stachelbeermond

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    Cover des Buches Lustiges Taschenbuch Nr.41, Donald mal ganz anders (ISBN: B00473UICG)

    Bewertung zu "Lustiges Taschenbuch Nr.41, Donald mal ganz anders" von Walt Disney

    Lustiges Taschenbuch Nr.41, Donald mal ganz anders
    stachelbeermondvor einem Monat
    Kurzmeinung: Donald mal ganz anders - die Geburt von Phantomias
    Phantomias - der Rächer der Enterbten

    Die Bücher, die man in der Kindheit liest, prägen einen auf ganz besondere Weise, und wie jeder Mensch über 30 weiß, zählen die Lustigen Taschenbücher unzweifelhaft zu den meistgelesenen Werken der Kindheit. Vor einiger Zeit fiel mir einer dieser Klassiker der Jugendbuchliteratur wieder in die Hände und ich beschloss spontan, ihn ein weiteres Mal zu lesen. Manchmal ändern sich ja die Prämissen, mit denen man bestimmte Bereiche seines Lebens betrachtet, und heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob der Satz „Alle in der Kindheit gelesenen Bücher werden zu Legenden“ immer noch automatisch zu „Alle Lustigen Taschenbücher sind spitze!“ führt. Aber nun erst einmal zur Reihe mit ihren mittlerweile überlebensgroßen Protagonisten Micky Maus und Donald Duck.



    So wie Kinder sich heute entscheiden müssen, ob sie zur Seite von Spiderman oder  Batman gehören wollen, war es früher eine Art Glaubensbekenntnis, ob man Donald Duck oder Micky Maus bevorzugte. Mit Donald Duck gehörte man zu den unangepassten Revoluzzern, die Micky Maus Verehrer hatten eher den Ruf, leicht spießig zu sein. Tja. Mir persönlich lag Micky Maus immer näher als Donald Duck. Diese Ente war mir viel zu unberechenbar, zu jähzornig und unter den gegebenen Umständen geradezu absurd selbstbewusst. Niemand konnte vorhersagen, wie Donald Duck sich verhalten würde, nichts war sicher, nur eines: Zum Schluss stand er mittellos da und seine bedauernswerten Neffen würden den Abwasch erledigen müssen. Unfair! Micky Maus (deutsche Scheibweise, wir hatten ja nichts anderes, damals) dagegen hätte ich gern auf meiner Seite gehabt, eine patente Maus mit seltsamen, schwarzen  Ohren, Köpfchen, Sinn für Detektivarbeit und dazu noch Goofy als Freund – ja, das hätte ich mir gut vorstellen können. Trotzdem habe ich akribisch alle Bücher der Reihe gesammelt und auch, wenn mein Schwerpunkt eindeutig auf den Büchern mit der Maus lag, habe ich pflichtbewusst auch die mit der Chaos-Ente aufgenommen.



    Und dann geschah es: Eines Tages fiel mir die Nr. 41 in die Hände, auf der die mir bisher eher semisympathische Ente eine seltsame Maske trug. Was war das? Zorro in  Entenhausen? So lernte ich Phantomias kennen, den Rächer der Enterbten, den Verteidiger Donalds, den Helden mit Sprungstiefeln, Stinkgas und (am allerbesten:) einem geheimen Kellerversteck! Plötzlich bekam Donald Duck Potential, er war eine Ente mit geheimer Identität am Rande der Legalität und einem Auto, das sich unsichtbar machen konnte, rebellierte gegen die Autoritäten, seinen übermächtigen Onkel und gewann auch noch! Zu Onkel Dagobert hatte ich ein ambivalentes Verhältnis, er war mir viel zu geizig, rechthaberisch, tyrannisch und ein Egozentriker (nebenbei: Die letzten drei Eigenschaften passen auch auf seinen Neffen), aber seine Intention konnte ich zumindest nachvollziehen. Ab und zu versuchte er sogar, auf seine seltsame Art nett zu sein, wenn auch meist mit zweifelhaftem Erfolg. Und nun auf einmal war Onkel Dagobert der Unterlegene und Donald/Phantomias der Gewinner: Alle Kräfteverhältnisse hatten sich umgekehrt, plötzlich war das Glück auf Donalds Seite, er konnte machen, was er wollte und gewann! Ich war fasziniert. Wie konnte das sein in diesem normalerweise so festzementierten Enten-Universum? Wenn das möglich war, war eigentlich alles möglich, ja, ich bin versucht, zu sagen, mit Donalds Verwandlung in Phantomias fing meine bis heute anhaltende, endlose Begeisterung für phantastische Literatur überhaupt erst an.



    Nun habe ich das Werk also wieder gelesen. Hielt es der erneuten Überprüfung stand? Ja und nein. Ich hatte Phantomias als selbstlosen Helden abgespeichert, der die Armen beschützt und die fiesen Reichen zur Rede stellt und natürlich heroisch für Ausgleich zwischen beiden sorgt. Nach der Lektüre muss ich heute feststellen, dass Phantomias in Nr. 41 in erster Linie für sich selbst sorgt. Er verteilt zwar die Einnahmen aus dem Verkauf von Phantomias-Kostümen in der Stadt, aber nicht aus lauteren Motiven, oh nein, sondern um trivialerweise seinem Onkel eins auszuwischen. Man könnte auch sagen, er rächt sich an allen, die ihm irgendwann mal schief gekommen sind, und das mit allergrößtem Genuss. Das entspricht jetzt nicht unbedingt dem Bild des selbstlosen Helden, das ich in meinem Kopf hatte, aber was auf jeden Fall noch da ist, ist das wunderbare, geheime Gefühl – eine geheime Identität, ein geheimer Keller, ein geheimes Kostüm, und: Jemand darf ungestraft all das tun, was man selber natürlich niemals, nicht in hundert Jahren tun würde. Natürlich nicht! (Oder?) Abgesehen davon frage ich mich, ob den damaligen Erwachsenen eigentlich klar war, was wir da so alles gelesen haben. Vermutlich nicht – es waren ja nur bunte Bilder, und die sind ja bekanntlich immer harmlos. Bambi halt. Unten am Fluß. Oder so.



    Leider bin ich seit ein paar Jahrzehnten absolut nicht mehr auf dem Laufenden, was neue Ausgaben der Lustigen Taschenbücher betrifft. Etwa ab Band neunundölfzig bin ich ausgestiegen, und dann kam, was kommen musste: Ich wurde älter. Viel, viel älter. Ich zog aus und um, die Regalmeter waren begrenzt und mein Bestand an den Disney-Klassikern schrumpfte dramatisch auf drei Exemplare zusammen, von denen ich mich trotz intensivster Überlegungen nicht trennen konnte. Phantomias, der kreative Ausbruch einer zu heftig drangsalierten Ente, ist noch dabei. Und wenn ich einmal sehr viel Enthusiasmus in mir habe, widme ich mich vielleicht auch noch den anderen zwei verbliebenen Exemplaren. Ihr dürft raten: Donald? Oder Micky?



    PS: Es ist erlaubt, während des Lesens dieses Textes zu lächeln. Ernst war beim Schreiben ausdrücklich nicht beteiligt.



    PPS: Ich könnte jetzt auch noch sehr lange darüber philosophieren, dass der gesamte Ruhm des Phantomias eigentlich nicht ihm, sondern selbstverständlich Daniel Düsentrieb gebührt, der nicht nur der Erfinder all dieser wunderbaren Dinge wie Schlafgas, Schnarchmaschinen, Flugapparaten aller Arten ist, sondern überhaupt in Entenhausen Dinge möglich gemacht hat, die sonst nirgendwo auf der Welt denkbar gewesen wären, und das ohne jemals Anspruch auf Gewinnbeteiligung oder zumindest Ruhm und Ehre geltend zu machen, aber was solls: Die Welt ist unfair. Und Helferleins gibt es auf ihr auch nicht genug.

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    Cover des Buches Gefrorener Schrei (ISBN: 9783596034239)

    Bewertung zu "Gefrorener Schrei" von Tana French

    Gefrorener Schrei
    stachelbeermondvor einem Monat
    Kurzmeinung: Gut geschrieben, aber viel zuviel Innenschau der Hauptfigur im Buch.
    Schöner Schreibstil, interessanter Fall, aber unerträgliche Hauptfigur

    Eine Ermittlerin, die in ihrem eigenen Revier gemobbt und sabotiert wird, ein Fall, in dem wenig so ist, wie es anfangs scheint, Dublin als Spielort – da kann doch eigentlich nicht viel schiefgehen, wenn man Kriminalromane mag, oder?

    Naja. Vielleicht doch. Ich habe eigentlich nichts gegen detailreiche Charakterstudien, in der Regel mag ich sie lieber als die Krimihandlung an sich, aber dieses Buch treibt es auf die Spitze. Im Prinzip geht es seitenlang um das komplizierte Innenleben der Ermittlerin, die sich permanent von allen verfolgt fühlt und sich dementsprechend verhält, von Seite zu Seite paranoider wird und zum Schluss nicht einmal mehr ihrem Partner vertraut. Der Fall dient als Aufhänger, was schade ist, denn er ist sehr schön aufgebaut, hübsch kompliziert verpackt und wie immer hatte ich bis fast zum Schluss keine Ahnung, was da läuft, aber das ist normal, weil ich die schlechteste Ermittlerin aller Zeiten bin und auch bei Fernsehkrimis nie weiß, wer es war. Also zum Schluss dann schon, nach der Aufklärung. 🙂

    Hier aber gerät der Fall in den Hintergrund, manchmal fragt man sich zwischendurch, worum ging es da noch gleich? Erschwerend kommt hinzu, dass mir die Ermittlerin höchst unsympathisch war und im Laufe des Buches immer noch unsympathischer wurde. Allerdings ist das Geschmackssache, würde ich vermuten. Trotzdem habe ich mich bis zur Mitte des Buches durchgekämpft, weil es sehr gut geschrieben ist und ich immer gehofft habe, irgendwann würde die Verfolgungsparanoia weniger werden, aber so war es nicht. Ab der Mitte habe ich großzügig geblättert und bin dann am Ende bei der Aufklärung noch einmal hängengeblieben (typisch, ich hatte mal wieder keine Ahnung!). Und dann war ich ein wenig erleichtert, dass ich es durch hatte. Was wirklich schade ist, denn Tana French kann wirklich schreiben, aber dieser Plot war nicht meiner. Vielleicht beim nächsten Buch wieder.

    Und übrigens habe ich mal wieder keinerlei Ahnung, was Titel und Cover mit der Geschichte zu tun haben könnten. Nichts, wie ich vermute.

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    Cover des Buches Die Fährmannstochter (ISBN: 9783442382552)

    Bewertung zu "Die Fährmannstochter" von Andrea Schacht

    Die Fährmannstochter
    stachelbeermondvor einem Monat
    Cover des Buches Das Meer der Seelen - Nur ein Leben (ISBN: 9783442476015)

    Bewertung zu "Das Meer der Seelen - Nur ein Leben" von Jodi Meadows

    Das Meer der Seelen - Nur ein Leben
    stachelbeermondvor einem Monat
    Cover des Buches Der Zopf (ISBN: 9783596522668)

    Bewertung zu "Der Zopf" von Laetitia Colombani

    Der Zopf
    stachelbeermondvor einem Monat
    Der Zopf - drei Geschichten verflochten ergeben noch kein Ganzes

    Dieses Buch habe ich überall in den Buchhandlungen herumliegen sehen und es wurde sogar kurz in meinem Freundeskreis angesprochen. Dann bekam ich es ausgeliehen.


    Die Inhaltsangabe des Verlags:


    „Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzt Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung.

    Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf.“


    Tja. Was soll ich sagen? Meins war´s nicht. Ich fand die drei Geschichten jede für sich nicht schlecht, wenn sie auch ziemlich gestrafft und mit wenig Zeit für die einzelnen Figuren geschrieben wurden. Das zusammenflechten der Geschichten gefiel mir nicht, der Faden, der alles verbindet, ist mir zu dünn. Es hat sich mir nicht erschlossen, was genau der Reiz daran sein soll, einen zerhackten Text zu lesen, der nur dadurch zusammengehalten wird, dass alle drei Protagonistinnen Frauen sind und sich die Haare teilen. Das scheinen Millionen Leser anders zu sehen, aber man soll ja zu seinem eigenen Standpunkt stehen. Was ich hiermit tue. Viel Freude allen anderen, die das Buch lesen und es mögen.

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    Cover des Buches Der Hut des Präsidenten (ISBN: 9783426517468)

    Bewertung zu "Der Hut des Präsidenten" von Antoine Laurain

    Der Hut des Präsidenten
    stachelbeermondvor einem Monat
    Ein Hut auf Reisen...

    Als Präsident François Mitterrand seinen Hut in einer Brasserie vergisst, kann Daniel es kaum glauben: Der Hut des Präsidenten! Er nimmt all seinen Mut zusammen, lässt ihn mitgehen und ab diesem Zeitpunkt geschehen seltsame und wunderbare Dinge. Daniel erhält seinen lange überfälligen Karrieresprung, der Hut wandert weiter und beendet eine einseitige Liebesgeschichte, ein Meisterwerk wird geschaffen und ein Leben verwandelt. Alles wegen eines Hutes.

    Damit ist auch schon alles gesagt. Der Roman ist nicht sonderlich umfangreich, es sind vier oder sogar fünf Geschichten, wenn man es genau nimmt, da bleibt nicht viel Zeit für tiefsinnige Gedanken oder Entwicklungen. Ein amüsanter Zeitvertreib für einen Nachmittag, wenn man nicht viel denken möchte, sehr französische Leichtigkeit des Seins und dann kann man es getrost dem nächsten Leser übergeben und sich anderen Dingen zuwenden.


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    Cover des Buches Die Rabenringe - Gabe (ISBN: 9783038800156)

    Bewertung zu "Die Rabenringe - Gabe" von Siri Pettersen

    Die Rabenringe - Gabe
    stachelbeermondvor einem Monat
    Cover des Buches Die Rabenringe - Fäulnis (ISBN: 9783038800149)

    Bewertung zu "Die Rabenringe - Fäulnis" von Siri Pettersen

    Die Rabenringe - Fäulnis
    stachelbeermondvor einem Monat
    Cover des Buches Die Rabenringe - Odinskind (ISBN: 9783038800132)

    Bewertung zu "Die Rabenringe - Odinskind" von Siri Pettersen

    Die Rabenringe - Odinskind
    stachelbeermondvor einem Monat
    Kurzmeinung: Klassische Fantasy für Liebhaber ausgefeilter Welten und Charakteren, denen Platz und Zeit zum Wachsen gegeben wird. Sehr gelungen.
    Perfekt aufgebaute Fantasywelt

    Hirka wächst in Ymsland auf, einer Welt, die entfernt an nordische Sagen erinnert. Mit fünfzehn erfährt sie, dass sie ein schwanzloses Wesen aus einer anderen Welt ist, ein Odinskind, das Verderben über ihre Welt bringen wird. Oder?

    Die Saga ist voluminös geschrieben, die Sprache spielt mit einen leichten Schlag ins Altertümliche, das gut zur Geschichte passt und ist sehr flüssig lesbar. Dem Weltpersonal wird viel Zeit gegeben, sich zu entfalten und zu wachsen oder sich zu verändern, die Buchwelt (bloß nicht zuviel verraten!) ist bis ins kleinste Detail perfekt ausgestaltet, die Idee hinter allem keine Enttäuschung und sie wird auch nicht zu schnell preisgegeben – kurzum: Wer Fantasyromane wegen all dieser Dinge mag, ist hier sehr gut bedient und kann eine ganz Weile komplett in Ymsland untertauchen.

    Das einzige, was mir nicht gefallen hat, sind die Titel und die Umschlagillustrationen. Ich hätte die Bücher nicht gelesen, wenn sie mir nicht förmlich aufgedrängt worden wären mit dem Hinweis: Musst du lesen! Tja. Da hätte ich was verpasst.

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    Cover des Buches Die vielen Leben des Harry August (ISBN: 9783431039306)

    Bewertung zu "Die vielen Leben des Harry August" von Claire North

    Die vielen Leben des Harry August
    stachelbeermondvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Brillant geschriebene Zeitschleifengeschichte fernab aller gängigen Klischees.
    Viele Leben - viele Möglichkeiten

    Was würdest du tun, wenn du dein Leben nicht einmal, sondern viele Male leben würdest? Harry August lebt in einer Zeitschleife, er wird nach seinem Tod erneut geboren, im selben Jahr, im selben Leben, aber mit wachsenden Erinnerungen, denn er vergisst nichts. Dann erreicht ihn ein Hilferuf aus der Zukunft: Die Welt wird untergehen, was unvermeidlich ist, aber es wird viel früher als erwartet geschehen.

    Das Buch ist brillant geschrieben, soviel zu Anfang. Es wird (um gleich im Zeitreisemodus zu bleiben) auf jeden Fall am Ende des Jahres zu meinen Lesehöhepunkten gehören. Die Autorin Claire North hat einen Mix aus SciFi und Fantasy geschrieben, bleibt aber wunderbarerweise weitab von allen gängigen Klischees, was eine Wohltat für die Leserin/den Leser ist. Es breitet sich eine intelligente, klug konstruierte Geschichte vor dem staunenden Leser aus. Der Protagonist erzählt uns seine Geschichte im Rückblick, der rote Faden ist erkennbar, wird jedoch in vielen Wirbeln erzählt, die einem anfangs etwas Geduld abverlangen, die sich aber mehr als auszahlt. Außerdem sind die Wirbel auch noch sehr unterhaltsam geschrieben, so dass die Abstecher vom roten Faden mit zunehmenden gelesenen Seiten immer mehr Freude machen. Ich zumindest fand die abnehmende Anzahl der noch zu lesenden Seiten immer beunruhigender, je weiter ich mich dem Ende näherte, in dem es um nichts geringeres als die Rettung der Welt geht. Zumindest vorläufig.

    Neben dem vielen Klein-Klein des Alltags, das durchaus auch Erwähnung findet, geht es in vielen Passagen um philosophische, ethische und politische Fragen, die sich unweigerlich stellen, wenn man viele Leben lang Zeit und die Möglichkeiten hat, etwas zu ändern. Darf man wissenschaftliche Entdeckungen anstoßen, bevor ihre Zeit von selbst gekommen ist? Darf man jemanden töten, weil er sonst viele andere töten wird? Kann man Kriege verhindern und wenn ja, darf man? Diese für einen Roman eher unverdaulichen Fragen werden elegant und ohne zu stolpern in der Handlung versteckt. Sie tauchen immer wieder einmal auf, manchmal scheint es Antworten zu geben, manchmal nicht, und der Leser saugt das alles fasziniert in sich auf, berauscht von all diesen Möglichkeiten!

    Und wenn man viele Möglichkeiten hat, sehr viele, erledigt sich die Frage nach der einen, leidenschaftlichen Liebe zumindest für diese Autorin von selbst, außer, sie hätte ein sehr langweiliges Buch schreiben wollen: Was sollte darin passieren, außer, dass der Protagonist in jedem Leben wieder seine eine Liebe sucht, findet, heiratet und alles von vorn beginnt? Das passiert in diesem Buch nicht. Harry verliebt sich und heiratet, ja, durchaus, aber die Beziehung, um die es in diesem Buch wirklich geht, ist die Feindschaft/Freundschaft mit einem anderen Zeitschleifenbewohner, wie uns schon die Einleitung ganz vorn im Buch verrät. Widersprüchlich, ambivalent, nie ist wirklich abschließend sicher, wie die beiden zueinander stehen: Sie lieben und hassen sich, vertrauen einander nie wirklich, können aber auch nicht ohne einander. Die großen Fragen (Ethik, Verantwortung, Schuld) trennen sie voneinander, bringen sie aber auch immer wieder zusammen. Der Schauplatz dieser vielschichtigen Beziehung ist das 20. Jahrhundert von etwa 1920 bis etwa 2000, je nachdem, wann Harry in seinen jeweiligen Leben stirbt. Dazu kommt die Vergangenheit und das Raunen aus der Zukunft, wenn die Zeitschleifenreisenden (denn es gibt mehr von ihnen) Nachrichten von Jung zu Alt zurück in die Zeit schicken.

    Das alles ist intelligent zusammengesetzt und in einem angenehmen, eloquenten Schreibstil verfasst, der mich schon auf den ersten Seiten überzeugt hat. Ich wage mich nicht zu fragen, wie lange es wohl gedauert hat, bis die Autorin ihren ersten Entwurf dieser logischen, verschachtelten, hochkomplexen Zeitreisegeschichte fertig hatte. Ich hätte vermutlich graue Haare bekommen nur beim Gedanken daran. Der Roman hat den John W. Campbell Memorial Award 2015 gewonnen und stand auf der Shortlist des Arthur C. Clarke Awards, und das völlig zu Recht. Große Empfehlung!

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