Márai beschäftigt sich in ‚Die Glut‘ mit den großen Themen des Lebens - Liebe, Freundschaft, Verrat, Tod, Treue, Vergeben -, und er tut dies auf überzeugende und stimmungsvolle Weise. Nicht nur die Emotionen schildert Márai authentisch und psychologisch glaubwürdig, auch die Handlungsorte und das Leben in der k.u.k. Monarchie werden so bildhaft und lebendig beschrieben, dass der Roman den Leser/Hörer in eine andere Zeit entführt und eine längst vergangene Epoche wiederaufleben lässt.

    Dabei spricht Márai zwar von tiefen Gefühlen, aber ‚Die Glut‘ kommt ganz ohne Pathos aus und weist auch diesbezüglich eine gewisse vornehme Eleganz auf, die zur beschriebenen Epoche passt.

    Auch die Lesung von Christian Brückner ist einfach wunderbar. Er gibt der Geschichte um Henrik und Konrád genau die richtige Stimme und Interpretation. Ihm kann ich wirklich stundenlang zuhören, und sicherlich werde ich das Hörbuch immer und immer wieder hören.

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