Bücher mit dem Tag "3. reich"
46 Bücher
- Markus Zusak
Die Bücherdiebin
(4.685)Aktuelle Rezension von: _lenas-buecherwelt_"Die Bücherdiebin" zeigt, dass Worte ein Rückzugsort und ein Abenteuer sein können, doch gleichzeitig können sie auch gefährlich werden.
Der Schreibstil war etwas anders als bei den meisten Büchern, die ich bis jetzt gelesen habe. Daran musste ich mich erst ein wenig gewöhnen, war dann aber schnell in der Geschichte drin.
Der Tod ist in der Geschichte der Erzähler. Er berichtet von dem kleinen Mädchen Liesel, dem er öfter in verschiedenen Situationen begegnet ist und dessen Geschichte ihn nicht losgelassen hat. Er schildert auch auf eine besondere Weise die Zeit während des zweiten Weltkriegs und berichtet über den Alltag und das Überleben in Deutschland, über Hoffnung, Schuld und eben auch über den Tod.
Liesel ist ein mutiges Mädchen, das in Büchern und Worten ihren Rückzugsort gefunden hat und die in ihren jungen Jahren schon einiges erlebt hat und nun bei Pflegeeltern aufwachsen soll. Hans Hubermann war für sie ein toller Vater und ist für sie ebenfalls zu ihrem Rückzugsort geworden. Auch Rosa Hubermann hat Liesel in ihr Herz geschlossen, sie hat nur eine andere Art und Weise ihre Liebe auszudrücken. Rudi und Max sind für Liesel zu zwei guten Freunden geworden.
Auch die Gestaltung de Buchs war etwas besonderes, mit Zeichnungen, Geschichten und Bildern von Max.
Die Geschichte hat mich nachdenklich gemacht, mich berührt und mir auch die ein oder andere Träne entlockt. - Timur Vermes
Er ist wieder da
(3.406)Aktuelle Rezension von: deidreeDas Buch lag schon lange auf meinem Regal und jetzt weiß ich auch warum ich es von mir geschoben habe. Ich finde einfach keinen Zugang zu dieser Art von Humor, falls da irgendwo einer versteckt sein sollte.
„Er ist wieder da“ löst bei mir eher Bauchweh aus. Die Vorstellung jederzeit könnte sich ein ähnliches Szenario wiederholen ist weder witzig noch wünschenswert. Leider ist die Möglichkeit nicht völlig auszuschließen.
In meinen Augen hat Timur Vermes wohl eine Satire erschaffen wollen. Bei mir kam diese Bemühung nicht an. Zu lesen fand ich die Geschichte einfach, aber emotional hat sich bei mir alles auf Abwehr gestellt.
Zugutehalten möchte ich den Versuch aufzuzeigen, dass eben jederzeit wieder ein Mensch mit gefährlicher Ideologie auftauchen könnte und wir aufgerufen sind, gut hinzusehen. Auch ist der Schreibstil flüssig und flott zu lesen.
- Anne Frank
Gesamtausgabe
(2.747)Aktuelle Rezension von: daisys_libraryDie 5-Sternebewertung dient lediglich der Bewertung der Darstellung und der Wertschätzung dieses überaus wichtigen Dokuments der Geschichte, da Menschenleben nicht zu bewerten sind.
Mir fehlen doch echt die Worte, als ich die letzten dokumentierten Worte von Anne Frank gelesen habe und mir bereiten sie eine unendliche Gänsehaut. Ich will und kann mir nicht annähernd vorstellen, welche Ängste sie durchgestanden haben muss als sie und die restlichen Mitbewohner des Hinterhauses erwischt wurden.
An Anne ist wirklich so eine tolle, junge, bewundernswerte, starke, zielorientierte, vorausschauende, kluge, talentierte, liebenswerte Frau verloren gegangen. Man kann sich nur ausmalen wie die Welt wohl geworden wäre, wenn sie die Zeit in Bergen-Belsen überlebt hätte. Die Welt wäre ein besserer Ort geworden, defintiv.
Es war wirklich beeindruckend zu lesen und in jedem ihrer geschriebenen Worte zu spüren wie unfassbar fortschrittlich sie schon in ihrem Alter war, sowohl sprachlich als auch gedanklich und es war so interessant mitzuerleben wie sie zu einer starken, mutigen jungen Frau herangewachsen ist, unter Umständen die wir uns in unserem privilegierten Leben nicht annähernd vorzustellen vermögen.
Liebe Anne, wenn du nur wüsstest und selbst sehen könntest, was du mit deinen geschriebenen Gedanken und Worten erreicht hast, noch so viele Jahre nach deinem Ableben. Du hast es geschafft, du wirst auf ewig unvergessen bleiben und in Millionen Herzen fortleben, mit deinem unfassbaren Talent und deiner unsterblichen Seele.
- Ken Follett
Winter der Welt
(821)Aktuelle Rezension von: Buecherliebe_19Ken Folletts "Winter der Welt", der zweite Teil der Jahrhundert-Saga, ist ein gewaltiges Epos – nicht nur wegen seines Umfangs von über 1.000 Seiten, sondern vor allem wegen seiner emotionalen und historischen Wucht. Der Roman erschien 2012 im Bastei Lübbe Verlag und knüpft nahtlos an den Vorgängerband "Sturz der Titanen" an.
Follett nimmt uns mit auf eine bewegende, oft erschütternde Reise durch die Jahrzehnte von der Machtübernahme der Nationalsozialisten bis zum Beginn des Kalten Krieges. Die Leserschaft folgt dabei mehreren Familien in verschiedenen Ländern die auf ganz unterschiedliche Weise mit den Schrecken der Zeit und tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen konfrontiert werden.
Die Geschichte ist in drei große Abschnitte unterteilt: der Aufstieg des Faschismus, der Zweite Weltkrieg und schließlich der geopolitische Umbruch nach 1945. Dabei gelingt es Follett meisterhaft, reale historische Ereignisse mit fiktiven Schicksalen zu verweben. Seine Figuren kämpfen – teils still, teils laut – für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit in einer Welt, die zunehmend von Hass und Gewalt dominiert wird.
Allerdings empfand ich die Vielzahl an elementaren Hauptfiguren stellenweise als etwas überladen. Durch den häufigen Perspektivwechsel wird jedoch eine gewisse Spannung und Dynamik in dem Roman erzeugt.
Besonders hervorzuheben ist Folletts Fähigkeit, unparteiisch zu bleiben: Er schildert sowohl die Gräueltaten der Nationalsozialisten als auch die der Alliierten – nüchtern, aber niemals gefühllos.
Obwohl ich in der Schule nie einen Draht zur Geschichte gefunden habe, hat mich dieses Buch tief berührt – und mir komplexe historische Zusammenhänge verständlicher gemacht. Natürlich hilft es, ein gewisses Vorwissen über die damalige politische Lage mitzubringen, um alle Feinheiten und Begriffe richtig einordnen zu können. Die Handlung folgt einem klaren roten Faden, auch wenn sie an manchen Stellen etwas langatmig oder ausschweifend geraten kann. Dennoch bleibt die Erzählung insgesamt fesselnd.
Es gab Momente, in denen ich das Buch zur Seite legen musste – nicht etwa aus Langeweile, sondern weil mich das Gelesene emotional sehr erschüttert hat. Ich konnte nur noch ungläubig den Kopf schütteln: Wie konnten Menschen zu solch grausamen Taten fähig sein?
Gerade angesichts aktueller Entwicklungen – Kriege, politische Spannungen und das Erstarken rechtsgerichteter Parteien - hat "Winter der Welt" für mich eine bedrückende Aktualität. Das Buch ist nicht nur eine Rückschau, sondern auch eine eindringliche Warnung: Geschichte kann sich wiederholen, wenn wir nicht aufmerksam bleiben.
Die Seitenzahl mag auf den ersten Blick abschrecken, doch wer sich darauf einlässt, wird mit einer eindrucksvollen und bildgewaltigen Reise durch eine der dramatischsten Epochen der Weltgeschichte belohnt. Für Fans historischer Romane ist dieses Buch fast ein Muss. Auch wurden die geschichtlichen Ereignisse wie gewohnt meisterhaft recherchiert.
Mich haben andere Romane von Ken Follett stärker gepackt, dennoch hinterlässt "Winter der Welt" einen bleibenden Eindruck.
- Marcel Reich-Ranicki
Mein Leben
(250)Aktuelle Rezension von: ugadenneEigentlich steht es mir sicher nicht an, einen derart großartigen Kritiker zu rezensieren. Ich probiere es trotzdem.
Dieses autobiographische Werk schildert das ganze Leben von Marcel Reich-Ranicki. Der Autor schreibt in einem nüchternen, sachlichen Ton, trotzdem kann man die Gemütsbewegungen während des Lesens spüren
Es beginnt bei der Kindheit und Jugend in Berlin, wo er sich schon der Literatur verschrieben hat. Dann folgt die Deportation nach Polen und anschließend das Leben im Warschauer Getto. Dieser Teil hat mich total erschüttert. Es ist erstaunlich was Menschen anderen Menschen antun können. Und es ist noch erstaunlicher, dass Menschen das alles überlebt haben. Und trotz allem, ist die Liebe zu Literatur und Musik erhalten geblieben. Oder haben diese beiden ihm geholfen, das alles zu überstehen? Es muss grausam sein, alle seine Verwandten und Freunde zu verlieren. Trotzdem schafft er es, diesen Teil ziemlich nüchtern zu beschreiben. Trotzdem steht so vieles zwischen den Zeilen.
Es folgt die Blitzheirat mit Tosia, damit sie bei ihm im Getto bleiben darf. Später die Flucht und das Leben im Untergrund. Dieses Buch sollte eine Warnung für alle sein, die nach rechts driften!
Die Beschreibung seiner kurzen diplomatischen Karriere und die diversen Begegnungen und Freundschaften mit zeitgenössischen Autoren runden das Bild ab. Die Enttäuschung über viele seiner zeitweisen Freunde und Wegbegleiter kann er nicht verbergen. Ebenso haben die Ressentiments gegen Juden ihn sein Leben lang begleitet. Glücklich war er, dass sich sein Jugendtraum, Kritiker zu werden, erfüllt hat.
Marcel Reich-Ranicki war sicher nicht immer ein angenehmer Zeitgenosse, woraus er auch gar keinen Hehl macht. Aber dieses Buch hat mich sehr ergriffen und fasziniert. Teil vier und fünf waren meines Erachtens teilweise zu langatmig, ja fast langweilig und ich hatte Mühe bis zum Ende durchzuhalten.
Trotzdem eine unbedingte Leseempfehlung von mir.
- Harry Mulisch
Die Entdeckung des Himmels
(282)Aktuelle Rezension von: FerrumWas macht der Himmel, wenn er mit den Menschen unzufrieden ist? Richtig, er will seine 10 Gebote zurückholen und somit die Verbindung zur Erde auflösen. Und darum gehts, beginnend vor der Zeugung der Akteure bis hin zum großen FInale in Jerusalem.
Kaum eines der großen gesellschaftspolitischen Themen wird dabei ausgelassen, und dennoch hat man nie das Gefühl, dem hocherhobenen, moralinsaurem Zeigefinger ausgesetzt zu sein. Hat einen ewigen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. - Annette Hess
Deutsches Haus
(235)Aktuelle Rezension von: carowbrEva ist eine junge Frau Anfang der 60er Jahre in der BRD und soll als Dolmetscherin beim ersten NS-Prozess arbeiten. Dadurch wird sie mit der Vergangenheit ihres Landes und ihrer Familie konfrontiert.
Das Buch stellt eine Zeit da, in der jeder nach vorne blicken und niemand sich mit der Vergangenheit und der entstandenen Schuld auseinandersetzen wollte. Eindringlich schildert die Autorin immer wieder die Aussagen der Zeugen, die auf den echten Prozessakten beruhen. Besonders treffend ist der Widerspruch beschrieben, dass einerseits niemand von etwas gewusst haben will, nur ‚die Anderen‘ mitgemacht haben und man selbst nichts machen konnte. Andererseits haben eben (fast) alle dazu beigetragen, dieses System zu stützen und dadurch über die Jahre auszubauen.
Auch das Privatleben von Eva wird thematisiert und damit einhergehend die Rechte und Rolle der Frau in den 60er Jahren dargestellt.
Der Schreibstil war einerseits angenehm zu lesen, anderseits war es nicht zu 100% meins - ich kann allerdings nicht genau festmachen, an was es lag. - Hanni Münzer
Honigtot
(426)Aktuelle Rezension von: Azyria_SunWorum geht’s?
Nach dem Tod ihrer Großmutter Deborah finden Felicity und ihre Mutter unter den hinterlassenen Unterlagen ein auf Hebräisch geschriebenes Tagebuch. Ein Tagebuch, das tiefe Abgründe in Deborahs Vergangenheit offenbart und aus dem Felicity und ihrer Mutter vieles klar wird.
Meine Meinung:
Der historische Roman „Honigtot“ von Hanni Münzer ist der erste Teil der Honigtot-Saga, ein Buch, das es wirklich in sich hat. Ich war sofort im Schreibstil der Autorin drin, der zwar intensiv ist, aber auch packend und lebendig.
In dem Buch lernen wir am Anfang und am Ende kurz Felicity und ihre Mutter kennen, lesen aber hauptsächlich aus dem Tagebuch von Felicitys Großmutter Deborah, welches diese in Romanform verfasst hat. Deborah ist eine eindrucksvolle Frau, die im 2. Weltkrieg als Halbjüdin viel erlebt und durchlebt hat. Auch ihre Mutter Elisabeth und ihre Freundin und Vertraute Marlene lernen wir kennen. Ebenfalls starke Frauen, die alles für ihre Familie und ihre Freunde tun. Es war mir eine unglaubliche Ehre, diese Frauen kennenlernen zu dürfen!
Zunächst begleiten wir Elisabeth ein Stück, die nach dem Verschwinden ihres Mannes Gustav eine Ehe mit einem Obersturmbannführer eingeht, um ihre halbjüdischen Kinder vor dem Tod zu retten. Danach begleiten wir Deborah selbst, wie sie durch die Wirren des Krieges kommt. Und was wir hier lesen dürfen, ist wirklich spannend und anders. Ja, Elisabeth und Deborah sind wohlhabend und besser gestellt und haben daher sicher bessere Voraussetzungen als „normale“ Menschen in dieser Zeit. Dennoch gewährt uns die Autorin hier, basierend auf teils wahren Charakteren und vielen schrecklichen Fakten, grausame Einblicke in eine Welt, von der wir sonst eher wenig lesen. Wie rettet man sich vor der Verfolgung durch die Nazis? Wie hat man versucht, zu flüchten? Sich und andere zu retten? Und wie haben die Spione agiert, kommuniziert, sich unter die Nazi-Größen gemischt? Es sind wirklich außergewöhnliche und tiefgründige Einblicke, die wir hier in einer perfekten Mischung aus Fakt und Fiktion erleben dürfen. Es ist so lebendig, grausam, kalt und immer wieder hoffnungsvoll – ein unglaublicher Roman, der wirklich tief unter die Haut geht. Es ist fesselnd, spannend, emotional und ein Buch, das mich mitgerissen hat, hinein in eine grauenhafte Zeit. Und ein Buch, das es geschafft hat, mich beim Lesen so hineinzuziehen, dass auch ich das Gefühl hatte, helfen zu müssen, fortlaufen zu müssen, spionieren zu wollen! Ein wirklich tolles Buch, das man einfach gelesen haben muss! Ein Buch, das unglaublich spannende Eindrücke gibt und noch lange zum Nachdenken anregt!
Fazit:
Mit ihrem Roman „Honigtot“ nimmt uns Hanni Münzer mit in eine grauenvolle Zeit. Wir erleben, wie Elisabeth für ihre Kinder kämpft und welche Mittel sie hier hat und einsetzt. Wie Deborah zur Spionin wird. Wir bekommen Einblicke in Folter, Verfolgung und Spionagetätigkeit und ich habe so viel Neues erfahren und miterlebt, es war einfach unglaublich! Die Mischung aus Fakt und Fiktion war genial und hat ein so lebendiges Szenario erschaffen, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen und selbst das Gefühl hatte, mittendrin im Geschehen zu sein.
5 Sterne von mir!
- Robert Harris
Vaterland
(372)Aktuelle Rezension von: FelixLibrisIn “Vaterland” von Robert Harris, einem alternativen Geschichtsroman, hat Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Die Handlung folgt einem SS-Ermittler, der einen Mordfall aufklärt, während er auf dunkle Geheimnisse des Nazi-Regimes stößt.
Thematisch erinnert das Buch mich an „NSA“ von Eschbach. Eine unbedingte Leseempfehlung. Besonders an alle „Recht und Ordnung“ Fanatiker.
- Detlef M. Plaisier
Bubis Kinnertied. Tüsken Wieken un Wullgras
(11)Aktuelle Rezension von: HarpoDie Originalgeschichte, welche aus den sogenannten Memoiren des Vaters des "Autors", bezogen wurde, hätte eigentlich das Potential zu einer wahrhaft erzählenswerten sein können. Leider macht es der Autor - wir mögen ihn so nennen - einem unmöglich die Geschichte zu genießen. Der Grund: Langweilig und überaus langatmig erzählt. Dazu auch noch schriftstellerisch wenig ausgereifte Stil, der es fast schon zum Kraftakt macht, sich durch das Ganze durchzuarbeiten.
- Ellen Sandberg
Das Erbe
(182)Aktuelle Rezension von: IvonneSpringerMit Das Erbe gelingt Ellen Sandberg mal wieder ein echter Pageturner, der einen von Anfang bis Ende am Ball hält – und dabei nicht nur spannend, sondern auch tiefgründig ist. Im Zentrum steht Mona, eine ganz normale Berlinerin, die plötzlich ein riesiges Jugendstilhaus in München erbt und damit gewissermaßen das nächste Kapitel ihrer Familiengeschichte aufschlägt. Klingt erstmal wie ein Traum – bis Mona herausfindet, dass das Haus in dunklen Zeiten mal einer jüdischen Familie gehörte und zu einem Spottpreis an ihre Vorfahren gegangen ist. Plötzlich sieht sie sich mit der Frage konfrontiert: „Kann ich so ein Erbe einfach behalten? Oder ist da Wiedergutmachung angesagt?“
Sandberg versteht es, zwei Welten zu verbinden: Zum einen taucht man mit Mona ab in die deutsche Gegenwart, zum anderen blickt man dank der Rückblenden mitten in die Wirren der NS-Zeit und beobachtet, wie sich das Leben der Familie Roth und von Monas Vorfahren verzahnt. Besonders toll: Die verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen werden so geschickt verwoben, dass man als Leser förmlich miträtselt, wie das Puzzle am Ende zusammenpasst. Klar, manche Nebenfiguren könnten ein bisschen weniger Klischee vertragen, aber dafür sind die inneren Kämpfe – vor allem Monas – dafür umso glaubhafter und berührend geraten.
Im Stil bleibt Sandberg recht schnörkellos und angenehm zu lesen. Die Handlung nimmt immer wieder Fahrt auf, es gibt reichlich überraschende Wendungen und trotzdem werden die ernsten Themen wie Schuld, Verantwortung und das schwere Gepäck der Geschichte nie aus dem Blick verloren. Besonders spannend finde ich, wie sie die Frage nach Restitution verpackt: Was heißt es, wenn das eigene Glück nicht ganz sauber ist? Was tun, wenn moralische Verantwortung plötzlich ganz real wird? Das beschäftigt beim Lesen wirklich – und regt noch lange zum Nachdenken an.
Natürlich gibt’s auch ein paar Ecken und Kanten: Manche Motive oder Spannungsbögen sind recht klassisch, einige Charaktere bleiben etwas plakativ, und nicht jede Nebenhandlung wirkt zu hundert Prozent organisch. Aber das schmälert das Lesevergnügen kaum. Das Erbe ist ein kluges, bewegendes Buch darüber, dass die Vergangenheit uns manchmal einholt – und dass es Mut braucht, sich den Schatten der eigenen Geschichte zu stellen. Für alle, die Familiengeheimnisse, ein bisschen Krimi und geschichtliche Tiefe mögen, ist dieser Roman wirklich empfehlenswert!
- Raphaela Edelbauer
Das flüssige Land
(123)Aktuelle Rezension von: EmmaWinterRuth Schwarz ist Physikerin in Wien, die schon einige Zeit an ihrer Habilitation schreibt. Als ihre Eltern bei einem Autounfall sterben, möchten sie deren Wunsch erfüllen und die Beerdigung im Geburtsort Groß-Einland arrangieren. Aber wo befindet sich dieser Ort, den Ruth nur vom Hörensagen kennt, gelegen irgendwo zwischen Niederösterreich und der Steiermark? Auf ihrer tagelangen Irrfahrt gelangt Ruth irgendwann in die Gastwirtschaft zur tausendjährigen Eiche und damit findet sie den ersten Anhaltspunkt. Groß-Einland entpuppt sich als geheimnisvoller Ort, den Ruth mehrere Jahre nicht verlassen wird, was wir schon auf Seite 11 erfahren. Der Ort gleicht einem Museumsdorf und steht wortwörtlich auf wackeligen Beinen, denn unter ihm befindet sich das "Loch", das von allen Einwohnern konsequent ignoriert wird.
Was für eine Geschichte! Eine Naturwissenschaftlerin wird mit einem Naturphänomen konfrontiert und gleichzeitig wird alles in eine unglaublich phantasievolle, fantastische Geschichte verpackt, die letztlich die Vergangenheit anprangert. Mir hat das alles sehr gut gefallen. Die vielen sprachlichen Anspielungen: da ist ein "Raster verrutscht", da "hängt alles schief" und da werden "Leerstellen gestopft", das alles ist doppeldeutig und passt so gut. Gemeinsam mit der Protagonistin verliert man zudem den Bezug zu Zeit und Raum. Die Geschichte ist voller skurriler Figuren und es ist beeindruckend, mit welchem Gleichmut die wunderlichsten Dinge beschrieben und von diesen Figuren durchgeführt und akzeptiert werden. Für mich hält der Klappentext die Ankündigung eines "unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassenden" Textes absolut ein. Ein gelungener Debütroman, der es zu Recht auf die Shortlist des Deutschen und des Österreichischen Buchpreises 2019 geschafft hat. Wer einmal einen "Heimatroman" der ganz anderen Art lesen möchte, sollte zugreifen.
- Sally Perel
Ich war Hitlerjunge Salomon
(110)Aktuelle Rezension von: Bellis-PerennisDiese Autobiografie ist die schier unglaubliche Geschichte des Salomon Perel, einem jüdische Jungen, der durch ein gehöriges Maß an Chuzpe sich als Hitlerjunge ausgegeben hat und dadurch der Shoa entgangen ist.
Das Buch liest sich wie „eine irrwitzige Komödie des Schreckens“.
Klappentext:
„Sally Perel ist sechzehn, als er 1941 von den Nazis gefangengenommen wird. Er ist Jude und schon seit Jahren auf der Flucht. Er weiß, dass er nur eine Chance hat: seine Papiere entsorgen und eine andere Identität annehmen. Der Mut der Verzweiflung macht aus ihm Jupp Perjell, das jüngste Mitglied der deutschen Wehrmacht. Ein Jahr lang lebt er mit den Soldaten an der Ostfront und unterstützt sie als Dolmetscher. Danach schickt man ihn nach Braunschweig, wo er bis Kriegsende inkognito in einem Internat der Hitlerjugend bleibt...“
Mehrmals ist Sally kurz davor aufzufliegen, doch jedes Mal hat er Glück. Immer wieder denke er an die Worte seiner Mutter „Du sollst leben!“, die ihm Kraft zum Überleben geben.
"Ich habe nur vier Wochen gebraucht, um ein ordentlicher Hitlerjunge zu werden, aber ein ganzes Leben, um wieder ein achtbarer Jude zu sein.“
Er beschreibt wie es ihm gelingt, im engen Zusammenleben der Soldaten seinen beschnittenen Penis zu verbergen. Der einzige, der das entdeckt, hat selbst ein Geheimnis, das ihn ins KZ bringen kann und hält dicht.
Was aber schier unglaublich scheint, ist die fixe Idee von Hauptmann von Münchow, ihn adoptieren zu wollen, ihn einen Juden.
„Die Tatsache, dass man sich an das Grauen gewöhnt, erscheint mir noch heute als die erschreckendste Reaktion, deren die Menschheit fähig ist.“
Meine Meinung:
Spannend zu lesen ist, wie aus Sally Perel Jupp Perjell wird. Ein Jude, der sich der Indoktrination durch die Nazis kaum entziehen kann, der manchmal ihr Gedankengut einfach übernimmt (übernehmen muss). In ein und demselben Körper existieren zwei Seelen: der Hitlerjunge Jupp, und der Jude Salomon. Hier muss ich an Johann Wolfgang von Goethe und seinen Faust denken, der in einem Monolog sagt: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“.
Das Buch, das erstmals 1992 erschienen ist, wurde auch verfilmt.
Fazit:
Welche psychologischen Schäden diese Dualität, neben den Kriegsgräueln, denen Sally Perel ausgesetzt war, in seiner Seele angerichtet haben, mag ich mir gar nicht ausmalen. Gerne gebe ich hier eine Leseempfehlung und 5 Sterne.
- Pierre Frei
Onkel Toms Hütte, Berlin
(66)Aktuelle Rezension von: Igelmanu66Ein amerikanischer Offizier stand mit einem Militärpolizisten und dem Fahrdienstleiter auf den Gleisen. Sie hatten die Tote neben die Schienen gebettet. Sie war blond und hatte ein schönes, ebenmäßiges Gesicht. Ihre blauen Augen starrten ins Nichts. Blutunterlaufene Strangulierungsmale kerbten sich in den zierlichen Hals. Klaus Dietrich deutete auf ihre Nylonstrümpfe, die kaum getragenen Pumps und das helle, modische Sommerkleid. »Eine Amerikanerin«, meinte er besorgt. »Wenn das ein Deutscher getan hat, gibt’s Ärger.«
Der weiblichen Leiche werden in Kürze weitere folgen. Als wenn es in diesem Land nicht schon genug Tote gegeben hätte, treibt nun auch noch ein Serienmörder im Sommer 1945 in Berlin sein Unwesen…
An diesem Buch steht Krimi dran, drin steckt aber noch viel mehr. Neben der Jagd auf den Serienmörder zeichnet der Autor ein umfangreiches und vielschichtiges Bild des Nachkriegs-Berlins. Außer den Problemen zwischen Besatzungsmächten und Bevölkerung werden auch viele Schwierigkeiten behandelt, mit denen die Menschen damals umzugehen hatten.
Die Art und Weise, wie das hier umgesetzt wird, ist ungeheuer intensiv und lässt den Leser immer ganz nah an den einzelnen Schicksalen sein. Konkret verfolgt man Werdegang und Leben jedes Opfers mit und trifft dabei unter anderem auf Themen wie Prostitution und Euthanasie. Zudem sind die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten vertreten, so dass mal eine Adlige im Fokus steht, mal eine Frau aus ganz ärmlichen Verhältnissen.
Apropos: Die akute Notlage der Menschen im Sommer 1945 wird natürlich ebenfalls behandelt, hier geht der Blick immer wieder auf den deutschen Ermittler Klaus Dietrich und seine Familie, speziell auf den 15jährigen Sohn.
Die Krimihandlung selbst ist spannend und gab mir reichlich Stoff zum Mitermitteln. Gut gefiel mir dabei, dass ich (obwohl ich schon früh eine Ahnung hatte, wer der Täter sein könnte) erst am Ende die kompletten Zusammenhänge erkennen konnte. Und sogar eine Überraschung gab es noch, wirklich gut gemacht!
Alles in allem hatte ich also viel Lesespaß, trotzdem aber auch einen Kritikpunkt. Als ich in einer anderen Rezi kritische Worte zu manchen Sexszenen las, musste ich zunächst schmunzeln. Aber als ich die Szenen dann selber las, den Kopf schütteln. So real alles andere in dem Buch wirkt (einschließlich diverser Vergewaltigungen nach dem Einmarsch der Besatzer), bei den „normalen“ Sexszenen scheint der Autor in einer Traumwelt zu leben, in der jede Frau ständig willig und lüstern ist und jeder Mann sooo toll! Ich fand das sehr schade, denn das ansonsten gute Niveau sank bei diesen Passagen leider ziemlich.
Fazit: Spannende Zeitgeschichte mit Krimi, wirkt sehr lebendig, intensiv und realistisch. Lediglich einigen Sexszenen würde eine Überarbeitung guttun.
- Hermann Vinke
Das kurze Leben der Sophie Scholl
(110)Aktuelle Rezension von: JosseleHermann Vinke ist ein preisgekrönter Sachbuchautor, der sich mit Büchern für die Jugend zum Thema Nationalsozialismus einen Namen gemacht hat. Diese Biographie von Sophie Scholl ist eines dieser Bücher und erstmals bereits 1980 erschienen. Wobei Biographie nicht ganz das richtige Wort ist, besser beschrieben ist das Buch mit dem Begriff biographische Collage.
In einzelnen, sehr kurz gehaltenen Kapiteln beleuchtet Vinke einzelne Zeiträume oder Gegebenheiten sowie Haltungen und Ansichten von Sophie Scholl. Er tut dies immer mit einer Einführung und anschließend mit ausgewählten Beiträgen von Zeitzeugen, ganz of von Inge Aicher-Scholl, Sophies älterer Schwester.
Das lässt viel Spielraum für eigene Gedanken und das ist möglicherweise auch die Absicht des Autors, aber es lässt auch die Linie etwas vermissen. Leider erliegt der Autor auch der Versuchung einer Heroisierung seines Subjekts. Das mag verständlich sein angesichts des Schicksals und der Tapferkeit Sophies, aber hatte sie wirklich so gar keine schlechte Eigenschaft, außer kurz mit der NS-Ideologie sympathisiert zu haben?
Durch diese Heroisierung geht, so empfinde ich es, ein Stück Wirklichkeit verloren. Vinke ist sicher nicht der einzige Biograph, der diesen Fehler begeht, eher im Gegenteil.
Bei aller Kritik ein gut lesbares, komprimiertes Buch über eine faszinierende Persönlichkeit. Drei Sterne. - Philip Kerr
Feuer in Berlin
(36)Aktuelle Rezension von: JosseleDies ist der erste Band der Reihe Philip Kerrs um den Privatdetektiv und ehemaligen Polizisten Bernhard Gunther. Er ist im Original 1989 unter dem Titel „March Violets“ erschienen. Berlin im Jahr 1936 während der Olympischen Spiele. Privatdetektiv Bernhard Gunther, spezialisiert auf das Auffinden vermisster Personen, wird von dem Großindustriellen Hermann Six beauftragt, wertvollen Schmuck wiederzubeschaffen, der aus dem Tresor seiner, zusammen mit ihrem Ehemann ermordeten Tochter gestohlen wurde. Doch noch etwas verschwand aus dem Tresor. Etwas, das in gewisser Weise genauso wertvoll war.
Der Roman ist spannend und handlungsreich erzählt. Es kommen sehr viele Personen vor, darunter auch sehr viele reale Personen. Der Autor hat sich ausführlich mit der Historie beschäftigt, das merkt man dem Buch an. Das betrifft auch die baulichen Gegebenheiten zur damaligen Zeit.
In der Person des Detektivs trägt der Autor aus meiner Sicht etwas zu dick auf. Die zur Schau gestellte Ablehnung des Nazi-Regimes passt zwar zur Charakteristik des Protagonisten mit seinem ausgeprägten Zynismus und Sarkasmus, aber dadurch verliert die Figur an Glaubwürdigkeit. Die extrem bildhafte Sprache ist für mich auch ein bisschen arg überspannt.
Die große Stärke des Romans ist die Verknüpfung realer Personen und Ereignisse mit der fiktiven Handlung. Mit scheint fast, diese Reihe war das Vorbild für Volker Kutschers Gereon Rath Geschichten. Zumindest der Beginn ist ähnlich gut gelungen. Drei Sterne.
- Carl Zuckmayer
Des Teufels General
(66)Aktuelle Rezension von: Anna_ResslerInhalt: Flieger Harras ist General der Luftwaffe. Im Jahr 1942 werden noch Siege geflogen, doch der Zweifrontenkrieg fordert seine Opfer und eine mögliche Niederlage Nazideutschlands ist absehbar. Bespitzelt von der eigenen Führung, mit dem Verdacht der Sabotage in den eigenen Reihen und dem eigenen Gewissen konfrontiert - der General befindet sich in einer Zwickmühle.
Meine Meinung: Das vorliegende Theaterstück ist in drei Akte unterteilt. Jeweils zu Anfang beschreibt der Autor die Szene und schafft nüchtern, aber treffend zu jedem Akt die passende Atmosphäre. Gerade zu Beginn empfand ich die vielen Namen und Personen irreführend, da sie alle nahezu zeitgleich in Erscheinung treten. Durch längere Gespräche der einzelnen Protagonisten mit Harras wird deren Gesinnung jedoch nach und nach deutlich. Es gelingt dem Autor in relativ kurzer Zeit eine Vielzahl an Beteiligten zu erschaffen, deren Hintergründe zu umreißen und somit ihr Handeln nachvollziehbar zu machen. Vor dem Hintergrund einer möglichen Sabotage von Flugzeugen und dem unter Druck geratenen Harras bleibt die Geschichte konstant spannend. Die menschlichen Dramen die sich dazwischen auftuen regen zum Nachdenken an. Trotz dem ernste Thema, beweist der Autor Humor. Die tragische Komik lockert das Stück auf.
Zuckmayer wirft viele elementare Fragen auf. Unter anderem geht es um das menschliche Rechtsempfinden, der Sinnhaftigkeit eines Lebens, das eigene Gewissen und Gott. Zudem habe ich mich mehrmals gefragt, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten hätte.
Fazit: Ein Stück das hochaktuell ist und auf das man sich unbedingt einlassen sollte. Ein wenig Vorwissen zu den "realen" Geschehnissen 1942 in Deutschland, in die es eingebettet ist, ist jedenfalls von Vorteil.
- Ilan Goren
Wo bist du, Motek?
(19)Aktuelle Rezension von: RobinBookAutor: Ilan Goren
TiteL: Wo bist du, Motek? - Ein Israeli in Berlin
Seit "Die Akte ODESSA" von Frederick Forsyth, dem TV-Vierteiler "Holocaust" nach dem Roman von Gerald Green und dem Film "Exodus" nach dem Buch von Leon Uris habe ich sehr viele weitere Bücher zum Geschehen im "Dritten Reich" gelesen, darüber, wie direkt Betroffene es zu verarbeiten versuchen, und auch darüber, wie spätere Generationen ihre Wurzeln zu finden trachten.
Auch der jüdische Humor ist mir seit Kishon nicht fremd.
Zu diesem Buch hier konnte ich aber leider nur ganz selten und dann auch nur kurz und nicht besonders intensiv einen "Draht" bekommen. Vielleicht ist es ja auch an ein jüngeres Publikum gerichtet. das Geschehen um die Familie sowohl nach als auch vor 1945 fand ich teilweise kaum und wenn, sehr schwer nachvollziehbar, die vielen Namen in der Jetztzeit verwirrten mich. - Paul Grossman
Schlafwandler
(27)Aktuelle Rezension von: Bella5
Berlin 1932/1933:
„Schlafwandler“ von Grossman ist ebenso wie „Kindersucher“ ein spannender Histo-Thriller.
Hier tut man jedoch gut daran, auch das Nachwort des Autors zu lesen, in welchem er den Text erläutert. Er räumt ein, viele geschichtliche Ereignisse, die später stattfanden, teils 10 Jahre vorher (!) platziert zu haben, was natürlich völlig ahistorisch ist. Und er erklärt so manche Figur im Roman; dies fand ich sehr aufschlussreich. Fakten und Fiktion mixt er zu einem spannenden Cocktail.
Natürlich können sich auch nicht sämtliche Berühmtheiten Berlins an einem Tag über den Weg gelaufen sein. Stellenweise trägt der Autor einfach arg dick auf.
Worum geht’s?
Inspektor Kraus ist bei der Berliner Polizei eine Legende. Im Weltkrieg war er ein Held, und nun hat er einen gefährlichen Kinderschänder gefasst. Doch als Jude sieht er die Entwicklung in Deutschland mit größter Besorgnis, zumal er Kontakte zu den höchsten Kreisen hat und weiß, was von Hitler zu erwarten ist. Als in der Spree eine Frauenleiche gefunden wird, ruft man Kraus. Die junge Frau ist schon länger tot. Auffällig sind die Wunden an ihren Beinen. Man hat ihr die Knochen unter dem Knie abgetrennt. Wenig später verschwindet die Prinzessin von Bulgarien aus dem Hotel Adlon, und Kraus erhält von Hindenburg persönlich den Auftrag, sie zu finden. Er glaubt an einen eher harmlosen Kriminalfall – doch er wird auf dramatische Weise eines Besseren belehrt…
Leider benimmt sich der Protagonist Wilhelm Kraus teils ziemlich out of character, vor allem, als er mit der Prostituierten Paula anbandelt, die als Figur auf ihre „Brüste“ und ihr „neurotisches Kindheitstrauma“ reduziert wird.
Die Liebesszenen lasen sich wie eine schwülstige Altherrenfantasie & sie waren einfach nur peinlich. Ich dachte, plötzlich einen Groschenroman zu lesen; überhaupt gab es ziemlich viel Chauvi – Gequatsche. Frauen und ihre „Beine“. Landei Gunther wurde plötzlich zum Don Juan, der quasi in jedem Hafen eine Braut hatte. Sehr abgeschmackt!
Der eigentliche Fall war aber wieder sehr spannend, obschon für mich ein wenig vorhersehbar. Spitze beschrieben wurde der Untergang der Weimarer Republik, die aufgeheizt-ängstliche Stimmung und das Gebaren der Nazis.
Kraus‘ Liebe zu seiner Heimatstadt Berlin wird aber richtig schön beschrieben.
Richtig toll fand ich das 'Veteranentreffen'. Kraus‘ Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg liessen ihn nicht im Stich, und mein Liebling Kai spielte auch wieder eine Rolle.
Der Horroranteil ist geringer als in „Kindersucher“, und Vieles, was sich absurd und übertrieben anhörte, wurde von der deutschen Wirklichkeit noch übertroffen, leider. Stichwort: Doktor Mengele.
Trotz mancher Schwächen vergebe ich daher für „Schlafwandler“ von Paul Grossman 4,5 von insgesamt 5 möglichen Sternen, denn der Thriller ist sehr spannend. - Ludger Fittkau
Die Konspirateure
(4)Aktuelle Rezension von: Bellis-PerennisWenn man Widerstand gegen das NS-Regime sagt oder denkt, fallen einem unwillkürlich „nur“ die Namen der militärischen Widerständler rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg sowie der 20. Juli 1944 oder vielleicht noch die Mitglieder der „Weißen Rose“ ein. Die vielen kleinen, couragierten zivilen Gruppen von Gegnern der Nazis sind zum großen Teil nur wenigen bekannt.
Dieses Buch widmet sich diesen konspirativen Gruppe, die lange Zeit unentdeckt geblieben sind. Eine davon ist das sogenannte Leuschner-Netz, das mit über mehrere tausend Mitglieder verfügt und weit verzweigt in Deutschland agieren kann, weil einige Mitglieder Handlungsreisende sind und recht lange mehr oder weniger unbehelligt reisen können. Heimlich wird auch Kontakt zum militärischen Widerstand aufgenommen.
„Die Kaufleute nutzten ihren Bewegungsspielraum für enge Kontakte. Dabei kam der dringende gesellschaftliche Bedarf an Lebensmitteln und dazugehöriger Technik den Untergrundaktivitäten entgegen. Auch wenn die Nationalsozialisten den Händler auf Grund ihrer politischen Vorgeschichte misstrauten - ihre Betriebe waren zu wichtig für die Kriegswirtschaft, als dass man auf ihre Dienste verzichten konnte. Es galt, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs sicherzustellen. Zu letzteren gehörten auch Reinigungsgeräte, die ein weiterer Widerständler Ernst Volkmann, erfolgreich von Bochum aus vertrieb. Der Dortmunder Mitverschwörer Müller handelte mit Unterrichtsmaterial für Schulen und später mit Särgen.“ (S.23)
Das Autoren-Duo Ludger Fittkau & Marie-Christine Werner geht der Frage nach, wer diese Menschen gewesen und fördert Erstaunliches zu Tage. Die Mitglieder kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, darunter Gläubige Christen, Gewerkschafter, Polizisten sowie Sozialisten und haben dementsprechend große politische Differenzen. Es eint sie der Gedanke, die Terrorherrschaft zu beenden, das gemeinsame Ziel vor das Trennende der Weltanschauungen zu stellen.
Die Autoren gedenken auch der zahlreichen Frauen, die ihren Anteil am Widerstand haben, der aber meistens abschätzig bemessen und klein geredet wird. Dass die Nazis selbst den Frauen kein politisches Denken zugestehen, hilft hier bei den Widerstandsgruppen. Man transportiert notwendige Ausrüstung und Flugblätter im Kinderwagen unter dem Kind verborgen, versteckt Juden und andere Widerständler.
Wäre das Staatsstreich vom 20. Juli 1944 gelungen, wäre vermutlich genügend Personal zur Verfügung gestanden, eine neue Verwaltung ohne die NS-Amtsinhaber aufzubauen.
Einige dieser zivilen Widerständler werden wie Wilhelm Leuschner im Umfeld des 20. Juli 1944 denunziert, enttarnt, verhaftet und hingerichtet. Andere wie Gustav Kettel, der als Kurier Nachrichten überbringt und seine eigene Widerstandsgruppe in das Leuschner-Netz integriert.
Dieses Buch setzt allen jenen ein Denkmal, die in größeren oder kleinen Gruppen Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben. Das bislang unbedankt und unter Einsatz des eigenen Lebens. Oft genug haben sie dafür den höchsten Preis, nämlich mit ihrem Leben bezahlt.
Fazit:
Gerne gebe dieser Hommage an die Frauen und Männer des zivilen Widerstandes gegen die NS-Diktatur 5 Sterne.
- Martin von Arndt
Rattenlinien
(21)Aktuelle Rezension von: Bellis-PerennisAutor Martin von Arndt entführt uns in das Jahr 1946. Deutschland liegt in Trümmern, der grausame Hungerwinter steht bevor und die Siegermächte, allen voran die USA sind dabei, die NS-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu stellen. Das führt dazu, dass zahlreiche Nazis die selben Fluchtrouten, die zuvor Juden, Kommunisten oder andere Verfolgte benützen, um aus Deutschland zu flüchten und der Gerichtsbarkeit zu entkommen.
Einer dieser Männer ist Gerhard Wagner, der als „Schlächter von Baranawitschy“, bekannt ist. Sein ehemaliger Vorgesetzter aus den 1920er Jahren, Andreas Eckart, der auf Grund seiner Gesinnung rechtzeitig vor den Nazis in die USA emmigriert ist, wird von der US-Army angeworben, um Wagner dingfest zu machen. Eckart hat noch eine persönliche Rechnung mit Wagner offen. Gemeinsam mit dem etwas undurchsichtigen Special Agent Dan Vanuzzi jagt Eckart dem SS-Mann hinterher.
Meine Meinung:
Das Thema ist spannend, vor allem in Hinblick auf die unterschiedlichen Beweggründe der einzelnen Protagonisten. Wir verfolgen Wagner von München aus über Innsbruck, folgen seinen Spuren über die verschneiten Berge nach Südtirol und nach Rom, um den Kriegsverbrecher an seiner Abreise nach Argentinien zu hindern. Dabei treffen wir auf zahlreiche Menschen, denen nicht zu trauen ist, weil sie selbst Dreck am Stecken haben, oder wie die Würdenträger im Vatikan, nach wie vor ihren Judenhass pflegen. Lieber einem (ehemaligen) Nazi helfen als einem Juden oder Kommunisten.
Die paranoide Angst vor den Kommunisten nützen die NS-Schergen weidlich aus und so kommt es, dass auch der US-Army nicht wirklich zu trauen ist.
Die Geschichte ist spannend erzählt. Manchmal bedient sich der Autor ein wenig krauser Wortschöpfungen. So verwendet er mehrmals das Verb „ermuntern“ in völlig sinnentleerter Art und Weise. Statt „Eckart wachte auf“ schreibt er „Eckart ermunterte“. Dass so etwas im Korrektorat oder Lektorat nicht auffällt?
Fazit:
Eine aufregende Jagd quer durch Mitteleuropa, um diversen NS-Verbrechern habhaft zu werden. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.
- Morris Gleitzman
Dann
(11)Aktuelle Rezension von: ButterflyBookIch habe zuerst Morris Gleitzmanns "Jetzt" gelesen und nun "Dann" und für mich könnte diese Reihenfolge nicht perfekter sein. Im ersten Buch liest man, wie Felix Enkelin Bruchstücke aus der Kindheit ihres Opas erfährt, aber trotzdem bleibt viel verborgen. In "Dann" erfährt mann dann Felix Geschichte chronologisch erzählt und zu der Zeit, in der das Ganze spielt. Genau so ist es perfekt!























