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wbetty77

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    Cover des Buches Sonnenseite (ISBN: 9783453218178)

    Bewertung zu "Sonnenseite" von Roland Kaiser

    Sonnenseite
    wbetty77vor 2 Tagen
    Kurzmeinung: Einer der bekanntesten Sänger Deutschlands lässt sein Leben Revue passieren, in dem sowohl privat als auch gesellschaftlich einiges passiert
    Fast 70 Leben, fast 50 Jahre Bühne unterhaltsam erzählt

    Inhalt

    Die Mehrheit der Deutschen kann auf Anhieb mindesten ein Lied von Roland Kaiser ansingen. Seit den 1970er Jahren steht der Sänger auf der Bühne. Seitdem hat sich nicht nur in der Musikbranche vieles verändert. Doch in seiner Autobiographie „Sonnenseite“ geht es neben der musikalischen Karriere auch um ganz private Erlebnisse, die sein Leben prägten. Aufgewachsen im Berliner Arbeiterviertel Wedding, erlebt er den Mauerbau sowie die Rede Kennedys vorm Schöneberger Rathaus hautnah mit. Als uneheliches Kind von seiner leiblichen, sehr jungen Mutter zur Fürsorge gegeben, findet er bei seiner Pflegemutter ein behütetes Zuhause. 

    Mehr durch Zufall kommt Roland Kaiser zur Musik und ergreift die Chance, die sich ihm bietet, um eine erfolgreiche Karriere zu starten. Eine Karriere mit Höhen und Tiefen. Den absoluten Tiefpunkt seines Schaffens folgt nach der Diagnose der Lungenkrankheit COPD. Niemand, am wenigstens wohl er selbst, rechnet mit einem solch famosen Comeback nach seiner Lungentransplantation und einer immens erfolgreichen zweiten Karrierehälfte. Mittlerweile kommen zehntausende Menschen zu seinen Konzerten, die meist innerhalb kurzer Zeit ausverkauft sind. In dem Buch schaut Roland Kaiser zurück auf ein bewegtes Leben und blickt optimistisch in die Zukunft.


    Meinung

    Es beginnt im letzten Jahr, 2020. Roland Kaiser gibt ein Konzert auf der Waldbühne Berlin. Statt 22.000 Zuschauern sind Pandemie bedingt nur 4.500 zugelassen. Aber es ist ein Signal, „Back to live“. Seit fast fünfzig Jahren gehört Roland Kaiser zu den bekanntesten Sängern Deutschlands. Mit seinen zahlreichen Auftritten in der ZDF Hitparade hält er den Rekord der Sendung. Und heute, mit fast 70 Jahren, ist er immer noch ein erfolgreicher Künstler.

    Ich kenne ihn seit Kindheitstagen, seit Santa Maria. Da war ich nicht einmal vier Jahre alt, aber wohl ziemlich textsicher. Lange Zeit wurden Schlager eher belächelt. Zu viel heile Welt und all diese Vorurteile. Schublade auf, rein, Schublade zu. Doch mittlerweile hat es sich die Wahrnehmung geändert.

    Nach dem kurzen Intro der Gegenwart, erinnert sich Roland Kaiser zurück an seine Kinderzeit im Berliner Stadtteil Wedding. Zusammen mit seiner Pflegemutter und deren Schwester, Tante Gertrud, wohnen sie im Hinterhaus, Toilette auf halber Treppe. Er erzählt voller Herzlichkeit von einer behüteten Kindheit. Seine Pflegemutter, eine überzeugte Anhängerin Willy Brandts, lebte ihm die wichtigsten Werte wie Solidarität, Verantwortung und soziales Miteinander vor. Werte, die dem Sänger bis heute wichtig sind. Er engagiert sich für zahlreiche Organisationen und wurde vielfach für sein soziales Engagement ausgezeichnet. Ein klares, bekennendes Statement zur SPD und deren Werten findet man ebenfalls im Buch. Er versteht sich als Unterhalter mit Haltung! 

    Eindringlich schildert er besondere Momente. Darunter historische Ereignisse, wie beispielsweise der Bau der Mauer oder Kennedys berühmte Rede, aber auch besondere private Erlebnisse. Erinnerungen an ein Weihnachtsfest, an dem seine Mutter ihm ein langersehntes Fahrrad schenkte. Als er fünfzehn Jahre alt ist, stirbt seine Pflegemutter an den Folgen eines Schlaganfalls. Zwar nimmt ihn eine ihrer Schwestern bei sich auf, dennoch beginnt damit seine Abnabelung von der Familie. Sehr ehrlich berichtet Roland Kaiser von seinen Gefühlen zu dieser Zeit. Auch später taucht der Verlust der Mutter immer wieder auf. Für den jungen Mann ein lebensverändernder Einschnitt. Nach einer Lehre im Einzelhandel und Nebenjobs, beginnt er eine Ausbildung zum Automobilkaufmann. Durch Zufall lernt er den Musikmanager Gerd Kämpfe kennen, der ihm ein Vorsingen in den Hansa Studios verschafft. Mit einem Dreijahresvertrag in der Hand kommt Roland Kaiser aus dem Studio wieder raus, doch es wird noch ein paar Jahre dauern, bevor seine Karriere Fahrt aufnimmt. Solange arbeitet er weiter in der Marketingabteilung eines Autohauses.

    Das Buch gibt Einblicke in den Alltag des Musikbusiness', das heutzutage vollkommen anders funktioniert. Wir erfahren von den mühsamen Auftritten in Discotheken, von seinen ersten Versuchen selbst Texte zu schreiben und warum „Sieben Fässer Wein“ kein Roland-Kaiser-Song ist. Nach dem endgültigen Durchbruch mit Santa Maria, tritt die Entfremdung zur Familie seiner Pflegemutter deutlich zu Tage. Nur zu seinem Cousin Wolfgang bleibt der Kontakt bestehen. Es folgen Auftritte in der Hitparade, in der Peter-Alexander-Show und die Boulevard Medien werden auf den gutaussehenden Sänger aufmerksam.

    In diesem Abschnitt hätte ich mir die ein oder andere Anekdote zur Hitparade gewünscht. Vor allem was nach der Sendung alles geschah, wäre sicher erzählenswert. Ebenso habe ich den ein oder anderen damaligen Berliner Star etwas vermisst, wie etwa Harald Juhnke. Auch sonst stellt sich Roland Kaiser als relativ brav dar. Wenn nur an der Hälfte der damaligen Schlagzeilen ein Funke Wahrheit ist, war der Sänger sicher kein Kind von Traurigkeit und zeitweilig sehr abgehoben. Das klingt in dem Buch allerdings nur bedingt an.

    Chronologisch erzählt Roland Kaiser weiter. Von seinem ersten Treffen 1984 mit seiner jetzigen Frau, die erste Scheidung, die zweite Ehe mit der Schauspielerin Anja Schüte, seine Erfolge als Fernsehproduzent (u.a. RTL Samstag Nacht), seinem Pilotenschein, seiner zweiten Scheidung, seiner dritten Ehe und dem Angekommen sein. Die einzelnen Lebensabschnitte sind durch Stadtplanausschnitten gekennzeichnet. Beginnend mit Wedding, dann Berlin, Deutschland und später Münster. 

    Der wohl tiefste Einschnitt in seinem Leben ist die Diagnose COPD, die er selbst erst nicht sonderlich Ernst nimmt und dann über Jahre verheimlicht, bis er nicht mehr leugnen kann. Er zieht sich zurück und nur eine Lungentransplantation kann sein Leben noch retten. In der Fachklinik in Hannover bekommt er sein zweites Leben geschenkt und startet tatsächlich noch einmal durch, in einem Ausmaß, wie er es selbst wohl nicht für möglich gehalten hätte. Auch diese Zeit schildert Roland Kaiser sehr ehrlich und offen. Er ist dem Tod auf den letzten Metern entkommen und genießt nun sein Leben in vollen Zügen. 

    Als Musiker, Zeitzeuge und Privatperson lässt Roland Kaiser die Leser:innen an seinem Erinnerungen teilhaben. Hier und da hätte ich gerne mehr Details (Hitparade) erfahren, an einigen Stellen fehlt aus meiner Sicht eine kritische Selbstreflektion (Trennung von Anja Schüte, eine Schlammschlacht in der BILD Zeitung), doch alles in allem gibt das Buch interessante und teilweise auch überraschende Einblicke in ein Künstlerleben, das von großen Erfolgen und Rückschlägen geprägt ist. Bezeichnend ist der Titel „Sonnenseite“, denn etwas weiß man sehr genau nach der Lektüre, Roland Kaiser ist ein Optimist und er vertraut darauf, dass es gut werden wird.


    Fazit

    Ein Buch nicht nur für Schlagerfans. Roland Kaiser hat viel erlebt und viel zu erzählen und tut das, mit Hilfe seiner Co Autorin Sabine Eichhorst, auf sehr unterhaltsame Weise.


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    Cover des Buches Der Traumpalast (ISBN: 9783651025783)

    Bewertung zu "Der Traumpalast" von Peter Prange

    Der Traumpalast
    wbetty77vor 12 Tagen
    Kurzmeinung: Was überzeugend beginnt verliert sich in Klischees, Trivialität und Langeweile. Einfach gestrickte Geschichte mit wenig Substanz.
    Seichte Unterhaltung

    Inhalt

    Der Erste Weltkrieg tobt und Propagandafilme sollen das Volk bei Laune halten. Es ist die Gründungsstunde der Universum Film AG. Für Konstantin, genannt Tino, Reichenbach, Sohn einer Bankiersfamilie, ist es ein großes Glück, denn er wird Finanzdirektor der UFA und muss nicht mehr zurück an die Front. Doch die Pläne der Gründer sind vorausschauender. Nach dem Krieg soll in Deutschland eine ernstzunehmend Konkurrenz zu Hollywood entstehen.

    Doch nicht nur beruflich geht es für Tino gut aus, auch privat findet er sein Glück. Zufällig begegnet er der charmanten und schlagfertigen Rahel. Sie verlieben sich und werden ein Paar. Rahel hat ihren eigenen Kopf, was für Konstantin nicht immer leicht ist. Als Rahel schwanger wird, steht das Paar vor einer schwerwiegenden Entscheidung.

    Der Roman nimmt uns mit auf eine Reise durch die große Zeit des Kinos. 


    Meinung

    Peter Pranges „Der Traumpalast“ ist ein 800 Seiten starker Roman, dem ein zweiter Band folgen wird. Unterteilt in fünf Teile, die jeweils eine Zeitspanne von ca. zwei Jahren erzählen, ist jeder Teil noch einmal in eine unterschiedliche Anzahl von sehr kurzen Kapiteln gegliedert. 

    Gerade die kurzen Kapitel geben einem das Gefühl einer kurzweiligen Lesezeit, dennoch zieht sich die Geschichte an vielen, völlig uninteressanten Stellen, wie beispielsweise bei Vorstandsitzungen oder Projektfinanzierungen, teils ins Unerträgliche. Oftmals habe ich in diesen Fällen weitergeblättert, was ohne Weiteres möglich ist. Andererseits enden Kapitel genau da, wo Charaktere endlich einmal Tiefe entwickeln könnten (z.B. S. 691). Die ständig wechselnde Szenerie lässt keinen großen Spielraum für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Charakteren oder dem Verlauf.

    Zu Beginn wirkt der Roman sehr schwungvoll. Lebemann trifft auf eine modern eingestellte Frau, die weiß, was sie will und bereit ist für ihre Träume zu kämpfen. Doch schnell verliert sich dieser Schwung und auch die Frau, Rahel, ist nur noch vermeintlich modern und wird zum Anhängsel ihres reichen Gönners. Rahel ist in der Geschichte für mich die größte Enttäuschung. Im Laufe des Buches wandelt sich mein erster Eindruck von ihr, von einer starken Persönlichkeit hinzu einer nicht allzu intelligenten, sich selbst bemitleidenden Frau, die immer glanzloser wird. Teils ist sie mir sogar mächtig auf die Nerven gegangen, mit ihrer dummen und naiven Art und ihrer Arroganz.

    Auch Tino konnte mich als Charakter nur mäßig überzeugen. Er erfüllt, wie so viele in diesem Roman, eine ganze Reihe von Klischees. Seiner Figur fehlt es an Substanz. Mich hätten beispielsweise Kindheitserinnerung interessiert oder eine tiefgreifendere Auseinandersetzung mit seiner Familie, in der es offensichtliche Probleme gibt. Über die Ereignisse wird einfach so hinweggegangen. Auch sein Kokainkonsum wird nur oberflächlich erzählt und in erster Linie auf seinen Liebeskummer geschoben. Das ist mir einfach zu banal.

    Die sich durchziehende Trivialität wäre für mich noch okay gewesen, weil der Roman nicht den Anspruch auf große Literatur erhebt. Doch einen historischen Roman zu verfassen und dabei hin und wieder historische Fakten so zu drehen, sodass sie in die Geschichte passen, hat mich verärgert. Beispiele hierfür wären das Tanzlokal „Eldorado“, das mehrmals im Roman genannt wird. Dieses berühmt, berüchtigte Transvestitenlokal eröffnete erst Mitte der 1920er, demnach gab es das 1920 noch gar nicht. Ein zweites Beispiel ist die Entstehung der Idee zu „Metropolis“, ebenfalls im Roman thematisiert, die hat der Autor mal eben etwas vordatiert. Was nicht passt, wird passend gemacht. Schade!

    Auch sonst ist es eher ein Crashkurs der historischen Hotspots, denn auf keinen wird ernsthafter eingegangen. Die Charaktere sind in ihrem Handeln oft unglaubwürdig und nur darauf ausgelegt, irgendeine Verbindung zu den jeweiligen Ereignissen herzustellen. Dabei bleibt das Lebensgefühl der Berliner Bevölkerung in dieser unsteten und unsicheren Zeit völlig auf der Strecke. Nach den 800 Seiten habe ich mich gefragt, was davon hängen bleibt? Nichts. Es ist eine Aneinanderreihung von seichten Belanglosigkeiten, die jedes erdenkliche Klischee bedient und ein großes Potential einfach verschenkt. Der Roman ist weder spannend, noch interessant, noch kann man auf die historische Einordnung vertrauen. Ich hatte sehr viel mehr erwartet. Von meinen Erwartungen ist nur ein geringer Teil erfüllt worden. 

    Wiederholt hatte ich beim Lesen den Eindruck, als ob der Autor nur ein mäßiges Interesse an der Zeit der 20er Jahre sowie dem Thema „Kino“ hat. Was wiederum den ein oder anderen historischen Lapsus, der im Roman vorkommt, erklären würde. Dieser Roman ist wohl mehr dem aktuellen Zeitgeist geschuldet.


    Fazit

    Die Geschichte, die der Roman erzählt, hat mich nicht für sich gewinnen können. Die Erzählung hat mich nicht mitgerissen, es fehlen die facettenreichen Charaktere und mehr Schwung im Ganzen hätte weniger Langeweile aufkommen lassen.

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    Cover des Buches Die Übersetzerin (ISBN: 9783785727560)

    Bewertung zu "Die Übersetzerin" von Jenny Lecoat

    Die Übersetzerin
    wbetty77vor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine packende Geschichte, mit ein paar Schwächen, über die Zeit der deutschen Besatzung auf den Kanalinseln.
    Packend, aber mit Schwachstellen

    Inhalt

    Nach ihrer Flucht vor den Nazis, wähnt sich Hedy auf der englischen Kanalinsel Jersey in Sicherheit, doch auch diese Inseln werden 1940 von den Deutschen besetzt. Es beginnt ein Spießrutenlauf, denn die englischen Behörden geben Hedys Status als Jüdin an die Besatzer weiter. 

    Doch wo kann man besser untertauchen als beim Feind selbst? So bewirbt Hedy sich als Übersetzerin bei der deutschen Besatzungsmacht und wird angestellt. Dort führt sie ihren eigenen kleinen Kampf gegen das Regime. 

    Obwohl sie die Deutschen zutiefst verabscheut, kann sie ihre Gefühle für den Offizier Kurt Neumann nicht leugnen. Die beiden werden ein Liebespaar. Als sich die Lage auf den Inseln zuspitzt, muss Hedy um ihre Sicherheit fürchten. Mit Kurts Hilfe taucht sie unter, um den Transporten zu entgehen. Der Hunger auf Jersey ist allgegenwärtig. Kann Kurt es schaffen, Hedys Leben zu retten?


    Meinung

    Geschichten, die während der deutsche Besatzung auf den Kanalinseln spielen, sind rar. Deshalb hat mich der Roman neugierig gemacht. Die Autorin schildert das Leben auf der Insel Jersey sehr intensiv. Die Versorgungslage, die immer knapper werdenden Lebensmittel, den Hunger und die Not, aber auch den Umgang mit den Besatzern. Man spürt förmlich, wie der Hass der englischen Bevölkerung gegenüber den Deutschen mit der Zeit wächst. Die Inselbewohner fühlen sich von ihrem Heimatland verraten und den Deutschen ausgeliefert. Bis auf wenige Momente des Aufbegehrens können sie den Besatzern nicht viel entgegensetzten. Der Schreibstil ist dabei mal fast sachlich, dann wieder eindringlich, somit bekam ich eine genaue Vorstellung von der Insel und der angespannten Stimmung zu dieser Zeit.

    Hedy ist von allen Informationsquellen abgeschnitten, über die sie etwas von ihren Geschwistern oder Eltern erfahren könnte. Durch ihre Erinnerungen erfahren wir ein bisschen über ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihre Flucht. Zu Beginn ist Anton ihre einzige Bezugsperson auf der Insel. Ihm gegenüber verhält sie sich sehr besitzergreifend und kann seine Freundin Dorothea nur schwer akzeptieren. Öfters habe ich von Hedy den Eindruck eines verwöhnten, kleinen Mädchens. Sonderlich sympathisch ist sie mir zu Anfang nicht, auch im weiteren Verlauf des Romans bin ich nur zögerlich mit ihr warm geworden. Sie stammt aus einer reichen, bürgerlichen Familie und es schimmern immer wieder leicht arrogante Züge durch. 

    Kurt hat ein Auge auf Hedy geworfen und spricht sie an, doch Hedy blockt seine Annäherungsversuche ab. Ich kann sie da gut verstehen, er ist der Feind und sie hat in Wien erlebt, wie die Nazis mit Juden umgehen. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt nichts von ihren jüdischen Wurzeln weiß. Die plötzliche Kehrtwende in dieser Beziehung hat mich dann überrascht, da ich angenommen hätte, dass sie sich erst einmal vorsichtig aneinander herantasten. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die große Liebe wenig glaubhaft scheint. Für mich haben zwischen den Charakteren keinerlei Funken gesprüht. 

    Spannender hingegen ist für mich Kurts Sicht der Dinge. Wie er seine Kameraden sieht, seine Ansichten über den Krieg und das Regime und wie sich seine Haltung im Verlauf des Romans ändert. Die Art und Weise wie er versucht an Informationen zu kommen, um Hedy zu schützen. Kurt ist für mich der eigentliche Hauptcharakter im Roman, weil er interessanter und facettenreicher angelegt ist, als Hedys Figur. Er ist die treibende Kraft hinter allem, der Akteur, der Hedy versteckt, und sie mit seinen Einfällen aus brenzligen Situationen rettet. Hedy ist bei allem ziemlich passiv. Auch seine Emotionen sind besser nachvollziehbar. Im Gegensatz zu ihm bleibt Hedys Figur blass. Ich hätte mir mehr Tatkraft von Hedy gewünscht, schließlich geht es um ihr Leben. 

    Selbst die, auf den ersten Blick sehr naiv wirkende, Dorothea, auf die Hedy gerne herabsieht, ist wesentlich taffer, patenter und mutiger als Hedy. Aus meiner Sicht dominieren Kurt und Dorothea die Erzählung weitaus mehr, als der eigentliche Hauptcharakter Hedy, denn die Zwei bringen die Geschichte voran, Ich hätte eine stärkere Hedy als Romanfigur erwartet. Auch jetzt bin ich mir noch nicht sicher, ob ich Hedy überhaupt mag. Diese verbotene Liebe hätte jedenfalls noch wesentlich mehr Potential gehabt.


    Fazit

    Interessantes, selten behandeltes Thema des Zweiten Weltkrieges, das auf einer wahren Geschichte beruht. Streckenweise zeigt die Handlung einige Schwächen, was vor allem an der blassen Hauptfigur liegt. Die Stärke des Romans liegt eindeutig in der Schilderung der Besatzungszeit.


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    Cover des Buches Barbara stirbt nicht (ISBN: 9783462000726)

    Bewertung zu "Barbara stirbt nicht" von Alina Bronsky

    Barbara stirbt nicht
    wbetty77vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Pointierte Bestandsaufnahme einer Ehe voller Witz und Tragik, die einen unfreiwilligen Wandel der Gewohnheiten erlebt.
    Witzig, tragisch, nachdenklich

    Inhalt

    Als Herr Schmidt eines Morgens aufwacht, ist es still im Haus. Wo ist seine Frau Barbara?Er findet sie im Bad auf dem Boden liegend und bringt sie zurück ins Bett. Barbara ist krank. Eine ungewohnte Situation, denn Herr Schmidt kann nicht einmal Kaffee kochen. In ihrer konventionellen Ehe mit klassischer Rollenverteilung, gehören Küche und Haushalt zu Barbaras Aufgaben. Nun liegt Barbara im Bett und braucht seine Hilfe.

    Mit viel Einfallsreichtum und einigen unverhofften Helfern lernt Herr Schmidt nicht nur wie man genießbaren Kaffee zubereitet, sondern auch wie man kocht und backt. Die fest eingefahrenen Gewohnheiten seiner Ehe brechen auf und die jahrzehntelang gepflegte Routine findet ein unfreiwilliges Ende. Die erwachsenen Kinder Karin und Sebastian verfolgen Herrn Schmidts Wandlung mit Verwunderung, aber auch mit Argwohn. Der herrische Vater, der sonst auf seinen Prinzipien behaart, stellt sich neuen Herausforderungen. Ahnt Herr Schmidt, dass ihm keine andere Wahl bleibt?


    Meinung

    „Barbara stirbt nicht“ beschreibt Herrn Schmidts Credo. Er kocht, er backt, weil er überzeugt ist, dass, wenn seine Frau nur ordentlich isst, sie wieder auf die Beine kommt. Das Barbaras gesundheitliche Situation eine andere ist, wird nie offen ausgesprochen, dennoch ahnt man schnell, wie es wirklich um sie steht. 

    Herr Schmidt ist auf den ersten Blick kein liebenswerter Charakter. Er ist schroff, rassistisch und fest verankert in seinen alten Werten. Doch zwischen den Zeilen blitzt immer wieder seine Unsicherheit hervor. Ich schätze ihn auf Mitte siebzig. Nach dem Krieg musste er mit seiner Mutter, von seinem Vater ist nie die Rede, nach Westdeutschland fliehen. Der Makel des Flüchtlings, des Zugezogenen hat sich tief in ihm festgesetzt und ist für mich der Grund, weshalb er kaum soziale Kontakte hat. Er fühlt sich nicht dazugehörig, auch wenn er fast sein ganzes Leben schon in dieser Kleinstadt verbracht hat. 

    Seine Weigerung die lesbische Beziehung seiner Tochter anzuerkennen oder den fremd klingenden Namen seiner Schwiegertochter auszusprechen, lässt ihn unsympathisch wirken. Hinzu kommt noch der deutsche Schäferhund namens Helmut. Alle Klischees erfüllt, aber so einfach ist es nicht. Im Verlauf des Romans verändert sich Herr Schmidt, er reflektiert sein Leben an der Seite seiner Frau, die er eigentlich gar nicht hatte heiraten wollen oder war es seine Mutter, die Barbara für die falsche Frau hielt? Im Verlauf der Erzählung kommen einige Lebenslügen ans Licht, ohne das sie tatsächlich offengelegt werden. 

    Herr Schmidt ist immer für eine Überraschung gut. Ja, er ist ein herrischer alter Herr, der sehr verletzend sein kann, vor allem seinen Kindern gegenüber, doch dann scheint wieder eine andere Seite von ihm durch. Auf liebevolle Art kümmert er sich um Barbara. Er versucht ihre Essenswünsche zu erfüllen, er hält den Laden am Laufen, übernimmt ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten und er stellt sich der größten Lüge ihrer Ehe und versucht sein Verhalten von damals zu korrigieren. 

    In Herrn Schmidts Leben treten die unterschiedlichsten Personen und auch hier zeigt sich, dass er gar nicht so verbohrt ist, wie er tut. Das er geradeheraus sagt, was er denkt, führt zu einer Fülle von Szenen mit Situationskomik. Ich habe während der Lektüre sehr viel gelacht, weil ich mich an Menschen erinnert fühlte, die Herrn Schmidt ähneln. Dadurch hatte ich ein ziemlich genaues Bild von ihm im Kopf. Alina Bronsky ist es gelungen diesen vermeintlich unsympathischen Zeitgenossen auf humorvolle Weise zu entlarven. Sie zeigt seine verletzlichen und guten Seiten, die sich hinter dieser teilweise unerträglichen Art verbergen. 

    Dieser Roman ist unglaublich witzig und zugleich zeigt er auch die tragischen Seiten des Lebens. Die hervorragende Beobachtungsgabe der Autorin wird mit diesem Buch wieder mehr als deutlich. Um die persönliche Geschichte der einzelnen Charaktere zu erzählen braucht sie nicht viele Worte. Alina Bronskys Schreibstil ist unverwechselbar auf den Punkt. 

    Mein einziger Kritikpunkt betrifft das Ende, das kam mir zu abrupt. Ich war von der Handlung und der letzten Figur doch sehr überrascht. Ich hätte mir frühere Hinweise gewünscht, um nicht so überrumpelt zu werden. Mittlerweile habe ich mich damit versöhnt, weil ich glaube, Herr Schmidt will reinen Tisch machen, für sich, aber auch für seine Frau. Sein unfreiwilliger Neustart soll frei von dem Ballast der Vergangenheit sein.


    Fazit

    „Barbara stirbt nicht“ hat mich oft zum Lachen gebracht, mich gut unterhalten, aber auch zum Nachdenken angeregt. 


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    Cover des Buches Alles, was wir sind (ISBN: 9783746638072)

    Bewertung zu "Alles, was wir sind" von Lara Prescott

    Alles, was wir sind
    wbetty77vor 2 Monaten
    Kurzmeinung: „Doktor Schiwago“ wird zum Politikum. Detailreich und fesselnd erzählt der Roman von Staatswillkür, dem Kaltem Krieg und von der Liebe.
    Fesselnder Mix

    Inhalt

    Der bekannte russische Dichter Boris Pasternak stellt seinen Roman „Dr. Schiwago“ fertig, doch in der Sowjetunion wird das Buch aufgrund der staatsfeindlichen Schilderungen nicht veröffentlicht. Als ein italienischer Verleger sich um die Rechte des Romans bemüht, um diesen in Europa zu veröffentlichen, willigt Pasternak ein und tritt damit eine Lawine los, die ihn in seinem Land das Leben kosten könnte.

    Der Roman erscheint und wird zum Bestseller. Mitten im Kalten Krieg wird der US-amerikanische Geheimdienst auf diesen Literaturerfolg aufmerksam. Die CIA lässt den Roman im Original drucken und schmuggelt das Buch in die Sowjetunion, um Widerstand in der Bevölkerung zu wecken. Als der KGB davon erfährt, versucht er mit allen Mitteln die Verbreitung des Romans zu verhindern. Als Pasternak dann auch noch der Nobelpreis verliehen wird, sieht die Sowjetunion sich gezwungen zu handeln. Es ist der Kampf der Systeme, die einen Roman kurzzeitig zum Spielball der Macht machen und dadurch das Leben einiger Menschen tiefgreifend verändern. 


    Meinung

    „Alles, was wir sind“ erzählt die Geschichte eines berühmten Romans; Doktor Schiwago. Der sensible Schriftsteller und Arzt Schiwago, hin und her gerissen zwischen seiner Familie und seiner großen Liebe Lara und das alles vor dem historischen Umbruch der russischen Oktoberrevolution. „Dr. Schiwago“ wurde bei seinem erscheinen zu einem Politikum, zum Spielball im Kalten Krieg. Der Roman „Alles, was wir sind“ beruht auf wahren Tatsachen. Dafür hat die Autorin Lara Prescott aufwendig recherchiert.

    Die Geschichte spielt über das gesamte Jahrzehnt der 1950er. Dabei wechseln sich Ost und West ab, sodass die Handlung aus völlig unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Den Anfang macht Olga, also der Osten. Sie ist Pasternaks Geliebte. Eine verhängnisvolle Liebe zu Zeiten Stalins und Chruschtschow. Noch bevor Schiwago überhaupt fertig gestellt ist, verbringt sie drei Jahre im Arbeitslager. An Pasternak selbst traut man sich nicht heran, zu groß ist seine Beliebtheit. Als der Roman beendet ist, findet sich in der Sowjetunion niemand, der es wagt,das Buch zu veröffentlichen. Am Beispiel von Pasternak wird deutlich, wie der Staat seine Macht ausspielt, wie sehr er über die Kultur bestimmt und wie er es versteht sein Volk zu manipulieren. Olgas Schilderungen vom Umerziehungslager sind erschreckend. Dort sind keine Straftäterinnen, sondern nur Frauen, die die rechtliche Willkür einer Diktatur zu spüren bekommen. 

    Auch in Pasternaks Gedanken tauchen wir ein und erfahren seine Sicht der Dinge. Ich kann verstehen, dass er seinen Roman veröffentlichen will, dass er den Nobelpreis annehmen will, doch er bringt damit nicht nur sich selbst, sondern vor allem Olga und ihre Kinder in Gefahr. Er nimmt meiner Ansicht nach wenig Rücksicht. Drei Jahre hat sie wegen ihm schon im Lager verbracht. Sie, nicht seine Frau! Und es werden nach seinem Tod weitere hinzukommen. Wohl wissend welche Konsequenzen sein Handeln haben könnte, lässt er zu, dass Schiwago in Europa veröffentlicht wird. Er unternimmt auch keinerlei Anstrengung Olga herauszuhalten. Jedenfalls wirkt es auf mich so. 

    Im Westen, in Washington D.C., sind die Frauen nach dem zweiten Weltkrieg wieder auf ihren Platz verwiesen worden. Die meisten fügen sich in die neue alte Welt, heiraten, werden Mutter. Nur wenige bleiben dem Geheimdienst treu. Die feine, aber auf den Punkt gebrachte Kritik der Autorin hat mir sehr gefallen. Sie sagt wie es ist. Die Männer, egal wie unfähig, machen Karriere, die Frauen, mit gleicher Qualifikation, bleiben Stenotypistinnen. Auch sonst finden sich in dem Roman einige deutliche Seitenhiebe auf das patriarchische System. 

    Die Grundzüge dessen, was den Westen bewegt, erzählen uns eben diese Stenotypistinnen. Es ist ähnlich wie der Klatsch auf dem Büroflur, den man im Vorübergehen aufschnappt. Informativ, kurzweilig und wahrhaftiger als so manches offizielle Statement. Jedenfalls erzählen sie uns von früher, von jetzt und erklären den Lesern die Zusammenhänge und versorgen uns mit allen Neuigkeiten. Tiefer in die Geschichte steigen wir mit Irinas und Sallys Erzählungen ein. Aus ihren Perspektiven erleben wir sowohl ihre Liebesaffäre als auch ihre geheimen Aktivitäten hautnah mit. In den konservativen 1950er Jahre war Homosexualität in den USA undenkbar und wurde verfolgt. Eine Haltung, die es den beiden Frauen unmöglich macht, ihre Liebe zu leben. 

    Die Autorin Lara Prescott hat aus einer wahren Geschichte rund um „Doktor Schiwago“, die mir bisher nicht in dem Umfang bekannt war, einen packenden und gesellschaftskritischen Roman verfasst. „Alles, was wir sind“ kritisiert dabei nicht einseitig nur die willkürliche und menschenverachtende Politik der ehemaligen Sowjetunion, sie schreibt auch über die Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf Ehefrau und Mutter reduziert wurden. Ihre Leistungen während des Krieges waren schnell vergessen und die Männer nahmen wieder ihre angestammten Positionen ein. Es war ein Zurück zu den konservativen Werten. Auch das Thema der Homosexualität oder die sexuelle Übergriffigkeit mancher Männer spart die Autorin nicht aus. 

    Aufgrund der klaren Unterteilung zwischen West und Ost, den verschiedenen Erzählperspektiven, die meinen Lesefluss nie gestört haben, ist der/die Leser:in immer mitten im Geschehen und lernt die Charaktere in allen Facetten kennen. Die Hauptakteurinnen des Romans sind die Frauen. Olga und im späteren Verlauf des Buches auch ihre Tochter Ira für den Osten und natürlich Irina und Sally ebenso wie der Pulk der Stenotypistinnen für den Westen. Dem Roman gelingt es großartig die Stimmung der Angst, die in der Sowjetunion umgeht, einzufangen ebenso wie die biedere, patriarchische Gesellschaft in den USA auf den Punkt zu beschreiben. Der Roman schlägt sich auf keine Seite. Kein schwarzweiß Denken, kein Gut und Böse, etwas, das mir sehr gut gefallen hat.


    Fazit

    Es ist ein lebendiger als auch bemerkenswerter Roman nach einer wahren Geschichte.


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    Cover des Buches A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit (ISBN: 9783347369092)

    Bewertung zu "A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit" von S. Sagenroth

    A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit
    wbetty77vor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Auf unterhaltsame Weise werden wichtige Themen aufgegriffen und Geheimnisse gelüftet.
    Spannend und aktuell

    Inhalt

    Sommer 2020, die Corona Situation ist auch an Sid nicht spurlos vorübergegangen. Nun sind Sommerferien, doch rechte Ferienstimmung will nicht aufkommen. Da erhält Sid Wiedererwarten eine E-Mail von Tory. Der alte Herr hat tatsächlich einen weiteren Auftrag für ihn und Chiara. 

    Diesmal handelt es sich um eine Reise durch die letzten hundert Jahre. Die Zwei sollen nämlich in einer Frankfurter Villa Ordnung schaffen, bevor die Entrümpler anrücken. Überaus froh, sich nach der langen Zeit wiederzusehen, stöbern Chiara und Sid in dem alten Haus herum und entdecken so manche kuriose Sache. 

    Doch ein Schatten liegt auf dem alten Haus und seinen ehemaligen Bewohnern. Arne, der Sohn des Hauses ist anscheinend 1985 von zu Hause weggelaufen ohne eine Spur zu hinterlassen. Nicht nur Arnes Schicksal ist ungeklärt, sondern auch das seines aus Leipzig stammenden Großvaters, der aus den Familienalben ausradiert wurde. Welches Geheimnis steckt hinter ihrem Verschwinden? Chiara und Sid begeben sich auf Spurensuche.


    Meinung

    Der letzte Teil der Reihe blendet die Pandemie nicht aus, gibt ihr jedoch auch nicht mehr Raum als nötig. Meiner Ansicht nach ist es der Autorin hervorragend gelungen die richtige Balance zu finden. Da jeder Roman in der Jetztzeit spielte, hätte ich es seltsam gefunden, die Pandemie nicht zu erwähnen und so zu tun, als ob alles wäre wie 2019.

    Es wirkt sich diesmal auch auf den Auftrag aus, den Sid von Tory bekommt. Anstatt wie in den vorherigen Teilen verschiedene Länder zu bereisen, bleiben Chiara und Sid diesmal in Deutschland. Die sonstigen Reisen werde durch Reisen durch die Zeit ersetzt. So spielt der Roman über zwei Generationen hinweg. Zum einen handelt es sich um den Großvater, der ab den 1940er Jahren verschwindet, zum anderen geht es um Arne, der Mitte der 80er abhaut.

    Das vorrangige Thema des Romans ist die sexuelle Orientierung und der Umgang mit ihr. Immer wieder gab es Vorstöße für Toleranz, dann ging es jedoch gesellschaftlich wieder rückwärts. Seit nicht einmal dreißig Jahren ist Homosexualität keine Straftat mehr. In vielen Familien wurde über solche Sachen nicht gesprochen, sowie in der Familie, deren Geheimnisse Chiara und Sid nun aufdecken. Der Roman ist ein Appell für Toleranz, aber auch dafür miteinander zu reden und Dinge nicht tot zu schweigen. 

    Frankfurt, Leipzig und das Elbsandsteingebirge sind diesmal die Orte, an denen die Geschichte spielt. Auch hier wird die jeweilige Atmosphäre wunderbar eingefangen. Gerade im Elbsandsteingebirge verbringen Chiara und Sid drei Tage in Abgeschiedenheit. Denn das, was sich im letzten Band offensichtlich anbahnte, kommt nun auf den Tisch. Die Frage, wie Chiara und Sid zueinander stehen, gehört zu den stetigen Entwicklungen der Reihe. Ebenso wie bei der Pandemie, findet die Autorin bei dieser zwischenmenschlichen Frage die passende Gewichtung zu der eigentlichen Handlung.

    Vom ersten bis zu diesem Band haben sich die Charaktere merklich entwickelt. Sid ist nun volljährig, besitzt seinen Führerschein und wenn die Pandemie ausklingt, wird er sicher die Welt erkunden. Aus dem Teenager ist nun ein junger Mann geworden. Auch Chiara hat sich gemacht. Ihr Leben bekommt langsam Kontur und wer weiß, was sie studieren wird. Beide stehen nun an einem neuen Lebensabschnitt, dass wird in der Erzählung deutlich. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Reihe hier endet. Tory spielt in diesem Teil nur noch eine sehr nebensächliche Rolle, da er durch sein Alter und die Pandemie in London bleibt. Schlussendlich ist es auch ein Abschied von dem alten Herren, der die Abenteuer erst ermöglicht hat.

    Als Leserin verabschiede ich mich von dem letzten Teil der Reihe mit ein bisschen Wehmut. Mir haben Chiaras und Sids Abenteuer sehr gefallen. „A.S. Tory und das Spiel mit der Zeit“ ist ein unterhaltsamer Jugendroman, der Themen der Zeit mit einer Leichtigkeit aufgreift ohne belehren zu wollen. Besonders gefällt mir, dass er zum eigenständigen Denken anregt. Jeder Leser:in kann etwas für sich daraus mitnehmen. 


    Fazit

    Ein gelungener Abschluss einer fantastischen Buchreihe. Unterhaltsam, spannend und ein Aufruf dazu neugierig und abenteuerlustig zu bleiben.

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    Cover des Buches Land in Sicht (ISBN: 9783351050764)

    Bewertung zu "Land in Sicht" von Ilona Hartmann

    Land in Sicht
    wbetty77vor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Die Suche nach Identität. Mal skurril, mal komisch, mal tragisch aufgrund der ungeschminkten Normalität.
    Auf den Punkt erzählt

    Inhalt

    Jana ist Mitte Zwanzig und bei der Suche nach ihrem Vater, den sie bisher nicht kennt, fündig geworden. Er ist Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Auf diesem Schiff, dessen Gäste sich im Alter sechzig plus befinden, bucht sie kurzerhand eine Reise. Sechs Tage hat sie Zeit ihren Vater Milan kennenzulernen und herauszufinden, was für ein Mensch er ist.

    Doch als sie ihre Reise antritt, ist sie nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war.


    Meinung

    Jana ist eine unstete und unsichere Person, die aller Wahrscheinlichkeit nach Bindungsprobleme hat, was sich nicht nur auf Liebes-, sondern auf alle Beziehungen in ihrem Leben auswirkt. Ihren Vater kennt sie nicht, doch die Väter ihrer Freundinnen hat sie genau beobachtet. Sensibel schildert die Autorin Janas kindliche Sicht auf Väter und die Vorstellung, die sie sich von ihrem eigenen macht. Janas Beziehung zu ihrer Mutter könnte man als distanziert beschreiben. Ab und an klingt durch, Jana gibt ihrer Mutter die Schuld am den fehlenden Vater, allerdings ist es nur mein Gefühl, wirklich präzise gesagt wird es nicht. 

    Bisher hat Jana sich planlos durch ihr Leben treiben lassen. Nun da sie herausgefunden hat, wer ihr Vater ist, hat sie die Hoffnung etwas über sich zu erfahren. In dieser Hoffnung schwingt auch der Wunsch mit, dass, wenn sie ihre Wurzeln gefunden hat, auch selbst welche schlagen kann. Und das wünscht man ihr als Leser:in aus tiefsten Herzen. 

    Obwohl Jana im Vorfeld genau überlegte, wie sie als weitaus Jüngste auf dem Schiff weniger auffällt, geht dieser Plan nicht auf und beschert dem Roman manche Situationskomik. Die Szenen sind urkomisch und tragen dennoch eine gewisse Tragik in sich. Der präzise Erzählstil lässt Unnötiges aus, zeugt jedoch von einer wunderbaren Beobachtungsgabe. Das vorsichtige Herantasten an den Vater ist schnörkellos und voller nüchterner Emotion erzählt. Wir nehmen teil an Janas Zweifeln, ihrer Unsicherheit, die mit dem Wunsch endlich ihren Vater kennenzulernen kämpfen. Jedes Kapitel beschreibt einen Tag auf dem Fluss.

    Mich hat der Debütroman von Ilona Hartmann hervorragend unterhalten. Ich habe gelacht, ich habe mitgefühlt. 


    Fazit

    Ein gelungener Debütroman. Witzig, tiefgründig und ehrlich.


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    Cover des Buches Der Brand (ISBN: 9783257070484)

    Bewertung zu "Der Brand" von Daniela Krien

    Der Brand
    wbetty77vor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Eine wahrhaftige Erzählung über eine Ehe in der Krise, die sich jedoch zu vielen Themen annimmt und somit das Wesentliche aus dem Blick verl
    Es brennt an zu vielen Stellen

    Inhalt

    Seit über dreißig Jahren sind Rahel und Peter ein Paar. In ihrer Ehe sind sie durch einige Höhen und Tiefen gegangen. Seit einiger Zeit befinden sich wieder in einem Tief. Nun liegen drei Wochen Sommerurlaub vor ihnen, die sie nicht wie geplant verbringen, sondern auf dem ländlichen Hof eines befreundeten Paares in der Uckermark. 

    Peter gewöhnt sich schnell an den Rhythmus des Landlebens und genießt es, sich um die Tiere zu kümmern, Rahel hingegen streift planlos im Haus umher. Die wenigen Gespräche finden meist beim Essen statt, doch von einer Annäherung ist wenig zu spüren. Jeder geht seiner Wege. Werden diese drei Wochen Zweisamkeit sie wieder zusammenbringen oder der Lack nach dreißig Ehejahren einfach ab?


    Meinung

    Auf nüchterne Weise beschreibt Daniela Krien aus Rahels Sicht den Verlauf dieser drei Sommerwochen. Wir tauchen ein in Rahels Gedankenwelt und erfahren einiges über ihre Ehe und Kindheit, aber auch über das Verhältnis zu ihren eigenen Kindern. In kleinen Schritten nähern wir uns den tief sitzenden Problemen, die nie ausgesprochen werden. 

    Sehr gelungen sind die Ortsbeschreibungen der ruhigen Landschaft der Uckermark. Die Tiere, die sich schnell an die Urlauber gewöhnen und in erster Linie zu Peter eine innige Bindung aufbauen. Diese Idylle steht ganz im Gegensatz zu den emotionalen Stürmen, welche die Charaktere durchlaufen.

    Die Ehekrise als Thema des Buches wird allzu schnell von schwierigen Eltern-Kind-Beziehungen überholt, die Rahel und Peter sowohl zu ihren eigenen Eltern hatten als auch jetzt mit ihren Kindern durchleben. Hinzu kommen weitere zahlreiche Themen, die angerissen und wieder verworfen werden. Die Krise zwischen Peter und Rahel, ihre Annäherung werden dadurch aus meiner Sicht unverhältnismäßig zurückgedrängt. Viele dieser Themen, die von außen kommen, beeinflussen Rahel und Peter, doch hätte ich mir gewünscht, dass die Erzählung näher an den Figuren bleibt.

    Rahel, Ende 40, Peter, Mitte 50, kommen mir aufgrund ihrer Denkweise und der immer wiederkehrenden Auflistung ihres körperlichen Verfalls um mindestens zehn Jahre älter vor. Ich hatte große Schwierigkeiten mir die Zwei in ihrem angegeben Alter vorzustellen. Natürlich habe ich berücksichtigt, dass sie sehr früh Eltern geworden sind und somit in einer Lebensphase sind, in die andere erst später eintreten. Dennoch passte es für mich nicht.

    Der Roman verstrickt sich in allerlei gesellschaftskritischen Themen und verliert dabei die wesentliche Handlung aus dem Blick. Anders als „Liebe im Ernstfall“ wird mir dieses Buch mit all den extrem anstrengenden Charakteren, zu denen ich keinen Bezug gefunden habe, nicht lange im Gedächtnis bleiben. Dabei ist der schnörkellose Schreibstil überzeugend und kurzweilig, nur der Inhalt konnte mich nicht überzeugen. 


    Fazit

    Vom Thema abgekommen, will der Roman zu viele gesellschaftliche Punkte ansprechen, ohne diese überhaupt vertiefen zu können. Aus dem Grund bleibt vieles angerissen, unverfolgt und oberflächlich, dabei tritt die eigentliche Problematik der Ehekrise in den Hintergrund. Mich hat das Buch ratlos und ein wenig unzufrieden zurückgelassen.


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    Cover des Buches Wildtriebe (ISBN: 9783423282888)

    Bewertung zu "Wildtriebe" von Ute Mank

    Wildtriebe
    wbetty77vor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Drei Frauengenerationen zwischen Erwartungsdruck und Selbstbestimmtheit, auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Dabei oftmals in Sprachlos
    Lebensnahe Erzählung

    Der Bethches Hof ist nach den Frauen benannt, die ihn prägten. Die bislang letzte in dieser Reihe ist Lisbeth, eine traditionsbewusste Großbäuerin. Doch die Zeiten in der Landwirtschaft ändern sich. Als ihr Sohn heiratet, zieht die Schwiegertochter auf dem Hof. Marlies ist eine moderne Frau, die nicht von einem Bauernhof stammt und sich an dessen Rhythmus erst gewöhnen muss. Bald entstehen die ersten Konflikte zwischen den zwei Frauen. Wortlos werden diese ausgetragen. Anfangs bemüht Marlies sich ein Teil der Familie zu werden, doch immer öfter sucht sie lieber das Weite, als ihren Platz auf dem Hof einzunehmen. Ihre Tochter Joanna soll später, wenn sie erwachsen ist, freier in ihren Entscheidungen sein. Joanna wächst zwar zu einer selbstbestimmten, jungen Frau heran, doch unterscheiden sich ihre Vorstellungen vom Leben sehr von den Plänen, die Marlies für ihre Tochter hat. Drei Frauen, drei Generationen, drei Lebenswege, geprägt von der Unfähigkeit miteinander zu reden. 


    Handlung

    Allein durch seine Größe genießt der Bethches Hof Ansehen im dörflichen Hausen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernehmen Lisbeth und ihr Mann Karl den Hof und halten dabei an langjährigen Traditionen fest. Als ihr Sohn Konrad heiratet, zieht die Schwiegertochter Marlies auf den Hof. Argwöhnisch beobachtet Lisbeth ihre Schwiegertochter, die zu ihrem Verdruss keine Bäuerin ist. Anfangs bemüht sich Marlies, sich anzupassen, doch es fällt ihr schwer, ihren Platz im Familiengefüge zu finden und sich zu behaupten. Immer öfter sucht Marlies kleine Fluchten, um dem Hofleben und vor allem Lisbeth zu entkommen. Sie macht einen Jagdschein, sie geht wieder halbtags arbeiten und sie nimmt weiterhin die Pille.

    Marlies, von Kindesbeinen an auf die Rolle als Ehefrau vorbereitet, hat nie gelernt, eine eigene Vorstellung von ihrem Leben zu entwickeln und ihre Bedürfnisse auszudrücken. Im Umkehrschluss fragt sie auch nie nach den Bedürfnissen anderer. Auch sonst werden auf dem Hof keine großen Reden geschwungen. Jeder weiß, wo sein Platz ist und was zu tun ist. Diese Sprachlosigkeit entfremdet die frischgebackenen Eheleute immer weiter voneinander. Auch zwischen Marlies und Lisbeth werden Kämpfe wortlos ausgefochten. Als Marlies nach fünf Ehejahren endlich schwanger wird, ist die Freude groß. Nur Marlies kann sich nicht freuen, denn sie weiß, dass sie von nun ans Haus gefesselt ist. Deshalb sorgt Marlies dafür, dass ihre Tochter Joanna ihr einziges Kind bleibt. Marlies beschließt, dass ihrer Tochter einmal mehrere Türen offen stehen, als nur die der Ehe.

    Stehen Lisbeth und Karl noch für großbäuerlichen Traditionen, muss Konrad um den Erhalt des Hofes kämpfen. Doch Abstruse Entscheidungen über Milchpreise, Reglementierungen über Abgabenormen machen dem Bethches Hof zu schaffen. Am Ende bleibt Konrad nichts anderes übrig, als die Landwirtschaft aufzugeben und sich eine Arbeitsstelle in der Fabrik zu suchen. Ein tiefer Einschnitt in das Leben der Familie. Die Veränderung macht die Krise zwischen Marlies und Konrad deutlich sichtbar. Hoffnungen mehr Zeit miteinander zu verbringen, vielleicht ein gemeinsamer Urlaub, scheitern an dem jahrelang gepflegten, wortlosen nebeneinanderher Leben. Die Eheleute haben sich nichts mehr zu sagen und schon gar keine gemeinsamen Interessen, zu verschieden sind ihre Lebenswelten geworden. 

    Joanna wächst zu einer unabhängigen, junge Frau heran. So beschließt sie nach dem Abitur für ein Jahr nach Afrika zu gehen, um dort bei einem landwirtschaftlichen Hilfsprogramm mitzuarbeiten. Ihre Großmutter sowie auch ihre Mutter haben nur wenig Verständnis für diese Entscheidung. Erst als Joanna wieder zurück ist und ihr Studium aufnimmt, ist Marlies zufrieden. Doch dann wird Joanna ungewollt schwanger. Die Reaktionen darauf könnten nicht unterschiedlicher sein. Es wäre an der Zeit, dass die drei Frauen auf dem Hof endlich ihre Sprachlosigkeit überwinden, um ihre unterschwelligen Konflikte zu lösen.



    Meinung

    Unprätentiös beschreibt der Debütroman „Wildtriebe“ von Ute Mank das Leben auf einem traditionellen Bauernhof. Hierbei stehen drei Generationen Frauen im Fokus. Zwischen Tradition und Moderne müssen sie allerlei Erwartungen standhalten. Erwartungen der Familie, der Nachbarn und auch den eigenen.

    Von Lisbeth wurde, nach dem beide Brüder im Krieg gefallen sind, erwartet, den Hof zu übernehmen. Ihre Eltern, besonders ihre Mutter, sind am Tod der Söhne zerbrochen und waren für die junge Lisbeth keine große Hilfe mehr. Zum Glück hatte sie Karl, der für sie  auf seinen eigenen Hof verzichtete. Schnell wurden sie ein eingespielten Team. Jeder kannte seine Platz, seine Aufgaben und wichtige Dinge wurden abends im Bett besprochen. Doch die Ehe bleibt lange kinderlos und der Druck auf Lisbeth erhöht sich. Sie fühlt sich dem Gerede der anderen Dorfbewohner ausgesetzt. Bezeichnend für die Zeit ist es aus meiner Sicht, dass Lisbeth nie der Gedanke kommt, dass es an Karl liegen könnte. Sie sieht es zeitlebens als ihr persönliches Versagen an, obwohl Karl immer zu ihr steht. Die alte Generation hat sich nie gefragt, ob es ein Leben abseits des Hofs geben könnte. Einen großer Bauernhof zu bewirtschaften war mehr, als die meisten hatten. Lisbeth und Karl sind mit ihrem Schicksal zufrieden. 

    Marlies kommt aus bürgerlichen Verhältnissen. Als Mädchen wurde sie von Kindesbeinen dazu erzogen einmal zu heiraten und Mutter zu werden. Andere Möglichkeiten werden für sie ausgeschlossen. Zwei Jahre lang gehen sie und Konrad zusammen aus, dann ist es an der Zeit zu heiraten. Wie damals üblich zieht Marlies zu Konrad auf den Hof. Schon kurz nach der Hochzeit spürt Marlies, dass sie fehl am Platz ist. Es ist ein furchtbares Dilemma, in das Marlies hineinschlittert. Sie
    ist gefangen in den Konventionen und kann sich daraus nicht befreien.

    Der Autorin gelingt es vortrefflich diesen Zwiespalt zu beschreiben. Marlies Auszeiten, in denen sie den Hof, Konrad und Lisbeth vergessen kann und doch immer wieder der aufkommende Druck, Erwartungen erfüllen zu müssen, die seit jeher an sie gerichtet wurden, und ihr innerer Kampf sich dagegen aufzulehnen. Oftmals steht sie sich selbst im Weg, gefangen in ihrer Wortlosigkeit. Die Freundin als Gegenpol, die anscheinend alles so mühelos bewältigt und in der Rolle der Hausfrau und Mutter aufgeht.

    Durch ihre Unfähigkeit ihre Gefühle auszudrücken, entfernt Marlies sich auch von ihrer Tochter. Ab der Pubertät scheint Marlies kaum an Joanna heranzukommen, was auch nicht besser wird, als Joanna aus Afrika zurückkommt. Joanna wendet sich eher an ihre Oma Lisbeth, sie ist ihre Vertraute in der Familie. Ich hatte nie das Gefühl, dass Lisbeth ihrer Schwiegertochter absichtlich das Leben schwer macht, doch auch ihr fehlen die Worte, die eine Brücke hätten schlagen können. Zu verschieden sind die Frauen auf dem Bethches Hof.

    Die Geschichte wird abwechselnd aus Lisbeths oder Marlies Sicht geschildert. Ihre Gedanken und Erinnerungen geben Aufschluss über das Innenleben der Zwei, die ansonsten nie über sich reden. Der unaufgeregte Schreibstil der Autorin passt zur Geschichte und den Figuren, die allesamt wahrhaftig erscheinen. Die Männer treten nur am Rande in Erscheinung, manches muss man sich eher denken, als das es geschrieben steht. So bleiben manche Sätze unvollständig. Auch hier, lieber weniger als zu viele Worte. Die Romanerzählung erstreckt sich über ungefähr 25 Jahren und endet mit einem Hoffnungsschimmer für alle Charaktere. 

    Als Leser:in erfährt man viel über den Wandel des Hoflebens. Zu Lisbeths Zeiten beschäftigte der Hof viele Knechte und Mägde, dann kamen die Maschinen und die politischen Reglementierungen und dann das aus. Lisbeth war mir von den drei Frauen am nächsten. Ich konnte sie gut verstehen, vielleicht auch, weil ich Ähnlichkeiten zu meiner Oma entdeckte. Marlies empfand ich als anstrengend. Ihr fehlt meiner Meinung nach nicht nur das Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse, sondern auch Empathie für die Menschen, die ihr Nahe stehen sollten. Diese krankhafte Eifersucht auf Lisbeth, habe ich nur bedingt nachvollziehen können. Ich kann verstehen, dass sie das Beste für ihre Tochter will, allerdings ahmt sie das Verhalten ihrer Eltern nach und fragt nie danach, was Joanna will. Ebenso zeigt sie kaum Interesse an Konrad. Sie entscheidet allein. Was er möchte, übergeht sie einfach. Dabei versucht er sie in allem zu unterstützen. Er nimmt wesentlich mehr Rücksicht auf sie als sie auf ihn. Für mich ist Marlies die einsamste Person in dem Roman, weil sie nie gelernt hat, Dinge zu auszusprechen oder sich Konflikten zu stellen. 

    „Wildtriebe“ ist ein ruhiger Roman, der von drei Frauen erzählt, die versuchen den Erwartungen ihrer Zeit gerecht zu werden und darüber ihre eigenen Bedürfnisse aus den Blick verlieren. Ihre Generationenkonflikte entstehen vor allem durch ihre Unfähigkeit miteinander zu reden.


    Fazit

    Ein ganz wunderbarer, lebensechter Roman. Wem beispielsweise die Romane von Dörte Hansen gefallen haben, wird „Wildtriebe“ ebenso gerne lesen. Für mich ein vollkommenes Lesevergnügen und eines der besten Bücher.

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    Cover des Buches Wir sehen uns unter den Linden (ISBN: 9783426522356)

    Bewertung zu "Wir sehen uns unter den Linden" von Charlotte Roth

    Wir sehen uns unter den Linden
    wbetty77vor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Farblose Charaktere in einer sehr schwachen Erzählung
    Langweilig

    Im Frühjahr 1945 muss Sanne miterleben wie die Gestapo ihren Vater in ihrer Wohnung erschießt. Ein traumatisches Erlebnis, das das junge Mädchen prägt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie sich mit Leib und Seele dem Aufbau des sozialistischen Staates verschrieben hat. Obwohl der Aufstand 1953 und dessen Folgen Zweifel in ihr wach rufen, ist ihr Glaube in die Grundsätze der DDR unerschütterlich. Auch als sie den westdeutschen Koch Kelmi kennenlernt und sich in ihn verliebt, ist sie keinesfalls bereit ihre Einstellung zu ändern. Doch Kelmi bleibt hartnäckig und ist bereit für seine Liebe kämpfen. Werden sie es schaffen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um zusammen einen neues Leben zu beginnen?


    Meinung

    Die Romane der Autorin Charlotte Roth habe ich meistens mit Vergnügen gelesen, daher freute ich mich auf ihr neues Werk „Wir sehen uns unter den Linden“. Dieses Mal wurden meine Erwartungen allerdings enttäuscht. Die Erzählung, die im Dritten Reich und in den Aufbaujahren der DDR spielt, entbehrt jeglicher Spannung. Oftmals habe ich mich während der Lektüre gefragt, wann die Geschichte endlich beginnt. Es plätschert dahin, ohne das etwas relevantes passiert. Der Roman verliert sich zu sehr in Belanglosigkeit, dabei bleiben die wirklich spannenden Themen außen vor. Wie beispielsweise als Sannes beste Freundin verschwindet, wird das nicht weiter verfolgt, obwohl die Geschichte drumherum interessant gewesen wäre. 

    Die Hauptfigur wird auf den ersten Seite als Suse eingeführt, wenige Seiten später nennt man sie Sanne und für Kelmi ist sie Susu. Am Buchanfang hat mich dieser Namenswechsel irritiert, denn erst wesentlich später wird aufgeklärt, dass sie nach dem Tod ihres Vaters nicht mehr Suse genannt werden wollte.Überhaupt ging mir Sanne unfassbar auf die Nerven. Sie hat Schlimmes erlebt und es ist sicher nicht einfach die Ermordung des Vaters mitzuerleben, doch ist es für mich keine Entschuldigung dafür, das Sanne engstirnig, verbissen und rechthaberisch ist. Außerdem macht sie, wie leider die meisten Figuren in diesem Roman, einen ziemlich naiven und dümmlichen Eindruck. Die schlauste ist sie jedenfalls nicht. Sie hinterfragt nichts und hält sich an dem Bild ihres Übervaters fest. Bis zum Schluss ist keinerlei Entwicklung bei ihr zu sehen. Sanne bleibt völlig unreflektiert. In dauernder Wiederholungsschleife kommen von ihr dieselben sozialistischen Frasen. Irgendwann habe ich nur noch weitergeblättert, weil ich es mich nicht nur entsetzlich nervte, sondern auch langweilte.


    Es kommt sehr selten vor, dass ich mit so gar keinem Charakter etwas anfangen kann. „Wir sehen uns unter den Linden“ ist jedoch einer dieser Romane. Ich habe weder verstanden, warum sich Sannes Eltern ineinander verlieben noch warum sich Kelmi in Sanne verliebt. Das Sanne echte Gefühle für ihren Koch hat, davowar ich bis zum Schluss nicht überzeugt, auch umgekehrt habe ich auch Kelmi nicht nachvollziehen können. Ich fragt mich, was er an der zänkischen Sanne findet und warum er ihr ständig nachläuft. Kelmi empfand ich als oberflächlich und das meiste, was er von sich gab, war irgendein Blödsinn. Ich konnte ihn beim Besten Willen nicht ernst nehmen. Sannes Mutter und ihre Tante Hille sind ebenfalls naiv, dumm und farblos. Hille soll wohl auch so wirken, wodurch sie aber gerade am Ende völlig unglaubwürdig wird.

    „Wir sehen uns unter den Linden“ ist in acht Teile mit einer variablen Anzahl Kapitel eingeteilt. Die Erzählung beginnt im Frühjahr 1945, als Sannes Vater erschossen wird. Danach springt der Roman zurück in die 1920iger, als sich Ilona und Volker kennenlernten. Im nächsten Teil erfolgt wiederum ein Zeitsprung in die 50iger. Sowohl die Zeitebene der „Vergangenheit“ als auch die „Gegenwart“ werden chronologisch wiedergegeben, sodass es verständlich zu lesen ist.

    Dennoch nimmt die Geschichte an keinem Punkt Fahrt auf. Selbst der Schluss lässt mich ratlos zurück. Natürlich sind die historischen Ereignisse und Orte hervorragend recherchiert, aber der Erzählung und den Charakteren fehlt es meiner Meinung nach an allem, was einen Roman ausmacht. Weder eine mitreißende Geschichte noch authentische Charaktere,mit denen man mitfiebert, sind in dem Buch zu finden. „Wir sehen uns unter den Linden“ kommt an die wunderbaren, vorherigen Romanen von Charlotte Roth nicht heran. 


    Fazit

    Zwischen mir und dem Roman ist der Funke leider nicht übergesprungen. Bei dem nächsten Buch von Charlotte Roth wird das vielleicht wieder anders sein. 


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    Über mich

    Ich kann auf vieles verzichten, nur nicht auf Bücher! Gute Erzählungen nehmen mich mit in ihre Welt und die letzte Seite ist immer ein Abschied, ein Loslassen und Nachsinnen. Neben Romanen lese ich gerne Biografien und über historische oder gesellschaftliche Themen.
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