Bücher mit dem Tag "auschwitz"
117 Bücher
- Anne Frank
Gesamtausgabe
(2.747)Aktuelle Rezension von: daisys_libraryDie 5-Sternebewertung dient lediglich der Bewertung der Darstellung und der Wertschätzung dieses überaus wichtigen Dokuments der Geschichte, da Menschenleben nicht zu bewerten sind.
Mir fehlen doch echt die Worte, als ich die letzten dokumentierten Worte von Anne Frank gelesen habe und mir bereiten sie eine unendliche Gänsehaut. Ich will und kann mir nicht annähernd vorstellen, welche Ängste sie durchgestanden haben muss als sie und die restlichen Mitbewohner des Hinterhauses erwischt wurden.
An Anne ist wirklich so eine tolle, junge, bewundernswerte, starke, zielorientierte, vorausschauende, kluge, talentierte, liebenswerte Frau verloren gegangen. Man kann sich nur ausmalen wie die Welt wohl geworden wäre, wenn sie die Zeit in Bergen-Belsen überlebt hätte. Die Welt wäre ein besserer Ort geworden, defintiv.
Es war wirklich beeindruckend zu lesen und in jedem ihrer geschriebenen Worte zu spüren wie unfassbar fortschrittlich sie schon in ihrem Alter war, sowohl sprachlich als auch gedanklich und es war so interessant mitzuerleben wie sie zu einer starken, mutigen jungen Frau herangewachsen ist, unter Umständen die wir uns in unserem privilegierten Leben nicht annähernd vorzustellen vermögen.
Liebe Anne, wenn du nur wüsstest und selbst sehen könntest, was du mit deinen geschriebenen Gedanken und Worten erreicht hast, noch so viele Jahre nach deinem Ableben. Du hast es geschafft, du wirst auf ewig unvergessen bleiben und in Millionen Herzen fortleben, mit deinem unfassbaren Talent und deiner unsterblichen Seele.
- Robert Scheer
Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück
(42)Aktuelle Rezension von: pardenEIN PERSÖNLICHES MAHNMAL...
Robert Scheer liebte seine Großmutter. Dies ist an und für sich nichts Besonderes, doch eigentlich ist es ein Wunder, dass es den Autor überhaupt gibt. Denn eigentlich hätte seine Großmutter Pici nicht überleben, nicht heiraten und keine Familie gründen dürfen. Denn dies war der Plan von Hitler und seinen Schergen. Doch als einzige ihrer weitverzweigten jüdischen Familie überlebte Pici ("die Kleine") seinerzeit die Gräuel des Holocaust.
"Die Weisen sagen, das Ziel des Lebens sei das Leben selbst. Dem folgend habe ich das Ziel erreicht. Denn ich lebe noch." (S. 56)
Zum 90. Geburtstag seiner Großmutter beschloss Robert Scheer, diese nach ihren Erlebnissen zu befragen, damit ihr Zeugnis bewahrt bleibt. Und wo Pici jahrzehntelang geschwiegen hat, öffnete sie sich ihrem Enkel gegenüber und gab Auskunft über helle und dunkle Jahre ihrer Vergangenheit.
Die ersten zwei Drittel des Buches erzählen von Picis Familie und ihrer Kindheit in Rumänien. Dort wohnte die Familie ungarischer Juden und lebte vom Holzhandel des Vaters. Arm, kinderreich, aber zufrieden, so wie viele andere Menschen der kleinen rumänischen Stadt auch. Als etwas langatmig habe ich diese Schilderungen zeitweise empfunden, aber andererseits als durchaus legitim - holte sich Pici auf diese Art noch einmal alle Mitglieder iher großen Familie in ihre Erinnerung zurück, alle in den Jahren des Holocaust ums Leben gekommen.
Die schlimmen Erlebnisse Picis nach dem Verlust ihrer Heimat in den 40er Jahren nach der Machtergreifung Hitlers nehmen entsprechend etwa ein Drittel des Buches ein. Die Vertreibung ihrer Familie aus der kleinen rumänischen Stadt, die Erfahrungen im Ghetto, die Deportationen in verschiedene Konzentrationslager, die Kälte, die Hitze, der Hunger, die Unmenschlichkeit, die Angst, die Krankheiten, das Trauma, der Tod - Dinge, über die es sicher auch nach 70 Jahren noch schwerfallen dürfte zu sprechen.
Was mich bei der Lektüre verblüffte, waren die großen Erinnerungslücken Picis, die viele schreckliche Erlebnisse und Details ausgeblendet zu haben scheint.
"Und auch für die folgenden Zeiten gibt es solche kleinen Momente, die völlig in meinem Gedächtnis fehlen, aber nicht so, dass ich sie nach Jahren vergessen hatte, sondern so, als hätten sie nichts mit mir zu tun gehabt. Vielleicht, weil mein Verstand dies alles nicht nachvollziehen konnte und von sich wegschob..." (S. 90)
Entsprechend rudimentär erscheinen denn auch teilweise die Erinnerungen, Spotlights der Schrecken, wobei die Schilderungen selbst nahezu nüchtern erscheinen. Dennoch kommt das Grauen beim Leser an, die Bilder lassen sich ncht verdrängen, die Unfassbarkeit der Erinnerungen bricht sich Bahn. Zahlreiche in den Text integrierte Fotos (viele aus dem Privatbesitz des Autors) unterstreichen das Geschriebene, geben dem Erzählten ein Gesicht und verankern das Grauen in der Realität.
Der Schreibstil ist einfach, erinnert zeitweise an einen ungeübten Schulaufsatz. Doch vieles ist in wörtlicher Rede wiedergegeben und dokumentiert so eher das Gespräch zwischen dem Enkel und seiner Großmutter Pici als dass es literarisch aufgearbeitet ist. Dieses Stilmittel der wörtlichen Rede unterstreicht in meinen Augen die Authentizität der Erzählung.
Neben den bereits erwähnten Fotos gibt es - vor allem in dem vielseitigen Anhang - auch zahlreiche Kopien von alten Briefen, Dokumenten und Listen, die die Erinnerungen Picis in Raum und Zeit des Holocaust verankern. Hier hätte ich mir eine bessere Qualität der Darstellung gewünscht, denn viele der genannten Quellen waren durch eine blasse und verschwommene Kopie für mich tatsächlich kaum leserlich, was ich wirklich bedauerlich fand.
Robert Scheer hat mit diesem Buch nicht nur seiner geliebten Großmutter ein Denkmal gesetzt, sondern mit Picis Erinnerungen auch ein persönliches Mahnmal geschaffen. Ein Buch 'Gegen das Vergessen', das sehr persönliche Einblicke gewährt.
© Parden - John Boyne
Der Junge im gestreiften Pyjama
(2.377)Aktuelle Rezension von: AtschiBObwohl ich den Film bereits mehrfach gesehen habe, beeindruckt mich dieses Buch unglaublich. Gleichzeitig macht es mich aber auch sprachlos. Es ist eine interessante und gleichzeitig grausame Geschichte mit geschichtlichem Hintergrund. Sie ist unglaublich emotional, berührend und mitreißend. Sie hat mich sehr bewegt. Die kindliche Naivität von Bruno ist einerseits schön, denn es zeigt, dass er die Realität und Grausamkeiten der Zeit nicht versteht. Die Aufgeklärtheit von Schmuel hingegen schockiert. Beide sind sie im gleichen Alter.
Mein Fazit ist kurz: ABSOLUTE LESEEMPFEHLUNG!
- Robert Menasse
Die Hauptstadt
(169)Aktuelle Rezension von: Eva_ReichmannVorweg: ich lese gern Menasse. Aber dieses Buch ist angenehm anders als die Menasse-Romane davor.
Eine Kommission der EU benötigt ein besseres Image - und natürlich geht es um die EU. Aber es geht noch um so Vieles mehr (Geschichte aus Europa - um es abzukürzen). Das wirklich großartige an dem Buch aber ist, dass es weder um politische Thesen noch Geschichtsbelehrung geht - sondern um die Geschichten der beteiligten Personen (die halt wegen Beruf oder persönlicher Beziehungen mit der EU-Kommission zu tun haben).
Gut gefallen hat mir die Idee, eine europäische Hauptstadt in Auschwitz einzurichten.
Als Menasse das Buch 2017 veröffentlichte, war es noch möglich von der "Langeweile des Friedens" als Glück und Segen zu sprechen - hätten mehr Politiker das Buch gelesen und ernst genommen, hätten wir diesen zustand heute noch.
- Anja Schenk
Herbstzeilen
(12)Aktuelle Rezension von: Ninasan86Zum Inhalt:
Ein stürmischer Herbsttag und ein Brief aus dem fernen Nevada, der Elisabeths Gedanken zurück ins Jahr 1944 nach Berlin führt und längst vergessen geglaubte Wunden aufreißt.
Eine kleine, melancholisch-nachdenkliche Geschichte über eine einsame Heldin.
Über die Autorin:
Anja Schenk wurde 1975 in der Nähe von Dresden geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einem kleinen Ort im Tharandter Wald. Ihre Liebe zu Büchern entdeckte sie schon als Kind. Inspiriert durch ihre eigenen Kinder packte sie vor einigen Jahren die Begeisterung fürs Schreiben aufs Neue. Seitdem verfasst sie Geschichten für Kinder und veröffentlichte zwei von ihnen in den Jahren 2014/2015. Mittlerweile bringt sie neben Kindergeschichten auch Kurzgeschichten und Romane für größere Leser zu Papier.
Mein Fazit und meine Rezension:
Ich halte ein ziemlich kleines, aber auch feines Büchlein in der Hand. Das Cover ist liebevoll gestaltet und ja, ich weiß, was mich erwartet. In der Geschichte stoßen wir auf eine Frau an einem See. Sie sitzt unter einer alten Weide und liest einen Brief, den sie erhalten hat. Sie ist eine Heldin - steht in dem Brief. Doch als Heldin will sie sich so gar nicht fühlen. Nach und nach erfährt man, was sie zur Heldin gemacht hat, was sie getan hat und wessen Leben sie gerettet hat. Das Schicksal hat sie zur damaligen Zeit zur richtigen Zeit an den richtigen Ort geführt, um dort das Leben einer Frau und zweier Kinder zu retten, die dem Tod geweiht waren.
Es ist der zweite Weltkrieg. Draußen ist es kalt und die Deutschen sind auf der Suche nach allen Juden, um sie zu deportieren. Einige haben sie schon gefasst, wenige haben es geschafft, einen Unterschlupf zu finden. Und hier beginnt unsere Heldengeschichte, denn tatsächlich hat die nunmehr alte Frau in jungen Jahren dieser Mutter und ihren beiden Kindern in einem Versteck Unterschlupf gewährt, hat ihnen Essen und Trinken gebracht und sie so vor der Deportation und dem sicheren Tod bewahrt. Dass sie dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt und auch das ihres ungeborenen Kindes, wird ihr täglich bewusst, doch kann sie nicht anders. Jeder hätte wohl so agiert, oder?
Mich hat die kleine, aber feine Geschichte sehr berührt. Mit wenigen Worten erzählt die Autorin, was sich zur damaligen Zeit abgespielt hat, wie Wut, Trauer und nackte Angst sich abwechselten und doch immer ein kleiner Hoffnungsschimmer in der Ferne blieb. Nicht alle konnten gerettet werden, aber die wenigen, die es wurden, die überlebten, wissen heute, was es heißt zu leben! In dieser Zeit wurden Helden geboren!
- Heather Morris
Der Tätowierer von Auschwitz
(258)Aktuelle Rezension von: readingneleDas Buch basiert auf wahren Begebenheiten und handelt von einem jungen Mann, der drei Jahre seines Lebens in Auschwitz verbracht hat. Die Geschichte ist sehr spannend und lässt einen mit den Charakteren mitfühlen und mitfiebern. Gleichzeitig sind die Geschehnisse im Buch so schrecklich, dass man hin und wieder vergisst, dass Menschen wirlich so böse sein können und alles wirklich passiert ist. Gerade in den aktuellen Zeiten ist das Buch eine große Empfehlung, es gibt Einblicke in die damalige Zeit und zeigt auf, wie wichtig es ist, dass sich die Vergangenheit niemals wiederholt!
- Annette Hess
Deutsches Haus
(235)Aktuelle Rezension von: carowbrEva ist eine junge Frau Anfang der 60er Jahre in der BRD und soll als Dolmetscherin beim ersten NS-Prozess arbeiten. Dadurch wird sie mit der Vergangenheit ihres Landes und ihrer Familie konfrontiert.
Das Buch stellt eine Zeit da, in der jeder nach vorne blicken und niemand sich mit der Vergangenheit und der entstandenen Schuld auseinandersetzen wollte. Eindringlich schildert die Autorin immer wieder die Aussagen der Zeugen, die auf den echten Prozessakten beruhen. Besonders treffend ist der Widerspruch beschrieben, dass einerseits niemand von etwas gewusst haben will, nur ‚die Anderen‘ mitgemacht haben und man selbst nichts machen konnte. Andererseits haben eben (fast) alle dazu beigetragen, dieses System zu stützen und dadurch über die Jahre auszubauen.
Auch das Privatleben von Eva wird thematisiert und damit einhergehend die Rechte und Rolle der Frau in den 60er Jahren dargestellt.
Der Schreibstil war einerseits angenehm zu lesen, anderseits war es nicht zu 100% meins - ich kann allerdings nicht genau festmachen, an was es lag. - Imre Kertész
Roman eines Schicksallosen
(236)Aktuelle Rezension von: Janika_CyrillaRoman eines Schicksallosen ist ein eindrucksvolles und ungewöhnliches Werk, das einen ganz eigenen Zugang zur Thematik des Holocaust bietet. Was dieses Buch besonders macht, ist die Perspektive des jugendlichen Erzählers, der mit erstaunlicher Ruhe und beinahe naivem Verständnis auf die schrecklichen Ereignisse reagiert, die ihm widerfahren.
Gerade diese Haltung – das stille Akzeptieren, das Reflektieren ohne offene Anklage – wirkt auf verstörende Weise eindringlich. Es ist nicht der typische Ton, den man aus anderen Erzählungen über Konzentrationslager kennt, und gerade das macht das Buch so kraftvoll und nachdenklich stimmend. Der nüchterne Stil und die Distanz des Protagonisten fordern die Leserinnen und Leser heraus, ihre eigene moralische und emotionale Position zu überdenken.
Ein tief bewegendes, herausforderndes Buch, das lange nachhallt.
- Eva Schloss
Evas Geschichte
(13)Aktuelle Rezension von: HEIDIZEin wundervoll informatives, emotionales Buch habe ich neulich gelesen. Es erzählt autobiografisch geschrieben von Eva Schloss selbst, der Stiefschwester von Anne Frank, der Überlebenden von Auschwitz.
Sie flüchteten aus Wien und kamen in Amsterdam unter. Sie müssen untertauchen, als die Deutschen einmarschierten. Sie werden allerdings verraten und an ihrem 15. Geburtstag werden sie von der Gestapo deportiert. Nur Eva und ihre Mutter überleben das KZ Auschwitz. Jahrzehnte schwieg Eva - vom Schrecken des Lagers noch immer geprägt, nun erzählt sie von der Liebe zur Mutter und wie ihr Glaube ihr half, diese schreckliche Zeit zu überleben.
Eva Schloss erzählt aus dem Gedächtnis heraus, sehr lebendig, wie und was sie erlebt hat. Sie gliedert ihr Buch in drei Teile
Teil 1: Von Wien nach Amsterdam
Teil 2: Auschwitz-Birkenau
Teil 3: Reise durch Russland
Abschließend gibt es noch Fotos und einen Stammbaum.
Die Geschichte, die wir Leser präsentiert bekommen schließt praktisch dort an, wo Anne Franks Tagebuch endet.
Ein Muss für Interessierte an der Thematik. Extrem eindrucksvoll informativ geschrieben, flüssig zu lesen, geht ans Herz und gibt das wider, was Eva und ihre Mutter erlebten. Sehr lebendig werden die Gefühle nach außen gekehrt und man kann sich gut vorstellen, wie sie diese fürchterliche Zeit er- und überlebten. In der Ich-Schreibweise geschrieben, als würde Eva Schloss dem Leser die Geschichte auf der Couch erzählen.
Gut, dass dieses Buch geschrieben wurde !!!
- Emanuel Bergmann
Der Trick
(165)Aktuelle Rezension von: Tilman_SchneiderMosche ist fünfzehn und Rabbinersohn und fühlt sich doch zu einer anderen Welt hin gezogen. Nach einem Zirkusbesuch im Jahre 1934 will er zum Zirkus und er hat sich nicht nur in die Welt unter der Zirkuskuppel verliebt. Er will mitfahren mit dem Halbmondmann und vor allem will er dessen Assistentin näher kommen. Er packt seine Koffer und der Zirkus zieht Richtung Deutschland.
Max Cohn ist zehn Jahre alt und lebt in Los Angeles. Das Jahr 2007 macht ihn nicht glücklich, denn seine Eltern wollen sich scheiden lassen. Er will aber, dass sie sich wieder richtig lieben und sie endlich wieder eine richtige Familie sind. Max findet eine alte Platte und darauf zaubert der große Zabbatini und genau beim Liebeszauber, hängt die Nadel. Es gibt nur eine Lösung für den Jungen, er muss den Zauberer finden und er muss für seine Eltern den Liebeszauber sprechen.
Emanuel Bergmanns Buch ist eine Wucht, ein ganz großer Wurf. Es ist ein Stück Geschichte, eine große und eine kleine Liebesgeschichte und vor allem ist es voller Magie und das Buch entwickelt einen ganz besonderen und speziellen Zauber. „Der Trick“ ist bewegend und mit vielen Facetten.
- Margret Greiner
Charlotte Salomon
(6)Aktuelle Rezension von: Bellis-PerennisAnlässlich des 100. Geburtstags von Charlotte Salomon am 16. April 2017 rückt diese Biografie von Margret Greiner erstmals die vielen Bilder der jüdischen Malerin in den Blickpunkt. Zuvor hat das kurze Leben der Malerin Stoff für einen Roman (David Foenkinos), Filme und eine Oper (Regie Luc Bondy) geboten.
Penibel, wie es Margret Greiners Arbeitsweise ist, hat sie sich auf die Spurensuche nach Charlotte Salomon begeben.
Wer ist sie nun, diese Charlotte Salomon?
Charlotte ist ein typisches Kind ihrer Zeit: 1917 in die bürgerliche Welt eines jüdischen Arztes in Berlin hinein geboren. Aufgewachsen mit der Lüge, dass ihre Mutter an der Grippe verstorben wäre. Eines der zahlreichen Kindermädchen weckt in Charlotte die Lust, zu zeichnen und zu malen. Später wird der Vater die Sängerin Paula heiraten. Der latente Antisemitismus, der in Deutschland herrscht führt dazu, dass Charlotte die Schule kurz vor dem Abitur abbricht. Die Kunsthochschule wird sie dann ebenfalls ohne Abschluss verlassen.
Als die Nazis 1933 an die Macht kommen, teilt die Familie Salomon das Schicksal der meisten jüdischen Familien: Ausgegrenzt, verspottet und ihrer Besitztümer beraubt. Die Großeltern sind rechtzeitig nach Frankreich emigriert und leben auf dem Anwesen der Ottilie Moore.
Charlotte reist widerwillig zu ihren Großeltern. Der Selbstmord ihrer Großmutter und die Internierung im Lager Gurs stürzen Charlotte in eine tiefe Krise. Denn hier, im französischen Exil, erfährt sie von ihrem Großvater, dass es in ihrer Familie bereits acht Suizide gegeben hat. Ihre Mutter war auch eine dieser Selbstmörderinnen. Sie muss einfach malen, um nicht verrückt zu werden. In den Jahren 1940-1942 malt sie rund 1.300 Bilder, die einem Tagebuch ähnlich, ihre Geschichte zeigen.
Im Juni 1943 heiratet Charlotte Salomon den österreichischen Emigranten Alexander Nagler. Im Herbst werden sie von Spitzeln der Vichy-Regierung verraten und nach Auschwitz deportiert. Charlotte ist schwanger und wird vermutlich noch am Ankunftstag ermordet. Ihr Mann stirbt 1944 an den Folgen der unmenschlichen Bedingungen.
Meine Meinung:
Margret Greiner ist wieder eine eindrucksvolle Biografie gelungen. Sie nähert sich behutsam, aber bestimmt der Malerin an. Die Stimmung in Berlin der Zwischenkriegszeit ist authentisch wiedergegeben. In klaren, präzisen Worten beschreibt sie das kurze Leben der Charlotte Salomon und ihr beeindruckendes Werk. Ihre Bilder sind von Malern wie Matisse, Picasso oder van Gogh inspiriert. Dennoch hat sie einen eigenen, eindrucksvollen Malstil, den man ihr fast nicht zutraut. Sie malt wie besessen, als wenn sie wüsste, dass ihr nicht mehr viel Zeit bliebe.
Gleich zu Beginn der Biografie finden wir einige der Gouachen aus jenem Konvolut, das Charlottes Eltern Ottilie Moore abgekauft haben. Im Anhang finden die Chronologie von Charlotte Salomons Leben und Literaturhinweise.
Fazit:
Eine gelungene Biografie einer fast vergessenen Künstlerin. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
- Stephan Fölske
Fluch der Träume
(3)Aktuelle Rezension von: Leseratte61Klappentext:
Michael erliegt immer wieder realistischen Träumen und erlebt diese zudem auch aus den Perspektiven der Protagonisten.
Sein Freund Flocke versucht ihm zur Seite zu stehen und gerät zwischen die Fronten, die keiner erahnt zu haben scheint. Eine Mischung aus Thriller und Krimi, die aber scheinbar im Warschauer Ghetto beginnt und versucht, die Schicksale, Gräueltaten und Befehlswahnsinn hautnah zu beschreiben.Fazit:
Als Michael immer häufiger seine seltsam realistischen Albträume erlebt und dadurch auch noch einen Unfall erleidet, zieht er seinen Freund Flocke ins Vertrauen. Nun steht Michael nicht mehr alleine da, weil er nun einen Freund an seiner Seite hat, der ihm die Träume glaubt und der ihn unterstützen will. Als Flocke dann auch noch von den Träumen heimgesucht wird, tragen sie ihre Träume zusammen und begeben sich auf Spurensuche, um herauszufinden, was hinter den Träumen steckt und wer diese Menschen, die sie erleben, sind. Die Träume zeigen ihnen die grausame Realität aus dem Vernichtungslager Auschwitz und Michael und Flocke können nicht ahnen, in welcher Gefahr sie schweben. Mehr möchte ich nicht verraten, da ich euch die Spannung erhalten will.
Die Wechsel zwischen Realität und den Träumen sind fließend und ich musste mich erst einmal daran gewöhnen. dann fand ich sie sehr gut gemacht. Die Handlung war für mich packend und schlüssig, so dass ich auch die weiteren Folgen lesen möchte. Durch den flüssigen Schreibstil konnte ich das Buch sehr schnell lesen und in die Handlung eintauchen. Die Handlung konnte mich schnell in ihren Bann ziehen, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen wollte. Die Idee für diese Handlung ist ungewöhnlich und regt zum Nachdenken an, da sie ohne den erhobenen Zeigefinger daherkommt, der bei diesem Thema sonst üblich ist. Die Atmosphäre der heutigen Zeit und der Zeit in Auschwitz wurde sehr gut eingefangen und vermittelt.
Um das Buch allerdings richtig rund zu machen, empfehle ich noch ein Korrektorat, da mich die Fehler doch gestört haben. Teilweise wiederholten sich auch Textpassagen und ich konnte sie im ersten Moment nur schwer zuordnen.
Von mir eine Leseempfehlung an alle Leser, die sich für die Nazi-Zeit interessieren und auf spannende Art mehr erfahren möchten.
- Laurence Rees
Auschwitz: Geschichte eines Verbrechens
(20)Aktuelle Rezension von: CarinaElenaMeine neue #errungenschaft 🤗 war gar nicht so einfach dieses Buch in dieser Ausgabe zu einem verünftigen Preis und Zustand zu bekommen
☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆
In dieser ebenso fundierten wie erschütternden Darstellung gelingt es Laurence Rees, dem Leser die unfaßbaren Geschehnisse des Holocaust nachvollziehbar vor Augen zu führen – mit einem beunruhigenden Fazit: Der Holocaust ist kein düsterer Alptraum, kein singulärer Exzeß, sondern Ergebnis der menschlichen Veranlagung. ☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆ - Jodi Picoult
Bis ans Ende der Geschichte
(212)Aktuelle Rezension von: Lilli_Marleen_ArtDie junge Sage trägt ein schweres Schicksal mit sich herum. Eine Narbe im Gesicht, lässt sie immer daran denken. Doch eines Tages lernt sie den hochbetagten Josef kennen und freundet sich mit ihm an. Doch schließlich macht Josef ihr ein schreckliches Geständnis und damit gerät die Welt für Sage völlig aus den Fugen.
Das Buch ist immer wieder in 3 Abschnitte aufgeteilt. Gegenwart, Zeit des Nationalsozialismusses und eine Fantasiegeschichte, welche man zuerst nicht recht einzuordnen weiß, es aber später klar wird.
Ich habe den Teil, welcher die Jugend von Sages Großmutter behandelt, sehr gerne gelesen. Er stellt die Grausamkeit dieser Zeit erschreckend realistisch da und hat mich wirklich sehr berührt. Auch deshalb kann ich das Buch wirklich weiterempfeheln. Gefühlt nimmt dieser Part auch den größten Teil des Buches ein. Die Gegenwart mit der Geschichte von Sage, fand ich hingegen eher langweilig und vieles vorhersehbar. Auch war mir die Figur von Sage eher unsympatisch.
Aber wie schon gesagt, die Geschichte um ihre Großmutter ist einfach lesenswert.
- Art Spiegelman
Maus
(236)Aktuelle Rezension von: jacky_liestMaus von Art Spiegelman ist mittlerweile ein Klassiker der Comickultur und hat diesen Status zurecht. Spiegelman öffnet Perspektiven auf den Holocaust und das Überleben dessen, die es zuvor nur selten gab. Die Besonderheit des Comics ist dabei das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Vater-Sohn-Beziehung. Bezeichnet ist, dass Spiegelman seinen Vater weder glorifiziert noch durchweg positiv als Helden stilisiert. Im Gegenteil: der Vater wird als manischer Zwangsneurotiker gezeichnet, dessen Verhaltensweisen sowohl die Figur Art(ie) als auch die Rezipient:innen fragend zurücklassen. Der Comic handelt von unbehandelten Trauma des Erlebten und dessen Übertragung auf die sogenannte zweite Generation. Verhandelt werden hier nicht nur geschichtliche Ereignisse, sondern auch deren Auswirkungen: ein lebenslanges und transgenerationales Trauma.
Besonders die Tiermetaphorik ist bezeichnend für den Stil des Zeichners und für die Handlung: nicht nur mit der Zeichnung der Figuren wird diese Metaphorik wiederholt aufgenommen, sondern auch innerhalb des Comics reflektiert und wiederholt in Szene gesetzt. Die Tiermetaphorik versteckt nicht, sie macht deutlich. Sie zeigt das, was sich unserer Vorstellungskraft entzieht.
Ein weiterer besonderer Aspekt des Comics ist dessen Selbstreflexion: der zeichnerische Prozess und vor allem die Umsetzung werden hier aufgezeigt und reflektiert. Besonders der zweite Band bringt dies auf den Punkt. Wie zeichnet man eine Geschichte, die man selbst nicht erlebt hat, aber dessen Auswirkungen einen geprägt und traumatisiert haben? Wie bringt man einen Diskurs zu Papier, über den so wenig gesprochen wird? Und genau setzt Spiegelman an und macht sich das Medium des Comic zunutze: er fabriziert hier eine neue Erzählung über den Holocaust, die zum Nachdenken anregt und nicht vergessen werden kann.
Maus ist ein herausragender Comic, eine emotionale Achterbahn und ein Medium gegen das Vergessen.
- Jan Seghers
Partitur des Todes
(116)Aktuelle Rezension von: IgnoParis im Jahr 2005. Im Rahmen einer arte-Dokumentation stößt die Journalistin Valerie Rouchard auf Georges Hofmann, dessen Eltern im Dritten Reich nach Auschwitz verschleppt wurden. Durch die Öffentlichkeit der Dokumentation taucht ein bisher unbekannter Brief seines Vaters an ihn auf. Darin ein unveröffentlichtes Werk von Jaques Offenbach.
Wenig später werden am Frankfurter Mainufer fünf Menschen in einem Imbiss-Boot kaltblütig hingerichtet. Hauptkommissar Robert Marthaler steht unter Zeitdruck und vor einem Rätsel, denn es bleibt nicht bei den fünf Toten.Partitur des Todes ist der dritte Band in Jan Seghers Reihe Kommissar Marthaler ermittelt. Das Buch umfasst 480 Seiten und wird bei Rowohlt verlegt.
Marthalers dritter Fall spielt im Sommer 2005, etwa zwei Jahre nach Die Braut im Schnee. Nach den Geschehnissen des vorhergehenden Bandes wird Abteilungsleiter Herrmann durch Charlotte von Wangenheim ersetzt, er bekommt im Buch aber noch ein paar Auftritte. Privat hat Marthaler wieder einige Sorgen, denn sein Engagement im Beruf steht sich und Tereza nach wie vor im Weg.
Aus meiner Sicht ist Partitur des Todes der bis dahin stärkste Band der Reihe, das mag aber auch am Thema liegen. Die Entwicklung, die man schon im vorhergehenden Band bei Jan Seghers beobachten konnte, setzt sich fort – er wird immer besser. Er konstruiert einen verworrenen Fall rund um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus’, dabei geht er nicht zimperlich vor. Der Fall ist bis kurz vor Schluss schwer zu durchschauen, das wiederum kennt man ja schon aus den anderen Bänden, auch wenn es diesmal früher im Buch Andeutungen gibt.
Ebenfalls nicht neu ist Seghers Kritik an Presse und Politik. Der City-Express als Inbild unethischer Auswüchse im Journalismus bekommt wieder eine Sonderrolle, für die Kritik am karrieristischen Charakter der Politik darf diesmal der Hessische Innenminister herhalten. Das LKA hingegen, in Krimis oftmals für überhebliches Verhalten gescholten, kommt bei Seghers ausdrücklich gut weg. Oliver Frantisek, der vom LKA als stilisierter Superpolizist in die SoKo entsandt wird, nimmt eine ganz andere Rolle ein, als man normalerweise erwarten darf.
Der Fall und die Geschichte darum sind durchgehend schlüssig. Gut finde ich, dass Seghers eine ganze Reihe Faktenwissen um die Frankfurter Auschwitzprozesse einfließen lässt. Die für die Geschichte relevanten Namen wurden zwar geändert und die Lebensläufe, nehme ich an, frei erfunden, trotzdem geizt Seghers nicht mit Reellem, gerade im Hinblick auf das Fritz-Bauer-Institut. Seghers Charaktere könnte es gegeben haben und sie könnten auch diese Lebensläufe gehabt haben. Das gibt dem Buch stellenweise durchaus etwas Beklemmendes. Auch Marthalers Umgang mit diesem Teil der Deutschen Geschichte ist für Teile seiner Generation gut aufgefangen und birgt durchaus ein Stück Kritik, aber auch etwas Versöhnliches – und es passt schlussendlich zu seiner Persönlichkeit.
Partitur des Todes ist ein weiterer lesenswerter Band der Reihe. Seghers geizt weiterhin nicht mit Lokalkolorit und verbessert sich stetig – wobei ich sagen möchte, dass er einen Punkt erreicht hat, an dem es nicht mehr viel zu verbessern gibt. Ein einigermaßen kurzweiliges Krimivergnügen, nicht nur für Menschen aus dem Frankfurter Raum.
- Jeremy Dronfield
Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte
(37)Aktuelle Rezension von: ReadingFoxyBewegend
“Eine Geschichte von unermesslicher Grausamkeit, doch auch von Menschlichkeit, Mut und Hoffnung.”
Dieser Satz fasst das Buch schon sehr gut zusammen.
Doch gerade wegen der Grausamkeit brauchte ich etwas für das Buch. Doch um was geht es genau? Es ist die Geschichte von Fritz Kleinmann und seinem Vater Gustav. Beide werden in Wien festgenommen und nach Deutschland deportiert. Sie sind die ersten und bauen das KZ Buchenwald mit auf. Doch dann muss Gustav nach Auschwitz, denn er ist nicht mehr zu “gebrauchen” Doch Fritz will seinen Vater nicht allein lassen und geht mit, obwohl er es nicht braucht.
Den Schreibstil empfand ich als sehr bewegend und mitreißend. Die Protagonisten waren gut und nahbar beschrieben. Ich war manchmal etwas zu sehr in der Geschichte, dass ich gemerkt habe, ich benötige eine Pause. Das Leid und die Dinge, die die Menschen damals aushalten mussten, sind nicht einfach zu verdauen. Darauf muss man gefasst sein.
Dennoch sind solche Bücher wichtig! Vor allem da es kaum noch Zeitzeugen gibt und Menschen, die diese Zeit nicht kennen, als “nichtig” abtun wollen. Daher kann es nicht genug Literatur dazu geben, damit alle lesen und verstehen, was für eine grausame Zeit das war!
Nachdem ich das Buch beendet habe, habe ich mich noch ausführlicher über die beiden informiert und sich klargemacht, dass es um reale Menschen geht, mach es nochmal umso abscheulicher, was passiert ist.
Auf jeden Fall ein Buch, das man gelesen haben sollte.
- Max Czollek
Desintegriert euch!
(3)Aktuelle Rezension von: HoldenEin tiefschürfendes Buch über die deutsche Schande, wirklich allen ans Herz gelegt. Sehr inhaltsschwer, so daß man nur langsam und mit Bedacht lesen kann. An die Walser-Rede konnte ich mich noch erinnern, sein Buch "Tod eines Kritikers" hätte vielleicht auch Erwähnung in diesem Appell finden können.
- Marc Levy
Kinder der Hoffnung
(85)Aktuelle Rezension von: Babsi123Mein Fazit:
Zitat: " Auf diesem Stoppelfeld waren mein Bruder und ich zwei Kinder der Hoffnung, verirrt zwischen 60 Millionen Toten - und wir würden es immer bleiben ".
Eine bewegende Geschichte über den Vater und den Onkel von Marc Levy. Eine Lebensgeschichte, die so tragisch ist, so traurig, so berührend und emotional. Dieses Buch zeichnet die Qualen der Widerstandskämpfer der 35. Brigade auf, ihren Kampf gegen die Deutschen und ihren Überlebenskampf, vor allem in den letzten Kriegstagen. Sehr beeindruckend ist ihr Mut und ihr Durchhaltevermögen, trotz der widrigen Umstände und ihr Kampf gegen den Hunger, Krankheiten und die Greueltaten der Nazis. Man möchte sich gar nicht vorstellen ,was diese Menschen erdulden mussten, wie grausam sie sterben mussten und welch seelische und körperliche Qualen sie zurückbehalten haben. Mehr über das Leben der Resistancekämpfer zu lesen, ist sehr beeindruckend, vom Autor sehr gefühlvoll formuliert und mit viel Leidenschaft niedergeschrieben. Es ist ein Mahnmal entstanden, für all die Menschen, die ihr Leben im Zweiten Weltkrieg verloren haben.
Samuel bittet seinen Freund, über die tragischen Erlebnisse im Krieg zu berichten und künftige Generationen aufzuklären. Dass die Widerstandskämpfer große Opfer gebracht haben und sie den Frieden bewahren sollen. Und ich finde, der Autor hat es mit viel Sensibilität und Feingefühl niedergeschrieben und allen Opfern ein würdiges Denkmal gesetzt.
- Primo Levi
Ist das ein Mensch?
(59)Aktuelle Rezension von: JosseleDiese Geschichte des jüdisch-italienischen Autors Primo Levi über sein Jahr in Auschwitz erschien erstmals 1947 unter dem Originaltitel „Se questo è un uomo“.
Ein Buch, das eher Pflichtlektüre ist, auch für mich, der ich mich für Geschichte interessiere. Es macht keinen Spaß, darin zu lesen, aber es ist wichtig. Von Anfang an bewundernswert is es, wie Levi fast emotionslos, sehr analytisch berichtet, als hätte er das Geschehen nur von außen betrachtet, auch wenn er die Ich-Form benutzt.
Die Situation, in der der Autor die Häftlinge und sich selbst in der Retrospektive sieht, möchte ich mit einigen, wie ich hoffe, deutlichen Zitaten beschreiben, die den wesentlichen Inhalt des Buches in wenigen Zeilen vermitteln.
„Sich an diesem Ort Tag für Tag mit dem trüben Wasser in den verdreckten Becken zu waschen, um der Reinlichkeit und um der Gesundheit willen, ist praktisch zwecklos; ungeheuer wichtig aber ist es als Symptom verbliebener Vitalität und als Hilfsmittel für das moralische Überleben.“ (dtv Tb, 12. Aufl. 2021, S. 37/38)
„Von hier darf keiner fort, denn er könnte mit dem ins Fleisch geprägten Mal auch die böse Kunde in die Welt tragen, was in Auschwitz Menschen aus Menschen zu machen gewagt haben (ebd., S. 53)
Der Glaube an den Sinn des Lebens ist in jeder Faser des Menschen verwurzelt, ist ein Wesenszug der menschlichen Natur. Die Menschen in der Freiheit geben diesem Sinn viele Namen, so manche grübeln und debattieren auch darüber. Für uns liegt das Problem einfacher. Heute und hier liegt der Sinn darin, das Frühjahr zu erleben. (ebd., S. 68)
„Die hier beschriebenen Personen sind keine Menschen. Ihr Menschentum ist verschüttet, oder sie selbst haben es unter der erlittenen oder den anderen zugefügten Unbill begraben.“ (ebd., S. 117)
Ich weiß es eigentlich, ich habe schon früher davon gelesen, ich habe davon gehört, in der Schule war es ein Thema, ich habe mich damit beschäftigt, ich habe sogar Konzentrationslager besucht und doch ist es immer wieder eine unglaubliche Anstrengung, ein riesiges Entsetzen, wenn ich mich erneut damit konfrontiere.
Es ist ein Buch, so empfinde ich es, das man nicht so ohne weiteres literarisch bewerten kann, da es sich eine im Grund unfassbare wahre Geschichte handelt. Man kann dem Autor nicht vorwerfen, an bestimmten Stellen unglaubwürdig zu sein, man kann ihm nicht vorwerfen, nicht genau genug oder zu detailreich zu erzählen, weil es seine ureigenen Erinnerungen sind. Man kann ihn ja nicht tadeln, weil er das ein oder andere mittlerweile verdrängt hat oder weil er bestimmte Sachverhalt überbetont. Es ist allein sein Kopf, aus dem das alles kommt, sein Werk. Es ist allein schon aller Ehren wert, sich nach 1945 so intensiv mit den eigenen Erlebnissen zu beschäftigen und es ist schier unvorstellbar, wie der Autor es schafft, so nüchtern und sachlich zu berichten.
Was ich aber sagen kann: es ist unfassbar wichtig, dass möglichst viele Menschen auch heute und immer wieder die abartige Zeit erinnern, damit Ähnliches nie mehr geschehen kann. Fünf Sterne.
- Erica Fischer
Aimee und Jaguar
(45)Aktuelle Rezension von: Wolf-MacbethIn 'Aimée und Jaguar: Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943' von Erica Fischer taucht man in eine außergewöhnliche Liebesgeschichte ein, durchwoben mit wunderschönen Gedichten und zutiefst berührenden Liebesbriefen. Doch das Buch ist mehr als nur eine Liebeserzählung. Es vermittelt auf eindrückliche Weise, wie es war, im Schatten des Nazi-Regimes zu leben. Die Autorin zeichnet ein präzises Bild der schleichenden Verschärfung der Judenverfolgung bis hin zur grausamen Deportation. Dieses Werk berührt die Seele und erinnert daran, wozu menschliche Abgründe führen können, wenn blind einem Demagogen gefolgt wird. Eine bewegende Lektüre, die die Bedeutung des Erinnerns unterstreicht und ein Zeugnis der Liebe und des Widerstands in dunkelster Zeit ist.
- Monika Held
Der Schrecken verliert sich vor Ort
(63)Aktuelle Rezension von: pardenRU - RÜCKKEHR UNERWÜNSCHT...
Als in den 1960er Jahren die Auschwitz-Prozesse stattfinden, reist Heiner Rosseck, Häftlingsnummer 63387, erstmals wieder nach Deutschland, um dort als Zeuge auszusagen. Denn nur dieser Gedanke ließ ihn zwei Jahre in Auschwitz überleben: eines Tages der Welt von den Gräueln berichten zu können. In Frankfurt bricht er im Gericht zusammen. Die junge Dolmetscherin Lena hilft ihm auf und weiß sofort, dass sie diesen Mann festhalten muss. Auf den ersten Blick haben Lena und Heiner nicht viel gemeinsam. Sie träumt von Ferien in der Südsee; er verbringt die Nächte mit den Schrecken von Auschwitz, das für ihn und andere Überlebende eine pervertierte Form von Heimat geworden ist. Die beiden wagen die Liebe. Lena fragt sich, ob sie die Welt, in der ihr Mann zuhause ist, je verstehen wird. Heiner fragt sich, wie er sein Trauma aus Bildern und Geräuschen seiner Frau verständlich machen kann, und ob es eine Grenze gibt, bis zu der man Erfahrungen weitergeben kann. Sollte er sie finden, wird er sie einreißen. (Verlagsbeschreibung)
Heiner wird während des Zweiten Weltkriegs als junger Kommunist in Wien verhafet und im September 1942 nach Ausschwitz deportiert - auf seinem Haftbefehl der Vermerk RU: Rückkehr unerwünscht. Ein klares Todesurteil. Mit ihm werden 1860 Menschen in das Konzentrationslager transportiert - davon überlebten letztendlich nur vier. Heiner war einer davon, nach zwei Jahren in Ausschwitz. Der Gedanke an ein Danach hielt ihn aufrecht, die Möglichkeit, die unfassbaren Gräuel, deren Zeuge er täglich wurde, der Welt präsentieren und die Täter an den Pranger stellen zu können. Doch die Auschwitz-Prozesse deprimieren ihn letztendlich.
"Das Lager wollte er überleben, um Zeuge zu sein. Er hatte das Lager überlebt - wo war der Sinn? Die Täter waren verurteilt, saßen ihre Strafen ab ohne Reue, ohne Einsicht, ohne Schock über das, was sie getan hatten." (S. 83)
Ein Grund mehr für Heiner, Deutschland endgültig den Rücken zu kehren. Doch trifft er bei den Prozessen auf Lena, die beiden gehen eine Liebe ein, von der nicht klar ist, ob sie die Vergangenheit überleben wird. Lena möchte in der Gegenwart mit Heiner leben, von einer Zukunft träumen. Doch Heiner lebt häufig in der Vergangenheit, kann sie nicht loslassen, will sie nicht loslassen. Gerüche, Geraäusche, Bilder - vieles wirft ihn in Flashbacks zurück, erinnert ihn an Auschwitz, kreiert die Gräuel immer wieder aufs Neue. Aber er selbst hält auch an den Erinnerungen fest, an einem Glas mit Sand zum Beispiel. Doch ist dies kein normaler Sand, wie er nicht müde wird zu erzählen.
"Wenn du in Birkenau vom Frauenlager hinüber gehst zum Krematorium II, dann entdeckst du dort einen schmalen Pfad, nichts Besonderes. Die Menschen achten nicht darauf, sagte er, wenn es unter ihren Füßen knirscht. Kleine Steinchen eben, Kies, Sand. Aber was dort wirklich unter den Füßen knirscht, sind die Reste verbrannter Menschen. (...) Was hier piekst, sind Knöchelchen. Jedes von einem anderen Menschen. Sie liegen dort auf den Wegen, weil sie beim Abtransport vom Lastwagen gerieselt sind. Man hat in Birkenau die Tümpel und Teiche damit aufgefüllt. Der Weg dorthin ist weiß. Du gehst über Tote und merkst es nicht. (...) So ein Knöchelchen hätte ich auch werden können." (S. 43)
Einerseits erlebte ich das Geschriebene als recht distanziert, andererseits gibt es gerade in der fast nüchtern-sachlichen Darstellung immer wieder Szenen, die schockieren und Übelkeit hervorrufen. Die schrecklichen Gräueltaten in Auschwitz natürlich, aber auch die geschilderten Gerichtsverhandlungen, in denen die Überlebenden in der Beweispflicht sind, ihre Glaubwürdigkeit immer wieder hinterfragt wird, sie gleichzeitig erneut die erlittenen Traumata durchleiden, dabei aber demonstrieren müssen, dass sie kein solch psychisches "Wrack" sind, dass man ihnen keinen Glauben schenken kann. Fürchterlich aber auch Heiners Schuldgefühl, überlebt zu haben, während er so viele in den Tod gehen sah. Und dazu die Frage, wie er Liebe empfinden und empfangen kann angesichts der erlittenen Gräuel und der Tatsache, dass er ein Überlebender ist.
"...so hat er Menschen umgebracht. Und vierhundertvierundachtzig Männer haben zugeschaut. Einer war ich, sagt Heiner. - Du hast es aushalten müssen. - Du willst hin springen, du willst ihm den Stock aus der Hand reißen, du willst ihn totschlagen (...), du willst schreien, du willst, du willst, du willst - aber willst du sterben? Willst du nicht. Du bist froh, dass du dort nicht liegst. Sein Tod ist dein Leben. Du starrst durch alles hindurch, rührst keine Hand, siehst alles und singst Eeeerika. Dafür schämst du dich dein ganzes Leben. - Du hast ihn nicht ermordet. - Kein Freispruch, Lena. Ich habe zugelassen, dass es geschieht und zugesehen, wie es geschieht. Meine Schuld ist, dass ich lebe." (S. 172)
Ich finde unglaublich gut herausgearbeitet, wie es Lena und Heiner in ihrer Beziehung und in ihrem Leben geht, immer wieder steht das Miteinander auf dem Prüfstand, weil der eine nicht aus seinen Erinnerungen heraus kommt oder auch nur herauskommen will, die andere die Erinnerungen nicht wirklich teilen kann und es ihr teilweise einfach auch zu viel wird. Bei einem Besuch in Polen bei anderen Überlebenden nehmen Heiner und Lena an heimlichen Untergrundaktionen der Solidarność teil, und dabei erfasst Lena erstmals ansatzweise, wie es ist, Angst und Mut zugleich zu haben, den Spitzeln und Panzern ins Gesicht zu sehen und doch Widerstand zu leisten. Und im Lager von Auschwitz gelingt es Heiner, ihr seine Erinnerungen wirklich ein wenig vor Augen zu führen - Lena sieht Bilder, die sie gleich wieder loswerden will, auch wenn es nicht zwangsläufig Heiners Bilder sind. Aber sie sind unangenehm genug. Lenas Frage - wer kann ich sein an der Seite eines gerade so überlebenden Opfers des Nationalsozialismus - wird wirklich deutlich vor Augen geführt.
"...aber Lena wusste nach fünf Jahren mit Heiner nicht mehr, wer sie war. Eine gut verdienende Dolmetscherin, eine gefragte Übersetzerin, eine Frau, die Menschen anzog - aber was noch? Ich bin nicht mehr einsfünfundsiebzig groß, sagte sie in der ersten Therapiestunde, noch ein paar Jahre und ich bin ein Zwerg. Ich lache nicht mehr in seiner Nähe, gegen seine Vergangenheit ist meine eine Kette von Banalitäten. (...) Er ist ein Überlebender, während ich nur lebe. Manchmal möchte ich stundenlang über Lippenstifte und Nagellack reden und über Filme, in denen man vor Lachen Bauchweh bekommt - aber irgendetwas bremst mich, wenn er in der Nähe ist. (...) Warum tun Sie das nicht, fragte die Therapeutin. Es ist obszön." (S. 105)
Ein beeindruckendes Buch, das Aspekte beleuchtet, die für mich bisher nicht im Fokus standen, wenn ich etwas über die Gräuel des Nationalsozialismus las. RU - Rückkehr unerwünscht. Und doch überlebt da jemand, der sich im Folgenden fragen muss: wie? Wörter, Geräusche, Gerüche, alles ruft unerwünschte Assoziationen und Erinnerungen hervor, Albträume gibt es fast in jeder Nacht, wirklich verstanden fühlt man sich nur von anderen Überlebenden, die Rückkehr nach Auschwitz ist wie ein Nachhausekommen. Und wie kann sich im Leben danach eine Beziehung gestalten, welche Chance hat eine Liebe, wenn immer nur die eine Lebensgeschichte zählt? Das Erinnern als Pflicht, als Last, als Vermächtnis. Das Glas mit dem besonderen Sand als Mahnmal - und ein Stück Heimat. Gegenwart und Erinnerung - beides muss möglich sein, so vermittelt es das Buch. Hilfreich ist dabei offenbar auch ein oftmals makabrer Humor, was mir gut gefallen hat.
Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem Nachwort von Margarete Mitscherlich:
"Was geschehen ist, ist geschehen, ausgeübt von einem Kulturvolk. Und dass es geschehen ist, bedeutet, dass es wieder geschehen kann. Menschen, und zwar kultivierte, kluge Menschen, sind zu Taten fähig, die wir ihnen nicht zugetraut haben. Und wo es irgendein Anzeichen, einen Hauch davon wieder geben könnte, müssen wir eingreifen. Unsere gottverdammte Pflicht nach Auschwitz ist, das niemals zu vergessen. Es bleibt ein ewiges Thema. Ich glaube nicht, dass wir aufhören sollten, uns damit zu beschäftigen." (S. 271)
Wie wahr!
© Parden
- Romain Gary
Du hast das Leben vor dir
(8)Aktuelle Rezension von: Susanne_ProbstDieser wunderbare französische Klassiker, der 1975 unter dem Pseudonym Émile Ajar erschien und im gleichen Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, hat eine äußerst interessante Geschichte.
Statutengemäß und traditionell kann ein Schriftsteller nur einmal mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet werden. Der 1914 geborene Romain Gary erhielt den Preis jedoch zweimal!
Zuerst 1956 für „Die Wurzeln des Himmels“ und 1975 schließlich noch einmal für „Du hast das Leben vor Dir“.
Möglich war das nur, weil der zweite Roman unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.
Erst nach Romain Garys Suizid im Jahr 1980 wurde publik, wer sich hinter dem Künstlernamen verbarg.
Aber da war der Preis ja schon längst verliehen.
Aber jetzt erst einmal zum Inhalt:
Der Roman spielt in den 1960-er und 1970-er Jahren in Paris, im Stadtteil Belleville.
Der 14-jährige Ich-Erzähler Momo, der uns seine Geschichte im Rückblick erzählt, wuchs zusammen mit anderen Kindern bei der alternden Madame Rosa im Pariser Stadtviertel Belleville auf.
Sie wohnten im sechsten Stock eines Hauses, dessen Bewohner eine kunterbunte Mischung darstellten: Huren, Transvestiten, Weiße, Schwarze und Araber lebten dort zusammen unter einem Dach.
Auch Madame Rosa war eine ehemalige Prostituierte.
Eine ehemalige Prostituierte, die als Jüdin den Horror von Auschwitz erlebte und überlebte.
Eine ehemalige Prostituierte, die nun ein „Etablissement für Hurenkinder“ (S. 51) betreibt.
Was für ein Schock, als der ca. sechsjährige Araberjunge Momo erfuhr, dass er nicht der leibliche Sohn, sondern nur eines der Ziehkinder seiner geliebten Madame Rosa war, für die sie am Monatsende Geld bekam.
Das musste erst einmal verdaut werden und dabei half Monsieur Hamil, der weit gereiste, lebenskluge und gutmütige Teppichhändler, der Momo alles beibrachte, was er wissen musste und immer einige Weisheiten auf Lager hatte, wie zum Beispiel „Angst ist unser engster Verbündeter, ohne sie würde uns Gott weiß was passieren.“ (S. 85)
Dass es keine familiäre Verbindung zwischen ihm und Madame Rosa gab, war nicht das einzige, das Momo nicht wusste.
Er hatte lange Zeit schlicht keine Ahnung, was seine Herkunft anbelangte und dass die anderen Kinder allesamt andere und lebende Mütter hatten.
Zwar lebende, aber größtenteils abwesende Mütter, die sich prostituierten und immer mal wieder bei ihrem Nachwuchs, der von Madame Rosa aufgezogen wurde, vorbei schauten.
Was die Aufklärung seiner Unwissenheit über seine Wurzeln anbelangte, sagte Madame Rosa immer, dass sie ihm diese Sachen erklären werde wenn er groß und gefestigt sei, aber sie wolle nicht, dass er einen Schock kriege, wo er noch so sensibel sei. Als Allererstes müsse man sich bei Kindern doch um die Sensibilität kümmern. (S. 34)
Als sich der gesundheitliche Zustand von Madame Rosa dramatisch verschlechterte, legte sich Momo ins Zeug, denn er „hatte das blanke Entsetzen, ja eine Heidenangst, einmal ohne sie dazustehn.“ (S. 65)
Er half ihr bei der Versorgung der anderen „Hurenkinder“, ging für sie auf den Markt und schob die herzkranke und asthmatische Frau mit ihrem massigen Körper die sechs Etagen hoch, die zu bewältigen ihr immer schwerer fielen.
„Die sechs Treppen waren für sie zum Staatsfeind Nummer eins geworden. Eines Tages würden die sie umbringen, da war sie sicher.“ (S. 69)
In ihren letzten Tagen ging Momo über seine Grenzen und stand ihr aufopferungsvoll, mit Herzblut und Phantasie bei.
Er tröstete sie sogar mit „der besten Nachricht ihres Lebens... dass sie nämlich keinen Krebs hatte.“ (S. 116).
Wie gut, dass Madame Lola, der ehemalige Boxer aus dem vierten Stock, täglich vorbei kam und den beiden hilfreich unter die Arme Griff.
Momo ist ein cleveres und liebenswertes Bürschchen, das Redewendungen und Sprichwörter durcheinander bringt und falsch anwendet und große Sehnsucht nach einer richtigen eigenen Familie hat. Gleichzeitig hat er Madame Rosa ins Herz geschlossen. Und sie ihn!
Er hat keine Schulbildung, ist aber schlau und erklärt sich die Welt aus dem, was er aufschnappt und macht sich einen Reim auf alles, was er hört. Manchmal liegt er damit leider auch ziemlich daneben.
Außerdem nimmt Momo alles so ernst, da wird’s schon mal makaber...
Er ist so neugierig und motiviert; will etwas bewegen, hat konstruktive Ideen. Nachdem ihm der afrikanische Nachbar Monsieur Waloumba z. B. erklärt hat, dass die Alten in seiner Heimat geehrt und gut versorgt werden, hat Momo ihn gefragt: „ ... ob man Madame Rosa nicht nach Afrika zu seinem Stamm verschicken könnte, damit sie zusammen mit den anderen Alten in den Genuss der Vorteile dort kommt.“ (S. 157)
Momo glänzt mit einer anrührenden Mischung aus Bauernschläue, Altklugheit und kindlichem Denken.
„Du hast das Leben vor Dir“ ist eine flott und lebendig erzählte,
tragikomische, rührende und zärtliche Geschichte, die berührt und bewegt.
Ernst, Dramatik und Tragik hinter der Oberfläche lassen sich durch den locker-legeren Erzählstil gut aushalten, so dass Traurigkeit und Schwermut weder im Text noch in der Gefühlswelt des Lesers einen Platz bekommen.
Manche Stellen sind gleichzeitig traurig, schlimm, rührend und amüsant und ich musste mir nicht selten schmunzelnd oder gar lachend ein paar Tränen wegwischen.
Ich wurde äußerst gut unterhalten und es machte sehr viel Spaß, Momo und Madame Rosa zu begleiten und Doktor Katz, der von den starken Zaoumibrüdern in den sechsten Stock getragen wird, Madame Lola, den fürsorglichen Transvestiten, den Victor Hugo lesenden Teppichhändler Monsieur Hamil und Monsieur Waloumba, der mit seinen Stammesbrüdern die bösen Geister austreibt, kennenzulernen.
Ja, und da ist dann noch die schöne Synchronsprecherin Madame Nadine, die einen Narren an dem kleinen Araber gefressen und immer ein offenes Ohr für ihn hat...
Es ist äußerst interessant, durch Momo’s Augen einen Einblick in dieses untere und randständige soziale gesellschaftliche Milieu im Paris Mitte des letzten Jahrhunderts zu bekommen. Mit ihm zusammen tauchen wir in diese Welt der Randgruppen und Armen, des Rotlichtmilieus, der Drogenhändler der Prostituierten und deren Kinder ein.
„Du hast das Leben vor Dir“ ist ein Meisterwerk, in dem es um Zusammenhalt und Menschlichkeit geht. Es stimmt nachdenklich und hallt nach.
Roman Gary hat mit diesem Roman ein Werk geschaffen, das stark beginnt und immer stärker wird!
Vor Kurzem habe ich ebenfalls mit Begeisterung einen anderen Roman von ihm gelesen: „Die Jagd nach dem Blau“.
Jetzt, nach der Lektüre eines zweiten Werkes dieses Autors kann und muss ich sagen, dass er mich zu seiner „Fangemeinde“ zählen kann, bzw. könnte, wäre er noch am Leben.
Ich bin gespannt, ob auch sein anderer, mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman, „Die Wurzeln des Himmels“, auf Deutsch neu aufgelegt werden wird. Ich wäre bestimmt eine der ersten Leserinnen ;-)























