Bücher mit dem Tag "apartheid"
32 Bücher
- Jonas Jonasson
Die Analphabetin, die rechnen konnte
(733)Aktuelle Rezension von: Hubertus_FeldmannZunächst ein großes Kompliment an die Übersetzerin. Es war sicher nicht einfach, diesen spielerischen Umgang mit Sprache, diese teils aberwitzigen und skurrilen Vorgänge, so zu übertragen, dass diese auch im Deutschen ihre gewünschte Wirkung entfalten. Es ist ein Genuss, diesen teils versteckten oder hintersinnig eingestreuten realen Bezügen in einer ansonsten doch sehr abgedrehten Story zu folgen.
Die Geschichte entfaltete ihren Reiz auch dadurch, dass die historischen Personen beim Namen genannt werden und das politische Geschehen in eine Lebenswirklichkeit hineingezogen wird, die die Distanz zu diesen Geschehnissen nicht nur verringert, sondern tatsächlich auch menschlicher und damit verstehbarer machen – unabhängig davon, ob sie sich so oder so oder auch ganz anders abgespielt haben. Diese indirekten Anspielungen fordern geradezu nach Weiterdenken heraus. Es fällt leicht mit der „guten Seite“ zu sympathisieren (wer möchte nicht gerne, trotz aller Hindernisse, so souverän durchs Leben gehen?), wobei die „böse Seite“ durchaus auch ihren Charme hat. Es gibt also ausreichend Raum, bei guter Unterhaltung, die eigenen Gedanken spazieren zu führen.
Da das Elend dieser Welt im Moment zuzunehmen scheint, kommt eine solche Geschichte gerade recht. Nicht als „Erlösungsgeschichte“, sondern als augenzwinkernder Hinweis: Nimm das Leben wie es kommt und mache das dir Mögliche daraus.
(19.11.2018)
- Nelson Mandela
Der lange Weg zur Freiheit
(111)Aktuelle Rezension von: FabianoDer lange Weg zur Freiheit ist eine beeindruckende Autobiografie, die weit über Politik hinausgeht. Besonders fasziniert hat mich, mit welcher Stärke, Geduld und Menschlichkeit Nelson Mandela seinen Weg beschreibt. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie wichtig Hoffnung, Versöhnung und Durchhaltevermögen selbst unter den schwierigsten Bedingungen sein können. Eine inspirierende Lebensgeschichte, die zum Nachdenken anregt und lange in Erinnerung bleibt.
- Gudrun Pausewang
Die Wolke
(955)Aktuelle Rezension von: Perse- Details:
Ausgabe: Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 1987
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Verlag: Ravensburger
Genre: Jugendliteratur
Seitenanzahl: 223
- Inhalt:
Was niemand wahrhaben wollte, passiert: Deutschland erlebt einen atomaren Unfall. Die 14-Jährige Janna-Berta verliert ihre Familie und ist auf sich allein gestellt.
- Wie das Buch zu mir gefunden hat:
Das Buch hat mich über ein Verschenkeregal gefunden. Ich habe damals den Film im Schulunterricht gesehen und wollte schon immer das Buch dazu gelesen haben, jetzt habe ich es endlich getan...
- Meinung:
Das Thema dieses Buches ist unheimlich intensiv. Gudrun Pausewang erzählt die Geschichte klar, hart und absolut authentisch. Beim Lesen trifft einen der ungeschönte Realismus dieser Welt mit voller Wucht. Das Buch zeigt schmerzhaft, dass in unserer Gesellschaft und Politik eben nicht immer alles "Friede, Freude, Eierkuchen" ist.
- Fazit:
Zu Recht den Jugendliteraturpreis 1988 gewonnen. Dieses Werk gehört für mich zur Pflichtlektüre!
- Empfehlung:
Für alle, die qualitativ hochwertige Jugendliteratur suchen und/oder Fans von Gudrun Pausewang sind.
Eine Kauf- und Leseempfehlung von mir!
- Tipp:
Schaut euch den gleichnamigen Film von 2006 an.
- Lieblingszitate:
"Kein Ton von den Herren, die so gerne reden."
Prolog - Seite 7
"Versagen ist menschlich. Mit Versagen nicht zu rechnen, ist verantwortungslos und unmenschlich.''
Prolog - Seite 9
"»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.«"
Kapitel 1 - Seite 23
"»Handeln Sie mit Verantwortungssinn!«"
Kapitel 2 - Seite 33
"Das also würde der neue Unterschied zwischen Arm und Reich sein."
Kapitel 8 - Seite 127
"»Die Leute fangen schon wieder an zu vergessen«,..."
Kapitel 10 - Seite 153
"»Menschen sind zu allem fähig«,..."
Kapitel 10 - Seite 154
- Trevor Noah
Born A Crime: Stories from a South African Childhood
(52)Aktuelle Rezension von: LesenMitHerzFür mich definitiv ein Buch das berührt, zum nachdenken anregt und mitfühlen lässt. Gerade, da es nach einer wahren Geschichte erzählt wird. Sehr schön geschrieben, und der Humor kommt dabei auch nicht zu kurz. Ein tolles Buch für alle, die auch ein bisschen über Südafrika und über die Apartheit lernen möchten.
- Jan Stocklassa
Stieg Larssons Erbe
(68)Aktuelle Rezension von: trinity_41Jan Stocklassa recherchiert in 2013 in diversen Archiven und stößt dabei auf interessante Fakten zu Stieg Larsson. Letzterer hatte sich intensiv mit dem 1986 verübten Mord am damaligen schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme beschäftigt. Leider konnte der Fall damals trotz großer Bemühungen nicht aufgeklärt werden.
Jan Stocklassa beschließt, auf Basis der Ergebnisse von Larsson noch einmal Alles neu aufzurollen und zu rekonstruieren. Die folgende Story ist True Crime vom Feinsten. Die Spuren, die Stocklassa wieder aufnimmt, führen ihn bis nach Südafrika. Es tauchen neue Verdächtige und damit neue Mutmaßungen auf, er ermittelt im Namen von Stieg Larsson weiter, der in 2004 leider viel zu früh verstorben ist.
Alles in Allem präsentiert sich hier eine True Crime-Story nach meinem Geschmack: packend, spannend und authentisch.
Fazit: 5 Sterne! - Max Annas
Die Farm
(9)Aktuelle Rezension von: patrick2804In einer Winternacht irgendwo in Südafrika. Eine Farm wird belagert und beschossen. Im Farmhaus verschanzt sich ein Querschnitt der Gesellschaft. Und bald kämpfen alle Beteiligten um das nackte Überleben.
Was liegt hier vor? Ein Thriller? Ein Krimi? Eine Gesellschaftsstudie? Ein Überblick über die Situation der Menschen in Südafrika? Alles zusammen! Auf knapp 200 Seiten gelingt Max Annas ein Überblick über ein Südafrika, das man so nicht von Postkarten und Bildbänden kennt und gleichzeitig wird man Zeuge eines Kampfes. Dem Kampf zu überleben. Sofort im Geschehen wechselt die Perspektive im Minutentakt und das über den Zeitraum von rund neun Stunden.
Das Farmhaus dient als Symbol für die Gesellschaft, die Herrenrasse vermischt mit ihren schwarzen Arbeitern. Da hat jeder seinen Platz, auch am Ende der Apartheid. Der Boss, der Waffen verteilt, aber bloß nicht an die Schwarzen. Das Hausmädchen, das selbst unter Beschuss Kaffee und Kuchen serviert. Die Tochter des Hauses, die als erste und unbedingt mit ihren Kindern in Sicherheit gebracht werden muss. Die Unfähigkeit der Polizei. Das alles in einer Sprache, die die Grausamkeit und die Brutalität hervorragend transportiert. Am Ende weiß man alles und doch nichts. Ein Thriller, der keinen klaren Gewinner auf irgendeiner Seite erkennen lässt, aber das braucht es auch gar nicht.
Am Ende gibt es nur einen Gewinner: Den Leser. Für mich zu Recht ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis, denn hier werden dem Genre wirklich neue Impulse gegeben.
- Malla Nunn
Ein schöner Ort zum Sterben
(24)Aktuelle Rezension von: Igelmanu66»Es war nach sechs Uhr morgens«, antwortete der schwarze Polizist.
»Die wissen einfach, wie spät es ist«, half Hansie eilfertig aus. »Uhren wie unsereiner brauchen die nicht.«Südafrika 1952. Die neuen Apartheid-Gesetze sind in Kraft, jegliche Kontakte zu Angehörigen anderer Rassen sind zu meiden. Als in einer ländlichen Gegend der dortige Captain der Polizei, ein Bure, erschossen aufgefunden wird, wird Detective Sergeant Emmanuel Cooper, ein Engländer aus Johannisburg, zu den Ermittlungen gerufen. In einem Klima voller Unsicherheit und Angst, gegenseitiger Vorurteile und weißer Arroganz beginnt er seine Arbeit, fast völlig auf sich allein gestellt.
Schnell wird ihm ein Tatverdächtiger präsentiert, der den ehrbaren Captain ermordet haben soll. Doch Emmanuel kommen Zweifel, dass die Weste des Opfers tatsächlich so blütenrein war, wie allgemein dargestellt. Er beginnt tiefer zu graben und gerät schon bald in große Gefahr, denn sein Ansatz passt der parallel ermittelnden Geheimpolizei überhaupt nicht…
Dieses Buch hat mich gleichzeitig gefesselt und abgestoßen, fasziniert und schockiert. Vorurteile ärgern mich generell, aber solche, die auf Rassenzugehörigkeiten beruhen, stoßen mich richtig ab. Furchtbar, wie sich Menschen anderen überlegen fühlen und das nur aufgrund ihrer Herkunft! Sie haben nichts dazu getan, besser oder schlechter, klüger oder dümmer zu sein, sie wurden lediglich geboren. Was für eine unglaubliche Anmaßung! Entsprechend war ich weite Teile des Buchs schlicht wütend. Dazu kam die ungeheure Brutalität der Geheimpolizei, unmenschlich und durch nichts zu rechtfertigen.
Der Krimi selbst war spannend und wurde ordentlich aufgelöst. Neben Emmanuel als positivem, wenn auch innerlich zerrissenem Protagonisten, gab es weitere Charaktere, die meine Sympathie hatten, zum Beispiel Constable Samuel Shabalala, ein Zulu oder Daniel Zweigman, ein alter Jude. Was mir zudem zusagte, waren die Beschreibungen der atemberaubend schönen Natur. Dazwischen empfand ich die Lektüre aufgrund der intensiven Schilderungen manchmal als belastend.
Fazit: Ein spannender Krimi, eingebettet in eine intensive Beschreibung der südafrikanischen Gesellschaft und der wunderschönen Natur.
»Was blieb einem schon übrig, als wieder aufzustehen und erneut gegen die ganze Welt anzutreten?«
- Bianca Marais
Summ, wenn du das Lied nicht kennst
(81)Aktuelle Rezension von: Tilman_SchneiderRobin ist erst neun Jahre alt und verliert ihre Familie bei den Aufständen in Soweto und ist dann 1976 ganz allein. Zuerst wächst sie bei der Tante auf, aber diese fühlt sich schnell überfordert mit den Bedürfnissen. Beauty tritt so in das Leben von Robin. Sie sucht während des Schüleraufstands ihr Kind, aber findet es nicht und ist mehr als verzweifelt. Als Schwarze hat sie nicht so viele Rechte und findet Arbeit und kümmert sich dann um Robin. Eine ganz besondere Bindung entsteht hier und wird doch auf eine harte Probe gestellt. Die Geschichte ist so fesselnd, berührend und begeistert auch und erzählt von zwei starken Frauen unterschiedlichen Alters. Man erfährt viel von der Geschichte und erlebt Verlust und Leid, genauso wie Liebe und Kraft. Ich kann das Buch nur empfehlen.
- Loel Zwecker
Vom Anfang bis heute
(19)Aktuelle Rezension von: WolfhoundLoel Zwecker komprimiert uns hier die Weltgeschichte auf unter 500 Seiten.
Dabei schafft er es durch seinen Schreibstil, aber auch durch vereinzelt eingestreute unnütze Anekdoten, den manchmal doch recht trockenen Geschichtsaspekt aufzulockern. An einigen Stellen konnte ich mir ein Schmunzeln oder auch Lachen nicht verkneifen.
Die Themen sind gut aufgearbeitet und machen auch Spaß. So bekommt man einen schönen knackig kurzen Einblick in vielen Aspekte unserer Geschichte.
Jedoch werden auch hier (unvermeidbare?!) Schwerpunkte wie z. b. die französische Revolution gesetzt und andere Bereiche werden nur angerissen. So werden Jahrhunderte der afrikanischen Geschichte nur wenige Seiten.
Auf der anderen Seite sind so schwierige Themen wie Rassismus und die Kolonialisierung meiner Meinung nach gut dargestellt und aufgearbeitet.
Leider ist der lockere, moderne Stil des Buches auch auf einigen Strecken etwas anstrengend und die Coolness und der Humor wirken zu gewollt, was mir zum Ende hin den Lesespaß etwas verhagelt hat. Dennoch ist es ein absolut lesenswertes Buch, aus dem man einiges mitnehmen kann und das mein Wissen in einigen Belangen doch wieder sehr aufgefrischt hat
- Kenneth Bonert
Der Löwensucher
(20)Aktuelle Rezension von: HerbstroseFünf Jahre ist Isaac Helger alt, als er mit seiner Mutter Gitelle und seiner Schwester Rively nach Johannesburg zieht. Vater Abel ist seiner Familie schon vorgereist und betreibt nun dort eine Uhrmacherwerkstatt. Sie sind jüdische Einwanderer aus Litauen, wo es vor dem 2. Weltkrieg nicht mehr sicher ist. Familienangehörige, Schwestern von Mutter Gitelle mit ihren Familien, mussten sie zurücklassen in der Hoffnung, sie noch nachholen zu können und so vor einer Verfolgung zu retten. Ein großes Haus ist ihr Traum, in dem sie alle leben könnten. Isaak fühlt sich verpflichtet, seiner Mutter diesen schier unmöglichen Wunsch zu erfüllen. Als der schmächtige Junge von der Schule fliegt, arbeitet er zunächst sehr hart in verschiedenen Berufen, nur um den Anforderungen seiner Mutter gerecht zu werden. Er verändert sich allmählich, lernt Menschen kennen die sich Freunde nennen, und wird dabei stärker und beginnt sich durchzusetzen. Aber auch Südafrika bleibt vom Antisemitismus nicht verschont und für Juden wird die Einreise kaum noch möglich. In ihrer Not wendet sich Mutter Gitelle an Avrom, dem Besitzer einer Farm am Löwenfelsen, den sie ihren Neffen nennt. Er hat die nötigen finanziellen Mittel, die Verwandten in Litauen freizukaufen. Ob er helfen wird, die zurückgebliebenen Schwestern ins Land zu holen? …
Kenneth Bonert, geb. 1972 in Johannesburg, ist ein kanadisch-südafrikanischer Autor mit litauisch-jüdischen Wurzeln. Im Alter von 17 Jahren emigrierte er mit seinen Eltern nach Kanada, wo er in Toronto Journalistik studierte und heute als Reporter und Schriftsteller lebt. „Der Löwensucher“ (2013) ist sein Debüt-Roman, der im selben Jahr den National Jewish Book Award und den Edward Lewis Wallant Award gewann und auf der Shortlist für den Governor General’s Award stand.
Wir begleiten die Familie Helger über einen Zeitraum von 25 Jahren bei ihrem Versuch, ein friedliches und glückliches Leben zu führen und erleben dabei, was Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit anrichten können. Wir rätseln mit Isaac über das schreckliche Familiengeheimnis, über das seine Mutter eisern schweigt, und versuchen dem auf die Spur zu kommen. Der Schreibstil des Autors ist dabei flüssig und sehr gut lesbar. Er benutzt schöne sprachliche Bilder und versteht es, auch raue und brutale Szenen angemessen zu beschreiben. Interessant ist auch, dass er gelegentlich jüdische und afrikanische Ausdrücke verwendet, die auch am Ende des Buches in einem Glossar zu finden sind. Aufschlussreich ist ebenso die Entwicklung, die das Land wirtschaftlich und politisch in diesem Zeitraum erfährt. Wenn man auch das Ende der Geschichte versöhnlich empfindet, der sich daran anschließende Epilog berichtet realistisch von den Tatsachen.
Fazit: Obwohl der Tenor des Buches überwiegend düster und melancholisch ist und auch einige detaillierte Gewaltszenen enthalten sind, ist die Geschichte dennoch lehrreich und durchaus lesenswert.
- Nadine Gordimer
Keine Zeit wie diese
(12)Aktuelle Rezension von: leseleaSie war schwarz, er weiß. Das war alles, was zählte. Alles, was damals Identität ausmachte. Simpel wie die schwarzen Buchstaben auf diesem weißen Papier. (S. 10)
Jabu und Steve haben sich im Untergrund beim gemeinsamen Kampf gegen das Apartheid-Regime kennengelernt. Sie ist eine Schwarze aus dem Volk der Zulus, er ein Weißer jüdischer Abstammung. Beide sind Südafrikaner, doch ihre Beziehung und ein Leben miteinander wird vom Staat verboten. Dann kommt das Jahr 1994 und verändert das politische Leben im Land grundlegend – und damit auch Jabus und Steves Privatleben. Endlich können sie als Ehepaar offen ihre Beziehung leben, in einem Vorort die gemeinsamen Kinder großziehen und sich auch beruflich verwirklichen: Er wird Dozent an der Universität, sie Rechtsanwältin. Der Freiheitskampf hat seine Früchte getragen, doch die ehemaligen Genossen müssen schnell einsehen, dass alte Strukturen nur schwer zu zerschlagen sind: Die Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß bleibt weiterhin bestehen, die neue schwarze Elite ist genauso korrupt wie die alte Weiße und das Land zerfällt – wenn nicht mehr in schwarz und weiß – immer mehr in arm und reich. Jabu und Steve stehen vor einer Gegenwart, für die sie immer gekämpft haben und die sich doch anders entwickelt, als gehofft. Und beide müssen sich die Frage stellen, ob dieses neue Südafrika noch ihre Heimat sein kann…
Nadine Gordimer gehörte zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Südafrikas und bekam für ihr literarisches Werk 1991 den Literaturnobelpreis. Ihre Romane, Erzählungen und Essays setzten sich intensiv mit der südafrikanischen Apartheidpolitik und deren Folgen bis in die Gegenwart auseinander, auch wenn Gordimer von sich selbst behauptete, keine politische Schriftstellerin zu sein. Keine Zeit wie diese ist ihr letzter Roman vor ihrem Tod im Jahre 2014 und behandelt auf über 500 Seiten das neue Südafrika – von den ersten freien Wahlen über die politischen Machtkämpfe in der ehrwürdigen ANC bis hin zur Gegenwart unter Präsident Zulu kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2010.
Trotz des Labels „Roman“ auf dem Cover ist Keine Zeit wie diese für mich mehr eine literarische Studie, ein Porträt über das Leben in Südafrika nach 1994. Anhand von Jabu und Steve, die durch ihre Biographie aufs engste mit den politischen Verhältnissen des Landes verbunden sind und deren Beziehung gerade aufgrund ihrer Überwindung die Gräben zwischen den „Rassen“ verdeutlich, beschreibt Gordimer nicht nur die politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen ihres Heimatlandes, sondern vermittelt vor allem ein Gefühl für den Alltag im und nach dem Apartheid-Regime. Neben den Rahmenbedingungen stellt sie vor allem die Frage nach der Identität in einem Land, das seinen (wenn auch menschenverachtenden) Kompass verloren hat, in den Mittelpunkt: Wer ist man, wenn die alten Etiketten nicht mehr gelten? Wie lange dauert der Kampf für die Freiheit und damit der Status als Guerilla-Kämpfer? Welche Verantwortung trägt man als weißer Südafrikaner für die weitere Entwicklung – und welche als schwarzer, zumal wenn man zu denen gehört, die es nach oben geschafft haben? Bleibt man ein Leben lang Kind seines Volkes oder darf man sich in Zeiten der Freiheit neue Bilder erschaffen? Gordimer verdeutlich, dass mit dem Ende der Unterdrückung die Verantwortung der Freiheit einhergeht – und diese oftmals neue Konflikte schafft, sei es im Privaten oder auf politischer Ebene, wo Korruption und aggressiver Kapitalismus schnell zu blühen beginnen.
Das alles ist hochinteressant und lehrreich, auch wenn eigene Recherchen während der Lektüre unabdingbar sind, um die verschiedenen Andeutungen, die Gordimer zwischen den Zeilen platziert, zu verstehen. Keine Zeit wie diese ist ein Buch, das ich diesbezüglich als wirkliche Bereicherung empfunden habe, hat es mir doch nicht nur Wissen, sondern auch ein Verständnis jenseits der bloßen Fakten vermittelt. Nichtsdestotrotz bleibt bei Gordimers Vorgehensweise einiges auf der Strecke, was für mich das Buch zu einem wirklichen Roman und zu einem hundertprozentigen Lesegenuss gemacht hätte: Insgesamt fehlt es an Spannung, Handlung und einer Nähe zu den Figuren. Keine Zeit wie diese zeigt den Ist-Zustand eines Landes auf, ohne dass es auf einer weiteren Ebene eine wirkliche Geschichte erzählen würde, die auf etwas hinausläuft. Jenseits der Skizzierung der verschiedenen Probleme und Herausforderungen gibt es wenig, was einen an das Buch fesselt, zumal die Figuren sehr ihren Kategorien als Freiheitskämpfer, Rechtswissenschaftler bzw. Dozenten, Schwarze und Weiße etc. verhaftet bleiben, ohne darüber hinaus irgendwelche Charakterzüge aufzuweisen.
Sprachlich stellt Gordimers Werk durchaus eine Herausforderung dar: Ihr Erzählstil ist eigenwillig, distanziert, wie gemalt in dem Sinne, dass einzelne Sätze wie flüchtige Pinselstriche sind und erst nach einiger Zeit ein Ganzes ergeben. Eine „raue Poetik“ schoss es mir beim Lesen der ersten Seiten durch den Kopf und ließ mich bis zum Schluss nicht los. Definitiv reizvoll, aber über lange Strecken doch auch anstrengend, ermüdend und vielleicht nicht immer dienlich.
Insgesamt bin ich sehr froh, dass ich Keine Zeit wie diese entdeckt und gelesen habe und stehe auch der Lektüre weiterer Romane von Gordimer nicht ablehnend gegenüber. Dennoch kann ich einen gewissen Hänger während der Lesezeit aufgrund der oben genannten Kritikpunkte nicht leugnen: Mir hat eine Geschichte, die mich auch emotional bindet, definitiv gefehlt; als Porträt ist Keine Zeit wie diese jedoch ohne Frage hervorragend und verdient eine abschließende Leseempfehlung! 3,5 Sterne.
Lasst euch nicht durch schlechte Politik aus dem Land eures Herzens vertreiben. (S. 349)
- Achmat Dangor
Bitter Fruit
(1)Aktuelle Rezension von: AlaisSouth Africa. One day Silas encounters by chance the man who had raped his wife Lydia back in the dark days of apartheid. This encounters leads to severe consequences for the whole family with Lydia cutting herself and their son Michael going on a quest to learn more about his past and explore the numerous influences that had shaped the life of his ancestors...
For some reason, this novel was not my cup of tea. It is well-written and yet I did not always like the choice of words the author made. On the one hand, I like very much the delicate way Dangor treated the subject of rape and the consequences for the victims. On the other hand, he describes a world where the mind is controlled by the body and many of the protagonists just selfishly follow their desires without thinking about the consequences this may have on people they love, are responsible for or simply are friends with. This so close to the rape topic felt very uncomfortable for me.
And, unfortunately, I did not manage to understand the way Michael is acting, why he chose this rather radical way that seems completely pointless to me. - Anne Benjamin (Herausgeber) Winnie Mandela
Winnie Mandela: Ein Stück meiner Seele ging mit ihm
(3)Noch keine Rezension vorhanden Hendrik und der berühmteste Häftling der Welt
(4)Aktuelle Rezension von: HEIDIZWir Leser/innen befinden uns im Südafrika des Jahres 1982. Hendriks Vater wird nach Kapstadt versetzt. Hendrik ist 11 Jahre. Der Vater soll Nelson Mandela im Gefängnis bewachen. Sie müssen umziehen und die Welt des 11Jährigen ändert sich ...
Hendrik lernt Rhoda kennen. Ihre Eltern setzen sich gegen Apartheid ein.
Haltung - eigene Meinung -Visionen eine friedvollen Welt mit einem gleichberechtigten Zusammenleben
Perfekt für Jugendliche in eine passende Handlung gepackt finde ich das Buch rundherum gelungen, zum einen, um sich unterhalten zu lassen, aber vor allem, um sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, was durch die spannend authentische und lebendige altersgerecht verpackte Handlung sehr einfach ist.
Mit dem Einlassen auf das Buch - auf die Geschichte - kann man sich einlassen auf das Thema und selbst Haltung beziehen, sich Gedanken machen. Die Kapitel sind überschaubar, nicht zu lang.
Abschließend gibt es noch eine Liste zu Erklärungen zu unbekannten Wörtern, eine Zeitleiste zum Leben Mandelas, ein Ballspiel sowie ein Rezeptvom Kap: Vetkoek.
Wirklich rundherum gelungen - hat mir sehr gut gefallen, wie die Autorin diese wichtige Thematik angeht.
- Irma Joubert
Hinter dem Orangenhain
(12)Aktuelle Rezension von: Traeumerin109Pérsomi wächst in armen Verhältnissen auf, doch ihr Traum ist es, zu studieren und Anwältin zu werden. Der Weg dahin ist nicht einfach, doch sie ist eine mutige und entschlossene junge Frau, die sich Ungerechtigkeit gegenüber den Armen nicht länger bieten lassen möchte.Für mich nach „Sehnsuchtsland“ schon das zweite Buch der Autorin, und ich bin ähnlich begeistert wie vom ersten. Wieder beschreibt die Autorin unglaublich feinfühlig und eindrücklich die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die im Schatten eines Krieges aufwächst, der zwar weit entfernt ist, ihr Leben aber dennoch beeinflusst. Schließlich dient auch ihr geliebter Bruder an der Front, und nicht zuletzt werden viele Ereignisse in ihrer unmittelbaren Umgebung von lange gehegten Ressentiments und Vorurteilen hervorgerufen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie Irma Joubert es schafft, ihre Figuren zum Leben zu erwecken. Sie verfügen über sehr ausgeprägte Charaktere und jede muss sich ihren eigenen Platz suchen. Manchmal ist die Sprache auch sehr karg, und doch fehlt auch an diesen Stellen nichts. Man spürt die Gefühle hinter dem, was passiert, und auch die scheinbar knappen Beschreibungen passen ins Geschehen. Manchmal sind sie auch unglaublich detailreich und versetzen einen an einen völlig anderen Ort. Das ist eine der großen Fähigkeiten dieser Autorin: Sie ist nicht vorhersehbar, sie kann ihre Sprache ihrer Geschichte anpassen. Und was für Geschichten dabei entstehen – voller Liebe und Hass, Freundschaft und Feindschaft. Stets sind auch die ganz großen Themen vertreten: Krieg, Hunger, Armut. Da ist nichts vorhersehbar und klischeehaft. Auch Gott spielt eine Rolle, wenn auch eher im Hintergrund. Aber immer mal wieder beschäftigt Pérsomi sich mit diesem Thema. Für mich ein sehr erfrischender christlicher Roman, der vor allem eines möchte: Eine Geschichte erzählen.
Fazit: Ich kann Irma Joubert wirklich nur absolut weiterempfehlen. Ihre Bücher zählen zu den besten christlichen Romanen, die ich kenne. Die Autorin versteht es, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen und nicht mehr loszulassen. Pérsomi ist eine Hauptfigur, die mit ihren Ängsten und Kämpfen absolut überzeugt. Ich habe wirklich nichts auszusetzen an dem Buch. Ein wahres Vergnügen beim Lesen!
- Stefanie Gercke
Ins dunkle Herz Afrikas
(23)Aktuelle Rezension von: nasaNachdem ich den ersten Band dieser Reihe gelesen habe, habe ich mich auf „Ins dunkle Herz Afrikas“ gefreut. Ich muss aber sagen ENDLICH ist es zu ende.
Henrietta lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Aber ihr Herz schlägt für ihre Wahlheimat Südafrika wo sie lange gelebt haben. Sie gewöhnt sich nur schwer an ihr Leben in Deutschland und sehnt sich in ihre Wahlheimat zurück. So beschließt sie mit ihrem Mann Ian eine Reise nach Südafrika zu machen. Südafrika ist aber durch den Rassenhass zerrissen und Henrietta und Ian sind bei der Polizei negativ aufgefallen und mussten schon Mal fliehen. Doch die Sehnsucht Henriettas ist so stark das sie alle Angst über Bord wirft. Aber schon bei der Einreise gibt es Schwierigkeiten und die beiden dürfen nur kurze Zeit in Afrika bleiben und müssen das Land dann für immer verlassen. Aber es kommen noch mehr Schwierigkeiten auf sie zu.
Dieses Buch ist ein einziges durcheinander. Es wird ständig zwischen Afrika und Deutschland und den verschiedenen Jahren hin und hergependelt. Irgendwann verliert man dann den Überblick und plötzlich geht es chronologisch zur Sache. Es war schwer ins Buch rein zu finden und als es dann einigermaßen klappte wurde es sowas von unrealistisch und konstruiert das man das Gefühl hatte dass die Autorin selbst keine Lust hatte dieses Buch zu schreiben. Die letzten 50-100 Seiten haben sich wie Gummi gezogen und auch das Ende war wieder von Kitsch übersät. Das einzig positive was ich finden konnte waren wieder die tollen Beschreibungen der Landschaft Afrikas. Ansonsten war ich froh als ich das Buch endlich zu ende gelesen habe. - Christian Nürnberger
Nelson Mandela
(6)Aktuelle Rezension von: annlu*Wenn ein Land eine Ikone hervorbringt, die mindestens auf einer Stufe mit Legenden wie Mahatma Ghandi oder dem Dalai Lama steht, ist es dann nicht die Pflicht dieses Landes, seiner Gesellschaft und Politik, dessen Erbe hochzuhalten?*
Nelson Mandela, gefeierter Held und friedlicher Revolutionär, hat Südafrika in eine neue zukunft geführt. Neben seiner Lebensgeschichte beschäftigt sich dieses Buch auch mit Mandelas Südafrika gestern und heute.
Etwa ein Drittel des Buches enthält die Biografie Nelson Mandelas – in einer kurzen Fassung. Dieser, von Christian Nürnberger geschriebene Teil ist sprachlich einfacher gehalten und zielt auf ein jüngeres Publikum ab. Problematiken in seinem Lebenslauf, die man weniger positiv werten könnte, werden großteils umschifft und in ein gutes Licht gerückt, sodass die Vorbildstellung Mandelas erhalten bleibt.
Der zweite Teil – der vom Südafrikaexperten Stephan Kaußen verfasst wurde – war zwar sprachlich anspruchsvoller, da er sich auch Fachwörter aus der Politik und Wirtschaft bediente, aus meiner Sicht aber interessanter. Er beschäftigte sich mit Südafrikas Entwicklung seit den Achtziger Jahren bis heute. So wurden der Umsturz und Mandelas Rolle dabei noch einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, die Weltpolitik und ihr Einfluss auf das Land aufgezeigt, die Situation aller beteiligter Südafrikaner (um nicht von Rassen/Ethnien zu sprechen) beleuchtet aber auch Vergleiche zu uns Europäern bekannteren Umstürzen gezogen.
Der Autor setzte dabei häufig sprachliche Stilmittel ein um seine Aussagen hervorzuheben. Nicht nur stellte er viele rhetorische Fragen, die immer wieder von kritischer Natur waren, auch setzte er immer wieder Wörter mit mehreren Bedeutungen ein, die dann hinterfragt wurden. Da die Fragen nicht nur in den Raum geworfen wurden, sondern letztendlich – zumindest wo möglich – beantwortet wurden fand ich sowohl seine Aussagen als auch seinen Schreibstil ansprechend.
Gut bei mir angekommen ist auch die Tatsache, dass sich der Südafrikaexperte nicht scheut manches auch einmal hart und realistisch anzusprechen (z.B. die Frage, warum sich die Armen nicht vermehrt krimineller Mittel bedienen als sie es tun). Auch Mandela bekommt bei ihm menschlichere Züge, da auch er nicht vor Fehlern gefeit ist.
Fazit: Die einleitende Biografie zeigte ein gutes Bild von Mandelas Leben – ich aber fand den Sachbuchteil des Buches, der sich mit Südafrika beschäftigte bei weitem interessanter, da die Betrachtung immer wieder auch kritisch war.
- Yewande Omotoso
Die Frau nebenan
(24)Aktuelle Rezension von: SarangeIch hatte hohe Erwartungen an dieses Buch, vielleicht zu hohe. Wer von der Kritik gleich mit Nadine Gordimer verglichen wird, hat es aber auch nicht leicht, wenn diese Fußspuren dann ausgefüllt werden sollen...
Mit diesen beiden alten Krähen, die nur darauf lauern, der anderen ein Auge aushacken zu können, hat Yewande Omotoso interessante und ungewöhnliche Figuren entwickelt und mit ihnen die Ereignisse des Buches aus unterschiedlichen und für mich z.T. neuen Perspektiven dargestellt. Eine schwarz-weiße Beziehung im London der Fünfzigerjahre, dasselbe schwarz-weiße Paar im Nigeria der Sechzigerjahre, dann kurz nach Ende der Apartheid in Südafrika, die beiden berufstätigen Frauen, die in ihrer Zeit Beruf und Familie (nicht) unter einen Hut bringen wollen oder müssen - das sind spannende Lebenswege, die ich gern mit verfolgt habe. Omotoso deutet die historischen Verwerfungen des Umfelds oft nur an, konzentriert sich auf die privaten Verwicklungen der ProtagonistInnen, bleibt also deutlich unpolitischer als Gordimer. Was die Autorinnen auf jeden Fall verbindet, ist die Gründlichkeit, mit der der ganz persönliche Rassismus der ProtagonistIinnen seziert wird und dessen Folgen für ihre großen und kleinen Lebensentscheidungen, Verfehlungen und Verhärtungen gezeigt werden. Dabei wird nicht an Zynismus, Hass und Bitterkeit gespart.
Das Aufbrechen dieser Verhärtungen ist dann auch das Ziel, dem dieser Roman entgegenstrebt und das bei zwei so sturen und wenig warmherzigen alten Damen sicher nur ansatzweise gelingen kann - hier braucht man sich nicht vor dem rosa überzuckerten Happy End zu fürchten, das der Klappentext nahelegt. Vielmehr wird deutlich, dass Wahrheit und Versöhnung (nicht nur in Südafrika) doch sehr schwierige und sperrige Angelegenheiten sein können.
- J.M. Coetzee
Im Herzen des Landes
(17)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerIrgendwo in Süafrika liegt eine Farm, die von einem Mann und dessen Tochter Magda bewirtschaftet wird. In kurzen Textabschnitten, die an Tagebuchaufzeichnungen erinnern, schildert Magda, was auf der Farm passiert und wie sie ihr Leben empfindet. Dabei wird früh klar, dass nicht alles passiert, was in den Aufzeichnungen geschrieben steht. Magda mischt ihre Wünsche, Sehnsüchte und Träume kräftig unter die Realität auf der Farm. Diese Tinktur aus Kurzepisoden und Ungewissheit über die Realität macht das Lesen nicht unbedingt einfach und vieles - auch aus der Vergangenheit - bleibt ungeklärt. So muss man selbst ziemlich viel abwägen, wo die Erzählung noch bare Münze ist und wo Magda Geschichten erspinnt. Magdas Schicksal schrammte hart an einem Lektüreabbruch vorbei, weil über fast das gesamte Buch das Bild einer Frau entsteht, das Alter schwer definierbar, die unter der Einsamkeit der Farm nicht nur leidet, sondern in dieser Einsamkeit förmlich degeneriert. Der Vater beteiligt sie kein bisschen an der Farm, obwohl sie seine einzige Erbin ist; Magda ist nur gut genug zum Badewasser bereiten und Küchenarbeit. Magda philosophiert seitenweise über Einsamkeit, Liebe, Gefühle - das erste hat sie im Überfluss, das andere scheint sie nie empfunden zu haben. Sie wirkt unreif und völlig hilflos, und als der Vater stirbt, rächt sich diese absolute Unwissenheit in allen Belangen: Sie kann ihre Angestellten nicht ausbezahlen, hat keine Ahnung vom Farmbetrieb und der schwarze Knecht Hendrik und dessen Frau Anna setzen sie heftig unter Druck. Vielleicht stirbt der Vater auch nicht und Magda hat sich nur Szenarien ausgemalt. Vielleicht ruft sie nach den Flugzeugen, die sie irgendwann am Himmel über sich entdeckt, vielleicht hatte sie einst viele Geschwister, vielleicht lässt sie sämtliche Farmtiere frei - vielleicht auch nicht. Magdas Erzählung schwirrt um die Ohren, so durcheinander wie sie selbst offensichtlich ist. Angesichts so vieler Ungereimtheiten und Unsicherheiten hätte ich mir die Geschichte sparen können, weil sie für mich auf jeder Seite die Option eröffnet, dass alles auch ganz anders abgelaufen sein könnte. Ja, wie denn nun? Habe ich mir das Buch ausgeliehen, habe ich gelesen - oder bilde ich mir das bloß ein, bestürmt von der flimmernden Hitze? - Bianca Marais
Wie man Gott zum Lachen bringt
(4)Aktuelle Rezension von: Reenchenz„Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, verrate ihm deine Pläne.“
Südafrika, 10. Mai 1994: Die beiden Schwestern Ruth und Delilah finden vor der Tür ihres Farmhauses in einer Weißensiedlung bei Magaliesburg ein kleines, von einem Hund bewachtes Körbchen. Darin liegt ein kleiner schwarzer Säugling, den die kinderlos gebliebene Ruth sofort in ihr Herz schließt. Sie ist entschlossen, den kleinen Jungen bei sich aufzunehmen und setzt sich gegen den Widerstand ihrer Schwester durch. Ziemlich schnell müssen sich beide nun gegen den militanten Rassismus der Nachbarn zur Wehr setzen und „verbarrikadieren“ sich in ihrem Farmhaus.
Währenddessen macht sich die siebzehnjährige Zodwa auf die verzweifelte Suche nach Ihrem Baby, welches bereits am Tag seiner Geburt verschwand.
Sie findet Anstellung im Haus der Schwestern, ohne ihre wahre Identität preiszugeben. Denn was kann sie ihrem Kind für ein Leben bieten? Sähe die Zukunft ihres Sohnes bei den wohlhabenden weißen Frauen nicht besser aus?
Mit dem Antritt Nelson Mandelas als Präsident bricht 1994 ein neues Kapitel in der Geschichte Südafrikas an. Die Atmosphäre dieser Zeit des Umbruchs beschreibt Bianca Marais in ihrem neuen Roman „Wie man Gott zum Lachen bringt“ sehr anschaulich und farbenfroh.
Dafür benötigt sie keine großen überbordenden Handlungsstränge. Es reichen ihr die drei sehr bewegenden und so unterschiedlichen Schicksale der Frauen Ruth, Delilah und Zodwa, um den Lesenden direkt ins Südafrika der 90er-Jahre zu entführen.
Die kurzen Kapitel des Romans widmen sich jeweils einer der drei Frauen und beschreiben die Ereignisse aus der jeweiligen Perspektive. Das erlaubt einen sehr intimen Blick in die Gedankenwelt der Protagonistinnen und verwirrt erstaunlicherweise überhaupt nicht.
Vom Schicksal ziemlich früh getrennt, beschritten die beiden Schwestern Delilah und Ruth sehr unterschiedliche Lebenswege, die sie erst nach über 30 Jahren wieder zusammenführen. Beiden tragen sie Narben und Geheimnisse in ihren Herzen, die sie nur nach und nach preisgeben. Die Dynamik der beiden Schwestern stellte für mich den interessantesten Teil dieses Buches dar.
Die ehemals gottesfürchtige Delilah, die einst Nonne werden wollte, bevor sie durch ein gewaltsames Ereignis ihren Glauben verlor und Ruth, die in den Augen vieler, ein sündiges Leben führte, den starken Glauben ihrer Schwester stets verspottete, nun aber über viel größeres Gottvertrauen zu verfügen scheint, auch wenn sie es selbst nicht so nennen würde.
Und dann ist da noch ein kleiner Junge, der die Herzen dreier Frauen berührt und eine Mutter, die verzweifelt darum bemüht ist, für ihr Kind die besten Voraussetzungen zu schaffen und darum kämpft, sich selbst dabei nicht zu verlieren.
Wie unterschiedlich die Lebenswelten der weißen und schwarzen Bevölkerung Südafrikas zu dieser Zeit waren, und ich möchte nicht ausschließen, dass es nicht heute teilweise immer noch so ist, ist kaum vorstellbar und wirkt, wenn man es so deutlich in Bianca Marais Roman liest, fast schon absurd und irreal. Wenn ich ehrlich zu mir bin, weiß ich, dass es sehr real ist.
„Wie man Gott zum Lachen bringt“ ist ein ganz wunderbares Buch. Berührend, manchmal zum Schmunzeln, erinnert es mich daran, wie privilegiert ich eigentlich aufgewachsen bin und dass es keinen Grund gibt, mir etwas darauf einzubilden. Es ist ein Plädoyer für Freiheit, Gleichheit, Rücksichtnahme, Gleichberechtigung und Mitgefühl.
- James McClure
Steam Pig
(1)Aktuelle Rezension von: Gulan„Mrs Johnson wandte ihm langsam den Kopf zu. Er sah, dass sie zitterte. Wie viel älter sie auf einmal wirkte.
[…] Das Gesicht war breit, aber nicht ungewöhnlich breit. Auffallend war dagegen die stumme Qual, die in den braunen Augen – deren Weiß nicht den üblichen gelben Schimmer hatte – und in den tiefen Kerben um den kindlichen Mund zu erkennen war. Im Gegensatz dazu war der Hals schwanenglatt. Die Hände, sehr fest im Schoß gefaltet, waren kräftig, aber feingliederig, mit einer schwachen Cornflake-Sprenkelung auf dem Rücken. Auch die Füße waren klein.Es war klar, dass sich ihr Farbigenblut auf das Arteriensystem beschränkte.“ (S.168-169)
Durch einen Fehler des Bestatters landet die Leiche von Therese Le Roux nicht im Krematorium, sondern in der Rechtsmedizin. Dort wird festgestellt, dass die weiße Musiklehrerin keinesfalls eines natürlichen Todes starb, sondern ermordet wurde. In ihren Nachforschungen stoßen Lieutenant Kramer und Sergeant Zondi auf eine Familientragödie, Korruption und Machtmissbrauch.
„Steam Pig“ ist ein Debütroman, allerdings schon aus dem Jahr 1971. Autor McClure war gebürtiger Johannesburger und wuchs in Pietermaritzburg auf. Mit Mitte 20 verließ er der systemkritische Journalist Südafrika Richtung England. Andernfalls wäre es auch schwierig geworden, seinen Erstling sechs Jahre später zu veröffentlichen, denn er kritisiert zwar subtil, aber eindeutig das damalige System der Apartheid.
James McClure bedient sich eines schwarz-weißen Ermittlerduos. Der Zulu Mickey Zondi ist dabei selbstverständlich dem machohaften, ruppigen weißen Buren Trompie Kramer unterstellt und in der Öffentlichkeit bedient Kramer auch die rassistischen Vorurteile, indem er Zondi herablassend als „Boy“ und „Kaffer“ betitelt. Doch eigentlich ist das Verhältnis der beiden von großem gegenseitigen Respekt geprägt und der intelligente und gerissene Zondi hat großen Einfluss auf die Ermittlungen. Beide kennen jedoch ihre Rolle im System und greifen es nicht direkt an, sondern desavouieren das Regime durch ihr (im Geheimen gepflegtes) kameradschaftliches Verhältnis und ihren Sinn für Gerechtigkeit in einem ungerechten System.
„ Steam Pig“ war der Auftakt zu einer achtbändigen Reihe um die beiden Ermittler (McClure gewann damit auf Anhieb 1971 den Dagger Award), die nun sukzessive vom Zürcher Unionsverlag wiederveröffentlicht wird. McClure hält sich nicht groß mit Erklärungen auf, sondern bringt über den Kriminalfall direkt, hart und ironisch die Verhältnisse des Apartheidstaates auf den Punkt: Eine weiße Minderheit, die korrupt und machtgierig ihre Privilegien bewahren will und dafür andere Ethnien marginalisiert. Mehr als vierzig Jahre nach Erscheinen und zwanzig Jahre nach Ende der Apartheid ist dieser Roman immer noch kein bisschen angestaubt. - Trevor Noah
Born a Crime
(5)Aktuelle Rezension von: SybilSehr berührendes Buch über Trevor Noahs Kindheit in einem Südafrika während der Apartheid.
Besonders beeindruckend finde ich die Beziehung zwischen Trevor und seiner Mutter Patricia, einer unglaublich starken Persönlichkeit, die ungeachtet der Konsequenzen immer für ihre Werte eingestanden ist.
Das Kapitel My mother's life liest sich wie ein Krimi. Genial erzählt!
- Sisonke Msimang
Und immer wieder aufbrechen
(28)Aktuelle Rezension von: SikalSisonke Msimang wird als Tochter eines Freiheitskämpfers geboren und wächst im Exil auf. Es scheint, sie ist überall auf der Welt zu Hause ohne jemals in Südafrika – in ihrer eigentlichen Heimat – zu leben. Erst als junge Erwachsene betritt sie zum ersten südafrikanischen Boden. Doch was ist das für ein Land, das sie bis jetzt nur in ihren Träumen kannte? Als Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt wurde, scheint Frieden einzuziehen und die Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß ad acta gelegt werden. Doch wie man mittlerweile weiß, sind Freiheit und Gleichberechtigung zwar ein kostbares Gut aber nicht sonderlich stabil.
„Und immer wieder Aufbrechen“ ist die Autobiografie von Sisonke Msimang und sie schafft es, mit einer wunderbaren Erzählweise uns an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Das Thema ist schwierig und berührt oder schockiert auch zum Teil. Frauenfeindlichkeit, Missbrauch, Apartheit – um nur einige Themen zu nennen. Während man dem Leben der Autorin folgt, ihren Werdegang, ihren persönlichen Kampf gegen Rassismus oder ihren Weg zur Emanzipation, liest man über den politischen Kontext sowie über die gesellschaftlichen Strukturen Südafrikas.
Spannend finde ich die Suche nach der wahren Heimat. Während sie ihren Wohnort sehr oft wechselt, steht die Suche nach den Wurzeln im Vordergrund. Dabei wird sie begleitet von Familie und Freunden, die ihrerseits selbstbewusst ihren Weg gehen.
Die Autorin überrollt uns förmlich mit einer großartigen Fabulierkunst, was mich nicht mehr losgelassen hat. Mittlerweile habe ich Teile der Biografie schon ein zweites Mal gelesen und ich bin nach wie vor begeistert wie überzeugend die Figuren beschrieben wurden – beinahe wie bei einem Roman.
Ein überzeugendes, sehr persönliches Buch, das sich auf jeden Fall 5 Sterne verdient























