Bücher mit dem Tag "aids"
55 Bücher
- Sebastian Fitzek
Flugangst 7A
(1.405)Aktuelle Rezension von: juli_schwarzaufweiss„Flugangst 7A“ erzählt die packende Geschichte von Mats Krüger, einem erfolgreichen Psychiater, der plötzlich von Argentinien nach Berlin fliegen muss, um seine schwangere Tochter Nele nach jahrelanger Funkstille zu unterstützen. Das Problem dabei: Mats leidet unter panischer Flugangst, die er kaum in den Griff bekommt. Kaum an Bord des Flugzeugs erhält er einen beunruhigenden Anruf von einem Unbekannten. Ein ehemaliger Patient, den Mats einst von mörderischen Gewaltphantasien befreit hat, soll nun die mehr als 600 Passagiere und sich selbst in den Tod reißen. Das Leben seine Tochter und das des ungeborenen Kindes stehen auf dem Spiel.
Die Geschichte ist von Beginn an spannend erzählt und hält durchgehend ein hohes Tempo. Die wechselnden Perspektiven bringen zusätzliche Tiefe und Spannung, sodass kaum Langeweile aufkommt. Das Setting in einem Flugzeug ist mal etwas anderes und sorgt für eine klaustrophobische Atmosphäre, die den Druck und die Ängste des Protagonisten spürbar macht. Mats sitzt gefangen zwischen seinen Panikattacken, der Bedrohung durch den ehemaligen Patienten und der Sorge um seine Familie. Das Buch behandelt neben dem Thrillerthema auch das Thema Tierschutz, was mit sehr expliziten Schilderungen von Nutztierleid einhergeht. Diese Passagen können verstörend wirken und sind vermutlich nicht für jeden Leser leicht verdaulich.
Die Handlung bietet immer wieder unerwartete Wendungen, manche davon durchaus überraschend, teils aber auch etwas weit hergeholt und manchmal verwirrend, da mehrere Handlungsstränge parallel laufen und nicht immer klar verknüpft sind. Der Showdown zieht sich stellenweise etwas in die Länge, bietet aber am Ende eine Auflösung, die emotional berührt und den mich kalt erwischt hat.
Insgesamt ist „Flugangst 7A“ ein solider Thriller mit packender Grundidee und spannender Umsetzung, der mit psychologischer Tiefe und beklemmendem Setting punktet, aber auch seine Schwächen hat. Für Fans von Sebastian Fitzek die gerne nervenaufreibende und atmosphärische Geschichten mögen, lohnt sich die Lektüre. Mein Lieblingsbuch ist es jedoch nicht von ihm. - Jessica Koch
Dem Horizont so nah
(776)Aktuelle Rezension von: AukjeDurch Zufall lernt Jessica auf einem Jahrmarkt den deutsch-amerikaner Danny kennen. Sie ist ziemlich schnell von ihm fasziniert aber er hält sie zunächst auf Abstand. Doch nach und nach werden die beiden ein Paar. Allerdings gibt es während ihrer Beziehung immer mal wieder Momente an denen Jessica an ihm zweifelt, da er ihr körperlich einfach nicht näher kommen möchte. Jessica gelingt es aber nach und nach zu ihm durch zu dringen und erfährt sein Geheimnis. Mit etwa elf Jahren begann sein Vater ihn sexuell zu missbrauchen und hat ihn auch während dessen mit dem HIV-Virus angesteckt. Doch zunächst verheimlicht er ihr das, bis es dann irgendwann auffliegt und er sich seiner Diagnose ihr gegenüber stellen muss. Nach einem anfänglichen Schock bleibt sie aber bei ihm, und möchte sich auch auf eine körperliche Beziehung mit ihm einlassen, die er zubeginn strikt ablehnt. Doch die beiden bleiben dennoch ein starkes Team und lassen sich immer mehr aufeinander ein, auch wenn es Danny körperlich zunächst schwer fällt auf Grund des Missbrauches. Jessica lernt auch Danny's Mitbewohnerin Tina kennen, für die Danny eine sehr wichtige Bezugsperson ist, da sie auch von ihrem Vater sexuell Missbraucht wurde und sich für Drogen prostituiert hat. Auch wenn ihre Beziehung sehr innig und intensiv ist, ist sie rein platonisch und die drei werden so etwas wie eine Familie. Eines Tages erhält Tina die Nachricht das ihr Vater aus dem Gefängnis entlassen wird und sie bekommt einen Rückfall und verstirbt an einer Überdosis. Ihr Tod versetzt beide erst einmal in einen Schockzustand, doch bei Danny beginnen, vermutlich hervorgerufen durch Tina's Tod, sich die ersten körperlichen Zeichen des HIV-Virus zu zeigen. Er beginnt nach und nach immer mehr abzubauen und nimmt Jessica das Versprechen ab, zu akzeptieren das er selber entscheiden möchte wann er stirbt. Als die Symptome immer schlimmer werden verschwindet Danny plötzlich und hinterlässt Jessica einen Abschiedsbrief und sie erfährt etwas später das er sich in den USA selber umgebracht hat.
Als ich begonnen habe das Buch zu lesen, war ich mir zunächst nicht im klaren das das Buch autobiografisch ist, was die die Story noch dramatischer macht. Zum Ende hin des Buches wurde die Story so traurig und tragisch, das mir die Tränen kamen.
- Carol Rifka Brunt
Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
(213)Aktuelle Rezension von: Literatursprechstunde„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ habe ich auf Empfehlung einer lieben Buchhändlerin hin gekauft - sie ist so ins Schwärmen über „eins ihrer absoluten Lieblingsbücher“ verfallen, dass ich nicht anders konnte, als dieses Schätzchen mit nach Hause zu nehmen.
Die Story dreht sich um die 14-Jährige June, die ihren Onkel Finn als wichtigste Bezugsperson und Freund betrachtet. Als Finn an Aids stirbt, bricht für June eine Welt zusammen. Sie und ihre Familie müssen sich mit Finns Tod und seiner Homosexualität auseinandersetzen, was zu Spannungen führt. June findet sich in einer Situation wieder, in der sie sich mit ihrem eigenen Verständnis von Familie, Tod und Verlust auseinandersetzen muss.
Es ist eine dieser Geschichten, die eher ruhig daherkommen - es gibt nicht viele Plottwists und manchmal plätschert die Story auch etwas vor sich hin (was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum in einigen Rezis von gewissen Längen die Rede ist - fair enough). Unsere Protagonistin, June Elbus, verbringt ihre Zeit lieber allein oder mit ihrem Onkel Finn, statt mit Gleichaltrigen abzuhängen. In der Schule zählt sie zum gesunden Mittelmaß und sie hat auch kein besonderes Talent wie ihre Schwester Greta. Aber sie äußert einige der scharfsinnigsten und ehrlichsten Beobachtungen, die ich je gelesen habe.
„Ich interessierte mich nicht für Biertrinken oder Wodka oder Zigarettenrauchen oder das ganze andere Zeug. Greta bildete sich ein, ich sei überhaupt nicht in der Lage, mir das überhaupt vorzustellen. Aber ich will mir das alles auch gar nicht vorstellen. Jeder kann sich diese Dinge vorstellen. Ich will mir eine Zeitfalte vorstellen und Wälder voller Wölfe und düstere mitternächtliche Moore. Ich träume von Menschen, die keinen Sex zu haben brauchen, um zu wissen, dass sie sich lieben. Ich träume von Menschen, die sich immer nur auf die Wange küssen.“
Im Zentrum der Handlung steht Junes Versuch, den Tod ihres geliebten Onkels Finn zu verarbeiten, der an AIDS gestorben ist. Nachdem sie einen Brief von einem geheimnisvollen Mann (Toby) erhält, der ebenfalls eine Verbindung zu Finn gehabt haben will, beschließt June, ihn zu treffen – und damit beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihr vielleicht helfen können, ihren Trauerprozess voranzubringen, seinen Tod zu verarbeiten und zu heilen.
June ist eine ziemlich unperfekte Protagonistin mit Ecken und Kanten – man könnten sie sogar teilweise als unsympathisch bezeichnen. Ihre Gefühle und Emotionen, die sie im Rahmen ihres Trauerprozesses durchlebt, ließen sie teils abstruse, (wahrscheinlich) von Eifersucht getriebene Dinge tun, die ich auf ihre tiefe Einsamkeit zurückzuführen würde - so oft habe ich mir gedacht während meiner Lektüre, dass ich sie gerade gern mal zum Trost in den Arm nehmen und gern mit ihr weinen würde. Zuflucht und einen Ort für ihre Trauer findet sie im nahegelegenen Wald - wann immer sie struggelt oder überwältigt wird von ihren Emotionen, zieht es sie an den Ort, wo die Wölfe zu Hause sind. Wie ihr merkt, haben wir es hier mit einem äußerst melancholischen Roman zu tun - und ich oute mich an dieser Stelle gerne als Fan von Melancholie in der Literatur.
„Ich fragte mich wirklich, warum Leute immer das taten, worauf sie überhaupt keine Lust hatten. Das Leben schien ein immer enger werdender Tunnel zu sein. Im Augenblick der Geburt war der Tunnel riesengroß und unendlich lang. Alles stand einem noch offen. Dann, in exakt einer Sekunde nach der Geburt, verengte sich der Tunnel bereits um die Hälfte. Als Junge stand fest, dass man niemals Mutter werden würde und wahrscheinlich auch kein Nagelpfleger oder Kindergärtner. Dann wurde man älter, und alles, was man tat, verengte den Tunnel nur noch mehr. Nach einem Armbruch war eine Laufbahn als Baseball-Pitcher ausgeschlossen. Fiel man im ersten Mathe-Test seines Lebens durch, erlosch jede Hoffnung, Naturwissenschaftler zu werden. Ungefähr so ging das jahrelang weiter, bis man festsaß. Als Bäcker oder Bibliothekar oder Barkeeper. Oder Buchhalter. Dumm gelaufen. Ich stellte mir vor, dass der Tunnel an dem Tag, an dem man starb, so furchtbar eng geworden war, dass man da drinnen zerdrückt wurde.“
Was mich auch begeistert hat, war die Handlung rund um das Porträt mit dem Titel „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ (titelgebend) das Onkel Finn von June und ihrer Schwester Greta angefertigt hat. Zunächst angedacht hatte er es, um in seinem Sterbeprozess regelmäßig Zeit mit June verbringen zu können - als Vorwand quasi, aber in dem Bild steckt mehr, als man zunächst vermutet (versteckte Botschaften und Geheimnisse, die es zu lüften gilt - aber mehr erfahrt ihr nur, bei einer eigenen Lektüre.. Na, neugierig geworden??).
Brunt schreibt sehr präzise und zugänglich, daher würde ich den Roman durchaus auch als für Jugendliche geeignet halten. Meine Leseempfehlung geht an alle, die sich mit den Themen Verlust, Trauer, Erwachsenwerden, Familienkonflikte und der damaligen Aids-Epidemie im New York der 1980er literarisch auseinandersetzen möchten. Die Autorin Carol Rifka Brunt verbindet ein autobiografischer Bezug zu dieser Thematik, da sie während der Aids-Epidemie in New York gelebt hat, was dem Roman eine besondere Authentizität verleiht.
Mich persönlich hat „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ emotional sehr berührt und ich zähle es zu den schönsten und ergreifendsten Bücher zum Thema Trauer, die ich bisher gelesen habe. Fazit: Ich bin der lieben Buchhändlerin mehr als dankbar für diesen wundervollen Lesetipp - Melancholie vom feinsten, unbedingt lesen!
- Chloe Benjamin
Die Unsterblichen
(233)Aktuelle Rezension von: PunktundKommaWas wäre, wenn du wüsstest, wann dein Leben endet? Genau damit beschäftigt sich dieser Roman – eine berührende Familiengeschichte über Schicksal, Entscheidungen und die Suche nach Kontrolle im Ungewissen.
Worum es geht:
New York im Sommer 1969. Um der Langeweile zu entgehen, auf der Suche nach einem Abenteuer, besuchen vier Geschwister – Varya, Daniel, Klara und Simon – eine geheimnisvolle Wahrsagerin, die angeblich das genaue Todesdatum eines Menschen vorhersagen kann. Einzeln und der Verschwiegenheit verpflichtet, betreten sie die Räume der seltsamen Frau. Hinterher ist plötzlich alles anders. Diese Begegnung hinterlässt bei jedem Einzelnen einen tiefen Eindruck und bleibt nicht ohne Folgen, denn dieses Erlebnis beeinflusst jede ihrer Lebensentscheidungen auf dramatische Weise.
So entfaltet der Roman sich über mehrere Jahrzehnte hinweg und bespielt die zentrale Frage: Wie verändert sich das Leben, wenn man glaubt zu wissen, wann es enden wird?Zum Buch:
Chloe Benjamin überzeugt mit starken Figuren, tiefgründigen Fragen und einer ruhigen, eindringlichen Erzählweise, die noch lange nachhallt.
Der Aufbau Benjamins Roman »Die Unsterblichen« ist so gestaltet, dass jedem Geschwisterkind ein eigener Abschnitt gewidmet ist. Beginnend bei Simon, dem jüngsten Kind der Familie. Die Autorin überzeugt besonders durch ihre feinfühlige und glaubwürdige Figurenzeichnung. Jedes der vier Geschwister wird mit großer psychologischer Tiefe und individueller Stimme dargestellt – ihre Ängste, Hoffnungen und Widersprüche wirken authentisch und greifbar.
Ein starkes Buch, das zum Nachdenken anregt, aber durch seine ruhige Erzählweise dennoch die Distanz zum Lesenden bewahrt.
Perfekt für alle, die Geschichten lieben, die zum Nachdenken anregen und dabei emotional berühren. Denn in dem Roman wird keine heitere Familiengeschichte erzählt. Vielmehr schildert die Autorin in ihrem Buch eindringlich und berührend das Spannungsfeld zwischen freiem Willen und Vorhersehung – eingebettet in eine Familiengeschichte voller Verlust, Bindung und der tiefen Sehnsucht, das eigene Schicksal lenken zu können.Keine leichte Kost, aber für mich ein starkes Buch, das man nur schwer aus der Hand legen kann.
Mehr dazu hier: https://www.buchleserin.de/2025/08/07/die-unsterblichen/
- Karin Slaughter
Ein Teil von ihr
(261)Aktuelle Rezension von: Ay73Karin Slaughter hat mit "Ein Teil von ihr" einen Thriller geschrieben, der mich von der ersten Seite an gepackt hat. Die Geschichte beginnt damit, dass Andrea Cooper in einem Diner einen brutalen Überfall erlebt und den Angreifer in Notwehr tötet. Soweit nichts Ungewöhnliches – doch dann verhält sich ihre Mutter Laura plötzlich äußerst merkwürdig. Andrea beginnt zu ahnen, dass ihre Familie Geheimnisse birgt, die tief in eine gewalttätige Vergangenheit reichen.
Slaughter verwebt geschickt zwei Zeitebenen: Andreas Gegenwart und Lauras Leben in den 1980er Jahren. Stück für Stück fügt sich ein Puzzle zusammen, das einem den Atem raubt. Die Enthüllungen sind perfekt getimed, jedes Kapitel endet mit einem Cliffhanger, der einen nachts wach hält.
Was das Buch besonders macht, sind die Frauenfiguren. Andrea ist keine typische Action-Heldin, sondern eine normale Frau, die plötzlich ihre ganze Identität hinterfragen muss. Noch beeindruckender ist Laura – eine Mutter mit einer Vergangenheit, die sie um jeden Preis verbergen will. Die komplizierte Beziehung zwischen den beiden, diese Mischung aus Liebe, Misstrauen und schmerzhafter Entfremdung, hat mich wirklich berührt.
Slaughter schreibt allerdings nicht zimperlich. Gewalt wird explizit dargestellt, und auch die psychische Belastung ist beim Lesen körperlich spürbar. Das ist definitiv nichts für zwischendurch. Die Autorin webt wichtige Themen wie häusliche Gewalt und die Frage ein, wie weit man für den Schutz seiner Kinder gehen würde – ohne dabei belehrend zu werden.
Es ist eine Geschichte über Identität, Mutterschaft und die Gewalt, die Generationen prägt. Für Fans psychologisch dichter, intensiver Thriller ein absolutes Muss. Wer leichte Unterhaltung sucht, sollte allerdings zu etwas anderem greifen.
- Kanae Minato
Geständnisse
(284)Aktuelle Rezension von: FairyFlower„Außergewöhnliche Menschen haben das Recht, der althergebrachten Moral zuwiderzuhandeln, um etwas Neues in die Welt zu setzen.“ (Dostojewski, Schuld und Sühne)
„Geständnisse“ ist ein Roman der japanischen Autorin Kanae Minato, welcher 2008 und unter dem Originaltitel „Kohaku“ erschien. Die deutsche Ausgabe orientiert sich an der englischsprachigen Fassung und erschien ebenfalls 2008 im C. Bertelsmann Verlag. Auf 272 Seiten begleitet man die Personen, die in den Mordfall der kleinen Manami verwickelt sind. Der Roman sprach mich sofort an, da ich den nüchternen Schreibstil innerhalb der japanischen Literatur sehr zu schätzen weiß. Außerdem hat mich die rechtliche Bewertung des Falles aus japanischer Sicht interessiert.
Yūko Moriguchi ist eine alleinerziehende Frau und gleichzeitig Lehrerin an einer japanischen Mittelschule. Eines Tages ertrinkt ihre Tochter Manami. Zunächst gehen alle von einem Unfall aus. Einige Wochen später kündigt Moriguchi jedoch ihren Job und macht ihrer Klasse ein folgenschweres Geständnis…
Die Geschichte ist in sechs Kapitel unterteilt. Erzählt wird sie in Form von Monologen. So folgt man Moriguchi, der Klassenkameradin von Person A und B, der Mutter von Person B, dem B und dem A selbst. Die Monologe sind dabei immer wieder anders verpackt. So wird eine Rede gehalten, es findet ein Telefongespräch statt, es gibt Tagebucheinträge, Blogeinträge oder sogar einen Literaturbeitrag für einen Wettbewerb. Die unterschiedlichen Perspektiven der Ich-Erzähler führen dazu, dass die Handlung mehrmals wiederholt und mit Details gefüllt wird. Gleichzeitig folgt man keinem Charakter lang genug, um eine emotionale Verbindung zu ihm aufzubauen.
Moriguchi ist eine liebevolle Mutter und übt den Beruf der Lehrerin mit vollem Einsatz aus. Sie bemüht sich um einen respektvollen Umgang mit den Schülern, ohne die Distanz zu verlieren. Als ihre Tochter stirbt, ist sie zerrissen zwischen ihrem Wunsch nach Rache einerseits und ihrer Aufgabe als Lehrerin andererseits, den Schülern eine sinnvolle Lektion für ihr späteres Leben mitzugeben. Moriguchi hält die Jugendlichen, die ein Gewaltverbrechen begehen, für Narzissten, denen man die Schwere ihrer Verbrechen klarmachen muss, aber keine Bühne geben darf. Aus dem genannten Grund betitelt sie die, nach ihrer Ansicht, für den Tod Verantwortlichen nur mit Person A und Person B.
Person A entspricht ganz der Vorstellung eines Musterschülers. Er wächst in einem Elternhaus auf, in dem ihm die Liebe und Zuneigung fehlt, um die er später verzweifelt kämpft. Person A brüstet sich mit seiner Intelligenz und handelt empathielos und berechnend, um seine Ziele zu erreichen. Dabei verschließt er die Augen vor der Realität und kann auch keine Kritik annehmen. Person A manipuliert Person B.
Über lange Strecken des Romans ist Person B das typische Opfer. Er findet keinen Anschluss in der Schule, passt nicht in die japanische Leistungsgesellschaft und ist ein Muttersöhnchen. Was Person A an Liebe fehlt, hat Person B zu viel. Trotzdem entwickelt er eine tiefe innere Wut. Er ist fast unsichtbar in seiner Mittelmäßigkeit. Person A sieht seinen Wunsch nach Anerkennung und manipuliert dies für seine Zwecke. Doch er rechnet nicht damit, dass sich Person B mit einer folgenschweren Tat aus der Mittelmäßigkeit herauskatapultieren wird.
An dem Roman hat mir besonders die abwechslungsreiche Erzählperspektive gefallen. Sie erhält die Sachlichkeit und nimmt die Spannung aus der Geschichte. Daraus entsteht eine sehr neutrale Erzählweise. Innerhalb des Buches findet keine moralische Beeinflussung statt. Es werden lediglich Denkimpulse gegeben, während die Geschehnisse für sich sprechen. Die Handelnden sind weder gut noch schlecht.
Da man sich innerhalb von Japan bewegt, enthält der Roman viele Informationen über die japanische Kultur. Es wird über den Umgang mit Andersartigkeit gesprochen, insbesondere in Bezug auf Krankheiten wie Aids oder die Stellung der Frau im Berufsleben (oder noch schlimmer: einer alleinerziehenden Frau). Der Anpassungsdruck, welcher schon in den jüngsten Jahren beginnt, begleitet den Lesenden die ganze Zeit. Auch Schul- und Rechtssystem werden unter den kritischen Blick der unterschiedlichen Protagonisten genommen.
Gefallen hat mir außerdem, wie hier das Prinzip des Schmetterlingseffekts zum Tragen kam. Es wird eine Handlung in Gang gesetzt, deren Folgen nicht abschätzbar sind. So steigert sich das Leid durch die Rache mehr und mehr und teilt sich zwischen vielen Leuten auf, die mit in den Abgrund gerissen werden. Dies wird besonders am Ende klar. Moriguchi reflektiert ihre selbst in Gang gesetzte Handlung und korrigiert sie dahingehend, dass sie keinen Schaden mehr anrichten kann.
Der einzige Kritikpunkt ist für mich, dass die Übersetzung an einigen Stellen etwas holprig wirkt. Diese beruht auf der englischen Fassung und nicht auf dem Original - wahrscheinlich ist einiges verloren gegangen.
Ich würde diesen Roman denjenigen Lesenden empfehlen, die sich bereits innerhalb der japanischen Literatur etwas auskennen und mit dem sachlichen Erzählstil gut klarkommen. Auch die gewählte Form der Monologe muss man mögen. Ansonsten ist der Roman für diejenigen besonders geeignet, die Geschichten mit unerwarteten Verläufen mögen. Ich gebe 4,5/5 Sterne und runde hier auf 5 Sterne auf.
- Rebecca Makkai
Die Optimisten
(68)Aktuelle Rezension von: Linda_Nicklisch624 Seiten. Also ein kleiner Wälzer. Vermutlich das längste Buch, dass ich bisher in diesem Jahr gelesen habe, denn ich bevorzuge aktuell eher kürzere Bücher. Aber eine gemeinsame Leserunde mit dem @eiseleverlag , das hat mich dann doch gereizt.
Ich habe den Fehler gemacht, dieses Buch als Hörbuch zu beginnen. Keine Frage, es wird wundervoll von Max Hoffmann gelesen. Aber die vielen Namen haben .ich anfangs abschweifen lassen und ich habe gemerkt, dieses Buch muss ich lesen.
Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen. 1988 in Chicago ist Yale der Protagonist. Er ist ein großer Kunstliebhaber bzw. -experte und für seine Galerie immer wieder auf der Suche nach neuen und alten Werken. Ein neues Virus geht um, verbreitet Angst und Unsicherheit, trennt Liebende und Freunde aber. Und doch ist da auch immer Hoffnung und Sehnsucht.
30 Jahre später begleiten wir Fiona nach Paris, um ihre Tochter zu finden und zu erörtern, was sie voneinander distanziert hat.
Beide Zeitebenen wechseln sich immer wieder ab und ich gebe zu, Yales Geschichte hat mich sehr gefesselt. Fionas Part fand ich nicht uninteressant aber ich fieberte immer wieder den 80ern entgegen. Die Freundschaften, die Geschichte um eine Kunstsammlung, die Liebe und dieses verdammte AIDS zogen mich in ihren Bann und ließen mich leiden und trauern. Dieses Buch bewegt so sehr und gibt gleichzeitig so viel.
Die Zeitebenen hängen auf ihre eigene Art miteinander zusammen und nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge, die das Lesen immer wieder spannend macht.
Wenn euch die Seitenanzahl nicht abschreckt, lässt euch darauf ein. Ihr werdet es nicht bereuen.
Und wieder einmal muss ich betonen was für eine herausragende Leistung Übersetzer*innen leisten. Sicher hätte ich das Buch auch auf Englisch lesen können, aber mir wären sicher einige Zwischentöne abhanden gekommen und ich hätte bei meiner Sprachkenntnis nicht so tief eintauchen können. Daher gebürt auch Bettina Abarbanell ein großer Dank.
- John Irving
In einer Person
(140)Aktuelle Rezension von: JohnSmithIn typischer Manier widmet Irving sich hier den Themen Selbstfindung, Andersartigkeit und dem Aufbegehren gegen Konventionen, eingebettet in einer außergewöhnlichen Familiengeschichte.
Im Zentrum steht Billy, hineingeboren in eine Laien-Schauspielgruppe. Geschildert wird, wie er seine sexuelle Orientierung entdeckt und lernt, sich diesbezüglich zu behaupten und seinen Platz in dieser Welt zu finden. So kennt man Irving.
Es ist mir nie so richtig gelungen, mich in Billy einzufühlen. Vielleicht ist das von Irving sogar gewollt, fühlt Billy sich doch auch von nichts und niemanden so richtig verstanden, selbst in der queeren Community fühlt er sich als Außenseiter.
Durch die Theaterstücke, die von Billys Familie aufgeführt werden und Billys eigener Liebe zur Literatur bekomme ich allerdings Lust auf Shakespeare und andere Klassiker - direkt im Anschluss habe ich, noch geprägt duch dieses Buch, direkt Madame Bovary verschlungen.
Fazit: eingefleischte Irving-Fans bekommen hier, was sie sich wünschen. Als Einstieg in die "Irving-Welt" würde ich eher dazu raten, mit seinen verfilmten Werken anzufangen, zB Garp, Hotel New Hampshire oder Owen Meany; es hat schon seinen Grund, warum er mit diesen Werken berühmt wurde...
- Eva Roman
Pax
(18)Aktuelle Rezension von: Melanie-SchultzPAX von Eva Roman
zum Inhalt: (übernommen)
Pax wächst in einer Kleinstadt auf. An seine Eltern und den großen Bruder hat er keine Erinnerungen, sie sind von einer Afrikareise nicht zurückgekehrt. Tante Beatrix, seltsam altjüngferlich und einigermaßen verklemmt, arbeitet als Verkäuferin im örtlichen Kaufmarkt und zieht Pax groß, so gut sie eben kann. Dessen Kindheit und Jugend verlaufen zunächst ganz gewöhnlich provinziell. Sie ernährt und erzieht ihn, er sorgt dafür, dass er ihr keine Sorgen macht, und deckt sie zu, wenn sie vor dem Fernseher einschläft. Manchmal träumt er von einer echten Familie, er hat einen Kanarienvogel, eine beste Freundin Leni und außerdem, das wird ihm allmählich klar, etwas, wovon die anderen lieber nichts wissen sollten. Pax lernt früh, sich zu schämen, für alles und nichts, sich zu verstellen, um es anderen recht zu machen. Er will weg, kann aber Tante Beatrix nicht alleinlassen. Eva Roman erzählt sensibel und in fast greifbaren Bildern mit sehr genauem Blick fürs Detail. Ihr Roman handelt in vielen Facetten von Sorge und Fürsorge, von Generationenverantwortung und sozialer Normierung.
Die Autorin hat die Protagonisten wirklich gut und authentisch dargestellt. Der Schreibstil ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, passt aber absolut zu der Handlung der Geschichte.
Pax, der bei seiner Tante aufwächst, möchte gerne seine Träume verwirklichen, sein Leben leben. Eine ganz normale Kindheit haben ?
Dies ist aber aufgrund seiner Tante nicht möglich. So wirklich über Sorgen und Probleme kann er mit ihr nicht sprechen. Das zieht sich natürlich über das ganze Buch hinweg.
Vor allem, als klar wird, dass Pax auf Jungs steht, zieht er sich immer mehr zurück.
Ich vergebe PAX sehr gerne 4 STERNE.
- John Boyne
Cyril Avery
(36)Aktuelle Rezension von: herr_hygge"Ich hatte keine Vorstellung davon, wie es war, einen Geliebten in den Armen zu halten, Worte der Zuneigung und Zärtlichkeiten mit ihm auszutauschen und sanft und sorglos in den Schlaf zu fallen."
Cyril Averys leben steht bereits vor seiner Geburt unter keinem guten Stern. Mit 16 wird seine Mutter vom örtlichen Priester aus ihrem Heimatort gejagt, weil sie unverheiratet und schwanger ist, undenkbar im konservativen Irland der 40er Jahre. Sie geht nach Dublin und gibt Cyril direkt nach der Geburt weg.
Ein exzentrisches Ehepaar nimmt ihn bei sich auf, doch die beiden nehmen nur wenig Notiz von ihm. Alles ändert sich als Cyril im Alter von sieben Jahren Julian Woodbead begegnet, denn mit dieser Begegnung beginnt für ihn das große Abenteuer, das man Leben nennt...
Und was für ein Leben John Boyne in seinem Roman "Cyril Avery" da vor uns ausbreitet. Über mehrere Jahrzehnte begleiten wir seinen Protagonist durch all die Höhen und Tiefen seines Daseins. Der Autor erzählt von dem Gefühl nirgendwo richtig dazuzugehören, den inneren Kampf gegen die eigene Natur, das Schwulsein, nur weil es in der damaligen Gesellschaft als verpönt gilt und unter Strafe gestellt worden ist. Es geht um ein Leben im verborgenen, um Akzeptanz und darum der Bigotterie den Spiegel vorzuhalten.
Es ist eine Geschichte voller Emotionen und Tragik, gespickt mit skurrilen Situationen und Dialogen und voll mit überzeichneten Charakteren welchen Cyril auf seinem Weg begegnen oder ihn begleiten. Auch wenn Boyne's Schreibstil auf den ersten Blick recht schmucklos wirkt, schafft er mit wenigen Worten eine Emotionalität zu kreieren die beeindruckt und sich nachhaltig in den Gedanken der Leser*innen einbrennt. Dabei lässt sich die Geschichte trotz der 733 Seiten überaus leicht weglesen.
- Jessica Koch
Dem Ozean so nah
(154)Aktuelle Rezension von: Michi_93In diesem letzten Band geht es um die Geschichte von Tina. In den beiden anderen Bänden der Danny-Reihe haben wir bereits vieles von Tina erfahren können. Leider nicht nur gutes, daher wissen wir schon was uns in diesem Teil der Reihe erwarten wird. Es ist keine leichte Geschichte. Und dass alles davon echt und wahrhaftig passiert ist, ist nochmal was ganz anderes. Gänsehautmomente. Tina hat ein schreckliches Schicksal erlitten, mit denen wohl die wenigsten klarkommen würden, so auch Tina. In diesem Roman wiederholt sich vieles aus den anderen beiden Bänden, dennoch finde ich schön, dass auch Tina ihre Geschichte bekommen durfte. Wir erfahren weniger neues, nur kleine Häppchen. Aber ehrlich gesagt, war ich gar nicht enttäuscht darüber. Es ist keine leichte Kost, keines der Bücher dieser Reihe. Jeder sollte für sich abwägen, ob er es durchhält zu lesen oder nicht. Wer die Reihe gelesen hat, wird wissen wieso. Eine Reihe mit ganz viel Verzweiflung, Freundschaft und die wahre Liebe. Schreckliche Schicksale zweier ganz toller Menschen. Eine harte aber berührende Geschichte.
Jessica Koch`s Schreibstil ist sehr angenehm und man hat das Gefühl, dass sie mit diesen Büchern ihre Geschichte erst so richtig verarbeiten konnte. Ein Teil davon wird immer bleiben. Beim Lesen merkt man, wie viel Jessica Danny und Tina noch immer bedeuten.
Fazit: Eine ganz tolle Reihe, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Danke Jessica Koch, dass du uns deine Geschichte erzählt hast.
- Jennifer Gooch Hummer
Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam
(74)Aktuelle Rezension von: MsChiliApron hat ihre Mutter verloren und ihr Vater hat gleich eine neue Partnerin, die dann auch noch bei ihnen einzieht. Außerdem lässt ihre beste Freundin sie wie eine heiße Kartoffel fallen. Apron zieht sich immer weiter zurück, bis sie auf Mike und Chad trifft. Die beiden geben ihr einen Ferienjob in ihrem Blumenladen und Apron blüht regelrecht auf.
Dieses Buch habe ich mir aufgrund einer Empfehlung geholt und es doch lange liegen lassen. Was ich im Nachhinein ein wenig bereue. Der Beginn mit dem Theaterstück konnte mich so gar nicht reizen, doch dadurch lernt man einen Großteil der Figuren kennen. Die Geschichte spielt nicht in der Gegenwart und gerade diese Tatsache hat mir gut gefallen. So passt alles zusammen. Apron ist 13 und hat vor kurzem ihre Mutter verloren. Sie hat überall mit Problemen zu kämpfen, zuhause mit der neuen Frau ihres Vaters (warum erklärt sich gegen Ende) und auch in der Schule, da sie sich schwer tut Freundinnen zu haben/neue zu finden. Eben weil Apron anders ist als die typischen jungen Mädchen der damaligen Zeit. Sie hat schon viel Leid in ihrem Leben erfahren und durch ihren Vater hat sie auch Latein gelernt (was man bei jedem Kapitel in der Überschrift mit dem lateinischen Zitat (und der deutschen Übersetzung) merkt, das ist auch ein weiterer Pluspunkt des Buches). Apron sieht die Welt mit anderen Augen, was man auch schnell merkt, als sie Mike und Chad kennenlernt. Ein Paar, das ihr hilft und dem sie genauso hilft. Das ganze wir aus Aprons Sicht in der Ich-Perspektive erzählt, so wird alles greifbarer. Mir hat diese Geschichte über Freundschaft, die auch das Thema Homosexualität aufgreift, gefallen. Es gab so viele ergreifende Momente, traurige, wie auch lustige, bei denen ich schmunzeln musste.
Für mich ein wunderschönes Buch, das mir überraschend gut gefallen hat.
- Arnaldur Indriðason
Todesrosen
(177)Aktuelle Rezension von: Gute_NachtInhalt
Die Leiche eines jungen Mädchens wird in einer hellen isländischen Sommernacht gefunden. Sie liegt auf dem mit Blumen geschmückten Grab des isländischen Freiheitskämpfers Jón Sigurðsson. Schnell finden Kommissar Erlendur und seine Kollegen von der Kripo Reykjavík heraus, dass es sich bei der Toten um eine Drogenabhängige handelt. Aber warum wurde die Leiche gerade auf dieses Grab gelegt? Was ist der Zweck dieser Inszenierung? Die Ermittlungen erweisen sich als heikel, da zum Kreis der Verdächtigen namhafte Persönlichkeiten gehören ...
Fazit
Eher ruhig, etwas schleppender Krimi mit Höhen und Tiefen.
- Christine Brand
Blind
(209)Aktuelle Rezension von: sbalunziaDie kurzen Kapitel haben mir besonders gut gefallen – gefährlich für mich als „Nur-noch-ein-Kapitel“-Leserin.
Die Grundidee der Geschichte fand ich grossartig. Die App und das Restaurant, in dem Nathaniel arbeitet, mögen auf den ersten Blick absurd wirken, doch gerade das macht ihren Reiz aus – denn solche Konzepte existieren tatsächlich.
Mit den Charakteren konnte ich persönlich nicht direkt warm werden; sie wirkten auf mich nicht durchweg sympathisch. Trotzdem habe ich die Vielfalt innerhalb der Figurenkonstellation sehr geschätzt. Sie brachte interessante Dynamiken ins Spiel – Missverständnisse und unterschiedliche Herangehensweisen an ein und dasselbe Problem.
Die Handlung hat mich schnell gepackt. Besonders gefallen hat mir, dass ich lange Zeit keine Ahnung hatte, wer tatsächlich hinter allem steckt. Die verschiedenen Schicksale und scheinbar voneinander unabhängigen Ereignisse wurden am Ende schlüssig miteinander verknüpft. Nur die Art und Weise, was mit Carole geschehen ist, erschien mir etwas konstruiert und wirkte nicht ganz organisch.
Insgesamt hat mich das Buch aber gut unterhalten, und ich bin mir sicher, dass ich auch weitere Bände der Reihe lesen werde.
- John Lanchester
Capital
(17)Aktuelle Rezension von: porte-bonheurIn diesem Roman geht es um GELD! Und das stellt der Autor am Beispiel der Bewohner einer Straße in London dar, der Pepys Road. Wer hier ein Haus nicht nur bewohnt, sondern es auch noch sein Eigentum nennt, hat es geschafft: er ist reich und ein sehr anerkanntes Mitglied der Gesellschaft.
Der Autor knüpft mit seinem Werk an die großen Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts und nimmt sich, ganz ähnlich diesen Romanen, das Schicksal einiger mit der Pepys Road verbundenen Charaktere vor. Petunia Howe wohnt seit langer Zeit bereits in der Straße, hat ihren Mann längst verloren und beobachtet jetzt einfach nur, zurückgezogen, ihre Mitbewohner. Dann ist da der Banker Roger Yount, den nichts mehr im Leben fesselt als sein nächster Jahresbonus und dieses Jahr muss dieser mindestens eine Million betragen, denn sonst würde er sich und seiner Familie das aufwändige Leben bald nicht mehr leisten können. Daneben spielen aber auch die Menschen eine tragende Rolle, die in der Straße nur ihre tägliche Arbeit verrichten, wie die Politesse Quentina Mkfesi, die aus Zimbabwe stammt und als Asylbewerberin, deren Antrag bereits abgelehnt wurde, jetzt nur noch Angst vor der Abschiebung hat. Der polnische Handwerker Zbigniew verrichtet für den Investmentbanker und dessen Frau immer wieder kleinere Arbeiten und träumt von einem besseren Leben in seiner Heimat. Das Kindermädchen der Younts, Maty Balatu, aus einer ungarischen Kleinstadt stammend, ist auch nach London gekommen, um ordentlich Geld zu machen. Der senegalesische Fußballspieler Freddy Kamo, der gerade erst auf dem Weg ist, ein großer Fußballgott zu werden, wohnt zwar auch in der Pepys Road, aber erst einmal dort nur bei seinem Manager Mickey Lipton-Miller. Und dann ist da noch der Konzeptkünstler Smitty, dessen Großmutter eben jene Petunia Howe ist.
Wie in einer Gesellschaft niemand für sich allein ist und mit vielen anderen zusammenhängt, von diesen auch abhängt und mit ihnen verbunden ist, so ist das eben auch in einer Straße und ihrer begrenzten Anzahl der in ihr lebenden und tätigen Menschen. Und genau das verdeutlicht Lanchester überaus geschickt und unpathetisch, eher schildert er die Ereignisse nüchtern, ähnlich einem Reporter, und überlässt es dem Leser, sich ein eigenes Urteil zu machen. Was denkt man denn über einen Handwerker, der etwa bei Renovierungsarbeiten 500.00. Pfund findet und jetzt damit hadert, ob er das Geld behalten und damit den Eltern ein schönes Haus finanzieren soll?
Bedroht wird das Leben der Bewohner nicht nur durch die ganz "normalen" äußeren Lebenseinflüsse, sondern eben auch durch absichtliche Angriffe, wie etwa dem Schreiben, das einige Hausbewohner, bzw. -besitzer erhalten und in dem einfach nur in Blockbuchstaben steht: WE WANT YOU HAVE. Wir wollen, was ihr habt!
Lanchester ist ein Roman gelungen, der uns unser derzeitiges kapitalistisches Leben anhand weniger Figuren deutlich vor Augen führt, in seinen positiven aber eben auch negativen Auswirkungen. "Capital" steht im englischen Original nicht nur für eben das Kapital sondern auch für Hauptstadt. Und es ist ein typischer Hauptstadt-Roman, der so auch in Berlin oder München spielen könnte.
Das Buch spielt im Jahr 2008, doch ist die Geschehnis-Grundlage seitdem keine andere geworden, hat sich eher noch manifestiert. Und so bleibt das Buch für mich eine ganz wunderbar detaillierte Schilderung der Zustände unserer Gesellschaft und die dringende Aufforderung an uns zum Nachdenken, ob wir denn in diese Richtung weitergehen wollen. Und das in einem Stil, wie ihn der "Observer" für mich bestens beschreibt: "Effortlessly brilliant - hugely moving and outrageously funny".
- Jean-Christophe Grangé
Schwarzes Requiem
(27)Aktuelle Rezension von: beastybabeWer "Purpurne Rache" noch nicht kennt, sollte unbedingt vorher diesen ersten Teil lesen, denn es handelt sich bei den beiden Büchern um eine fortlaufende Familiengeschichte, die sehr komplex ist.
Alles dreht sich um Grégoire Morvan und seine Familie. Er ist Ex-Polizist und ein Mann, den man nicht unbedingt mögen muss. Seine Methoden sind zweifelhaft, er ist nicht wirklich sympathisch und er schlägt gern seine Frau Maggie. Er hat drei KInder: der älteste Sohn Erwan ist ebenfalls Polizist geworden, Loic ist ein abgestürzter Drogensüchtiger, den seine Frau mit den gemeinsamen Kindern verlassen hat und Schwester Gaelle schreckt auch vor Prostitution nicht zurück. Alle Kinder haben eins gemeinsam: sie hassen ihren Vater.
Im zweiten Teil wird die ganze Familiengeschichte von Anfang an aufgedeckt. Erwan gibt nicht früher Ruhe, bis er alle Geheimnisse ans Licht gezerrt hat. Er reist dafür durch Afrika, besucht von Warlords besetzte Gebiete und begibt sich in Lebensgefahr. Dabei zieht er den Zorn des berüchtigten Killers auf sich, den alle nur den "Nagelmann" nennen.
Eine blutige Reise durch die Geschichte der Familie Morvan, wie immer stellenweise echt heftig, grausam und ein bisschen mystisch angehaucht. Seltsame Gestalten, viele Verstrickungen, Missverständnisse, Überraschungen und extrem viele Tote.
Da es keinen wirklichen Sympathieträger in dieser Story gibt, außer vielleicht Erwan, fällt es oft nicht leicht, Mitleid mit den Familienmitgliedern zu empfinden. Aber wer Teil 1 kennt, möchte bestimmt wissen, wie die Geschichte zu Ende geht und was alles dahintersteckt. Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. - Elke Heidenreich
Nurejews Hund
(39)Aktuelle Rezension von: rose7474Dieses Buch bekam ich zum Geburtstag und freute mich sehr darüber. Ich lese sehr gerne Bücher von Elke Heidenreich. Ich mag ihren Erzählstil. Dieses Büchlein hatte wieder Humor und Tiefgang so wie ich es von der Autorin gewöhnt bin.
Daher eine absolute Leseempfehlung von mir und wohlverdiente 5 Sterne.
- Jeannie A. Brewer
Ein Riss im Himmel
(160)Aktuelle Rezension von: S_Mirjam_TiefenbacherBereits zum dritten Mal habe ich "Ein Riss im Himmel gelesen" und noch jedes einzelne Mal habe ich danach mehrere Tage gebraucht, bevor ich ein neues Buch beginnen konnte, da mich die Geschichte so mitgenommen hat und ich mich einfach nicht auf etwas Neues einlassen konnte. Die Thematik ist so aktuell wie eh und je und lässt einen in eine Welt eintauchen, von der ich mir wünschte, so etwas müsste niemand jemals wieder durchmachen müssen. Es geht um Aids, es geht um eine der schönsten Liebesgeschichten aller Zeiten und aufgrund der Thematik ist das Ende des Buches wohl auch kein Geheimnis. Der Schreibstil ist bestimmt nicht jedermanns Geschmack, aber ich habe mich vor allem darin verliebt. Ganz besonders habe ich mich in Eric verliebt. Manche Schritte der Beziehung waren für mich zu kurz angerissen und teilweise hatte ich das Gefühl, das zu lange Zeiträume übersprungen wurden, aber das hat trotzdem nichts daran geändert, das ich mich absolut in die Geschichte habe fallen lassen können. Speziell Erics letzte Worte in seinem Testament an Alexandra - no words.
Wie der Titel bereits aussagt, für mich eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten seit Romeo und Julia.
Ich sage nur so viel: als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, musste ich gleich noch einmal erneut von vorne anfangen, nur um Eric wieder zum Leben zu erwecken, aber das Ende blieb leider dasselbe und trotzdem hätte ich mir kein anderes Ende gewünscht ... - Carol Rifka Brunt
Sag den Wölfen, ich bin zu Hause: Roman
(4)Aktuelle Rezension von: BibliomaniaJune Elbus ist ein typisches Einzelgängerkind. Sie ist größer und kräftiger als ihre gleichaltrigen Mitschüler und auch als ihre zwei Jahre ältere Schwester Greta. June ist eher ruhig und gehört auch nicht zu den „hippen Kids“. Sie meidet andere und andere meiden sie.
Die große Ausnahme ist ihr Patenonkel Finn, der ein großer Künstler ist, aber viel zu früh verstirbt. An einer Krankheit, die 1987 noch sehr unklar ist und hauptsächlich Angst, Widerwillen und Abneigung hervorruft: AIDS. Ihre Mutter kann darüber nicht sprechen ist scheint vor allem sauer auf den Mann zu sein, dem sie die Schuld am Tod ihres Bruders gibt. June hegte „verbotene“ Gefühle für Ihren Onkel und meint, sie leide am meisten. Eines Tages erhält sie ihre Lieblings-Teekanne als Geschenk von einem gewissen Toby, der sie gerne treffen möchte. Mittlerweile hat June herausgefunden, dass Toby der Mann ist, dem ihre Mutter die Schuld gibt. Doch sie möchte es auch verstehen und ist neugierig und so trifft Sie Toby und ihr Leben wird erneut durcheinander gewirbelt.
Eine Geschichte voller Traurigkeit und Melancholie. June tut einem die ganze Zeit Leid. Sie ist wirklich alleine auch wenn ihre Schwester immer wieder behauptet, dass June doch so ein Glück hat. Die jüngere ist immer wieder diejenige, die vermeintlich enttäuscht, das Lügen im Gegensatz zu Greta nicht beherrscht und als eigenartig abgestempelt wird, sogar von den eigenen Eltern. Eine Geschichte, die authentisch die Gefühle und Reaktionen eines klugen Kopfes im zarten Alter von 13-15 beschreibt. Eine vielleicht zu besondere und enge Beziehung zwischen einer Nichte und ihrem Onkel, die im Prinzip beiden nicht gut tut. Eine Nebenhandlung ist das Verhalten von Greta, das ich unmöglich finde. Greta ist die Ältere und behandelt ihre Schwester von oben herab, verlässt sich aber gleichzeitig immer auf June, da sie weiß, dass June für sie da sein wird. Greta suhlt sich in Selbstmitleid, dabei ist sie diejenige, die es in meinen Augen gut getroffen hat. Dass ihre Trinkexzesse den Eltern scheinbar verborgen bleiben, erschließt sich mir nicht. Greta ist einfach nur fies und gemein zu June, schafft es dabei aber immer, dass June sich in der Schuld fühlt. Kein sehr angenehmer Charakterzug. Auch wenn Greta es sicher ebenfalls nicht leicht hat. Sie ist jünger als alle anderen, da sie zwei Klassen übersprungen hat und nun auch noch als Schauspieltalent gehandelt wird. Doch sie ist auch furchtbar neidisch auf June und Finn, da die beiden einen so enges Verhältnis haben. Gretas Probleme versanden auch irgendwie und bleiben weiterhin ein Nebenprodukt.
Junes Geschichte, da sie auch aus ihrer Perspektive geschildert wird, bleibt im Vordergrund. Man ringt mit ihr, trauert mit ihr und findet wieder besseren Zugang über Toby, der sich als ganz anders herausstellt, als es June eingebläut wurde und ihr aus der tiefen Trauer heraushelfen kann.
Eine Geschichte, die irgendwie ein Jugendbuch sein könnte und dann wieder nicht. Eine tolle Geschichte, wenn auch traurig und ein Ende, das mir sehr gut gefällt. Der Autorin ist hier etwas wirklich gutes gelungen.
- Hilary T. Smith
Hellwach
(75)Aktuelle Rezension von: absolutelynotInhalt:
Das Leben meiner Eltern ist so strahlend, als wäre es gar nicht echt. Es hat eine klinisch saubere Frische wie Schnittblumen, eingeschweißt in Zellophan. Mir wird schwindelig davon. Seit dem Tod meiner Schwester weiß ich, Leben ist Chaos. Ich schlinge die Arme um die Knie, weine und lache und suche nach meinem iPod, damit ich die passende Musik dabeihabe. Ich bin hellwach, von innen beleuchtet, und begreife, dass das Universum mir heute Nacht einen Einblick schenken will – einen Einblick in etwas Großes. Und ich habe Angst, dass sich diese Tür zu etwas Wunderschönem vielleicht schließt und nie wieder öffnet, wenn ich die Chance jetzt nicht nutze.
Ich könnte in einer Schokoladenfabrik in den Rocky Mountains sein und kandierte Äpfel mit Mashmallows und Erdnussbutter essen. Oder in einem Sushirestaurant mit ein paar alten Männern Guitar Hero spielen. Vielleicht am Hafen ein paar Infos über Schiffsreisen zu den Fiji-Inseln einholen. Oder einfach am Strand sitzen und mit einer Meeresschildkröte angeln. Aber ich bin hier. Jetzt. Und dies ist mein Leben. Und ich habe mich verliebt. Nur nicht in den Jungen, in den ich mich eigentlich verlieben wollte. Dieses aufgedrehte Gefühl ist zu einem summenden, knisternden elektrischen Feld geworden. Ich will die Straße hinuntertanzen.Rezension:
Nach dem Lesen des Klappentextes konnte ich das Buch nicht einfach zurücklassen, denn in dieser Kürze wurde gekonnt Spannung und Neugier bei dem Leser ausgelöst.
Relativ schnell nimmt die Geschichte fahrt auf und beantwortet ungelöste Fragen, das macht es leicht Zusammenhänge zu erkennen und führt dazu, dass man mit vollem Verständnis der Geschichte folgen kann.
Auf Nebencharaktere wird teilweise sehr explizit eingegangen, was es einem einfach macht sich in Kiri hineinzuversetzen.
Trotz des wunderbaren Schreibstils fiel es mir schwer die Beweggründe einiger Charaktere nachzuvollziehen, da diese so gut wie keine (positive) Entwicklung durchlebten.
Kiri hat mich dementsprechend am meisten enttäuscht, denn ihre Wandlung ist leider die schlechteste von allen. Erschien mir in diesem Sinn surreal, da man meinen könnte sie hätte trotz der zahlreichen Erlebnisse nicht dazu gelernt.
Dennoch ist es durchaus spannend zu sehen welche Entscheidungen sie als nächstes trifft, auch wenn diese nicht besonders logisch sind.
Die aufgegriffenen Thematiken lassen den Leser teilweise stark mitfühlen, weshalb das Buch eine Menge Trigger bietet und meiner Meinung auch nur mit Vorsicht zu genießen ist.
Dennoch, trotz der negativen Aspekte was die Handlung und Entwicklung betrifft, war es durch das gekonnte Schreiben für mich nicht möglich das Buch zur Seite zu legen. Ich habe es tatsächlich an nur einem Tag durchgelesen!
Empfehlung:
Wenn man gerne Bücher der chaotischen Sorte ließt ist das Buch genau richtig! Viele zusammenhangslose Ereignisse, zahlreiche Charaktere und eine gekonnte rasche Handlung machen dieses Buch einzigartig.























