winter-chill

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    Cover des Buches Eine Familie in Deutschland (ISBN: 9783651025028)

    Bewertung zu "Eine Familie in Deutschland" von Peter Prange

    Eine Familie in Deutschland
    winter-chillvor 7 Monaten
    Wie der Nationalsozialismus eine Familie zerstört

    Mitmachen, wegschauen, davonlaufen, sich widersetzen? – „Eine Familie in Deutschland“ schildert am Schicksal einer Familie im Wolfsburger Land wie unterschiedlich Menschen mit dem Erstarken des Nationalsozialismus umgegangen sind. Während es im ersten Teil der großen deutschen Familiengeschichte hauptsächlich um die Machtergreifung Hitlers ging, begleiten wir Familie Ising in dieser Fortsetzung nun durch den Zweiten Weltkrieg – von 1939 bis 1945. Schon im ersten Teil fiel die Zuckerfabrik der Isings, seit Generationen im Besitz der Familie, dem Nationalsozialismus zum Opfer. Hitler gab den Befehl, im Wolfsburger Land das Volkswagen-Werk aus dem Boden zu stampfen. Die Mehrheit der Bevölkerung hegte große Hoffnungen, vielleicht war dies der Anfang einer neuen Zeit? Doch schon bald wird deutlich, wie falsch Hitlers Verheißungen waren und der Krieg bricht aus. So unterschiedlich wie Menschen sein können, sind auch die Familienmitglieder der Familie Ising: während der ältere Bruder Horst in der Partei Karriere macht, kämpft seine Schwester Charly um die Liebe zu ihrem Ehemann Benny, einem Juden. Die Eltern machen sich indes Sorgen um den jüngsten Sohn Willy – das Kind hat das Down-Syndrom und musste in einem speziellen Heim für Kinder untergebracht werden. Die ältere Tochter Edda begleitet mit dem Sonderfilmtrupp Riefenstahl den Polen-Feldzug und Bruder Georg macht Karriere als Autokonstrukteur bei Porsche – er ist sogar dabei, als der Volkswagen auf eine Testfahrt kreuz und quer durch die Europa bis nach Afghanistan geschickt wird.  

    Prange erzählt historisch genau, facettenreich und bewegend. Neben dem Schicksal der Familie Ising erfährt man einiges über die Geschichte des Wolfsburger Lands und über die Entstehung des Volkswagens. Aber auch Themen wie Euthanasie, die Endlösung der Judenfrage oder die Befreiung von Paris 1944 werden angesprochen. Auch das Durchgangslager Westerbork in den Niederlanden ist Teil der Geschichte und in der Figur der Gilla Bernstein erkennt man Stella Goldschlag wieder, das blonde Gespenst – eine Jüdin, die zahlreiche Juden verriet.

    Mich hat die Familiensaga unterhalten, informiert und vor allem bewegt. Gerade der Epilog, der einen Ausblick in das Jahr 1955, gibt, hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Zeigt dieser doch, wie unbelehrbar einige Menschen waren, wie viele Chamäleons es doch gab, die sich wie ein Fähnchen im Wind einfach in die politische Richtung gedreht haben, die gerade geherrscht hat. Und vor allem, wie ungeschoren viele am Ende doch davon kamen.

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    Cover des Buches Vom Ende der Einsamkeit (ISBN: 9783257069587)

    Bewertung zu "Vom Ende der Einsamkeit" von Benedict Wells

    Vom Ende der Einsamkeit
    winter-chillvor einem Jahr
    Das Leben ist kein Nullsummenspiel

    Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.“ – Benedict Wells hat meiner Meinung nach mit „Vom Ende der Einsamkeit“ seinen bisher besten Roman vorgelegt. Klug, berührend, sprachlich brillant. Vordergründig ein Selbstfindungsroman ist es vor allem ein Roman über das Leben und was es für Überraschungen bereithält und nicht zuletzt eine große, etwas andere Liebesgeschichte. Im Mittelpunkt des Romans steht Jules, dessen Lebensgeschichte beinahe chronologisch erzählt wird. Jules wächst mit seinen beiden älteren Geschwistern behütet in München auf. Eines Tages schlägt das Schicksal zu und die Eltern kommen bei einem Autounfall ums Leben. Von da an ist nichts mehr, wie es war. Die Geschwister entfremden sich, jeder muss mit diesem Verlust anders umgehen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben, doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Mich hat dieser Roman sehr bewegt und nachdenklich gestimmt. Wells schreibt fast schon philosophisch vom Überwinden von Verlust und Einsamkeit, von der Ungewissheit des Lebens und der Zukunft. Große Empfehlung.

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    Cover des Buches Zeiten des Aufbruchs (ISBN: 9783499272141)

    Bewertung zu "Zeiten des Aufbruchs" von Carmen Korn

    Zeiten des Aufbruchs
    winter-chillvor einem Jahr
    Nachkriegsjahre, Wirtschaftswunder, Kalter Krieg

    Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Kalter Krieg – im zweiten Teil der Jahrhundert-Saga begleiten wir die vier Hamburger Freundinnen Käthe, Henny, Ida und Lina durch die 40er, 50er und 60er Jahre. Ein halbes Jahrhundert haben die Frauen – alle geboren um 1900 – nun schon auf dem Buckel und schon so einiges erlebt. Hinter ihnen liegen zwei Weltkriege, ihre Heimatstadt Hamburg ist zerstört und Käthes Mann Rudi ist immer noch verschollen. Dennoch scheint es nun für die Familien aufwärts zu gehen – ihren Kindern zumindest stehen nun ganz andere Türen offen.

    Mich hat auch der zweite Teil der Jahrhundertsaga sehr begeistert. Carmen Korn erzählt so mitreißend  von der Nachkriegszeit und der Aufbruchsstimmung in den 50er und 60er Jahren, dass man das Gefühl hat, mittendrin zu sein in der Geschichte. Die Charaktere haben alle etwas besonderes und bleiben einem daher lange im Gedächtnis. 

    Wie schon im ersten Teil werden auch hier wieder viele geschichtliche Ereignisse und Aspekte behandelt, wie etwa der Aufbau des Rundfunks nach dem Krieg, die Hamburger Sturmflut oder die Studentenrevolten in den 60er Jahren. Der Leser erfährt auch, wie sich die Arbeit der Hebammen mit der Zeit verändert oder wie schwer es homosexuelle Paare zu jener Zeit noch hatten. Besonders spannend finde ich, dass auch schon das Entstehen der RAF angeschnitten wird – ich hoffe, dass man dazu im dritten Teil noch etwas mehr erfährt.  

    Besonders halte ich der Trilogie – insbesondere diesem zweiten Teil – zugute, dass die Geschichte ganz ohne künstlich arrangierte Dramen auskommt. Das normale Leben ist ja oft schon Drama genug. Eine großartige Fortsetzung, die ganz wunderbar den Zeitgeist der Nachkriegsjahre einfängt, die Sorgen und Hoffnungen der Menschen. Eine rührende und spannende Familiengeschichte.

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    Cover des Buches Im Tal des Fuchses (ISBN: 9783442382590)

    Bewertung zu "Im Tal des Fuchses" von Charlotte Link

    Im Tal des Fuchses
    winter-chillvor einem Jahr
    Entführt und vergessen

    Solange er denken kann, ist Ryan Lee immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Diesmal steckt er so richtig tief im Dreck – er muss so schnell wie möglich viel Geld auftreiben. Kurzerhand entführt er auf einem einsam gelegenen Parkplatz eine Frau, Vanessa Willard – ein Zufallsopfer. Er will von ihrer Familie das Geld erpressen und sie dann wieder freilassen. Doch noch bevor Ryan mit der Familie seines Opfers Kontakt aufnehmen kann, wird er wegen eines anderen Delikts verhaftet. Über die Entführung und den Verbleib Vanessas verliert er kein Wort, aus Angst vor einer noch härteren Strafe. Als Ryan zwei Jahre später aus dem Gefängnis entlassen wird, scheint ihn aber seine Vergangenheit einzuholen. Gleichzeitig sucht Matthew Willard immer noch nach seiner verschwundenen Frau, denn eine Leiche wurde nie gefunden.


    Charlotte Link hat mich mit dieser Geschichte abermals komplett in ihren Bann gezogen und begeistert. Die Geschichte wird aus der Sicht verschiedener Personen erzählt und es ist einfach immer wieder toll, wie feinfühlig und detailliert Charlotte Link ihre Charaktere entwirft, wie psychologisch dicht sie erzählt und wie tief sie einen in die Gedankenwelt ihrer Figuren eintauchen lässt. So kommt man in dieser Geschichte sowohl den Opfern als auch den Tätern sehr nah und versteht ihr Handeln. Die Geschichte ist ab der ersten Seite sehr spannend, Links Schreibstil gewohnt angenehm und bildhaft. Ich glaube, das Problem ist immer wieder, dass Charlotte Links Romane als Thriller deklariert werden. Das sind sie aber meiner Meinung nach nicht, die Bücher sind eher psychologische Dramen mit Thriller-Elementen. Und so geht es gar nicht primär darum, einen Täter zu entlarven, sondern eher immer um die Frage, was treibt jemanden dazu, so etwas zu tun und wie gehen die Opfer damit um. Die Geschichte hat mich in Teilen sehr erschüttert – am Ende gibt es sogar noch eine Wendung, mit der ich tatsächlich nicht gerechnet habe. Für mich wieder ein gelungener Roman einer tollen Autorin.

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    Cover des Buches Jürgen (ISBN: 9783499290411)

    Bewertung zu "Jürgen" von Heinz Strunk

    Jürgen
    winter-chillvor einem Jahr
    Ein ganz armer Wili

    „Ein ganz armer Willi“ – das ist Jürgen Dose, Mitte 40 und allein. Tagsüber sitzt er seine Zeit als Pförtner in einem Parkhaus ab, abends trifft er sich manchmal mit seinem Freund Bernd im Stammlokal Kamin 21. Seine Wohnung teilt er sich mit seiner pflegebedürftigen Mutter. In allem fristet Jürgen ein eher tristes, fast schon bedauernswertes Leben. Einen Traum haben er und sein Freund Bernd aber: Endlich die Frau fürs Leben finden. Und so versucht Jürgen von Speed Dating über Flirt-Ratgebern bis hin zu einem Trip nach Breslau, wo angeblich heiratswütige Polinnen warten, alles, um die Liebe zu finden. Zwar ist „Jürgen“ nicht Strunks bester Roman – dazu ist er fast ein bisschen zu normal und Strunk klaut schon recht viel von sich selbst – dennoch hat mich die Geschichte wieder außerordentlich gut unterhalten und amüsiert.

    Immer wieder genial ist Strunks genaue Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis – so zeichnet er seine Figuren mit gewohntem Einfühlungsvermögen und schlägt eben nicht nur die komische Seite an. Natürlich ist es lustig, Jürgen bei seinen Flirtversuchen scheitern zu sehen, trotzdem ist Jürgen auch ein Mensch mit Vergangenheit, für den man durchaus Sympathien aufbauen kann und der einen auch ein bisschen dauert. Dazu kommt, dass Strunk einfach ein guter Wortakrobat ist – allein, wie Strunk die Flirtratgeber aufs Korn nimmt, ist großartig und die vielen dummen Sprüche, die Strunk seinen Figuren in den Mund legt, machen den Roman auf jeden Fall aus.

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    Cover des Buches Die Falle (ISBN: 9783442714179)

    Bewertung zu "Die Falle" von Melanie Raabe

    Die Falle
    winter-chillvor einem Jahr
    Gelungenes Debüt

    Als „Die Falle“ 2015 erschien, war Melanie Raabe gerade mal 34 Jahre alt und wurde mit ihrem Debüt scheinbar über Nacht berühmt. Noch bevor der Roman erschien, waren die Filmrechte verkauft und auf den internationalen Buchmessen war der Thriller einer der heiß umkämpftesten überhaupt. Was muss das für eine Geschichte sein? – Ich war lange nicht mehr so gespannt auf ein Buch, wie auf dieses. Die Idee gefiel mir schon mal sehr gut: Für die Presse und ihre Fans ist die erfolgreiche Romanautorin Linda Conrads ein Mysterium. Seit Jahren hat sie keinen Fuß mehr über die Schwelle ihrer Villa am Starnberger See gesetzt. Sie gibt keine Interviews und hat nur noch Kontakt zu einer Handvoll Vertrauten. Der Grund für ihr Verhalten: Vor zwölf Jahren wurde Lindas Schwester Anna brutal ermordet. Linda fand sie und sah den Mörder flüchten. Trotzdem fand die Polizei ihn nie. Als Linda eines Tages in einem Fernsehjournalisten den Mann wiederzuerkennen glaubt, der ihre Schwester umgebracht hat, schmiedet sie einen Plan, um ihn zu überführen.

    Melanie Raabe schafft es tatsächlich gleich mit dem ersten Satz einen Sog zu entwickeln, dem man als Leser nicht mehr entkommt. Der Schreibstil ist jung und charmant, aber zugleich auch sehr elegant und poetisch. Melanie Raabe weiß auch durchaus Atmosphäre zu erzeugen und lässt den Leser recht gut in Lindas Gedankenwelt eintauchen. Mit Cliffhangern und Wendungen, die alle gelungen gesetzt sind, schafft die Autorin es den Leser zu verwirren – was geschah wirklich in jener August-Nacht. Hat Linda wirklich den Mörder ihrer Schwester gesehen und gefunden oder spielt ihr ihre Psyche einen Streich? Genial ist auch, dass der Leser die Vorgeschichte nicht in Rückblenden sondern als Roman im Roman erfährt – auch das sät Zweifel an Lindas Sichtweise. Hat sich die Autorin mit der blühenden Fantasie alles nur ausgedacht oder steckt doch die Wahrheit zwischen den Zeilen. Dennoch: auch wenn ich den Thriller wirklich bis zur letzten Seite gerne gelesen habe, ein Highlight war er nicht für mich. Zu offensichtlich war am Ende die falsche Fährte, auf die der Leser gelockt wird, zu glatt, zu  wenig originell, ja fast schon einfallslos die Auflösung.

    Gute Grundidee, grandioser Schreibstil und  in der Summe gute Unterhaltung. Warum der Roman so unglaublich durch die Decke ging kann ich aber tatsächlich nicht verstehen. Die anderen Romane von Melanie Raabe werde ich mir aber trotzdem anschauen.

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    Cover des Buches Die Seelen im Feuer (ISBN: 9783596171644)

    Bewertung zu "Die Seelen im Feuer" von Sabine Weigand

    Die Seelen im Feuer
    winter-chillvor einem Jahr
    Hexenwahn in Bamberg

    Seuchen, Hunger, Kriegswirren und Machtkämpfe – das 17. Jahrhundert war eines der dunkelsten Zeitalter in der deutschen Geschichte. Das Reich befindet sich mitten im 30-jährigen Krieg, Krankheiten wie Diphterie oder die Pest raffen die Menschen dahin und immer wieder kommt es zu Missernten. Die Menschen haben Angst – und sind geprägt von einem tiefen Aberglauben. So liegt es auf der Hand, dass nur der Teufel hier seine Finger im Spiel haben kann. Und in der Tat erreichte die Hexenverfolgung im Heiligen Römischen Reich während des 30-jährigen Kriegs ihren Höhepunkt. Eine Stadt, in der der Hexenwahn besonders drastisch um sich griff, war Bamberg. Laut Quellenforschung geht die Zahl der getöteten Menschen in Bamberg in den 1620er und 1630er Jahren an die 900. Besonders dramatisch ist in Bamberg auch der Auslöser der Hexenverfolgung – so war es vor allem der katholische Weihbischof Friedrich Förner, der die Hexenverfolung in der Stadt angezettelt hatte, um die freien Bürger der Stadt in ihre Schranken zu weisen. Zu den ersten Opfern zählten daher zahlreiche Stadträte. Vorausgegangen waren teils gewalttätige Machtauseinandersetzungen zwischen den Bürgern und dem regierenden Fürstbischof.

    Diese wahre historische Begebenheit gereift Sabine Weigand in ihrem Roman „Die Seelen im Feuer“ auf. Im Mittelpunkt steht die fiktive Apothekertochter Johanna – sie und ihre Familie begleiten wir zwischen den Jahren 1626 und 1632. Zunächst ist Johanna nur Zeugin der Verbrennungen, bald gehören sie und ihre Liebsten selbst zu den Verdächtigen. Zeitgleich versuchen einige Bürger von Bamberg Hilfe bei Kaiser und Papst zu bekommen, um das Brennen endlich zu beenden. Sabine Weigand hat mit „Die Seelen im Feuer“ einen sehr gut recherchierten historischen Roman vorgelegt und schildert den Wahnsinn, der zu jener Zeit um sich griff, extrem detailliert. Zahlreiche historische Persönlichkeiten haben einen Auftritt im Roman und auch Originalbriefe aus jener Zeit werden zitiert. Immer wieder musste ich beim Lesen schlucken und konnte es kaum fassen, dass das alles wirklich so geschehen ist.

    Die Protagonisten – allen voran Johanna – sind sehr gut ausgearbeitet. Besonders spannend für mich war die Schilderung der Stadt Bamberg im 17. Jahrhundert, die übrigens sehr gut gelungen ist. Ich habe einige Jahre in der Stadt gelebt und fand es sehr faszinierend zu lesen, wie die Stadt damals ausgesehen hat. Viele Straßen und Gebäude sind ja auch jetzt noch erhalten.
    Ein rundum gelungener Roman, tragisch, spannend und leider auch sehr wahr.

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    Cover des Buches Still (ISBN: 9783453419346)

    Bewertung zu "Still" von Zoran Drvenkar

    Still
    winter-chillvor einem Jahr
    Toller Schreibstil, schwacher Inhalt

    Jedes Jahr im Winter, wenn alles von Schnee und Eis überdeckt ist, verschwinden auf mysteriöse Weise Jungen und Mädchen. Die Polizei tappt im Dunkeln – man weiß nicht, was mit den Kindern geschah und auch keines der Kinder wurde je wiedergesehen. Bis auf ein Mädchen, das halb erfroren mitten auf der Autobahn gefunden wird. Sie ist seitdem schwer traumatisiert und spricht nicht mehr. Erst als Jahre später ein verzweifelter Vater auf eigene Faust zu ermitteln beginnt, bricht sie ihr Schweigen.

    „Still“ ist nach „Sorry“ und „Du“ mein drittes Buch von Zoran Drvenkar und ich bin nach wie vor wirklich fasziniert von seinem Schreibstil. Gerade im Thriller-Genre sticht er mit seiner Art zu erzählen schon sehr heraus. Sein Tonfall ist schnell, aber zugleich auch gefühlvoll, fast schon lyrisch und unglaublich stimmungsvoll. Man kommt den Charakteren so sehr nah, kann die Geschichte richtig fühlen und wird von dem, was da so erzählt wird, schon recht erschüttert.
    Für viele wahrscheinlich erst mal etwas befremdlich ist auch Drvenkars Vorliebe in verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Das hat er ja schon in „Du“ auf die Spitze getrieben. Auch in „Still“ haben wir zunächst einen Ich-Erzähler – der Vater, der seine Tochter sucht und dafür eine andere Identität annimmt, um den Tätern auf die Spur zu kommen. In der Du-Perspektive schildert Drvenkar das Schicksal einer 19-Jährigen, die vor 6 Jahren den Tätern entkommen konnte und seitdem in einem Sanatorium sitzt. Am distanziertesten ist die Sie-Perspektive, in der wir den Tätern nahe kommen. Drvenkar löst diesen ständigen Perspektivwechsel sehr elegant – die Geschichte wird dadurch spannend und bekommt einen mysteriösen Anstrich.
    Eingelullt vom vereinnahmend außergewöhnlichen Schreibstil fand ich den Thriller durchwegs recht spannend und gut und konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Am Ende angekommen war ich dann allerdings doch recht enttäuscht und muss in der Summe sagen, dass der Thriller für mich doch nicht so das Wahre war. Ich will jetzt gar nicht so sehr auf den Inhalt eingehen, weil das zu viel verraten würde. Allerdings nimmt die Geschichte irgendwann eine Wendung, die ich sehr eigenartig fand. Zu dieser Wendung gehören auch die Auflösung der Geschichte bzw. die Motive der Täter – beides ist für mich nicht nachvollziehbar, hat einige Logik-Lücken und ist einfach nicht stimmig. Die Idee hinter der Geschichte wäre gar nicht mal so schlecht gewesen, allerdings hapert es in der Umsetzung sehr. Sehr schade, denn Drvenkar kann es definitiv besser.

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    Cover des Buches Der Insasse (ISBN: 9783426281536)

    Bewertung zu "Der Insasse" von Sebastian Fitzek

    Der Insasse
    winter-chillvor 2 Jahren
    Was geschah mit Max?

    Es ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann: das eigene Kind verschwindet spurlos. Till Berghoff sucht seit einem Jahr nach seinem Sohn Max. Vermutlich fiel auch er dem grausame Kindermörder Tramnitz in die Hände. Dieser sitzt mittlerweile im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie und schweigt. Till kennt nur noch ein Ziel: Er muss irgendwie zu Tramnitz vordringen und wenn er selbst zum Insassen der Psychiatrie werden muss.

    Da ich von Fitzeks jüngsten Thrillern nicht mehr ganz so begeistert war, habe ich seinen aktuellen Roman umso gespannter erwartet – hieß es doch in vielen Rezensionen, dass „Der Insasse“ wieder mehr an Fitzeks frühere Werke anknüpfe. So ganz kann ich dieser Meinung leider nicht zustimmen. Fitzek kann Spannung – das ist unumstritten. Und er hat ein Händchen für ausgefallene Plots. Die Grundidee hinter dem Thriller hat mir sehr gut gefallen und war auch mal was anderes. Normalerweise hadere ich in letzter Zeit eher mit den Auflösungen in Fitzeks Thrillern, hier war es erstaunlicher Weise anders rum. Die Auflösung und auch die psychische Erkrankung, um die es in dem Thriller geht, fand ich extrem spannend, unerwartet, grandios und vor allem sehr nachvollziehbar und realistisch. Generell waren die letzten Kapitel sehr berührend und in einem erstaunlich zarten Tonfall geschrieben.

    Der Weg zur Auflösung war meiner Meinung nach aber stellenweise etwas holprig. So entwirft Fitzek etliche an den Haaren herbeigezogene und vor allem extrem realtitäsfremde Handlungsstränge, mit denen er den Leser verwirren will. Am Ende lenken diese Handlungsstränge den Leser aber nur von der eigentlichen – an sich guten – Geschichte ab. Einige Szenen und auch Figuren hätte man sich sogar komplett sparen können, weil sie weder zur Geschichte beigetragen haben, noch Verwirrung gestiftet haben, sondern einfach nur fehl am Platz wirkten.

    Was mir aber am meisten gefehlt hat, war Atmosphäre. Da spielt die Geschichte schon in einer Psychiatrie – aber irgendwie kommt da überhaupt nichts rüber. Die Geschichte hätte in jeder anderen Kulisse auch spielen können. Man denke zum Beispiel an Fitzeks „Seelenbrecher“ – so geht Atmosphäre.

    Im Großen und Ganzen wieder mal eine gute Idee, eine berührende, unerwartete Geschichte, aber nur unzulänglich erzählt.

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    Cover des Buches Eine Familie in Deutschland (ISBN: 9783651025561)

    Bewertung zu "Eine Familie in Deutschland" von Peter Prange

    Eine Familie in Deutschland
    winter-chillvor 2 Jahren
    Der Weg einer Familie in düsteren Zeiten

    Man stelle sich vor, wir würden in Zeiten des Nationalsozialismus leben. Wie hätten wir uns damals verhalten? Hätten wir mitgemacht? Uns gebeugt? Uns sogar aufgelehnt? Oder hätten wir versucht in ein fremdes Land zu fliehen? Vor diesen Entscheidungen steht plötzlich auch Familie Ising. Seit Generationen lebt der Clan in Fallersleben, im Wolfsburger Land, und betreibt erfolgreich seine Zuckerraffiniere. Doch 1933 verändert sich mit der Machtergreifung Hitlers vieles in Deutschland und nichts ist mehr wie zuvor. In seinem als Zweiteiler angelegten Roman „Eine Familie in Deutschland“ zeichnet Peter Prange den Weg einer Familie in Zeiten großer politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. In diesem ersten Teil nun begleiten wir die Familienmitglieder von 1933 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939. Familie Ising steht dabei so ein bisschen für einen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung zu jener Zeit – denn die Familienmitglieder sind so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können und haben mit ganz unterschiedlichen Problemen zu Kämpfen. Während Vater Hermann Ising unbedingt die Zuckerfabrik halten möchte, steht Sohn Horst völlig hinter Hitlers Ideen und strebt eine Parteikarriere an. Tochter Charlotte hingegen ist mit einem Juden zusammen und sieht sich und ihren Verlobten bald zahlreichen Repressalien ausgesetzt. Auch den Schauplatz hat Peter Prange interessant gewählt – so soll am Wohnort der Familie Ising eine gigantische Automobilfabrik entstehen, um den KdF-Wagen zu bauen. Die Pläne der Regierung bringen jedoch die Existenz der Zuckerfabrik in Gefahr. Heute heißt dieser damals neu entstandene Ort Wolfsburg und ist immer noch hauptsächlich durch die Automobilindustrie bekannt.

    Mir hat dieser historische Roman von Peter Prange wieder außerordentlich gut gefallen. Der Schreibstil ist flüssig und Prange erzählt sehr bildlich, spannend und angenehm. Obwohl der Roman über 600 Seiten hat, lässt er sich durch die kurzen Kapitel recht zügig lesen. Die Charaktere sind detailliert gezeichnet, individuell und werden authentisch beschrieben. Interessant und lehrreich ist der Roman noch dazu. Prange zeichnet nicht nur das Bild einer Familie in düsteren Zeiten, sondern hat einen sehr detailliert recherchierten historischen Roman vorgelegt. Man erfährt einiges über die Geschichte der Stadt Wolfsburg, die Entstehung des KdF-Wagens und welche Rolle Porsche dabei gespielt hat, auch Leni Riefenstahl kommt im Roman vor. Obwohl ich schon einige Romane gelesen habe, die um den Zweiten Weltkrieg spielen, war mir doch noch vieles neu. Ich bin auf jeden Fall schon auf den zweiten Teil gespannt und wie es mit Familie Ising weitergeht.

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